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Full text of "Staroslovan; Vierteljahrsschrift zur Pflege der altslavischen Sprache, Geschichte und Kultur"

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UNIVERSITY OF 



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Heff 1. 






I. Jahrgang. 



STAROSLOVRN 

Vierteljahrsschrift zur Pflege der allslavischen 
Sprache, Geschichte und Kultur. 



Beilage: 1. Bogen des Werkes „Slavische Runendenkmäler". 




KREMSIER 1913. 
DRUCK UND VERLAG VON H. SLOVAK IN KREMS!ER. 

IN KOMMISSION BEI FR. ^IVNÄC, PRAG. 

Einzttihttff: 3 K (2*50 M). 



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Inhalt des 1. Heftes. 



0S45Si — 

„Staroslovan" . — Zweck und Ziel der Gründung Seite 1 

Topische Namen der altslavischen Wurzel „cer" „ 8 

Slavische Glossen in der „Lex Salica" „ 16 

Slavische Geschichtsquellen I. (Schluß folgt.) ....... ,, 19 

Die Raffelsiettner Zollordnung „ 42 

Die Azbuka in der Edda „ 46 

„Schwayxtix" . — Ein Schulbeispiel oberflächlicher Forschun^s- 

pflege • . „ 51 

„Jus primae noctis" bei den Slaven „ 58 

Wissenschaftliches Allerlei: Der Grabstein der kroatischen 
Königin Jelena (f 976). — Jüterbog. — Pripegala, — 
Zur Körperreinlichkeit der Slaven. — Die Entdeckung 

des Zacherlins „ 64 

Wissenschaftliche Fragen und Antworten (Frage 1—9) ... „69 

Bibliographie „ 75 

An unsere Mitglieder und Freunde „ 80 

Beilage: 1. Bogen des Werkes »Slavische Runendenkmälei« 
und Tafel I. (»Wendisches Runenalphabet«). 



Mitteilungen der Redaktion. — Alle Zuschriften und Sendun- 
gen literarischer Natur sind an die Redaktion j^Staroslovan«, Krem- 
sier (Mähren) zu richten. 

Für den Inhalt eines jeden veröffentlichten Artikels bleibt -der Ver- 
fasser selbst verantwortlich. 

Von eingesendeten Manuskripten empfiehlt es sich für den Ver- 
lustfall Abschriften zurückzubehalten. 

Honoraransprüche sind anläßlich der Einsendung des Manuskriptes 
zu erheben. 

Heft 2 erscheint am 15. Juni. 

(Siehe auch Seite 3 des Umschlages.) 



Revue 
»5TAR0SL0VAN« 

1913. 



STAROSLOVAN 

Vierteljahrsschrift zur Pflege der altslavischen 
Sprache, Geschichte und Kultur. 



▼T 



I. JAHRGANG 
1913. 




KREMSIER. 



DRUCK UND VERLAG VON H. SLOVÄK IN KREMSIER. 






Inhalt des I. Bandes. 






Sprachwissenschaftlicher Teil: 

Topische Namen der altslavischen Wurzel »cer« 
Slavische Glossen in der »Lex Salica« 
Die Azbuka in der Edda 

»Jüterbog 

»Pripegala« 

Numismatische Etymologie 

»Odrin« oder »Adrianopel«? 

»Die Geschichte von Igors Kriegszuge« 

Ein kelto-slavischer Grenzstein in England 

»Certüv kämen« 

»Miroslav« 

»Sokol« 

Zur Ethnologie der Ortsnamen in Tirol 

Zur Schreibweise der Ortsnamen 

Ein Fall slavischer Kontrafälschung eines Ortsna 

Bedeutung des Begriffes »sip« in alten Urkunden 

Falsche Auslegung einer altslavischen Glosse 

Die slavische Sprache vor der Römerzei^ 

Ortsgeschichtliche Etymologie 

Die Ortsnamen in Albanien ... 

Sammelstelle für altslavisches Sprachgut 

Slavische Sprachbelege in »Beovulf« 

Thietmars slavische Kenntnisse 



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8 

262 

46 

66 

67 

81 

88 

112 

131 

134 

135 

138 

198 

201 

202 

203 

204 

225 

229 

237 

276 

280 

283 



Geschichtlicher Teil: 

Slavische Geschichtsquellen: 

I. L, A, Gebhardis Vorrede zur »Geschichte aller 

Wendisch-Slavischen Staaten« .... 20, 90 

IL Urkundliches über die Südgrenzen Altböhmtns 99 

IIL Das Roland-Lied .... .164 



VI 



IV, Die Evangelienhandschrift zu Cividalc . . , 168 
V, Eine kroatische Chronik aus dem XL Jahr- 
hunderte 174, 243 

Die Raffelstettner-ZoUordnung 42 

Der Grabstein der kroatischen Königin Jelena . , 64 

Die Wahrheit über die Völkerwanderung , . . . 149 

Alexander d, Gr, / , , 257 

Apostel Andreas bei den Slaven 273 

Wo lag die Stadt Vineta? 287 



Kulturgeschichtlicher Teil: 

»Schwayxtix« 51 

»Jux primae noctis« 57 

Zur Körperreinlichkeit der Slaven 68 

Die Entdeckung des Zacherlins , , 69 

Slavische Mildtätigkeit in barbarischen Zeiten , . . 133 

Gesetzliche Bestimmungen über Schatzfunde . . , 136 

Beiträge zur altslavischen Kriegskunst 187 

Das südslavische Volkslied bei Beethoven und Ilaydn . 194 

Slavische Handschriften in Venedig .... 205 

Woher hatten die alten Völker den Bernstein? . . 205 

Zur Erfindung der Palimpsest- Photographie . , , 207 
Ein vergessenes dalmatinisches Arzneimittel gegen das 

Hunds wutgift 211 

Die Marderfell-Abgaben ..,,.,.. 212 

Vandalische Vernichtung von Pergamenthandschriften 213 

Die Grenzzeichen in den böhmischen Ländern , 265 
Einiges über den Bergbau und die Metallbearbeitung der 

alten Slaven , . . . 270 

Runensteine von Oberhessen , 284 

Ein Heilmittel der Russen gegen das Hnndsv/utgifi . 290 

Die kroatische Nationaltracht ,,..,,, 290 



Biographischer Teil: 

Franko Vil'azoslav Sasinek, Ein Gedenkblatt zum 

50jährigen Schriftstellerjubiläum des Nestors der 



Slavo-Autochthonisten 



145 



Wissenschaftliche Fragen und Antworten 

Frage 1 . 



Mitarbeiterfrage 69 

Echtheit der altböhmischen Handschriften 71 



VII 



Frage 



3. 


Einführung der altslavischen Sprache als 








diplomatische Sprache der Slaven 


72 


4. 


— »Trap« 




73 


5. 


— »Lapak« 


73, 


139 


6. 


— >Chlipa« 




73 


7. 


— »Otava« 




74 


8. 


— »Otrokc 




74 


9. 


- »Dovina ^ 




75 


10. 


- Slovakische Runeninschriften 




139 


11. 


— Dramatische Pflege des Altslaventums 




141 


12. 


— »Venedici« in »Igors Liede« 




216 


13 


— »Teutsch« und »Altslavisch« 




216 


14. 


— Einheitliches slavisches Alphabet 




218 


15. 


— »Arda — Varda« 




219 


16. 


— »Misisla« 




220 


17. 


— ->Strava« 




292 


18. 






293 


19. 


»Cyrill« -Kreuze ...... 




295 


20. 








für slav. Philolojjie« 




296 



Bibliographischer Teil: 

Bibliographie 



75, 142, 220, 299 



Redaktioneller Teil: 



»Staroslovan< . — Zweck und Ziel der Gründung 

Mitteilungen der Redaktion 

Ergänzungen und Berichtungen . . . , , 
Epilog und Prolog 



1 
144 
224 
301 



Verzeichnis der Texlillustrationen. 



>Certüv kämen« bei Pfilep in Mähren 12 

»Certüv«, auch »Buchlov kämen« bei Althütten in Mähren 13 

>:Schwayxtix« 55 

Russische »Kouna« -Münze 62 

»Kunic«-Münze 62 

> Rurik«-Münze 63 

Mazedonische Münze 85 



Vlll 



Kelto-slavischer Grenzstein in England .... . 132 

>Certüv kämen«, Grenzstein zwischen Holleschaii und üng, 

Brod in Mähren 134 

^Lapczyce«, Kartenskizze , , . . , , .. . 139 

Schriftprobe aus Ulfilas Bibelübersetzung 210 

»Hradisko« Dobrotice in Mähren 223 

Altslavische Münzen , , . . , 224 

Salona 244 

Runensteine aus Mecklenburg und Oberhessen , • , , . 284 



Sonderbeilagen. 



Altslavische Münzen, (Farbige Tafel) 81 

Franko Vitazoslav Sasinek, (Portrait.) 145 

Die Handschrift von Grünberg. — (Faksimile der 8 Seile.) 210 

Die Handschrift »Lex Salica« (Faksiinile der 1. Seite.) , , 26.'. 



Berichtigungen. 



S. 9, 26. Zeile lies »deckende« statt »denkende«, 

S. 54, 13. Zeile lies »vorzuwerfen« statt »abzusprechen«, 

S. 116. 24, Zeile lies »B j e 1 a g r a d a« statt »bjela grada« 

S, 127, 24, Zeile lies »a u s B j e 1 a g r a d« statt »aus der weißen Burg.« 

S. 297, 2C. Zeile lies »s e 1 i; e n« stall »selben«. 



STAROSLOVAN 



Heft 1. 


Kremsier, am 15. März 1913. 


1. Jahrgang. 



»Staroslovan.« 

Zweck und Ziel der Gründung. 

In einer unruhigen, waffendröhnenden Zeil, hervorgerufen durch 
die strebsamen Slavenslämme auf dem Balkan, die um ihre kulturelle 
und wirtschaftliche Zukunftssicherung zur Selbsthilfe geschritten sind, 
reifte die Idee zur Gründung der Zeitschrift und Bibliothek „Staro- 
slovan" ( „Altslave"). 

Auch wir treten hier in einen Kampf der Selbsthilfe, jedoch 
nicht mit Blut und Eisen, sondern mit den Waffen des Geistes, um 
den Widerstreit der Meinungen zu nivellieren und der Erkenntnis 
jener aus dem inneren, naturgesetzlichen Werden hervorgegangenen 
weltgeschichtlichen Tatsachen eine Auferstehung zu erkämpfen, die 
sich aus eigener Kraft nicht zur universellen Geltung emporzunngen 
vermag. 

Das Kampfobjekt ist hier die Frage: sind die Slaven Stamm- 
bewohner in Europa oder nur Einwanderer, d. h. wie soll man sich 
die schwere Menge slavisch-sprachlicher Belege in Europa aus dem 
Altertume erklären, wenn die Slaven erst im 5. Jahrhunderte n. Chr. 
dahin eingewandert wären? — Und mag auch die Antwort darauf 
im Prinzipe sowie an der Hand der Geschichte und Logik naheliegen, 
so ist sie trotzdem und dadurch schwierig geworden, dass man 
geschickt die offene Beantwortung derselben unmöglich macht und 
der lauten Wahrheil das Gehör versagt. 

Die Berufswissenschafl dilettierl leider viel zu viel mit unge- 
prüften Traditionen; das selbständige, systematische Nachdenken 
bildet selten mehr die Grundlage für den Aufbau streng wissenschaft- 
licher Führungsaufgaben, daher es kommt, dass ein voreingenom- 
menes, schulmechanisch fortwirkendes Urteil oft und umso tollkühner 
verteidigt wird, je haltloser sich dasselbe gestaltet, nur um sich das 
Umlernen zu ersparen. 



Die Irrlichter dieser geistigen Desorientierung entwickeln sicti 
aber organisch! aus Bequemlichikeils-Konstruktionen, um sich auch das 
Selbstdenken, Selbstforschen und Selbstschaffen zu erleichtern, wie 
auch das Selbstverteidigen der eigenen Thesen zu ersparen. Man 
gründet einfach „Schulen" und beruft sich bequem als Anhänger der- 
selben auf diese oder jene Autorität, welche der „Schule" vorsteht 
oder ihr die Lichtquelle leiht. So kommt es dann, dass heute inner- 
halb derselben Wissenschaft durchaus entgegengesetzte Ansichten 
fortbestehen können, ohne dass man sich gegenseitig um einander 
kümmert, ja ohne sich selbst um die eigene tiefere Begründung zu 
bemühen. Die Stärke der Partei ersetzt zugleich die Stärke der Gründe, 
und man rechnet dort gar nicht weiter mit einer wissenschaftlichen 
Beweisführung oder Aufklärungsnotwendigkeit, wo nur auf das Urteil 
derer Wert gelegt wird, welche, durch die Übereinstimmung in den 
Hauptpunkten unter sich verbunden, mit der instinktiven Kraft des 
Gemeingeistes einander nach aussen vertreten. Hiemit ist aber bereits 
die strenge Objektivität des Wissens und die Freiheit der Forschung 
automatisch kartelliert und irrt der Führer, so irrt die „Schule" ; der 
gläubige Schüler wird dabei zum Statisten des Lehrers und zur stillen, 
dekorativen Zähleinheit, die damit schon organisationsgemäss zur 
dauernden Sterilität verurteilt und in der freien Selbsttätigkeit lahm- 
gelegt erscheint. 

Und doch gibt es keine Kunst, die schwieriger ist und strenger 
den Einsatz der Individualität erfordert, als jene der freien Forschung 
und der unbeeinflussten Erkenntnis durch Selbstübung, denn die Gabe 
des unabhängigen Beobachtens ist eine äusserst seltene. Mancher 
übersieht die Hälfte aus Unachtsamkeit oder vorgefasstem Schulurteile ; 
ein anderer gibt mehr als er sieht, weil er es mit dem, was er sehen 
will, verwechselt; ein dritter sieht die Teile des Ganzen, aber er 
wirft Dinge zusammen, die getrennt werden müssen usw. 

Bei der vorangestellten Hauptfrage, die nur dahin beantwortet 
■werden kann, dai.> die Slaven Stammbewohner in Europa sind, handelt 
es sich aber durchaus um keinen krankhaften Ehrgeiz oder eine 
papierene Priorität, sondern darum, hiefür positive, überzeugende 
Beweise zu erbringen, und diese ernste Aufgabe hat sich unsere 
Gründung gestellt, wenn es auch bekannt ist, dass sie mit dieser 
apodiktischen Behauptung durchaus nichts völlig Neues bringt. Dass 
die Slaven als europäische Urbewohner anzusehen sind, sprachen 
nämlich schon viele namhafte Forscher und Gelehrte aus, und ausser 
den Slaven M. v. Kaiina, Johann Kollär, Alois Sembera, Dr. H. Wan- 
ket, P. Karl Sicha, H. Schulz, Alfons Müllner, Bfetislav Jelinek, Dr. 



3. Woldfich u. a. auch viele Deutsche von bestem Klange in der 
Wissenschaft, wie: August Schlözer (1771), Dav. Popp (1820), August 
Wersebe (1826), Heinrich Schulz (1826), 3. H. Müller (18W), G. A. 
Slenzel (1853), Viktor Jacobi (1856), J. Landau (18o2) u. a. 

Es ist doch für niemand ein Geheimnis, dass die Slaven trotz 
Dahrhunderte, wahrscheinlich aber Gahrtausende währender Drang- 
sale, Kriegsgräuel, gegenseitiger Verfolgungen, Assimilierungen, fal- 
scher Statistik und ausgiebigen Renegatentums heute doch noch immer 
das weitaus zahlreichste Volk in Europa sind ; sie müssen daher 
schon einst und bisher konstant derart zahlreich gewesen sein, dass 
aus dem mächtigen Populationsreservoire alle Nachbarvölker ständig 
schöpfen konnten, ohne dass deshalb die Slaven nummerisch jemals 
zur Minorität geworden wären, denn sie hätten sich aus einer inferio- 
ren Situation unter diesen dekadenten Prämissen überhaupt nie zu 
einer Majorität emporgearbeitet. 

Die Wissenschaft hat aber einmal ihre sonderbaren Maximen : 
weiss sie einen Knoten nicht zu lösen, so durchhaut sie ihn ; weiss 
sie sich gelegentlich eine sprachliche, kulturelle oder ethnographische 
Veränderung nicht auszulegen, so konstruiert sie eine Völkerwan- 
derungsmythe ; man führt kurzweg einen Völkerwechsel ein und fragt 
weiter nicht nach, ob dieses Zauberstück überhaupt praktisch durch- 
führbar sei, und wie man es anstellt, um einen Domizilwechsel von 
Millionen von Menschen in der Wirklichkeil zu lösen ; ja, man legt 
sich nicht einmal die naheliegendste Frage vor, wieso es denkbar 
ist, dass z. B. dieselben topischen Namen des Altertums, trotz der 
Unterbrechung der Tradition, intakt geblieben sind und woher man 
sie trotzdem wusste. 

Es handelt sich daher hier durchaus nicht um einzelne inferiore 
Irrtümer, die jederzeit möglich und zugleich verzeihlich sind, sondern 
um zusammenhängende, methodisch falsche wissenschaftliche Bestre- 
bungen, die mit vornehm tuender Nebensächlichkeit Quellen ignorie- 
ren, Denkmäler willkürlich deuten, Unerwiesenes und Unerweisliches 
täuschend als Tatsache hinstellen, Unmögliches durch ein Zauberwort 
möglich machen und so alle jene irreleiten, welche die Untersuchung 
nicht selbst führen können, jene aber, die dies unternehmen, hin- 
gegen nicht zu Worte kommen lassen, unbekümmert darum, dass 
sich neue geistige Strömungen wohl drosseln, aber nicht erdrosseln 
lassen. 

Die Wurzeln solcher Vorkommnisse liegen zum Teile auch in 
menschlichen Schwächen, denn zum Ausrufen einer unangenehmen 
Erkenntnis genügt nicht die persönliche Überzeugung allein, sondern 



hiezu gehört auch ein eiserner Wille und stählerner Charakter, der 
für seine offene Überzeugung nötigenfalls auch die schwersten Opfer 
bringt. So manche klare Wahrheit muss aber beim Mangel solcher 
Voraussetzungen lange im dunkeln Winkel stehen, weil man öffent- 
liche Rücksichten auf Kompromittierte und auf persönliche Eitelkeiten 
nimmt, es daher auch vorzieht, eine moische Festung lieber von 
selbst zusammenfallen zu lassen, als sie unter Opfern anzugreifen. — 
So ist z. B. die Völkerwanderungstheorie heute doch gewiss nicht 
mehr haltbar, aber sie wird doch weitergehalten, damit der durch 
Jahrhunderte bewirkte Aufbau vieler innig zusammenhängender Wis- 
senszweige auf einer falschen Basis nicht über Nacht zur Makulatur 
werde ; es müssen daher allerlei Verlegenheitsmittel und Mittelchen 
herbeigeholt werden, um die gähnenden Risse zu vergipsen. Wie 
kann man z. B. einen Stein mit Runeninschrift, der seit der Vesuv- 
Katastrophe im Jahre 79 n. Chr. in Pompeji verschüttet lag und jetzt 
ausgegraben wurde, trotz des slavischen Textes als slavisch erklären, 
wenn die Slaven erst 400 Jahre später in Mitteleuropa einwanderten 
und in Italien überhaupt nie wohnten? — Es bliebe da nichts übrig, 
als die Völkerwanderung für einen geschichtlichen Missgriff zu er- 
klären und zu löschen ! Nein, da sagt man, es war dies irgendein 
sprachlich ähnliches, aber näher nicht bekanntes Volk von rätselhafter 
Herkunft und unbekanntem Ende. — Ibrahim ibn Jakub, ein spani- 
scher Reisender um das Jahr %0 n. Chr., erzählt, dass beide Ufer 
Italiens bis zum Syrischen Meere Slaven bewohnen. Die Gelehrten- 
welt schüttelt diesen Beleg ab mit der Weisung, dieser Mann war 
ein Phantast. — In einer Provinz Südilaiiens gibt es noch heute einige 
Dörfer, die eine Art Kroatisch sprechen ; die Wissenschaft sagt dazu, 
es seien vor 400 Jahren Dalmatiner dahin ausgewandert ; sie schlössen 
sich ganz ab und erhielten sich auf diese Art ihre Sprache. Und 
wenn dies alles noch nicht halten will, so macht man kurzen Pro- 
zess und erklärt jenen Stein für gefälscht und unterschoben, und mit 
diesem Momente steht das Streitobjekt auf dem Index. 

Die Entwicklungsgeschichte menschlicher Erkenntnisse zeigt 
daher, dass immer zuerst der Starrsinn gelehrter Zöpfe sowie die 
Denkfaulheit der Massen niedergerungen werden müssen, ehe 
die Wahrheit einen Sieg verzeichnen kann, daher auch die ersten 
Apostel immer Märtyrer und Promethyden waren. Es muss da erst 
in die träge Masse eine Gährung, eine Art geistiger Revolution, ge- 
tragen werden; der hitzige Paroxismus, welcher der langen Unem- 
pfindlichkeit und Gedankenruhe folgt, muss nun bis zur heilsamen 
Krisis austoben ; und erst jetzt findet die geistige Macht, die prak- 



Üsch-lheorelische Überlegenheit ein williges Ohr für die Anhörung 
der falschen Schulsätze und die anschliessende Berichtigung ver- 
jährter Irrtümer; so lange dieser Weg nicht betreten wird, sind die 
Stärksten des Geistes nicht imstande, den loten Trägheitspunkt zu 
überwinden oder die Versinterung von der Wahrheit zu entfernen. 

Allerdings lässt es sich auch nicht ableugnen, dass wir bereits 
in ein Zeitalter von krassestem Induslrialismus hineingedrängt sind. 
Wir sehen es doch mit an, wie das Geislesleben langsam aber stetig 
verfällt; die reine Forschung und Beobachtung, der wissenschaftliche 
Positivismus, ja, die Wissenschaft selbst wird erstickt infolge des 
unbezähmbaren Dranges nach praktischen Applikationen; sie sinkt 
immer mehr zur gewöhnlichen Marktware herab und ändert die 
Preise je nach Nachfrage und Angebot. Die Vorbilder der Erziehung 
verschwinden immer mehr unter der politischen Verrohung und der 
fortschreitenden Dekadenz aller Ideale, daher alles sich im Sumpfe 
des ethischen Nichts zu verlieren droht. 

Sonderbarerweise ist es aber gerade die Berufswissenschaft, die 
sich dabei umso scheuer zurückzieht, je höher die Wogen der Zeit 
gehen, je ungestümer sich die Anforderungen des modernen öffent- 
lichen Lebens vordrängen und je lauter und unabweislicher die Tages- 
fragen die allgemeine Aufmerksamkeit absorbieren. Statt den Weg 
zum Volke zu suchen, mit demselben im innigen, belehrenden Kon- 
iakte zu stehen, wird jedoch unter der Annahme, man werde unver- 
standen bleiben, derselbe gleich gar nicht betreten. Was Wunder, 
wenn grosse, Bildungszwecken zugedachte, oft von edeldenkenden 
Männern hochdotierte Institute, die für die allgemeine Aufklärung 
Grosses leisten könnten und sollten, völlig unbekannt und steril da- 
stehen, weil sie sich damit begnügen, innerhalb der Grenzen einer 
selbsteingeengten Umhegung ihre Geistesprodukte ohne jedes Zins- 
erträgnis zu thesaurieren. 

Die Gründung des „Staroslovan" verfolgt aber gerade das Gegen- 
feil von dem, was man unter wissenschaftlicher oder gar nationaler 
Exklusivität zu verstehen pflegt : sie will geradezu jene Geistesbrücken 
schlagen, die unbedingt da sein müssen, wenn man je die primitiv- 
sten Ursprungsfragen ernstlich beantworten will. Ihre Publikationen 
sollen umgekehrt möglichst jedermann zugänglich und in der Haupt- 
sache verständlich sein ; sie sollen den weitesten Kreisen Belehrung 
und Aufklärung bringen und zugleich Anregung zur allgemeinen Mit- 
tätigkeit und zum universellen Gedankenaustausche bieten. Wir unter- 
schätzen daher selbst eine scheinbar nichtige Bemerkung oder Be- 
richtigung in keiner Weise, wohl wissend, dass ein ganz unauffälliger 



Wink oder Hinweis mitunter eine wirksame Handliabe für erfolgreictie 
Forscliungsresultate bedeuten kann, denn erst viele Menschen wissen 
viel. — 

Wir wollen daher sowohl mit den Gelehrtengesellschaften einer- 
seits, wie mit den breitesten Bildungsschichten des Volkes anderer- 
seits in steter, inniger Fühlung bleiben, und, unentwegt und unbe- 
kümmert um Sympathie oder Hass, nur zum Besten der guten Sache 
arbeiten. Wenn wir hiemit zugleich so manche Barriere niederwerfen, 
die zwischen der Berufswissenschaft und dem Volkswissen künstlich 
und unbedacht aufgerichtet wurde, so vergessen wir durchaus nicht 
als Ersatz hiefür neue, solide Brücken zu bauen, denn nicht zerstören, 
sondern aufbauen ist unsere ehrlich gemeinte Devise/ — Unser Plan ist 
daher auch kein Gährungsprodukt eines krankhaften Ehrgeizes und 
ebensowenig eine verhüllte Popularitätshascherei ; wir haben in keiner 
Richtung die Hände gebunden, brauchen daher gegen niemand unver- 
diente Rücksichten zu üben und stehen auch unter keinem „Schul"- 
Kuratel, können daher am richtigen Platze auch mit dem richtigen, 
freien Worte auftreten. 

Ergeben sich jedoch gelegentlich Meinungsverschiedenheiten, so 
werden diese angehört, überprüft und das Fehlerhafte nötigenfalls 
berichtigt. Wir können auch offenen Widerspruch in einer so rein 
wissenschaftlichen Angelegenheit ohne leidenschaftliche Regung oder 
persönliche Empfindlichkeiten ruhig ertragen, denn nicht jener, in 
dessen Diamantenschmucke man etliche falsche Steine entdeckt, wird 
dabei nervös und unsicher, sondern nur derjenige, dessen ganze 
Barschaft aus Similisteinen besteht. 

Jede sachliche Anregung, jeder wissenschaftliche Beitrag, die 
etwas Überzeugendes bringen, sind uns willkommen, unbekümmert 
darum, ob sie eine vorausgehende Meinung bestärken oder ent- 
werten, denn das Bessere ist ewig der Feind des Guten ! 

In dieser Weise wollen wir durch vorsichtiges Vorwärtstasten 
Erfahrung um Erfahrung, Beweis um Beweis sammeln, sie in unse- 
rem Organe veröffentlichen und später, nach erfolgter Abklärung, 
dieses in synthetischer Weise aufgelaufene Material noch nötigenfalls 
zu einem Sammelwerke vereinigen, sowie zugleich auch fertige Werke 
ausgeben, sofern deren Materie eine reife Übersicht oder sichtbare 
Reife bietet. 

Die völlige Unkenntnis der altslavischen Vergangenheit deutscher- 
seits, die mindestens ein dahrtausend intensiver sprachlicher wie 
kultureller Relationen mit den Slaven heute kurzweg ignoriert und 
fast ausnahmslos nur den willkommeneren, d. i. negativen Schilderer 



oder Kritiker anhört, fühirte zugleich) zu dem Entschilusse, diese Pu- 
blikation in dciiischcr Sprache zu veröffentlichen, denn erst dadurch 
ist es unseren Nachbarn möglich, die lautere Wahrheit über die sla- 
vische Vergangenheit zu erfahren. Nebstbei war dabei auch die 
Rücksicht auf die einzelnen slavischen Sprachgruppen entscheidend, 
denn hiemil ist in Ermangelung einer gemeinsamen diplomatischen 
Sprache niemand bevorzugt und "niemandem vorgegriffen ; hingegen 
bleibt es jeder Nation frei, für ihre Sprachsphäre eine analoge wissen- 
schaftliche Zentrale zu gründen und alles jene in ihre Sprache zu über- 
nehmen, was ihr von dem Gebotenen gut und nutzbringend dünkt. 

Möge diese neue Gründung bei allen unseren Zeitgenossen und 
Brüdern jene Begeisterung und Arbeitsfreude zur Erforschung und 
Erkenntnis der grossen, bereits vielfach entstellten oder gar schon 
unkenntlich gewordenen slavischen Vergangenheit auslösen, die ihr 
von einer kleinen Gemeinde von Mentoren in ihrem schöpferischen 
Wahrheitsdrange hiemit auf den Weg gegeben wird ; möge diese 
durch den Zeitgeist selbst aktuell gewordene grosszügige Organisa- 
tion und zugleich Revision alles menschengeschichtlichen Wissens 
über die Slaven endlich der Wahrheit zum Siege verhelfen ! 

Die Qründer der Zeitschrift und Bibliothek 
;,5TRR0SL0VRn''. 



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M. Zunkovic : 



Topische Namen der altslavischen Sprach- 
wurzel »cer«. 

Die Original-Orlsnamen oder lopischen Benennungen überhaupt 
gehören, mit verhältnismässig sehr geringen Ausnahmen, schon dem 
grauen Alter an, und sind zugleich noch die letzten lebenden und 
sprechenden Zeugen jener Bewohner, die einst das praktische Be- 
dürfnis hatten sie mit ihren verfügbaren Sprachmitteln bestimmten 
Lokalitäten beizulegen. Diese Namen bieten daher zugleich die Ur- 
geschichte eines jeden Ortes, denn sie erzählen die ersten Schick- 
sale desselben, und finden wir, sofern wir die reelle Etymologie des 
Namens beachten und in der Natur nachprüfen, in den meisten Fällen 
noch heute die Bestätigung für deren Richtigkeit. 

Allerdings darf man bei derlei Nachforschungen nicht gleich zu Be- 
ginn den ausschweifendsten Wünschen und Autosuggestionen unterlie- 
gen, denn es ist kaum irgendwo in der Wissenschaft unbewusst so leicht 
eine falsche Fährte zu betreten, wie hier, weil schon der äussere 
Eindruck der Sprache selbst gleich zum erstbesten Irrlichte führen 
kann. 

Die Literatur über die Entstehung und Bildung von topischen 
Namen ist zwar bereits eine unabsehbare, da sich an jedermann ge- 
legentlich die Frage drängt, was der Name dieses oder jenes ihn 
interessierenden Ortes bedeuten mag, aber diese Literatur ist zugleich 
auch fast in allen Teilen nahezu wertlos, weil man weniger darnach 
forschte, was der Name eigentlich besagt oder worauf er hinweist, 
sondern lediglich, was er heute zu bedeuten scheint. 

Es gibt daher kaum ein Forschungsgebiet, welchem konsequent 
und durch alle Zeiten so irrige Antizipationen zugrunde gelegt worden 
wären, wie gerade der Toponomie. In keiner anderen Wissenschaft 



ist aber auch die nüchterne Beobachtung, Erfahrung und Vergleichung 
so notwendig, wie hier, denn nur diese befruchtende Wechselwirl^ung, 
tatsächlich wirkliche Dinge sehen und erklären zu wollen, und 
sich weiter von den durch Jahrhunderte erstarrten Irrtümern bewussl 
fernzuhalten, führt erst zu einer natürlichen Klärung und zur Über- 
zeugung, dass auch hier durchwegs einfache, ja sogar sehr eng 
gezogene Kausalitäts-Gesetze mitgewirkt haben. 

Der Prozess, dass durch öahrhunderte unbestrittene Dogmen plötz- 
lich einer erneuten oder schärferen Kritik nicht mehr standhalten 
können, befindet sich in der Wissenschaft in steter Aktion, weil die 
geistige Entwicklung aus den fortschreitenden Erkenntnissen immer 
neue Stufen baut, daher die Duldung kritisch unhaltbarer Anschau- 
ungen unter allen Umständen eine logische wie moralische Schwäche 
bedeutet. Leider kommt es aber sogar alltäglich vor, dass man einen 
erkannten Fehler aus persönlichen wie öffentlichen Rücksichten nicht 
bekennen will oder bekannt werden lässt, daher sodann der unfrucht- 
bare Irrtum ein gleich langes Leben hat wie die fruchtbare Wahrheil ! 

Oener Wissenschaft, die kein originelles oder systematisches 
Nachdenken kennt oder pflegt, muss aber die grosse Gegenkraft des 
höchsten Forschungsernstes und handgreiflicher Überzeugung ent- 
gegengesetzt werden, denn gerade die Ouerschranken an der äusser- 
sten Grenze der Wissenschaft, wo die Spannung zwischen der Tra- 
dition, Vermutung und Tatsache am straffsten wird, können nur 
durch frisch erwachte, elementare Kräfte des Geistes niedergerungen 
werden, denn die Gelehrsamkeit und das Wissen sind bekanntlich 
keine unbedingt sich denkende Begriffe. 

Wie bekannt, ist aber das Einfachste zu erkennen zumeist das 
Schwierigste; und so war es auch hier, denn die Genesis der Orts- 
namenbildung erkannte und beachtete niemand, obschon wenigstens 
957o der Ortsnamen nach ein und demselben Gesetze gebildet sind, 
welches lautet: der Hauptteil aller topischen Namen be- 
zeichnet sprachlich Grenzpunkte, Grenzlinien oder 
Sicherung s vorsorg en an solchen. 

Die Begründung dieses Fundamentalsatzes ist äusserst einfach: 
mein Nachbar ist ein jeder, der unmittelbar an meinen 
Besitz grenzt; aber diesem gegenüber bin auch ich 
Nachbar, weil ich jenseits seines Besitzes wohne. Es 
gib! daher auf der ganzen Erdoberfläche nur Gebiete 
mit Grenzcharakter und nur Bewohner im Grenzver- 
hältnisse. Nun gilt aber schon in der primitiven Geschlechts- 
genossenschafl alles, was durch das gemeinsame Blutband, also die 



10 

gleiche Abstammung verbunden ist, als Freund, und als sozialer 
Grundsatz: jeder, der nicht zur Genossenschaft gehört, ist ein Frem- 
der, und jeder Fremde ist ein Feind; und gegen diesen schliesst 
man sich nach aussen ab, je nach der Zahl und Qualität des Gegners 
durch Gräben, Zäune, Wälle, Schanzen, Mauern, Burgen, Forts, 
Festungen. — So entwickelte sich die Ethik, die bei allen wilden 
Stämmen noch heute fortbesteht: jeder Fremde wird vernichtet; jeder 
Mord eines Fremden ist eine Ruhmestat, daher die Moral auf diesem 
Prinzipe völlig ethnisch bedingt ist. Nicht wesentlich anders ist es 
bei den Kulturvölkern : schon jeder, der eine andere Sprache spricht, 
ist ein Fremder, und gewissermassen Feind ; diesen im Kriege nieder- 
zuschlagen, gilt noch immor als eine Ruhmestat ; die Moral ist daher 
hier im Prinzipe dieselba, nur ist sie schon sichtbarer auf die sprach- 
lichen Gegensätze aufgebaut. Dieses instinktive Bestreben einer 
äusseren Abgeschlossenheit hatte nun zur Folge, dass man die 
Grenze genau kennzeichnete, sie gegenseitig respektierte, und um 
dies zu gewährleisten, zugleich beobachtete, befestigte und gegebenen- 
falls verteidigte. — So kommt es nun, dass alles, was mit der Grenze 
in irgendeinem organischen Zusammenhange steht, auch sprachlich 
derselben Wurzel angehört, wie: die Grenzbezeichnung, die Siche- 
rungsvorsorgen daselbst, der Funktionsname des Grenzverteidigers, 
wie oft auch die Münze, die als Grenzabgabe gilt. — 

Zur praktischen Erklärung dieses überraschend einfachen Prin- 
zipes der toponomischen Begriffsbildung sei nachstehend die, nament- 
lich für die Slaven interessante ursprachliche Wurzel „cer" näher 
besprochen. 

Aus verschiedenen, der Bedeutung nach organisch verwandten 
Begriffen geht hervor, dass „cer" ursprünglich eine Abschliessung, 
Umgrenzung oder Absperrung bezeichnete, denn im Slovenischen 
bedeutet „crta" die Grundlinie, „crt" die Raingrenze zwischen 
zwei Äckern, aber zugleich auch Feindschaft; „crtalo" Pflugmesser, 
das die Grenze für die Pflugschar vorzeichnet; böhm. „cert" Feind, 
Teufel; slov. „cerkev" Kirche, eigentlich Ringmauer; tat. „certo" 
kämpfen, „certamen" Kampf; griech. „kirkos" Ring, Kreis; tat. 
„circus, circulus" Kreis, Ringmauer ; böhm. „cerklif" Nachtwächter ; 
span. „cerda" Häuptling, Grenzwachkommandant; „certak, cardak" 
bei den Südslaven Grenzwachhaus; „serdar" (richtiger „cerdar") am 
Balkan und bei allen mittelasiatischen Völkern Häuptling, Befehls- 
haber ; „cerkes, cerkas" Grenzwächter, Grenzsicherungskommandant; 
„Serezaner" früher kroatische Grenzgendarmerie ; „Sergeant" Feld- 
webel ; tat. „sera" Absperrung, Türriegel; arab. „seriba" Einfrie- 



11 

düng; span. „cerra", portug. „serra" Pass, Gebirgsrücken, da auf 
diesem meist die Grenze läuft u. a. m. In Indien heissen „corti" die 
verstorbenen Heiligen, die einstigen Schirmer; bei den Römern „dii 
certi" Sctiutzg Otter. Eine Weilerbildung bei gleicher Bedeutung ist 
in dem Begriffe „crn", d. i. das Schwarze, Dunkle, Unbekannte, ent- 
halten ; im Polnischen versteht man unter „czern" noch immer jene 
bewaffneten Bauern, also Irregutären, die nötigenfalls die Kazaken 
zu verstärken hatten ; im Slovenischen heisst der Landsturm "crna 
vojska", da er nur die heimischen Grenzen verteidigt; im Russischen 
bedeutet „cornij" noch Grenze, denn „cornaja dan" ist die Grenz- 
sicherungssteuer, die Abgabe für die Landesverteidigung usw. — 

Dass aber „cer, cern (crn), cert (crt)" wirklich mit der Grenze 
in direkter Relation stehen, ersieht man am besten aus der Lage der 
Lokalitäten, welche einen Namen dieser Wurzel führen. Man ver- 
gleiche z. B. den Namen „Cerchov" ; so heisst ein Grenzberg zwi- 
schen Böhmen und Bayern ; „Gerne hory" bilden gleichfalls die Grenze 
zwischen Böhmen und Bayern, heissen aber auch „Semihradska" 
( Grenzbefestigungen) ; „Czervorogrod" heisst eine allseits vom Dnjestr 
umflossene Burg und war einst Sitz der ruthenischen Knesen ; „Tschirn" 
und „Tschirnhausen" bilden die Grenze zwischen Böhmen und Sach- 
sen. Der Fluss „Cerna" (colonia Zernensium) in Rumänien wird schon 
von Herodot erwähnt und verstand man schon damals die ursprach- 
liche Etymologie nicht mehr, kannte aber gut die rezente slavische 
Bedeutung, da die Römer den Namen in „Aqua nigra" übersetzten. 
Der „Crnbog" der nordischen Wenden, ist daher kein Gott des bösen 
Prinzips, sondern bedeutet eben : Grenzbeschützer, Schirmherr, denn 
schliesslich ist auch „Schirm" aus „cer" bezw. „cir", welch letztere 
Form ebenso oft vorkommt, hervorgegangen. Die mit „crn, crny" 
zusammengesetzten Ortsnamen, wie : Crnec (oft als Zsörnetz, Tscher- 
netz u. ä. geschrieben), Cernovice, Cernä hora, Cerny kämen, Cerny 
val, Cerno morje u. ä. liegen alle an Grenzpunkten, Grenzlinien, oder 
lagen doch einst an solchen. — 

Besonders erwähnenswert sind aber noch die ungemein zahl- 
reichen Namen, wie: Certüv kämen, Certüv mlyn, Certüv val, Certova 
zed, Certova bräna, Certova brazda, Certova skäla, Certovo üdoli 
u. ä., die alle in den verschiedensten Sprachen in : Teufelsstein, Teu- 
felsmühle, Teufelswall, Teufelsmauer, Teufelslor, Teufelsfurche, Teu- 
felfels, Teufelstal übersetzt wurden und bot die Volksphantasie dazu 
noch die entsprechende Aufklärung, indem sie solche Punkte in irgend- 
einer Weise mit dem Teufel in Zusammenhang brachte. Tatsächlich 



12 



sind aber dies nur Grenzpunkle oder doch Vorsorgen für die Grenz- 
verleidigung daselbsl. 

Nachstehend folgen zwei bildliche Darslellungen von solchen 
Teufelssteinen (Certüv kämen). Der erslere bildet die Reviergrenzen 
der Herrschaften Pfilep und Holleschau (Mähren), und da man knapp 




„Certuv kamer." bei l'filep in Mähren (4fj0 in hoch). 



daneben den modernen Grenzstein eingesetzt hat, überzeugt dies 
jedermann, dass hier tatsächlich die Grenze führt ; man weiss auch, 
dass sie genau über den Felskopf geht, aber daran, dass dies auch 
ein Grenzstein u. zw. ein weit imponierenderer ist, dachte niemand. 
Nahe daneben befindet sich noch ein solcher „Teufelsstein", ebenfalls 
in der Grenzlinie. 



13 



Ein zweiler „Cerlüv", auch „Buchlov kämen" genannt, bildet die 
Grenze der Gemeinden Althütten und Bfeslek ; er ist an 12/// hoch 
und besonders massiv. 

An dieser Stelle kann auch die Frage, wie solche Felskolosse 
hergeschafft wurden, ihre Beantwortung finden. Die Antwort ist sehr 
einfach : die Erde wurde so weit abgegraben, bis der Felskern ent- 
sprechend hervortrat. So sind z. B. im Bezirke Holleschau (Mähren) 
drei „Hrady", die der Verfasser kennt und wiederholt angesehen hat, 




,,Certüv" auch ,, Buchlov kamen" bei Althütten in Mähren. 



welche dadurch sturmsicherer gemacht wurden, dass man sie an drei 
Seiten steil abgrub, so dass .sie die Form eines steilspitzen Kegels 
aufweisen ; auf der Spitze befinden sich auch noch überall Mauer- 
reste. Man sieht bei näherer Suche auch die Stellen, wo das ab- 
gegrabene Material liegt; in einem Falle („Hrad" Kfidlo) wurde die- 
ses zugleich zu einem Walle verwendet. 

Wie weit sich nun die Ortsnamen mit der Wurzel „cer" zeitlich 
und räumlich ausdehnen, ist heute noch schwer zu sagen, da hiezu 



14 

noch vielseitige Nachforschungen nötig sind.*) Überdies müssen ver- 
schiedene Schreibweisen berücksichtigt werden, denn wir kennen 
topische Namen, wie: Ceret, Ceri (etruskische Stadt), Cerignola, Cer- 
taldo, Certosa, Cervera, Cervi, Mons Cervin (Grenzberg zwischen 
Piemont und der Schweiz), Cervanj planina (römisch „cerauni montes", 
Herzegowina) u. ä., aber auch ebensoviele, die mit dem „S" im 
Anlaute geschrieben sind, wie: Servia (Serbien; vermutlich dadurch 
gebildet, weil das zyrillische C als S ausgesprochen wird), Serena, 
Seres, Seret, Seriana, Serica, Servola u. a. — 

Eine empfindliche Störung in die reelle Forschung nach der 
topischen Etymologie brachten leider die fortgesetzten Anpassungen 
der vorhandenen Originalnamen an die Eigenart einer anderen Sprache, 
namentlich aber die gewissenlose, oft geradezu läppische Sucht 
solche unbedingt zu ändern, zu verballhornen, zu verstümmeln oder 
gar zu übersetzen, ohne vorerst die Bedeutung selbst zu kennen. 
Dieses führte naturgemäss dazu, dass der historisch begründete 
Originalname nun eine Menge Varianten und Parallelformen erhielt, 
was nicht nur das Studium und die allgemeine Orientierung erschwert, 
dann in den Verkehr bei der Post, Bahn und sonstigen Ämtern eine 
Menge Konfusionen bringt, ohne dass dabei jemand einen Nutzen 
hätte, und überdies oft noch den wahren Namen solcherart verschleiert 
oder unkenntlich macht, dass er daraufhin etymologisch überhaupt 
nicht mehr erkannt werden kann. — Es ist doch gewiss ein Stumpf- 
sinn, z. B. aus „Balvan" ( grosser Grenzstein) ein „Fallbaum" zu 
machen, oder aus „Hranice" ein „Kranzberg", aus „Hranicar" ein 
„Rantscher", aus „Stip" oder „Zdib" ein „Diebstein", aus „Strazno" 
( Wachberg) ein „Strassenberg", aus „Vidov" ein „Viehdorf" usw., 
denn keine moderne Sprache ist heute mehr in der unbeholfenen 
Verfassung, dass sie welchen Ortsnamen immer mit ihren verfüg- 
baren Lauten und Zeichen nicht nahezu gleichklingend wiedergeben 
könnte. 

Sehr am Platze wäre es daher, wenn die offizielle Wissenschaft 
energisch gegen solche Barbareien arbeiten würde, wenn schon klein- 
liche politische Schwächen auf eine solche infantille Errungenschaft 
nicht von selbst verzichten wollen, denn damit schadet sich gerade 
die Wissenschaft selbst am empfindlichsten, nachdem der Original- 
name doch in verschiedener Hinsicht einen orientierenden wie auch 
praktischen Wert hat. 

*) Im verwichencn Jahre hat der Verfasser in der böhnuschen Jagdzeitung „Haj" eine 
öffentliche Anfrage gestellt, nachzuforschen, wo überall sich »Certuv kamen, Certova skäla- u. ä. 
vorfinden. Es liefen nun zahlreiche interessante Berichte von verschiedensten Gegenden ein, 
die alle die gegebene Etymologie bestätigten. Sollte einmal eine ausführliche Monographie über 
dieses Thema geschrieben werden, so könnten darin alle diese Daten verwertet werden. 



15 

Die Kenntnis der Etymologie eines wiclitigen Terrainpunktes 
kann z. B. dem Soldaten im Kriege taktisch sehr gelegen kommen, 
denn wer vor sich eine Höhe, namens „Straza" ( Wachpunktl und 
eine zweite namens „Brana" ( Verteidigungspunkt) hat, kann be- 
stimmt annehmen, dass erstere eine günstige Beobachtungsstelle 
bietet, die sich aber vielleicht für die Verteidigung nicht eignet ; dafür 
ist aber offenkundig die zweite Höhe für die Defensive gut, hingegen 
voraussichtlich für die Beobachtung minder günstig, denn sonst hätte 
sie in seinem kriegerischen Natursinne der Urslave nicht so genau 
unterschieden. 

Der grössere Effekt der Naturtaktik im Vergleiche zur papiere- 
nen rührt daher zum Teile davon, dass z. B. der Bulgare, Crnogorze, 
Albanese schon aus der Benennung einer Höhe zugleich deren tak- 
tischen Wert oder Unwert sprachinstinktiv erkennt, und darnach seine 
Massnahmen einrichtet ; derjenige aber, der diesen sprachgeistigen 
Vorteil nicht kennt, muss oft erst an Ort und Stelle konstatieren, dass 
ein zuvor etwa mit schweren Opfern erkämpfter Punkt für seine 
Zwecke sogar nachteilig ist, was der kundige Gegner umso sicherer 
wieder zu seinem Vorteile ausnützt. — Haben sonach die Naturvöl- 
ker ihren für die Sicherung und Verteidigung gewählten Plätzen 
durchwegs je nach der Qualität des taktischen Wertes das sprachliche 
Stigma aufgedrückt, weshalb sollen nun die Kulturvölker schwerfäl- 
liger sein und nicht dasjenige auch für sich verwerten, was den Ein- 
heimischen zweckdienlich ist, sobald man einmal mühsam hinter 
deren offene Geheimnisse gekommen ist. Das Unkenntlichmachen der 
Original-Ortsnamen deutet sonach klar dahin, dass der Namen s- 
änderer eigentlich sein eigener Feind ist. 

Ähnliche Vorteile geniesst gelegentlich auch der Tourist. Liest 
er auf der Karte den Namen „Lokva" im unbewohnten, wasserarmen 
Gebiete (Karst), so kann er sicher sein, dass er dort bei quälendem 
Durste ein an den Tag tretendes Grundwasser finden werde, das 
hygienisch zumeist nicht einwandfrei, aber in der Not doch willkom- 
men ist. 

Überdies sind solche Kenntnisse auch bei Grenzstreitigkeiten 
nicht unbeachtet zu lassen, denn man kann als sicher annehmen, 
dass alle jene Punkte, die einst die wirkliche Grenze bildeten, auch 
gewiss entsprechende sprachtechnische Namen tragen. 

Besonders willkommen muss aber die toponomische Etymologie 
dem Archäologen sein, — Findet er z. B. auf einem Punkte, der 
sprachlich einen Wach-, Verteidigungs- oder Kampfplatz kennzeichnet. 



16 

latsächlich Waffen oder sonstige einschlägige Kullurresiduen, so kann 
er überzeugt sein, dass hiöchstwatirsclieinlichi diese nur von jenem 
tierrühiren können, der jene Stelle zum genannten Zwecke benützte, 
daher auch dementsprechend benannte. — Bei den häufigen Flur- 
namen, wie z. B. „u mrtvych, u groblju, u zabiteho" (bei den Toten, 
bei den Gräbern, beim Erschlagenen), „Trügelberg" (slov. „trugla" = 
Sarg, Mulde, böhm. „truchlivy" der Trauernde), „Totenläger" u. dgl. 
kann man auch beim Mangel aller äusseren Kennzeichen mit unfehl- 
barer Sicherheit annehmen, dass dort tatsächlich einstens jemand 
beerdigt wurde, und bringen Nachgrabungen, — wenn es sich nicht 
etwa schon um Raubgräber handelt, — immer zugleich den Beweis 
dafür. 

Der topische Name ist es also, der dem Archäologen sagt, wo 
er seinen Spaten mit Erfolg einsetzen könne; er sagt ihm aber damit 
auch zugleich, von welchem Volke der tiefgelegenste, also älteste 
Kulturschichtenfund herrührt, denn dieser kann nur jenem Volke ent- 
stammen, das auch der Lokalität jenen Namen gegeben hat, welcher 
mit den Funden in direkter sprachlicher Relation steht. 

Die Toponomie hat daher einen ungeheuren Wert für die Auf- 
deckung der slavischen Vergangenheit, denn nahezu alle Namen 
finden im slavischen Sprachschatze ihre Urform und Urbedeutung 
wieder, bilden daher auch den weitaus grössten Teil des Beweis- 
materiales für die Erforschung des altslavischen Kulturlebens. Die 
höhere Achtung für Originalnamen kann aber erst dann platzgreifen, 
wenn einmal eine ausführliche und populäre Anleitung vorhanden 
und eine systematische Basis hiefür geschaffen sein wird, wie man 
die Ortsnamen zu nehmen, zu überprüfen und zu deuten hat; und 
auch in dieser Richtung soll baldigst Wandel geschaffen werden.*) 



M. Zunkovic: 

Slavische Glossen in der »Lex Salica«. 

Das alte in barbarischem Latein kodifizierte Strafgesetzbuch der 
salischen Franken, „Lex Salica" genannt, stammt einer Erzählung 
zufolge, die selbst schon aus der Zeit von 486—496 n. Chr. datiert, 
noch aus der heidnischen Zeit der Franken. Überdies weiss man, 
dass die Könige Childebert und Clotar (i. J. 511 und 558) noch 

*) Es besteht Aussicht, daß ein in diesem Sinne verfaßtes »Etymologisches Ortsnamen- 
lexikon- schon in wenigen Monaten von der Bibliothek »Staroslovan« ausgegeben wird. 



17 

etliche Änderungen und Zusätze (Capitularien) verfügten. Die latei- 
nisctie Sprache mag damals vielleicht auch die innere Gerichtssprache 
gewesen sein, aber der Richter mußte trotzdem, wie heule, im Par- 
teienverkehre die Volkssprache sprechen. Zu diesem Behüte enthält 
das Gesetzbuch die sogenannten Malbergschen Glossen, d. i. die 
volksgebräuchlichen Sonderbegriffe für die verschiedenen 
Straffälle. 

Die Gelehrten streiten nun noch heute darüber, welcher Sprache 
diese Glossen angehören, und schreiben sie teils der keltischen, teils 
der deutsch-fränkischen Sprache zu; tatsächlich sind sie aber 
slavisch. Als typisches Beispiel sei hier „krevbeba" erwähnt, ein 
Ausdruck, den bisher niemand enträtselte, obschon man weiß, daß 
er „Mordverheimlichung" bedeutet. Im Capitulare II, Pkt 5 heißt es: 
„De crevbeba. — Wer einen freien Mann, sei es im Walde, sei 
es an einem sonstigen Orte tötet und ihn, um dies zu verheimlichen, 
verbrennt, zahlt 600 Soldi ; wer eine Frauensperson gleichen Ranges 
tötet und die Leiche verbrennt, zahlt i800 Soldi als Sühne." — Nun 
ist aber „crevbeba" weder deutsch noch keltisch oder altfränkisch 
nach den heute gangbaren Ansichten der Sprachforscher, und wäre 
die reelle Etymologie nicht unschwer herauszufinden gewesen, wenn 
man nicht fortgesetzt und geradezu bewußt dem Slavischen auswei- 
chen sowie nebstbei auch logisch denken würde, denn auch die 
geschichtliche Ethnographie darf dabei nicht als Beweis ausgeschaltet 
werden. — Der Begriff „krev" (=^BIut) ist jedem Slaven bekannt; 
„bebiti" kennt wohl nur mehr der Slovene in der Originalbedeutung : 
übertölpeln, jemandem ein Blendwerk vormachen (böhm. „bibec" = 
Tölpel) ; der Ausdruck „crevbeba" sagt daher im Slavischen genau 
dasselbe in einem treffenden Schlagworte, was das uralte Gesetz 
ansonst beschreibend darlegt. Wendete man aber damals reinslavische 
Rechtsbegriffe an, so müssen in jenem Gebiete auch Slaven gewohnt 
haben, und dieses ist auch toponomisch wie urkundlich nachweisbar. 

Im Saale -Gebiete war doch die „Windische Mark" (als Grenz- 
land) und der „Hassengau" (d. i. „chasa" Gau, Bezirk, der eine 
Abteilung Soldaten stellt), ist am Balkan noch immer im Gebrauche, 
und deutet eine Stelle in der Königinhofer Handschrift auf die gleiche 
Organisation in Böhmen. An der Saale sind auch Namen von Orten 
zu finden, die absolut keinen Zweifel zulassen, daß sie nur slavisch 
sein können, wie: Borove, Borlitzken, Zcörnitz, Delic, Horken, Uava, 
Krikovo, Lezkove, Lobic, Lunove, Mezoburium (Mezibor, Merseburg), 
Trebitz, Wese (ves) u. v. a. — 

In ethnographischer Hinsicht weiß man doch auch, daß hier 
tatsächlich Slaver, meist „Sorben" genannt, saßen, weil dies alte 



18 

Chronisten erzählen und die verschiedenen Urkunden oft von „regione 
Slavorum" daselbst sprechen. — Etwa um die Mitle des VI. 3ahr- 
hunderles n. Chr. saß nach Paulus Diaconus („De geslis Longobar- 
dorum") die große Masse der Slaven noch jenseits der Elbe ; um 
das 3ahr 561 rechnete man das ganze, später sorbische Land, zu 
Thüringen. Ma hat allerdings auch hier eine kleine Völkerwanderung 
konstruiert und gesagt: die Deutschen haben die Odergegenden ver- 
lassen (?) und da seien die Slaven nachgedrungen ; wir finden daher 
letztere schon zu Ende des VI. üahrhundertes an der Elbe seßhaft. 
Zu gleicher Zeit seien die Sorben bis an die Saale vorgedrungen, 
denn letztere wird schon von Einhard (Vita Caroli Magni) als Grenze 
zwischen den Thüringern und Sorben erwähnt. 

Die slavischen Glossen in der Lex Salica machen aber alle diese 
Wanderungs- Kombinationen zunichte, denn sie sagen automatisch, 
daß es schon mindestens um das Oahr 400 n. Chr. slavische Bewoh- 
ner in Unterfranken gab, die nicht nur kodifizierte Strafgesetze kannten, 
sondern auch eine ganz bedeutende Kultur gehabt haben mußten, da 
sie mindestens zweierlei Münzen besaßen („soldi" und „dinari"). Ob 
dies eine Unkultur bedeutet, wenn man fast alle Verbrechen mit Geld 
sühnen kann, wie man vielleicht behauptet, muß wohl stark an- 
gezweifelt werden, denn dieses gilt doch auch noch heute bei Per- 
sonen höheren Ranges zum großen Teile, und wir wollen doch nicht 
in einer Zeit der Unkultur leben ! 

Wir sind also durch die slavischen Glossen der Lex Salica um 
einen unabweisbaren Beleg für das Altslaventum bereichert, denn wir 
sehen daraus, wie das Märchen von der Völkerwanderung immer 
mehr verblaßt, sowie daß alle Belege gegen die Einwanderung der 
Slaven doch nicht vernichtet oder unkenntlich gemacht werden konnten. 

In der „Lex Salica" sind aber noch mindestens weitere hundert 
ähnliche rechtsterminologische Begriffe enthalten ; überdies werden 
darin Ausdrücke angeführt, die namentlich dem Böhmen und Slovenen 
geläufig sind und überall auch dieselbe Bedeutung haben, wie z. B. 
„dructe" ( druh, drug, Genosse), „hallus" ( haluz, Gestrüpp), „kletis" 
( klet, Keller), „schodo" ( skoda, Schaden), „sonnis" ( zona, Angst), 
„voronio" ( vran, vranec, Rapp, schwarzes Pferd). — Es würde sich 
daher empfehlen, wenn sich ein sprachlich gebildeter Jurist dem ein- 
gehenden Studium dieser alten Gesetzesquelle und der ziemlich be- 
deutenden Literatur über dieselbe unterziehen würde, was auf alle 
vorhandenen Originalhandschriften auszudehnen wäre, da die Glossen 
in der Tradition wie Transskription möglicherweise auch schon be- 
denklich entstellt erscheinen. 



19 

Für jeden Fall zeigt dies, daß die Altslaven an Rechtsdetermi- 
nationen weit reictier waren, als man annimmt, und ist es klar, daß 
gerade in diesen die reellsten Beweise für die Erkenntnis des wirk- 
lichen rechtssozialen Lebens erhalten sind. Der Impuls zu weiteren 
Forschungen in dieser Richtung ist hiemit gegeben ; das Resultat kann 
schon mit Rücksicht auf die wenigen hier gebotenen Beispiele un- 
möglich ein negatives sein. 



Slavische Geschichtsquellen. 

Vorbemerkung. 

Die Verfassung einer pragmahschen Urgeschichte der Slaven ist 
heute im Prinzipe unmöglich, weil sich da immer die Völkerwan- 
derungsmythe in die Quere legt, wodurch alle älteren Existenzbeweise 
der Slaven in Schatten gestellt erscheinen ; überdies sind viele Quellen 
unbekannt, viele unbeachtet, viele unkritisch behandelt. 

Um nun einen sicheren Boden für die Verfassung eines solchen 
Geschichtswerkes vorzubereiten sowie auch zugleich ein Vorinteresse 
hiefür in weitere Kreise zu tragen, was über die Urzeit der Slaven 
bereits geschrieben wurde, sollen hier fortschreitend die vornehmsten 
Quellen angeführt und die wichtigsten Textstellen dabei wörtlich wieder- 
gegeben werden, um die Originalität tunlichst zu wahren ; überdies 
sind Werke dieser Art meist selten, daher auch für den Einzelnen 
schwer erreichbar. 

Mit der Veröffentlichung wird hier von der jüngsten Zeit be- 
gonnen und von da systematisch in der Wahl so vorgegangen, um 
an dem Ariadnefaden nach rückwärts lastend, reell festzustellen, in- 
wieweit die ältesten Quellen an uns richtig gekommen sind, wann 
sie entstellt wurden oder wo sie unterbrochen sind. 

Die Redahtion. 



2* 



20 

I. L. A. Gebhardis Vorrede zur »Geschichte 
aller Wendisch-Slavischen Staaten«.*) 

Erläutert von Dr. A. Kovacic. 

In den Jatirbüchern der Welt findet sich keine Völkerschaft, 
welche so sehr die Aufmerksamkeit der Weltweisen an sich zieht, als 
diejenige, die man bald die wendische, bald die slavische 
Nation nennt. Denn diese bewohnt oder beherrscht jetzt die Hälfte 
von Europa und Asien, und schon im 17. Jahrhunderte gab der Re- 
gent eines Teiles derselben, Feodor, Großfürst der Russen, nicht 
durch ein fürchterliches Heer, sondern durch einige hundert Abenteu- 
rer seinem Reiche eine solche Ausdehnung, daß es weit größer ward, 
als irgendeine der ältesten Monarchien, die von unseren Vorfahren 
Herrschaften der ganzen Welt genannt, und deren zahlreiche Eroberer 
fast als übernatürliche Menschen bewundert zu werden pflegten. Die 
Urheber dieser furchtbaren Nation machten keine Entwürfe zur Er- 
richtung großer Staaten, sodern dachten nur auf Zerstörung blühender 
Staaten, oder auf Befriedigung ihrer Leidenschaften, vernichteten ge- 
wöhnlich durch Eigenwillen und fehlerhafte Regimentsverfassungen 
die Vorteile, die sich ihnen ungesucht darboten, und gelangten den- 
noch zur der beträchtlichen Größe, die bei ihren Nachkommen noch 
immer im Wachsen begriffen ist. Die Nachrichten, die von dieser 
Nation vorhanden sind, fangen mit ihrer Kindheit an und werden 
nicht nur für den Geschichtsschreiber der Nation, sondern für jeden, 
der sich über Entstehung menschlicher Größe durch Tathandlungen 
belehren will, so wichtig, daß man schon lange hätte auf eine voll- 
ständige allgemeine Geschichte aller Wenden denken müssen, die 
aber bis jetzt noch immer fehlt. 

Unter einer vollständigen Geschichte muß man sich hier eine 
solche, auf Wahrheit gegründete Erzählung von Tathandlungen vor- 
stellen, die nicht bloß einen oder den anderen Stamm der Wenden 
allein betrifft, sondern welche vielmehr zeigt, wie die wendischen 



*) Halle 1700. — Diese »Vorrede- wird hier wörtlich wiederj^cscbcn, um zu zeigen, welche 
Ansichten man vor etwa 125 Jahren in der Wissenschaft noch über die Slaven hatte, wie sich 
da Wahres und Märchenhaftes, Logisches und Unkritisches bunt durcheinander drängt und 
inwieweit sich die Ansichten seither zu Ungunsten der Slaven ohne sichtbaren Grund ge- 
ändert haben, wobei noch aus gelegentlichen Bemerkungen in dem Hauptinhalte hervorgeht, 
daß Gebhardi durchaus kein Freund der Slaven war. Aber gerade seine Natürlichkeit und der 
Umstand, daß er fast alle Chronisten, welche in den europäischen Sprachen über die Slaven 
schrieben, als seine Quellen anführt, machen uns seine Darstellungen doppelt willkommen. — 
Bei der Wiedergabe wurde nur die Rechtschreibung sowie bisweiKn eine veraltete Redeweise 
modernisiert. — Alle mit Sternchen versehenen Anmerkungen stammen vom Kommentator. 



21 

Leute, die bei dem Anfange der cliristlichen Zeitrechnung als herren- 
lose Hausväter aus dem Acker und in den Wäldern ruhig ihren not- 
dürftigen Unterhalt zusammensuchten, aus Jägern Freibeuter, dann 
eine kriegerische Nation, endlich Eroberer und zuletzt Stifter mannig- 
faltiger Staatssysteme geworden sind. Eine Erzählung, welche das 
Auszeichnende der Sitten und Grundsätze aller Wenden, und die 
Ökonomie, das Steigen und Fallen aller einzelnen wendischen Staaten 
auf das genaueste schildert. Eine solche Geschichte fehlt noch, ob- 
gleich einige Ausarbeitungen vorhanden sind, die den Titel allgemei- 
ner slavischer Jahrbücher führen. 

Zu diesen letzleren sollen gehören: M.Jacob Jacobaei viva Genus 
Slavicae Delincatio. Lcutichoviac 1642; Papaneck, Historia üentis Sla- 
vorum und Witbii Antiquitates Genus Hcnetae, von welchen Schriften 
ich keine gesehen habe. Dem Titel nach müßte auch Vandalia Alberti 
Krantz, Coloniac impressa 1519, und des Maltheserabtes Mauro Orbini 
(eines Ragusaners) Werk, mit der Aufschrift : // Ref^no degli Slavi, Pe- 
saro 1601. die allgemeine slavische Geschichte vortragen. Allein jene 
schränkt sich, sowie mehrere Chronkac Slavonun des Mittelalters, 
nur auf das holsteinische, mecklenburgische, pommersche und pol- 
nische Reich, dieses aber bloß auf Dalmatien und Kroatien ein. Schurz- 
fleischii Res Slavicae 1670 (in seinen Operibus lüstoricis politicis, Bero- 
lini 1699. 4. p. 458~-470] enthalten nur allgemeine Bemerkungen über 
Ursprung, Wachstum und Verfassung der ältesten Wenden und stehen 
den weit vollkommeneren 31 Anmerkungen hinter Mascous II. Bande 
seiner „Geschichte der Teutschen", S. 205, weit nach. Im Hermanno 
Slavico brevi delineatione aciumbrato a G. H. Ayrcro, Gottingae 1768 
sind bloß Meinungen verschiedener Gelehrten über Wenden, wen- 
dische Stämme und wendische Sitten vorgetragen, und Josephi Sim. 
Assermanni Kalcndaria Ecclesiae universae enthalten kurze Annalen 
der Sarmaten und Slaven überhaupt (T. 1. P. II. Romae 1755, k], der 
teutschen und illyrischen slavischen kleineren Stämme (T. 11), der 
Mähren und Bulgaren (T. 111), und der Russen, Böhmen, Kroaten, 
Servier und Polen (T. IV). Des Herrn Justizrat Gercken „Versuch in 
der ältesten Geschichte der Slaven, besonders in Teutschland, aus 
den besten gleichzeitigen Schriftstellern verfasset" (Leipzig 1771) er- 
läutert nur die ältesten Begebenheiten der Slaven, und verbreitet sich 
insbesonders über die Geschichte der östlichen Wenden. In Johann 
Christophori de Jordan zweien Bänden „De Originibus Slavicis" (Vin- 
dobona 1745) ist nur einem künftigen wendischen Geschichtsschreiber 
durch Mitteilung und Zusammenstellung vieler Materialien vorgear- 
beitet worden, obgleich im I. Bande ein Versuch gemacht ist, die 



22 

ältesten wendisctien Volksgeschichten aus diesen Quellen, u. zw. in 
Beziehung auf Böhmen und Mähren, wahrhaft vorzutragen. Noch nutz- 
barer hat in dieser Hinsicht Herr Reichsarchivarius Stritter für den 
Geschichtsschreiber durch sein bekanntes Werk gesorgt, dessen 1774 
zu St. Petersburg abgedruckter und hierher gehöriger 11. Band diesen 
Titel hat : Memohac Popiilonim olini ad Daimbium, Pontum euxinum, 
Paludem Maeotidcm, Caucasiim, Mare Caspium, et inde magis ad Sep- 
tentriones iiicoleniiiim e Scriptorihiis Historiac Byzantinae eriitae et diges- 
tae; Tonnis IL Slavica, Servica, Chrovatica, Zachlumica, Terbiinica, Paga- 
nica, Dioclerea, Moravica, Bosnica, Bulgarica, Valachica, Russica, Polo- 
nica, Lithiianica, Prussica, Samotica, Permica et Boemica complectens ; 
denn in selbigem ist nicht nur alles, was sich in den griechischen 
Schriftstellern findet, chronologisch geordnet, durch Anmerkungen 
geprüft und kurz erläutert, sondern es gibt auch in einer Einleitung 
von Namen, von den verschiedenen Stämmen, Sitzen und Wanderun- 
gen, von den vornehmsten Begebenheiten, von den Regenten und 
berühmten Männern eine kurze und sehr brauchbare Nachricht. 

Bei der Abfassung einer wendischen allgemeinen Geschichte 
zeigen sich viele Hindernisse, die dieses Geschäft außerordentlich er- 
schweren, und zum Teil aus dem Mangel glaubwürdiger alter Urkun- 
den, zum Teil aber aus den stets abwechselnden sehr großen Revo- 
lutionen, welchen diese Nation und jeder ihrer Stämme stets unter- 
worfen gewesen ist, herrühren. 

Die wendische oder slavische Sprache war zwar ehedem durch 
halb Europa und einen großen Teil von Asien verbreitet, und wenn 
man dem Latomus, einem mecklenburgischen Chronikenschreiber, der 
1610 seine Arbeit vollendete, glauben will (de Westphalen Monum. 
inedita rcriim Cimbrkarum T. IV. p. 9) so ward sie einstens sogar 
in Afrika bei dem ägyptischen Heere gebraucht. (Rumclimis ad auream 
Bullam, Tubingae 1702, p. 840). Auch verlangte Kaiser Karl IV. (Aurea 
Bulla C. 30), daß jeder Kurfürst die wendische Sprache fertig reden 
solle, in der Absicht, selbige zu einer herrschenden Sprache zu ma- 
chen. Aber dennoch ist diese Sprache im teutschen Reiche, Böhmen, 
Mähren, Kassuben, Lausnitz und Kärnten ausgenommen, zeitig unter- 
drückt und vertilgt worden, und zugleich sind auch alle alten wen- 
dischen Urkunden, falls dergleichen jemals vorhanden gewesen waren, 
verschwunden. Die Wenden gebrauchten zwar römische Schrift, allein 
nur in den wenigen Gegenden, in welchen sie an Dänen und Schwe- 
den grenzten, und auch nur bloß zu Inschriften auf Götzenbildern. (?) 
Bücher und Bücherschriften waren ihnen zwar nicht unbekannt, wur- 
den jedoch nicht geachtet, und selbst nach der Zeit, da Cyrillus und 



Melhodius ein den vielen Tönen der wendischen Sprache angemes- 
senes neues Alphabet ersonnen hatten, gebrauchte man diese Schreib- 
kunst lange nicht zur Aufbewahrung der Geschichte, sondern zu 
Gesängen und Kirchenschriflen, denn die ältesten Nalionalschriftsteller, 
nämlich Christannus in Böhmen und Nestor in Rußland, schrieben 
erst im XI. Jahrhunderte (Allgem. Welthisl., XXXI. T., S. 255) und 
ersterer bediente sich der lateinischen Sprache. Ein anderes Mittel, 
berühmter Männer Andenken lebhaft zu erhalten, nämlich das der 
Volkslieder, war zwar von einigen Wenden zur Befriedigung ihrer 
Ruhmesbegierde verwendet worden, allein abgesehen davon, daß die 
meisten Volkslieder vergessen sind, sj können selbige überhaupt 
keine zuverlässige, vollständige und zusammenhängende Geschichte 
veranlassen, weil ein Lied in jedem Munde Abänderungen erleidet, 
vorsätzlich mit Erdichtungen ausgefüllt und gewöhnlich erst lange 
nach der Zeit, da die besungene Tat geschah, aufgesetzt worden ist. 
Einige Geschichtsschreiber der Polen, Böhmen und Kroaten, welche 
von diesen Liedern günstiger dachten und aus selbigen den ersten 
Teil ihrer Jahrbücher verfertigten, bestätigen diese Bemerkung, denn 
da ihre Erzählungen weder unter sich, noch mit der dokumentierten 
Geschichte der Nachbarn übereinstimmen, so verrät sich ihre und der 
alten Volkslieder Unzuverlässigkeit. Verschiedenen dieser Autoren 
lag auch die Wahrheit so wenig am Herzen, daß sie die Lücken, die 
die Lieder ließen, mit Erdichtungen ausfüllten, welche sie aber bei 
dem Mangel an hinreichender synchronistischer Weltkenntnis so un- 
geschickt einrichteten, daß eine geringe Prüfung sie aufdeckte. Diese 
Erdichtungen wurden vornehmlich nach dem Jahre i500 in die Chro- 
nixen aufgenommen, anfangs unter dem Scheine unbezweifelter und 
aus verlorenen Chroniken abgeschriebener Tatsachen, später aber 
als solche Mutmaßungen, die durch eine Reihe von verwandten wah- 
ren Begebenheiten eine an die Wahrheit nahe angrenzende Wahr- 
scheinlichkeit erhalten hätten. Aus Chroniken dieser Art kann ein 
Geschichtsschreiber, der nur das melden will, was sich beweisen 
läßt, für ältere Zeiten kein Material entlehnen, und bleibt ihm daher 
kein anderes Hilfsmittel bei seiner Arbeit übrig, als daß er seine 
Zuflucht zu fremden Schriftstellern nimmt. Diese sind Griechen, Italie- 
ner und Teutsche, überhaupt aber Leute, die nur die auswärtigen 
Taten der Wenden sicher aufzeichnen konnten, die die innere Ver- 
fassung der Staaten nicht hinlänglich kannten, die sich um soviel 
weniger von einer schädlichen Parteilichkeit lossagen konnten, da 
die unbegrenzte Mord- und Verheerungswut der Wenden sie gegen 
diese Völkerschaft erbittert hatte, und die außerdem, wenn sie, wie 
es bei den meisten der Fall war, christliche Geistliche waren, die 
Wenden als hartnäckige Verehrer der Götzen verabscheuten. 



24 

Der allgemeine Geis! der wendischen NaMon stimmte auf un- 
begrenzte Freiheit und Patriarchalverfassung, und nur die mächtigeren 
Waffen einiger Nachbarn nötigten die unabhängigen Jäger und Ackers- 
leute, sich einem Oberhaupte zu unterwerfen, um unter dessen An- 
führung sich ihrer Feinde zu erwehren. Ihr Krieg brachte sie bald 
in fruchtbare und reichl^ultivierte Staaten, und gewöhnte sie an das 
Beutemachen, Verwüsten und Niedermetzeln. Ihr Raub bot ihnen Be- 
quemlichkeiten und Vergnügungen, die sie vor dem nicht gekannt 
hatten und wenn derselbe aufgezehrt oder verbraucht war, so trat bei 
ihnen die Sehnsucht nach diesen Bedürfnissen bis zu einer solchen 
Stärke ein, daß sie alles wagten, um diese wieder zu erlangen. Und 
so entstanden daher mannigfaltige Streifzüge gegen Teutsche, Ilaliener 
oder Griechen unter der Anführung vieler Heerführer oder gewählter 
Woiwoden. Einige dieser Woiwoden sammelten Schätze und Macht 
genug, um nach Beendigung des Zuges ihre Macht zu behaupten. 
Andere im Gegenteil traten bald mit einander in Verbindung und 
erhielten sich durch vereinte Kraft bei ihrer Würde, bald aber stellten 
sie si3h neben einander oder wanderten auch mil ihren Anhängern 
in entvölkerte Gegenden, gaben ihrer Partei neue Namen, und stifte- 
ten neue Staaten, über welchen sie nicht als Vorgesetzte, sondern 
als Monarchen oder wenigstens als Aristokraten herrschten ; öfters 
aber fand auch dar Besitzer eines Hains oder Tempels durch Aber- 
glauben oder verübte Scheinwunder Gelegenheit, sich zum Oberherrn 
verschiedener kleiner Monarchen aufzuwerfen. Die Monarchen und 
Aristokraten versuchten ihre Gewalt auf ihre Kinder zu vererben, 
allein gewöhnlich behaupteten die Völkerschaften, die ihnen gehorchten, 
das Recht, ihr Oberhaupt zu wählen, verstießen auch öfters ihren 
Fürsten und gesellten sich zu einem anderen Woiwoden, der ent- 
weder mehr Kriegsglück hatte oder auch Beredsamkeit genug besaß, 
um die äußerst leichtsinnigen wendischen geringeren Leute für sich 
einzunehmen. In jenen Staaten, in welchen die Regenten das Erb- 
folgerecht ihres Stammes gründeten, verteilte der regierende Vater 
sein Reich unter seine Söhne, und bestimmte einen derselben zum 
Ältesten oder Oberfürsten, mil der Macht, seine Brüder als Statthalter 
zu behandeln, und ihre Landschaften gegen andere auszutauschen. 
Diese Einrichtung veranlaßte stete Geschlechtskriege und unaufhör- 
liche Errichtungen neuer und Zerteilungen alter Staaten, und über- 
haupt eine Verwirrung, die in Verbindung mit jenen Begebenheiten 
das Geschäft, die allgemeine Geschichte der Wenden in bequeme 
Perioden zu zerteilen, und diejenigen Staaten auszusondern, welche 
regierend gewesen sind, und gewisse einzelne berühmte Völker- 
schaften zu Untertanen gehabt haben, ungemein erschwert. 



26 

Zuerst erscheint die slavische Nation unter dem Namen der 
Wenden als eine solche Völl<erschaft, die nur durch eine gemein- 
schaftliche Sprache zusammengehalten wurde, und bloß auf Lebens- 
unterhalt, nicht aber auf Ruhm und Beute dachte. Bei den bekannten 
Wanderungen der Teulschen und Nordleute nach den Provinzen des 
griechischen Reiches, sahen und empfanden diese, wie es scheint, 
zuvor genügsamen und harmlosen Leute, was die Macht der Waffen 
bewerkstelligen könne, lernten Bequemlichkeiten kennen, von welchen 
sie zuvor nichts wußten, und versuchten selbst das Kriegsglück. 
Durch diese Veranlassung entstanden daher die Stämme, von welchen 
zwei, die auswanderten, sich Slaven und Anten nannten, die zurück- 
bleibenden aber den alten Stammnamen beibehielten, obgleich viele 
schon damals getrennte kleine Völkerschaften ihre besonderen Namen 
hatten. Man findet von dieser Revolution folgende Nachricht des 
Jornandes, welcher im VI. Jahrhunderte lebte (de rebus Geticis, in 
Miiratori Scr. rer. Italic. T. II. p. 194. ab ortii Visiulae fluminis — 
Vinidarum natio papulosa consedit. Quorum nomina, licet nunc per vaiias 
familias et loca muteniur, principaliter tarnen Sclavini et Antes nominan- 
tur) : und Procopius hat davon in sein Werk „de bello Gothico" (ibid. 
p. 313) folgende Stelle eingerückt, in welcher er den Namen Wende 
durch die griechische Übersetzung unkenntlich macht : nonien eiiani 
quondam Sclavenis Antisquc ununi eraf ; utrosque enim appellavit Sporos 
antiquitas, ob id ut opinor quia „spordden" , hoc est, sparsim et rare 
positis tabernaculis regionem obtinent, quo fit, ut magnuni occupent spa- 
tium. Auch führen diejenigen Völkerschaften, die in Dalmalien und 
lllyrien Slaven genannt wurden, in den fränkischen Annalen den 
Namen der Winidorum, und Helmoldus, der unter den Wagirer-Wenden 
wohnte und alle die Völker genau kannte, deren Beherrscher sich 
in lateinischen Urkunden den Titel Reges, Duces et Principes Slavoium 
beilegten, meldet in der von ihm am Ende des Xll. Oahrhundertes 
verfaßten Chronica Slavorum, daß alle leutschen Slaven noch den 
Namen Winithi oder Winuli führten, obgleich die Polen, Russen, Böh- 
men, welche Fredegarius im Vll. Jahrhunderte noch „Sclavos cogno- 
mento linidos" hieß, Kärntner und Sorben, und andere, die vom sla- 
vischen Hauplstamme herkamen, ihn verworfen, und den besonderen 
Stammnamen vorgezogen hätten. Es liegt demnach in dem Wider- 
spruche, den einige slavische Schriftsteller gegen den Satz, daß der 
wahre alte allgemeine Stammname aller slavischen Völker der Name 
Wende sei, in ihren Schriften äußern (Anzeigen aus sämtlichen k. k. 
Erbländern, Wien 1773, 111. Jahrg. S. loh u. f.), nur ein Mißverständ- 
nis, welches gehoben wird, sobald man zugibt, daß die ungarischen 
Slovaken, welche doch von den dortigen Teutschen windische Leute 



26 

genannt werden, nicht unmittelbar von den nördlictien Wenden, son- 
dern von den griechischen Slaven herkommen. Die Beschuldigung, 
daß bei den Deutschen wendisch und betrügerisch gleichbedeu- 
tende Wörter wären, bestätigt sich nicht durch den Sprachgebrauch, 
und wenn auch dieser schlimme Nebenbegriff wirklich vorhanden 
wäre, so würde er doch der weit anstößigeren Nebenbedeutung des 
Wortes „Slav" und „Sclav" so sehr im entehrenden Werte nach- 
stehen, daß auch in dieser Hinsicht jener Name diesem vorgezogen 
werden muß.*) 

Man ist noch nicht einstimmig, wie viele Völkerschaften zu den 
Wenden gerechnet werden müssen. Herr Haquet (v. Born, Abhandl. 
einer Privatgesellschaft in Böhmen, II. Bd. 5. 242) versichert, daß die 
Kirgisen und Kroaten der Sprache nach Stammvetter sind. Vermöge 
des III. Teiles der Oryclographia Carniolica oder „Physikalischen Erd- 
beschreibung des Herzogtums Krain, Istrien und zum Teil der benach- 
barten Länder" (Vorrede) findet man slavische Wörter nicht nur in 
helvetischen Dialekten, sondern auch in den östlichen sibirischen 
Sprachen und selbst auf den neuenldeckten Freundschafts-Inseln. Allein 
diese können durch Rußland in selbige gebracht sein, oder von Wur- 
zelwörtern der alten verlorenen Hauptsprache herstammen, von wel- 
chen andere Nationen ihre gleichlautenden Wörter abgeleitet haben.**) 
Herr P. Dobner a S. Catharina (ad Hajek a Liboczan Annales Bohe- 
moriun Part. IL Praef. d. 3) zählt zu den Slavinen die Circassier auf 
die unerhebliche Angabe des Henselii in Synopsi universalis Philoloii^iae 
et Harmonica Linguaruni totius Orbis. und weil einige cirkassische 
Wörter und Namen sich aus dem Slavischen einigermaßen erklären 
lassen ; dann die Kosaken, ferner die Chasaren, weil S. Cyrillus (Vita 
S. Cyrilli in Actis Sanct. ad d. 9. Martii) bei ihnen slavisch reden 
lernte, und die Avaren, weil Kaiser Konstantin diese einmal im 
29. Kapitel de Administr. Inip. Slaven nennt. Allein diese Nationen, 
die Kosaken, welche eigentlich Russen sind, ausgenommen, bekamen 
die angezogenen Wörter durch die Slaven an der Donau, über welche 
sie herrschten, und daß die Circassen so wenig als andere Nationen 
am Caucasus slavisch reden oder verstehen, bezeugt Bayer und von 
Peysonel. Da Nestor, der älteste russische Geschichtsschreiber, selbst 
in Rußland verschiedene Völker von den wendischen Stämmen ab- 
sondert, nämlich die Trisnen, Kriwiczen, Radimiezen, Wa- 
ticzen und Sewerier, so darf man wohl die Wenden östlicher 

') Der Name -Wende« ist indessen etymologisch geklärt \\-orden. denn •vcn, \in. be- 
deutet : (irenze, »Wende« sonach : Grenzbewohner, Nachbar. 

*•) Die richtige, großzügige Ansicht des Verfassers von einer einstigen Gemeinsprache 
muU besonders hevorgehoben werden. 



27 

nicht weiter, als etwa die eigentlichen russischen Grenzen sich 
erstrecl<en, suchen. 

Nach den verschiedenen Dialekten teilt Herr D. Anton in den 
Ersten Linien eines Versuches über der alten Slaven 
Ursprung, Sitten, Gebräuche, Meinungen und Kennt- 
nisse, 5. 12, 17, die Wenden überhaupt in 51 o wen und Slawen 
ein, und versteht unter ersterem Namen die Polen, Serben, Kassuben 
und Zilleyer*), welche in ihrer Sprache keinen Conjiinctiviim haben, 
unter dem Namen der Slawen aber die Russen, Böhmen und Krainer. 
Außerdem zertrennt er in der Vorrede das Hauptvolk in Halb- 
Slaven, unter welchen er die Preußen, Wlachen, Letten und Lithauer 
versteht, und in Slaven oder 1. Russen, 2. Polen, 3. Tschechen 
oder Böhmen und Mähren, k. Dalmatier, 5. Chrowalen, 6. Slowaken, 
7. Kassuben, 8. Kassuben der Lauenburgischen Gegend, 9. Krainer, 
10. lllyrier, 11. Lüchower im Lüneburgischen, 12. Serwier, 13. Lau- 
sitzer um Bautzen, deren Dialekt in Schriften gebraucht wird, \k. Ober- 
lausitzer um Löbau, 15. Niederlausitzer, 16. Altrussen, in deren Sprache 
die russischen Kirchenbücher verfaßt sind, 17. Slavonier, 18. Wlachen, 
und 19. Slesier, welch letztere vierfach sind, weil sie vier abwei- 
chende Mundarten, außer der allgemeinen Volkssprache, in den Ge- 
genden von Kreuzburg, Rosenberg, Teschen und Pleß haben. In de 
Jordan Originibus Slavicis P. I\'. p. 108—128, findet man eine Zer- 
teilung der ganzen Nation in Kroaten, Glagoliten, Ungrische Slaven, 
Böhmen, Russen, Polen, Kärnter und Dalmatier, und P. I. p. 72 wer- 
den die südlichsten Slaven nach den verschiedenen Dialekten ab- 
gesondert in Kroaten zwischen der Donau, Sau und Mur, in den 
Gespanschaften Warazdin, Zagora und Zagrab, in Winden in Kärn- 
ten bis Klagenfurt, Cilli und bis Windischgrätz, in Karnier in Krain, 
Cilli und Friaul, in Dalmatier am Adriatischen Meere, und in Sla- 
vonier zwischen der Drau, Sau und Donau. Allein die ungrisch- 
slavische Sprache, welche böhmisch ist, zeigt, daß die Ungrischen 
Slovaken zu den Böhmen gehören, und unter Glagolitisch versteht 
man keinen Dialekt, sondern eine besondere Art von Schriflzügen, 
in welchen die kroatische Bibelübersetzung zu Papier gebracht ist. 
In der Walachei glaubt man alle Slaven unter drei Hauptbenennungen 
bringen zu müssen, (Herr Sulzer, Geschichte des transalpinischen 
Daciens II. B. S. 125) nämlich unter die der Lest (Polen), die der 
Moskali und Russi (Russen), und die der Sirbi (Serbier, Kroa- 
ten, Bosniaken, Raizen, Slavonier und Bulgaren). In dem neuen 
russischen großen Sprachwerke, welches den Titel hat : Linguarum 

•) Bewohner des Kreises Cilli in l'ntersteiermark. 



28 

iotius Orbis Vocabularia comparativa Augustissimae Cura collecia, Sect. I., 
Pars I, Pchopoli 1786 (AUgem. deutsche Bibliothek 78. B. 2 St. 
p. 323) sind 12 verschiedene slavische Dialekte festgesetzt und die 
Wörter angegeben: po slavanski, slaveno-wengerski (ungarisch-sla- 
visch), ilirjiski, bogemski, serbski, vendski, sorabski, polabski (eigent- 
lich lüneburgisch-wendisch, denn das polabingisch-wendische ist zu 
früh vertilgt und nicht bekannt geworden), kasubski, polski, malo- 
rossijski und susdalski. Bei der 1548 zu Wittenberg gedruckten slo- 
venskischen Bibelübersetzung nahm man Rücksicht auf Leute, die 
sechs verschiedene Mundarten redeten, und gab in einem Register 
die vom Krainischen abweichenden Wörter „po slovenski" oder 
„bezjaski, hervatski, dalmatinski" und „istrianski" oder „kraski" an. 
(Thumman, Untersuchungen über die alte Geschichte einiger Nordischen 
Völker p. 219). Herr Hofrat Schlözer bringt die wendischen Haupt- 
stämme lAllgemeine Welthistorie XXXI. T. S. 331) vermöge der 
Sprachverschiedenheit unter sechs Abteilungen, nämlich: 1. die rus- 
sische, deren Sprache mit griechischen, tatarischen, asiatischen, 
deutschen, holländischen und französischen Wörtern vermischt ist ; 

2. die polnische, unter welche auch der Sprachgleichheit wegen 
Lithauen, Polnisch-Preußen, das Wasserpolnische im preußischen 
Lithauen, das Kassubische und einige Gegenden Schlesiens gehören ; 

3. die böhmische mit Einbegriff von Mähren, eines Teiles von 
Schlesien und des Slovakischen in Ungarn ; 4. die s or bi sehe in der 
Neumark, Ober- und Niederlausitz und im Kotbusser Kreise; 5. die 
polabingische, aller zwischen der Oder, Elbe und Elmenau vor- 
handenen Wenden; 6. die wind! sehe, der österreichischen, steier- 
märkischen, kärntischen und krainischen Wenden; 7. die kroatische, 
deren Sprache aber vielleicht nur eine Varietät der windischen ist ; 
8. die bosnische, deren Sprache auch die Servier, Dalmaten, 
lllyrier und italienischen Slaven der dalmatischen Seeküste sprechen, 
und 9. die bulgarische. 

Von dieser Klassifikation weicht Herr Hofrat Gatterer ab, wel- 
cher in der „Einleitung in die synchronistische Universalhistorie", Göt- 
tingen 1771, p. 127 für die vornehmsten Mundarten der heutigen 
slavischen Sprachen erklärt, 1. das Russische in Rußland und 
polnisch Reußen; 2. das Polnische in Polen, in Preußen, in Schle- 
sien jenseits der Oder, und in Litauen, wo es die Sprache der vor- 
nehmeren Leute ist; 3. das B ö hm i sehe in Böhmen, in Mähren und 
im größten Teile von Ungarn, in welchem es slovakisch genannt 
wird; 4. das Bul g a rische dar bulgarischen Bauern und der Raizen 
oder Rascier in Servien; 5. das 11 lyrische oder Kroatisch- 



29 

Dalmalische, welches in Kroatien, im eigentlichen Bosnisclien und 
in Servien Abänderungen erleidet, und 6. das Wen d i s che, welches 
verteilt werden muß in das südliche, welches in Österreich, Krain, 
der windischen Mark, Steiermark, Istrien und hin und wieder in 
Kärnten gesprochen wird, und in das nördliche der Lausitzer, Meißen, 
Brandenburger, Pommern, Mecklenburger, Lauenburger und Lüne- 
burger, welches aber, außer in der Lausitz, dem Kotbusser Kreise, 
Kassuben und Lüchow im Lüneburgischen, erloschen ist. 

Diese so sehr abweichenden Volksverteilungen, und der Um- 
stand, daß öfters einerlei Sprache in sehr weit von einander getrenn- 
ten Ländern, und zwar nur von einem Teile der Einwohner geredet 
wird, machen es unmöglich, nach dem Maßstabe, den die Dialekte 
darbieten, die wendische Geschichte in bequeme Abschnitte zu zer- 
teilen. Man muß daher ein anderes Hilfsmittel zu dieser Arbeil auf- 
suchen, indem man nachforscht, ob nicht unter den verschiedenen 
wendischen Nationen eine selbstgewählte Absonderung oder auch 
Verbindung in bestimmten Staaten ehedem vorhanden gewesen ist? 

Man könnte die wendischen oder slavischen Völkerschaften 
nach ihren Oberherren abteilen, und avarische, griechische und frän- 
kische Untertanen und freigebliebene Wenden in besonderen Büchern 
beschreiben ; allein auch diese Ordnung hat Unbequemlichkeiten, die 
zu groß sind, um sie in einer Geschichte, die überall Deutlichkeit ent- 
halten muß, zum Grunde zu legen ; abgesehen davon, daß diese Ein- 
teilung sich nur dann würde gebrauchen lassen, wenn, was jedoch 
nicht geschah, alle wendischen alten Staaten aufgehoben wären. Der 
Herr Hofrat Schlözer entwirft nach der Richtschnur der Oberherr- 
schaften (Allgemeine Welthistorie XXXI. T. S. 223) einen bequemeren 
Plan und teilt die Wenden ein: 1. in Russen (Russen, Novogoroder 
und Kosaken); 2. in Polen (Polen und Schlesier) ; 3. in Böhmen 
(Böhmen, Mähren und Lausitzer); 4. in Teutsche oder eigentliche 
Wenden, und zwar südliche (Österreicher, Krainer, Kärnter, Steier- 
märker, Friauler) und nördliche (Obotriten mit Inbegriff der Polaben, 
Wagrier und Linonen, Vilzen in Pommern und Pommerellen, Ukern 
in Brandenburg und Sorben in Obersachsen); 5. 1 11 y re r (Dalmatier, 
Slavonier, Kroaten, Bosnier, Serbier und Ragusaner) ; 6. in Ungarn 
und 7. in Türken (Bulgaren, Walachen und Moldauer). Aber auch 
diese Abteilungsweise ist mit Schwierigkeiten verbunden, die mich 
abhalten, sie bei meiner Ausarbeitung zugrunde zu legen. — 

Einige ältere und neuere Schriftsteller wendischer Begebenheiten 
haben verschiedene willkürliche Einleitungen gemacht, die sich teils 
auf die Lage, teils auf die Regenten beziehen. Der Name S 1 a v o- 



30 

nien oder Sclavinien, der ein Reich der Wenden bezeichnet, gibt 
selbst Veranlassung zu solchen Abteilungen ; denn man findet wenig- 
stens acht verschiedene Staaten, die „Sclavinien" heißen, nämlich einen, 
der das serbische Dalmalien bei Ragusa begriff, einen im VI. Jahr- 
hunderte in der Wallachei und Moldau, einen in Kärnten und einen 
seit dem Oahre 803 zwischen der Drau und Sau, der bis jetzt allein 
die Benennung Slavonien behalten hat. Dann hieß auch in der 
griechischen kaiserlichen Hofsprache ganz Dalmatien, (s. meine Hun- 
garische Geschichte 111. T., 5. 409) und am fränkisch - kaiserlichen 
Hofe, Krain, Kärnten, die windische Mark ein Teil von Österreich 
und Slavonien (im 8. dahrhunderte) S lavin ia und endlich war ein 
anderes oder das kleine Slavanien, der Staat von 18 wendischen 
Völkerschaften in Brandenburg, Mecklenburg, Lauenburg, Holstein 
und Verpommern, und wiederum ein anderes Slavien das pommersche 
Gebiet jenseits der Oder nebst Kassuben (Chron. Gotwicense P. II. 
p. 775). - 

Adam v. Bremen (Hist. Eccles. L. II. c. 10, 24) teilt die Winulos, 
Wenden oder Slaven l.in Slaven der hamburgischen Diözese (Wagrier, 
Obodriten, Polabingen, Lingonen Warnaher, Chizziner, Circipaner, 
Tholosanter, Rhetarier) ; 2. in Slaven zwischen der Elbe und Oder 
(Hevelder, Doxaner, Liubuzzer, Wiliner, Stoderener); 3. in Slaven an 
der Elbe (Böhmen und Soraben). — Helmold, ein slav. Schriftsteller 
des 12. Jahrhundertes, erweitert diese Einteilung [Chron. Slavor. I. I. 
Cap. 1.) und belegt die größtenteils hier übergangenen Wenden mit 
dem Namen der östlichen Slaven, die übrigen aber mit dem Namen 
der Wenden im genaueren Verstände in folgenden Worten : „Slavi 
orientales ad littus australe, Riizi. PolonL Pruzi, Bujemi, Morahi sivi 
Carinthi, Sorabi: quodsi adjeceris Ungariam in partem Slavoniae, ut 
quidam volunt, quia nee habitu nee linqua diserepaf, eo usque Slavieae 
linguae sueereseit ut pene eareaf aesiünatione. — Provincia eoriim 
Slavorum, qui Winithi sive Winuli appellantiir : Pomerani, Sorabi, Wilzi, 
Heruli vel Heveldi, Lcubuzi, Wilini, Sioderani et multi alii Liguones, War- 
navi, Obotriti, Polabi, Wagiri, Veinere, Rani sive Rugiani. — Auch zer- 
trennt er die letzteren an einem anderen Orte (L. 1. c. 16.) in die 
Slaven der östlichen und westlichen Provinz, ohne die Grenzen dieser 
beiden Provinzen genauer zu bestimmen, scheint aber unter der 
westlichen Provinz, weil er selbige dem Herzog Bernhard von Sachsen 
zueignet, die in Herzog Heinrichs von Sachsen Urkunden angegebene 
Transalbina Slavia (dipl. 1154, de Westphalen M. ined. r. Cimbr. T. III. 
p. 1998.) zu verstehen, welche die Bischoftümer Ratzeburg, Lübeck 
und Schwerin begriff. Der unbekannte Verfasser der im dreizehnten 
Jahrhunderte aufgesetzten Chronik der Slaven (Lindenbrogii 



31 

Script, rer. Germ. p. 189.) behält Helmolds Völkernamen bei, gedenkt 
aber eines größeren Sclaviens gegen Dalmalien zu, und eines kleine- 
ren zwisctien Sactisen, Böhmen und der Ostsee. Otto von Kirch- 
berg teilte 1378 (de Westphalcn Mon. inedit. rer. Cimbr. T. IV. p. 595.) 
das ganze Wendland in Ost- und Westerwende, zählte zu den letzteren 
alle jene Völker, die Helmold Winither nennt, und sagt von den 

übrigen : 

Gen Osten wohnt der Wende Heer, 

Russen, Polen, Prussen, Böhmen, 

Sorabia, Kernthen, Merhern, 

Ungirn, ein Land heißit Slevenye. — 

Hier nimmt der Ostirwende 

Land Uzrichtunge ein Ende. 

Dieser Begriff vom östlichen Slavien war aber demjenigen, den man 
von diesem Lande in den älteren Zeiten in der fränkischen Reichs- 
kanzlei sich machte, nicht völlig gemäß ; denn die Annales Laures- 
hamenses melden vom Kaiser Ludwig (ad An. 822) omnium Orientalium 
Slavorum, hoc est Abotriforum, Soraborum. Wilsorum, Behemanorum, 
Maruanorum, Predeceniorum, et in Pannonia residentium Avaruni, lega- 
tiones — excepit, und zählen also auch viele westliche Slaven des 
V. Kirchberg zu den Ostslaven. Übrigens wurden innerhalb der näch- 
sten hundert Jahre nach Kaiser Ludwigs Tode alle Slaven jenseits 
der Elbe, mit Einschluß der Böhmen, zum Herzogtume Sachsen, die 
übrigen aber in Krain, Kärnten, Österreich, Slavonien und Friaul zum 
Herzogtume Bayern gelegt, und nach dieser Abteilung auf den teut- 
schen Reichstagen als zwei abgesonderte Nationen behandelt. 

In neueren Zeiten gab Johann Simonius eine besondere 
Einteilung der helmoldischen Wenden an (Vandalia 1598 in de West- 
phalcn M. i. r. T. I. p. 1543), die aber keinen Beifall gefunden hat, 
und redete von einer vieviachen Slavo- Vandalia, nämlich einer nörd- 
lichen für Rügen, Femern und Wismar; einer östlichen für 
Pommern, Kissin, Lebus, Tolenz, das Land an der Pene, und Neu- 
Brandenburg ; einer südlichen für die Heveller, Brizaner, Prignitzer, 
Wilinen und Stoderanen ; und einer westlichen für die Warner, 
Obotriten, Polaben und Wagrier. 

Herr P. Dobner bringt alle Slaven und Wenden unter drei Ord- 
nungen, nämlich 1. unter die Klasse der Klein-Slavania, worin gehören 
die Wagrier, Polaben, Abodriten nebst den Brizanern, Smeldingern, 
Warnabern und Kissinern, die Circipaner, die Rugier, die Tolenzer, 
die Rhedarier, die Wilzen, nebst den Doxanern, Hevellen und Stode- 
ranen, die Leubusier und Pomoranen ; 2. unter die Klasse der Pola- 



82 

chen und 3. unter die Klasse der Gross-Sclavanien, welche begreift 
die Lusizer, die Zlesaner (Schlesier), Gross-Serbien (Meissen und 
Lausitz), Gross-Chrobacia oder Böhmen und das Königreich Mähren. 

Herr Hofrat Gatterer, welcher in seiner „Einleitung in die syn- 
chronistische Universalhistorie", Göttingen 1771, den ersten Entwurf 
einer vollständigen wendischen Geschichte geliefert hat, handelt die 
ältere wendische oder slavische Geschichte nach fünf Perioden ab, 
nämlich der Sarmatischen, die bis zum Oahre 332, der Gotischen, die 
bis zum 3ahre 376, der Hunnischen, die bis zum Dahre 453, der 
Gepidisch-Bulgarischen, die bis zum Oahre 552, und der Avarischen, 
die bis zum Jahre 827 fortläuft; dann aber teilt er die besondere 
Geschichte der teutschen Slaven 1. in die der südlichen Slaven, die 
aus der avarischen unter die fränkische Hoheit durch Karl des Gros- 
sen Waffen kamen ; 2. in die der nordischen Slaven oder der Obo- 
triten, Witzen, Böhmen, Linonen, Sorben, Siusler, Moraven, Heveller, 
Redarier und Polen ; und 3, in die der Wenden an der Ostsee, und 
beschreibt in abgesonderten Abschnitten die Schicksale der Reiche 
Gross-Mähren, Polen, Russland, Böhmen und Ungarn ausführlicher. 

Herr Hofrat Schlözer („Allgemeine Welthistorie" 31. T. S. 220) 
bestimmt, ausser der allgemeinen wendischen Geschichte, die aus den 
byzantinischen Schriftstellern geschöpft wird, vierundzwanzig beson- 
dere Geschichten einzelner Staaten, als Teile einer ganz vollständigen 
Nationalgeschichte. Diese besonderen Geschichten sind : die Geschichte 
der Russen, Novogoroder, Kosaken, Polen, Schlesier, Böhmen, Mähren, 
Lausitzer, Obodriten, Wilzen oder Pomeraner, Ukrer, Sorben, Kärn- 
ter, Krainer, Steiermärker, Friauler, Dalmatier, Slavonier, Kroaten, 
Bosnier, Serbier, Ragusaner, der ungarischen Slaven und der Bulgaren. 

Bei den Angaben der verschiedenen wendischen Stämme, welche 
besondere Staaten ausgemacht haben, tritt die Frage ein : zu welcher 
Zeit man einen Staat für erloschen halten müsse? Diese beantworte 
ich mir auf folgende Weise. Ein Staat stirbt, wenn er seine ganze 
Verfassung ändert; desgleichen wenn die Nation, die ihn errichtet 
hat, einen fremden Herrn erhält, und so sehr unterdrückt wird, dass 
sie ihre Unterscheidungszeichen, nämlich Sprache, Gesetze, Sitten und 
in gewisser Beziehung auch die Religion verliert. Ist die Beantwortung 
begründet, so hört in der wendischen Geschichte die Historie des 
Rügenischen, Pommerischen, Lausitzischen und eines jeden anderen 
ähnlichen Staates mit dem Zeitpunkte auf, da selbige in eine Provinz 
anderer mächtigerer Staaten verwandelt wurde. Aber die böhmische 
und die mecklenburgische Geschichte dauert noch fort, weil der 
Landesherr aus altem wendischen Geschlechte abstammt und die 



33 

Staalsverfassung forlgeselzt hat, obgleich diese, besonders in Mecklen- 
burg, völlig nach teulsclier Form abgeändert und umgebildet ist. Sind 
mehrere kleine freie Staaten einmal unter ein einiges Haupt zusam- 
mengetreten, so machen ihre Geschichten Teile der Geschichte des 
neuen Reiches aus, und daher muss die Geschichte der Circipaner, 
der Wagrier und der übrigen 18 nördlichen Nationen in der Geschichte 
des obotritischen oder wendischen Reiches abgehandelt werden. Tren- 
nen sich Stämme vom Hauptzweige, ohne ein besonderes Reich zu 
bilden, so werden ihre Begebenheiten zu der Geschichte des Haupt- 
zweiges gelegt, und gehören also die Taten der Lausitzer und Dale- 
mincier in die Geschichte der Sorben. Sind die Nationalen mit frem- 
den Völkerschaften so sehr vermischt, dass es schwer zu bestimmen 
ist, welche Nation die meisten Bestandteile zu dem neuen Körper 
hergegeben hat, so kann der Staat nicht zu einer der Nationen ge- 
rechnet werden, und findet daher z. B. die wallachische, die mol- 
dauische, die preussische und gewissermassen auch die lithauische 
Geschichte in der wendischen Geschichte keinen Platz. Die Kolonien 
der Wenden in solchen Staaten, in welchen sie gleich Untertanen 
aufgenommen sind, kommen in der wendischen Geschichte in keinen 
Betracht, sowie sie überhaupt nicht viel Stoff zu einer besonderen 
Geschichte liefern können. Kolonien dieser Art findet man im magde- 
burgischen, sächsischen, brandenburgischen und lüneburgischen Lande 
am linken Ufer der Elbe, in Fulda, im Hochstifte Würzburg, in Hohen- 
lohe, in der Pfalz am Rhein, in Italien und in Griechenland. Nach obi- 
gen Regeln ordne ich die wendische Geschichte unter diese Rubriken: 

I. Geschichte der Slaven und Wenden bis zur Zerteilung in völlig 
abgesonderte Staaten. 

IL Geschichte des Reiches der Wenden im nördlichen Teutschlande. 

III. Geschichte des Reiches Rügen. 

IV. Geschichte des Pommerischen Reiches. 
V. Geschichte der Sorben. 

VI. Geschichte des Reiches Böhmen. 

VII. Geschichte des Reiches Mähren. 
VIll. Geschichte von Schlesien. 

IX. Geschichte von Polen. 
X. Geschichte der Russen. 

XL Geschichte des Reiches Servien. 

Xll. Geschichte von Bosnien. 

XllL Geschichte des nördlichen kroatischen Reiches. 
XIV. Geschichte des westlichen kroatischen Reiches. 

Ehe ich mich zu diesen Geschichten wende, wird es nötig sein 
die verschiedenen Meinungen- der Schriftsteller über den Ursprung 



34 

der Wenden anzuführen, u. zw. in dieser „Vorrede", weil deren Be- 
kanntmachung, die in gewisser Hinsicht nicht verabsäumt werden 
darf, an einem jeden anderen Orte den Faden der Erzählung zer- 
reisst, und Unbequemlichkeiten veranlasst. Vermöge der mannigfaltigen 
Angaben, die öfters bloss durch willkürliche Erdichtungen, öfters aber 
durch Wahrscheinlichkeiten, Tonähnlichkeiten, Besitz eines eigenen 
Landes und anderer zufälliger Umstände entstanden sind, sollen die 
Wenden und Slaven folgende Stammväter haben : 

1. 3aphet, Noahs Sohn. Dieser zeugte die Stammväter der 
Waräger, Schweden, Normänner, Engländer, Franzosen, Teutschen 
(Njemci), Wenden (Venedici) und anderer Völkerschaften durch seine 
Kinder. Bei der Sprachverwirrung, die diese betraf, teilte Gott alle 
Völker in 72 Sprachgenossen, und auf diese Weise entstand die sla- 
vische Sprache und Nation. Doch hiessen die Slovenen zuerst Norici, 
kamen nach langer Zeit an die Donau in Ungarn und Bulgarien, und 
gingen ferner bis an die Weichsel. Hier zerteilten sie sich unter dem 
Namen der Ljachen in Poljanen, Lutitscher, Mazovssanen, Pomorjanen 
(Polen und Pommern), Drewitschen, Novogoroder und Sjeverer, und 
zugleich mit den Slovenen enstanden die Moravinen, Cechen, Serben 
und Chorutanen, das ist Mähren, Böhmen, Kroaten, Serbier und Kärn- 
ter. Dieses ist die Hypothese des ältesten slavischen Geschichts- 
schreibers, nämlich das Kiewer Mönchs Nestor. (Siehe des heiligen 
Nestors und der Fortsetzer desselben älteste Jahrbücher der russischen 
Geschichte, übersetzt von J. B. Scherer, Leipzig 1774, S. 40, 41. Herr 
Hofrat Gatterer, Einleitung in die synchronistische Universalhistorie, 
5. 981.) 

Oaphets Sohn, 3avan oder Janus, zeugte Heiisa, den Vater aller 
jener Slaven, die nach Dalmatien zogen. (Mari. Cromerus de Origine 
Polonorum, Ed. 3. 1568. L. I. c. 2.) 

Von einem anderen Sohne CJaphets entsprang Aeneas, der troja- 
nische Held, dessen Ururenkel Alanus sich mit seinen vier Söhnen 
nach Europa wendete. Der älteste Sohn dieses Alanus hiess Vandalus, 
gab seinen Namen der Weichsel und dem polnischen Lande, und ver- 
teilte seine Eroberungen unter seine vielen Söhne, die die mannig- 
faltigen wendischen Staaten stifteten. (Cromerus I. c.) 

Nach der Sprachveränderung zu Babel bekamen die Wenden 
den Namen Sclavoni oder Wortreiche (von Slowo das Wort), weil sie 
gesprächig waren, und rückten durch Kleinasien über Byzanz in die 
Bulgarei, stifteten die illyrischen Staaten, und wanderten darauf nach 
Böhmen und Polen. (Aen. Sylvius de Bohemorum Origine ac Gestis 
Historia, Basil. 1575. p. 4.) 



Daphels Enkel, Riphal, hinlerliess eine Nachkommenschaft, die 
sich an den riphäischen Gebirgen ansiedelte, und von diesen stam- 
men die Slaven ab. (Sc/iurzflcisc/i res Slavicac.) 

2. Die Armenier. Die Slaven haben besondere Namen für 
solche Tiere, die in Europa nicht gefunden werden, wie z. B. den 
Elephanten, das Kameel, den Affen usw. Sie müssen also aus einem 
Lande hergekommen sein, wo sich diese Tiere befinden oder aus 
Südasien. Die Lieblingsendigung der Wörter bei den Armeniern „mat", 
gleicht den slavischen Endigungen „ak" und „at" (z. B. Slovak und 
Chravat). Man findet unter den slavischen Wörtern manche, die mit 
den gleichlautenden armenischen Wörtern gleiche Bedeutung haben, 
und zwar mehrere, als in der griechischen, lateinischen und germa- 
nischen Sprache, in welchen auch armenische Wörter angetroffen 
werden. Es gab nie Völker, die die Namen Sarmat, Skyte und Kette 
sich selbst beilegten, wohl aber unter den von den Nachbarn also 
benannten Völkern zwei Nationen, die sich Serben und Jazygen 
nannten. Wahrscheinlich enstanden von den Persiern die Armenier, 
und von einer Kolonie der Armenier, die frühzeitig über den Kau- 
kasus bis an die Wolga und an den Don sich ausbreitete, die an- 
gebliche sarmatische Nation, oder der Stamm der ältesten Serben an 
der Wolga, am Azowschen und Schwarzen Meere. Später begab sich 
ein anderer Haufen Armenier nach Kappadokien, und aus selbigem 
entsprangen erst die Thrazier, von diesen aber die Hellenen (Griechen) 
und Germaner. Von den Serben gingen ab die Budinen, Roxolanen, 
Udinen und Amazonen, aber die übrigen zerteilten sich in die neuen 
Serben und in die 3azygen. Die alten Serben, welche von Plinius 
und Ptolemäus an der Wolga gefunden wurden, verschwanden nach- 
her und sind vielleicht zu den neuen Serben gegangen oder auch 
von den Schriftstellern mit den Skythen vermischt worden. Die neuen 
Serben bevölkerten Polen, Böhmen und andere westliche Länder, und 
müssen sich Sporen genannt haben. Von ihnen kamen die Anten, 
Wenden oder Slaven (ruhmwürdige), von den Jazygen aber, welche 
vorzüglich Sarmaten bei den Griechen hiessen, die Sloven, denn da 
„jazik" in allen slavischen Dialekten die Zunge, und „slovo" das 
Wort andeutet, so ist es gewiss, dass die Volksnamen „Slovo" und 
„3azik" einerlei sind.*) (Erste Linien eines Versuches über der alten 
Slaven Ursprung, ausgearbeitet von Karl G. Anton, Leipzig 1783.) — 

3. Die Hebräer. Von diesen leitet, einiger Sprachähnlich- 
keiten wegen, Frencelius Lib. I. et IL de Ordinibus Linguae Sorabicae 

*) Diese Etymologie ist ebensowenig begründet, wie »jazik- oder -slovo« als grund- 
legender Begriff für einen ethnographischen Namen. 

3» 



36 

(1693, 1696) die Wenden ab. Die ältesten Russen (s. Nestor) behaup- 
teten, dass der Apostel Paulus und Andronicus, ein Jünger Christi, 
slavisch geredet haben. 

k. Die Heniochen in Colchis (Mingrelien und Guriel). Diese 
hält Pastorius (Orig. Sarmat. p. 25.) für Stammvettern der Heneter 
(gegen das Zeugnis vom Gegenteile in Strabo und Ptolemäus Erdbe- 
schreibungen) und zugleich für Urheber der Slaven. 

5. Die Bürger der colchischen Stadt P o 1 a. Diese verbreiteten 
sich unter dem Namen der Polen, und ein Stamm nannte sich vom 
Sclavinis Rumenensi Slaven. (Gundlingiana XI. Stück p. 56.) 

6. Die Lazi oder heutigen Lescier und die Zichi in Colchis 
und Dagestan. (Abels sächsische Altertümer p. 326, parcrga historica 
p. 547). Man erklärte diese Völker für uralte Wenden, wegen der 
Ähnlichkeit des Namens, die zwischen ihnen und den Lechen (Polen) 
und Cechen (Böhmen) eintritt. Auch die Avaren, Circassen und Chaza- 
ren, die später aus der Kobardei auswanderten, sind vom Herrn 
Prof. Dobner (Com. ad Hagecium P. II. pracf. d. 3. und Crumenis de 
Orig. Polonor. L. I. C. I.) wegen der Sprachähnlichkeit, die sich bei 
den Kobardinern und Slaven finden soll, von den zuverlässigsten 
Reisebeschreibern aber geleugnet wird, als Stammvettern der Slaven 
betrachtet worden. 

7. Die Stammväter der Kirgisen (Abhandlungen einer Privat- 
gesellschaft in Böhmen 11. B. S. 242) wegen Sprachähnlichkeit, die 
aber zufällig entstanden sein muss, da die Kirgisen zu den Mongo- 
len oder Tataren gehören. 

8. Die Phrygier, von welchen der Argonaul Fenisius oder 
Polyphemus die jetzige slavische Schrift erfunden, und zu den Gelen 
gebracht haben soll. (Grubissich Disquifiiio in Origines et Historiam 
Alphabethi Sclavo-Glagoliiani, Venct 1766. p. 51. 43.56.) 

9. Die Veneti oderHeneti in Paphlagonien, welche, vermöge 
des Herodotus, aus lllyrien nach Asien gingen, vermöge des 
Homerus aber schon vorher in Phrygien ansässig waren, nach 
Trojens Eroberung eine Kolonie unter dem Anführer Antenor in das 
Adriatische Meer sandten, und den venetianischen Staat bevölkerten. 
(Severini Commentatio historica de veterilnis Incolis hungariae Cis-Danu- 
bianac, Sopronii 1767. Cap. 7. de Slavis et Chrobatis p. 86.) Diese 
Veneter halten zwar die Sitten, aber nicht die Sprache der Gallier, 
wie Polibius B. 11. Cap. 17. meldet. Vielmehr müssen sie slavisch 
geredet haben, weil der Fluss, der slavisch Dwina heisst, von den 
Griechen Parthenius genannt ward, welche Benennung die Über- 
setzung von Dwina ist. (Severini l. c. p. 59.) Eben diese Griechen 



37 

nannten die Venelos auch Enetos, oder die ruhmwürdigen, vom 
Worte „ainos", das Lob, woraus erhellt, dass der Name Wende eine 
blosse Übersetzung des wahren Volksnamens Slawni (die Löblichen)*) 
ist. (Hr. P. Dobner /. c. P. I. p. 117. de Jordan Ori^. Slav. p. 706. 
C/iytraci Windalia p. 3. Cruoe/i Orig. Liijat. Fascic. I. p. 144.) 
Goropius Becanus gibt an, dass von den Venetianern eine 
Kolonie nach Gallien, von den gallischen Venetern eine zweite Kolonie 
nach Wensyssel in Jütland, und aus diesem Lande eine dritte an die 
deutsche Ostseeküste gesandt, und die letztere die Nation der Wenden 
und Slaven geworden sei ; allein Hr. P. Dobner hält es für wahr- 
scheinlicher, dass die venetischen Kolonien nach Venedig, Gallien und 
Wendland zu gleicher Zeit aus Asien in ihre Länder gewandert sind. 
Für alles bürgt bloss die Gleichheit der Namen. Aber verschiedene 
historische Bemerkungen, die Thunmann (Untersuch, über die alte 
Geschjichte einiger nordischen Völker p. 141.) angeführt hat, wider- 
streben demselben. 

10. Die ältesten Stammväter der Lateiner. Herr l'Evesque 
(Effai für les rapports de la Langue des Slaves avec celle des anciens 
Habitans de Latiiim) findet in der slavischen Sprache viele lateinische 
Wörter, und vermutet, weil diese fast alle einsilbig, und von der Art 
jener Benennungen sind, die sich erst alsdann bei einer Nation zeigen, 
wenn sie den Stand der Wildheit verlässt und sich aufzuklären pflegt, 
dass die alten Lateiner die Grundtöne ihrer Sprache den Wenden 
schuldig sind, oder dass die Stammväter der Lateiner und der Slaven 
sich in den ältesten Zeiten, ehe noch die Trojaner und Veneter von 
den Slaven ausgingen, und vielleich nicht lange nach der Menschen 
Zerstreuung von einander getrennt haben müssen. Den Einwurf, 
dass die Slaven einige Jahrhunderte hindurch unter Lateinern lebten, 
sich unter ihnen völlig umbildeten, und daher manches ihnen fehlende 
Wort in ihre Sprache werden aufgenommen haben, glaubt Herr 
l'Evesque durch die Bemerkung aufzuheben, dass die slavischen und 
lateinischen Sprachen in Betracht ihrer ferneren Bildungen weit von 
einander abweichen. 

11. Die Pannonier. Weil einige alte pannonische Namen 
aus der slavischen Sprache sich einigermassen deuten lassen, halten 
verschiedene Gelehrte (Severini Commentatio historia de veteribus incolis 
Hungariae Cis-Danubianae a Morava Amne ad Tibiscum porrectae, 
Sopronii 1767, p. 59. Ejiisd. Pannonia, Ups. 1771. p. 65.) die Pan- 
nonier und ihre Stammväter, die Thracier, für die ältesten Slaven. 

Einer der ältesten polnischen Geschichtsschreiber Boguphalus 
(de Sommersberg Silesiacarum reriim Script. T. II. p. 19.) erdichtet 

*) Diese Etymologie ist falsch. 



3S 

folgende Stammgeschichte der Wenden. Slavus, ein Abkömmling des 
assyrischen Monarchen Nimrod, vom Jan, Oaphets Enkel, von dem 
alle Slaven herstammen, hatte einen Sohn, der sich in lllyrien nieder- 
liess, sich nur den Herrn oder Pan hiess, Pannonien bevölkerte, und 
drei Söhne, Lech, Rus und Czech zeugte. Diese wurden die Stifter 
der polnischen, russischen und böhmischen Völkerschaften zur Zeit des 
Königs Ahasverus. Nimrod hatte scl^jon einige slavische Stämme als 
Knechte behandelt, daher ihr Land von den Gallieren Servia genannt 
wurde, obgleich es nach dem ersten Könige, Sarban, Sorbien hiess. 
Schon die Königin des Morgenlandes zu Saba oder an der Sau ver- 
teilte ihre europäischen Länder unter ihre Söhne, daher eines dieser 
Reiche Dalmatien oder Data macz (dabat nuücr) genannt ist. Der Namen 
eines anderen Reiches, Rama, kam vom Feldgeschrei Ram ! (Viilncra) 
so wie der Name Polen vom Polo artico und Grenzschlosse Polan ; 
Cassubien von Huba (eine Falte), weil die Einwohner weite Vyeider 
mit vielen Falten trugen ; Drewnane oder Halczste (Holstein), worin 
Lübeck, Hamburg und Bremen liegt, von dicken Wäldern und dem 
Trava-Fluss ; Kärnten, dessen Einwohner Czernchane heissen, von 
Akanita (Canalia) und Wtrane (Hungern) vom Flusse Wtra bei Pfemi- 
slav. Die Wtrane kamen mit dem Hunnenkönige Atilla nach Panno- 
nien, nannten sich a Hinis, Hungaren, erhielten aber, da viele Slaven 
sich zu ihnen gesellten, den Namen Wandalen.*) — Der Römer Gra- 
chus, d. i. Crak, ein lechischer Wojwode, hatte lange zuvor Crakow 
erbaut, und eine seiner Deszendenten, die Königin Wanda, verschaffte 
der Weichsel, weil sie in selbiger erlrank, den Namen Wanda, und 
den daran wohnenden Slaven den Namen der Wandalen. Lestko, ein 
König der Lechiten in Polen, tötete den römischen Triumvir Crassus, 
und besiegte den Julius Caesar. Caesar erhielt nachher seine Freund- 
schaft und gab ihm seine Schwester Julia zur Gemahlin, welche in 
ihrem Landesteile das Schloss Julius oder Lebus, und Julia oder 
Wolin erbaute, — Ihr Gemahl besass ganz Westfalen, Sachsen, Bayern 
und Thüringen, und verteilte diese Länder unter zwanzig uneheliche 
Söhne. Dadurch wird die slavische Macht geschwächt, allein einer 
seiner Nachfolger, Semovit, ein Sohn Piasts, hob sie wieder empor 
und eroberte Cassuben, Pommern, Ungern, Sorabien, Rama, Drowina, 
Szgorzetcia (Brandenburg) und alle Länder an den Flüssen Albea, 
Odra, Pyana, Doloza, Wtra, Beknicza, Warna, Hawla, Sprowa, Hyla, 
Suda, Mecza und Trawna nebst den Schlössern Magdeburg, Dalen- 
burg, Lüneburg, Bardewik, Lübeck, Wismar, Ratibor, Gylow, Rostock 
Bela, Swanowo, Ostrow, Thoszin, Marlow, Bolck, Trzebosszow, 
Wlogosch, Kaszam und Walmieg oder Julin. 

•) Alle diese etymologischen Exkurse sind wissenschaftlich wertlos. 



39 

Diese Erzählung verdient bemerkt zu werden, weil sie zeigt, 
zu welchiem Unsinn die auf blosse Etymologie und Wörterableitung 
gegründeten Mutmassungen leiten können; denn dass hier eine 
Menge chronologischer und historischer Schnitzer aufeinander ge- 
türmt sind, ist keine Folge der Ungeschicklichkeit des Verfassers, 
sondern des Mangels der historischen Hilfsmittel und Verarbeitungen, 
der im Xlll. Jahrhunderte eintrat. Neuere Geschichtsschreiber, die diese 
besassen und benutzten, verfuhren vorsichtiger, und leisteten eben 
das, was er geleistet hatte, oder gaben ihrem Leser eine mögliche 
für eine wahre Geschichte. 

12. Die lllyrier [Orbini. Rcgno dcgli Slavi p. 173) sind in die 
Reihe der slavischen Stammväter gesetzt, einmal vermöge einer 
missdeuteten Stelle eines Aufsalzes des hl. Hieronymus, den einige 
(de Jordan T. I. P. I. p. 73) irrig für einen geborenen Slaven halten 
(Hofrat Gatterer, Allgemeine bist. Bibliothek, X. B. p. 5G) und zwei- 
tens aus etymologischen Gründen, welche Thunmann (Untersuchungen 
über die alte Geschichte einiger nordischer Völker p. \-J u. f.) und 
de Peyssonel (Diss. sur /' Origine de la lanqiie Slavonne pretendue 
Illiriqiie) vernichtet haben. 

13. Die Dal matter des 1. üahrhundertes n. Chr. (Reise in 
Dalmatien des Abbate Alb. Forlis I. 7. p. 65) waren die ersten 
Slaven vermöge einer Tonähnlichkeit der wenigen uns bekannten 
dalmatischen Personen- und Ortsnamen mit slavischen Wörtern, die 
aber schon Marl. Cromerus (de Origine Polonoriun L. I. Cap. 4) für 
ein unstatthnftes Beweisstück erklärt hat. Thunmann gibt (p. 138) den 
angeführten alten dalmatischen Namen keltische Deutungen und Herr 
Salegius (de Statu Eccles. Pannonicae Quinqiie-Eccles. L. I. p. 185 u. 
206) leitet die slavonische, sarmatische, dalmatische, japodische, 
mösische und teutsche Sprache insgesamt von der gallischen oder 
altkeltischen Sprache ab. 

14. Die Scythen (Hartknoch, Altes und neues Preussen, p. 39). 
Nach demjenigen, was der Hofrat Heyne von den Scythen oder Sko- 
lothen ausfindig gemacht hat (Allgemeine Weltgeschichte nach dem 
Plane W. Guthrie und F. Gray, III. T., p. 1025 und 1041) ist es nicht 
unwahrscheinlich, dass aus den skolothischen Völkern, die durch die 
Cimmerier zuerst vom Borysthenes nach dem Norden getrieben 
wurden, dieiFennischen Nationen, und von den späteren skolothischen 
Kolonien, die bereits 513 Jahre v. Chr. Polen, Russland, die krimsche 
Tartarei und Ungarn bis an die Donau besassen, die Wenden ab- 
stammen. Die skolothische Monarchie an der Donau wurde im Jahre 
430 V. Chr. durch den macedonischen König Philipp vertilgt, und viel- 



40 



leichl entstanden aus den Trümmern dieses Reiches bald hernach 
viele kleine Freistaaten, deren einer der Mutterstaat aller wendischen 
Völker gewesen sein kann, weil die in den Geschichtsbüchern er- 
haltenen scythischen Namen sich nur aus der wendischen oder sla- 
vischen Sprache einigermassen deuten lassen (p. 1043 und 1062). 

15. Die Roxolanen. Dieser, zu den Scythen gerechneten 
asiatischen Völkerschaft, eignete ein pragischer Professor, Johann 
Mathias a Sudetis, die Ehre der Stiftung der böhmischen Nation zu, 
sowohl in einer Schrift, der er den Titel gab : Bojenwnim nationein 
non ex Slavis, iif Aeneae Sylvio et Joanni Dubravio videtur, sed ex 
Russia seu Roxtüania origineni trahcre vcrins esse dejendenms 1614, als 
auch in den Subcesivis 1615. Seine Amtsgenossen, die es nicht zu- 
geben wollten, dass ihre Vorfahren ungesittete Scythen und Barbaren 
gewesen sein sollten, widersetzten sich seinen Äusserungen mit 
grosser Heftigkeit, und einer derselben, Troilus, schrieb gegen sie 
eine Anti-Roxalaniam 1616. (Jordan, de Orig. Slavieis T. I. p. 696.) 
Vermöge der besten Nachrichten, die wir von den Roxolanen haben, 
gehörte dieses Volk mit den Alanen zu einer alten asiatischen Nation, 
welche Siracen oder Saracenen hiess, kam im 1. Jahrhunderte an 
die Donau aus der Tartarei, und hatte, wie es scheint, sich im VU. 
Jahrhunderte bis nach Kurland verirrt, konnte also nicht wohl wen- 
dischen Ursprunges sein. 

16. Die Finnl ander. (Graf Bonde Försök at igenfinna den 
Finska Nationens och Sprakets härkomst, in Kongl. Svenska Witter- 
hets Academie Handlingar 1755, 1. T., S. 78. Möller korta Beskrif- 
ning öfver Est och Liefland, Westeras 1756.) 

17. Die Stavanen des Ptolemäus, die am oberen Don nicht 
weit von der Oka, und im VI. Jahrhunderte in einem Teile von 
Russland gewohnt haben sollen (Jo. Thunnuinni Diss. de Stavanis 
Ptoleniaei T. IV. Act. Jablonovianonim), und von einigen Gelehrten für 
die Schalauer in Preussen gehalten werden. 

18. Eine unbekannte Nation, deren Stämme die Avaren, 
Bulgaren, Pazzinaciten und Chrobaten waren. (Hr. de Peyssonel Ob- 
servaf. bist, et geographiques C. 1. p. 15.) 

19. Die Bulgaren an der Wolga und am caspischen Meere, 
(Hr. Hofr. Gatterer allgemeine historische Bibliothek X. Band p. 56, Q>k.\ 
werden für Slaven gehalten, weil die heutigen Bulgaren slavisch reden. 
V.Jordan (1. c. P. 1. p. 90. P. IV. n. 721.) behauptet, dass von den 
ältesten Slaven, die die Wolga-Ufer besessen hätten, die Anten, die 
Bulgaren und die Slavinen ausgegangen wären. Von den Anten sei 



41 

schon im 111. Jahrhunderte das Ufer der Aliita in Besitz genommen, 
im VI. Jahrhunderte aber Bosnien, Servien und Slavonien durch drei 
abgesonderte Heere, und später auch vieles von Dalmalien und 
Kroatien erobert worden. Die Bulgaren hätten sich von den Anten 
getrennt, und sich mit einem Teile von Servien begnügt. Die Slavinen 
hätten unter dem Namen Saniuitüc limigaiites im Jahr 334 sich in 
den Gegenden an dem Marosch, an der Teis, und an der Donau auf- 
gehalten, wären zum Teil im Jahre 358 nach Krain und Kroatien 
versetzt, zum Teil aber hätten sie im Jahre 374 unter Czech und 
Lechs Anführung Böhmen und Polen in Besitz genommen. Diejenigen 
von ihnen, die im Lande zurückgeblieben wären, hätten sich, da i. J. 
h2k Pannonien von den Hunnen verlassen worden, zum Teil nach 
Kroatien und an die Drau begeben, endlich aber insgesamt, weil die 
von den Bulgaren im Jahre k2k vertriebenen Slavinen ihnen das Land 
entrissen, sich nach Pannonien gewendet, und das slavisch-mährische 
Reich gestiftet. Bei dieser Geschichte wird vieles als erwiesen vor- 
ausgesetzt, was nicht einmal eine Wahrscheinlichkeit vor sich hat. 

20. Die Sarmater. Von den Sarmatern weiss man zuverlässig 
folgendes. Schon im VI. Jahrhunderte vor Chr. war ein grosses 
Volk dieses Namens am Don und an dem Meere von Azur vor- 
handen, welches innerhalb der nächsten vier Jahrhunderte bis zum 
Dneeper westlich vorrückta, zu Christi Zeit im nördlichen Teile von 
Polen mit den Teutschen zusammengrenzte, also schon damals das 
Land besass, welches nach der Zerstörung des skolothischen Reiches 
im Jahre 340 v. Chr. öde geworden war. In diesem vermischte es 
sich mit den alten Einwohnern so sehr, dass einige römische Geo- 
graphen irre wurden, und verschiedene darin wohnende Nationen, 
die eigentümliche Namen hatten, bald für Sarmater, bald für beson- 
dere Völker, und bald für Teutsche ausgaben. Nach und nach zerteilte 
sich das sarmatische Volk in so viele kleine Stämme, dass der alte 
Hauptname verschwand, und daraufhin war das sarmatische National- 
Merkzeichen nicht mehr der Name, sondern eine gewisse Trägheit 
vermöge deren die Sarmaten keine Häuser bauten, niemals zu Fuss 
wanderten, sondern stets auf Wagen oder Pferden sassen, sich äus- 
serst schmutzig hielten und sich in lange Kleidern einhüllten. (Taci- 
tus de Moribus German. Cap. iilt.) Am längsten bewahrten den sar- 
matischen Namen die Jazygen; ein Stamm, der aus der nogayschen 
Tartarei nördlich dem azowischen Meere kurz vor Christi Geburt 
nach Europa kam und sich zwischen Dacien und Pannonien fest- 
setzte. Dieser Stamm hinterliess Blutsfreunde desselben Namens in 
seiner Heimat, und erhielt von den Römern den Beinamen der um- 



herslreifenden Jazygen (Jazygae Metanastae). Ein Haufe desselben 
ward von den Gothen im Jahre 332 angegriffen, besiegte diese zwar, 
wurde aber bei der Rückkehr in sein Land im Jahre 334 von seinen 
Knechten, welche er zur Verteidigung des Landes bewaffnet hatte 
(Jazy^es Limi<^antes Picenscs et Amicenses), zurückgetrieben und nahm 
seine Zuflucht teils zu den Viktofalen (Sarmatae Arcaragantes), teils zu 
dem Kaiser Konstantin, der ihn unter sein Heer aufnahm, auch zur 
Errichtung neuer Kolonien in Thracien, Scythien, Macedonien und 
Italien gebrauchte. (Schiuss folgt.) 



M. Zunkovic: 

Die Raffelstellner Zollordnung. 

Die Nachrichten und Belege über die Existenz der Slaven im 
Altertume sowie noch zu Beginn des Mittelalters sind recht spärlich, 
weil der ethnographische Begriff „Slave" damals noch nicht die 
heutige sprachlich konzise Determination im grossen Stile in sich 
vereinigte ; es sind daher auch nur wenig Fälle aus ältester Zeit be- 
kannt, in welchen schon das sprachlich-ethnographische Kriterium 
konkret ausgesprochen wäre. Eine der wichtigsten Urkunden dieser 
Art ist aber die sogenannte ,, Raffelstellner Zollordnung'', deren Ver- 
fassung in die Jahre 903—936 n. Chr. verlegt werden muss, obwohl 
sie eigentlich handelspolitische Bestimmungen enthält, die schon für 
die Zeit vor dem Jahre 876 Geltung hatten. 

Die Ostmark oder die sogenannte bayerische Grenzmark 
(terminus rcgni Bojarionini in oricntc) ist bekanntlich von Karl d. Gr. 
nach der Zertrümmerung des avarischen Reiches gegründet worden, 
in welch letzterem der vorwiegende Teil aus slavischen Untertanen 
bestand, die das Gebiet des alten Pannonien, Norikum sowie, wenig- 
stens zum Teile, jenes des heutigen Bayern inne hatten. Aber unter 
der Frankenherrschaft machte sich die Gegenströmung der deutschen 
Kolonisation bemerkbar, welche sich in Bayern mit Hilfe des inten- 
siven Aufdrängens der deutschen Sprache und der christlichen Religion 
geltend machte, und welchem Drucke das Slaventum umso fühlbarer 
nachgeben musste, als es auch weder im mährischen noch in dem 
eben sich bildenden böhmischen Reiche eine wirksame Stütze fand. 
Allerdings wurde der deutschen Vorwärtsbewegung durch den magyari- 
schen Überfall und deren verheerende Züge in der Folge eine starke 
Schranke entgegengesetzt, unter deren Wucht der slavisch-mährische 
Staat und für eine Zeit lang selbst die Ostmark aus der Geschichte 
verschwand. 

Unsere Urkunde scheint nun am Vorabende eines der un- 
glücklichsten Ereignisse für Deutschland und die nordösterreichischen 



4:i 

Slavenländer entstanden zu sein, denn an der Abfassung haben noch 
Personen teilgenommen, die bei dem Zusammenbruche des gross- 
mährischen Reiches (um 905) und der schweren Niederlage der 
Deutschen i. J. 907 durch die anstürmenden tatarischen Horden noch 
lebten. Sie kann daher einerseits nicht vor dem Jahre 903 verfasst 
worden sein, da der darin erwähnte Bischof Burcl^ardt von Passau 
diese Würde erst seit dem genannten Jahre bekleidete, hingegen 
führte Graf Aribo nur bis zum J. 906 den Titel eines Grafen de; 
Ostmark; überdies ist der beteiligte Erzbischof Thietmar von Salzburg 
schon i. J. 907 gestorben. 

Der unmittelbare Anlass zur Verfassung dieser „Zollordnung" 
war folgender. — Die Bevölkerung Bayerns, dann alle Interessenten, 
welche zur Ostmark (oricns, oricntalis pla,^a, marchia oricnfalis, partes 
orientalcs) Beziehungen hatten, klagten allgemein über die ungerechten 
Zölle und Abgaben. Dies drang nun auch zum König Ludwig das 
Kind (900-911), welcher diese Beschwerden berechtigt fand und an- 
ordnete, dass der Markgraf Aribo unter Beiziehung der Ortsbehörden 
und erfahrener Leute das Zoll- und Abgabenwesen gerecht regele. 
Dies geschah auf einem in das Städtchen Raffelstetten im Traungau 
einberufenen Landtage, wo in Anwesenheit der interessierten kirch- 
lichen Würdenträger und der sonst angesehensten Männer die Stellen 
für die Zollabgabe und die Höhe des Zolles genau bestimmt wurden. 

Von der Zollordnungs-Urkunde werden aber nachstehend nur 
jene Punkte angeführt, die für die Slaven ein besonderes geschicht- 
liches oder kulturelles Interesse haben. 

Punkt 3. Wenn ein freier die normierten Marktplätze umgeht 
ohne zu zahlen oder ohne eine Meldung zu machen, so wird er, 
wenn es entdeckt oder bewiesen wird, bestraft u. zw. wird ihm sein 
Schiff mit allen Waren eingezogen. Ist es aber ein Knecht, so wird 
er ausserdem noch so lange in Haft gehalten, bis sein Herr sich 
meldet und ihn auslöst. 

Punkt 4. Die Bayern und Slaven, die zum Königreiche gehören, 
haben das Recht der freien Einfuhr in die Ostmark und dürfen dort 
überall alle Lebansmittel, auch Dienstboten, Pferde und Ochsen abgaben- 
frei erkaufen. Im Falle, dass sie aber die obgenannten Handalsplätze 
(d. i. Rossdorf und Linz) passieren, müssen sie in der Mitte des 
Wasserweges fahren, ohne etwas zu kaufen oder zu verkaufen ; 

§ 3. Si autem liDer liomo aliqu's ipsurn kk'ittiimini nicrcatum traiisicrit iiichil 
ibi solvens vel loquens. et iiide probatus fuerit: tollalur ab eo et iiavis et sub- 
stantia. Si autem servus alienius hoc perpetraverit: coiistriiijiatur iiiid'.mi. doiicc 
donrniis eius veniens dampriuni persohat et postea ei exire 1 ceat 



44 

wenn sie aber den Marktplatz besuchen wollen, um am Handel teil- 
zunehmen, dann sind sie verpflichtet den festgestellten Zoll zu zahlen, 
worauf sie dann kaufen dürfen, was ihnen beliebt. 

Punkt 6. Was die Slaven anbetrifft, die aus Rugi oder aus 
Böhmen des Handels v;egen kommen, so haben sie das Recht, 
überall an den Ufern der Donau, auch in der Rötel und in der 
Riedmarch zu handeln, aber sie sind verpflichtet, Zoll zu zahlen. 

Wenn sie Wachs einführen, so haben sie von jeder Last zwei 
Mass Wachs im Preise von je einem Scott und von der Traglast 
eines Menschen — eine Mass im selben Werte zu zahlen. Wenn 
sie aber Dienstboten und Pferde einführen, so haben sie von einer 
Magd eine Tremisse zu entrichten, von einem Hengste ebensoviel, 
von einem Knechte eine Saiga und ebensoviel von einer Stute. — 
Die Bayern und die Slaven desselben Reiches haben das Recht ab- 
gabenfrei zu kaufen und zu verkaufen. 

Punkt 8. Wenn jemand nach Mähren in Handelsangelegen- 
heiten geht, so hat er bei der Abreise dahin einen Solidus zu ent- 
richten für ein Schiff; bei der Rückkehr hat er nichts zu zahlen. 

Punkt 9. Kaufleute von Beruf, d. i. die Juden und sonstigen 
Händler aus Bayern oder sonstigen Orten haben für die Dienstboten 
und sonstigen Dinge die entsprechende Abgabe zu zahlen, wie es in 
früheren Zeiten üblich war. 

Aus alledem ist zweifellos zu ersehen, dass im IX. Jahrhunderte 
in Bayern die Slaven noch genau dieselben Rechte halten wie die 

> -t. Si auteni Baw ari ve! Sclavi ist iis patiie ipsaiii reRioneni intraverint 
ad eiiiciula viclualia cum manicipiis vel cavallis vel bolnis vel ceteris supellec- 
tibus suis: ubiciinque voluerint in ipsa regione sine theloneo emant que necessaria 
sunt. Si autem locum mercati ipsius transire Nolueriiit, per media plateam tran- 
seant sine ulla constrictione, et in alliis locis ipsius regionis emant sine theloneo 
que potuerint. Si eis in ipso mercato magis conplaceat mercari, donent prescrip- 
tum tlieioneum et emant quecunque voluerint et quanto melius potuerint. 

§ 6. Sclavi vero, qui de Rugia vel de Boemanis mercandi causa exeunt, 
ibucunque iuxta ripam Üanubii vel ubicunquc in Rotalariis vel in Reodariis loca 
mercandi obtinuerintv de sognia uiia de cera duas massiolas, quarum uterque scoti 
ununi valent; de onere unius hominis massiola una eiusdem precii. »Si vero man- 
cipia vel cavallos vendere voluerint, de una ancüla tremisam I, de cavallo mascu- 
lino similiter; de servo saigam I, simijis de equa. — Baw ari vel Sclavi istius 
patrie ibi ementes vel vendentcs iiichil solvere cogaiitur. 

§ 8. Si autem transire voluerint ad mercatum Marahorum, iuxta estimati- 
nnem mercationis tunc tcmporis exsolcnt solidum unum de iia\i et liccnter tran- 
seat; revertendo autem nichil cogai'tur. 

S 9. Legittimi mercatores, undecunque venerint de ista patria vel de alliis 
patriis, justuni theloneum solvant tam de manicipiis quam de alliis rebus, sicut 
scmper in prioribus teniporilnis regum fuit. 



45 

Deutschen, sie müssen sonach damals noch ein maßgebendes Konti- 
gent der Landesbevölkerung gebildet haben. 

Besonders notwendig ist hier die Aufklärung der Begriffe 
„servus" und „mancipium". Überall liest man diese als „Sklave" 
erklärt und folgert daraus sofort, dass in jener Zeit in Bayern, der 
Ostmark, Böhmen, Mähren usw. noch ein regelrechter 
Sklavenhandel betrieben wurde. Wie jedoch die Texistellen 
selbst sowie deren Zusammenhang erweisen, handelt es sich aber 
hier nur um Bedienstete, denn es wird doch von der Magd 
und vom Knecht gesprochen, und das „mancipium" ist doch nichts 
weiter als der Lohnvertrag mit Dienstboten, die durch ein Angeld 
(„ara" bei den Slovenen wie auch im Spätlateinischen „arrha" ge- 
nannt) zu einer Denstleistung für eine bestimmte Zeit, zum mindesten 
aber auf ein Dahr, verpflichtet wurden. Dass man aber für die Dienst- 
boten, die sich in ein anderes Land verdingten, eine Steuer an 
der Landesgrenze aussetzte, ist sehr naheliegend, denn man wollte 
bei der einstigen Leutenot nicht leichterdings Arbeitskräfte verlieren, 
was man auch daraus ersieht, dass hingegen die Bayern, wenn sie 
Dienstboten in die Ostmark brachten, keine Steuer zahlten, um den 
Import von Arbeitskräften zu fördern. 

Bei diesem Anlasse kann auch der Zweifel, wo das Gebiet 
„Rugi" lag, erledigt werden. Die Geschichte erzählt allerlei Phanta- 
stereien über dieses Volk. Die Rugier wohnten angeblich zuerst auf 
Rügen, zogen dann gegen Süden, und fielen dabei unter das Hunnen- 
joch ; sie lebten dann an der mittleren Donau und im Norikum ; von 
dort vertrieben, verloren sie sich zum Schlüsse gänzlich unter den 
Herulern, Longobarden und Byzantinern. Nun die Tatsache ist aber 
eine wesentlich andere. Es gab „Rugi" an den verschiedensten 
Punkten, wie es ja auch Kroaten, Serben, Wenden u. a. in den diver- 
girendst gelegenen Gegenden gibt, ohne dass sie deshalb je dem- 
selben Volksstamme im modernen Sinne angehört hätten. Nachdem 
aber diese Zollordnung am linken Donauufer ausdrücklich von Böh- 
men, dem böhmischen Wald (Sumava) und Mähren spricht, dürfte das 
„Rugiland" am rechten Donauufer, also im einstigen Norikum, ver- 
mutlich westlich des Traungaues gelegen sein, ein Beweis, dass Sla- 
ven damals auch im Räume von Ober- und Niederösterreich wohnten, 
was ja auch durch andere Quellen bestätigt erscheint. Übrigens ist 
der alte Name „Husruke" noch im heutigen „Hausruck"-Gebirge 
(Oberöslerreich) erhalten.*) 

* Paulus Diakonus ist der einzige Chronist, der von einem mährischen 
«Rugilandx spricht; wie aber da «mährischM aufzufassen ist, wäre erst zu erfor- 
schen, da xmarchia, marca u. ä. auch Grenze im allgemeinen bedeuten kann. 



46 

Allen Ernstes hat man auch behauptet, dass hiemit die Handels- 
beziehungen Russlands mit Bayern wie der Ostmark unter Einbezie- 
hung der Donau als Handelsweg erwiesen seien, namentlich weil man 
die Fürstin Olga von Russland (t 969) als „regina Rugorum" bezeich- 
nete. Dies ist unbedingt abzuweisen, denn, wie schon erwähnt, wieder- 
holen sich ethnographische Namen ganz unbeeinflusst von einander; 
überdies handelt es sich hier fast ausschliesslich um den Saizhandel, 
und da haben die Russen, abgesehen von der geographischen Des- 
orientierung über ihre Handelswege, weit nähere Bezugsquellen für 
diesen Artikel als etwa Oberösterreich, Salzburg oder Bayern. 

Aus alledem geht hervor, dass die Raffelstettner Zollordnung 
wohl nur die Interessen des lokalen Handels in der Ostmark vertrat, 
hingegen besitzt sie textlich in kulturgeschichtlicher wie ethnographi- 
scher Hinsicht für die altslavische Kulturgeschichte einen hervor- 
ragenden Ouellenwert. 



M. Zunkovic: 

Die Azbuka in der Edda. 

Die nordische „Sämundar Edda", die übrigens mit dem 4. Teile 
der indischen „Veda", genannt „Atharvaveda", auch einen inhaltlich 
nicht ganz abzuleugnenden Zusammenhang aufweist, ist von hervor- 
ragender Bedeutung für die sprachliche Ursprungsfrage der Runen- 
schrift. Aus dem Abschnitte „Runatals thättr Odhins", d. i. „Wodans 
Runenkunde", wo es offenkundig ist, dass die „Edda", richtiger „Veda" 
( Wissen, nicht „Grossmutter" oder „Poetik", wie man das Wort 
ansonst deutet) einst tatsächlich ein Lehrbuch war, geht der 
didaktisch-pädagogische Zweck derselben in jeder Hinsicht zweifel- 
los hervor. 

Jene „germanische" Edda bringt aber sonderbarerweise dem 
Schüler Lodfafner kein lateinisches, griechisches oder germanisches 
Alphabet, sondern das altslavische (glagolitische), d. i. die 
„Azbuka" in Form eines Runennamengedichtes bei, denn die ein- 
zelnen Runen werden in der a 1 tsl a vi sehen Reihen- 
folge angeführt und die Buchstabennamen selbst 
sind, wie sie in den Strophen umschrieben werden, 
identisch mit den altslavische n. Die Reihenfolge ist aller- 
dings vom 7. Buchstaben an unterbrochen, weil das Edda-Alphabet 
erst 18, das glagolitische aber schon 40 Lautzeichen kennt. 



Dieses Alphabet muss aber schon zu einer Zeit in die germa- 
nische Edda gelangt sein, als die Azbuka noch nicht mehr als 18 Laut- 
zeichen hatte, denn im X. Jahrhunderte hatte sie schon k3 Zeichen. 
Allerdings kann man nicht wissen, ob dem Übernehmer nicht schon 
die 18 Buchstaben für seine Zwecke genügten, denn nach dem, wie 
wir heute die ältesten Handschriften inbezug auf ihr Alter taxieren, 
besteht darin keine Konsequenz, da z. B. die Grünberger Handschrift 
(Prag), die man in die Zeit des VI.— IX. Oahrhundertes verlegen muss, 
auch nur 18 Buchstaben kennt, und nicht in Runen geschrieben ist, 
aber die Schriftzeichen sind jenen der Bibel Ulfilas sehr ähnlich ; 
diese letztere hat aber, obschon sie dem V. Jahrhunderte angehört, 
hingegen bereits 2k Buchstaben im Alphabete. Wahrscheinlich ist es 
daher, dass man seinerzeit genau so wie heute, zu gleicher Zeit ver- 
schiedene Schriftarten und Alphabete anwendete, was übrigens aus 
einem Briefe des Venantius Forlunatus, Bischofs von Poitier (VI. Jahrh.) 
hervorgeht, der einem gewissen Flavius schreibt, er möge, sofern 
er etwa nicht lateinisch schreiben wolle, mit „barbarischen" Runen 
schreiben, worunter man einst, wie dies aus verschiedenen analogen 
Anwendungen hervorgeht, nur slavisch gemeint haben kann. 

Die jeden Laut mit seinem Gattungsnamen rätselartig umschrei- 
benden Verse in der „Edda" müssen einmal mnemonischen Zwecken 
gedient haben, und diese Schüler können nur Slaven 
gewesen sein, denn sonst hätte man den Schülern unverständ- 
liche Begriffsbenennungen beibringen müssen. Und doch mussten 
diese originalslavischen Lautbezeichnungen beim Lese- und Schreib- 
unterrichte unverändert gebraucht worden sein, weil sich der Schreiber 
oder Lehrer bei den drei letzten Runen, die mehr erotischer Richtung 
sind, förmlich damit entschuldigt, dass sie der Schüler ob seiner Ju- 
gend noch nicht verstehe, da er beifügt: 

Sind diese Lieder auch, Lodfafner, 
dir auf lange wohl noch unerkennbar ; 
jreu dich, erfährst du sie, 
nutz es, vernahmst du sie! 

Dass es sich aber hier wirklich um einen Lernbehelf handelte, 
ersieht man aus dem Schlussverse : 

Heil ihm, der es lehrt, 
Heil ihm, der es lernt, 
Das Heil, all ihr Hörer, 
Nehmt euch zu Nutz! 



48 ■->• 

Die einzelnen Memorierslroplien lauten (nach H. v. Wolzogen) i 

1. HilJ reich zu helfen verheißt dir das Eine 
In Streit und in Jammer und jeglicher Not. 

Erklärung: „a", benannt „az" Gott. 

2. Ein Anderes lernt ich, das Leute gebrauchen, 
Die Ärzte zu werden wünschen. 

Erklärung: „b", benannt „buki" Buch. 

3. Ein Drittes kenn ich, das kommt mir zu gut 
Als Fessel für meine Feinde; 

Dem Widerstreite verstumpf ich das Schwert, 
Ihm hilft keine Wehr und keine Waffe. 
Erklärung: „v" (und „u"), benannt „vedi" Wissen, die über- 
zeugende rhetorische Kraft. 

4. Ein Viertes noch weiß ich. wenn man mir wirfl 
Die Arm und die Beine in Bande; 
Alsbald ich es singe, sobald kann ich fort, 
Vom Fuße fällt mir die Fessel, 
Der Haft von den Händen herab. 

Erklärung: „g", benannt „glagol" Gesang. 

5. „Ein Fünftes erfuhr ich : wenn Jröh liehen Flugs 
Ein Geschoß auf die Scharen daherfliegt, 

Wie stark es auch zuckt, ich zwing es zu stehn, 
Ergreif ich es blos mit dem Blicke." 

Erklärung: „d", benannt „dobro" tapfer, mutig. 

6. „Ein Sechstes ist mein, wenn ein Mann mich sehrt 
Mit wilden Baumes Wurzel; 

Nicht mich versehrt, den Mann verzehrt. 

Das Verderben, mit dem er mir drohte". 
Erklärung: „e, je", benannt „jet" Gift. Es ist hier nicht 
das einfache „e" sondern „je" genommen, da sonst im glagolitischen 
Alphabete eigene Zeichen hiefür sind. 

7. Ein Siebentes brauch ich, seh ich den Brand 
hoch um der Menschen Behausung; 

wie breit es auch brenne, ich bring ihn zur Ruh 
mit zähmendem Zaubergesange. 

Erklärung: Im glagolitischen Alphabete folgen nun drei „z" 
bezw. „z" - Laute, die als „zivete, zelo" und „zemlja" benannt sind. 
Welcher Begriff hier die Lösung geben soll, ist nicht klar. 



49 

8. Ein Achfes dornet mir, Allen gewiß 
am Nötif^stcn zu benutzen : 

wo irgend Hader l)ei Helden erwächst, 
da weiß ich ihn schnell zu schlichten. 

Erklärung: hier miissle der Laut „i", im Alphabete als „ize" 
und „izica" benannt, folgen. Hierin. scheint das Wort „Joch" enthalten 
zu sein („izes, igo"); es passt für die ersten zwei Zeilen; für die 
zwei restlichen aber nur im figürlichen Sinne als: bändigen. 

9. Ein Neuntes versteh ich. wenn Not mir entsteht 
mein Schiff auf den Fluten zu schützen ; 

da still ich den Sturm auf der steigenden See 
und beschwichfge den Schwall der Wogen. 

Erklärung: hier muß der Laut „k" folgen, im glagolitischen 
Alphabete „kako" ( wie?) benannt; offenkundig ist dies gleichbe- 
deutend mit dem lateinischen „Quos ego!", womit die Wogen gebannt 
wurden. 

10. Ein Zehntes verwend ich, wenn durch die Luft 
spukende Reitrinnen sprengen; 

fang ich den Zauber an, jähren verwirrt 
sie aus Gestalt und Bestreben. 

Erklärung: hier folgt der Laut „1", benannt „Ijudi" (oder 
„Ijuti") ^- Leute, Menschen oder: Böse, Furien. 

11. Ein Elftes kann ich auch noch im Kampf, 
wenn ich den Liebling geleite; 

ich sings in den Schild, und er siegt in der Schlacht, 
zieht heil dahin und heil wieder heim, 
verharrt im Heil allenthalben. 

Erklärung: hier folgt der Laut „m", benannt „mislite" er- 
wäget, seid vorsichtig ! 

12. Ein Zwölftes hab ich, hängt am Baum 
droben einer erdrosselt; 

ritz ich es dann mit Runen ein. 

herab steigt der Mann und redet mit mir. 

Erklärung: hier folgt der Laut „n", benannt „nas": Etymo- 
logie unverständlich, dürfte jedoch ein Zauberwort gewesen sein. 

13. Ein Dreizehntes nenn ich: netz ich den Sohn 
eines Edlen im ersten Bade, 

so komm er in Kampf, er kann nicht fallen, 
es schlägt kein Schwert ihn zu Boden. 



50 

Erklärung: hier folgt der Laut „o", benannt „on". Ist in 
dieser Form etymologisch unverständlich; slovenisch bedeutet „ona- 
diti" mit Stahl belegen; „on" muß also einst Stahl bedeutet 
haben. Vergl. auch das lat. „onero" bewaffnen. 

14. Ein Vierzehntes sing ich versammeltem Voll< 
beim Nennen der göttlichen Namen, 

denn aller der Äsen und Alben Art 
kenn ich so gut wie keiner. 

Erklärung: hier folgt der Laut „p", benannt „pokoj"{ Ruhe, 
Friede. 

15. Ein Fünfzehntes zähl ich, das Volkrast, der Zwerg 
sang vor den Toren des Tages 

den Äsen zur Stärkung, den Alben zur Kraft 
mir selber die Stimme zu klären. 

Erklärung: hier folgt der Laut „r'\ benannt „rci" ; es dürfte 
dies ein Übungswort zum Aussprechen des „r" gewesen sein ; an- 
sonst scheint es „mit Worten bezaubern, beredt sein (russ. ,rjecitj')'' 
zu bedeuten ; in derKöniginhofer Handschrift ,,rci" beteuern, versichern. 

J6. Ein Sechzehntes Sprech ich bei spröder Maid 
mir Gunst und Glück zu erlangen; 
das wandelt und wendet mir Wunsch und Sinn 
der schwancnarmigen Schönen. 

Erklärung: hier folgt der Laut „s", benannt „slovo" ^^ das 
gegebene Wort, das Heiratsversprechen. 

17. Ein Siebzehntes hilfl mir bei holder Maid, 
das nimmer sie leicht mich verlasse. 

Erklärung: hier folgt der Laut „t", benannt ,,tvrdi, tvjordij = 
hart; weist schon inhaltlich wie auch bildlich — mit Rücksicht auf die 
Form der Rune „t" — auf die Manneskraft. 

76'. Das Achtzehnte werde ich ewig nie 
einem Weib oder Mädchen melden; 
das bildet der Lieder besten Beschluß, 
was Einer von Allen nur weiß 
außer der Frau, die mich ehelich umfängt 
oder auch Schwester nur ist. 

Erklärung. Dies müßte der Buchstabe „h" oder „ch" sein, 
benannt „chjer, kher", da nur dieser mehr dem vollständigen alten 
Runenalphabete fehlt. Russisch heißt „chjerili" abschließen, das 
Kreuz machen, fertig sein. — 



51 

Die Edda war sonach einst wohl nur ein slavisches Schul- 
lesebuch und deutet unbedingt nuf keine germanisch-nordische 
Originalität. — Die vielen krassen Unnatürlichkeiten, wie z. B. in 
der Schöpfungsmythe, sowie sonstige phantastisch-groteske Stellen 
machen überdies den begründeten Eindruck, daß jemand, der nicht 
mehr gründlich Slavisch verstand, slavische Volksdichtungen sowie 
pädagogische Behelfe unkritisch zusammenraffte und in die eigene 
Sprache übertrug, was später zum Verleugnen oder zum unbewußten 
Vergessen der sprachlichen Priorität führte. 

Die Edda ist aber auch sonst von hervorragendem Interesse 
für die slavische Sprache und Urgeschichte, denn darin finden sich 
zahlreiche reinslavische Begriffe, die schon deshalb leicht zu erkennen 
sind, weil die Übersetzung zugleich die Erklärung bietet, denn wer 
„Yggdrasil" als „Schreckfuß", „Skogul" als „Sprungfertig", „modhi" 
als „Mut" kommentierte, muss noch so viel Slavisch verstanden 
haben, dass die Begriffe „ustrasil, skokal, moc" nur so richtig zu 
etymologisieren sind. Begriffe wie „brisin gamen", d. i. Bernstein, 
womit sich Freya schmückte, erkannte er aber z. B. schon nicht 
mehr, dass er slavisch ist und Uferstein bedeute, nachdem das 
Mineral doch immer am U fer gefunden wird, und erkannte auch das 
alltägliche Wort „gamen" nicht mehr, weil er es nicht mehr als 
„kamen" geschrieben fand, d. h. er hat es unrichtig gelesen, da in 
der älteren Runenschrift für das „g" wie „k" das gleiche Zeichen gilt. 

Die Edda bildet daher ein sehr lohnendes Gebiet für eine Durch- 
forschung der Provenienz und der sprachlichen Grundlage ihrer 
Theogonie, sowie der epischen und didaktischen Dichtungen im allge- 
meinen. Ein Zusammenhang mit dem Slavischen ist da unabweisbar 
und scheint es, dass hier so manches auf ein slavisch beschriebenes 
Pergamentblatt verzeichnet wurde, ehe die primäre Schrift gründlich 
unleserlich gemacht worden war. — 



M. Zunkovic: 

»Schwayxlix«. 

Ein Schulbeispiel oberflächlicher Forschungspflege. 

Schon im böhmischen Handschriftenstreite hatte der Verfasser 
Gelegenheit auf einen einfachen Lesefehler („stojiesi" statt „stogesi") 
im sogenannten „Vysehrad-Liede" aufmerksam zu machen, welcher 

4* 



52 

durch jedermann, der den Originallex! nur einmal normal liest, hätte 
berichtigt werden können ; und doch geschah dies durch % Oahre 
nicht, ja, im Gegenteile: weil diese Stelle als unsinnig er- 
schien, erklärte man gleich die ganze Handschrift für 
gefälscht und unterschoben, worauf sie im böhmischen Lan- 
desmuseum in die nun schon berüchtigte Schublade für „Falsifikate" 
versenkt wurde. 

Damals (1912) war nicht anzunehmen, daß sich ein ähnlicher 
Lapsus überhaupt noch sonst wo bieten oder wiederholen könnte, 
und doch ergab sich kurz darauf ein noch krasserer Fall mit gleicher 
Folgewirkung. 

Beim Studium der sogenannten „Rjetra"-Altertümer, einem Funde 
von eigenartigen Bronzegegenständen mit wendischen Runenschriften 
traf der Verfasser auf die als „Schwayxtix" benannte Statuette und 
konnte sich nicht zurechtfinden, wie man je zu dieser Lesung gelan- 
gen konnte, da sich doch jeder, der das wendische Runenalphabet 
kennt oder dem man es nur ad hoc vorweist, leicht überzeugen kann, 
daß jenes Wort dort absolut nicht steht. Weil aber hier ein „seh" 
gelesen wurde, also eine in älterer Zeit ganz undenkbare und un- 
mögliche Lautkombination, wurde sofort das Todesurteil gefällt: diese 
Altertümer seien nicht alt, sondern Fälschungen der 
Neuzeit ! 

Man möchte nun als selbstredend voraussetzen, daß bei einem 
so exotischen Funde und der großen Zahl verschiedenster Objekte 
(66) doch gewichtige Bedenken aufsteigen müßten, ob das eingravierte 
Wort vielleicht doch nicht anders lautet, denn daß ein so genialer 
Künstler, wozu gerade ein divinatorisches Wissen notwendig war, 
einen so läppischen Fehler gemacht hätte, erscheint rundweg aus- 
geschlossen, und dies umsomehr, da der „sch"-Laut bis zum XII. Jahr- 
hunderte gänzlich unbekannt war, sowie daß weder die Runen- noch 
die slavischen Alphabete diese Buchstabenkombination überhaupt 
kennen. Diese Umstände mußten unwillkürlich jedermann stutzig 
machen und zur Vorsicht mahnen, denn der Fälscher konnte nur ein 
Slave gewesen sein, der die altwendische Sprache vorzüglich be- 
herrschte, und der soll nicht gewußt haben, daß die slavischen 
Sprachen kein „seh" kennen!? 

Diese Altertümer wurden in der Zeit von 1687—1697 in Pril- 
witz (Mecklenburg) bei einer Grubenaushebung gefunden ; doch erst 
im Jahre 1768 wurde ihnen durch das Interesse des Herzogs Carl 



5.1 

von Mecklenburg die erste wissenschaftliche Behandlung zuteil. Die 
Runeninschriflen wurden damals mit Hilfe der gangbarsten Alphabete 
(von Cluver und Arnkiel) transkribiert; da aber den Text niemand 
verstand und man vermutete, daß er mit Rücksicht auf die Sprache 
der Urbewohner daselbst slavisch sei, wurde der Oberpfarrer Leto- 
chleb aus Peitz, der des Böhmischen kundig war, zu Rate gezogen, 
und bot dieser auch eine im großen zutreffende Auslegung. Aber 
schon bei dieser ersten Transskription muß ein Fehler gemacht wor- 
den sein, und seither folgte jeder blind, wie die Schildaer ihrem 
Bürgermeister in den offenen Brunnen, derselben Lesung nach und 
sah hier immer, wie hypnotisiert, ein „Schwayxtix". Freilich kam 
gerade diese Lesung der Tendenz, diese altehrwür- 
digen Kulturbeleg e tunlichst g er äu seh lo s wegzueska- 
motieren, sehr will kommen und siewurde auchvoll 
ausgenützt. 

Mögen nun auch die früheren Ausleger und die später sich ein- 
mischenden Neider dieses falsch transskribiert und gelesen haben, 
sie hätten es doch nicht berichtigt, da es fast durchwegs des Slavi- 
schen unkundige Deutsche waren ; betrübend ist es aber, wenn sich 
viel genannte Slavisten mit der Kontrolle dieser Inschriften eingehend 
beschäftigen und dabei doch nicht den handgreiflichen Fehler sehen 
oder erkennen, und wenn ja, nicht berichtigen wollen, denn sobald 
man ausdrücklich von Fälschungen spricht, muß man 
doch auch das Vorhandensein eines Originals zugeben, 
und dann ist die Fälschung keine Fälschung mehr, 
sondern lediglich eine Vervielfältigung. 

Ein solcher ernster Vorwurf muß in dieser oder jener Richtung 
hier dem bekannten Slavisten Prof. V. 3agic gemacht werden, der 
als einer der letzten Gegner in dem Aufsatze „Zur slavischen Runen- 
frage" (Archiv f. slav. Philologie, 1881) alle seine Autorität einsetzte, 
um [über die Rjetra - Altertümer ebenso autokratisch den Stab zu 
brechen, wie später in unglaublicher Verblendung auch über die alt- 
böhmischen Handschriften. 

Wir legen hier seine eigenen Bekenntnisse zur Grundlage. Im 
erwähnten Aufsatze erteilt er (S. 195) anderen die Lehre : „Nichts ist 
gefährlicher für die Erkenntnis der Wahrheit, als die urteilslose Wie- 
derholung fremder Äußerungen", und fügt zugleich noch zu, er habe 
sich, um sicher zu gehen, sogar die Originale in Neu-Strelitz selbst 
angesehen, wobei für ihn nicht die Kunstfertigkeit des 
Gelbgießers, sondern die darauf angebrachten Runen- 
schriften das Wichtigste waren. 



54 

Nichlsdesloweniger isl dagic in den eben gerügten Fehler selbst 
gefallen, denn er findet dort auch die Aufschrift „Schwayxtix". Hat 
er nun diese Figur selbst gesehen und gelesen, was wir seinen 
Äußerungen gemäß doch nicht bestreiten dürfen, so mangelten ihm 
hiezu wohl die notwendigen Runenschriftkenntnisse, was auch zu- 
zutreffen scheint, da er nur die Alphabete von Cluver, Arnkiel und 
Masch anführt. Nun schrieb Masch jenes von Arnkiel ab, Arnkiel 
von Cluver und Cluvers Alphabet ist unvollständig und dabei bedenk- 
lich falsch. Unter diesen Prämissen und der Tatsache, daß es doch 
sonst genug alte und ausführlichere Runenalphabete gibt, war aber 
Oagic noch gar nicht berechtigt, alles kurz und klein als eine Fäl- 
schung zu verrufen, den Brüdern Grimm zugleich den „Mangel einer 
festen wissenschaftlichen Überzeugung" abzusprechen, weil sie sag- 
ten, „jeder der die Rjetra- Figuren mit eigenen Augen sah, hat sich 
noch für ihre Echtheit entschieden", und schließlich pathetisch zu er- 
klären (S. 214), daß die Fälschung selbst der ältesten 
Stücke nicht vor das Oahr 1737 fallen kann". 

Nun steht aber auf der genannten Statuette (Rückseite), wie die 
beigegebene Figur zeigt,*) durchaus nicht 

S C H WA YX L I C J E V A J A M 

TIX sondern TIM 

BELBOCG BILBOCG 



'') Das OriiLjinal ist eine Handzeichnung des Hofmalers Daniel Woge aus 
dem Jahre 1770, und wie er selbst beifügt xnach den Originalien auf das ge- 
naueste gemahlet und in Kupferstichen ausgegeben)!. — Inc Redaktion ersuchte 
aber trotzdem die Verwaltung der Qroßherzoglichen Sammlungen in Neustrelitz 
um die Bewilligung einer photographischen Reproduktion dieser Statuette, um 
sie der Handzeichnung gegenüberstellen zu können. Diese Bitte wurde am 22. 
Februar 1. .1. rundweg abgeschlagen und hiezu noch der Satz beigefügt: «Im 
übrigen wird die Frage um die Prillwitzer Idole als wissenschaftlich längst er- 
ledigt betrachtet. M — Dieser aktuell doppelt deplazierte Beisatz des Kustos Dr. 
V. Buchw ald zeigt, daß da w o hl subtile O r ü n d c f ü r die F e r n h a 1 
t u n g der A u f k 1 ä r u n g \ o ; h a n d e n sei ii m ü s s c n, weil m a n 
d lese xF ä 1 s c h u n g c n h s o ä n g s 1 1 i c h a b s c h 1 i e ß t. welche die 
Fürsten von M e c k 1 e n b u r g - S 1 1- c li t z als w a h r e Freunde der 
W i s s e n s 'c h a f t einst so opferfreudig z u s a m m e n g e t r a g e n 
haben; überdies gilt i ni m e n s c h 1 i c h e n W i s s e n nichts als 
definitiv erledigt. — Ob diese Bronzegegenstände schon überhaupt je 
seit der Frfindung der [Photographie reproduziert wurden, war auch nicht zu 
erfahren möglich; auf eine frühere Bitte um Behelfe in gleicher Sache erhielt der 
Verfasser von derselben Stelle nur eine kurze, unhöfliche Antwort. — Vielleicht 
hat nun Prof. .lagic oder irgendeine Akademie mehr Qliick in dieses verzopfte 
Geheimnis einzudringen, obschon auch noch niemand behauptet hat, daß die 
Zeichnung Woges mit der Schrift auf der Figur selbst irgendwie nicht überein- 
stimmen würde. 



55 



d h. „i c h 5 1 e 1 1 e h i e m i f d e n B i 1 b g d a r", denn der Beariff 
; .ciovajav-) bedeutet Im Russischen noch heute: darsfellTn 
Umrisse machen, modellieren.**) - Auf welche Funda- 








) Zitate aus Sprachen mit besonderer Schr.ft (Russiscli. Griechisch u ■•; 1 
uerden ,m .btaroslovan,. ausschließlich in lateinischer Trans- 
skript.on gegeben, da dies für die Wissenschaft keinerlei Einbuße bedeutet 
manchem Leser aber doch Erleichterungen bietet. 

"'■) Der Fall, daß der Künstler sein «fecit, pinxit. sculpsit.. seinem Werke 
beifügt wiederholt sich bei den nordeuropaischen Runendenkmälern sehr 
häufig, denn in anderen fällen he ßt es xMeder: «vraet runa. runoh varitu vr^al 
pisar-runar u. ä. ' ' 



66 

mente oder Einflüsse hin nun dagic sein Anathema aufbaute, ist aus 
nichts zu ersehen und übrigens heule bereits belanglos; Tatsache 
ist aber, daß man sich seit jener Zeit in slavenfeindlichen Kreisen 
trotzdem stets mit großer Sicherheit auf die Entscheidung dieser 
„Autorität" beruft. 

Sieht man aber auch von der mangelnden Gewissenhaftigkeit 
bei dieser wissenschaftlichen Nachkontrolle im allgemeinen ganz ab, 
so ist es an sich ein Unsinn hier die Möglichkeit einer Fälschung 
nur zu vermuten, denn wer da weiß, daß hier zahlreiche, mit ver- 
schiedensten schönen Reliefs versehene vorchristliche Devotionalien 
modelliert, gegossen, beschrieben, nach der großen künstlerischen 
und kostspieligen Arbeit aber gleich wieder in ein starkes Feuer 
geworfen wurden, so daß sie zum großen Teile wieder bis zur 
Unkenntlichkeit abschmelzten, der muß doch zugeben, daß kein 
Vernünftiger auf eine so pathologische Art alt- 
slavische Kulturbelege herbeischaffen wird. 

Ein höchst betrübendes Symptom für die Forscherkreise ist es 
nun auf jeden Fall, wenn ein so einfacher, geradezu nach einer 
Nachprüfung schreiender Fehler durch 145 Jahre nur deshalb nicht 
aufgefunden und berichtigt werden konnte, weil sich der Nachfolgende 
immer bona fide darauf verließ, daß dar Vorgänger die Sache schon 
gründlich geprüft habe; einem solchen Bequemlichkeils- Optimismus 
verdankt daher ein gewöhnlicher Lesefehler seine ungetrübte Existenz 
durch fünf Gelehrten-Generationen !*) 



*) Etwas Ähiiliclies spielte sich vor kiiizeni in Prag ab. Als i. .1. 1911 der 
Streit um die Echtheit der böhmischen Handschriften von neuem heftig entbrannte 
und die philosophische Fakultät der böhm. Universität in Prag, — als historische 
Gegnerin der Handschritten schon seit dem J. 18b;6 — nach der dargelegten Nich- 
tigkeit aller Verdächtigungen in eine peinliche Enge geriet, da erklärten 52 Pro- 
fessoren und Dozenten in einer öffentlichen nKundmachuiigx am 31. Dezember 
1911 als MFachmännerx die Handschriften als zweifellos gefälscht. — 
War nun schon die Form an sich keine gut gewählte, so stellte sich noch kurz 
darauf heraus, dal') möglicherweise kein einziger dieser Mani- 
festanten je im Leben die «gefälschten« Handschriften 
selbst näher gesehen oder gar eingehend studiert hat, denn 
auf eine Anfrage erklärte der langjährige Bibliothekar des Landesnuiseums, Dr. 
Zibrt, der die Handschriften unter Sperre hält, daß in den letzten 20 J a h r e n 
nur 3, vielleicht 4 Personen bei ihm mit dem Wunsche er- 
schienen, sich die H a n d s c li r i f t c n näher besehen zu wolle n. 
— Nun wissen wir aber, daß darunter auch Interessenten waren, die auf der 
i'Kundmachung« nicht unterzeichnet sind; es können sonach bestenfalls von allen 
52 KFachmännern« nur 1 — 2 die Hatidschriften näher gekannt hal)en; alle 
ü b r i g e n gaben aber ö f f e n t I ic h ein Zeugnis c a r t;i h i a n c a a b. 



War es daher nur ein bedauerlicher Irrtum aus Nachlässigkeit, 
aus blindem Vertrauen auf die Tradition oder aus Unwissenheit, so 
ist derselbe nun richtiggestellt, und sind hiemit, umsomehr als die 
„Schwayxtix"-Figur stets als das Hauptargument gegen die Echtheit 
angesehen wurde, diese altslavischen Kullurdokumente 
zugleich auch rehabilitiert. — 

M. Zunkovic: 

»Jus primae noctis« bei den Slaven. 

Ein Musterbeispiel eines bedenklich plumpen wissenschaftlichen 
Irrtums gibt die Forschung und Nachprüfung, ob bei den Slaven je 
das „Jus primae noctis'', d. i. das Recht des Landes-, Lehens- oder 
Grundherrn auf den ersten Beischlaf -jeder neuvermählten Gungtrau 
bestanden habe, denn es zeigt sich hier drastisch, wie rasch und 
leicht ein logischer Denkfehler, oberflächliche Forschungspflege und 
ein infantiles Sprachwissen ein kulturhistorisches Märchen aufbauen 
und einen Sprung ins Extreme machen kann, und welche Mühe hin- 
gegen die Wissenschaft aufwenden muß, um zu überzeugen, daß nur 
Vorurteile und falsche Deduktionen diese Märchenbildung ermöglichten. 

Die außerslavische Gelehrtenwelt befaßt sich mit der Aufklärung 
dieser Rechtsfrage seit Dezennien in intensivster Weise. Zahlreiche 
Werke, welche schon kleine Bibliotheken füllen könnten, wurden 
bereits über dieses Thema geschrieben, denn die einen halten fest 
daran, daß es seit den ältesten Zeiten ein solches Recht gegeben, 
die anderen bestreiten dies wieder mehr oder weniger überzeugend.*) 
Wer jedoch darüber nüchtern denkt, hält es mit diesem Streitobjekte 
genau so wie die Weltgeschichte mit allen ihren nebelhaften Vor- 
kommnissen; sie alle gleichen einer Statue auf drehbarem Sockel 
und jeder wendet sie nach Belieben bald dem Lichte zu, bald zur 
Schattenseite hin, je nachdem der Einzelne oder die momentane 
Zeitströmung fallweise hiebet Licht oder Schatten vorzieht, wobei 
allenthalben und bis zu einer gewissen Grenze sogar jeder im Rechte 
verbleibt. 

Das Resultat aller dieser Untersuchungen, Meinungen und Gelehr- 
ten-Katzbalgereien ist aber in Extraktform folgendes: 

ein solches Recht hat im juristischen Sinne nicht bestanden; 
Jus primae noctis" war lediglich der rechtstechnische Begriff für die 

.yEme übersichtliche Arbeit dieser Art verfaüte z. B. Dr. Karl Schmidt ..Jus primae 
noctis". Freiburg i. B. 1881. Hiezu Anhang .Slavische Geschichtsquellen zum J.pr.n.« — Posen 188»;. 



58 

formelle Einwilligung des Grundherrn zu einer legalen Eheschließung, 
wofür normal eine Ehelaxe eingehoben wurde; 

das „JUS primae noctis" war mitunter eine Art demonstrativen 
Rechtssymboles, denn dadurch, daß die Tochter, die anläßlich der 
Heirat in die Zugehörigkeit eines anderen Grundherrn gelangte, die 
Brautnacht in der Wohnung des Vaters verbrachte, wahrte sie sich 
auch das Erbrecht auf das väterliche Gut, da ihre Nachkommen hie- 
mit, als in der alten Hofhörigkeit gezeugt, angesehen wurden; es 
war dies also ein mit der Brautnacht erworbenes Recht; 

wo es in unmoralischem Sinne ausgeübt wurde, war es nur ein 
Recht des Stärkeren, daher kein Recht, sondern eine Willkür, Gewalt 
oder Übergriff im allgemeinen, der sich durch die Extreme der so- 
zialen Stellung der Menschen von selbst ergibt und woran sich, so 
lange es Herrschende und Dienende geben wird, kaum je etwas 
wesentlich ändern kann. 

An ein „jus primae noctis" ist aber auch aus physischen wie 
moralischen Gründen nicht zu denken, denn die Grundherrn waren 
doch vielfach nur juristische Personen, dann Frauen (z. B. Äbtissinen), 
Witwen, Kinder, Greise, charaktervolle oder glücklich verheiratete 
Männer, welche von dem „Rechte" im unmoralischen Sinne natur- 
gemäß keinen Gehrauch machen konnten und auch nicht wollten. 
Nebstbei konnte ein solches Recht schon biologisch nicht von Konti- 
nuität sein, und war doch auch die Qualität der Braut, ihr Äußeres 
und ihr Alter hiebet maßgebend, was schließlich auch den größten 
Wüstling beeinflußt. Übrigens wird ein despotischer Grundherr wohl 
nicht erst auf die Brautnacht gewartet haben, falls er einmal für die 
Befriedigung seiner sexuellen Gelüste eine bestimmte Wahl unter 
den Schönen seines Unlertanenbereiches getroffen, also Umstände, 
die alle auf das Entschiedenste gegen eine, selbst beschränkte All- 
gemeinheit eines solchen „Rechtes" sprechen. 

Hingegen gibt es doch auch heule allerlei gesetzliche Hinder- 
nisse zur vollgültigen Eheschließung, wie: Blutsverwandtschaft, eine 
untere Altersgrenze, Militärdienstpflicht, Aufnahme in die Matriken 
u. a., daher die Ehebewerber immer zuvor einige kirchliche und 
juristische Formalitäten in verschiedenen Ämtern erfüllen müssen, 
die ja auch an diverse Geldleistungen gebunden sind. Genauso waren 
aber auch ehedem mancherlei Gründe vorhanden, welche den Guts- 
herrn bemüßigten, sich über die Eheschließung seiner Hörigen oder 
Leibeigenen das Entscheidungsrecht vorzubehalten, da schon die 
Heirat einer Vasallentochter auf die Rechte des Lehensheiren von 



59 



fühlbarer Bedeutung sein konnte. So hiätte bei völlig freier Wahl des 
Gatten ein Unwürdiger oder gar ein Todfeind des Lehensherrn durch 
Heirat in den Besitz des Lehens gelangen können; es entsprach da- 
her schon der Pflicht der Lehenstreue, daß ein Vasall seine Tochter 
nur mit Zustimmung des Lehensherrn verheiratete; der Grundherr 
durfte sich also schon aus Selbsterhaltungsgründen nicht seines un- 
bedingten Einflusses auf die Ehegründungen begeben. 

Überdies kam es doch häufig zu Eheschließungen zwischen 
Hörigen und Freien, wobei sich der erstere loskaufen mußte ; des- 
gleichen heirateten oft Ungenossen, also Hörige verschiedener Herr- 
schaften, welche nun die Genehmigung beider Grundherrn einholen 
mußten, denn der Hofbesitzer galt schon an sich als Vormund eines 
jeden Hörigen. Eine Heirat, selbst unter den Ärmsten, konnte daher 
nicht so stillschweigend vor sich gehen, denn es handelte sich dabei 
immer um- die Regelung gewisser persönlicher sowie vermögens- 
rechtlicher Angelegenheiten der Brautleute; desgleichen hatte der 
Grundherr schon aus wirtschaftlichen Gründen ein besonderes Inter- 
esse daran, daß namentlich nicht zu viele aus seiner Hörigkeit aus- 
schieden, weil er dadurch immer junge Arbeitskräfte verlor. - Alle 
Heiratsabgaben erklären sich daher lediglich als Gegenleistungen für 
die grundherrliche Ehebewilligung. Daß diese oft ganz erlassen wur- 
den oder genau präzisiert waren, ist gewiß ebenso wahr, wie daß 
habgierige Beamte dieselben willkürlich erhöhten, diese Lage zu Er- 
pressungen ausnützten oder gar allerlei menschlich unwürdige Bedin- 
gungen stellten. 

Die Heiratsabgaben hatten örtlich auch eigene typische Bezeich- 
nungen, die uns aber heute in bezug auf die sprachliche Bedeutung 
zum Teile nicht mehr verständlich sind. Sie hießen z. B. „bedemund" 
in Westphalen; „Brautgeld, Brautgulden" in Bayern; „Brautlauf" in 
Schwaben; „bumeda, burmede" bei den, Wendinnen ; „Freudengeld" 
bei Merseburg; „Hemdlaken" in Niedersachsen; „Klauentaler" in 
Mecklenburg; „Nagelgeld" in der Grafschaft Ravensburg; „Schürzen- 
taler" in der Rheinpfalz, „Bunzengeld, Punzengroschen" im ehemaligen 
Fürstentum Ouerfurt u. a. Letztere Bezeichnung ist für die Slaven 
etymologisch besonders interessant, denn darin steckt das slavische 
Wort „punca" Mädchen, Oungfrau, wie es sich bei den Slo- 
venen und Basken bis heute erhalten hat, und auch im Deutschen 
als Vulgärausdruck und Schmähwort in der Form „Funze, Pfunze" 
( sprödes Mädchen) gebraucht wird. 

Alles dies mußte vorausgeschickt werden, um nun auf dieser 
Basis darzulegen, wie sich die Verhältnisse mit dem „jus primae 



60 

noctis" bei den Slaven gestaltet haben. Doch bieten sich auch da 
keine wesentlichen Unterschiede, denn auch hier hat die Gelehrten- 
welt eine unglaubliche Verwirrung angerichtet, weil leider die sla- 
vische Philologie, welche es leichter hatte gewisse fälschlich kom- 
mentierte Gebrauchsbegriffe aufzuklären, Fehler machte, die nicht nur 
unbegreiflich, sondern geradezu traurigkomisch erscheinen. 

So erzählt die älteste russische Chronik, die den ersten urkund- 
lichen Beleg für eine Heiratssteuer bei den Russen bietet, von der 
Fürstin Olga i. 3. 96^: Jogdaz ofriesc Olga knjazeje, i lüozila brat 
ot zeniha po cor nie knnic, kak knjazai tak bojarimi ot jego podda- 
nago." Man legte sich dies folgend aus: „damals schaffte Olga das 
Fürstliche ab und verordnete, von dem Bräutigam je einen 
schwarzen Marder zu nehmen, dem Knjaz sowohl als dem 
Bojar von seinem Untertane" und meinte, Olga habe als Frau natur- 
gemäß auf das fürstliche Recht, daß die Braut die erste Nacht dem 
Fürsten gehöre, zugunsten der Adeligen verzichtet, die nun für die 
Erteilung der Ehebewilligung einen schwarzen Marder nehmen 
durften. 

Die Auslegung wäre ja nicht abzuweisen, denn es liegt doch 
nahe, daß eine Regentin die einem Weibe ganz widerstrebende Sitte 
abschafft; aber jener Satz hat den wesentlich anderen Inhalt: „damals 
schaffte Olga das Fürstliche (die Ehetaxe an den Landesfürsten) ab 
und verordnete vom Bräutigam eine gewöhnliche „kuna" ( Normal- 
münze) u. zw. sowohl dem Knjaz wie dem Bojar von seinem Unter- 
tane zu nehmen". 

Die Konfusion rührt vor allem daher, weil niemand beachtete, 
daß man die älteste russische Münze oder Münzeinheit „kuna" 
nannte, sowie daß „cerni, cornij" nicht nur schwarz, sondern 
auch Steuer-, frohn- oder abgabepflichtig, wie auch ge- 
wöhnlich bedeutet, bezw. einst bedeutete, denn jedes russische 
Wörterbuch führt diese Bewertungen als bekannt, wenn auch zugleich 
als veraltet an. — Die Abgabe selbst bezeichnete man offenkundig 
als „kunicnoje" ( Ehetaxe), weil dieselbe eine „kuna" ( Geldmünze) 
betrug, nur führte der Umstand eine Verwirrung herbei, weil „kuna", 
richtiger „kouna" (oder „kona"), zugleich den Marder bezeichnen 
kann ; überdies benennen alle Slaven die weibliche Scham (vuiva) 
auch so und führt der älteste bekannte Beleg, d. i. die „Lex Salica" 
aus dem V. Jahrhunderte (Handschrift von Sens-Fontainbleau-Paris), 
auch schon „kuna" wie „kunda" an. 

Diese Geldsteuer war sonach nichts weiter, als das amtlich er- 
worbene Recht auf die Eheschließung, und eben auf diese Abgabe, 



(Jl 

die bis nun den Landesfürsten zu zahlen war, verzichtete Olga zu- 
gunsten der Grundherrn. Ob aber „kunicnoje, kuna, kunica" an diese 
oder jene der drei Bedeutungsmöglichkeiten gelehnt ist, bleibe hier 
unerörtert, doch ist es Tatsache, daß auch andere Slaven unter 
„kunigovanje" Hochzeit, die Litauer im besonderen aber den 
Mädchenabend, Pollerabend verstehen; überdies darf bei 
einer Ehebewilligungssteuer auch eine geschlechtliche Anspielung 
in etymologischer Richtung durchaus nicht auffallen oder prüde auf- 
genommen werden. 

Ob nun der Deutungsfehler „cornaja kuna" zu schwarzer 
Marder aus Unwissenheit oder böser Absicht geschah, wer soll 
heute darüber zu Gerichte sitzen ! Aber die Folgewirkungen dieser 
Entgleisung müssen als eine bewußte Fälschung geschichtlicher Tat- 
sachen aufgefaßt werden, denn man schloß gleich daraus, daß 
unter Olga (945 -%9) die Russen noch höchst unkul- 
tiviert waren, weil sie damals noch kein Geld kann- 
ten und ihnen als Zahlungsmittel noch Häute oder 
Pelze von Mardern, Eichhörnchen usw. dienten. Um dies 
glaubwürdiger zu machen, erzählte man weiter, daß um das Jahr 
99S in Rußland noch bemalte (!) Lederstücke des Ma rders 
als Münzsurrogate galten, und folgerte dies aus einem Passus der 
ältesten russischen, sogenannten Nestorschen Chronik, wo es heißt, 
Fürst Vladimir ließ zum Andenken an den Sieg über die Pecenegen 
eine Kirche erbauen und veranstaltete zugleich ein großes Volksfest, 
wozu 300 Fäßchen Honig verwendet wurden ; überdies ließ er die 
Armen zu Hofe kommen ; nebst Speisen und Trank durfte sich ein 
jeder zum Schlüsse auch ein Stück „kuna" aus der Kassa 
nehmen. 

Diesen haarsträubenden Stumpfsinn erzählt man aber ruhig 
weiter, um hiemil darzulegen, auf welchem Tiefstande die altslavische 
Kultur noch im X. Jahrhunderte war, da man noch gar kein Hartgeld 
kannte. Alles dies ist jedoch unmöglich wahr, denn, ganz abgesehen 
davon, daß der Marder überhaupt nicht schwarz sondern braun 
ist, bleibt 

a) ein in kleine Stücke geschnittenes Marderfell, selbst wenn es 
bemalt wäre, da es bei dieser „Unkultur" wohl keine Kunst- 
miniaturen gewesen sein konnten, an sich absolut wertlos; 
wie hätte übrigens ein solches Zahlmittel nach einiger Gebrauchs- 
zeit ausgesehen ! 

b) Gab es damals viele Edelmarder, so hatten auch ganze Felle 
wenig Wert ; gab es wenige, so wird sie niemand zerschneiden, 



Ü'J 



da das Fell doch als Ganzes am wertvollsten ist; überdies 
konnte sich da jeder Geld nach Belieben selbst machen, denn 
er brauchte nur Marder zu fangen ; und so wäre schließlich 
jedes Stück Fell zur Münze geworden und wer soll dies dann 
als Kaufmittel angesehen haben? 

c) Gab es auch „marcas cunarum". Herzog Boleslav von Krakau 
entschied z.B. im Oahre 1259 einen Streit dahin, daß der Sach- 
fällige „20 marcas cunarum" zu zahlen habe; Marderfelle 
waren dies also gewiss nicht, und wenn die Strafen auf dieser 
Grundlage bemessen worden wären, so gäbe es schon seit 
Jahrhunderten keine Edelmarder mehr. 

Nun gab es aber unter Olga schon Münzen, wie die beigegebene 
Figur zeigt, die bisher auch noch niemand als gefälscht bezeichnet 
hat. Es ist dies eine Silbermünze (Museum Berlin), die auf der Avers- 
seite die Fürstin mit ihrem Sohne Svjatoslav darstellt; auf der Re- 
versseite steht jedoch der Gattungsname der Münze selbst, lautend 
„Rusov kouna", d. i. russische Münze, deutlich und für jeder- 
mann lesbar geprägt. 




Russische ,,kouna"-Münze. 



/-ÄT^ 



Eine weitere, noch unvergleichlich ältere Münze ist die nach- 
stehend abgebildete mit der Aufschrift „kunic". 

Die Wissenschaft hat sich in diesem Falle hinweg- 
geholfen, indem sie erklärte, es sei dies eine zum 
Andenken an die Vermählung Gunhildens, der Tochter 
des Polenfürsten Mscislav I. (962—992) mit dem Dä- 
nenkönig Svein Haraldson geprägte Münze. Tatsäch- 
sächlich bedeutet dies „kunica" ( kleine „kuna"), 
woraus zugleich zu ersehen ist, dass es auch Münzabstufungen gab. 

Da aber das Alter der letztgenannten Münze viele Jahrhunderte 
höher sein kann als jene der Olga, die Zeit aber doch nicht näher 




Münze ,,kunic' 



ß3 




bestimmbar ist, so sei nur noch angeführt, dass es doch schon min- 
destens 100 Dahre vor der Fürstin Olga in Russland Münzen gab, 
wie die beigegebene Figur mit der Runenaufschrift „Rurik" zeigt. 

Daß aber gerade diese erhaltene auch zu- 
gleich schon die erste Münze war, ist höchst 
unwahrscheinlich; überdies zeigt die Prä- 
gung ein« höhere künstlerische Ausführung 
als so manche späteren Münzen anderer 
Länder. So oder ähnlich wird über 
altslavische Kultur verhä itnis se 
geschrieben, trotzdem greifbare 
Beweise dagegen sprechen, und sla- 
vische Schriftsteller bestätigen 
ruhig solche Märchen oder ver- 
,.Rurik"-Münze. breiten sie gar selbst ungeprüft 

weiter. 

Daß „knjaznoje" wirklich eine Steuer kennzeichnete, ersieht 
man auch aus Analogieformen, wie „kunicnoje". — Auch in Russisch- 
Polen gab es Ehebewilligungssteuern, wie „dzevycze" (virginale, 
3ungfernsteuer), „wdovyne" (viduale, Witwensteuer — bei einer Wieder- 
verheiratung) und „pasterne" (Stieftochtersteuer)*), doch wurden diese 
Taxen bereits im Oahre 1262 für ganz Polen aufgehoben. 

Doch auch anderen rechtsfachlichen Begriffen in dieser Richtung 
wurde eine ähnliche Tendenz beigelegt. — So kennen und gebrauchen 
alle Slovenen den Ausdruck „jutrnja" für Ehe vertrag. Auch darin 
wollte man eine Anspielung auf das „jus piimae noctis" finden, mei- 
nend, es besage dies, daß die Braut erst am nächsten Morgen 
(„jutro") dem Bräutigam gehöre; der sonderbare deutsche Begriff 
„Morgengabe" ist daher nur eine falsche Interpretation von „jutrnja" 
(statt „Lebenssicherungsgabe"). Das Wort ist nämlich nicht aus „jutro" 
sondern aus „jutit.i" gebildet, das im Russischen noch immer: sicher- 
stellen, Zufluchtsstätte geben, sich einni sten bedeutet. 
Da aber der notarielle Ehevertrag tatsächlich die Sicherstellung 
der Zukunft der Braut und deren vermögensrechtliche 
Verhältnisse regelt, kann daher weiter über die Etymologie 
dieses originellen Rechtsbegriffes, dessen gemeinsprachliche Existenz 
sich doch auch im lateinischen „jus" widerspiegelt, kein Zweifel mehr 
obwalten. 



•) Den Begriff »pasterne« hielt man bisher allgemein für einen Schreibfehler in den 
Urkunden, da man keine sprachliche Erklärung für denselben finden konnte; der Slovene 
gebraucht ihn aber noch heute in der Bedeutung Stieftochter (auch Z i e h t o c h t e r) in 
der Form : pasterka, pastorka, pasterna. 



64 

Einen ähnlichen Sinn legte man auch den in allfranzösischen 
Urkunden wiederholl erwähnten Rechtsbegriffen „droit de fougage" 
(Toulouse) und jncrdolade" (Tülle) bei. Aber auch hier kann von 
besonderen Rechten auf die Brautnacht keine Rede sein, nachdem 
man ja weiß, daß das erstere in einer Steuer aller Verheirateten 
(während des ehelichen Geschlechtsverkehres), das zweite in einer 
Abgabe nur im ersten Ehejahre bestand. — in diesen Begriffen er- 
kennt man aber noch immer die slavischen Anthropophyteia „fukati" 
(slovenisch) und „mrdati" (böhmisch), nur bleibt die Frage offen, wie 
sich diese heute nur obszön gebrauchten Ausdrücke in Südwestfrank- 
reich einbürgern konnten, ein weites Feld der Erwägungen über die 
einstige Verbreitung der slavischen Sprache. Doch ist auch dies kein 
vereinzelter Fall. — Salomo ben Isak, Rabbiner in Troyes (a. d. Seine), 
geb. 1040, gest. 1105, führt in seinen religiösen Schriften eine Menge 
slavischer Wörter an, die er offenkundig beim Unterrichte verwendete, 
wie: „oplatki" ( Oblaten; der deutsche Begriff ist also ein Slavis- 
mus), „dlota" ( Meisel), „sni" ( Schnee), „guna" ( Filzdecke), 
„dohet" ( Teer), „krokim" ( ein ziemlich großer Käfer; wahr- 
scheinlich Maikäfer, da er slavisch „hrosc" heißt), „pripojiti" ( an- 
fügen) u. a. m. — Desgleichen weisen die Schriften des Zeitgenossen 
Isaks, des Rabbiners Josef ben Simon Kara in Troyes, slavische 
Glossen auf, ein Beweis, daß es sich hier durchaus um kein zufäl- 
liges Eindringen slavischer Begriffe handeln kann.*) 

Schon diese wenigen Beispiele zeigen in betrübender Weise 
einerseits, wie oberflächlich bearbeitet und gedankenlos entstellt die 
altslavischen Rechtsbegriffe sind, andererseits bieten sie zugleich 
einen kleinen Einblick in die Qualität jener Beweise, welche kon- 
struiert wurden, um das Märchen von der Unkultur und Minder- 
wertigkeit der Altslaven glaubwürdiger zu machen. 



Wissenschaftliches Allerlei. 



Der Grabstein der kroatischen Königin Oelena (t 97G). 

Die äußerst rührige archäologische Gesellschaft „Bihac" in Spljet 
(Spalato), welche sich die Erforschung der kroatischen Geschichte zur 
besonderen Aufgabe stellte, machte vor etlichen Jahren einen hoch- 
interessanten Fund in Solin (Salona). Im Atrium der großen Basilika 

•) Mitteilunj;cn des Dr. J. Freimann, Rabbiners in Holleschau (Mähren). 



H6 

stieß man bei den Ausgrabungen auf einen Sarkophag mil einem 
umfangreichan lateinischen Epitaph. Obschon aber die Schriflseile in 
90 Stücke zertrümmert war, gelang es den äußerst mühsamen Kom- 
binationen der heimischen Archäologen Don Bulic, Prof. Krzanic und 
Barac schließlich doch den Text verläßlich zu entziffern und festzu- 
stellen, daß hier die irdischen Überreste der i. 3. 976 verstorbenen 
kroatischen Königin 3elena verwahrt liegen. 

Der wissenschaftliche Erfolg dieser Inschriftlösung ist aber nicht 
nur vom Standpunkte der nun historisch beglaubigten Existenz der 
Königin Jelena (Helena) an sich bedeutend, da über diese bisher nur 
Sagenhaftes bekannt war, sondern hiemit wurde zugleich eine grö- 
ßere, in der kroatischen Geschichtschreibung unklare Epoche auf- 
gehellt. Gelena war, der Inschrift nach, die Gemahlin des Königs 
Stjepan und die Mutter des Königs Mihajlo. Nun kennt aber die 
Geschichte keine kroatischen Könige dieses Namens im X. Jahrhun- 
derte. Das Rätsel besteht jedoch darin, daß die kroatischen Herr- 
scher nach der Christianisierung zwei Namen führten, u. zw. einen 
nationalen oder offiziellen Regenten- und einen Taufnamen. Im kirch- 
lichen Gebrauche und bei christlichen Chronisten wurde nur vorwie- 
gend der Taufname, im äußeren, sogenannten diplomatischen Verkehre 
und mit NichtChristen hingegen der nationale Name angewendet. Man 
weiß aber, daß Konst. Porphyrogenetos, der das Werk „De admini- 
strando imperio" in den öahren 949 952 schrieb, die Könige Kresimir 
und Miroslav jener Zeit erwähnt, er kann somit unmöglich Könige 
gleichen Namens vom XI. Jahrhunderte gemeint haben. Nachdem 
aber auch andere Chronisten erwähnen, daß Miroslav der Sohn des 
Kresimir war, dann daß Stjepan 1. auch Miroslav hieß, ist es nun 
erwiesen, daß die Angaben auf dem Epitaph richtig sind, und war 
Oelena eben die Gemahlin des Kresimir-Mihajlo und die Mutter des 
Miroslav-Stjepan, womit der Zweifel betreffs der Doppelnamen voll- 
kommen geklärt und die Konfusion behoben ist, die noch durch den 
Zufall verstärkt wurde, daß die Gemahlin des Königs Kresimir II. 
(1018 24) auch Jelena hieß. 

Dieses Vorkommnis, daß durch Doppelnamen geschichtliche Daten 
verwirrt werden können, wird hier bewußt und zum didaktischen 
Zwecke ganz besonders hervorgehoben, weil es in der Geschichte 
der anderen slavischen Nationen auch ähnliche Situationen geben 
kann, daher bei der Entwirrung eines Namensknäuels auch diese 
Möglichkeit nicht unbeachtet belassen werden soll. 

Ein inferiores Interesse hat aber die historische Beglaubigung 
des kroatischen Namens Miroslav im X. Jahrhunderte auch für die 



66 

Böhmen. Man warf nämlich Hanka vor, er habe in „Mater verborum" 
(ein lateinisches Wörterbuch aus dem XIII. dahrh.) die Notiz „Miro- 
slav malif" zu dem Zwecke eingeschmuggelt, um den Böhmen origi- 
nalslavische Namen herbeizuschaffen oder aufzudrängen. Doch war 
dies durchaus nicht notwendig, denn wer kann heute entscheiden, 
ob der Name „Miroslav" früher bei den Süd- oder Nordslaven ge- 
bräuchlich war, denn die Ortsnamen „Miroslav" oder „Miroslava", 
die doch nicht gar so selten sind, besagen, daß dieser Name alt- 
slavisch ist, d. h. einst allen Slaven gemeinsam war. 

Den Besuchern Dalmatiens vermag im allgemeinen die Besich- 
tigung des instruktiv geordneten und rationell geführten Museums in 
Spljet auch verschiedene neue Anregungen in bezug auf die alt- 

slavische Archäologie bieten. 

Dr. A. Kova cic. 

„Jüterbog." 

Ein typischer Fall, wie gedanken- und grundlos mythologische 
Elemente konstruiert und etymologische Deutungen geschaffen werden, 
zeugt der Stadtname „Jüterbog" in der preußischen Provinz Branden- 
burg. Daß der Name slavisch sei, darüber bestand wohl niemals ein 
Zweifel, da doch durchwegs wendische Ortsnamen daselbst obwalten, 
und unter diesem Eindrucke übersetzte man auch den Namen in 
Morgengott („jutro" Morgen, „bog" Gott). Daß es sich hier 
um einen mythologischen Namen handeln müsse, suggerierte schon 
der Begriff „bog" und dies ist sodann zum Ausgangspunkte aller 
weiteren Phantastereien geworden. 

Dr. Friedrich Wagner schreibt nun unter dieser Prämisse in der 
Abhandlung : „Die Tempel und Pyramiden der Urbewohner auf dem 
rechten Eibufer" (Leipzig, 1828) S. 45: „Wenn man bedenkt, daß 
3uetre-Bog aus den beiden alten, wendischen Wörtern „juetre" 
Morgenröte, und „Bog" Gott, zusammengesetzt ist, man also die 
Morgenröte unter irgendeinem Götzenbilde hier verehrte, so wird 
dies umso wahrscheinlicher, da der „Golmberg" (10 km östlich Jüter- 
bog) der allerhöchste Punkt in einer viele Meilen weiten Umgebung 
ist, und man also von hier aus die Morgenröte selbst am frühesten 
und herrlichsten erblicken konnte, bei welchem Anblick gar leicht 
das Bild selbst vergessen und die Morgenröte unmittelbar als Gott- 
heit gedacht und verehrt werden konnte." Dann S. 62: „Wo der Gott 
der Morgenröte stand und verehrt wurde, ist klar erwiesen und ge- 
sagt, aber nicht unter welchem Bilde, wovon aber auch nichts Be- 
stimmtes nachgewiesen werden kann. Wahrscheinlich ist es, daß man 



67 

bei Verehrung des Morgengoltes oder der des Gottes der Morgen- 
röte (üulribog) gar kein Bild vor Augen blatte, sondern die erschei- 
nende Morgenröte selbst als solches betrachtete, und darin das Höhere, 
verehrbare Wesen fand, denn der eine Punkt, wo die Verehrung sol- 
cher Götter stattfand, war der Golmberg, der am höchsten gelegene 
Ort in einer weiten Umgebung." Dann S. 63: „Zwar stand auch 
in Jüterbog selbst, also in einer liefgelegenen Gegend, ein Tempel 
der Morgengöttin, aber ebenfalls auf einem künstlich errichteten 
Berge" u, s. w. 

Nun muß aber jeder alte Chronist offen bekennen, daß man die 
Gestalt dieses Gottes überhaupt nicht kennt, weil an keinem Punkte, 
wo er angeblich verehrt wurde, irgendeine Bildsäule, eine Inschrift 
oder ein sonstiger Existenzbeweis zu finden war. Dies ist aber sehr 
natürlich, denn einen solchen Gott gab es eben nie, sondern er wurde 
aus der falschen Etymologie von „jutro" statt „jut" ( Recht, Schutz) 
geschaffen; „Outerbog" bedeutet also: Schutzherr, Beschützer. 

Daß in jener Gegend der isolierte „Golmberg" sowie der „Tanz- 
berg" auf dem „Neumarkte" in Jüterbog, die man beide als von 
Menschenhand errichtet ansieht wahrscheinlich handelt es sich aber 
um eine Abgrabung, um sie sturmsicherer zu machen als Sitz des 
Schutzherrn jener Gegend diente, oder daß man sich bei feindlicher 
Gefahr daselbst zusammenscharte, ist doch naheliegend, umsomehr als 
Ausgrabungen auf beiden Punkten zahlreiche alte Kulturresiduen an 
den Tag förderten. 

Daß „jutitj" im Russischen sichern, beschützen bedeutet, 
wurde schon beim Artikel „Jus primae noctis" erwähnt. So sind 
auch die „üoten", die Riesen der germanischen Mythologie, nichts 
weiter als die S c h u t z h e r r e n einer bestimmten Gegend ; sie wohnen 
auf Höhen („Ootenheim") und bauen Verschanzungen gegen die 
mächtigen Erdensöhne, d. h. sie sorgen für den Gegend- und Landes- 
schutz, sind also die Grenzbeschützer, Grenzverteidiger 
der ältesten sozialen Organisation. 

Auf solche Art kommt allmählig Licht in die oft so groteske 
Genesis der Götlerlehren. 

„Pripeg al a." 

Noch sonderbarer ist die Entstehung des Gottes „Pripegala", 
der bei den Elbeslaven als Gott der Wollust verehrt worden sein soll. 
Man erzählt, daß ihm Menschenopfer dargebracht wurden, daß er 
umso zufriedener war, je mehr Christenköpfe man ihm brachte, weiß 

5* 



68 

aber nicht einmal, wie er dargestellt wurde. Selbstredend ist alles 
ein leeres Phantasiegebilde, denn die erste Erwähnung dieser so 
nebelhaften Gottheit stammt erst aus dem 12. Jahrhunderte, als alle 
Anhaltspunkte für die sprachliche Erklärung des Namens bereits ge- 
schwunden waren. Das Grundwort ist nämlich das slavische „pribeg" 
( Schutz, Zuflucht), „pribegala" bedeutet sonach: Zufluchtsort, 
Schutzstätte. In Jüterbog selbst war angeblich eine Höhe dem 
Gotte „Pripegala" geweiht, d. h. eine solche Höhe diente der Stadt 
als Zufluchtsstätte bei feindlicher Gefahr. M. Zunkovic. 

Zur Körperreinlichkeit der Slaven. 

Im Dezember 1910 hielt ein Prager Universitätsprofessor in 
Olmütz einen volksbildenden Vortrag, in welchem er allen Ernstes 
die alte Erzählung, daß die Slaven den Leibesschmutz geradezu als 
Präservativmittel gegen Krankheiten ansehen, wieder erneuerte. Diese 
allgemeine Behauptung, die allerdings schon lange Zeit von Geschichts- 
schreibern und Kulturhistorikern wiederholt wird, ist durch nichts 
begründet und eine Einzelerfahrung berechtigt noch niemanden zu 
generalisieren. Die Körperreinlichkeit ist bei allen Völkern mehr- 
weniger von den lokalen Wasserverhältnissen abhängig, denn die 
Bewohner an Flüssen, Seen und Meeren baden bekanntlich sehr viel ; 
Orte mit heißen Quellen werden allgemein, und je nach der Entfer- 
nung mehr oder weniger oft aufgesucht; der Türke wäscht sich vier- 
mal des Tages; der Karstbewohner, der im Hochsommer oft stunden- 
weit Wasser herbeiholen muß, erscheint stets in reinlichster Verfas- 
sung in der Kirche, da es als ein stilles Gebot gilt vor Gott rein zu 
erscheinen. Im Großen bleibt es daher noch recht fraglich, ob die 
Kulturvölker im allgemeinen mehr baden als manche Naturvölker. 

Was jedoch die Slaven im besonderen betrifft, so ist jene Be- 
hauptung noch weniger zutreffend. Die Urheimat des Dampfbades ist 
doch Rußland, wo der Wasserdampf noch primitiv durch Begießen 
von Kieselsteinen, die auf glühende Ofenplatten gelagert sind, erzeugt 
wird. Diese Badeanlage ist aber wieder ähnlich jener der Skythen, 
die doch allgemein als ein slavisches Volk angesehen werden; He- 
rodot (geb. um das Oahr 500 v. Chr.) beschreibt sie in analoger 
Weise. — Auch Ibrahim ihn Jakub, der um das Jahr %5 n. Chr. 
Mitteleuropa bereiste, schildert die Dampfbäder, wie er sie bei den 
Nordslaven selbst gesehen, ohne sich dabei auf Herodot oder eine 
sonstige Quelle zu berufen. Man soll daher nicht alles gedanken- 
los nachsprechen, zumal wenn, wie hier, geradezu verschiedene, 
gegenseitig unbeeinflußte Beweise das reine Gegenteil bezeugen. 

V. Sokol. 



69 

Die Entdeckung des „Zacher 1 i n s". 

Der bekannte Insektenpulverfabrikant Zactierl stand in jungen 
Oahren in Dalmatien im Militärdienste. Gelegentlich fragte er die 
Einheimischen, woher sie das so erfolgreiche Insektenpulver gewin- 
nen und erfuhr, daß hiezu die Blülenköpfe einer vorwiegend in Dal- 
matien und Montenegro wachsenden Kamille, genannt „hii/iüc" 
( Flohblume ; Chrysanthemum cincrariaefolium), verwendet werde. Er 
griff diese Erfahrung und Maßregel, die bei den Dalmatinern 
schon seit undenklichen Zeiten bekannt und erprobt 
war, auf und wurde auf diese Weise Millionär. V. Sokol. 



Wissenschaftliche Fragen und Antworten. 

Hier werden ausschließlich solche einlaufende Fragen veröffentlicht und fallweise 
beantwortet, die das Gepräge eines breiteren wissenschaftlichen Interesses tragen. 



Frage 1. In das grosse Programm der Bibliothek „Staroslovan" 
sind im allgemeinen folgende Werke aufgenommen : 

Slavische Runendenkmäler. 

Etymologisches Ortsnamenlexikon. 

Altslavisch-deutsches und deutsch-altslavisches Wörterbuch. 

Altslavisches Lehr- und Lesebuch. 

Sammlung von Sprachidiotikons. 

Slavische Archäologie. 

Slavische Urgeschichte. 

Altslavische Kulturgeschichte. 

Altslavische Flurverfassung. 

Altslavische Wehr- und Schutzbauten. 

Altslavische Rechtskunde. 

Altslavische Münzkunde. 

Altslavische Geographie. 

Atlas mit den ältesten slavischen, also Original-Ortsnamen. 

Alislavische Handelswege. 

A Itslavische Volks-Pharmakologie. 

A Itslavische Geheim wissenschajten . 

Slavische Volksgebräuche. 

Die Volksepik der Slaven. 

Die Volkslieder der Slaven bei Zurückjührung der Varianten auf 
den Ursprung. 



70 

Slavische Mythologie. 
Altslavische Religionsgeschichte. 
Altslavische Schriftdenkmäler : 

a) profane, 

b) kirchliche. 

Sammlung alter slavisch-diplomatischer Urkunden. 

Ausgabe noch nicht edierter oder vergessener, für die Slaven wert- 
voller Werke. 

Denkmäler der ausgestorbenen slavischen Sprachen. 

Altslavische Ornamentik. 

Geschichte der slavischen Trachten. 

Monographien verschiedener sonstiger Wissenszweige, soweit sie 
Altslavisches tangieren. 

Reallexikon der slavischen volkstümlichen Terminologie. 

Slavische Kriegskunst und Kriegsgeschichte u. a. m. 

Schon diese Reihenfolge zeigt, mag sie bei der Durchführung 
des Planes auch nicht voll eingehalten werden können, dass die 
ersten zwei Werke vornehmlich bezwecken den Glauben an die 
grosse weltgeschichtliche und kulturelle Vergangenheit der Slaven zu 
verkündigen und zu verbreiten, sowie ihn demonstrativ zu festigen ; 
die weiteren Werke hingegen sollen teils die Mittel zum Studium 
in dieser Richtung bieten, teils aber zu weiteren Detailforschungen 
anregen oder zur Nutzanwendung der gemachten Erfahrungen dienen. ~ 

Da wir aber einerseits als sicher annehmen können, dass eine 
deutsche Akademie kaum Werke dieser Richtung ausgeben wird, 
sowie dass andererseits die slavischen Akademien vor allem ihrem 
sprachlichen Wirkungskreise Rechnung tragen werden, ist es nahe- 
liegend, dass sonach niemand weiter da ist, der nun dieses Wissen 
auch Nichtslaven zugänglich machen könnte, daher die Mission des 
„Staroslovan" gewiss eine tiefe, da zweifache bildungsorganische 
Berechtigung hat. 

Wir fragen uns nun öffentlich an, wer vor allem die Verfassung 
des altslavisch-deutschen Wörterbuches sowie eines solchen Lehr- 
und Lesebuches übernehmen würde? (Einige Mitarbeiter haben sich 
für das Wörterbuch bereits gemeldet.) Für beide Werke sind wohl 
schon wertvolle Vorarbeiten, wie : Miklosich, Leskien, Vondräk vor- 
handen, doch müssten die neuen Arbeiten dem Fortschritte der 
Wissenschaft bis heute und bis zu einer gewissen Grenze auch der 
Aufnahmsfähigkeit in den Volksschichten mittlerer Schulbildung an- 
gepaßt werden. — Gleichzeitig fordern wir auch alle Forscher und 



71 

Fachschriflsteller auf, die sich für die Ausarbeitung des einen oder 
anderen sonstigen Werkes berufen oder vorbereitet fülilen, sicti schon 
jetzt zu melden, damit die bevorstehende immense Arbeit baldigst 
in eine gewisse didaktische Relation zu ihrem großen Zvi/ecke ge- 
bracht werden könne. — Die gegenseitigen Bedingungen werden dann 
schriftlich ausgetauscht. Da eine jede solche gut angelegte Arbeit 
sodann begründete Aussicht hat auch in andere Sprachen übernommen 
zu werden, hat der Verfasser mehrfache Möglichkeit durch seine 
Arbeit nutzbringend zu wirken und die allgemeine Bildung zu heben. 

F r a g e 2. Mehrere Anfragen aus Mitgliederkreisen lauten dahin, 
ob sich der „Staroslovan" auch mit der Echtheitsfrage 
der böhmischen Handschriften befassen wird. 

Antwort: Eingehender nur in dam Falle, als etwa noch eine 
seriöse Einwendung gegen die Echtheit vorgebracht würde, denn wir 
wollen doch niemand zwingen, daß er etwas glauben soll, was er 
nicht glauben will, und naive Zweifler oder Uneingeweihte mögen 
sich selbst folgendes beantworten. Die herrlichen altböhmi- 
schen Dichtungen sind unbedingt da, es muß sie also 
jemand u.Z. ein hervorragender Dichter geschaffen 
haben; um 1817 gab es aber nicht einmal einen solchen 
von bescheidener Mittelmäßigkeit. Angenommen jedoch, 
jener Dichter hüllte sich in Anonymität; woher kannte er die 
altböhmische Sprache so vorzüglich, wie um das 
Oahr 1817 niemand; woher hatte er diese ohne Lese- 
buch oder Lehrer unmöglichen Kenntnisse, denn 
Dobrovsky, der im äußersten Falle dabei in Kalkül 
gezogen werden könnte, verstand selbst viele Stellen 
der Dichtungen nicht und erkannte sie bis zum Jahre 
1911 niemand. Pergament und Schrift sind alt und 
waren zur Zeit der Auffindung natürlich alt; und wer 
kann dem Zahn der Zeit Konkurenz machen?! — 

In welcher unwürdigen, fern von Wissenschaft oder Wahrheit 
liegenden Weise man überdies die Handschriften zu diskreditieren 
sucht, war erst kürzlich in verschiedenen deutschen Tagesblättern 
zu lesen. Es starb der pensionierte Universitätsbibliothekar Anton 
Zeidler, bei welcher Gelegenheit erst des Geheimnis gelüftet wurde, 
daß dieser es war, der i. 3. 1858 Hanka anonym der Fälschung 
der Königinhofer Handschrift beschuldigte. Da Hanka nun den 
Schutz seiner Ehre beim Gerichte suchte, wurde der damalige Redak- 
teur des „Tagesbote für Böhmen", David Kuh, welcher die Denun- 
zierungen veröffentlichte, in erster und zweiter Instanz verurteilt, in 



72 

dritter jedoch freigesprochen, was nun dahin ausgelegt wurde, 
Hankas Fälschungen seien auch gerichtlich bestätigt 
worden. Hiemit wurde jedoch der wahre Sachverhalt der Öffentlich- 
keit entstellt geboten, denn der Oberste Gerichtshof, der zuvor das 
Gutachten des zu jener Zeit bedeutendsten Slavisten Franz Miklosich 
eingeholt haben soll, begründete damals (18G0) seine Entscheidung 
(dem Sinne nach) folgend : „es sei durchaus keine Beleidigung, wenn 
jemand Hanka die Fähigkeit zumutet eine solche Geistesarbeit zuwege- 
zubringen, da man ihn hiemit nur ehre". — Wer bei dieser 
geistreichen forensischen Satire als sachfällig an- 
zusehen war, ist wohl kein Zweifel. — 

Da sich aber diese Verdächtigungen und inbezug auf ihren 
Ursprung meist unkontrollierbaren Angriffe sonderbarerweise immer 
auf deutscher Seite erneuern, wo jede sachlich tiefere Orientierung 
über die Wahrheit fehlt, so wollen wir den Zweiflern noch drastischer 
und verständlicher kommen, als es die letzte Gerichtsinstanz tat, indem 
wir folgendes zur genauen Erwägung vorschlagen : wer da ernstlich 
glaubt, daß man in einer Sprache dichten könne, die niemandem 
bekannt ist, und wobei sich hernach herausstellt, daß sie einst 
doch so aussah und lautete ; — wer da ernstlich glaubt, daß man 
eine Handlung poetisch bearbeiten könne, die man erdichtet hat, die 
sich aber 100 Oahre später doch als ein konkretes Geschehnis 
herausstellt, sowie auch in Zeit und Raum genau übereinstimmt ; - 
wer da ernstlich glaubt, daß jemand dem Pergamente, der Farbe oder 
der Schrift künstlich ein Äußeres geben kann, oder vor 100 üahren 
geben konnte, als die Chemie noch in Kinderschuhen war und was 
nur Jahrhunderte natürlich schaffen können, dem muß man auch 
zumuten, daß er ebenso gläubig noch an Hexenkünsten hängt, die 
bei Kühen rote Milch hervorzaubern, mit bösen Blicken Leibesschäden 
zufügen oder einen Besen zu Luftfahrten benützen können, denn das 
eine wie das andere sind Voraussetzungen, die jedem Naturgesetze 
widersprechen. ~- Sapienti saf ! 

Frage 3. H. 1 n g. o h. Pas.. . W i e n. Die Anregung nach 
Einführung einer diplomatischen Sprache für alle Slaven ist durchaus 
nicht neu. Unserer Ansicht nach dürfte dies jedoch keine Kunstsprache 
sein, die ja geradezu eine Verkümmerung und Mißhandlung des 
natürlichen Sprachgefühles sowie die Ertötung des Geistes der Sprache 
selbst bedeutet, sondern die einst gemeinsame, ungemein konzise ait- 
s lavische Sprache. Dies erfordert aber noch bedeutende volks- 
erziehliche Vorbereitungen für die allseitige Erkenntnis dieser Not- 
wendigkeit und namentlich, eine fundamentale Orientierung 



73 

Über das geschichtliche, kulturelle wie soziale A 1 1- 
slaventum. - Daß die Gründer des „Slaroslovan" diese Mission 
als eines der ersten und wichtigsten Postulate erkannt haben, zeigt 
das bereits im ersten „Aufrufe" an den Tag gelegte Streben vor 
allem ein brauchbares Lehr-, Lese- und Nachschlagebuch zur Vor- 
bereitung und Ermöglichung des altslavischen Sprachstudiums zu 
beschaffen. Die Verwirklichung der Idee selbst ist im Grunde genom- 
men und bei gutem Willen eine leichte, denn erwägt man, daß so 
viele Slaven doch eine geistlose mechanische Kunstsprache (Esperanto, 
Ito) lernen, deren Elemente ihnen völlig fremd sind, und gerade das 
Slavische am wenigsten beachten, so werden sie des Altslavische 
umso leichter und begeisterter aufnehmen, nachdem sie in dessen 
Geiste doch schon seit dem ersten Lebenstage atmeten. — Man darf 
hiebei auch nicht vergessen, daß jede Majorität mit einer Stimme 
beginnt und daß jede große Idee immer vorerst als Utopie ange- 
sehen wird. 

Frage 4. „Trap". Der Südslave, namentlich Slovene, nennt 
die trapezförmige Wagenschere (Zwiesel) am Vorderteile des Last- 
wagens „trap". Kommt dieser Begriff noch sonst wo in diesem 
oder verwandten Gebrauche vor, da darin die slavische Urform für 
„Trapez" verborgen zu sein scheint? Vereinzelt kommt auf 

deutschem Gebiete auch die Bezeichnung „Trappe" für spitzauslaufende 
Besitzgrenzen vor. 3. T. 

Frage 5. „Lapak" Bei vielen Städten und Märkten, die 
ehemals befestigt waren, wiederholt sich der lokale Name „lapak", 
der immer auf einen sich knapp außerhalb der einstigen Umfas- 
sungsmauer befindlichen Punkt deutet. Wo kommt diese Benennung 
noch vor und welche Charakteristik sowie Lage hat jenes Gebiet? 

J. T. 

Frage 6. „Chlipa". — So lautet eine altböhmische Glosse 
in „Mater verborum", die auch erst Hanka eingetragen haben soll, 
daher sie unter die 850 „falschen" Glossen gezählt wird. Genau so 
aber wie die übrigen nicht gefälscht sind, ist auch „chlipa" echt. Der 
Verfasser fügte erklärend zu: „Salacia, dea paganonim maritima." — 
„Salacia" galt den Römern als Meeresgöttin, d. i. als Göttin des 
günstigen Windes. 

Daß jedoch das Wort slavisch ist, war bis heute unbekannt, und 
noch Palacky meinte, es decke sich dies mit dem deutschen Begriffe 
„Khppe". Und doch kennt und gebraucht der Slovene noch heute das 
Wort „hlip" (masc.) für: ruhiger, regelmäßiger Wind. — Man 
weiß bei jedem Hause, wo der „hlip" ist, und nennt einen Punkf 



74 

mit einer konstanten Luftbewegung oder die günstigste Stelle für eine 
Windmülile „na tilipu". Es ist datier aucti setir begründet, wenn 
Windmütilen oft gar nicht auf einer Hölie, sondern geradezu am 
Hange oder in der Sattelgegend stehen, weil man empirisch heraus- 
gefunden, daß dort der günstigste „hlip" ist. 

Dem Slovenen ist also noch das Wort in der Urbedeutung be- 
kannt, dem Böhmen ist es aber schon eine weibliche Personifikation 
des Windes, doch verfiel bisher augenscheinlich niemand auf die 
Bedeutung, und selbst Hanka nicht, der vermeintliche „Fälscher" ! 
Wer hat also diese Glosse eingetragen? Doch nur jemand, der das 
slavische Wort kannte ! — Kommt aber dieser Begriff nicht, 
wenigstensimDialekte, auchirgendwo anders vor? — 

M. Z. 

Frage 7. „Otava". — 3. Ch. fragt an, ob „otava" ( Grum- 
met) mit dem böhmischen „zolavili se" ( sich erholen) sprachlich 
verwandt ist. — 

Antwort. Gewiß, denn „otava" ist eben das nach dem Ab- 
mähen des ersten Graswuchses, des Heues, sich erneuernde, also 
sich erholende Gras, d. i. das Neugras. - Diese Bildung setzt 
sich übrigens sprachorganisch auch noch konform weiter fort, denn 
der Kroate und Slovene benennt das Neugras, das sich wieder nach 
der Grummetmahd entwickelt und auf guten Wiesen abermals gemäht 
wird, „otavic" ( zweites Grummet). Es handelt sich also hier um 
drei Generationen des Grases, und zeigt dies eine bewunderungs- 
würdig natürliche wie logische Gedankenarbeit im Aufbaue der Volks- 
sprache. 

Frage 8. „Otrok". Derselbe Interessent wirft die Frage 
auf, weshalb der Böhme unter „otrok" den Sklaven, der Russe 
den Knaben (von 7 \k Jahren) oder Pagen, der Kroate den 
Diener, der Slovene das Kind versteht, und welche Motive diesen 
Wechsel in der Bedeutung herbeigeführt haben mögen. — 

Antwort. Hier handelt es sich wohl nur um die sprachliche 
Fixierung der sozialen Stellung, d. i. der Unmündigkeil und 
Unselbständigkeit im allgemeinen, die hier doch in allen Fällen 
vorwaltet, denn die Bedeutung bewegt sich immer um das Zentrum 
des fehlenden persönlichen Selbstbestimmungsrechtes im guten wie 
bösen Sinne. Überdies scheint die Etymologie des Begriffes selbst: 
„ot rok", d. h. fern von Jahren, also: fern von der Voll- 
jährigkeit, die vorausgehende Erklärung zu bestätigen. 



Frage 9. „Dovina". Es wurde wiederholt die Frage erör- 
tert, westialb die Fuldaer Annalen die Burg „Devin" als „Dovina" 
bezeiclinen. 

Antwort. Der Ctironist war wotil ein Wende oder Russe, sah 
„Djevin" in Runenschrift geschrieben und sprach dieses „je" in seiner 
Art als „jo" aus. Der Nichtrusse macht den umgekehrten Fehler; 
er sagt immer „Berezina" und „Pötemkin", da er nicht weiß, daß 
das „6" hier ein „e" also ein „jo" ist, daher diese Namen richtig 
als „Berjözina" und „Potjömkin" auszusprechen sind. Das „Wendische 
Runenalphabet" gibt übrigens hiezu die weitere Orientierung und zeigt, 
dass es sich bei „Dovina" durchaus um keinen Schreibfehler zu han- 
deln braucht. 



Bibliographie. 



Alle einlangenden Werke werden grundsätzlich mit Titel, Verlag und Preis an- 
geführt; jene, welche altslavische Themata berühren, auch kurz besprochen, even- 
tuell später noch eingehender gewürdigt. Unaufgefordert zugesendete Werke 

werden nicht zurückgestellt. 



^opolovsek jloh., 2)ie sprachliche llrverwandschaft der 
Undogermanen, Semiten und [Indianer. — Wien 1912, 8", 132 S. 
— Kommissionsverlag H. Kirsch. — Preis ? 

Auf Grund der Vergleichung der Sprachwurzeln der indogerma- 
nischen, semitischen und Indianersprachen tritt der Verfasser mit dem 
äußerst überraschenden Resultate auf, daß derselbe Wortstamm über- 
all dieselbe oder doch eine organisch verwandte Bedeutung habe, 
und dabei nahezu überall zur slavischen Urform und Grundbedeutung 
zurückführe. Das Schlußresultat ist demnach klar: es gibt keine 
isolierten Sprachen. Die sprachvergleichende Wissenschaft hat 
daher — abgesehen von ihren rein theoretischen Forschungszielen — 
auch ein eminent völkerpsychologisches Problem zu lösen. Ihr obliegt 
es, wie der Verfasser im Vorworte sagt, den Beweis zu erbringen, 
daß alle Sprachen auf einen Ursprung zurückgehen ; ihrer harrt die 
schöne, weltbeglückende Aufgabe, der Menschheit zum Bewußtsein 
zu bringen, daß alle ihre Mitgheder von der grauen Vorzeit bis zur 
lichten Gegenwart ein brüderliches Band umschließt. — 



76 

Topolovsek kündigt unter Einem noch drei andere ähnliche 
Werke an ; wir können sie alle nur begrüßen, denn je mehr Beweise, 
desle leichter und nachdrücklicher wird die Überzeugung. 

Dr. J. Velic. 

^unkovic M., S)ie ^iandschriften von Qrünberg und 
üiöniginhof, dann das ^ysehrad-Xied. — Die irrtümlich als mo- 
derne Fälschungen geltenden ältesten böhmischen Dichtungen. — Origi- 
naltextausgabe verdeutscht und erläutert. — Kremsicr 1912, 8", X und 
146 S. mit 3 farbigen Schriftbeilagen und 7 Textillustrationen. Verlag 
H. Sloväk, Kremsier. — Preis 4 K. 

Wie schon der Titel orientiert, widerlegt der Verfasser nicht nur 
die Behauptungen, daß diese Handschriften gefälscht sein könnten, 
umsomehr, als sie noch nie gründlich studiert wurden, sondern er 
stellt zugleich fest, dass z. B. die Handschrift von Grünberg geradezu 
das älteste bekannte Schriftdenkmal aller Slaven sei. — Ist schon die 
wissenschaftlich vielseitige Beibringung des Echtheitsbeweises ein 
Ereignis für die Gelehrtenwelt und eine angenehme Überraschung für 
die böhmische Nation, so muss die geniale Übersetzung noch ganz 
besonders hervorgehoben werden, denn dadurch wurden die Dich- 
tungen nicht nur dem Deutchen, sondern auch dem Slaven erst ver- 
ständlich gemacht, weil viele Stellen des Originales erst durch die 
Übersetzung geklärt wurden. — Durch die formvollendete Übersetzung, 
welche die Worttreue aber zugleich auch den Wohlklang be- 
rücksichtigt, haben diese Dichtungen ausserordentlich gewonnen, da 
ihnen eine solche Pflege bisher mangelte. — 

Das Dresdener „Salonblatt" vom 21. Dezember 1912 schreibt 
unter anderem folgendes darüber: „Zs. Polemik ist so einleuchtend, 
daß man ihm wohl wird recht geben müssen und es erscheint hiemit 
der Streit um diese ältesten Schriftdenkmäler slavischer Kultur zu- 
gunsten ihrer Echtheit entschieden. Noch verdienstvoller scheint uns 
die Übersetzung ins Deutsche, die den mährischen (!) Major als einen 
tiefsinnigen Interpreten zeigt, dem vor allem das sprachliche Material 
in einer Weise zu Gebote steht, wie den wenigsten selbst beruflichen 
Slavisten kaum vorher. Diese große sprachliche Sicherheit ist ein 
Grund mehr, dem Verfasser bei seinen Gründen für die Echtheit der 
Handschriften zu folgen, und sein Buch kann deshalb für die Slavi- 
stik eine grundlegende Bedeutung gewinnen." — 

Es ist kein Zweifel, daß diese herrliche altböhmische Volks- 
poesie nun auch in andere Sprachen übertragen wird. 

Dr. E. W i si n g er. 



2>avadil Dos. S)r., ^elehrady 3)evin a ZNitra. (Die Groß- 
biirgcn Devi'n und Neutra). — Krcmsier 1912, Lex. 110 S. mit 3 Skiz- 
zen und 13 Textillustrationen. — Verla<r H. Slovdk in Kremsier. — 
Preis 1 K 50 h (mit der Post 1 K 70 h). 

Ein Werk von doppeltem Verdienste! — Der Verfasser liat 
liiemil ein Muslerbild einer topisciien Monographie geschiaffen und 
gezeigt, wie man unter Zuziehung und Verwertung einschlägiger 
Wissenszweige und Einhaltung eines objektiven Standpunktes eine 
historische Stätte zu beschreiben hat; er hofft aber auch hiemit zu- 
gleich, sozusagen sprachchirurgisch, dem Streite über die wahre Lage 
des „Velehrad" ein peremptorisches Ende gemacht und den ständigen 
Empfindlichkeiten in dieser Sache in allseits befriedigdder Weise 
den Stachel abgebrochen zu haben. 

Der Verfasser ist der Ansicht, daß „velehrad" im Prinzipe 
kein Eigen-, sondern nur ein Gattungsname ist; gewöhnliche Burgen 
nannte man „hrad", festere, größere, namentlich aber wichtigere 
„velehrad", ohne den eigentlichen Eigennamen beizufügen, sofern 
man in der Gegend eben bekannt war; traf letzteres nicht zu, so 
wurde auch der Eigenname beigefügt. „Velehrad" bedeutet demnach 
soviel wie das lateinische „urbs, civitas" ; die Römer nannten sehr 
oft ihre Hauptstadt nur „Urbs". Analog nannte der Umwohner von 
Preßburg die Burg „Devin" kaum anders als „Velehrad" ; die Fuldaer 
Annalen hingegen nennen Devin : „Dovina ineffabilis Rastizi munitio" . 
Der Autor führt nun seine Gründe an, warum mit dieser Benennung 
(„inefabilis Rastizi munitio") nur Devin (Dovina) gemeint sein kann. 

— Ein Analogon bietet doch auch das heutige Leben ; geht der Bauer 
in die ihm nächste Stadt, so antwortet er einem Bekannten : „ich 
gehe in die Stadt", einem Unbekannten: „ich gehe in die Stadt N". 

— So hat nun Mähren seinen kirchlichen, und das Großmährische 
Reich seinen weltlichen „velehrad", denn die Burg Rastislavs an der 
Donau kann unmöglich 140 km davon entfernt, als „an der Donau" 
gelegen bezeichnet worden sein. 

Zavadils Arbeit zu kennen, kann jedermann, der böhmisch ver- 
steht, zum Nutzen gereichen, und demjenigen geradezu zur Vorlage 
dienen, der die Geschichte eines Ortes wissenschaftlich erschöpfend 
beschreiben will. 

Für den Berufshistoriker wird es auch vom Interesse sein zu 
erfahren, in welcher Weise der Autor einzelne in der Geschichte des 
Großmährischen Reiches dunkelgebliebene Probleme aufzuhellen, bezw. 
zu lösen versucht. Hervorzuheben ist da vor allem die bisher von 



78 

von keinem Forscher genügend aufgeklärte Ursache des unseligen 
blutigen Zwistes unter den Söhnen Svatopluks. Er stellt vorerst fest, 
daß dieser nur zwei Söhne, Mojmir und Svatopluk hatte, von denen 
letzterer beim Tode des Vaters noch ein Kind war, und bestätigen 
dies auch die Fuldaer Annalen. Diese Söhne hatten jedoch verschie- 
dene Mütter, da Svatopluk zuerst mit einer böhmischen Herzogstochter 
— vermutlich einer Schwester Bofivojs — nach deren Tode aber mit 
einer deutschen Prinzessin vermählt war. Mit der letzteren gelangte 
als deren Beichtvater der deutsche Priester Wiching an den mährischen 
Fürstenhof, woselbst er einen übermächtigen Einfluß gewann. Daß 
nun nach Svatopluks Tode die der Witwe und deren Sohne ergebene 
deutschfreundliche Partei in schroffen Gegensatz zu der von Mojmir 
repräsentierten slavischen Richtung kam und dieser Parteizwist bald 
in blutige Fehde ausartete, ergibt sich aus der damaligen politischen 
Situation mit logischer Konsequenz. 

Es fragt sich aber nun noch, wie kommt der mährische „Vele- 
hrad", der tief im Tale liegt und gewiß nie ein Objekt von größerer 
Widerstandskraft gewesen sein konnte, zu diesem unlogischen Namen? 
— Der Verfasser gibt hierzu im VI. Abschnitte die Erklärung. Der 
heutige Ort Velehrad war es allerdings nicht, aber doch die Altstadt 
(Stare mesto) in der Nähe von Ung.-Hradisch an der March. Seine 
Ansichten gibt der Verfasser in bescheidener Weise als seine Hypo- 
thesen, durch welche die schwierige Aufgabe vielleicht doch befrie- 
digend gelöst werden könne; er meint: Devin an der Donau war 
Rastislavs bezw. Mojmirs „Velehrad", Neutra war Svatopluks „Vele- 
hrad". Nachdem aber der östliche Teil des Großmährischen Reiches 
unter den Söhnen Svatopluks an die Magyaren verloren gegangen 
und Devin zerstört war, mußte Mojmir darauf bedacht sein, den 
übrigen Teil seines Reiches an der östlichen Grenze zu schützen, 
und gründete eine befestigte Stadt an der March. Wenn nun Altstadt 
(bei Ung.-Hradisch) etwa 100 Jahre früher gegründet worden ist, als 
es der Archäolog Cervinka angibt, dann wäre alles erklärt. 

Was aber die dem heutigen Wallfahrtsorte Velehrad seit Jahr- 
hunderten zugeschriebene Cyrillo-Methodische Tradition betrifft, so 
erklärt der Verfasser den Ursprung derselben folgend: für eine er- 
folgreiche Missionsarbeit der Slavenapostel Cyrill und Method eignete 
sich unter Rastislav und Svatopluk eine gegen feindliche Überfälle 
mehr gesicherte Gegend in den damaligen Urwäldern um das heutige 
Osvetiman (zirka \b km westlich Ung.-Hradisch), wo man noch 
heute die Überreste eines Klosters und einer Kirche sehen kann und 
wo Nachgrabungen ein sehr wertvolles archäologisches Material zu- 



tage fördern dürften. Die Umwohner nennen diesen Ort „beim hl. 
Kiemens" („u sv. Klimenla"). Der Tradition nach waren die Reliquien 
des hl. Kiemens hier bis zu jener Zeit aufbewahrt, als sie von Cyrill 
und Method übernommen wurden. Für die Umgebung war und ist 
vielfach dieser Ort noch jetzt ein Wallfahrtsort. So bleibt nun dem 
heutigen Velehrad (in der Nähe von Altstadt, also einst auch ein 
„velehrad") und Osvetiman seine Wichtigkeit und Ansehen gewahrt. 

Von einem „Velehrad" als Festung an der heutigen Stelle in 
Mähren kann aber so lange nicht gesprochen werden, bis der Spaten 
hiefür keine sichtbaren Beweise an den Tag bringt, denn die Grund- 
mauern einer großen Verteidigungsanlage können auch nach einem 
dahrtausend nicht spurlos aus der Erde verschwinden. 

Möge das Werk Dr. Zavadils namentlich bei berufenen Fach- 
männern eine ihm gebührende Beachtung und Würdigung finden ; es 
ist geeignet, den langwierigen Streit um die Lage der „inefjabilis 
Rastizi munitio", des „velehrad" des Großmährischen Reiches der 
Lösung endlich näher zu bringen. Tolle lege! — 

Dr. Fr. N äbelek. 

^ahn 3K^. G., Slavina. Eine wendische Sage. — Verlag R. Eck- 
steins Nachfolger, Berlin W. 37. — Preis 1 K 80 h. 

Diese schöne epische Dichtung schildert die Kämpfe der Wenden 
(Obotriten) mit den Sachsen um das CJahr 1105. Die Hauptperson 
bildet hiebet Slavina, die jugendliche, schöngestaltete aber liebessüch- 
tige Gattin des alternden Sachsenherzogs Kruko, die diesen unter 
Mitwirkung ihres Liebhabers ermorden läßt, um dessen Ehegenossin 
zu werden. — Die Sprache ist äußerst gewählt, die Handlung von 
tiefer, bewegt dramatischer Wirkung ; namentlich fällt aber die ge- 
diegene Kenntnis der altslavischen Geschichte, Kultur und Mythologie 
sowie die volle Objektivität seitens des deutschen Dichters unter den 
heutigen Verhältnissen angenehm auf. — Dieses Epos würde es ehr- 
lich verdienen auch in die slavischen Sprachen übertragen zu werden, 
und wäre überdies ein dankbarer Stoff für die Dramatisierung. 

Dr. E. Wi sing er. 



80 

An die Mitglieder und Freunde des 
»Slaroslovan« ! 

Das vorliegende 1. Heft des „Staroslovan" orientiert nun jedermann, 
wie wir unsere gestellte Aufgabe auffassen und im großen zu lösen ge- 
denken; nebstbei wurde diesmal die Wahl der Artikel derart getroffen, 
daß die wichtigsten wissenschaftlichen Themata gleich vom großzügigen 
Standpunkte beleuchtet erscheinen, um möglichst bald mit unseren Lesern 
wie Mitarbeitern in einen lebhaften Interessenkontakt und in eine un- 
gezwungene Aussprache zu treten. 

Daß wir einer allgemeinen fördernden Unterstützung seitens aller 
Mitglieder und Freunde benötigen, haben wir gleich eingangs ausge- 
sprochen. Unser vorläufiges Anliegen besteht in folgendem: 

a) wir bitten um Zusendung von Werken, Illustrationen, Skizzen u. 
drgl. von Runendenkmälern jeder Art, oder doch Mitteilungen, wo 
jemand etwas Einschlägiges gesehen. Es liegt nämlich noch viel 
Material unbeachtet oder unerkannt in Museen oder Bibliotheken, 
dann in schon vergessenen oder schwer zugänglichen Werken, die 
dem Einzelnen leicht entgehen ; 

b) wir bitten um leihweise, d. i. bis auf Widerruf erjolgende Über- 
lassung von Lexikons welcher Sprache immer, namentlich sind uns 
die ältesten und ausführlichsten Ausgaben erwünscht. Besonders 
werden schon die Wörterbücher Miklosichs benötigt, um die Mit- 
arbeiter am altslavischen Wörterbuche damit beteilen zu können, 
da diese Werke im Buchhandel bereits eine Seltenheit geworden sind; 

c) wir bitten um die tunlichste Verbreitung unserer Publikationen, wo- 
mit vor allem ausgedehnte wissenschaftliche Verbindungen ange- 
bahnt werden sollen, da die eigentliche Forschungsbasis vielfach 
kosmopolitische Vergleiche erfordert. 



Die BIBLIOTHEK „STAROSLOVAN" will pro 1913 folgende 

Werke den Mitgliedern bieten : 

I. BAND: „SLAVISCHE RUNENDENKMÄLER"; erscheint als Bei- 
lage eines jeden Heftes, 1 — 2 Bogen stark, ohne jede Nachzahlung ; 

IT. BAND: „ETYMOLOGISCHES ORTSNAMENLEXIKON", das mit 
1. Juli fertiggestellt sein diirjte. — Regie preis für die Mitglieder: 
3'20 K l)ei persönlicher Übernahme, 3'50 K im Postwege ; für Nicht- 
mitglieder und den Buchhandel 7 K. — Der bezügliche Prospekt, 
welcher über das Werk selbst näher orientieren soll, wird den Mit- 
gliedern rechtzeitig zukommen. 

REDAKTION „STAROSLOVAN". 



TAFKI. J. 

(zur Seite bl). 



Altslavische Münzen. 





Fig. 1 a) (»en cekin«). 



Fig. 1 b) (-cn cckin-). 






Fig. 5 (.biai-). 



Fig. 1 c) (-en cekin«). 



-'-?>> 




Fig. 6 (»biatec). 





Fig. 3 (»mienok«) 





Fig. 2 (-kunic-). 



Fig. 1 („Rusov kouna-) 






Fig. 7 (.Uta.). 










Fig. 8 (.litav). 



STAROSLOVAN 



Heft 2. 


Kremsier, am 15. 3uni 1913. 


1. Jahrgang. 



M. Zunkovic: 

Numismatische Etymologie. 

Ein Beilrag zur altslavischen Münzkunde. 

L/as Gebiet des altslavischen Münzwesens liegt wissenschaft- 
lich noch völlig brach da, denn bis vor kurzem wussle noch nie- 
mand etwas darüber, dass es eine beträchtliche Zahl altslavischer 
Münzen gebe, nachdem diejenigen, die den Schein von solchen boten, 
gleich als Falsifikate erklärt, diejenigen aber, die man als echt er- 
kannt hat, nicht als slavisch agnosziert wurden. Viele hievon hat 
man nebstbei von allem. Anfange an falsch gelesen oder interpretiert, 
und konnten, wenn man sie auch richtig gedeutet hätte, schon des- 
halb nicht als altslavisch angesehen werden, wenn auch alles dafür 
sprach, weil dies bei den gangbaren geschichtlichen Voraussetzungen, 
namentlich der Völkerwanderungshypothese, die Überzeugung nicht 
aufkommen Hess. Überdies half man sich ohne viele Skrupel darüber 
hinweg, dass man Münzen, die sich in gar keine sprachliche oder 
ethnographische Gruppe einfügen Hessen, als „barbarische" bezeich- 
nete, ohne weiter nachzugrübeln, in welcher RelaHon diese münz- 
prägenden , .Barbaren" in bezug auf Sprache und Namen zu den be- 
kannten alten oder modernen Völkern stehen. 

Die in der Schule anerzogene allgemeine Voreingenommenheit, 
als hätten die Slaven in der weltgeschichHichen BetäHgung nie einen 
nennenswerten Kultureinfluss geübt, brachte es in natürlicher Folge 
mit sich, dass man daher auch bei diesen immer von neuem auf- 
tauchenden Kulturbelegen die Slaven, als dabei gar nicht in Betracht 
kommend, gleich ausser KalkulaMon Hess. Nebstbei konnte man einen 
reellen Beweis auch deshalb schwer erbringen, weil man den Text 
der Münzaufschriften gewöhnlich nicht verstand, ihn zumeist schon 
fehlerhaft las oder aber überhaupt nicht lesen konnte, daher auch die 
Etymologie nicht orienüerend und helfend einzugreifen imstande war. 

Der Verfasser befasste sich selbst zwar nie mit der Numismatik 
als SpezialWissenschaft, sHess aber auf den verschiedenen Forschungs- 



82 

gebielen fortgesetzt auf Münzen altslavischier Provenienz ; es kann 
datier das Material für eine „Altslavisctie Münzkunde" durctiaus nictit 
so arm und belanglos ausfallen, wenn man sclion, nur so vorüber- 
getiend, derart zatilreictie und über allen Zweifel echte, konkrete Be- 
weise so leicht findet. Freilich ist jetzt, seit man der Lesemöglichkeit 
der allen Schriften so nahe gekommen, die elementaren Hindernisse 
daher aus dem Wege geräumt sind, auch die Feststellung und Deu- 
tung eine unvergleichlich sicherere geworden. 

,,Encekin"- Münzen. — Eine der anscheinend ältesten 
slavischen Münzen dürften jene mit der Aufschrift „en cekin" 
{^ ein Dukaten) zu sein. Der erste offiziell bekannte Fund von Mün- 
zen dieser Art stammt vom Jahre 17% von Bia, im ungarischen 
Komitate Feher; derselbe bestand aus 600 römischen Denaren und 
80 , »barbarischen" Münzen. Letztere sind offenkundig die älteren und 
dürfte die ganze Sammlung etwa um das Jahr 50 n. Chr. vergraben 
worden sein, da die jüngste der römischen Münzen, die übrigens 
nur in einem Exemplare vorhanden war, sich als jene des Caligula 
(37—41) erweist. 

Die Münze ,.en cekin" beschrieb zuerst C. Michael ä Wiczai 
i. 3. 1814, wie er sie im Museum ,,Hedervari" in Budapest gesehen. 
Er selbst bezeichnete sie als ,, barbarische", da ihm die Lesung der 
Aufschrift, bei aller Mühe, nicht gelingen wollte. — Im Jahre 1838 
versuchte Franz Boczek in der Zeitschrift „Moravia" (Brunn) eine 
neue Lösung derselben und kam zu dem Resultate, dass dies ,,sla- 
vische Goldmünzen, wahrscheinlich aus der Zeit des grossmährischen 
Reiches" seien. Er entdeckte in der Schrift das Wort ,,pegnaze" 
(böhm. und poln. ^ Geld) und nahm an, nachdem die Münzen den 
mazedonischen gleichen, dass sie durch Cyrill und Method nach 
Mähren gekommen seien, oder von diesen hier nach jenem Muster 
weitergeprägt wurden, sowie dass die griechischen Buchstaben 
darauf einen slavischen Text darstellen. Boczek vereinigte nun beide 
Schriftteile und erhielt daraus ,,pegnaze", wozu er allerdings eine 
Reparatur vorausgehen Hess, indem er den Anlaut F" um 90" nach 
rechts umlegte und so das erwünschte | | erhielt. — R. Forrer (Jahr- 
buch der Gesell, für lothringische Geschichte usw., 1902) glaubt hin- 
gegen, es sei dies ein bedeutungsloses Monogramm. Wieder andere 
schrieben die Schrift dem rätorömischen Geschlechte Caecina zu, und 
sei auf der Münze der Name ihres Oberhauptes ,,Ciecinnos, Ciecinus" 
eingeprägt. Anderseits stellten jedoch Cohen und Babylon fest, dass 
es bis Ende des 1. Jahrh. kein so vornehmes, für das römische 
Münzwesen massgebendes Geschlecht „Caecina" gegeben habe, son- 



83 

dem es sei eher „Caecilia" zu lesen, aus welchem Geschlechte ein 
römischer Münzmeister, namens Aulus Caecilius (um 189 v. Chr.) 
existiert habe usw., — durchwegs bestgemeinte Vermutungen, die 
phonetisch der Sache auch nahe kamen, aber jeder natürlichen oder 
motivierten Basis ferne stehen, denn die rätselhafte Inschrift ist kurz 
gesagt slavisch; sie lautet „en cekin", und ist bei Fig. 1 a) (siehe 
Tafel 1) etwa als „en cekinj", bei Fig. 1 b) „en ciekinj", bei Fig. 1 c) 
,,en cekin" zu lesen ; die Schlusslaute sind in den dieser Arbeit vor- 
liegenden Darstellungen recht undeutlich, daher entweder ungenau 
kopiert oder aber schon im Originale schwer leserlich.*) 

Der Begriff „cekin" wird bei den Südslaven für die Bezeichnung 
einer Goldmünze allgemein gebraucht, ebenso nennt sie der Italiener 
„zechino", sowie auch der Deutsche früher häufig nach ,, Zechinen" 
rechnete. — Geht man nun der Etymologie des ,, cekin" weiter nach, 
so kommt man auf das slavische „sekati" ( schlagen, hauen, hak- 
ken), daher auch italienisch „zecca" ( Münzpräge), deutsch ,, Zeche" 
(= Bergbaugesellschaft), und benannte man einst jene aus Gold, — 
mag dies nun Berg- oder Waschgold gewesen sein — , zu Münzen 
geschlagenen Stücke (man sagt noch immer : Münzen schlagen) 
,,sekin, cekin" ; dass „c" und „s" in den slavischen Schriften oft 
wechseln, ist jedermann, der die slavischen Alphabete kennt, ge- 
nügend bekannt. — Es hat daher auch keines dieser alten Münz- 
exemplare dasselbe Gewicht, die gleiche Stärke, noch auch äusserlich 
eine konsequent gleiche Aufschrift, weil sie wohl einzeln und fall- 
weise, je nach Einlauf des Goldmetalls, erzeugt wurden. — Eine 
solche Münze ist daher schon sprachlich nichts weiter als ein Stück 
geschlagenes Gold, also ,,ein Goldstück", und gibt es irgendwo 
eine Münze mit der Aufschrift „en cekin", die nicht aus Gold 
ist, dann ist diese eher als Falsifikat anzusehen. 

Übrigens musste bei der Entzifferung gleich von vornherein der 
Umstand auffallen, dass auf jeder Münze das ,,en" getrennt steht 
und sich in einer anderen Leselage präsentiert, als das folgende 
,, cekin". 

Nun wird es auch leichter, den unsinnigen und widerlichen Streit 
beizulegen, [den einige böhmische Professoren mit den 18 Gold- 
münzen des Böhmischen Landesmuseums vom Zaune gebrochen ha- 
ben, wobei schliesslich wieder Wenzel Hanka als Falsifikator nur 
deshalb herhalten musste, weil sich die Verleumder weiter gar nicht 

*) Trotz wiederholter Bemühungen konnte ich bisher leider weder eine 
solche Originalmünze käuflich erwerben noch auch leihweise zu Studienzwecken 
erhalten; ich konnte mich daher hiebei nur an vorgefundene Illustrationen halten. 

6* 



:84 

umsahen, ob es nicht doch auch sonstwo oder gar viel früher be- 
kannte Münzen dieser Art gab. 

Man weiss aber, dass Hanka diese Goldmünzen von einem 
Taglöhner aus Tfemosna (bei Leitomischl), auf welche letzlerer beim 
Ausheben eines Baumstrunkes gestossen ist, für das Landesmuseum 
erwarb und diesbezüglich auch eine vielseitige Korrespondenz führte. 
Trotzdem warf man ihm vor, dass er mit dem Worte ,,pegnaze" 
einerseits beweisen wollte, dass die Böhmen schon in älterer Zeit 
eigene Münzen besassen, und dass er anderseits mit dem Namen 
,,Rastica" einen heimischen Münzherrn herbeischaffen wollte, denn 
der grossmährische Fürst Rastislav (8^6—870) wird in den Fuldaer 
Annalen in jener Namensform angeführt. — Ob aber in den alten 
Geschichtsquellen der Name ,,Rastica" auch vorkommt, oder sich mit 
einem ähnlich klingenden Namen deckt, dies heute festzustellen dürfte 
seine Schwierigkeiten haben, weil die Namensform doch in Zeit und 
Gebrauch grossen Metamorphosen unterliegen kann. Demnach kann 
ein ,,Rastica" ebenso viele Oahrhunderte v. Chr. regiert haben und 
hat sonach auch regiert, und ein anderer gleichen Namens ebenso- 
viel Jahrhunderte n. Chr., denn es gibt doch auch Regenten des 
Namens ,, Philipp", die im Altertum, Mittelalter wie in der Neuzeit 
regierten, und die doch niemand für identisch oder verwechselt hält. 

Nun steht aber das Wort ,,pegnaze" dort überhaupt nicht, denn 
da müsste der Fälscher auf allen Münzen die Malritze \~] kon- 
sequent verwechselt oder aus Versehen jedesmal auf die nämliche 
Seite verdreht haben, und solche ,, Druckfehler" wird auch ein prä- 
historischer Münzwardein nicht fortgesetzt gemacht haben. 

Wir wissen aber eben auch, dass solche Münzen bereits i. J. 
17% bekannt waren; Hanka war damals 5 Jahre all, also gewiss 
nicht der Fälscher dieser Münzen. Wir haben sonach, falls jemand 
diejenigen des Landesmuseums in Prag durchaus nicht für echt hallen 
will, doch viel ältere echte gleicher Art, und hiemil ist die moralische 
wie geschichtliche Integrität dieser Münzen klargestellt.*) 

Ein weiterer Anhaltspunkt für das Alter der ,,cekin"- Münzen 
bietet auch die Figur neben der Inschrift ,,Rastica". (S. Fig. 1 c.) Es 
gibt nämlich mazedonische Münzen, welche dieselbe Gestalt dar- 
stellen, aber in unvergleichlich vorgeschrittener Ausführung ; hingegen 

*) In jüngster Zeit trat wieder Josef Sniolik mit der Broschüre »Zlate mince 
s domnelym opisem »Pegnaze« (»Goldmünzen mit der vermeintlichen Inschrift 
»Pegnaze«. — Prag 1906) erneuert mit dieser gewissenlosen Verdächtigung gegen 
Hanka auf, stellte aber hiemit nur seine eigene Unwissenheit als Numismatiker 
und als Custos der Münzsammlungen des Böhmischen Landesmuseums selbst ins 
Auslagefenster. 




85 

trägt die Schrift auf beiderlei Münzen denselben Charakter und die- 
selbe Technik (s. beigegebene Figur), woraus man mit grosser Be- 
rechtigung folgern darf, dass die mazedonische Münze eine bereits 
verfeinerte slavische, letztere daher als die ältere 
anzusehen ist. Wir haben es demnach hier mit ei- 
ner altslavischen Münze zu tun, deren Erzeugung 
allen ihren Prämissen nach höchstwahrscheinlich 
in die Ära weit vor die christliche Zeitrechnung 
zu verlegen ist, und da die beiden mazedonischen 
Könige des Namens Antigonus, welcher Name 
doch auf dieser Münze ersichtlich ist, in der 
zweiten Hälfte des III. vorchristlichen Jahrhun- ''"Kln^irrntilors '" 
dertes regierten, kann die Prägungszeit der sla- 
vischen Münze wohl keine unter das Jahr 300 v. Chr. fallende sein. 

„Kuna"- Münzen. — „Kuna, kouna, kona, kunica" bedeutet 
im Russischen eine Münze von grösserer oder kleinerer Werteinheit, 
u. zw. stets eine Silbermünze, im Gegenteile zur ,,en cekin"- 
Goldmünze. 

Münzen dieser Art sind dem Verfasser bisher folgende bekannt 
geworden: 

a) ein Silber-Brakteat*) (s. Fig. 2 der Tafel I) mit der Aufschrift 
,,kunic"; 

b) eine vermutlich noch ältere Münze ist die in Fig. 3 abgebil- 
dete. Auf der Vorderseite steht: „mienok (oder ,,minnok") cunici", 
also „Wechsel-Kunica", d. h. Geldmünze ; auf der Rückseite wieder 
,, mienok" und ein weiteres schwer leserliches Wort, daher eine 
sichere Etymologie darüber nicht geboten werden kann.**) — Man 
glaubt, es sei dies eine Münze des litauischen Königs Mendog (1242— 
1263), doch sprechen die Umstände der Auffindung auf das Entschie- 
denste dagegen. Im 3ahre 1826 fand nämlich ein Bauer nächst des 
Dorfes Ogrodniköw, Kreis Lida, russ. Gouvernement Vilna, drei Arten 
von Münzen, u. zw. jede in grösserer Zahl vereinigt, in der Erde. 
Die eine Art hatte keinerlei Aufschrift, scheint dem Wappenschilde 
nach litauisch zu sein und macht den Eindruck der ältesten Prägung 

*) »Brakteate« nennt man jene Münzen, die, meist aus dünnem Gold- oder 
Silberblech, nur einen Stempel tragen; das Bild der Vorderseite repräsentiert 
sich auf der Rückseite daher nur als Negativum. — 

**) Da nicht zu erfahren war, wo sich die Münze jetzt befindet, konnte auch 
keine neue photographische Reproduktion eingeholt werden. Sie ist in Th. Nar- 
butts Werke »Dzieje starozytne narodu litewskiego«. — Wilna 1835 (Bd, I.) ange- 
führt und so hier wiedergegeben. 



86 

von allen ; die zweite Gruppe bilden römische Münzen des Antoninus 
Pius (138—168 n. Chr.); die drille, d. i. die zuerst beschriebene, 
wäre sonach, wenn König Mendog als deren Münzherr anzusehen 
wäre, um 1110 üahre jünger, was höchstunwahrscheinlich ist, denn es 
müssten da in einer Familie durch 33 Generationen nur Sparmeister 
gewesen sein, die aber trotzdem zum Schatze keine einzige Münze 
aus der grossen Interkalarzeit zuführten. Man kann daher mit grosser 
Berechtigung annehmen, dass jene Münze im II. oder 111. Jahrhun- 
derte n. Chr. in Russland kursierte.*) 

c) „Rusov kouna". (S. Fig. k.) Diese stamm! aus der Zeit der 
russischen Fürstin Olga (945— %9) und trägt das Bild derselben so- 
wie jenes ihres Sohnes Svjatoslav. Die Münze befindet sich im Mu- 
seum in Berlin. 

,,Biat"-Münzen. — Münzen mit der Aufschrift ,,biat" oder 
,,biatec" werden sehr häufig gefunden und sind meist aus Gold oder 
doch vergoldetem Silber. Sie sind, wie die Fig. 5 und 6 zeigen, meist 
von unregelmässiger Form und von plumpem Aussehen ; oben sind sie 
konkav und in dieser Mulde ist die erwähnte Aufschrift angebracht. 
Der Name selbst (biti, bijati schlagen) sagt, dass es Münzen, also 
,, Geschlagenes" sind, was nicht befremdend sein kann, da man ja 
heute noch immer vom , »Schlagen" der Münzen spricht, und ist der 
Begriff ,, Münze" selbst desselben Ursprunges (lat. „munitus fest, 
und „moneta, monetäre" prägen, schlagen). — Etwas seltener sind 
gleiche Münzen mit der Aufschrift „biat" in runischer Schrift. — 

Die Numismatik kennt diese Münzen, namentlich wenn sie kei- 
nerlei Aufschrift oder dieselbe unerkannt in Runen tragen, als „Regen- 
bogenschüsselchen", denn einer skurrilen Sage nach lasse sie der 
Regenbogen fallen. Die Slaven hingegen bezeichnen sie ziemlich all- 
gemein als „knofliky" (Knöpfe), was sehr richtig ist, denn viele 
dieser Münzen haben rückwärts einen schiefen Einschnitt, in welchen 
Lederriemchen eingezogen und durch Rückbiegung des Metalles fi- 
xiert wurden. Die Münzen selbst sind seinerzeit zweifellos an Ge- 
wändern, Ledertaschen („torba"), an Zaum- und Sattelzeugen als 
Schmuck getragen worden, und werden Riemchenreste oft noch heute 
— namentlich in Russland — in der Einkerbung vorgefunden. Man 
trug eben auf diese Art sein Geld mit sich (,,viaticum"?), analog wie 
am Balkan und im Oriente auch das heiratsfähige Mädchen ihre ganze 
Mitgift in Münzen im Sonntagsstaate zur Schau trägt. — Desgleichen 

*) Der Finder verkaufte den Gesamtfund einem jüdischen Goldschmiede; 
zum Glücke behielt sich dieser von jeder Prägungsgruppe 2 Stück zum Andenken; 
alles übrige schmolz er ein. 



87 

ist die bekannte Redensart, jemand habe alles bis auf den letzten 
„Knopf" vertrunken, noch bis vor kurzem wörtlich richtig gewesen, 
denn die Männer rissen sich nötigenfalls einen solchen Edelmetall- 
knopf von ihrer Weste und warfen ihn hin an Zahlungs Statt. 

Die Bezeichnung ,,knoflik, Knopf" für eine solche Münze scheint 
aber aus dem Grundworte „kona, kouna" hervorgegangen zu sein, 
denn es gibt zahlreiche burgundische (z. B. jene des Theodosius, 
379—395) und merowingische Münzen (z. B. jene des Childeberl II., 
575—596), welche neben dem Regentennamen den Gattungsnamen 
der Münze als ,,conob, conop" eingeprägt zeigen.*) Die Wissenschaft 
erklärt sich diesen Satz dahin, dass dies eine Abkürzung sei, durch 
welchen die Ermächtigung des byzantinischen Kaisers ausgedrückt 
wurde, Münzen prägen zu dürfen. Auf welcher Quelle diese Auslegung 
beruht, ist nicht ersichtlich; augenscheinlich hat sie aber nicht die 
geringste Berechtigung. — 

„Lita, Lita v"-Münzen. — Solche Münzen wurden in ver- 
schiedenen Prägungen gefunden. Der Aufschrift nach sind es litauische 
Münzen (Fig. 7 und 8), denn die Darstellung des typischen litauischen 
Reiters, der den Bogen und Köcher führt, lässt schon darauf schlie- 
sen, dass hier nur ein skythischer Krieger gemeint sein kann, denn 
die Griechen, Römer oder Gallier werden stets mit Schwert, Schild 
oder Lanze bewaffnet abgebildet. Überdies deutet schon der Münzname 
selbst dies an, denn der Begriff „litav" bezw. „litun" diente im Litau- 
ischen wie Russischen für die Bezeichnung des Herumstreifenden, 
des Reiters der Grenzbewachung, sowie doch auch ,,lit" 
selbst sprachhch immer mit der Grenze im organischen Zusammen- 
hange steht, wie z. B. das lateinische ,,litus" = Ufer, Küste, Grenze; 
russ. „lif" Taille, d. i. die Grenze des Ober- und Unterkörpers ; 
das deutsche ,, Leithaus" ( Grenzwirtshaus) heisst im Slavischen 
,,lituz" ; „Leitha", slav. „Litva" oder „Litava" bildet doch die österr.- 
ung. Staatengrenze usw. — Die „Lita"-Münze war sonach wohl auch 
die Grundeinheit für die Zollabgabe an der Grenze. — 

Wie bereits angedeutet, möge dies alles nur als ein Beleg eines 
Nichtnumismatikers zur altslavischen Münzkunde angesehen werden, 
um hiemit zu überzeugen, dass es da eine grosse Menge Münzen 
slavischer Provenienz geben müsse, die noch unbekannt oder un- 
erkannt in Sammlungen und Museen erliegen. Dass aber gerade die 
in den nördlicheren Ländern Europas gefundenen Münzen slavisch 

*) Solche »knofliky« Münzen werden auch noch heute häufig ausgegraben und 
haben einen Goldmetallwert von cirka 30 K. — In Mähren werden derlei Münzen 
immer wieder am Hradek (Wisowitz), dann bei Misliowitz (Prossnitz) gefunden. 



88 

sind und je ältere Funde gemacht werden, umso slavisctier sein 
müssen, gellt mit logischer Konsequenz schon daraus hervor, dass 
diese Länder einst ausschliesslich von Slaven bewohnt waren, es 
können sonach die heimischen Münzen nur von slavischen Präge- 
herren stammen.*) 

Für jeden Fall erhält der präsumtive Verfasser einer ,, Altslavi- 
schen Münzkunde" hiemit sehr willkommene Winke und dürfte die 
weitere Aufklärungsarbeit auf diesem so arg vernachlässigten Ge- 
biete noch zahlreiche brauchbare sowie die Überzeugung bestärkende 
Beiträge über die wirklichen Kulturverhältnisse der Altslaven zufüh- 
ren. — Noch zahlreicher sind altslavische Münzen mit Runenaufschrif- 
ten ; diese werden jedoch im Werke ,,51avische Runendenkmäler" 
näher beschrieben, so weit sie eben schon sprachlich verlässiich 
geklärt sind. Es ist aber auch kein Zweifel, dass es in den öffent- 
lichen sowie privaten Sammlungen noch zahlreiche Münzen gibt, die 
altslavischen Ursprungs sind, aber als solche bis heute wissenschaft- 
lich noch nicht erkannt wurden, weil die Existenz von solchen bisher 
überhaupt nicht zur Sprache kam. — 



M. Zunkovic: 

»Odrin« oder »Adrianopel« ? 

In den verwichenen Monaten hatte jedermann Gelegenheit die 
abermals eine besondere kriegsgeschichtliche Rolle spielende Stadt 
Adrianopel je nach der angewendeten Sprache in den verschie- 
densten Namensformen zu lesen, ohne dass man sich eine Rechen- 
schaft legte, welcher Name eigentlich der berechtigte, d. i. ursprüng- 
liche oder historische, daher auch zutreffendste ist. Nachdem auch der 
Verfasser mehrfach aufgefordert wurde, in diesen onomastischen 
Wirrwarr eine wissenschaftliche Klärung oder Orientierung zu brin- 
gen, soll dies nun auch nachfolgend geschehen. 

Es besteht nämlich nicht der geringste Zweifel, dass der einzig 
richtige und historische Name der genannten Stadt „Odrin" lautet, 
da er auch der natürliche ist, und sind alle sonstigen Varianten nichts 
weiter als künstliche Nachbildungen. 

*) Die älteste bekannte deutsche Münzaiifschrift stammt erst ungefähr aus 
dem Jahre 1170 vom Markgrafen Otto von Brandenburg (»marcgrave Otto«!. 
Dessen Zeitgenosse und Nachbar, der Wendenfürst Jaksa von Köpenik gab aber 
zu jener Zeit noch immer seinen Münzen die slavische Aufschrift: »Jakza coptnik 
cne^. (knez). — 



89 

In etymologischer Hinsicht lässt sich folgendes feststellen : das 
Grundwort ist „drin", das im Altslavischen Grenze, wie heute noch 
im Russischen Schutzdach, Wachhütte (an der Grenze) bedeu- 
tet. Die vielen „Drin"-Namen für Flüsse (wie auch Ortschaften) auf 
dem Balkan besagen also, dass diese eine Grenze bildeten, die 
bewacht wurde. „Odrin" ist ein solcher Zentralpunkt, wo sich eben 
mehrere „drin" vereinigen, denn das Präfix „o" deutet im Slavischen 
immer auf eine Umschliessung, kreisförmige Umgren- 
zung, also auf eine Zentrale von Grenzpunkten, wie gerade hier, 
wo mehrere Flüsse, sonach natürliche Grenzen, zusammenstossen. 
Überdies versteht der Slave unter „oder" heute noch: Lager, dann 
Bühne, d. i. der erhöhte, nur gegen die eine Seite offene Platz. — 
Am Zusammenflusse der Marica, Arda (richtig „Varda") und Tundza, 
deren Etymologie doch wieder diese Ansicht bestärkt („mar" Grenze, 
„var" Schutzpunkt, „tun, tin" Umzäumung), war sonach schon in 
den vorgeschichtlichen Zeiten eine grössere zentrale Verteidigungs- 
anlage, umsomehr als sich hier auch auf natürliche Weise ein bedeu- 
tender Strassenknotenpunkt ergeben musste. 

Die Meinung, dass die Stadt vom römischen Kaiser Hadrian 
(Adrian) erbaut wurde, ist daher eine völlig irrige, denn dieser Name 
wurde im Drange der Erklärungssucht lediglich an den gleichklingen- 
den Namen „Odrin" genau so angepasst, wie die Osmanen später 
die Stadt als „Edrene" und „Edirne" unter dem Eindrucke des vor- 
gefundenen „Cdrin" benannten. — Die Namen „Adrianopel" der 
Deutschen, „Adrijanopol" der Russen, „Drinopol" der Böhmen haben 
sonach alle „Odrin" zur Grundlage, sind daher in dieser Form weder 
originell noch berechtigt, und ist das Suffix „pol" (griech. „polis" = 
Stadt) wohl nur ein verkehrsgebräuchlicher Zusatz aus der Zeit des 
griechischen Einflusses. 

Der einzig richtige Name für „Adrianopel" ist daher „Odrin", 
und liegt für die Nordslaven nicht die geringste Berechtigung vor, 
diesen bei allen Südslaven gebräuchlichen Namen willkürlich zu än- 
dern oder dessen griechische Form vorzuziehen. Diese entschiedene 
Behauptung ist aber nicht nur sprachlich sondern auch geschichtlich 
begründet, denn es ist doch bekannt, dass die alte thrazische Völker- 
schaft, die an den Ufern der Marica, Tundza und Ergene wohnte, 
auch „Odrici" hiess, und vereinigte deren König Teres doch schon 
im V. Jahrhunderte v. Chr. das ganze thrazische Binnenland der 
„Odrici" zu einem starken Reiche, dessen Zentrale eben „Odrin" war. 

Es kann bei dieser Gelegenheit daher nur der gute Rat gegeben 
werden, es mögen wenigstens die Slaven ausschliesslich und allge- 



90 



mein den historischen und aitslavischen Namen „Odrin" anwenden, 
denn diese krankhafte und auch schon die Slaven ansteckende Sucht 
immer neue Formen für Ortsnamen zu konstruieren, hat bei den 
Slaven schon gar keine Berechtigung, da die Ortsnamen ohne- 
hin fast durchwegs aitslavischen Ursprunges sind, 
daher selbstredend schon einmal allen in der selben 
Form angehörten. Es sollen daher Schule, Forschung wie prak- 
tische Vernunft energisch dagegen arbeiten, dass diese Geschmack- 
losigkeiten in der Verballhornung der topischen Namen nicht auch 
bei den Slaven Eingang finden, denn ganz abgesehen von sonstigen 
Schwerfälligkeiten, die sich daraus ergeben, hat die slavische dugend 
heute doch viel Wichtigeres zu lernen, als ein Dutzend läppischer 
Namensvarianten für ein und denselben Ort.*) 



Slavische Geschichtsquellen. 

I. L. A. Qebhardis Vorrede zur »Geschichte 
aller Wendisch-Slavischen Staaten«. 

Erläutert von Dr. A. Kovacic. 

(Schluss.) 

Die verschiedenen Oazygen und Sarmaten erloschen nebst den 
freien Sarmaten am Berge Matra, die an dem gotischen Kriege keinen 
Anteil genommen hatten, in kurzer Zeit, und die letzten Sarmaten, 
die in zuverlässigen Annalen erscheinen, sind diejenigen Sarmaten, 
welchen der Kaiser das Schloss Castra Martis in der Bulgarei ein- 
geräumt hatte (s. meine „Geschichte des Reiches Hungarn" I. T. S. 231) 
und die ihm im Jahre 4G5 Singidon auf kurze Zeit entrissen. Von 
ihrer Sprache weiss man nichts, und von auszeichnenden Sitten sehr 
wenig. 

*) Vor kurzer Zeit wurde z. B. offiziell festgelegt, daß ein Ort in Böhmen 
deutsch »Ossegg« und böhmisch »Osek« zu lauten habe. Wieso von Amts wegen 
solche Namens-Monstra geschaffen werden können, ist für jeden objektiv Denken- 
den ein Rätsel, denn der Deutsche kann doch auch das slavische Wort »Osek« 
gleichlautend aussprechen, und »Osseg« bedeutet auch in dieser Form für den 
Deutschen noch immer nichts etymologisch Orientierendes, Und weshalb soll der 
Ortsname nicht seine Genesis und Urbedeutung offen zur Schau tragen! — In 
Böhmen heißt z. B. der Ort »Nemanice« deutsch »Wassersuppen«; was ist nun 
mit diesem komischen Worte sonst erreicht, als daß die Bewohner von den 
Nachbarn deshalb gehänselt werden! Die deutsche Form ist nämlich wieder aus 



91 

Der Herr D. Anton leugnet, dass jemals eine Nation vorhanden 
gewesen sei, die sich selbst Sarmaten genannt habe („Erste Linien 
eines Versuches über der alten Slaven Ursprung" 5. 5) und Müller 
behauptet, dass es keine sarmatische Sprache gegeben haben könne 
(„Abhandl. von den Völkern, welche in Russland gewohnt haben" in 
H. Oberkonsist. Büschings Magazine XVI. B. S. 289). Oenem könnte 
man entgegensetzen, dass die Römer einen Bezirk Provincia Sarmaiica, 
und einen Ort Colonia Sannatica (Sarmiz in Dazien), nach dem Volke, 
aus welchem sie selbige errichteten, benannten, wenn die Inschriften, 
in welchen diese Namen stehen, nur allen Zweifeln gegen die Richtig- 
keit ihrer Erklärung und gegen ihre Zuverlässigkeit (meine „Geschichte 
des Reiches Hungarn", I. T., S. 101 usw.) völlig entrissen wären. 
Die meisten heutigen Geschichtsschreiber, und unter diesen Gercken, 
Gatterer, Dobner und Jordan, vorzüglich aber unter den älteren Cro- 
merus „De origine Polonorum (Edit. 3. 1568. L. I., c. 7) und Cluver 
(Germ, aniiqua L. III., p. 188) halten die Sarmaten für wahre Wenden 
und Slaven, und unterstützen ihre Mutmassung mit folgenden Grün- 
den: 1. Paulus Diaconus, Svidas, Adamus von Bremen, Helmoldus 
und alle böhmischen wie polnischen Chronikenschreiber versichern, 
dass die Sarmaten die neueren Slaven sind, aber diese Männer sind 
viel zu neu, als dass sie in dieser Sache zeugen könnten ; 2. die 
Tabula Peutingeriana. welche zwischen den Jahren 276 und 282 ver- 
fertigt ist (de Jordan T. 11., Pars IlL, p. 187) setzt in die Moldau 
Sarmatas Venados; aber v. Meermann hat im T. II „Anthologiae veter. 
lat. epigrammatum ad Epigr. 115. v. 12 Ponticae" bewiesen, dass diese 
Tafel erst im IX. Jahrhunderte von einem unwissenden Mönche ge- 
macht ist, abgesehen davon, dass in der Tafel Sarmaten und Venaden, 
als zwei benachbarte Völker, nicht aber als ein zweinamiges Volk 
verzeichnet zu sein scheinen; 3. die alten Geschichtsschreiber Jor- 
nandes und Procopius verwechseln öfters die Slaven und Sarmaten, 
also waren beide eine Nation, aber Procopius gibt, gleich dem Jor- 
nandes, da, wo er absichtlich von den Wenden und Slaven redet, zu 
verstehen, dass diese ein ganz besonders bisher unbekannt geblie- 

dem lokalen »vas zupa«, d. i. »Dorf Zupa« entstanden, da dort vermutlich der 
»zupan« mehrerer Gemeinden einst seinen Sitz hatte. Der volle slavische Name 
des Ortes war also: »vas zupa Nemanice«, also »Nemanice, der Zupan-Sitz«, wo- 
nach die Slaven den tatsächlichen Eigennamen behielten, die Deutschen hingegen 
nur den Gattungsnamen ihrer Sprache anpaßten, wei\ wahrscheinlich zur Zeit der 
Germanisierung die Bewohner den wirklichen Eigennamen weniger gebrauchten. 
— Da aber im Namen eines jeden Ortes zugleich die älteste Geschichte der An- 
siedlung geborgen ist, sollte da schon die Wissenschaft gegen diese sprachvanda- 
lische Entstellung der lokalen Urgeschichte endlich ernstlich entgegenzuarbeiten 
beginnen, wenn sich die Gemeindevertretungen selbst darum nicht kümmern. 



92 

benes Volk seien, und kannte doch die Sarmalen und Oazygen sehr 
wohl, zum Beweise, dass sie diesen an Sillen, Sprache und anderen 
Merkzeichen ungleich gewesen sein müssen ; k. Plolemäus {Geogra- 
phia C. 5. Tabiile Sarmatiac) lehrt, dass zu seiner Zeil die Wenden 
die grösste Nation in Sarmalia gewesen sind ; allein abgesehen da- 
von, dass die Römer alles ihnen unbekannte Land jenseits dem 
dezebalischen Dazien Sarmalien nannten, und daher irrig die Wenden 
zu den Sarmaten zählen konnten, so sagt Ptolemäus nur dieses, dass 
die Wenden zu seiner Zeit vieles vom Lande der alten Sarmater 
besessen haben, ohne dabei vorauszusetzen, dass ein solcher Besitz 
sich nicht auf Waffen oder andere zufällige Ursachen, sondern auf 
Erbschaft gründen müsse; 5. Plinius ordnet (Mist. nat. IV. 13) die 
Sarmaten und Wenden zusammen, [Cliiver, Germ. ani. L. III. p. 188), 
woraus die Folge gezogen werden muss, dass sie Stammvetter 
gewesen sind. Aber diese Schlussfolge wird nicht jeder Kritiker zu- 
geben, auch zeigt Plinius durch den Ausdruck : qiiidam haec habitari 
ad Vistülam iisqiie fliiviiim a Sannatis, Vencdis, Scyris, Hirns tradiint,*) 
dass er nur ein Gerüchte, nicht aber eine gewisse Wahrheit aufge- 
zeichnet habe; 6. die Wenden redeten nicht die teutsche, sondern die 
sarmatische Sprache. (Cliiver I. c.) Aber man kennt die sarmatische 
Sprache nicht und findet auch nichts bei solchen alten Schriftstellern, 
die die Sarmaten und Wenden persönlich gekannt haben, was diese 
Annahme bestätigt; 7. im grossen asiatischen Sarmatien waren, nach 
des Ptolemäus Berichte, die Serbier und die Modoci. (Cromenis C. 7.) 
Oene sind aller Wender, und diese der Moscowiter Stammväter (nach 
Cromers Hypothese), folglich müssen die Wenden und Slaven Sar- 
mater sein ; endlich 8. die Anten waren Wenden, und erscheinen 
nach dem Jahre 319 da, wo bisher immer Sarmaten sich aufgehalten 
hatten (de Jordan I. p. 30); ebenso fand man zu des Gornandes Zeit 
überall, wo Ptolemäus Sarmaten antraf, Slaven und Wenden (de Jor- 
dan und Cromerus); die Geschichtsbücher melden nicht, dass die Wen- 
den die Sarmater angegriffen und vertrieben haben, demnach müssen 
die Sarmater nur ihren Namen geändert, und sich Slaven, Wenden 
und Anten genannt haben. Dieser Hypothese steht entgegen, dass 
erstens die römischen Schriftsteller nichts von den Begebenheiten der 
Völker jenseits der Donau wissen konnten, so lange diese nicht auf 
römische Untertanen wirkten, und dass daher ihr Stillschweigen nichts 
für oder gegen den angeführten Satz entscheidet; zweitens, dass die 
Geschichte von vielen solchen Völkerwanderungen Nachricht gibt, 

*) D. h,: Einige behaupten, dass dieses (bezieht sich auf E n i n g i a, wel- 
chen Namen Plinius für F i n 1 a n d gebraucht) bis zum Weichselflusse von Sar- 
maten, Venedern, Scyren und Hirren bewohnt wird. 



9a 

welche Einöden veranlassten, die von den Wenden besetzt wurden; 
drittens, dass es unbegreiflich ist, wie den Römern der Name Slave 
hätte unbekannt bleiben können, wenn ein sarmatischer Stamm die- 
sen geführt hätte, da sie nicht nur viele Sarmaten bekriegt, auch sich 
unterwürfig gemacht hatten, sondern auch Sarmater aller Arten in 
ihren Legionen dienten, oder als Knechte in ihren Häusern sich auf- 
hielten ; und viertens, dass keine, so sehr freie, ausgearbeitete und 
in mancherlei Stämme geteilte Nation den Gedanken haben und aus- 
führen kann, plötzlich alle seine Stammnamen nebst dem allgemeinen 
Volksnamen abzulegen und dafür einen neuen anzunehmen. Müller 
(in Büschings Mag. XVI. Bd.) sucht zwar diesem Einwurfe dadurch 
zu begegnen, dass er annimmt, dass einige sarmatische Völker von 
slavischer Herkunft gewesen wären, und nun die übrigen Sarmaten 
überwältigt und dadurch ihren älteren Namen wieder erweckt und 
herrschend gemacht hätten, allein alsdann konnten die Sarmater nicht 
die Stammväter der Wenden sein. Cluver und einige andere, die ihm 
folgen, bedienen sich noch eines neunten Grundes, und halten sich 
an diejenigen sarmatischen Merkzeichen, die Tacitus, um seinem 
Ausspruche, dass die Wenden keine Sarmaten wären, ein Gewicht 
zu geben, anführt, nicht um ihm beizutreten, sondern um ihn zu 
widerlegen. Denn wenn Tacitus sagt, die Wenden sind stets zu Fusse, 
haben Häuser und kurze Kleider, und gebrauchen Schilde, da im 
Gegenteil die Sarmaten niemals vom Pferde oder Wagen kommen, 
sich in lange Kleider hüllen und alle Verteidigungswaffen verachten, 
so versetzen sie: aber die Polen, welche Wenden sind, tragen lange 
Kleider und fechten nur zu Pferde, und müssen demnach Sarmater 
sein, ohne zu erwägen, dass die polnische lange Kleidung dem sar- 
matischen Gewände unähnlich, und wahrscheinlich von den Polen 
selbst erfunden und neu ist, und dass die Vorliebe der Polen für das 
Reiten sich auch bei anderen Nationen findet, die auf keine Weise 
mit den Sarmaten in Verbindung gebracht werden können, aber, gleich 
den Polen, ein Land besitzen, welches den Streifzügen benachbarter 
räuberischer Nationen stets offen steht, und nur von wohlberittenen 
und leichtbewaffneten Reitern geschützt werden kann. 

Cromerus (I. c. Kap. g. p. '9 und 2k) webt aus dem, was ihm 
als höchst wahrscheinlich vorkam, nicht aber als wahr erwiesen 
werden kann, nach der Weise seiner schriftstellerischen Zeitgenossen, 
folgende Legende zusammen: Sems Sohn, Dectan, zeugte Asarmot, 
den Stammvater der Sarmaten. Spätere Nachkommen Asarmots, näm- 
lich die Wenden, verbreiteten sich von Asien aus über alle Gegenden 
des neueuropäischen Russland und Polens, wurden von ihren alten 



94 

Nachbarn, und durch deren Veranlassung auch von den Griechen, 
die Kinder Sarma! geheissen, legten sich aber selbst den Namen der 
Wenden bei, dessen Bedeutung unbekannt ist. Ein Zweig der Wenden 
drängte sich kurz vor des Tacitus Zeit in Germanien und Wandalien 
hinein, und behielt zwar seinen Namen, allein nicht seine Sitten, 
sondern lebte und kleidete sich nach teutscher Weise. Viele Wenden 
hingen sich an die teutschen Völker, die in Griechenland einbrachen, 
und diese vertauschten jenseits der Donau den wendischen alten 
Namen mit dem slavischen neuerfundenen, der vielleicht von einem 
ihrer Heerführer Slavinus Rumunensis herrührt. Hiermit kann zwar 
nicht das bestehen, was die böhmischen Chronisten behaupten, dass 
nämlich ihr Reichsarchiv eine Urkunde des Weltbezwingers Alexanders 
des Grossen besitze, wodurch dieser den Slaven alles Land vom 
Norden bis an Italien schenke; allein dieses Märchen verdient keine 
Widerlegung. 

21. Die Oazygen zwischen der Teys und Donau. (Herr Hofr. 
Gatterer, Einleitung in die synchronistische Universalhistorie, S. 954. 
Herr D. Anton, p. 7. de Jordan de Orig. Slav. T. I. p. 130.) Dieser 
sarmatische Stamm soll dasjenige Volk sein, das den Römern unter 
dem Namen Slaven bekannt war, weil die Slaven da zum Vorschein 
kamen, wo bisher die Sarmaten gewesen waren, nämlich nördlich 
an der Donau, und weil fast in allen slavischen Dialekten „jazyk" 
die Zunge, also auch die Sprache andeutet. Unter den mannigfachen 
Ableitungen des Namens Slav findet sich auch eine von „slovo", 
das Wort. Folglich ist Slav und Jazyge ein einiger Volksname, 
und bedeutet ein redendes Volk. Herr D. Anton hält aus diesem 
Grunde auch die donischen 3azygen nebst den Budinern, Udinen und 
Amazonen für Slaven ; Herr Hofrat Gatterer aber vermutet, dass diese 
asiatischen 3azygen unter dem Namen der Anten verborgen liegen. 
Gegen diese Mutmassungen spricht jedoch alles das, was gegen 
die Ableitung der Wenden von den Sarmaten angeführt wurde, be- 
sonders, dass die 3azygen und Slaven nebeneinander an der Donau 
wohnten, und beide den dermaligen Geschichtsschreibern zu Gesichte 
kamen, die sie als solche Völker anführen, die nichts Gemeinsames 
weder in Sitten noch in der Sprache hatten. Dann ist auch ein jeder 
auf Wortforschung gegründeter Beweis zu unsicher, als dass man 
darauf Rücksicht nehmen könnte. Abgesehen davon, dass gerade im 
Lande der ungarischen Oazygen lange nach ihrer Vertilgung ein neues 
asiatisches Volk, nämlich die Cumaner, den Namen „jazyg" zufälliger 
Weise erlangt hat, u. zw. ohne Rücksicht auf jene Oazygen, bloss 
weil sie Bogenschützen waren und „jazyg" in der ungarischen Sprache 
einen Bogenschützen andeutete (meine „Geschichte des Reiches 



95 

Hungarn, I. T., S. ^80 F). Auch ist es zu viel gefordert, wenn man 
bei jener Abteilung verlangt, dass die slavische Sprache als eine 
solche Sprache betrachtet werden sollte, welche die Oazygen geredet 
haben, bloss weil ein jazygischer Name sich aus selbiger mit einem 
Begriffe versehen lässt, dessen Dasein durch keine anderen Angaben 
erwiesen werden kann. 

22. Die T e u f 5 c h e n. Da Tacitus die Wenden, welche die Stamm- 
väter der Slaven waren, den Teutschen zuzählt, so scheint er sel- 
bige für einen teutschen, nur etwas ausgearteten Stamm gehalten zu 
haben. Die heutigen Ungarn nennen ihre Slaven und Wenden das 
Volk Tot (tot ember), und einige Gelehrte erklären das Wort Tot 
durch Teutsch, und ziehen daraus die Folge, dass die ältesten Slaven 
Teutsche gewesen sind (Acta Societatis, Jablonovianac, Lips. 1772, 
p. 197). Allein andere behaupten, dass das Wort Tod oder Tud in 
alter ungarischer Sprache einen Hügel angedeutet habe, und also 
den Namen Kroate übersetze. Kranz (Wandalia) erzählt, auf Glauben 
des unterschobenen Berosus, dass Noas ältester Sohn Tuisco, von 
dem die Teutschen abstammen sollen, einen Sohn Vandalus gezeugt 
habe, und dessen Nachkommenschaft im Norden den Namen der 
Wandalen, und im Süden später den Namen der Slaven angenommen 
habe. Diese Erdichtung schmückte sein Zeitverwandter, der mecklen- 
burgische Kanzler Nikolaus Marschalck, 1507 mit mehreren Fabeln 
aus (de Westphalen Mon. inedit. renim Cimbricariim T. I, p. 198 und 
T. II, p. 1507) *) — Simonius, ein jüngerer Mecklenburger, veränderte 
sie ein wenig, und behauptete, dass die mecklenburgischen Wenden 
erst i. 3. 500 aus den Slaven und Wandalen entstanden wären (Van- 
dalia in: de Westphalen Mon. T. 1, p. 1542). Allein Bernhard Latomus 
(Genealochronicon Megapolitanum in : de Westphalen Mon. T. IV, p. 9, 1 1 fj), 
welcher 1610 schrieb, übertraf alle seine Vorgänger an Dreistigkeit 
und dichtete eine andere Geschichte, die man lange nachher als wahr 
ihm nacherzählte, obgleich schon Micrälius, der sein Zeitgenosse war, 
(de Westphalen III, p. 1911) erwies, dass selbige eine Fabel sei und 

*) Es ist auffallend, daß die Traditionen der Genesis der Slaven fortgesetzt 
knapp bis an den Beginn der Menschheitgeschichte — natürlich im Biblischen 
Sinne genommen — führen. Es mögen diese immerhin durch ununterbrochene 
Überlieferungen in der Hauptsache begründet sein, aber Beweiskräftiges kann da 
nur die allgemeine Sprechforschung bringen, denn unsere Sprache ist 
auch unsere Urgeschichte. — Die volksgeschichtlichen Ursprungssagen 
hingegen gehören schon einem reiferen Völkeralter an, also einer Zeit, wo man 
sich bereits von der eigenen verdunkelten Vergangenheit Rechenschaft legen 
wollte, hiebei aber im Gegenteile, mangels der Fähigkeit die Wahrheit wissen- 
schaftlich zu erlassen, den Wahrheitskern durch die phantastischesten Speku- 
lationen unbewußt trübte. 



96 

Helden und Tatsachen anführe, die sich nicht in Mecklenburg, son- 
dern in Asien und lllyrien gezeigt und ereignet hätten. Die Geschichte 
des Latomus lautet also : Zur Zeit der Zerstörung Trojas wanderten 
die Wandalen nach Paphlagonien, nannten sich darauf Henetos, und 
sandten nicht nur eine Kolonie unter Antenor nach Venedig, sondern 
auch einige andere Volkshaufen nach Griechenland. Die griechischen 
Wandalen entwichen vor Xerxes Waffen nach Thrazien, setzten sich 
bei Abdera, und wurden daher Abderilen (Obotriten) genannt. Anthy- 
rius, einer ihrer späteren Könige, war ein genauer Freund des maze- 
donischen Königs Alexander d. Gr. und des schwedischen Kronprin- 
zen Barvan, den er an Alexanders Hofe kennen lernte. Da ihn nach 
Alexanders Tode Cassander von Abdera vertrieb, so schiffte er mit 
allen abderischen Wandalen unter einer Flagge, auf welcher der 
Kopf Alexanders Bucephalus gemalt war, und die nachher in Mek- 
klenburg zum Wappen gebraucht wurde, erst nach Wallis, dann nach 
Mona, und endlich zum Barvan nach Schweden, nachdem er der 
Provinz Wallis den Namen Venedotia beigelegt hatte. Andere Wan- 
dalen, die Cassander gleichfalls verscheuchte, kamen zu Lande nach 
Sarmatien und Thule, und stiessen zu Anthyrius. Inzwischen hatte 
Barvan dem Anthyrius seine Schwester zur Gemahlin und einige 
wüste Inseln zur Bewohnung gegeben. Allein Anthyrius konnte sich 
mit diesen nicht begnügen, sondern nahm Mecklenburg in Besitz, 
baute Städte nach griechischer Weise, gab selbigen griechische Na- 
men, z. B. Megalopolis (Mecklenburg) und Bucephalca (Bukow), und 
eroberte und stiftete für seine Söhne 13 Königreiche und 24 Fürsten- 
tümer, Endlich erbte er auch Schweden, Finland und Sarmatien, und 
sandte seinen Stammvettern, den Venetianern, die Cimbern gegen 
Marius zu Hilfe. Seine Nachfolger Hessen die Heruler, Wandalen und 
Burgundionen nach Italien ziehen, und da dadurch ihr Land entvöl- 
kert wurde, kamen sarmatische Wenden nach Mecklenburg und ver- 
anlassten die Entstehung der Slaven oder einer neuen deutschsar- 
matischen Völkerschaft. — So weit Latomus ! 

Marschalck, der den Anthyrius zuerst auf den Schauplatz ge- 
bracht hat, gab selbigem einen Heruler zum Vater, eine Amazonin 
zur Mutter, und die Gegend zwischen dem Don und dem Krim zum 
Vaterlande. Auch behauptete er, dass dieser Abenteuerer gleich in 
die Eibe geschifft sei, die Wenden, Windilos oder Wandalen vertrie- 
ben und darauf den wendisch-teutschen Staat Mecklenburg errichtet 
habe. Übrigens hielt schon Helmoldus im XII. Jahrhunderte die Wen- 
den für Wandalen, nicht nur, wie es scheint, weil zwischen den zwei 
Wörtern Wandalus und Winulus eine Ähnlichkeit ist, sondern auch 
weil die Wenden in neuerer Zeit da herrschten, wo in älteren Zeiten 



97 

die Wandalen wohnten. Kranz glaubte, dass das Teutsche, was in 
Polen und Böhmen seinerzeit stark geredet wurde, aber erst in neu- 
erer Zeit durch teutsche Herren und Geistliche hineingebracht worden 
war, unwidersprechlich beweise, dass die wendische Nation teutscher 
Abkunft sei. Allein schon Cromerus, der seine Nation für keine Wan- 
dalen gehalten wissen wollte, hat ihn und andere, die ihm beistimm- 
ten, sehr umständlich widerlegt (de Orig. Polonor. L. I. C. 5. et 6.). 
Dubravius, der 1553 starb, lehrte, die Slaven wären erst nach Be- 
setzung des von den Vandalen verlassenen nördlichen Teutschlands 
mächtig geworden, und hätten darauf nicht nur den Namen der Wen- 
den oder Wandalen angenommen, sondern auch unter diesem sich 
in Spanien und Afrika als Sieger gezeigt. (Hist. Bojemica p. I. seq.) 
Allein diese Wandalen redeten und handelten überall als Teutsche, 
und waren demnach keine Wenden oder Slaven, sondern wirkliche 
Teutsche. (Herr P. Dobner ad Hagccium P. I. p. 123.) Schurzfleisch 
(de rebus Slavicis p. 466) äusserte, jedoch nur als Mutmassung, dass 
die Vandalen aus Asien bis an die Ostsee vorgedrungen, darauf aber 
durch die Waffen der Wenden, sowie diese von den Sarmaten über- 
wältigt worden seien. Diese drei Nationen hätten später die bekannten 
grossen Unternehmungen in Spanien und Afrika ausgeführt, nach 
ihrem Unglücke aber, welches des Belisarius Siege veranlassten, den 
wandalischen Namen abgelegt und sich dafür die „Berühmten" (Slaven) 
genannt. Den Latomus würdigte in neueren Zeiten Popowitsch*) eines 
so grossen Zutrauens, dass er (Vermischte Untersuchungen S. 49) 
bloss auf sein Wort, die alten unleugbar teutschen Heruler und Rugier 
für die neueren slavischen Werler und Rügen ausgab, wobei er als 
einen Beweis seiner Meinung die Bemerkung anführte, dass die 
österreichischen Wenden viele plattdeutsche Wörter unter ihre sla- 
vischen Reden mischten, und dass der Name „Werli" im Slavischen: 
wackere Leute andeute, welche Benennung dem Name Slav angemes- 
sen sei.**) (Chummann, Untersuchungen über die alte Geschichte einiger 
nordischen Völker, S. 151.) 

*) Johann Popovic, geb. 1705 in Arclin (Untersteiermark), gest. 1774 in Perch- 
toldsdorf bei Wien, galt als der bedeutendste Slavist seines Zeitalters. Er übte 
auch einen bedeutenden Einfluß auf die Purgierung der deutschen Sprache. 

**) Die Slovenen und Kroaten gebrauchen noch heute den Begriff »vrl« in 
der Bedeutung: bieder, wacker, vortrefflich, schöngewachsen; 
mit der Etymologie »Slave« steht das Wort in keiner sprachlichen Relation, — Es 
fällt auch auf, daß »Teutsche« hier immer als Slaven gezählt werden. Die Hypo- 
thesen, woher eigentlich die heutigen Deutschen kamen, führen, da es doch 
erwiesen ist, daß die dermaligen Sitze derselben durchwegs einst von Slaven be- 
wohnt waren, meist zum hohen Norden, trotzdem auch dort keine Belege hiefür 
vorliegen. Diese Lösungsversuche scheinen jedoch nach allem unzutreffend zu 

7 



98 

Sollten die Wenden des Tacilus wirklich eine Abart der Teut- 
schen gewesen sein, so könnte nictits mit grösserer Watirschieinlich- 
keit über die Entstehung der slavischen Wenden geäussert werden, 
als dasjenige, was Herr Hofrat Gatterer in seiner Einleitung in die 
synchronistische Universalhistorie S. 825 davon sagt, dass nämlich 
die Slaven von der Donau ab in das Land der Wandalen gekommen 
sind, und darauf den wendischen Namen angenommen haben. Die 
vom Herrn Hofrat für diese Mutmassung beigebrachten Gründe sind 
folgende: 1. diejenigen Schriftsteller, welche der Venedorum qedeukeu, 
(bloss Ptolemäus, denn Tacilus führt die Vandalios als eine schon 
erloschene Hauptnation im Anfange seiner Germania an,) kennen keine 
Wandalen, und wiederum die, die von den Wandalen etwas aufzeich- 
nen, gedenken keiner Wenden. [Plinii Hist. Nat. L. IV. Allein in die- 
sem Buche setzt Plinius C. 13 Venetos neben den Scirren, Hirren und 
Sarmaten an die Ostsee, und nennt Cap. 14 die Vindilos einen Haupt- 
stamm, zu dem die Burgundionen und Guttonen gehörten, die weit 
von jenen Veneten ansässig waren.) ; 2. gerade so weit als nach 
Plinius' Berichte der Wandalische Name sich erstreckte, zeigen sich 
nach der Völkerwanderung die Wenden. Allein die Guttonen, welche 
Plinius als Wandalen bezeichnet, waren ehedem Besitzer von Schles- 
wig, Holstein, Mecklenburg und Pommern, und die Burgundionen 
fand Tacilus in Obersachsen und Franken, zu einer Zeit, da die Ve- 
neden an die Fennen in Kurland grenzten, und durch die Scirren von 
der Weichsel abgesondert wurden; 3. Helmold [Chron. Slavorum L. I. 
c. 2) gebraucht den Ausdruck: eorum qid antiqiulus Wandali, nunc 
autem Winuli appcllaiur.*) Nestor, ein noch älterer slavischer Schrift- 
steller, weiss nichts von den Wenden, versichert aber, dass die wen- 
dischen kleineren Stämme neue Namen nach den Ländern, die sie 
bevölkerten, angenommen hätten ; allein beide Schriftsteller sind zu 

sein, sondern die deutsche Sprache bildete sich eher selbst, analog wie etwa das 
Schwäbische, Ladinische, Friaulische unter besonderen Bedingungen zu einer 
prononzierten Eigensprache aus der altslavischen heraus, braucht sonach durch- 
aus nicht durch fremden Zuzug erklärt zu werden. Wer z. B. die althochdeutsche 
Konjugation mit der altslavischen vergleicht, findet noch nahezu keinen Unter- 
schied; dasselbe gilt für die konkreten Begriffe, wie: maak (Mohn), katele (kotel, 
Kessel) u. ä. — Es handelt sich hier daher augenscheinlich um eine Sprach- 
sezession in den heutigen Sitzen, u. z. etwa in der Zeit des I. Jahrtausendes 
n. Chr., daher es vor dem Jahre 1000 n. Chr. auch keine spezivisch deutschen 
Ortsnamen, kein schriftliches Denkmal oder einen sonstigen Beleg gibt. — Die 
Ursprungsforschung nach allem, was heute als »teutsch« gilt, dürfte daher nur 
auf altslavischer Sprachbasis zu einem überzeugenden Resultate führen. 

*) D. h. die vorzeiten »Wandali«, jetzt aber »Winuli« genannt werden. 



99 

neu, um von Gewichte zu sein ; auch merkt man bei Heimoldus Be- 
lesenheit in der römischen älteren Geschichte, die er anzubringen 
sucht und hier unschicklich wirklich anbrachte. Im Gegenteil versichern 
Oornandes und Procopius, welche Wenden und Wandalen sahen und 
genau kannten, dass die Wenden den älteren slavischen Hauptstamm 
ausgemacht haben, und dass die ersten Slaven nur ein abgeleiteter 
Zweig der Wenden gewesen sind ; endlich k. die heutigen Finländer 
belegen die Russen mit dem Namen Wenälainen, und nennen Russ- 
land Wenn hcnmaa, folglich war der älteste Name dieses Reiches 
„Wena" oder „Wenden". Aber wenn dieser Name alt und folglich 
von des Tacitus' Wenden zurückgelassen ist, so zeigt diese Bemer- 
kung vielmehr, dass die Wenden ehedem in solchen Gegenden an- 
sässig waren, in welche niemals Wandalen gekommen sind. — 

Dieses mag hinreichen, um zu zeigen, dass vom Ursprünge der 
Wenden genug gesagt sei und nichts Zuverlässigeres gemeldet wer- 
den könne. — 

Lüneburg im Mai 1789. L" A. Gebhardi. 



IL Urkundliches über die Südgrenzen 
All-Böhmens.*) 

Erläutert von 3UC. B. Snejd. 

Insoweit historische Berichte über Ober- und Nieder-Österreich 
erhalten sind, ist es uns möglich, durch alte Urkunden zu beweisen 
und zu belegen, dass hierselbst tatsächlich Böhmen nicht nur wohn- 
ten, sondern sogar dass die von ihnen besiedelten Gegenden, die an 
der Grenze Böhmens und Mährens jenseits der Donau liegen, gröss- 
tenteils durch lange Jahrhunderte auch zu Böhmen gehörten. Das 
wird durch Urkunden und alte Annalen ganz klar erwiesen, obwohl 
die Deutschen, insbesondere in letzter Zeit, mit Eifer daran arbeiten, 
dass jede Spur von Böhmen und Slaven überhaupt aus denselben 
verschwinde. Da wurden entweder mit Absicht beim Kopieren alter 

*) Dieser auf historische Belege aufgebaute Artikel wurde hier, obschon 
er teilweise bereits in einem Tagblatte erschien, deshalb aufgenommen, weil er 
mehr als eine ephemere Beachtung verdient, und würde sich sehr empfehlen, 
auch andere historisch und sprachlich strittige Gebiete in analoger Weise ur- 
kundlich wie auch toponomisch-sprachlich zu durchforschen. — Damit manche 
Daten noch verständlicher werden, umsomehr als viele Leser des Lateinischen 
unkundig sind, wurden von der Redaktion einige Anmerkungen zugefügt. 



100 

Urkunden und bei deren Herausgabe die auf Böhmen bezughabenden 
Bemerkungen ausgelassen, oder die slavischen Namen bald eliminiert 
und für selbe andere eingefügt, oder aber wurden dieselben aus Un- 
verständnis bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. 

Oedoch selbst das, was von diesen Urkunden erhalten blieb, 
genügt vollkommen, um zu beweisen, dass Böhmen die ursprüng- 
lichen Bewohner dieser Gegenden waren. Eine der ältesten Auf- 
zeichnungen über die in Österreich siedelnden Böhmen enthält die 
Gründungsurkunde des Klosters Chremisy (jetzt Kremsmünster) aus 
dem Jahre 777, in welcher der Bayernherzog Tassilo jene Gegenden 
widmet, in denen Slaven angesiedelt wohnen (zwischen den beiden 
Ybbsflüssen am Flusse Todich und Sirnich-Saerbling). Ausserdem er- 
fahren wir aus dieser Urkunde, dass diese Slaven unabhängig waren, 
ihren eigenen Zupan (illejopan) hatten, der unter dem Namen „Physo" 
angeführt wird, und dass diese Slaven die ersten waren, welche 
diese Gegenden urbar und fruchtbar gemacht haben (ciiltam fecerant). 
Weiters wird hier der slavische Fürst dieser Gegend, namens Gr un- 
ziuwit, erwähnt, u. zw. mit folgenden Worten: „ . . . Ego Tassilo 
vir iluster Dax Bavariorum anno ducaiui mei tricentesimo . . . tradimus 
autem et decaniam Sdavonim cum opere fiscali vel tributo justo, quod 
nobis antea persolui consiieuerant. Hos omnes praedicfos Sclavos, quos 
sab illos actores sunt, qui vocatur „taliup" et „sparuna", quos infra 
terminum manet, que coniuravit illejopan (Supan), qui vocatur physo ..." 
„. . . et XXX. slavos ad Todicha cum iure fiscali vel tributo Justo. Tra- 
dimus autem et terram, quam Uli Sclavui cultam fecerant ad Todicha 
et Sirnicha . . . et ad Grunziuwiten Sclavum tributo justo ..." d. h. : 
„Ich Tassilo, der berühmte Mann, Fürst der Bayern, im 30. Jahre 
der Herzogswürde . . . übergeben hingegen die slavische Dekanei 
mit der Lehensarbeit und den bestimmten Abgaben, welche an uns 
ehedem zu leisten waren. Alle diese vorerwähnten Slaven, die unter 
jenen Wirtschaft betreiben, des Namens „Taliup" und „Speruna", die 
tiefer an der Grenze verbleibt, was jener Älteste, genannt Physo, be- 
schworen hat . . . und 30 Slaven zu Todicha mit der Lehensarbeit 
und festgesetzten Abgabe. Wir übergeben dagegen auch das Gebiet, 
das jene Slaven urbar gemacht haben zu Todicha und Sirnicha . . . 
und jenes beim Slaven Grunzvit mit der festgesetzten Abgabe." — 
(Codex trad. eccl. Patav. II. Monumenta Boica XXVIII. Pag. 196.) 

Wichtig für uns ist auch die Bestätigung dieser Dotation durch 
Kaiser Karl den Grossen, in welcher besagt wird, dass die erwähn- 
ten Slaven fortziehen können, wohin sie wollen, falls sie nicht Unter- 
tanen des genannten Klosters sein möchten, was soviel heisst, als 



101 

dass diese Slaven „Freie" waren und keineswegs „Unfreie", wie 
nun deutsche Forscher gerne behaupten, nachdem sie es nicht be- 
streiten können, dass wir Slaven in Österreich die ursprünglichen 
Einwohner waren, indem sie wohl anerkennen, dass zwar Slaven 
hier vorhanden waren, aber eben als „Unfreie", während die Deut- 
schen die „Herren" waren. Die Deutschen lieben es sich hiebet auf 
die lateinische Bezeichnung des Slaven (Slavus sclavus Sklave) zu 
berufen.*) Diese vollständig unrichtige Ansicht können wir jedoch 
durch die unmittelbar nachfolgende Urkunde widerlegen. Es ist dies 
die Zollordnung Kaiser Ludwigs aus dem Jahre 906, die wiederum 
von Slaven spricht, welche in jenem Teile Österreichs ansässig sind, 
der damals bis zur Enns zu Bayern gehörte, und ausserdem von 
Slaven, die jenseits der Donau in Böhmen und anderswo wohnen. 
Diese Urkunde besagt nun ganz bestimmt, dass die Slaven vollkom- 
men gleichwertig mit den übrigen Bewohnern Bayerns waren, 
denn in gleicher Weise wie die bayrischen Kaufleute, durften auch 
sie zu keinem Zolle gezwungen werden, und durften, wie alle übrigen, 
wo immer Handel treiben ; das galt von den Slaven, die in den bay- 
rischen Ländern ansässig waren {„isfius patriae", d. i. desselben 
Vaterlandes waren), zum Unterschiede von den ausländischen slavi- 
schen Händlern, die aus Böhmen, Mähren und anderswoher kamen, 
für welche Zölle vorgeschrieben waren, wenn sie in Orte längs der 
Donau handeltreibend kamen.**) 



*) Die Form »sclavus« hat sich erst im mittelalterlichen Kanzleilatein ge- 
bildet. — Gegen diesen schriftlichen Unfug trat schon Aug. Schlözer, der Be- 
gründer der neueren deutschen Geschichtschreibung, in seinem Werke »Allge- 
meine Nordische Geschichte« (Halle 1771, S. 221) auf, der da wörtlich sagt: »Mit 
Erlaubnis meiner Leser schreibe ich »Slavisch« und »Slavonisch«, nicht »Scla- 
vonisch«, denn die letztere Schreibart ist erweislich unge- 
reimt. Der erste, der so schrieb, war ein Hochdeutscher, der kein gelindes s vor 
einem Konsonanten aussprechen kann, und daher für Stein — S c h t e i n liest 
(aber nicht schreibt), und für slagen — schlagen sagt (und auch schreibt). 
Das c in Sclavonisch sollte ursprünglich nur das grobe deutsche seh andeu- 
ten, und daher »Schlavonisch« gelesen werden, gerade wie die Rechtschreibung 
»Schlesien« für »Slesien« üblich geworden; aber in der Folge sah man dieses c für 
ein k an. — Man vergass, dass ehedem die Deutschen sc für seh geschrieben haben; 
man fand dabei, dass auch die Griechen »Sklaboi«, nicht »Slaboi« schreiben, denn 
auch diese haben kein Wort in ihrer Sprache, das mit »sl« anfing, aber wohl 
»skleros« u. ä. — Man träumte, dass »Slav« (populus = Volk) und »Sklav« (man- 
cipium = Knecht) verwandte Wörter wären, so wie einst ein Klosterbruder bei 
den grimmigen Tataren an die Hölle — den Tartarus — dachte und seit 
der Zeit »Tartaren« schrieb.« 

**) Wurde schon S. 44 näher besprochen. — Diese Urkunde ist auch in an- 
derer Hinsicht für die Beurteilung der damaligen Grenzen zwischen Böhmen und 
Österreich wichtig. 



102 

Ausdrücklich von Slaven und Böhmen spricht auch der Codex 
des -Passauer Bischofs Pilgrim (983—991), in welchem die Grenzen 
des Passauer Bislums bezeichne! sind ; (;janach ging die Grenze ent- 
lang des jetzigen Fliisschens Perschling (damals Persinicha), welches 
sich unweit Tulln in die Donau ergiesst, und an diesem Flüsschen 
und in der Tullner Niederung werden Böhmen erwähnt, die diese 
Gegend bebauen und beackern, u. zw. geschieht dies mit folgenden 
Worten : „ . . . deinde Traisimani civitatem sancti Hypoliü martyris . . . 
postea Persinicha sicut Wilhelmus in proprium possidebat, qiiod tempore 
praesenti böcmani insidendo arabant . . . !*) (Monumenta Boica XXVIII. 
Pag. 87.) 

Wir haben also in allen Tälern an der Donau in Österreich 
offensichtliche Spuren und historische Aufzeichnungen über Slaven. 
Sehr interessant ist auch der Schenkungsbrief Kaiser Ottos 11. aus 
dem 3ahre 979, welcher die Beschreibung der dem Regensburger 
Bischof Wolfgang geschenkten Ländereien zwischen den Flüssen 
Erlaff und Ibiss (Ybbs) enthält, mit der Bestimmung, an dem Orte, 
der „Zvisila" (jetzt Wieselburg) genannt wird, eine Befestigung gegen 
die Magyaren zu erbauen. Diese Urkunde sollten auch insbesondere 
jene Deutschen beachten, welche böhmische Ortsbezeich- 
nungen in Österreich nicht zul assen wollen; mögen 
sie sich dessen be wus st wer d en, dass unsere Orts- 
bezeichnungen die ursprünglichen sind und die ihrigen 
eben verstümmelte slavische, und ferner mögen sie 
daran denken, dass noch zu Ende des X. Jahrhunder- 
tes hier überhaupt keine deutschen Ortsbezeichnun- 
gen existierten, dass die Deutschen selbst, wenn sie eine Gegend 
hier bezeichnen wollten, sich des sla vischen Namens bedienten, 
wie dies z. B. Kaiser Otto 11. tut: 

„ . . . ubi praenominati ßuvioli confluiint iisqiie ad Ibisam, ubi ipsum 
flumen huic confluvio Erlafarum proximum est et sursuni per litus Ibisae 
usque in rivum qui vocatiir „Zucha" (Suchä). Et per hunc usque in 
montem, qui dicitur slavonice „Ruznice" . . .", d. h. : „ ... wo die 
erwähnten Flüsschen zusammenfliessen bis zum Flusse Ibis, wo ihr 
Lauf am nächsten der Erlaf ist und oben entlang der Ibis bis zu dem 
Bache, den man „Suchä" nennt, und diesen entlang bis zu dem Berge, 
der den slavischen Namen „Ruznice" trägt." 

*) , . . dann (passiert die Grenze) das Traisen-Gebiet bei St. Polten , . . 
dann Perschling, wie es Wilhelm zu eigen besass, das aber in der gegenwärtigen 
Zeit die Böhmen innehaben und bebauen. 



103 

Waren demnach die Täler südlich der Donau von Böhmen be- 
wohnt, wie dies die oberwähnlen historischen Belege erweisen, so 
ist umsomehr anzunehmen, dass auch die Gegend an der jetzigen 
böhmischen Grenze von ihnen besiedelt war, denn nur durch dieses 
Gebiet konnten erst die Böhmen in die Täler südlich der Donau ge- 
langen. Die Gegend nördlich der Donau bis zur gegenwärtigen böh- 
mischen Grenze war damals mit undurchdringlichem Urwald bedeckt, 
„Silva nortica" genannt, und deshalb war dieses ganze Gebiet nur 
sehr dünn besiedelt. Jedoch selbst diese spärlichen ursprünglichen 
Ansiedelungen haben uns sichtbare Spuren ihres slavischen Ursprun- 
ges hinterlassen, und entlang der böhmischen Grenze hat sich sogar 
bis heute die alteingesessene böhmische Bevölkerung erhalten. 

Die oberwähnte Gegend war jedoch nicht allein von Böhmen 
besiedelt, sie hat auch als ein Teil des Böhmerwaldes zu Böhmen 
gehört, bis die Deutschen kamen, unsere entlegenen Ortschaften be- 
drängten, sie germanisierten, und als die Böhmen ihre Ansiedlungen 
weiterhin nicht mehr freiwillig verlassen wollten, zogen Soldaten 
gegen sie aus, besiegten sie und bemächtigten sich des eroberten 
Gebietes. Danach besetzten die Deutschen das Land dichter mit Kolo- 
nisten. 

Einen grossen Teil des gegenwärtigen Österreich nahm das 
böhmische Gebiet „Vitoraz" ein, denn dieses reichte ursprünglich bis 
über den Fluss Kouba (Kamp) ; dieses gehörte bis zum Ende des 
Xlll. Gahrhundertes zu Böhmen. Dass die Person des Begründers die- 
ses Gebietes eine historische ist und dass derselbe ein böhmischer 
Fürst war, das bezeugen die Annalen von Fulda, in denen um das 
Jahr 857 von Vitoraz und seinen Söhnen gesprochen wird : 

„ . . . Olgarius episcopus et Hrnoldus comes palatii et Ernestus 
Jilius Ernesti ducis cum hominibus suis in Boemanos missi, civitatem 
Wiztrachi, ducis ab annis multis re bei lern occupaverunt expulso ab ea 
Slavitago, filio Wiiztrachi, qui iyrannidem tunc in ea exercebat. Quo 
perjuga lapso et ad Rastizen se conferente. frater eins qui ab eo patria 
pulsus apud Zistiboron Sorabum exulabat, ad regem Jideliter veniens, 
loco fratris dux constituitur . . .", d. h. : „ . . .Otokar der Bischof, Arnold 
der Reichsgraf und Ernst, Sohn des Herzogs Ernst, die mit ihren 
Kriegern gegen die Böhmen entsandt wurden, haben die Ansiedlung 
Vitorads, eines seit vielen Jahren rebellierenden Herzogs, eingenom- 
men und den Slavitah, Sohn des Vitorad, der in dieser Gegend als 
unabhängiger Fürst herrschte, verjagt. Als dieser sich durch die 
Flucht gerettet und bei Rostislav verborgen, weilte sein aus der Hei- 
mat vertriebener Bruder bei dem Serbenfürsten Cestibor in der Ver- 



104 

bannung und nahm sodann im Vertrauen zum Könige bei diesem 
Zuflucht, der ihn neuerlich mit seiner früheren Herrschaft belehnte." 

Daraus ist auch ersichtlich, dass das Witorader Gebiet ein g r o s- 
ses Fürstentum war und keineswegs nur das Gebiet der gegenwär- 
tigen Stadt, da doch sonst der Kaiser kaum ein grosses Heer zu 
deren Eroberung ausgesandt hätte. 

Über die Böhmen im Vitorazer Gebiete erfahren wir noch mehr 
aus den „Annales Claravallenses" , welche mit dem Jahre 1083 be- 
ginnen. Diese erzählen, wohl auf Grundlage anderer Quellen, dass 
die Böhmen diese ganze Gegend nach den Bojern bis zur Donau 
besetzten und sich deren Sitze hauptsächlich im Tale der Stadt Rohy 
(Hörn) und Bejdov {Boid/iofiiim, Baiclhofiiim, daraus das jetzige Waid- 
hofen), ausbreiteten. Eine der ältesten Ansiedlungen ist S v e 1 1 ä (Zwettl), 
von welcher die alten Chroniken besagen, dass sie bereits ein Mittel- 
punkt der Bojer gewesen sei. Dass sich die Böhmen nach ihnen auch 
hier niederliessen, das beweist uns schon der Name, und wer es 
nicht glauben will, möge nur die erwähnten Annalen zur Hand neh- 
men, er wird dann sicherlich die Lust verlieren, auf etymologischem 
Wege beweisen zu wollen, dass „Zwettl" nicht slavischen Ursprungs 
sei, wie dies die deutschen Forscher getan haben, wobei sie lieber 
ihre eigene Unkenntnis zugestanden haben, da sie hiemit bewiesen, 
nicht einmal so wichtige Quellen der eigenen Geschichte ihrer 
Heimat zu kennen, als der Wahrheit die Ehre zu geben. 

Im Jahre 1084 erzählen die Zwettelschen Annalen : „Nizo igitiir 
praediuni sibi aedijicavit mit destmctum reaedificavit nomine „Zweielam" , 
qiiod ab origine bohemicum est . . ." (Deutsch: Nizo baute sich eine 
Burg oder liess die verfallene wieder aufrichten, namens Zwettl, wel- 
ches seinem Ursprünge nach böhmisch ist.) Ausserdem sagt uns eine 
alte Mappe, welche die Gründung des Zwetteler Klosters darstellt, 
dasselbe nur noch deutlicher in ihrer Inschrift, welche lautet: „Mo- 
nasteriiim Zwetelense nonien suiim accepit a vocabulo bofiemico: Swietlo, 
quod lumen significat, unde Claravallis Austriae vocatur". (Zu deutsch : 
„Das Zwetteler Kloster hat seinen Namen von dem böhmischen Worte 
„svetlo" erhalten, woher auch der lateinische Name Claravallis stammt.") 

Zu Beginn unserer Darlegung sagten wir, dass wir uns in Öster- 
reich nicht nur zuhause fühlen sollen, da unsere Vorfahren hier die 
ursprünglichen Bewohner waren, wie vorstehend genau bewiesen 
worden ist, sondern auch deshalb, weil ein grosser Teil von Öster- 
reich zu Böhmen gehörte; fassen wir daher die früheren Grenzen ins 
Auge. In dieser Angelegenheit kann uns das merkwürdige Schweigen 
der deutschen Gelehrten nur bedeutungsvoll erscheinen. 



105 

Wenn wir deren Schriften einsehen, finden wir gar seilen eine 
Erwähnung über die alte Zeit der an Böhmen grenzenden Gegend 
jenseits der Donau. Warum sie wohl ihre Forschung durch die Donau 
begrenzen, weshalb tuen sie bei der Verarbeitung einer allgemeinen 
Geschichte Österreichs davon, was hier jenseits der Donau vor Jahr- 
hunderten geschehen ist, mit keinem Worte Erwähnung? Und die- 
jenigen von den späteren, die hievon schreiben und der Wahrheit 
die Ehre geben, dass sie nämlich zum grössten Teile zu Böhmen 
gehörte, die werden gewöhnlich von ihren eigenen Stammesgenossen 
angefallen und ernten wenig Dank dafür. (Siehe Heyrenbach, Pröckel 
usw.) Doch fragen wir die deutschen Forscher, wenn sie so gerne 
die Existenz der alten hiesigen böhmischen Ansiedelungen leugnen, 
auf welcher Grundlage sie dies tun. Wem von ihnen sind die wirk- 
lichen nördlichen Grenzen ihrer alten Mark bekannt? Kann jemand 
behaupten, dass schon zu Zeiten Karls des Grossen die böhmisch- 
mährische Grenze dieselbe war wie heute? 

Die schon erwähnte Zollordnung Ludwigs aus dem Jahre 906 
führt uns zu einer vollständig anderen Ansicht. Schon in dieser 
ist von Gegenden die Rede, welche zu Bayern gehören, zum Unter- 
schiede von fremden ; hier werden die heimischen Slaven (istius pa- 
triae) und andere Slaven (de Boemanis et Rugis) als fremde erwähnt 
und zwischen diesen wird als Grenze die Donau gesetzt. Wir lesen 
da wörtlich nachstehendes : „ . . . Ubiciimque jiixta ripam Danubii (wo 
immer längs des Ufers der Donau). Sicherlich hätte Ludwig andere 
Orte genannt, bei deren Überschreitung die böhmischen Kaufleute 
hätten Zoll zahlen müssen, wenn er nicht als die eigentliche Grenze 
zwischen seinen Ländern und Böhmen die Donau anerkannt hätte. 
Es ist möglich zu verfolgen, wie die Deutschen nach und nach die 
Grenzen verschoben: Im Jahre 1010, also hundert Jahre nach der 
genannten Zollordnung, verlautbart Kaiser Heinrich 11. eine neue Ver- 
ordnung, in welcher als Grenze Böhmens in Österreich der erwähnte 
Nordwald (Silva Nortica) bezeichnet wird: „ . . . portionem silvae, quae 
vocatur Nordwald a fönte fluminis Iltza sursum usque ad terminum prae- 
dictae silvae, quae separat duas tcrras Baioariam videlicet et Boemiam." 
(Deutsch: „...wir schenken einen Teil des Waldes, der Nordwald 
benannt wird, von den Quellen des Flusses Iltza bis zu der bezeich- 
neten Stelle des genannten Waldes, der zwei Länder, nämlich Bayern 
und Böhmen, teilt." Momimenta Boica Heinrich II. 1010.) Dieser Wald 
ist allgemein als damalige Grenze auch von den Deutschen anerkannt 
worden. Da es aber damals nicht möglich war, in einem so ausge- 
gedehnten Urwalde eine strikte Grenze zu bestimmen, haben dies die 
deutschen Bewohner der Mark (Ostarichi ^ Österreich) ausgenützt 



106 

und später den grösseren Teil dieses zu Böhmen gehörigen Waldes 
eingenommen. In jüngerer Zeil sind ihnen auch die modernen öster- 
reichischen Historiker zu Hilfe gekommen. Diese konnten zwar nicht 
leugnen, dass der Nordwald die böhmische Grenze war; damit sie 
aber nicht einzugestehen brauchen, dass die Deutschen unser böh- 
misches Land zur Erweiterung ihrer Mark anneklierten, schufen sie 
die Tradition, es sei allerdings wahr, dass der Nordwald die Landes- 
grenze bildete, aber dieser lief entlang der jetzigen Grenze Böh- 
mens. Sie haben sonach aus dem Nordwald einen ganz unbedeu- 
tenden Wald gemacht und wollten damit erklären, dass die Grenze 
Böhmens nicht viel weiter gehen konnte, als es jetzt der Fall ist. 
Aber diese Tradition stimmt mit der Wahrheit nicht überein. Dank 
alten Aufzeichnungen sind wir in der Lage genau zu beweisen, dass 
sich der Wald über das ganze Gebiet bis zur Donau ausstreckte und 
dass die Österreicher erst im XII. Jahrhunderte sich daselbst zahl- 
reicher ansässig machten. Noch in dieser Zeit verlegen ihre eigenen 
Aufzeichnungen Krumau an der Kamp in den Nordwald : „pracdiiim 
in Chrumpenawe, qiiod in nortica silva ad Canipiuni jiiiviuni sitiim est" 
(Annal. Clarav.), d. h. : „die Krumauer Herrschaft, welche im Nord- 
wald längs des Kampflusses liegt", was sonach sehr weit von den 
heutigen Grenzen Böhmens entfernt ist. — 

Auch Zwetil wurde damals als in der Mitte des Nordwaldes 
gelegen bezeichnet. Bei dieser Gelegenheit wurde neuerlich von den 
Böhmen als den ursprünglichen Bewohnern dieser Gegend 
gesprochen. Die Annalen von Zwettl erzählen von Azon, dem 
Gründer des mächtigen Stammes der Kuenringer, der die Böhmen 
bekriegte und diese in den genannten Wald zurücktrieb, als sie sich 
gegen die deutsche Invasion wehrten und ihre Niederlassungen den 
Österreichern freiwillig nicht überlassen wollten. Dafür bekam er als 
Lehen die ganze Gegend, die er von den Böhmen erobert hatte. Dort 
begann er Burgen zu bauen und die Deutschen anzusiedeln. Seinem 
älteren Sohne gab er Krumau und dem jüngeren Zwettl, wie aus den 
Aufzeichnungen folgenden Wortlautes hervorgeht : „ . . . Deinde colli- 
giiiiir Nizonem, natu minorem filiiim suum, in ipsam silvam Norticam 
constituisse, illiqiie casirum seil praedium, qiiod aedijicasse nomine Zwet- 
tcla, ubi forte antea Boemi Slavi residerunt . . ." *) (Annales Claravall.) 

Daraus ist also zu ersehen, dass die Behauptung der Deutschen, 
als hätte sich der Nordwald nur an den jetzigen böhmischen Gren- 
zen ausgebreitet, nicht mit der Wahrheit übereinstimmt. 

*) D, h.: »Dann veranlasste er seinen jüngeren Sohn Nizo sich im Nordwalde 
niederzulassen und dort, wo ungefähr früher die böhmischen Slaven sassen, eine 
Burg oder eine Ansiedlung des Namens »Zwettela« zu erbauen.« 



107 

Richtig dagegen ist die Anschauung des einzigen deutschen Pro- 
fessors Pröckel, welcher die südlichen Grenzen Böhmens im XI. Jahr- 
hunderte an den Kampfluss verlegt, und sicherlich hatte auch er seinen 
Landsleulen nicht weniger geben wollen. Wenn wir jedoch die alten 
Handschriften mit Verständnis lesen, so erkennen wir, dass noch 
im XII. Jahrhunderte die böhmische Grenze tief in das eigentliche 
Österreich hineinlief. Im Jahre II 10 wurde die Pfarre Grimhartstettin 
(Gramatstetten) in Oberösterreich an der Donau gegründet. In dem 
Gründungsbriefe sind die Grenzen der Pfarre genau bezeichnet, und 
da wird auf der einen Seite die böhmische Landesgrenze angegeben, 
sonach diese Pfarre unmittelbar an das böhmische Gebiet grenzen 
musste. Heute ist sie, wie bekannt, sehr weit davon entfernt. 

Gehen wir nun zu Niederösterreich über, so finden wir hier in 
dieser Zeit noch das selbständige böhmische Vitorazsko, an der 
böhmischen und mährischen Grenze das selbständige Österreich 
(„Rakousy", nicht zu verwechseln mit dem heutigen Begriffe von 
Österreich!). Es ist dies das Gebiet, für welches unsere Benennung 
„Rakousy" die ursprüngliche ist. Erst als die Herzoge der alten Mark 
sich dieses Gebiet angeeignet hatten, ging unsere ursprüngliche Be- 
nennung auf ihr ganzes Land und von hier auf die ganze Monarchie 
über, welche wir „Rakousko" nennen. 

Das Jahr II31 wird in der Chronik von Kosmas mit dem Zuge 
des Bischofs von Münster nach Rom in Verbindung gebracht, welcher 
daselbst den Papst Paul benachrichtigen sollte, dass die Hilfstruppen 
des deutschen Kaisers Lothar im Anzüge seien ; da dieser Gesandte 
vor dem Rivalen Lothars, Konrad, Furcht halte, reiste er auf einem 
Umwege nach Böhmen und von hier über das Gebiet des österrei- 
chischen Markgrafen, „marchionis Racd'sis", zurück: 

. . . Anno Dominice Incarnationis mtl. CXXXI. III. Calendas Apri- 
lis . . . Qui ob metiini jalsi regis Conradi una ab recta via deviando 
venit in Bohemiam . . tandem a duce Sobieslao decenfer donalus per 
regionem Racd'sis marchionis iransüt, sicque per nmltas provincias tran- 
siens rediit ad sua. (Continiiatio Ctiron. Bohem. Cosmae), d. h. : der 
aus Furcht vor dem Pseudokönig Konrad vom richtigen Wege ab- 
weichend nach Böhmen kam . . . Nichtsdestoweniger wurde er vom 
Herzog Sobeslav freigebig beschenkt und kehrte über das österrei- 
chische Gebiet nach Passierung einiger Länder nachhause zurück." 

Zuerst müssen wir wissen, wo sich jenes Gebiet „marchionis 
Racd'sis" befand. Das Wort „R a c d" findet sich im Mittelalter in la- 
teinischen Chroniken und Dokumenten in verschiedenen Formen, wie : 



108 

Racd, Racz, Rachz, Rakz, Rags, Ragez, Rakez, und bedeutet unsere 
alte Benennung einer Burg „Ragus" oder „Rakös" an dem Zusam- 
menflusse der Taya, die wir heute richtig „Rakous" benennen ; die 
Deutschen haben dieselbe zu „Raabs" verstümmelt. Also dieses Ge- 
biet hiess ursprünglich nach der dortigen Burg „Rakousy", und hätte 
dasselbe zur Mark (Ostarichi) gehört, so halte es unser Geschichts- 
schreiber sicherlich nicht als ein Gebiet bezeichnet, das einen eigenen 
Herrscher hat. Daraus geht klar hervor, dass damals noch ein gros- 
ser Teil des Landes Österreich, wo die Deutschen nicht einmal eine 
böhmische Benennung zulassen wollen, ihnen gar nicht gehört hat. 
Noch damals im XII. Jahrhunderte konnte anfangs die Nordgrenze 
der Mark höchstens der Kampfluss bilden, über die Städte Hörn und 
Eggenburg aber die Flüsschen Pulkau und Taya. 

Am längsten erhielt sich uns das Weitragebiet (Vitorazsko), 
welches im Jahre 1185 von dem böhmischen Herzog Friedrich 
Hadamar II. von Kuenring zum Lehen gegeben wurde dafür, dass 
er diesem unserem Herzoge die Hilfe des österreichischen Heeres in 
seinem Kampfe um den Thron Böhmens gebracht hatte. Unter der 
Herrschaft der Herren von Kuenring wurde das Weitragebiet rasch 
germanisiert, gehörte jedoch auch weiterhin zu Böhmen, da es ein 
Lehen des Landes Böhmen blieb. Erst im Jahre 1279 wurde es dau- 
ernd an Österreich angeschlossen, und zwar unter folgenden Umstän- 
den : Der Weitraer Zweig der Herren von Kuenring hielt treu zum 
König Ottokar 11. in seinen Kämpfen um das österreichische Erbe, 
einerseits gebunden durch die Treue als Lehensherr, hauptsächlich 
jedoch deshalb, weil es diesen stolzen Herren mehr gefiel, dem be- 
rühmten und mächtigen Könige Ottokar zu dienen, da er wohl ihren 
Bestrebungen mehr entgegenkam, als der österreichische Herzog ; 
ausserdem waren die Kuenringe auch mit ihm verwandt. Wie bekannt, 
schloss PfemysI Ottokar IL noch als Prinz eine morganatische Ehe 
mit einer Hofdame, der allgemein bekannten „Palcafik" (nach dem 
Zuschnitt der Haare), welche mit ihrem wahren Namen Agnes von 
Kuenring hiess. Aus dieser Ehe stammten drei Kinder, und zwar 
zwei Töchter und ein Sohn. Die Tochter Agnes wurde von Ottokar IL 
Hamadar V. von Kuenring zur Frau gegeben. Deshalb sehen wir auch 
auf dem unglücklichen Marchfelde (1278) die Kuenringe an der Seite 
unseres Königs, durch dessen Fall auch sie ihres Beschützers beraubt 
waren, so dass das Heer Rudolfs von Habsburg zur Eroberung von 
Weitra nicht vieler Mühe bedurfte, da es hier damals niemanden gab, 
der die Lehen des Landes Böhmen beschützt und die Konfiskation 
der Kuenringschen Güter verhindert hätte. Die Kuenringe mussten 
überdies landflüchtig werden. Das Weitragebiet wurde damit für immer 



109 

i. J. 1279 von Böhmen abgetrennt und die Güter der Kuenringe fie- 
len der Krone zu, von denen sich z. B. Gmünd bis heute im Besitze 
eines Erzherzogs befindet. 

Wie wir sehen, haben daher die Grenzen Böhmens und der 
Ostmark erst i. 3. 1279 ihre jetzige Gestalt bekommen. Allerdings 
Hess sich das böhmische Element nicht so leicht verschieben, wie 
die Grenze; dieses Element lebt hier auch naturkräftig weiterhin, 
und wo sich kein anderes Denkmal nach unseren Vorfahren er- 
halten hat, dort sind wenigstens die Namen geblieben, welche de- 
ren Ansiedlung melden. Von diesen Namen haben sich uns viele 
durch mündliche Überlieferung erhalten oder wir kennen sie aus 
alten Büchern. Dass die Zahl solcher Orte ungewöhnlich gross ist, 
davon zeugt die Abhandlung von Prof. Sembera (Blätter für die Lan- 
deskunde von Niederösterreich 1871, S. 62—69), welcher die Anzahl 
der Namen verschiedener Ortschaften, aus denen ihr slavischer Ur- 
sprung erkannt werden könne, allerdings auf einfacher etymologischer 
Grundlage, auf ungefähr tausend abschätzt. 

Aber die Deutschen kommen in dieser Hinsicht gleich mit Be- 
weisen für das direkte Gegenteil ; ob jedoch ihre Angaben nur einiger- 
massen wahrscheinlich sind, darum kümmern sie sich allerdings nicht. 
Sehen wir uns ein Beispiel an : wer imstande ist aus dem alten 
Zwettl den Ursprung „Zweiental" abzuleiten, trotzdem der eigene 
Vater ihm zum ewigen Gedächtnis ins Buch geschrieben ha!, dass 
seine wahren Vorfahren diesen Namen von dem böhmischen „swietlo" 
genommen haben, oder wer in dem Namen „Witoraz" nach dei 
deutschen Benennung „Weitra" den Ursprung „Veitrache" (!) zu su- 
chen imstande ist, obgleich die alten Chroniken ausdrücklich von dem 
Begründer „Vitorad" sprechen, der ignoriert einfach die Geschichte 
und wird zu einem willkürlichen Etymologen, bei dem allerdings von 
irgendwelchem Ernste nicht die Rede sein kann! 

Die Deutschen wollen uns die Richtigkeit unserer eigenen Be- 
nennungen nicht zulassen, welche angeblich erdichtet sein sollen und 
in Wirklichkeit nie existiert hätten ! Deshalb wollen wir nur einige 
von ihnen als Beispiel bringen und zeigen, welche Namen hier 
früher waren und schliesslich dieselben mit unseren jetzigen und den 
deutschen Namen vergleichen. Wir werden sofort sehen, wer die 
Namen gefälscht hat und wem die korrumpierten, daher unberech- 
tigten Namen angehören. 

Im Jahre 859 schenkt der deutsche Kaiser Ludwig einen Teil 
des Gebietes, welches „Tullina" genannt wird (qui vocatiir Tullina), 



110 

1283 (Annal. Claravall.) Tulna, 1275 Tulnä, 13% Tulna, böhmisch 
bisher auch Tulnä (von „dol, dül" Tal) ; auch die Deutschen haben 
jetzl „Tulln" und wollen für sich den Ursprung des Namens von 
„Thal" nachweisen. 

Noch besser sehen wir dies, wessen Namen erdichtet sind, bei 
dem Orte „Slunice" ; es war dies eine der ältesten Burgen des Adels 
desselben Namens im 3ahre 1160 Pabo de Slunize (Slunice), 1207 
de Sleynce, 1217 de Slennize, 1234 Otto de Slenitz, 1259 Chrofto de 
Sleuntz, 1268 Cunradus de Slunz. Hier ist gut zu sehen, wie die 
Deutschen die Namen schrittweise verstümmelten. Heule heisst der 
Ort „Schleinitz" bei Eggenburg. 

Im Jahre 1175 Kiow (Kyjov), 1188 Chiow, 1268 Kyaw, 1282 
Chyaw, heute „Kaja", eine uralte Ruine bei Retz. Den böhmischen 
Ursprung zeigt auch der Sitz eines alten mächtigen Geschlechtes aus 
dem heutigen Meissau: 1273 schrieb und hiess dieses noch Mischow 
(Misov, Annal. Claravall.) Ursprünglich ist auch unser Name Licov : 
lateinische Annalen bezeichnen dasselbe im Jahre 1229 Litschow, 
1232 Litschow, 1335 Litschaw, heute „Litschau". (Annal. Claravall.) 
An den böhmischen Namen Medlik wird noch 1206 erinnert: de Me- 
delico, 1228 de Medlico, 1268 de Medlico (Annal. Claravall.) 1261 de 
Medlico (Momim. Boica). Was für einen Grund haben also die Deut- 
schen für die dermalige Benennung „Melk" statt „Metlika" ? — 

Wachawa : 977 schenkt Otto die Gegend der jetzigen Wachau 
und beschreibt dieselbe u. a. mit den Worten : „hoc est in loco, qui 
dicitur Wachawa in ripa Damibii" (deutsch : d. i. in der Gegend wel- 
che „Wachawa" genannt wird, am Ufer der Donau). Auch anderswo 
in alten Dokumenten lesen wir einzig „Wachawa" und nun haben 
daraus die Deutschen ihre „Wachau". 

Von der Burg Raküs oder Rakous war schon die Rede ; diese 
Burg war der Sitz des „zupan" der dortigen Gegend, deren Bewohner 
danach „Rakusy" hiessen, und bereits bei dem griechischen Ptole- 
mäus genannt werden, welcher sagt : 

„Luna Silva, sub qua gens magna Boemi iisque Damibiuni, qui- 
bus continui snnt jnxta flnvium Teracatriae et penes campo Racatac ..." 
(d. h. : „Der Mondwald-Manhart, unterhalb dessen die grosse Nation 
der Boemi bis zur Donau siedelt und bis zum Flusse March reicht 
und auf der weiteren Ebene die Rakati . . .") 

Im Mittelalter taucht für diese Burg der Name Rakez, Ragez, 
Ragus auf, was mit unserem Rakus vollkommen übereinstimmt. 
Die jetzige deutsche Bezeichnung „Raabs" zu begründen ist allerdings 



111 

unmöglich; die Geschichte bietet hier nicht die geringste Stütze und 
müssen die Deutschen neuerdings ihre Zuflucht ausschliesslich zur 
willkürlichen Etymologie nehmen. Für „Svetlä" und „Vitoraz" genügt 
auch sicherlich das, was darüber früher angedeutet wurde, und dies 
sind durchwegs Orte, deren originale Bezeichnung uns die Geschichte 
selbst erhalten hat. — 

Aber die Deutschen wollen auch nicht die Benennungen von 
anderen kleineren Orten zulassen und da lässt sich allerdings die 
Richtigkeit unserer Benennungen nicht immer durch alte Urkunden 
belegen, da diese Orte meist keine hervorragende Rolle in der Ge- 
schichte gespielt haben. So z. B. der Ort „Rapsach" im Weitragebiele, 
welcher bis heute überwiegend böhmische Bevölkerung hat! Unser 
Volk hat ihn niemals anders genannt — was durch einwandfreie 
Zeugen bewiesen werden kann — als „Rapsach", und unweit davon 
„Hrabanos" ; erst unverhältnismässig später erscheinen die deutschen 
Bezeichnungen „Rottenschachen" und „Zuggers" (bei Gmünd). Wie 
auffällig muss es sein auf einmal die Behauptung zu hören, dass 
die jetzigen Deutschen diese Benennungen nicht zulassen wollen, da 
diese niemals existiert hätten ; die lokale Volksüberlieferung hat bei 
ihnen keinen Wert. Aber auch hier war uns ein ganz besonderer 
Zufall hold. Als wir unter anderem auch ein Verzeichnis der Pfar- 
reien des Passauer Bistums sorgfältig durchsahen, zu welchem früher 
auch die Pfarre Rapsach gehörte, lasen wir den eigentlichen Namen 
dieser Pfarre „Rapischach". Aber noch auf eine andere Quelle kann 
hingewiesen werden. Wir bekamen eine alte Mappe von Österreich 
aus dem XVII. Jahrhunderte in die Hand, welche an dieser Stelle 
ausdrücklich die Ortschaft „Rapschachen" (also durchaus kein „Rotten- 
schachen", wie es die Deutschen also erst nach dieser Zeit umgetauft 
haben) anführt. 

Weiters befindet sich bei Gmünd eine von den Deutschen „Has- 
lau" genannte Ortschaft; die Böhmen benennen diesen Ort von alters- 
her „Cählava" (Annal. ClaravalL), vom Jahre I33G wurde diese Ort- 
schaft „Zaglava" (Cahlava) eingetragen. Richtig ist, dass unser „Jam- 
nik" (Annal. Claravall.) im Jahre 1352 Zamnik (Codex Patav.) später 
„Gemnik" benannt ist. Die Deutschen nannten diese Ortschaft „Ga- 
ming". Also hier wollten die Deutschen die Richtigkeit unserer Be- 
nennungen bestreiten und haben hiezu eine gewiss zweischneidige 
Waffe gewählt, die, wie zu ersehen ist, zu ihrer eigenen Enttäuschung 
wurde, denn schon aus diesen kleinen Beispielen haben wir erkannt, 
dass gerade die deutschen Benennungen jüngeren 
Datums sind und frühe r übe rhaupt nicht exi stierten, 



112 

und dass hingegen unsere böhmischen Benennungen 
die Originalnamen sind. 

Betrachten wir noch kurz die Originalbenennungen des deutschen 
Adels ; schon die Namen ihrer Stammsitze sind oft von einem 
sonderbaren Deutsch! — Im Jahre 11G8 sind bei einer Dotation des 
Klosters Zwettl folgende Adelige dieses Kreises unterfertigt: Mein- 
hardus de Radechow, Wolker de Grifza, Azzo de Chocendorf (Cho- 
cen), 1272 Chozen, 1272 Choscen, und heute ist daraus das deutsche 
Kotzendorf! . .. Pabo de Slunic, das heutige deutsche Schleinitz! Eu- 
chebertus de Gors (Gorse Gorice), das jetzige deutsche Gars. Dedal- 
rich de Borekheim (Borek), Ulricus de Radune (Radufi). 

Wir glauben, dass das wenige, was hier objektiv aus der Ge- 
schichte herausgehoben wurde, vollkommen genügt, um uns und 
unseren Gegnern zu beweisen, dass wir nicht blosse Gäste 
oder Einwanderer hier sind, sondern eine altangeses- 
sene Nation, deren Väter als erste den Boden Öster- 
reichs urbar machten und ihre Wohnsitze hier auf- 
schlugen, deren Benennungen ursprünglich auch b öhmisch waren, 
daher einzig und allein für diese Zeit berechtigt sind. — 



M. Zunkovic: 

»Die Geschichte von Igors Kriegszuge.« 

Das älteste russische Heldengedicht. 

Graf Alexei Ivanovic Musin-Puskin (1774—1817), ein unermüd- 
licher Forscher in der Geschichte und Literatur des russischen Alter- 
tums, verwendete seine reichen Mittel dazu, sich zu diesem Zwecke 
möglichst viel Materialien zu verschaffen. So gelang es ihm auch alle 
alten russischen Bücher eines Klosters zu erwerben. In dieser Samm- 
lung wurde nun im Jahre 1795 obige Dichtung, in der Literatur als 
„Slovo polku Igorevje" bekannt, entdeckt und im Jahre 1800 zum 
erstenmale veröffentlicht. Bei dem Mangel an philologischen wie pa- 
läographischen Kenntnissen der damaligen Kommentatoren konnte es 
aber nicht anders kommen, als dass die Ausgabe völlig unkritisch 
und fehlerhaft ausfiel. 

Beim grossen Brande von Moskau im Jahre 1812 ging jedoch 
diese Handschrift nebst anderen wertvollen Stücken der Sammlungen 
des genannten Grafen zugrunde. Zum Glücke wurden zwei Kopien ver- 
fasst; i. J. 1861 fand man unter den Papieren der Kaiserin Katarina 11. 
(1762 — 1797) sogar ein weiteres Faksimile. 



Die auf Glanzpapier geschriebene, zugleich mit Handschriften 
anderer Art in einem Bande befindliche Dichtung kann nur in der 
Zeit von 118G— 11% verfassl worden sein, weil dies aus bestimmten 
Stellen des Inhaltes untrüglich hervorgeht. Die gefundene Handschrift 
ist selbstredend eine Kopie, welche einige Paläographen dem XIV., 
andere dem XVI. Dahrhunderte zuschreiben. 

Wie bei jedem anderen altslävischen Kulturdokumente, ist auch 
bei dieser Dichtung weder das Alter noch die Echtheit oder Ursprüng- 
lichkeit von der willkürlichsten Kritik unbestritten geblieben. Vor allem 
hat der Universitätsprofessor Michael Kacenovski in Moskau um das 
3ahr 1840 mit seiner Pauschalverdächtigung, dass die ganze russische 
Kirchen- und Profanliteratur aus der vormongolischen wie mongo- 
lischen Zeit (1224— UBO), sonach also auch das Igor-Lied, ein Mach- 
werk der Mönche späterer Zeit sei, eine vorübergehende Aufregung 
verursacht ; doch nahm man die Sache sehr bald wieder von der 
heiteren Seite, als unwiderlegliche Beweise von der Unhaltbarkeit 
seiner Behauptungen erbracht wurden.^) 

Die Dichtung gehört in die Kategorie der feierlich getragenen, 
poetischen Prosa und hat die Grundidee und Tendenz auf die Nach- 
teile der unaufhörlichen Zwiste unter den Teilfürsten aufmerksam zu 
machen, und die Vereinigung des ganzen Russenlandes unter ei- 
nem Fürsten als das Erspriesslichste darzustellen. Der Inhalt ist 
kurz folgender: Igor, der Teilfürst von Novgorod-Sjeversk, unternimmt 
im Jahre 1185 einen Kriegszug gegen die heidnischen Polovzer und 
schlägt sie. Doch die nach diesem Siege zur Schau getragene militä- 
rische Sorglosigkeit der Russen benützen die Polovzer, überfallen mit 
Erfolg das Lager derselben und nehmen Igor gefangen ; dieser ent- 



1) Es ist übrigens nicht unbekannt, dass bisher eigentlich kein Werk der 
Weltliteratur unangefochten blieb. Immer finden sich krankhaft ehrgeizige Männer 
mit inferiorem Gesichtskreise, die, sobald sie an eine unüberwindliche Wissens- 
oder Ürtcilsgrenze stossen, lieber das Hindernis ihrer vorgefassten Urteile be- 
seitigen, statt offen zu bekennen: »ich verstehe es nicht«. — Es seien nachstehend 
noch einige solche konkrete Entgleisungen pathologischer tJberkritik 
angeführt. Der Typus eines solchen literarischen Nihilisten war z, B. Jean Har- 
douin (1646 — 1729). Dieser erklärte alle alten Kirchenschriftsteller sowie die ge- 
samten altklassischcn Werke — bis auf vier minderwichtige — für gefälscht und 
unterschoben, und wusste auch zu erzählen, dass sie alle im 13. Jahrhunderte 
r.ter der wissenschaftlichen Führung eines gewissen Severus Archontius von 
. crschiedenen Mönchen verfasst seien. Überdies erklärte er alle alten Münzen, 
die wo ausgegraben wurden, für Nachmachungen. Die ungeheure Aufregung in der 
Gelehrtenwelt, die sich daraus ergab, legte sich aber bald, denn als Hardouin als 
angesehener Jesuitenpater auch alle Konzile bis zum Tridentinischen (1545 — 1563) 
als fingiert erklärte, somit auch jenes von Konstanz (1414 — 1418) negierte, wo 



114 

kommt jedoch später mit knapper Not durch Mithilfe eines Getreuen 
aus der Gefangenschaft. 

Die Frage, ob hier nicht etwa welches Versmass angewendet 
sei, nachdem der Text doch fortlaufend geschrieben ist und auch, 
wie alle alten Handschriften, keine Interpunktionen aufweist, zog einen 
langen Streit nach sich, der eigentlich noch heute nicht beendet ist. 
Es lässt sich aber darüber doch ein Schlusswort aussprechen, denn 
jede Partei befindet sich von ihrem Standpunkte aus im Rechte. Ein 
bestimmtes Versmass, ja selbst ein bewusster Stabreim ist aus der 
Dichtung absolut nicht herauszufinden ; ist jedoch in einer Dichtung 
jeder Vers anders, dann ist es eben keine metrische Dichtung im 
gangbaren Sinne, und dies ist hier offenkundig der Fall. Es ist daher 
eine volkstümliche Dichtung, die sich durch keine äusseren Form- 
gesetze drosseln lässt, sondern den Inhalt zur Hauptsache macht. 
Es zeigen daher auch Stellen besonders poetischen Inhaltes einen 
gewissen, die Begeisterung des Dichters zur Schau tragenden rhyt- 
mischen Wohlklang, den noch Tropen und Figuren reichlich erhöhen ; 
die prosaischen Stellen des Inhaltes entbehren jedoch derselben. — 
Das ist einmal bei der bodenständigen und natürlichen Volksdichtung 
überall so und obwalten genau dieselben Verhältnisse auch bei den 
altböhmischen epischen Dichtungen der Grünberger und Königinhofer 
Handschrift, denn der Naturdichter subordiniert immer die Form dem 
Inhalte. — 

Wer jedoch unter dem Einflüsse unserer schablonenhaften Schul- 
erziehung steht und eine Dichtung in Prosaform nicht für denkbar 
hält, der sehe sich die llias an. Diese ist bekanntermassen in Hexa- 
metern geschrieben, doch welche Gesetze gelten da in bezug auf die 
Metrik? Nahezu gar keine, und würde man diese Dichtung zusammen- 



doch Hus nicht in effigie verbrannt wurde, erkannte man ihn schliesslich als 
gelehrten Querkopf und nahm ihn weiter nicht mehr ernst. — Ähnlich stand es 
mit Dobrovsky (1817), der die Grünberger Handschrift beim ersten Anblicke als 
Fälschung erklärte, aber auch dann nicht seine Meinung ändern wollte, als man 
ihn auf den Missgriff aufmerksam machte, dass er erst das »gemalte« Faksimile 
gesehen. — Ähnlich war es auch mit der Königinhofer Handschrift und sonstigen 
altböhmischen Literaturdenkmälern, welche von den Prager Universitätsprofesso- 
ren Gebauer und Masaryk (1886) als Fälschungen erklärt wurden. Die Öffentlich- 
keit nahm dies zum Teile ernst, doch hat die neuere Nachprüfung nachgewiesen, 
dass jedes Argument der Einv/endung gegen die Echtheit unbegründet ist, denn 
die Fälschungs-»Beweise« waren zum Teile höchst naiv, ja mitunter recht 
läppisch, zum Teile aber nur die Frucht unglaublicher Wissens- und Forschungs- 
mängel. Man sucht zwar heute diese wissenschaftliche Schande auf jede erdenk- 
liche Art zu verhüllen, aber die nüchterne Intelligenz hat sich über den wahren 
Sachverhalt längst ihr richtiges Urteil gebildet. 



115 

hängend und ohne Interpunktionen niederschreiben, so wird sie 
sofort auch zur poetischen Prosa, denn ein Vers, der aus 5 Daktylen 
und einem Trocliäus bestellen soll, aber dabei ebenso beliebig 1—5 
Spondeen anwenden kann, ja sein metrisches Paradigma nahezu nie 
einhält, kann eigentlich auch nicht zur Kunstmetrik gezählt werden ! 
Wenn aber jeder Vers, wie in der Ilias, ein anderes Bild bieten kann, 
dann lässt sich wohl auch im Igor-Liede irgendeine Prosodie heraus- 
konstruieren, denn wahrscheinlich hat die Ilias ursprünglich auch 
nicht anders ausgesehen, und erhielt erst in den mittelalterlichen 
Klosterzellen die heutige äussere Form. Die beiden Dichtungen ver- 
halten sich daher zu einander wie der englische Park zum franzö- 
sischen ; der eine wächst frei, der andere wird fortgesetzt beschnitten, 
doch bleibt jeder dabei ein — Park. 

Gerade der Mangel der rhytmischen Gesetze und 
der metrischen Knebelungen ist es aber, der allen 
al tsl a vi sehen Dichtungen denCharakter und die Punze 
jener alten, entlegenen Zeit gibt, die sich mit solchen 
Zieraten noch nicht befasste, daher auch bei keiner 
derselben schon deshalb von einer modernen Fäl- 
schung die Rede sein kann. Dass dabei dem einen Dichter 
das rhytmische Gefühl mehr im Blute lag, wie dem anderen, das sei 
aber hier auch nicht bestritten, denn z. B. der Text der Grünberger 
Handschrift lässt sich zum grossen Teile auf Verse von 5 Trochäen 
reduzieren; hingegen ist im Igor-Liede oder in den epischen Gedich- 
ten der Königinhofer Handschrift kaum eine partielle Gesetzmässig- 
keit herauszufinden. Wer daher Sinn für Poesie hat, der findet die- 
selbe auch in einem Opus, das keinen metrischen Kunstschliff hat, 
leicht heraus; wem aber als Poesie nur das gilt, was reine Vers- 
füsse und allerlei Reime hat, der kann auch kein ernster Kritiker 
und Geniesser einer volkstümlichen Dichtung sein. 

Da nun unsere herrliche, den kriegerischen Geist so edel her- 
vorhebende, ungemein bilderreiche geschichtliche Erzählung, die für 
die Kultur- und politischen Verhältnisse so reale Daten bietet, ihrem 
lieferen Inhalte nach bei den Nichtrussen höchst mangelhaft bekannt 
ist, dann dass viele Stellen auch im Russischen noch heute nicht ge- 
klärt sind oder noch immer falsch interpretiert werden, dies gab den 
Impuls, dieses hochpoetische Denkmal altslavischer Epik von neuem 
ins Deutsche zu übertragen. Zugleich werden aber hier auch zweifel- 
hafte, unklare wie unlogische Stellen an der Hand der neuesten 
sprachwissenschaftlichen Forschungen aufgehellt, sowie die zahlrei- 
chen, durch die Mythologie und sonstige phantastische Wassertriebe 



116 

Überwucherten Auslegungen entfernt. — Etliclie Stellen blieben auch 
dem Verfasser noch unklar ; es ist aber zu hoffen, dass auch diese 
mit dem fortschreitenden Erfolge der nun auf eine neue Basis ge- 
stellten sprach- und kulturgeschichtlichen Forschungen endlich in den 
Lichtkegel gelangen. 

Alles Nähere bieten die Erläuterungen an Crt und Stelle. Über- 
dies empfiehlt es sich, um über den geographischen Raum des Kriegs- 
zuges eine Orientierung zu erhalten, die Lektüre unter Zuhilfenahme 
einer Karte des südwestlichen Russland vorzunehmen. 

Der leichteren Übersicht wegen wird, obschon das Original keine 
Abschnitte aufweist, der Text, analog wie es die bisherigen Kommen- 
tatoren taten, in zwölf Teile geteilt. — 

Zum Vergleiche der Sprache des Originales zur altslavischen 
oder zu den modernen slavischen Sprachen im allgemeinen, werden 
hier drei inhaltlich wesentlich verschiedene Stellen in der einfachsten 
phonischen Transkription, d. i. nach dem slovenischen Alphabete,, 
beigefügt. 

Abschnitt I (Einleitung): Ne Ijepo li ni bjaset, braije, nacjati 
starimi slovesi tnidnih povjestij o plku Igorevjc, Igorja Svjaislavlica ? Na- 
cati ze sja ti pjesni po bilinam sevo vremeni a ne po zanüslcniju Bojanjii I . . . 

Abschnitt IX (Mitte): Na sedmom vjecje Bojani vrze Vseslav 
zrebij o djevicjii sebje Ijubu. Ti kljukami podprsja o korii i skoci k gradu 
Kievu, i dotcesja stniziem zlata stola Kievskavo. Skoci od nih Ijutini 
zvjerem k polnoci iz bjela grada, objesisja sinje mglje, ufr ze vozzni 
strikusi ottvori vrata Noviigradu, razsibe slavu Jaroslavu, skoci vlkom 
do Nemigi s Dudutok. Na Nemizje snopi steljiit golovami. molotjat cepi 
harahiznimi, na tocje zivof kladut, vjejiit dusii od tjela . . . 

Abschnitt X (Mitte) : Jaroslavna rano placet v Piitivlje na za- 
bralje, arkuci: „0 vjetrje, vjetrilo ! Cemii, Gospodine, nasilno vjeesi? 
Cemu micesi hinovskija strjelki na svoeju trudnojii krilcjii, na moeja ladi 
voj? Mala li ti bjoset gor pod oblaki vjejati, Icljejuci korabli na sinje 
morje? Cemu, Gospodine, moe veselie po kobiliju razvjeja? . . . 



Text der Dichtung. 

1. 

Brüder, wäre es für uns nicht geziemend, mit ehrwürdigen Wor- 
ten die traurige Geschichte vom Kriegszuge Igors, des Igor Svjatslavlic 
zu beginnen? 



117 

Doch dieses Lied muss mit den zeitgemässen Begebnissen be- 
ginnen und nicht nach Bojans ') Erdichtungen, denn Bojan war ein 
Seher, und wollte er jemand besingen, da verbreitete er sich im 
Gedankenwalde, gleichend dem stichelhaarigen Wolfe auf der Erde 
oder dem grauen Adler unter den Wolken, wobei er wohl der Wett- 
kämpfe früherer Zeiten gedachte. Damals Hess man zehn Falken auf 
einen Schwärm von Schwänen los; wer einen erreichte, der sang 
zuerst ein Lied dem alten üaroslav,-) dem tapfern Mstislav,') der 
Rededja niederstreckte vor den Kasogen-Scharen,') oder dem schönen 
Roman Svjatslavlic.'j — 

Brüder! Bojan jedoch, der Hess nicht zehn Falken auf einen 
Schwärm von Schwänen los, sondern er legte seine kundigen Finger 
auf die lebendigen Saiten ; diese verkündeten dann selbst dem Fürsten 
den Ruhm. 

Beginnen wir also, o Brüder, diese Erzählung mit dem alten 
Vladimer*^) bis zum jetzigen Igor,') der mit seiner Kühnheit den Geist 
anspannte und mit dem Mannesmute seines Herzens verschärfte ; 
beseelt vom kriegerischen Geiste führte er seine tapferen Scharen 
bis ins Gebiet der Polovzer,*) jenseits des Russenlandes. 

11. 

Da blickt Igor zur hellen Sonne, sieht aber alle seine Scharen 
vom Schatten bedeckt. Igor spricht nun zu seinen Gefährten : „Brüder 
und Kameraden ! Besser ists für uns niedergehauen zu werden, als 
gefangen zu sein! Besteigen wir unsere fHnken Rosse und sehen 

^) Bojan war allen Andeutungen nach jedenfalls ein allgemein bekannter 
altrussischer Barde. — Diese Stelle zeigt auch, dass es in Russland längst Dichter- 
wettkämpfe gegeben; erhalten hat sich jedoch von diesen poetischen Erzeugnissen 
nichts, sofern jene alten russischen Volkslieder, die einen Kunstdichter verraten, 
nicht dieser Provenienz entstammen. 

-) Jaroslav Svjatoslavic (1019—1054). 

^) Mstislav, Fürst von Tmutorokan, tötete i, J. 1022 den Fürsten der 
Kasogen, Rededja, einen ungewöhnlich starken Mann, im Zweikampfe. 

*) Kasogen, eine Völkerschaft am Azovschen Meere. 

^) Roman Svjatoslavic, Fürst von Tmutorokan, mit dem Beinamen der 
Schöne. 

ß) Vladimir Monomach (1053—1125), Fürst von Kiev, 

') Igor Svjatoslavic, der Held dieser Dichtung. Die Worte »bis zum jetzi- 
gen Igor« besagen deutlich, dass der Verfasser ein Zeitgenosse Igors war, der 
von 1151 — 1201 lebte; hingegen lebte der Zeitgenosse Svjatoslav, der 1194 ge- 
storben ist, damals noch; das Gedicht kann also nur in der Zeitspannung von 
1186 — 1194 entstanden sein. 

^) P o 1 o V z e r, ein mongolischer Volksstamm, an der unteren Volga und 
im Mündungsgebiete des Don wohnend. 



118 

wir uns den blauen Don an !" — Befeuert vom Talendrang war des 
Fürsten Geist und die Sehnsucht, sich mit dem grossen Don zu mes- 
sen, trat an die Stelle des Omens.'') „Ich will doch," spricht er, „mit 
euch, Russen, eine Lanze brechen an der Grenze des Polovzer-Fel- 
des; will mein Haupt dort niederlegen oder aber mit dem Helme den 
Don austrinken !" 

Bojan, o Nachtigall verwichener Zeit! Hättest doch du diese 
Heere besungen, mit deren Ruhme durch den Gedankenwald schrei- 
tend, den Geist bis unter die Wolken erhebend, beide Pole dieser 
Zeit mit dem Ruhme umwindend ! Den Spuren Bojans ^") folgend über 
Feld und Berg, geziemt es dem Enkel nun Igor das Lied zu sin- 
gen : „Nicht der Sturmwind trieb die Falken über die weiten Felder, 
sondern Dohlenschwärme flogen dem grossen Don zu." Oder hätte 
man singen sollen, du Seher Bojan, du Enkel des Veles"): „Die 
Rosse wiehern hinter derSula'-); es tönet der Ruhm inKiev; Trom- 
peten schmettern in Novigrad ; die Fahnen in Putivl ^'') stehen." 

Igor harrt Vsevolods,^^) seines lieben Bruders. Und es spricht 
zu ihm der kühne Recke '^) Vsevolod : „Einzger Bruder, einzges Licht, 
du erleuchteter Igor; wir beide sind Söhne Svjatoslavls '")! Sattle, 

^) »Znamenie« kann hier nur die Bedeutung Omen haben. Die Annahme, 
dass es sich hier um eine zufällig eingetretene Sonnenfinsternis handle, ist kurz- 
weg abzuweisen, denn es heisst doch: »Igor blickt in die helle Sonne«. — Die 
Situation ist wohl folgend gewesen: zwischen der Sonne und Igors Scharen stand 
eine dunkle Wolke, daher sich diese im Schattenkegel befanden, was man eben, 
als eine schlimme Vorbedeutung auslegte; hingegen war der weiter davon ste- 
hende Igor schon ausserhalb des Bereiches des Wolkenschattens. 

*") In der Kopie steht hier, wie noch weitere dreimal, sonderbarerweise 
»Trojan«. Obschon es auch dem Zusammenhange nach offenkundig ist, dass hier 
immer »Bojan« gemeint sein muss, führte dies trotzdem zu den sonderbarsten 
Auslegungen. Die Erklärung ist jedoch sehr einfach; es wurde eben das cyrillische 
»B«, da die Handschrift an vielen Stellen schon schwer leserlich war, als »Tr« 
gelesen, was die Form des erwähnten Buchstaben an sich erklärlich macht. 

") Trotzdem es ausdrücklich heisst, dass der Grossvater Bojans »Veles« hiess, 
will man hier gegen alle Logik, ja sogar gegen die Bestrebungen des Dichters, der 
sich selbst in die Phantastereien Bojans zu begeben wehrt, den slavischcn H i r- 
t e n g o 1 1 entdeckt haben. 

^-') S u 1 a, linker Nebenfluss des Dnjepr, 

^■') Putivl, Stadt im Gouvernement Kursk. 

'') Vsevolod, jüngerer Bruder Igors, 

'*) »Tur« wurde bisher allgemein als U r oder Auerochs ausgelegt. Diese 
Auffassung ist bedingungsweise richtig, aber »tur« bedeutet ebenso auch: Held, 
Recke, Mann von grosser Körperstärke, analog wie »turati« auch 
kämpfen heisst, und ist im vorliegenden Falle diese Auslegung jedenfalls die 
zutreffendere. 

"') S v j a t o s 1 a V, Fürst von Kiev (gest. 1194). 



119 

Bruder, deine flinken Rosse ; auch die meinen stehen bereit, gesattelt 
schon vorne bei Kursk.'') Und meine Kurjanen sind verlässliche 
Krieger,*") bei Trompetenschall geboren,'") unter Helmen gewiegt, mit 
der Lanzenspitze gepäppelt. Vertraut sind sie mit den Wegen, be- 
kannt sind ihnen die Schluchten ; die Bogen halten sie gespannt, die 
Köcher geöffnet, die Säbel geschärft, und sie selbst wetteifern, wie 
die grauen Wölfe auf dem Felde, suchend die Ehre für sich und den 
Ruhm für den Fürsten." 

Da steigt Fürst Igor in den goldenen Bügel und reitet über das 
leere Gefilde. Die Sonne vertritt ihm mit der Dämmerung den Weg ; 
die Nacht ächzt ihm mit Schaudern entgegen ; den Vogel scheucht 
das Geheul der Tiere im Schlupfwinkel auf; der Uhu'") ruft im Baum- 
wipfel und mahnt achtzugeben auf die unbekannten Gebiete der Volga, 
des Meeresstrandes, der Sula, des Surog^*) und Korsun,--) sowie auf 
dich, du Koloss von Tmutorokan.--^) 

Die Polovzer rannten hingegen auf ungebahnten Wegen zum 
grossen Don; es kreischen die Wagen um Mitternacht wie aufge- 
scheuchte Schwäne. 

Igor führt sein Heer zum Don. Und schon weidet an dessen 
Unglück sich der Vogel; die Wölfe in den Schluchten deuten gleich- 
falls Schrecken an ; die Adler rufen krächzend die Tiere zum Knochen- 
frasse ; die Füchse bellen die rötlichen Schilde an. Russenland, du 
bist schon fern vom Schutze ! 



*') Kursk, Stadt im gieichnamigen Gouvernement, Die Krieger dieses Ge- 
bietes nannte man »Kurjani«. 

^*) »Kmet« = waffenfähiger Bursche, Wehrmann, Krieger; 
hat im Russischen noch heute nicht die Bedeutung Bauer, wie bei den anderen 
Slaven. — 

i'-*) »Povitia hat bei den Slaven allgemein die Bedeutung »gebären«, nicht 
aber, wie deutscherseits immer übersetzt wurde, »einwindeln«, obschon der Be- 
griff selbst etymologisch der letzteren Bedeutung Recht gibt. Es gilt nämlich bei 
den Slaven als unfein, namentlich in Frauenkreisen, von »poroditi« (^ gebären) 
zu sprechen; man weicht daher auf diese Art der Anspielung auf den Geburtsakt 
aus. — 

-") »Div« wurde bisher immer zu einem mythologischen Vogel gemacht. Es 
ist aber hier eben nur der als Unglück bringender Vogel bekannte Uhu (Kauz, 
Eule) gemeint, dessen Augenbau derart ist, dass ihm ein scharfes Sehen im Dun- 
keln möglich wird. Er gilt daher auch als Symbol der Gelehrsamkeit, weil letztere 
in dunkle Wissensgebiete dringt, 

-*) S u r o z, ein Gebiet am Azovschen Meere, 

-^) Korsun, ein Gebiet des alten thaurischen Chersones, jetzt: der Krim 
'nicht; d i e Krim). 

-'■) Tmutorokan, Gebiet und Stadt am Azovschen Meere. 



120 

Lange dunkelle die Nacht; die Morgenröte zündele das Licht an; 
der Nebel bedeckte die Ebene ; das Lied der Nachtigall verstummt, 
das Krächzen der Dohlen erhebt sich. Die Russen schliessen das 
grosse Feld mit den rötlichen Schilden ab, suchend die Ehre für sich 
und den Ruhm für den Fürsten. — 

111. 

Am Freitag morgens schlugen sie das heidnische Heer und brei- 
teten sich mit ihren Geschossen auf dem Felde aus, mitschleppend 
schöne Polovzer Mädchen, und mit ihnen Gold, Teppiche und kost- 
bare Samtgewebe. Mit Schnüren, Kleidern und Pelzen begannen sie 
nun Übergänge herzurichten über aufgeweichte und moorige Stellen, 
und allerlei Polovzer Musterarbeiten, wie: rote Fahnen, weisse Stand- 
arten, rote Roßschweife und silberne Einlegarbeilen dem tapferen 
Svjatslavlic (bringend).^*) 

Im Felde schläft Olegs tapferer Stamm, weit umher zerstreut; 
er war nicht im Elend geboren, weder vom Falken, noch vom Geier 
oder von dir, schwarzer Rabe, du heidnischer Polovzer ! 

Gzak flüchtet wie ein grauer Wolf; Koncak-^) zeigt ihm die 
Spur zum grossen Don. 

Sehr zeitlich am kommenden Morgen kündigt blutige Morgen- 
röte den Tag an ; schwarze Wolken ziehen vom Meere her, als woll- 
ten sie vier Sonnen verhüllen, und in ihnen schwirren blaue Blitze. 
Ein heftiger Donner stellte sich ein und es regnete gleich Pfeilen vom 
grossen Don. Hier brechen Lanzen, dort am Kajala-Flusse,-") beim 
grossen Don, schlagen Säbel ein auf die Polovzer Helme. Russen- 
land, du bist schon fern vom Schutze ! — 

Sieh, die Winde, Stribogs Enkel, ^') wehen vom Meere mit Ge- 
schossen auf die tapferen Scharen Igors; die Erde erbebt, die Flüsse 
rinnen trübe, Staubwolken bedecken die Felder, die Fahnen werden 
zu Fetzen, denn die Polovzer rücken heran vom Don und vom Meere 

^*) Es handelt sich hier augenscheinlich darum, Igor, ihrem Führer, im Lager 
durch Belegen der Wege mit Teppichen u. drgl. zu ehren. 

'"') Gzak und Koncak waren jedenfalls wohlbekannte Namen der Führer 
der Polovzer. 

-") K a j a 1 a, Nebenfluss des Don im Polovzer-Gebiete, jetzt K a g a 1 n i k. 

-") Die Bezeichnung »Stribogs Enkel« wurde bisher immer im mythologischen 
Sinne aufgefasst. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Stribog der Grossvater Gzaks 
oder Koncaks war, denn die rasche, windartige Bewegung des Gzak wird kurz 
zuvor angedeutet, und handelt es sich hier doch nur um Krieger, die m.it dem 
Winde verglichen werden. 



121 

und von allen Seiten, das russische Heer umzingelnd. Die Söhne des 
Teufels-1 schliessen unler Geschrei das Feld ab, aber die tapferen 
Russen umschliessen jene mit den rötlichen Schilden. 

Der kühne Recke Vsevolod stand da zur Wehr, sprühend Pfeile 
auf das Heer und donnernd um die Helme mit den stählernen Schwer- 
tern. Wohin der Recke zusprang, hervorleuchtend mit seinem gol- 
denen' Helme, dort liegen Polovzer Heidenköpfe und zusammen- 
geschweisste ■'") Helme, gespalten mit gehärteten Säbeln von dir, du 
grimmiger Recke Vsevolod. 

Welch teure Wunden, o Brüder, zu vergessen Ehre und Leben, 
und die Stadt Cernigov,'") den väterlichen goldenen Thron und seine 
geliebte Gattin, die schöne Gljebovna, die Gewohnheilen und Gebräuche ! 

IV. 

Verwichen sind die Zeiten Bojans, vorüber sind die 3ahre Jaro- 
slavs; dies waren Olegs Scharen, des Oleg Svjatoslavlic. Denn die- 
ser Oleg hat mit dem Schwerte Aufruhr geschmiedet und Pfeile gesäet 
im Lande. Er bestieg den goldenen Bügel in der Stadt Tmutorokan ; 
und dieses Klingen hörte der selige grosse Jaroslav, der Sohn Vse- 
volods, und Vladimir verstopfte sich in Cernigov jeden Morgens die 
Ohren. Doch Boris Vjaceslavlic^^) führte die Ruhmbegierde vors Ge- 
richt und streckte ihn aus auf den grünenden Teppich Kanins,^-) für 
die Beleidigung Olegs, des tapferen, jugendlichen Fürsten. — 

Von dieser Kajala nun führte Svjatoplk^') seinen Vater durch 
die Ugorskische Reiterei'*) zur hl. Sofija nach Kijev. — Damals wurde 
bei Oleg Gorislavlic^') gesäet und gezüchtet der Familienzwist, der 
das Leben des Enkels Dazdbog'^) vernichtete, denn bei den Rei- 

-^) »Bes« =^ der Böse, der Teufel. 

29> »Ovarskija« dürfte von »ovariti« (= zusainmenschweissen] stammen, ist 
demnach kein Eigenname (»avarisch«). 

'"') Cernigov, Stadt und Gouvernement in Russland. 

") Boris Vjaceslavic, Sohn des Fürsten Vjaceslav von Smolensk. 

'•-') Kanin, scheint eine Lokalität bei Cernigov zu sein, oder ist ein anderer 
topischer Name für Njezatin, wo eben Boris i. J. 1078 fiel, 

^3) S V j a t o p o 1 k, ein Sohn Izjaslavs. 

**) »Ugorskische« Reiterei, wie später »Ugrische« Berge, deuten auf das Ge- 
biet der ungarischen Karpaten, denn die Slaven nennen die Ungarn eben: Ogri, 
Ugri, Uhfi. — 

='3) Ober diesen ist geschichtlich nichts Näheres bekannt. 

36) D a z d b o g wird allgemein als ein mythologischer Name angesehen. Dies 
trifft schon dem Inhaltszusammenhange nach nicht zu, sondern es handelt sich 
hier offenkundig um den gewaltsamen Tod eines jugendlichen Fürsten, umsomehr 
als kurz nachher angedeutet wird, wie sich die Rache für diesen Mord einstellte. 



1l^2 

bungen der Fürsten verkürzte sich die Lebensdauer der Menschien. 
Damals jauchzte im Russenlande seilen der Landmann, hingegen 
krächzten oft die Raben, sich teilend in die Leichen ; und wollten die 
Dohlen zum Frasse fliegen, so besprachen sie dies in ihrer Sprache. 
So sah es aus in diesem Kriege und bei diesem Heere ; von einem 
ähnlichen Kriege war noch nicht zu hören. 

V. 

Vom frühen Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zur Mor- 
gendämmerung fliegen gehärtete Pfeile, donnern die Schwerter und 
Helme, splittern stählerne Lanzen auf dem unbekannten Felde inmitten 
des Polovzer Landes. Besäet war die schwarze Erde unter den Hufen 
mit Knochen, getränkt mit Blut; mit dem Seufzer nach dem Russen- 
lande endeten sie. 

Was summt, was läutet mir (im Ohr) früh lange vor der Morgen- 
röte? — Igor wendet die Heere, denn leid ists ihm um den lieben 
Bruder Vsevolod. Sie kämpften den Tag hindurch, sie kämpften den 
zweiten, und gegen Mittag des dritten Tages, da sanken Igors Fah- 
nen. Hier trennten sich die Brüder am Ufer der reissenden Kajala ; 
hier war kein Blutwein mehr zu haben, hier beendeten die Russen 
ihre Hochzeit ; sie haben getränkt ihre Gäste und sanken nun selbst 
hin fern vom Russenlande. — Das Gras verdorrte vor Trauer und 
den Baum beugte der Kummer zur Erde. — 

VI. 

Schon ist, o Brüder, die freudelose Zeit gekommen, schon hat 
Grabesstille die Macht verhüllt. So stellte sich ein die Rache in der 
Gewalt des Enkels Dazdbog. Er betrat in Mädchengestalt Bojans Land, 
flatternd wie mit Schwanenflügeln auf dem blauen Meere am Don, 
und weckte fruchtbarere Zeiten, denn die Gehässigkeit gegen die 
Heiden legte sich nun bei den Fürsten. Hingegen sprach der Bruder 
zum Bruder : „Das ist mein und das ist auch mein !" Und die Für- 
sten begannen eine Kleinigkeit als etwas Grosses hinzustellen und 
selbst untereinander Ränke zu schmieden ; und daraufhin rückten die 
Heiden von allen Seiten siegreich herein ins Russenland.'') 

0, weit verirrte sich der Falke, die Vögel ans Meer verfolgend; 
so ersteht auch Igors Heer nicht wieder. Ihm nach ruft die Vergel- 
tung, und Trauer beschreitet das Russenland, Brände schleudernd in 
die Familienzwiste. 

^') Hier wird satirisch auf die neue Situation angespielt: früher befehdeten 
die Fürsten die Nachbarvölker, nun aber sich selbst untereinander, vas noch nach- 
teiliger ist. 



12:i 



Die Russenfrauen weinten und sprachen : „Schon können wir 
uns unserer Heben Gallen in Gedanken nicht mehr erinnern, noch 
derer im Geiste gedenken, noch sie mit den Augen ansehen ; und 
auch vom Golde und Silber fällt nicht wenig ab." 

Brüder, Kiev seufzt im Trübsal und Cernigov im Unglücke ; 
Schrecken ergiessl sich über das Russenland, schwerer Kummer 
strömt durchs Russenland, und trotzdem schmieden die Fürsten selbst 
Ränke untereinander, und die Heiden selbst sprengen siegreich her- 
ein ins Russenland, auferlegend einen Silberling von jedem Hofe als 
Steuer. '1 

Diese beiden tapferen Svjatoslavlic, Igor und Vsevolod, verur- 
sachten schon Leid, das aber deren Vater, der grimmige, grosse 
Svjalslav von Kiev abwendete. Es war schrecklich ; er kam heran- 
gerasselt mit seinen gewaltigen Scharen und stählernen Schwertern, 
dringt ein in das Polovzer Land, durchstampft Höhen und Schluchten, 
trübt Flüsse und Seen, legt trocken Bäche und Sümpfe, und reisst 
aus den eisernen Polovzer Scharen den heidnischen Kobjak '") wie 
ein Sturmwind von der Meeresbucht heraus ; und Kobjak endete in 
der Stadt Kiev im Gewahrsam Svjatoslavls. 

Da sangen die Deutschen und Venetier, da die Griechen und 
Mährer dem Svjatoslavl Ruhm, tadelten hingegen den Fürsten Igor, 
weil er das Beste versenkt in das Bett der Kajala, des Polovzer 
Flusses, und vollschüttete mit russischem Golde. Hier setzte sich 
Fürst Igor aus seinem goldenen Sattel in jenen Koscejs"'); Trauer 
verbreitete sich in den Städten und die Freude schwand dahin. 

VIL 

Und Svjatoslavl sah einen trüben Traum auf den Höhen von 
Kiev ; er erzählte : „Am Abende dieser Nacht habt ihr mich mit einer 
schwarzen Decke auf einem Bette von Ebenholz bekleidet ; man 
schöpfte mir bläulichen Wein mit Bitternissen gemischt; man schüt- 
tele mir aus leeren Köchern von heidnischen Muscheln eine grosse 

="*) Es ist völlig unverständlich, weshalb jeder Ausleger den Begriff »bjel« 
als »weisses Eichhörnchenfell« übersetzt, da dies an sich unlogisch ist, denn gab 
es so zahlreiche weisse Eichhörnchen, so hatten die Felle keinen Wert, gab es 
wenige, so konnten die Hofbesitzer ihrer Pflicht nicht nachkommen. »Bjel« 
bedeutet aber auch im Russischen Silber, weisses Geld, wie ebenso im 
Böhmischen, Slovenischen («belic«) u. s. w, also eine Silbermünze heute 
unbekannten Wertes. 

") Kobjak, ein Chan der Polovzer. 

'") Koscej, ein Chan der Polovzer. Der Vergleich will wohl besagen: früher 
war Koscej der Besiegte, jetzt ist es Igor, d. h. sie tauschten die Rollen. 



124 

Perle in den Schoss und pflegte mich; die Dielen in meinem gold- 
gipfligen Palasle waren ohne Stützen ; vom Abend an die ganze Nacht 
hindurch krächzten hungernde^^) Raben bei Pljesensko^"); es war 
dort ein Hain mit Aas,") daher sie nicht zum blauen Meere fortzogen." 

Die Bojaren sprachen nun zum Fürsten : „Schon hat, o Fürst, 
der Gram die Sinne gefangen genommen; ach, die zwei Falken sind 
vom goldenen väterlichen Throne ausgeflogen um zu erobern die 
Stadt Tmutorokan oder lieber mit den Helmen den Don auszutrinken. 
Schon haben die beiden Falken durch die Heidensäbel die beiden 
Flügel eingebüssl und wurden selbst gefesselt in eiserne Netze, denn 
finster war es am dritten Tage; zwei Sonnen verfinsterten sich, beide 
Feuersäulen erloschen, und mit diesen wurden zwei junge Monde, 
Oleg und Svjatoslavl, von der Finsternis umhüllt. 

Am Flusse Kajala hat Dunkel das Licht bedeckt. Im Russen- 
lande verbreiteten sich die Polovzer wie eine Pantherbrut ; sie ver- 
senkten alles ins Meer, die grossen Schätze aber übergaben sie den 
Hinen. 

Schon erhob sich Schande über Ruhm, schon riss die Gewalt 
an der Freiheit, schon wirft sich der Totenvogel auf die Erde. Und 
die schönen gotischen^*) Mädchen beginnen zu singen am Ufer des 
blauen Meeres, klingend mit russischem Golde; sie besingen die 
heiteren Zeiten und feiern die Rache mit Schellengeläute.^^] Wir aber, 
Kameraden, wir haben keine Freude!" 

Da warf der grosse Svjatoslavl das goldene, mit Tränen ge- 
mischte Wort ein, indem er sagt: „0 meine Söhne, Igor und Vse- 
volod, früh begannt ihr das Polovzer Land mit dem Schwerte zu 
quälen und Ruhm zu suchen, doch nur Schande habt ihr errungen 
und zur Unehre vergosst ihr Heidenblut. Eure tapferen Herzen sind 
wohl aus gediegenem Stahl geschmiedet und im Ungestüm gehärtet, 
doch was tatet ihr meinen silbernen Haaren? Denn schon sehe ich 



^*) »Bosuvi« dürfte hungrig bedeuten; im Slovenischen heisst »posunjen« 
= heisshungrig, gierig. 

''-) P 1 j e s e n s k, eine verschollene, vermutlich nächst Podhorcze gelegene 
oder mit dieser identische Stadt. 

''■■] »Kisanju« wurde bisher verschiedenst ausgelegt. Es kann aber hier der 
Situation nach nur Sauerwerden, in Gährung übergehen, ve rw e s e n, 
d, i. »kisati« bedeuten, umsomehr als die Raben des Aasvorrates wegen eben 
nicht fortziehen wollen. 

'''') Die Goten sassen schon im 3. Jahrhunderte auf Taurien, Um das Jahr 
1050 wurden sie von den Polovzcrn unterjocht. 

''"') »Sarokan« wurde bisher immer als ein Eigenname aufgcfasst; »sarok« 
heisst aber doch im Russischen noch heute: Schellentrommel, Tamburin. 



126 

nicht mehr die Länder des gewaltigen, tapferen und kriegerreichen 
Bruders, meines Jarosiav, mit den Haudegen von Cernigov, mit den 
Moguten, Tatranen, Selbiren, Topcaken, Revugen und Olberen,"') denn 
diese siegten ohne Schilde mit Lederiiberzug, nur mit Feldgeschrei 
über die Scharen, kündend den Ruhm der Ahnen. Ihr aber sagtet 
nicht: „Wir haben doch Männer und können den früheren Ruhm selbst 
erringen und den letzten teilen wir allein." — Und wäre es ein Wun- 
der, Brüder, wenn sich das Alter verjüngt! So lange der Falke mau- 
sert, treibt er das Gevögel hoch und lässt sein Nest nicht verunglim- 
pfen. Doch böse ists, weil mir die Fürsten nicht beistehen ; die Zeiten 
haben sich zu nichts gewendet ! Diese rufen aber erst unter den 
Polovzer Säbeln zur Eintracht'") und Volodimir erst unter den Wun- 
den; Kummer und Gram ward dem Sohne Gljebs!' ) 

Vlll. 

Grosser Fürst Vsevolod! Möchtest du doch in Gedanken hieher- 
schweben von weitem, um zu schützen den goldenen Thron der 
Väter! Denn du konntest mit Rudern die Volga verspritzen und den 
Don mit dem Helm ausschöpfen. Wenn du da wärest, dann gälte die 
Caga^'') soviel wie eine Nogata '■) und Koscej einen Resan,'') denn 
du konntest mit lebendigen Wurfgeschossen, mit den ergebenen Söh- 
nen Gljebs, auf dem Festlande schiessen ! 

du kühner Rjurik und David ! -) Sind eure goldenen Helme 
nicht im Blute geschwommen? Haben eure tapferen Genossen nicht 
wie Stiere gebrüllt, verwundet mit gehärteten Säbeln auf fremder 
Erde? Tretet ihr Herren in den goldenen Bügel für die Schmach die- 
ser Zeiten, für das Russenland, für Igors Wunden, des kühnen Svjat- 
slavlic! 

*^) Krieger der Bezirke gleichen Namens. 

*') »Rim« := Ring, das Zusammenhalten; an »Rom« ist hier nicht 
zu denken, wie viele Übersetzer meinten. 

^®) Hljeb Jurjevic; regierte von 1169 — 1171. 

^■'] »Caga« hiess eine grosse russische Goldmünze. Sie ist noch in mehreren 
Exemplaren in den Museen Nordeuropas vorhanden; ihre Aufschrift »cagk«, auch 
»cagja« konnte aber bisher niemand lesen, weil sie in nordslavischen Runen dar- 
gestellt ist. Dass »Caga«, wie man bisher immer annahm, der Name eines Polovzer- 
Chanes gewesen wäre, ist daher falsch, und soll hiemit der grosse Wertunterschied 
der zwei Münzen und demnach auch vergleichend der Polovzer Koscej taxiert 
werden. 

5") »Nogata«, eine kleine russische Münze. 

^^) »Rezan« eine kleine, minderwertige russische Münze; 214 davon geben 
erst eine »nogata«. 

^-) Rjurik und David waren Enkel Mstislavs d. Gr. 



lue 

Du achtfach denkender Jaroslav von Galizien!"^) Hoch sitzest 
du auf deinem goldbeschlagenen Throne, stütze die Ugrischen Berge 
mit deinen eisernen Scharen, vertretend dem Könige den Weg ; ver- 
schliesse die Tore des Don,'*) schleudernd Lasten durch die Wolken, 
Recht sprechend bis zum Don ! Deine Schrecken verbreiten sich über 
die Lande, öffnend die Tore von Kijev, beschiessend von deinem 
goldenen Throne Saltan ") jenseits der Grenze; schiesse, Herr auf 
Koncak und auf den heidnischen Koscej für das Russenland und 
für Igors Wunden, des kühnen Svjatslavlic! 

Auch du mutiger Roman''') und Mstislav'')! Heldensinne trugen 
euren Geist zur Tat ; hoch schwebtet ihr in Kühnheit zum Tatendrange, 
gleich einem Falken sich in den Winden ausbreitend, sobald er ver- 
wegen einen Vogel überwinden will ; denn ihr hattet eiserne Spangen 
unter den lateinischen') Helmen; von diesen erbebte die Erde und 
viele hinische, litauische, jatvjagische und deremelische Gegenden, und 
die Polovzer warfen ihre Lanzen weg und beugten ihre Häupter unter 
deren stählerne Schwerter. Doch schon schwand das Licht der Sonne 
und der Baum warf unwillig seine Blätter ab. An der Rsa '') wie an 
der Sula verteilte man die Städte, doch Igors tapfere Scharen, sie 
erstehen nicht wieder. Dieser Don aber ruft den Fürsten zu und ruft 
die Fürsten auf zum Siege: die Söhne Olegs, tapfere Fürsten, sie 
treffen ein zur Wehr. 

Ingvar"") und Vsevolod und alle drei Söhne Mstislavs, Sechs- 
flügler") aus keinem niederen Neste; habt Ihr nicht durch ein sieg- 
reiches Geschick Länder erbeutet? Wie sehen eure goldenen Helme 
und Ijazkischen Lanzen und Schilde aus? Schliesst ab die Tore des 
Kampffeldes mit euren scharfen Pfeilen für das Russenland und für 
die Wunden Igors, des kühnen Svjatslavlic! — 

"'■') Jaroslav Vladimirovic, Grossfürst von Galizien, Schwiegervater Igors, 
des Helden der Dichtung. 

^■') Im Texte »üunaj«. Hiemit ist ausschliesslich das Don-Gebiet gemeint; mit 
der Donau im heutigen Sinne hat dieser Name in der Dichtung nichts zu 
schaffen. 

'') »Saltan« scheint eine Veste oder ein Ort am Donec (jetzt «Saltov«?) ge- 
wesen zu sein. 

•'■''') Roman Mstislavic, Grossfürst von Galizien (seit 1197). 

"'") M s t i s 1 a V .Jaroslavic, Stiefbruder Romans. 

•' ') Unter lateinisch <-. verstand man Erzeugnisse, die aus Ländern des rö- 
misch-katholischen Glaubensbekenntnisses kamen. 

•'■■') Rsa, rechter Nebenfluss des Dnjepr (bei Kiev). 

'■") Ingvar und Vsevolod waren Söhne des Fürsten Jaroslav Izjaslavlic 
von Luck. 

'•') j.Sechsflügler«, also in der Auffassung als Vögel — jeder mit zwei Flügeln, 



127 
IX. 

Die Sula fliessl nicht mehr in silbernen Strömen zur Stadt Pere- 
jaslavl"^') und die Dvina"') fliesst schmutzig zu jenen furchtbaren 
Polovcanen mit dem heidnischen Geschrei. Nur Izjaslav"') allein, der 
Sohn Vasilkos/'') dröhnt mit seinen scharfen Schwertern an den litau- 
ischen Helmen; er erringt Ruhm seinem Ahnen Vseslav,'") doch er 
selbst ward niedergerungen unter den rötlichen Schilden auf blutigem 
Rasen durch litauische Schwerter. Und als man ihn aufs Bett legte, 
sagte er: „Deine Genossen, o Fürst, deckten die Vogelschwingen und 
die Tiere leckten das Blut ; Bruder Bracislav war aber nicht hier und 
auch nicht der andere Vsevolod." — Allein verhauchte er die edle 
Seele aus dem tapferen Leibe durch den goldenen Halskragen. 

Die Stimmen verstummten, die Freude legte sich. 

Die Trompeten von Grodno'") schmettern: „3aroslav und ihr 
alle Enkel Vseslavs, senket schon eure Fahnen, versorget eure schar- 
tigen Schwerter, denn schon seid ihr vom Ahnenruhme ausgesprun- 
gen ; ihr habt doch mit euren Fehden das Eindringen der Heiden in 
das Russenland verschuldet, wie auch das Leben Vseslavs ! Welcher 
Druck stellt sich da ein vom Polovzer-Lande !" — 

Im siebenten Zeitalter'") Bojans warf nämlich Vseslav das Los 
um das ihm teure Mädchen.-'') Er klemmte sich mit den Hacken ans 
Pferd, sprengte zur Stadt Kiev und erreichte durch das Flussbett den 
goldenen Sitz von Kiev. Von diesem springt er auf, wie ein wildes 
Tier um Mitternacht, aus der weissen Burg, sich in grauen Nebel 
hüllend, und rennt am Morgen mit fahrbaren Mauerböcken die Tore 
von Novigrad'") ein, vernichtet den Ruhm Jaroslavs, und eilt wie 
ein Wolf zur Nemiga"') aus Dudutki.'-) An der Nemiga streut man 
Köpfe als Garben hin und drischt mit stählernen Flegeln ; auf die 

^^) P e r e s 1 a V I, Kreisstadt im russ. Gouvernement Poltava. 
***) Der Fluss D v i n a (Düna) fliesst bei der Stadt Polock vorüber. 
'") I z j a s 1 a V, Sohn des Vasilko, Enkel des Vseslav (gest. 1183). 
"^j Vasilko war i. J. 1132 Fürst von Polock. 
•"'') Vseslav, Fürst von Polock (gest. 1101). 
''^) Grodno, Gouvernements-Haupstadt in Westrussland. 
®^) Eine nicht näher bekannte Zeitrechnung, anscheinend ähnlich den Olym- 
piaden oder Lustren, 

'''') N o V i g r a d, d. i. Novgorod. 

"") Darunter scheint die Stadt Kiev gemeint zu sein. 
'^] Nemiga, identisch mit dem N j e ni e n-Flusse. 

"-) Dudutki, Ortschaft unweit Novgorod; dort befindet sich noch heute 
ein Kloster, genannt ^>na Dudutkah«. 



US- 

Tenne legt man das Leben und worfelt'') die Seelen vom Leibe. Die 
blutigen Ufer der Nemiga waren nictit mit Sclilamm besät, sie waren 
besät mit den Gebeinen der Russensöhine. 

. Fürst Vseslav spracti das Reclit dem Volke, verteilte an die 
Fürsten die Städte, selbst aber eilte er nachts, wie ein Wolf; er er- 
reiclite bis zum Hahnenrufe Tmutorokan und überholte den grossen 
Chrs'^) nach Wolfsart auf dem Wege. Ihm läutete man bei der hei- 
ligen Sofija in Polock zur Frühmesse die Glocke, aber er hörte noch 
in Kiev das Läuten.'^') 

Mag nun auch in einem freundlichen Körper eine kluge Seele 
wohnen, so leidet sie doch oft an Gebrechen. Diesem hat der Seher 
Bojan daher schon früher in einem sinnigen Liede gesagt : „Nicht 
der Kluge, nicht der Schnelle, nicht der Vogelschnelle entgeht dem 
Gerichte Gottes." 

seufzen muss das Russenland, gedenkt es der ersten Zeiten 
und der ersten Fürsten. Jenen alten Vladimir konnte man nicht an- 
nageln an die Berge von Kiev, dessen Fahnen wurden zu jenen 
Rjuriks und andere zu jenen Davids, und die Stämme trugen deren 
Rüssel zur Weide.') 

X. 

Die Speere ziehen gegen den Don. — 

Da hört man üaroslavnas") Stimme; sie ruft des morgens, ver- 
borgen wie ein Kuckuck : „Ich will fliegen," sagt sie, „wie ein Kuk- 






'■') »Worfeln« bezeichnet die Scheidung des ausgedroschenen Kornes von der 
Spreu, Dies geschieht durch Verwerfen mit einer Handschaufel in der Tenne von 
einer Ecke in die diagonal gegenüberliegende; die Spreu fällt schon auf dem hal- 
ben Wurfwege ab, das Korn gelangt ob seiner Schwere hingegen rein an die Wand. 
Dieser poetische Vergleich eines blutigen Kampfes mit dem Dreschprozesse ist 
geradezu hervorragend bilderreich und vorbildlich konsequent durchgeführt. 

'■') »Chrs«, sonst auch »Chors«, wurde bisher allgemein als ein mythologischer 
Name für die Sonne oder für den Sonnengott angesehen. Offenkundig lau- 
tete aber so der Funktionsname des Führers einer »kora, horda« oder »orda«, 
also einer Schar von Kriegern (Chor), und bestand bei den Tataren doch auch die 
sogenannte »goldene Horde«, eine Heeresabteilung Dzucis, welche das Chanat 
Kipcak gründete. 

"■') Damit deutet der Dichter dessen Raschheit in seinen Unternehmungen an, 
d. h. begann man in Polock zur Frühmesse zu läuten, wenn er den Ort passierte, 
so war er beim Schluss des Geläutes schon nahe von Kiev. 

■'■) Hiemit will der Dichter unter Gebrauch einer damals geläufigen Redensart 
andeuten, dass die Untertanen den erwähnten Fürsten alles zuliebe taten. 

' ■) J a r o s 1 a v n a, die Gattin Igor's, Tochter des Fürsten Jaroslav, sonst 
auch Euphrosine genannt. 



12f> 

kuck zum Don, will den Biberärmel im Flusse Kajala eintauchen und 
dem Fürsten seine blutenden Wunden am erstarrten Körper reinigen." 

Oaroslavna weint des Morgens auf dem Söller in Putivl und 
spricht: „0 Wind, o Segelwind! Weshalb, o Gott, wehst du so stark? 
Weshalb wirfst du die hinischen Pfeile auf deinen leichten Flügeln 
auf meines Liebsten Krieger? War es dir zu wenig oben unter den 
Wolken zu wehen, oder die Schiffe zu schaukeln auf dem blauen 
Meere? Weshalb, o Herr, verwehst du meine Freude über das Step- 
pengras?" 

Oaroslavna weint des Morgens auf dem Söller in der Stadt 
Putivl und spricht: „0 Dnjepr, du ruhmvoller! Du hast Felsenberge 
durchbrochen durch das Polovzer Land ; du hast geschaukell auf dir 
Svjatoslavls Schiffe gegen Kobjaks Scharen '^ ; schaukle doch wieder, 
Herr, meinen Geliebten zu mir, damit ich nicht Tränen am Morgen 
ans Meer zu ihm senden muss!" 

Oaroslavna weint des Morgens auf dem Söller in Putivl und 
spricht: „Helle, dreifachhelle Sonne! Allen willst du warm und schön; 
weshalb, o Herr, hast du dich mit deinem sengenden Strahle auf 
des Geliebten Krieger gelegt? In wasserlosen Gefilden trocknen ihnen 
ein die Bogen, und die Köcher sind ihnen durch Entbehrungen ver- 
schlossen!"— 

XL 

Aufschäumte das Meer um Mitternacht; es ziehen wie Wogen 
die Wolken. Dem Fürsten Igor zeigt Gott den Weg aus den Polovzer 
Gauen ins Russenland zum goldenen väterlichen Throne. 

Die Abendröte erlöschte. Igor schläft, Igor wacht, Igor erwägt. 
Die Gefilde vom grossen Don zum kleinen Donec"") misst ein Pferd 
um Mitternacht. Ovlur"") pfeift jenseits des Flusses, gibt dem Fürsten 
das Zeichen. 

Fürst Igor war nicht da. — Es toste, es dröhnte die Erde, es 
knisterte das Gras, die Polovzer Zelte hoben sich. Da springt Fürst 
Igor wie ein Wiesel ins Schilf, oder wie eine weisse Ente auf dem 
Wasser; er wirft sich auf das schnelle Ross, springt dann von ihm 
wie ein hungriger Wolf, eilt zur Donec-Au und flieht dann, wie ein 



"'') Hier handelt es sich um einen siegreichen Kriegszug Svjatoslavl's gegen 
den Pclovzer-Chan Kobjak i. J. 1184. 

^■•j D o n e c, rechter Nebenfluss des Don. 

^"j V 1 u r, V 1 u r war nach der Ipat'schen Chronik, die ihn jedoch L a v r 
nennt, zwar ein Polovzer, aber dessen Mutter war eine Russin, daher sie ihren 
Sohn veranlasste Igor aus der Gefangenschaft zu befreien. 

9 



130 

Falke im Nebel, lötend Gänse und Schwäne zum Frühmahl, zum Mit- 
tag wie zur Clause. 

Indess Igor wie ein Falke fliegt, rannte Vlur wie ein Wolf, mit 
sich abstreifend den kalten Tau, um die Fährte des schnellen Pferdes 
zu unterbrechen."') 

Der Donec sagt : „Fürst Igor, nicht wenig hast du des Ruhmes, 
Koncak des Verdrusses und das Russenland der Freude!" 

Igor erwidert: „0 Donec, nicht wenig hast du des Ruhmes, der 
du den Fürsten gewiegt auf deinen Wellen, der du ihm grünes Gras 
aufgeschüttet auf deinen silbernen Ufern, ihn umhüllt mit warmen 
Lüften im Schatten grüner Bäume, ihn bewachend durch den Tauch- 
vogel auf dem Wasser, die Möve über der Strömung und der Schwarz- 
ente in den Winden. Nicht so," sagt er, „ist der Stugna-Fluss^-) ; 
dieser hat eine scharfe Strömung ; er hat fremde Bäche verschlungen 
und sein Bett ausgedehnt über das Ufergestrüppe. Dem jungen Für- 
sten Rostislav"^ verschloss der Dnjepr die dunklen Ufer. Es weinte 
die Mutter Rostislavs nach dem jungen Fürsten Rostislav ; es ver- 
welkten die Blumen vor Leid und der Baum neigte sich in Kummer 
zur Erde, und die Elstern schwatzten nicht mehr." 

Gzak ritt mit Koncak Igors Spuren nach. Da krächzten nicht die 
Traben, die Dohlen verstummten, die Elstern schwatzten nicht ; auf 
den Ästen wiegten sich nur die Spechte, die den Weg zum Flusse 
mit ihrem Hacken weisen ; Nachtigallen verkünden das Licht mit fro- 
hen Liedern. 

Da sprach Gzak zu Koncak: „Sobald der Falke in das Nest 
fliegt, so erschiessen wir den jungen Falken mit unseren goldenen 
Pfeilen!" — Koncak erwidert zu Gzak: „Sobald der Falke zum Neste 
fliegt, werden wir den jungen Falken durch eine schöne Jungfrau 
fesseln !" — Da bemerkt Gzak zu Koncak : „Wenn wir ihn fesseln 
durch eine herrliche Jungfrau, so bleibt uns weder der junge Falke 
noch das schöne Mädchen, sondern die Vögel werden uns auf dem 
Polovzer Gefilde zu bekämpfen beginnen.'*) 

**') Es waren dies Vorkehrungen, um den Verfolgern Igor's Fährte zu ver- 
wischen und für dessen Flucht einen Zeitvorsprung zu gewinnen. 

**-] S t u g n a, linker Nebenfluss des Dnjepr, südlich Kiev. 

*^) Rostislav, Sohn des Grossfürsten Vsevolod I. warf sich nach einem 
Kampfe mit den Polovzern, um der Gefangenschaft zu entgehen, in die Stugna, 
und ertrank darin, erst 22 Jahre alt, infolge der schweren Leibesrüstung, 

**) Es scheint darin die Befürchtung zu liegen, dass dann die Sprossen hie- 
für an den Polovzern Rache nehmen könnten. — Vladimir, der Sohn Igor's, nahm 
später tatsächlich die schöne Tochter Koncak's zur Gemahlin. 



131 

XII. 

Bojan sagt, anspielend hiebei an Svjaloslavl, den Dichter der 
Vorzeit, Jaroslavl und die Gematilin des Olegsctien Sprossen '■') : 
„Schlimm ists dem Kopfe ohne Schultern, böse dem Körper ohne 
Kopf, und dem Russenlande ohne Igor!" 

Die Sonne leuchtet am Himmel ; Fürst Igor ist im Russenlande ; 
Mädchen singen am Don ; deren Stimmen verbreiten sich übers Meer 
bis Kiev. Igor geht über den Boricev'") zur heiligen Muttergottes von 
Pirogosc/") Die Gaue sind zufrieden, die Städte freuen sich; sie sin- 
gen ein Lied den alten Fürsten, um dann den jungen zu singen : 
„Ruhm dem Igor Svjatslavlic, dem kühnen Helden Vsevolod und dem 
Vladimer Igorevic/1 Seid gegrüsst ihr Fürsten und eure Kameraden, 
die gekämpft für die Christen gegen die heidnischen Scharen ! Ruhm 
den Fürsten und deren Mitkämpfern!" Amin."') — 



Wissenschaftliches Allerlei. 



Ein kelto-s 1 avischer Grenzstein in England. 

Im Werke „Runic Monuments" des Professors George Stephens 
(London-Kopenhagen, 1866) ist eine Porphyrpyramide beschrieben, 
die in der Gemeindeflur von St. Dogmaeis, Bez. Cardigan auf Wales, 
gefunden wurde. Dieselbe zeigt folgende Inschrift im lateinischen 
Alphabete : „Zagrani ßli Cunotami" ; derselbe Text wiederholt sich 
überdies auf der linken Kante in der Ogam - Schrift, und wurde bis- 
her allgemein als eine Inschrift in lateinischer Sprache, „Sagrani, 
Sohn des Cunotam" besagend, ausgelegt, der Stein also als ein Grab- 
stein angesehen. 

^] Diese Stelle ist unklar, denn es ist zweifelhaft, ob »kogan« als Eigen- 
name oder als: Kind, Sprosse aufzufassen ist; in letzterem Falle ist unter 
»hoti« (Gemahlin) hier die Jaroslavna zu verstehen. 

^®) B o r i c e V, Name eines Abhanges des Dnjepr-Ufers, von welchem man 
zu einer Überfuhr gelangte. 

*') P i r o g o s c hiess der Mann (Kaufmann), der dieses Bild von Konstan- 
tinopel nach Kiev brachte, wo es in der i. J. 1131 erbauten Marienkirche aufge- 
stellt wurde. 

**) V 1 a d i mir, Sohn Igor's, des Helden der Dichtung. 

*^) Der Schluss gleicht den Ansprachen in griechischen Kirchen bei feier- 
lichen Anlässen, welcher Umstand zur Annahme führte, dass der Dichter ein 
Mönch war, doch kann sich ebensogut ein weltlicher Dichter die oft gehörte An- 
sprache zum Muster genommen haben. 

9* 



132 

Diese Deutung muss aber in jeder Hinsicht bezweifelt werden, 
denn der Text selbst enthält nicht nur derbe grammatische Fehler, 
sondern auch sonstige wichtige Bedenken in bezug auf die Eigennamen. 
Augenscheinlich ist die Inschrift kelto-slavisch und besagt die- 
selbe: „Grenzstein der Gemeinde (oder Herrschaft) Cunotam", und 

ist der Begriff „zagrani" ( sagrani) doch das 
slavische Wort für die Grenze, Grenzlinie 
, ^' . oder den Grenzstein, denn das russische 

„zagranicnij" kennzeichnet noch immer hiemit 
jenen, der jenseits oder an der Grenze 
wohnt; „fili" kann aber in dieser Form ebenso 
als „vili" gelesen werden, denn zwischen „f" 
und „V" wurde früher in der schriftlichen Dar- 
stellung vielfach kein Unterschied gemacht, und 
„vila" bedeutet in den meisten Sprachen et- 
was Analoges, wie bei den Römern ein L a n d- 
haus oder ein Landgut, bei den Griechen 
als „phile" die Sippe, Gemeinde oder das 
Aufgebot (eines Volksstammes); bei den 
Südslaven hat „vilajet" die Bedeutung von 
Bezirk, Kreis, und im Deutschen ist der- 
selbe Wortstamm zu „Weiler" geworden; im 
Französischen ist „ville" die offene Stadt, 
der nicht mit Mauern umgebene Ort. — Aber 
auch das Wort „Cunedda" kommt in der äl- 
testen Geschichte Cardigans als der Name 
eines Adelsgeschlechtes (oder Adelssitzes) 
vor, daher diese Lesung in allen Teilen sprach- 
geschichtlich begründet ist. Hingegen ist die 
Annahme der Gelehrten, dass „Sagranus" soviel 
als „grosser Angreifer" bedeute, auch nur im 
slavischen Sinne richtig, denn die Grenze 

Kelto-slavischcr Grenzstein .... , j c- i i j 11 

in England. sowie derjenige, dem der Schutz derselben 

obliegt, tragen nahezu grundsätzlich Namen 
derselben Sprachwurzel. 

Dieser Stein diente, soweit bekannt, zuerst als Türslock, dann als 
Auftritt bei einer Wasserschöpfstelle; jezt befindet er sich in der Vi- 
karie von St. Dogmaeis. War er aber je ein Grabstein, so hätte ihn 
niemand als Türstock benützt, denn der Glaube, dass man das, was 
auf den Friedhof gehört, nicht ins Haus nimmt, ist doch ein allge- 
meiner, und wurde früher wohl noch genauer eingehalten, wie viel- 
leicht heute. Wahrscheinlich ist es aber, dass der Stein einmal bei 




133 

einer Grenzregulierung oder Besilzarrondierung entbehrlich wurde und 
sodann die erwähnte profane Verwendung erhielt. 

Die Og am- Schrift besieht aus einem primitiven Strichsystem, 
d. h. jeder Buchstabe ist aus 15 parallelen Strichen ober, unter 
oder auf der Zeile (hier Kante) gebildet, und wurde das Alphabet von 
einem Bischof von Limerick (Irland) eben nach diesem Steine kon- 
struiert. Ob aber dieser Schlüssel zutreffend ist, müsste erst an den 
zahlreichen sonstigen Schriftdenkmälern dieser Art nachgewiesen wer- 
den, denn man hält auch die sonstigen Inschriften für lateinisch 
und schreibt sie dem IV. Jahrhunderte zu; wurden aber auch die 
übrigen so falsch gelesen wie dieser Grenzstein, dann ist anzunehmen, 
dass sie alle k elto-sl a vische Aufschriften haben. Vielleicht findet 
sich auf dieses hin jemand in England oder Frankreich, der diese 
Überprüfung oder Vergleichung an den Originalen neuerdings vor- 
nimmt; im Jahre 18G5 waren angeblich schon 56 solcher Steine be- 
kannt. — M. Z. 

Slavische Mildtätigkeit in barbarischen Zeiten. 

Paul Warnefried, Diakonus von Forum Tulii (Aquileja), in der 
zweiten Hälfte des VIII. öahrhundertes lebend, Notar des letzten Königs 
der Longobarden, gibt in der von ihm verfassten Geschichte dieses 
Volkes ein erschütterndes Bild der damaligen Kulturzustände, der Feind- 
seligkeiten gegen die Grenznachbaren, der unaufhörlichen Kämpfe, ver- 
übten Gewalttaten und der grausamen Behandlung der Kriegsgefan- 
genen, welche stets das Los der Sklaverei traf. Umsomehr sticht hie- 
von die liebevolle Behandlung ab, welche sein Vorfahre als 
Fremdling im slavischen Lande erfuhr. Über seine Vor- 
eltern Kunde gebend, schreibt Paul Diakonus : „Zur Zeit, als das Volk 
der Longobarden aus Pannonien zog, kam auch Leochis, mein Ahn- 
herr, der Vater meines Urgrossvaters, ein geborener Longobarde, 
mit nach Italien. Er lebte einige Dahre daselbst, starb darauf und 
hinterliess fünf kleine Söhne. Diese wurden beim Einfall der Avaren 
gefangen genommen und ins Land der Hunnen abgeführt, woselbst 
sie das Doch der Knechtschaft trugen. Zum Mannesalter gekommen, 
verblieben vier in der Gefangenschaft, der fünfte aber, mit Namen 
Leupechis, der nachher mein Urgrossvater wurde, entfloh und wollte 
wieder nach Italien gelangen, wo das Volk der Longobarden wohnte. 
Er trug nichts bei sich als einen Köcher, einen Bogen und etwas 
Lebensmittel. Diese gingen bald aus, der Hunger machte ihn kraftlos 
und schon verzweifelte er am Leben. Endlich fand er menschliche 
Wohnungen; Slaven nämlich hielten sich daselbst auf. 
Da fiel er einer alten Frau auf; aus Mitleid ward er aufge- 



134 



nommen und im Hause geborgen. Die Frau gab ihm 
von Stunde zu Stunde zu essen, damit er sich erholen 
könne. Sobald dies geschehen, reichte sie ihm Lebens- 
mittel auf den Weg und sagte ihm, wohin er sich wen- 
den müsse. Nach einigen Tagen langte er in Italien an und kam 
wieder zu seinem Geburtshause." 3. v. M. 

„Certüv kämen". 

Als ergänzenden Beleg zur Richtigkeit der Etymologie in „Cer- 
tüv kämen" (s. S. 11) sandte der Oberlehrer R. Indra aus Bfezüvky 
(Bez. Ung.-Brod) das Bild eines solchen Felskolosses ein, über dessen 




,. Certüv kamen", Grenzstein zwischen Holleschau und Ung.-Brod (Mähren). 

höchsten Punkt die Grenzen der Bezirkshauptmannschaften Ung.-Brod 
und Holleschau laufen und in dessen nächster Nähe die Grenzen von 
von k Gemeindefluren zusammenstossen. 



Eine weitere Bestätigung für diese zutreffende Etymologie der 
altslavischen Sprachwurzel „cer" sandte auch der Inspektor Fr. Eberle 
aus Wildenschwert zu. In jenem Gebiete finden sich die topischen 
Namen: Cernovir, Certova bräzda, Cermnä und Cernä 
stezka vor. 

Der Name „Cernovir" ( Grenzwach-, Grenzschutzpunkt) wieder- 
holt sich mehrmals (z. B. so hiess auch ein altes Fort der äussersten 



135 

Umfassung der Festung Olmütz). Bei Cernovir fällt aber diese Ety- 
mologie besonders auf, weil sich hinter dem Dorfe auch ein tiefer 
Graben von bedeutender Länge zieht, der nahezu den Eindruck eines 
engen Tales macht, aber doch offenkundig von Menschenhand herrührt ; 
er ist allgemein als „Teufelsfurche" | Certova bräzda) bekannt. 

In der Nähe befindet sich auch das Dorf „Cermnä", das als 
„Rotwasser" ins Deutsche übertragen wurde. Ein Dorf gleichen Na- 
mens liegt auch in der Nähe von Boruhrädek (vergl. „bor" und „hrä- 
dek", also: Verteidigungsschutzpunkt, vorbereiteter Kampfplatz) ; es 
muss also da auch der Einfluss irgendeiner Grenze zu besonderen 
Verteidigungsvorsorgen Anlass gegeben haben. Überdies wiederholt 
sich der Name „Cermnä" in Österreich wie auch sonstwo ungemein 
oft, deutet aber weder auf „schwarz" noch auf „rot", sondern eben 
auf eine Grenzrelation. — „Cernä stezka" war ein Nebensteig, 
welcher aus Mähren über Leitomischl und Hohenmaut nach Böhmen 
(Königgrätz) führte. Dieser Weg bildete tatsächlich noch im 3ahre 1248 
die Grenze gegen das Gebiet von Leitomischl, und wird derselbe auch 
im Oahre 1292 als Grenzlinie zwischen dem Klosterbesitze Zbras- 
lav und dem „Klostergrund" von Leitomischl erwähnt. Er führte durch 
den „Markwald", welcher Name noch ergänzend besagt, dass dies 
ein Wald an der Grenze („Mark") war. — In deutschen Kanzleien 
übersetzte man diesen Namen in Unkenntnis der wahren Etymologie 
modern wörtlich in „Schwarzer Steg", und ergänzte dies dahin, es 
sei dies der Weg, den die Schwärzer zwischen Sachsen, Böhmen 
und Mähren benützten, was aber selbstredend eine Kontradiktion ist, 
denn das gefährliche Gewerbe des Grenzschmuggels setzt gerade das 
Ausweichen von gebahnten Wegen voraus, und müssten die einstigen 
Grenzzollwachen geradezu blind gewesen sein, wenn sie nicht wuss- 
ten, welchen Weg der Schmuggel nimmt. Für die Wissenschaft ist 
aber dabei die Hauptsache, dass hiemit das tatsächlicheBe- 
stehen eines längs der Grenze führenden Weges un- 
bewusst zugegeben wird. 



Ein weiterer Interessent teilt das Vorkommnis mit, dass am 
„Scharmützelsee" in Brandenburg vor kurzem ein grosses Urnenfeld 
entdeckt wurde. Dass in Brandenburg einst Slaven sassen, ist zwei- 
fellos und muss demnach die Originalform jenes Namens ursprüng- 
lich entweder „Carnica, Cernica" (Grenzgebiet) oder aber „Zarnica" 
(^ Urnenfeld) gelautet haben. — 

„M i r s 1 a v". 

In dem Artikel „Der Grabstein der kroatischen Königin Oelena", 
im I. Hefte des „Staroslovan" (S. 64) bietet 3oh, Ev. Chadt, heute 



136 

wohl der bedeutendste slavisctie Faclischriftsteller für die Geschiclite 
des Forst- und Jagdwesens, folgende Ergänzung : 

„Der Personenname „Miroslav" stand einst auch bei den böh- 
misch-slavischen Stämmen im allgemeinen Gebrauche. Derselbe findet 
sich in den ältesten Urkunden wiederholt vor, wie z. B. im Jahre 
1049 als „Mirzlau, lionw eccl. Olomiic" ; 1142 als „Mirzlau, ////;. 
Boh. fundator monastirü Sedlec" ; 1144 als „Mirozlav, testis". (Reg. 
I. 669. Codex dipl. Bohemiae /., 505.) — Es wäre daher angezeigt, 
wenn der „Staroslovan" auch die Verfassung und Ausgabe eines 
Verzeichnisses aller notorisch slavischen Vornamen in sein grosses 
Programm aufnehmen würde." — 

Anmerkung d. Red. Diese Anregung ist nur zu begrüssen 
und wird derselben möglichst Rechnung getragen, umsomehr, als es 
immer klarer wird, dass auch die slavischen Vornamen heute viel- 
fach übersetzt erscheinen, und ist die slavische Originalität eben aus 
der falschen Auslegung erkennbar, denn „Miroslav" wurde wohl nur 
deshalb im Deutschen zu „Friedrich", weil der Translator „mir" für 
Friede nahm und nicht für Grenze oder Gemeinde, da ihm 
diese letztere Etymologie schon zu ferne lag. — Für jeden Fall muss 
aber zuvor eben die Entstehung, Verbreitung, sowie der wirkliche, 
allgemeine Gebrauch solcher Namen bei den Slaven in ähnlicher 
Weise, wie bei „Miroslav", nach jeder Richtung hin einwandfrei ge- 
klärt sein. — Nachdem aber der Anreger selbst im weiteren mitteilt, 
dass er Tausende solcher historisch beglaubigter Namen schon ex- 
zerpiert bereit habe, so erscheint er wohl heute als der berufenste 
diesem Vorschlage selbst die Tat folgen zu lassen. — 

Gesetzliche Bestimmungen über Schatzfunde. 

Fast tagtäglich ist zu lesen, dass irgendwo bei einer Erdarbeit 
Schmucksachen, Münzen oder sonstige antiquarische Gegenstände 
ausgegraben wurden, und ist es zweifellos, dass heute erst ein sehr 
geringer Teil jener Objekte entdeckt und gehoben ist, die man seit 
den ältesten Zeiten in der Erde, als dem sichersten Versteck, zu the- 
saurieren pflegte. Leider sind die Finder der Natur der Sache nach 
fast immer Arbeiter, welche den Fundwert selten richtig taxieren 
können, daher Geld und Geldeswert rasch und heimlich verschleu- 
dern, für sie wertlos scheinende Dinge wie Urnen, Knochen, zerfal- 
lene Bronzegegenstände, gravierte Steine u. dgl. aber zertrümmern, 
unbeachtet lassen oder wieder vergraben, also im ersteren Falle 
nicht wissen, dass sie hiemit eine strafbare Handlung begehen, im 
letzteren aber sich selbst schädigen, denn solche Funde haben bis 



137 

ZU einer gewissen Grenze auch immer einen materiellen Werl, und 
wenn schon nicht immer für die allgemeine Wissenschaft, so doch 
zum mindesten für die Lokalgeschichte. 

Es täte daher im Interesse der Wissenschaft wie der persön- 
lichen Vorteile des Finders dringend not, schon die Ougend in der 
Schule, das Volk aber bei jeder passenden Gelegenheit, wie bei Vor- 
trägen, Versammlungen, ja selbst -von der Kanzel herab, zu belehren, 
dass das österreichische Gesetz über Schatz- und archäologische 
Funde folgendes sagt: Der Schatz, worunter man Geld, Schmuck 
oder andere Kostbarkeiten versteht, die so lange im Verborgenen 
lagen, dass man ihren einstigen Eigentümer nicht mehr feststellen 
kann, gehört zur Hälfte dem Finder, zur Hälfte dem Be- 
sitzer des Grunde s.*) 

Es hat sich nämlich infolge Unkenntnis des Gesetzes, d. h. der 
Unterlassung jeder Belehrung, allgemein die Ansicht eingebürgert, 
dass solche Funde ohneweiters vom Fiskus eingezogen werden, was 
jedoch, wie das „Allgemeine bürgerliche Gesetzbuch" für Österreich 
(§ 398—401) bezeugt, vollkommen unzutreffend ist. — Allerdings fügt 
das Gesetz auch zu, dass die Entdeckung eines Schatzes, 
dann numismatische und antiquarische Funde der 
politischen Behörde angezeigt werden sollen, was 
aber doch wieder nur dem Finder zum Vorteile gereich!, denn hat das 
Fundobjekt ausser dem Edelmetallwerte auch eine grössere wissen- 
schaftliche Bedeutung, so wird dem Finder eben auch eine höhere 
Ablösung zuteil, als sie jemand bieten kann, der den archäologischen 
Wert weder kennt noch richtig einschätzt. Es ist daher selbstredend, 
dass der Finder bei der Geheimtuerei vor allem sich selbst schädigt. 

Desgleichen ist es notwendig, volkstümliche Belehrungen auch 
dahin zu erweitern, dass archäologische Funde ohne effektiven 
Geldwert, wie Urnen, Grabbeigaben aus Stein, Ton, Hörn oder 
Bronze, ungewöhnliche Skelette (z. B. solche von prähistorischen 
Tieren) u. dgl. für den Finder durchaus nicht wertlos sind, denn es 
ist immer ein Museum oder ein Liebhaber hiefür zu finden, der ihm 
diese Objekte gern und gut abkauft. 

Durch dieses Geheimtun sowie die Unterlassung der Anzeige 
erleidet aber namentlich bei numismatischen oder sonstigen Schatz- 
funden die Wissenschaft fast immer eine Einbusse, weil solche Edel- 
metallfunde meist von Goldarbeitern gewonnen und eingeschmolzen 



*) Im Grossen gelten auch in anderen Staaten ähnliche Bestimmungen, da 
sie alle auf das gleichlautende römische Recht aufgebaut sind. 



138 

werden, obschon darunler in ihrer Art einzige Exemplare gewesen 
sein konnten. 

Es soll daher hiemit der Impuls zu einer allgemeinen Aufklä- 
rung in dieser Richtung gegeben werden, denn es ist kein Zweifel, 
dass auf diese Art viele und dabei fast ausschliesslich sla- 
vische Kulturbelege für alle Zeiten verloren gehen. Am wirk- 
samsten kann in diesem Sinne die Volksschule, als die Grundlage 
aller Volksbildung und Aufklärung, eingreifen, und können mangels 
eigener Erfahrungen z. B. nachstehende zwei typische Vorkommnisse 
angeführt werden. 

Vor etlichen Jahren fand in Untersteiermark ein Winzer beim 
Rigolen seines Weingartens eine Reihe von Gräbern mit guterhaltenen 
Urnen und allerlei Grabbeigaben ; da aber dabei kein Geld oder et- 
was von Geldeswert war, zertrümmerte er alles in seiner Enttäu- 
schung. Archäologen jedoch, die davon erfuhren, stellten die ver- 
streuten Trümmer wieder mühevoll zusammen, und der Mann, der 
für die intakten Urnen gewiss eine vornehme Arbeitszulage erhalten 
hätte, ging dabei leer aus. — Ein Anderer stiess beim Ackern seines 
Feldes auf einen Topf, der 600 alte, zum Teile sehr seltene Silber- 
münzen enthielt. Er verkaufte dieselben heimlich einem Trödler, das 
Stück um G Kreuzer; der Käufer, der über den Wert besser orien- 
tiert war, soll über 1000 Gulden dafür eingelöst haben, welchen Be- 
trag der Finder ebensogut hätte erhalten können, wenn er damit 
offen aufgetreten wäre. — Dr. R. B. 

„S k 1". 

Man glaubt allgemein, dass die Bezeichnung „sokol" für die- 
jenigen, welche den Turnsport gesellig betreiben, von „sokol" (Falke) 
herrühre, daher auch die äusseren Merkmale jenes Vogels als Ab- 
zeichen eingeführt wurden. Tatsächlich ist aber „sokol" die altslavi- 
sche, daher einst allgemeine Bezeichnung für einen jungen, kräf- 
tigen, kampffähigen Mann, wie oft auch für einen befes- 
tigten Punkt, eine Wallburg, eine Schanze, eine Feste u. ä. 

Der älteste klare Beleg für diese Etymologie ist in russischen 
Volksdichtungen zu finden, wo es z. B. heisst: 

„Uz kako io mnje vsjo mutno ne bii — 

razpustil ja svojih jasnih sokolov, 

jüsnih sokolov, donskih kazakov . . ." 

(d. h.: „Wie soll ich nicht betrübt sein, habe ich doch entlassen meine 
herrlichen Krieger, die herrlichen Krieger, die Don'schen Kasaken . . ."). 



13» 

In gleicher Bedeutung gebrauchen aber den Begriff „sokol" auch 
die alleren südslavischen Volkslieder, ein weiterer Beleg, dass diese 
Etymologie die einzig richtige ist. Wenn sich hingegen die bulgari- 
schen „sokoli" als „junaci" ( junge Krieger) benennen, so bestätigen 
sie hiemit, dass sie die Bedeutung von „sokol" richtig erfasst, jedoch 
ihrer Sprache angepassl haben. 

Ob nun Tyrs, Fügner oder sonst jemandem bei der Wahl und 
Festlegung des Namens „sokol" für den ersten böhmischen Turn- 
verein die Urbedeutung dieses Wortes vorschwebte, ist vielleicht heute 
nicht mehr verlässlich festzustellen ; Tatsache ist es aber, dass die 
Benennung „sokol" in diesem Falle auch sprachgeschichtlich 
vollkommen zutreffend ist, daher bezeichnender überhaupt nicht hätte 
gewählt werden können. M. Z. 

Wissenschaftliche Fragen und Antworten. 

Hier werden ausschliesslich solche einlaufende Fragen veröffentlicht und fallweise 
beantwortet, die das Gepräge eines breiteren wissenschaftlichen Interesses tragen. 



Zur Frage 5. (S. 73.) — Als Ergänzung zur Etymologie des 
Begriffes „lapak" teilt V. Sokol (Wien) mit, dass sich im Bezirke 
Bochnia (Galizien) zwei Orte namens „Lapczyce" befinden, die gleich- 
falls an der Peripherie von auffallenden, zum Teile durch den Raba- 
Fluss verstärkten alten, zweifellos prähistorischen Befestigungen lie- 
gen. — Die Situation ist aus der umstehenden Karte zu ersehen, 
und befindet sich bei A (Chetm-Berg) eine grosse Wallburg, die mit 
Ausnahme von Osten, d. i. dem Zugange vom Orte, überall steil ab- 
fällt ; die spiralförmig gewundenen Ringwälle sind noch ziemlich deut- 
lich sichtbar. Südöstlich hievon ist eine kleinere Wallanlage, noch 
heute als „Waiek" gekennzeichnet. — Bei C ist ein gut erhaltener 
Tumulus. — Auf der Höhe B (Cote 2%) sind gleichfalls kleine Wall- 
anlagen ; jetzt befinden sich auf diesem hervorragenden Aussichts- 
punkte, — die Kuppe selbst scheint durch Abgrabungen künstlich 
steil gemacht, — der Ortsfriedhof und die Kirche. — Diese sowie 
noch weitere Schutzbauten machen den Eindruck einer systematisch 
angelegten Beobachtungs- und Verteidigungsanlage, deren Zentrum 
der Chetm-Berg war. 

Frage 10. — Slovakische Runeninschriften. — In der 
Slovakei wurden etliche Felsinschriflen in Runen gefunden, die nun 
schon zum grössten Teile entziffert sind. Die belletristische Zeitung 
„Sokol" von Turcansky-Sv. Martin (Turocz-Szt. Marlon) vom Oahre 



140 




18G1 führt aber an, dass auf den nachbezeichnelen Punkten 
weitere Felsinschriften sein sollen : 



noch 



14t 

ü) bei Li p tau auf der „Havranna skala" ; 

/;; an der Grenze des Zvolensko-Novohradsl^o-Malohonter Komi- 
lales, etwa k Stunden Getiweges südlicti von Hronec entfernt; 

c) in Mi ttel -Te ko V, nördlicti von Inovec; 

d) im Bezirke Handl gegen Nova Ltiota; 

c) im Bezirke Boglar bei Bardijov befinden sicli angeblichi „na 
Banisku" auf einer Waldlictitüng ungedeutete Felsinschriften; 

f) in der Umgebung von S a b i n o v sollen auf einem Felsen Runen- 
inschriffen sein ; 

g) unter dem Kr i van, genannt „na zopole", also an der Komi- 
tatsgrenze, befinden sich auch Runeninschriften ; 

h) eine solche befindet sich auf „na holach" von Rosenberg. 

Es wurden zwar in den letzten 3ahren slovakische Literaten 
wie Archäologen wiederholt animiert diese Angaben zu überprüfen 
und gegebenenfalls Zeichnungen oder Gipsabklatsche zu besorgen, 
aber es fand sich leider niemand, der sich hiefür interessiert hätte. — 
Vielleicht findet sich aber auf dieses hin sonst jemand, der im Laufe 
des heurigen Sommers dieser Nachforschung mit Ausdauer und Erfolg 
nachgeht. M. Z. 

Frage 11. — Dramatische Pflege des Altslaven- 
tums. — V. St. (Prag) schlägt vor, es möge der „Staroslovan" auch 
die Pflege von dramatischen Themen aus der altslavischen Geschichte, 
Sage, Volkskunde u. dgl. in sein Programm aufnehmen, damit solche 
historische Unwahrheiten nicht auf unsere Bühne geraten, wie jüngst 
der notorisch kroatische Held Nikola Zrinski in der gleichnamigen, sogar 
von einem Kroaten komponierten Oper, als magyarisierter Kroate. 

Antwort. Das Angebot richtet sich immer nach der Nachfrage, 
und wäre das Publikum kritischer, würden die Theaterdirektoren der- 
lei auch nicht bieten ; es muss daher vor allem das Publikum zum 
Geschmacke erzogen werden. — Zur Freude des Anregers können 
wir aber eröffnen, dass dessen Vorschlag zum Teile schon realisiert 
wurde, denn die Aufführung des romantischen Ballettes „Zlatoiog", 
dieser vielleicht schönsten unter allen Sagen, am 23. April 1. J. im 
Nationaltheater in Prag, bedeutet wohl schon den hoffnungsvollen 
Beginn der Dramatisierung schöner slavischer Sujets und Verwertung 
der immensen Volksliederschätze für die Bühne. Es wurde uns auch 
schon ein fertiges Werk eingesendet, das Szenen aus der mythischen 
Zeit der Altslaven mit oratoriumartiger Musik bietet. Überdies wur- 
den bereits Paradigmata für eine ernste und eine komische Oper, 
dann ein Musikdrama zur Vertonung übergeben, die zum Teile noch 
in diesem Sommer fertiggestellt werden dürften, um darzulegen, dass 



142 



unsere Theaterzellel künftighin durchaus nicht fast ausschliesslich 
fremde Stücke anzuzeigen brauchen. — 



Bibliographie. 



Alle einlangenden Werke werden grundsätzlich mit Titel, Verlag und Preis an- 
geführt ; jene, welche altslavische Themata berühren, auch kurz besprochen, even- 
tuell noch später eingehender gewürdigt. — Unaufgefordert zugesendete Werke 

werden nicht zurückgestellt 



Jß' Gtendard Celtique. („Die keltische Standarte.") — Monats- 
schrijt der kelto-französischen Liga. — Paris, 39, rue d' Artois. —Jahres- 
abonnement: 5 K. 

Zu gleicher Zeit, als sich bei uns das Bedürfnis zu einer syste- 
matischen wissenschaftlichen Pflege der altslavischen Sprache, Ge- 
schichte und Kultur einstellte, was eben zur Gründung der Revue 
„Staroslovan" führte, bildete sich, gegenseitig völlig unbeeinflusst, 
auch in Frankreich eine mit reichen Mitteln ausgestattete Liga („Ligue 
Celtique Frangaise"), die es sich zur Aufgabe machte, die Ursprungs- 
tradition des französischen Volkes wieder unmittelbar an die keltische 
Grundlage zu knüpfen, da endlich erkannt wurde, dass die Fran- 
zosen durchaus keine Romanen, sondern direkte Nach- 
kommen der Kel ten, daher echte Stamm esbrüder der 
Siaven sind. — Hat nun die Ratlosigkeit, wer eigentlich die Kel- 
ten waren, in der Wissenschaft so lange angehalten, so ist es umso 
erfreulicher zu hören, dass sich gerade jetzt, namentlich unter dem 
Eindrucke der jüngsten weltgeschichtlichen Ereignisse auf dem Balkan, 
das alte hereditäre Gefühl der sprachlichen Zusammengehörigkeit der 
Kelten und Siaven so kraftvoll und überzeugend zu regen begann. 

Hiemit bricht aber zugleich wieder ein grosser Teil jener Völker- 
wanderungshypothese, die auch die Keltenvölker wie eine verlorene 
Herde durch ein üahrtausend in der Geschichte heimatlos herumtrieb, 
zu einem Phantom zusammen. Diese Hypothesen waren eben nichts 
weiter als ein Verlegenheitskniff, der stets in jenem Momente wie 
ein dcüs ex machina wirken musste, wenn das logische Schliessen 
versagte, oder, um noch deutlicher zu sein, wenn die Beweise 
für den Aut o chthon i smu s der Siaven allzu greifbar 
zu werden begannen. 

Wir dürfen es aber auch nicht verschweigen, dass die neuen, 
so akut auftretenden wissenschaftlichen Enuntiationen über den Kern 
der Völkerwanderung, die Keltenfrage, die geschichtliche Soziologie, 
die Runenprovenienz, die Unhaltbarkeit der dermaligen Grundsätze 



143 

der Archäologie u. a. durch Zunkovics epochales Werk: „Die 
Slaven, ein Urvolk Europas", das ganz unerwartelerweise in 
wenigen Dahren sechs Auflagen erlebte, systematisch vorbereitet wur- 
den, es daher nur mehr eines äusseren effektvollen Impulses bedurfte, 
um offen anerkannt zu werden. Wir gehen daher im Sturmschritte 
einer völligen Umwertung alles menschengeschichtlichen Wissens ent- 
gegen, und wer sich diesem elementaren Durchbruche des fortschrei- 
tenden Zeitgeistes mit dessen nüchternen Kausalitäten entgegenstellt, 
wird durch die Zahl wie Kraft der Beweise schonungslos niedergerannt. 

Dr. E. Wisinger. 

^chleitner ^rt., ,, Reisen im slavischen Süden". —Berlin 
1913, 8\ 310 S. — Verlag Gebrüder Paetel. — Preis brosch. K 6-—, 
geb. K 7-20. 

Der bekannte Glorifikator der österreichischen Alpenwelt führt 
uns diesmal, nachdem er uns durch seinen hervorragenden Roman 
„Der Waldkönig" sozusagen als Zwischenstation noch das Kulturleben 
des verwichenen Oahrhundertes im steirisch-slovenischen Bacher- 
gebirge gezeigt, nach Dalmatien und Montenegro. Bei der so über- 
raschend zunehmenden Erstarkung des Slaventums, das sich seit den 
glänzenden Waffenerfolgen der Balkanvölker allerorts festlich rührt, 
kann auch eine genauere Kenntnis jener Völkerschaften, die nicht 
lediglich angrenzen, sondern auch ethnographisch dazugehören, nur 
jedermann von Nutzen sein. — Die Art und Weise aber, wie Ach- 
leitner hier seine Mentorschaft erfasst, kann als vorbildlich angesehen 
werden, denn er stellt sich dem Leser vor allem als Freund vor, 
der ihm die kaleidoskopartig wechselnden Landschaftsbilder, das Volk 
und den Boden, Natur und Kultur, Geschichte und Kunst stets in ob- 
jektiver Fassung und überdies mit ungezwungenem Humor gewürzt, 
darlegt. — Angenehm fällt auch der würdige Ton auf, den der Autor 
über Montenegro anschlägt, im Vergleiche zu jenen, oft mit Unflat 
durchsetzten Schilderungen solcher Verfasser, die das Land nie be- 
treten haben, und nur einem gewissen Publikum gegenüber jene 
Glocken läuten, die es zu hören wünscht. 

Wir können daher nur jedermann ernstlich raten, mit Achleitners 
Buche vertraut, und zugleich Goethes Rate folgend, wonach man ein 
Land erst verstehen kann, wenn man es selbst kennen gelernt, jene 
für den Uneingeweihten geradezu unverständlichen und ohne Autopsie 
märchenhaft bleibenden Gebiete selbst aufzusuchen und erst dann ein 
offenes Urteil zu fällen. — Dr. A. Kovacic. 



144 



Mitteilungen der Redaktion. 



Widmungen, Auf unsere Bitte um Überlassung von selten 
gewordenen Werken für die Mitarbeiter sind uns etliche wertvolle Bücher 
zugekommen, die wir ihrer Bestimmung gemäss nutzbringend verwerten 
wollen. 

Ausserdem kamen uns in richtiger Würdigung dessen, dass unsere 
Veröjfentlichungen zum grossen Teile kostspielige Vorarbeiten und Rei- 
sen, dann vieljach ad hoc anzuschaffende, mitunter seltene Studien- und 
Illustrationsbehelfe erfordern, folgende Geldspenden zu: 

1. 400 SK vom Herrn Landesgerichtsrat Franz Brdek in Novo- 
sady (bei Olmütz) mit der Bestimmung, den bisher eingehaltenen Weg 
in der Ortsnamenforschung kräftigst fortzusetzen und die Fertigstellung 
des angekündigten „Etymologischen Ortsnamenlexikons'' zu beschleunigen, 
„da in den Ortsnamen zweifellos die sprechendsten Beweise jür den Au- 
tochthonismus der Slaven ruhen" . — Der hochherzige Spender verspricht 
dieses Forschungsgebiet tunlichst noch in Hinkunft weiter zu fördern, 
und „hojjt hiemit den Impuls gegeben zu haben, dass auch von anderer 
Seite das Möglichste beigetragen werde, um diese überraschend und zu- 
gleich überzeugend an den Tag gelegte Wahrheit über den Altslavismus, 
die der „Staroslovan" so sachgemäss und wohldurchdacht zu heben be- 
gonnen, fortgesetzt und dessen zielbewusstes Programm in positive Tat 
umgesetzt werden könne". — 

2. 30 di von einem unbenannt bleiben wollenden slov akischen 
Oberlehrer mit folgender Zuschrift (auszugsweise) : „Ich las im 1. Hejte 
des „Staroslovan", dass es auch slovakische Runendenkmäler gebe. 
Ich übersende, darüber erfreut, hier einen kleinen, meinen sehr beschei- 
denen Verhältnissen entsprechenden Betrag behufs Forderung der slo- 
vakischen Runenforschung." — Da die bis heute bekannt gewordenen 
slovakischen Runeninschriften bereits geklärt vorliegen, glauben wir dem 
edlen Zwecke des Spenders am besten zu entsprechen, wenn wir diesen 
Betrag jenem zuweisen, der eine oder mehrere der auf Seite 141 ange- 
führten Runeninschriften auffindet und uns hievon einen Gipsabklatsch, 
eine Photographie oder doch eine verlässliche Skizze einsendet. 

Wir sprechen zugleich den beiden Spendern unseren tiefgefühlten 
Dank aus und wollen wir alle Widmungen dieser Art im Sinne und 
Geiste der gewünschten Verwendung rationellst verwerten. 



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STAROSLOVRN 



Heft 3. 


Kremsier, am 15. Seplember 1913. 


1. Jahrgang. 



A. Barlos 



Franko Vifazoslav Sasinek. 



Ein Gedenkblalt zum 50jährigen Schrifislellerjubiläum des Nestors 
der Slavo-Aulochlhonisten. 

(Mit dem Bildnisse des Jubilars.) 

Von der allen Garde der Gläubigen und Überzeugten, die im 
XIX. Jahrhunderte in den schrillen Missklang der historischen Wis- 
senschaft, betreffend den Autochthonismus der Slaven, eine harmo- 
nische Stimmung brachten, ruhen Kollär, Safafik wie Fallmereyer 
längst in der kühlen Erde; nur Sasinek gönnte ein gütiges Schicksal 
die Freude, seine Saat, den goldigen Ähren entgegenreifend, noch 
anblicken zu können. 

Sasinek stellt die Verkörperung der Grundidee dar, dass die 
Slaven keine Einwanderer sondern Urbewohner in ihren heutigen 
Sitzen sind, und seine Persönlichkeit ist es, die jene wichtige Brücke 
baute, welche die Verbindung zwischen der unterbrochenen Kontinui- 
tät der Wirklichkeit sowie reallen Wahrheit einerseits, und dem Irr- 
garten einer verblendeten Wissenschaft andererseits glücklich her- 
stellte. 3e tiefer wir aber den Effekt dieser Arbeit ergründen, umso 
höher quillt das wirkliche Verdienst Sasineks hervor und umso dank- 
barer wünschen wir unserem Nestor, er möge sich der Früchte sei- 
ner so herrlich keimfähig gewesenen Grundideen noch viele Jahre 
ungetrübt erfreuen, denn nicht vielen ist es gegönnt ihren Lebens- 
abend durch die v^achsende Zunahme des Glanzes ihrer schöpferischen 
Tätigkeit so verklärt zu sehen. — 

Franz Viktor Sasinek wurde am 11. Dezember 1830 in Skalice 
als Sohn slovakischer Eltern geboren. Er studierte in Skalice und 
Solnok das Gymnasium; im 16. Lebensjahre trat er in den Orden 
der Kapuziner, vollendete die Theologiestudien teils in Pressburg, 
teils in Prag, und fungierte dann als Lektor für Philosophie und all- 
gemeine Geschichte; im Jahre 18S4 wurde er Professor in Banja- 
Bistrica. Ein Jahr darauf berief ihn die „Maiica Slovenska" daselbst 
als Kustos ihrer Sammlungen; im Jahre 18S9 ernannte sie ihn zum 

10 



146 

Sekretär, welche Funktion nun Sasinek bis zur offiziellen Aufhebung 
der „Maiica" im Jahre i875 bekleidete. — Er ist auch der Gründer 
des Vereines des hl. Adalberl in Trnava, der „Matica Slovenska" in 
Turcansky 5v. Marlin, sowie des slovakischen Gymnasiums in Kläster. — 
Bis zum Jahre 1882 lebte er in Skalice, übersiedelte dann nach Prag, 
wo er die Redakleurstelle bei einem böhmischen Tagblatte annahm. 
Die zehn Jahre seines Aufenthaltes in Prag waren von entscheiden- 
dem Einflüsse für seine Überzeugung vom Autochthonismus der Sla- 
ven und die literarische Betätigung für den Durchbruch dieser Er- 
kenntnis. Im Jahre 1901 übersiedelte er in das Kloster der Barm- 
herzigen Brüder in Alqersdorf bei Graz und versieht seither daselbst 
die geistliche Führung des Konvents. 

Sasinek beherrscht sechs Sprachen in Wort und Schrift, was er 
auch durch seine verschiedensprachlichen Werke bewies. Einen Teil 
seiner Haupttätigkeit widmete er auch der Durchforschung der Ge- 
schichte Ungarns, nachdem er bald erkannt, dass der magyarische 
Chauvinismus einer verlässlichen Geschichtsschreibung überall im 
Wege stehe. — 

Seine wichtigsten Werke historischer Richtung sind: 

„De/iny dricvnych miroduv na üzemi terajsieho Uhorska." — („Ge- 
schichte der alten Völker auf dem Gebiete des jetzigen Ungarn.") — 
Skalice 1868. (2. Auflage erschien in Turcansky Sv. Martin.) 

„Dejiny pociatkov terajsieho Uhorska." („Geschichte des heutigen 
Ungarn.") - Skalice 1868. 

„Dejiny krdl'ovstva Uhorskeho." — („Geschichte des Königreiches 
Ungarn.") - 1. Teil 1870, II. Teil 1871. 

„Archiv starych cesko-slovenskych listin, piseninosti a dcjepisnych 
pövodin pre dejepis a literatiirii Slovdkov." — („Archiv aller böhmisch- 
slovakischer Urkunden, der Literatur und geschichtlichen Belege für 
die Geschichte und Literatur der Slovaken.") — 1. u. II. Teil 1872. 

„Dejepis krdl'ovstva Uhorskeho pre pociatocne skoly." — („Ge- 
schichte des Königreiches Ungarn für die Elementarschulen.") — Ska- 
lice 1871. (Dieses Buch wurde später durch einen Ministerialerlass 
für den Schulgebrauch verboten.) 

„Slovensky Lctopis pre historin, iopografiii, archaeologiii a etlmo- 
grafiu." — („Slovakisches Jahrbuch für die Geschichte, Topographie, 
Archäologie und Ethnographie.") - Jahrgang 1— VI. -- Skalice 1876 
bis 1882. 

„Sv. Method a Uhorsko." — („Der hl. Method und Ungarn.") — 
Turcansky Sv. Martin 1884. 



147 

,,Arpüd a Ulwrsko." — („Arpäd und Ungarn.") — Turcansky 
5v. Martin 188^4; 2. Aufl. 1885. 

„Zivot SV. Cyrilla a Metlwda." — („Das Leben des hl. Cyrill und 
Melhod.") — Trnava 1885. 

.Jako povstala slovanskd bohosluzba?" — („Wie entstand die 
slavische Lithurgie?") — Pitlsburg 1892. 

„Obrana sv. Meihoda." — („Die Verteidigung des hl. Method.") 
— Turcansky 5v. Martin 1907. 

„Zühady dcjepisne." - („Geschichtliche Probleme.") — 1— IV. — 
Prag 188Ö-1888. 

„Cechy v X. stoleti." — („Böhmen im X. Jahrhunderte.") — Prag 
1886. 

„Zalozaü biskupstvi latinskeho." — („Gründung des lateinischen 
Bistums.") — Prag 1886. 

„0 kHü Jagello Viadislava." — („Über die Taufe des üagello 
Vladislav.") — Prag 1886. 

„O cirkevnim dcjepise Slovanü." — („Zur slavischen Kirchen- 
geschichle.") — Prag 1887. 

„Ulfilas a glagolicke pi'smo." — („Ulfilas und die glagolitische 
Schrift.") — Prag 1887. 

„Die Slovaken." — Eine ethnographische Skizze. — Turocz Szt.- 
Marton 1875; 2. Aufl. in Prag 1876. - 

Wenn auch aus allen den angeführten Schriften Sasineks Streben 
nach der Aufklärung der Geschichte der Altslaven klar hervorgeht, 
so ist dessen organisatorische Tätigkeit in dieser Richtung doch in 
der deutschen Zeitschrift ,.Der Parlamentär" (Wien), dessen Jahrgänge 
1887—1891 zahlreiche, kritisch durchgeistigte Artikel aufweisen, ver- 
streut niedergelegt, denn sein hervorragendstes Verdienst ist es, dass 
er gerade in der kritischesten Zeit seinen Geist, seine Feder und 
seine Persönlichkeit voll einsetzte. Es war dies in jener unseligen 
Ära, die wohl für immer die dunkelsten Blätter der wissenschaftlichen 
Bewegung in Böhmen bilden wird, als im Oahre 1886 einige Hoch- 
schulprofessoren den ganzen Patriotismus für eine Chimäre und den 
Glauben an eine grosse slavische Vergangenheit für eine Phantasterei 
erklärten, was das Selbstbewusstsein und Vertrauen der Slaven auf 
sich mächtig erschütterte. Von Prag wurden fortgesetzt neue alarmie- 
rende Nachrichten in die Welt geschickt, dass sich alle Belege einer 
allböhmischen Kultur als Fälschungen erwiesen haben. Der damaligen 
Regierung sprach dies zu und die Ougend glaubte ischliesslich resi- 
gniert daran, weil es die Alten sagten. Auch Sasineks Gesinnungs- 

10* 



148 

genösse, Sembera, war indessen gestorben. Es bedurfte daher eines 
eisernen Willens, einer liefen Überzeugung und eines unerschrockenen 
Charakters, in dieser bedrohten Situation die Fahne der Wahrheit 
nicht sinken zu lassen. Und ein Mann mit solchen Eigenschaften war 
Sasinek ; er trat trotzdem gegen alle diese Feinde auf, — Sasinek 
allein gegen Alle — , denn sein einziger Bundesgenosse war 
das Bewusstsein, dass er im Rechte sei, und dass die Wahrheit ein 
ewiges Leben habe. — 

Wissenschaftlich war Sasinek überhaupt nicht beizukommen. Wie 
weit erhob sich dieser als Geschichtskundiger über alle die Zunft- 
historiker jener Zeit! Die beliebte Phrase der Gegner, die Verteidiger 
der Sesshaftigkeit der Slaven seien keine Fachleute, prallte hier sicht- 
lich ab. Sasinek kämpfte immer homöopathisch, d. h. er benützte die- 
selbe Waffe, die gegen ihn geworfen wurde, zum. Gegenangriffe. So 
wurde z. B. gegen seine autochthonistischen Grundsätze Theophylakt, 
ein byzantinischer Schrifterklärer, angeführt; Sasinek bewies aber 
den Gegnern, die überhaupt mehr durch ihre Masse und Rücksichts- 
losigkeit in der Wahl der Kampfmittel imponierten als durch Geistes- 
schärfe, dass jene Stelle gerade den Autochthonismus bestätige und 
dass man dieselbe völlig unrichtig erfassl habe. 

Für seine Unerschrockenheit im offenen Kampfe und seine glü- 
hende Begeisterung für den Fortschritt der Slaven in ihrer Kultur, 
gibt folgendes Begebnis eine klassische Bestätigung. Sasinek vertrat 
als Sekretär die ,,Mütica Slovenska" bei der Eröffnung der kroatischen 
Universität in Agram, bai welcher Gelegenheit er unter anderem in 
seinem Trinkspruche beim Festbankette sagte : „Konstantin Porphyro- 
genetes erwähnt, dass die Slovaken das Königreich Kroatien gegrün- 
det haben. Nun ist die Zeil gekommen, dass die Kroaten dies den 
Slovaken rückzahlen. Datc nobis de oleo iwstro, quin lampades nostrae 
extingiintur I'* — („Gebt uns von unserem Öle, denn unsere Lampen 
beginnen zu erlöschen!") -— Diese Worte wurden begeistert aufgenom- 
men ; dass Sasinek deshalb verfolgt werde, weil er die Wahrheit 
allzu unverhüllt ausgesprochen, darüber war er sich nicht im Unklaren. 

Im kommenden Oktober feiert Sasinek das diamantene Jubiläum 
seines Prieslerberufes, aber zugleich auch das goldene seiner frucht- 
baren schriftstellerischen Tätigkeit, nachdem er im Oahre 1863 als 
Milredakleur der in diesem Oahre in Skalice gegründeten Zeitschrift 
,,Slovesiwst" seinen Geist und seine Feder das erstemal für die all- 
slavische Geschichtsforschung in den Dienst stellte. 

Wir sind ansonst gewohnt, einen Mann von 83 Jahren nur als 
gebrechlichen Greis zu sehen; das ist aber bei Sasinek nicht der 



149 

Fall. Ein gütiges Geschick, eine kerngesunde Natur, eine vernünftige 
Lebensweise und ein Lebensgang, erfüllt mit idealer, durchgeistigter 
Kampfarbeit, Hessen es niclil zu, dass die hohe Zahl der Jahre dem 
Körper fühlbare Wunden schlage und noch weniger dem Geiste. Unser 
beneidenswerter Jubilar hat daher volle Aussicht noch die Schluss- 
szene in unserem wissenschaftlichen Waffengange, den er selbst so 
mulig und erfolgreich eingeleitet, zu sehen. Zugleich möge ihm aber 
auch die vollendete Tatsache den glücklichen Lebensabend erhellen, 
wie jeder Platz der altgewordenen Waffengefährten sofort und dop- 
pelt durch neue, jugendfrische Kräfte besetzt wird. Die Jugend, sie 
beginnt bereits ernstlich zu unterscheiden zwischen den echten Pro- 
pheten und falschen ; sie beginnt zu erkennen, dass ein Volk ohne 
Patriotismus und Hochachtung der Traditionen keine Zukunft habe ; 
die Jugend, sie ist es, die nun die Arbeit des Alters übernimmt und 
fortführt ; und so lebt und erneut sich unser alter Stamm und unsere 
glänzende Tradition in der eiganen Jugend ewig weiter fort.-) — 

M. Zunkovic: 

Die Wahrheit über die Völkerwanderung. 

Die beliebten Hypothesen von der Völkerwanderung, die be- 
kanntermassen immer in jenem Augenblicke der Wissenschaft als 
eine Hilfslruppe beispringen, wenn der traditionelle, geschichtliche 
Faden abreisst, sollen hier einmal ihrer Genesis und Berechhgung 
nach überprüft werden, und sei das Resultat dieser Nachkontrolle 
gleich hier offen ausgesprochen: sie sind haltlose Phantaste- 
reien, d. h. lediglich die Resultate des unlogischen 
Denkens und Schliessens. 

Vor allem ist es nötig hervorzuheben, dass kein alter Schrift- 
steller noch etwas von einer Völkerwanderung weiss. Äneas Silvius 
(1405 — 1464), der spätere Papst Pius IL, war der erste, der die Mut- 

*) Dem Verfasser dieser kurzen Würdigung der vielseitigen Lebenstätigkeit 
unseres Jubilars gelang es ihn zu bestimmen, eine übersichtliche Darstellung seiner 
Gesamtarbeit auf dem slavo-autochthonistischen Gebiete zu verfassen und diese 
mit seinen Beobachtungen der heute neubelebten Bew^egung zu ergänzen, was 
er auch auszuführen versprach. Wir bedürfen heute bereits einer solchen rück- 
schauenden Orientierung, um der Mitwelt darzulegen, dass sich der eben voll- 
ziehende Zusammenbruch der antiautochthonistischen »Schule«, die ihr morsches 
Lehrgebäude teils aus Unkenntnis der wirklichen Situation, teils aus persönlichen 
Utilitätsgründen tollkühn weiter verteidigte, schon durch ihre Unnatürlichkeit 
aliein unabwendbar einstellen musste. — 



150 

massung aussprach, es müssen im IV. — VI. Oahrhunderle unter 
den damaligen Völkerschaflen Europas grosse Unruhen und Bewe- 
gungen geherrscht haben, und nachdem in dieser Zeit neue ethno- 
logische Namen auftauchten, mussten einzelne Völker als solche aus 
ihren Wohnsitzen aufgebrochen sein und sich in der Welt ein neues 
Heim gesucht haben. Und mit diesem falschen Universalheilmittel 
arbeitet die Geschichtsschreibung bis heute fort, ohne zu erwägen, 
dass ein ganzes Volk gar nicht wandern kann, oder doch den Ver- 
such zu machen, sich solche Situationen natürlich zu erklären, zumal 
sich ethnographische Veränderungen dieser Art aus Analogien leicht 
erklären lassen. — 

Die Naturgesetze bleiben immer dieselben ; alle natürlichen Ak- 
tionen in der Welt wiederholen sich konstant unter gleichen Kausali- 
täten und Begleiterscheinungen. In analoger Weise gehen auch die 
intellektuellen Bestrebungen des Menschen ständig dahin, sich seine 
Lage zu verbessern, was zur Folge hat, dass sich das Völkerleben, 
alternierend wie zwei Brunneneimer, zur Höhe wie zur Tiefe, also 
heute zum Herrschen, morgen zum Beherrschtsein bewegt, welches 
Verhältnis sich denn auch in der Wandlung des Volksnamens geltend 
m.acht. In dem Auftauchen und Wiederverschwinden eines ethno- 
graphischen Namens liegt daher die ausschliessliche Fehlerquelle für 
alle unsere völkergeschichtlichen Irrtümer, und namentlich für jene 
der Völkerwanderung. 

Den überzeugendsten Beweis, wie wir uns eine Völkerwande- 
rung in der Wirklichkeit vorzustellen haben, bietet uns gerade die 
prosaische Gegenwart. — Auf dem Balkan herrschte bis vor kurzem 
die Türkei, Die Bewohner dieses Staates hiessen demnach Türken 
oder Osmanen, weil die Türken (Osmanen) die Herrschenden 
waren. Diese Türken sprachen aber zum grossen Teile überhaupt 
nicht türkisch, sondern slavisch, griechisch oder albanesisch. Diese 
regierende Macht ist aber heute zertrümmert ; in die eroberten Pro- 
vinzen teilen sich die Bulgaren, Serben und Griechen, was umso 
leichter ist, da der Länderteilung unter den Eroberern die sprachliche 
Grundlage der Bewohner zur Leitlinie dienen soll. Die ausschliesslich 
türkisch Sprechenden dieser Gebiete werden die Sprache des neuen 
Herrschers annehmen, und schon in zwei Generationen gibt es in 
den neuen Reichen keine Türken mehr. Es werden auch vielleicht 
welche Familien, um dieser Wandlung auszuweichen, in die asiatische 
Türkei auswandern, aber das gibt noch lange keine Völkerwanderung.— 
Ebenso werden die geographischen Namen: Macedonien, Thracien^ 
Epirus u. a. vielleicht mit der Zeit aus dem modernen Gebrauche 



151 

verschwinden, wenn die neuen Staaten eine andere politische Ein- 
teilung einführen. Die alten topischen Namen, die durch die türkische 
Verwaltung ihrer Sprache angepasst wurden, erhallen wieder ihre 
allen Formen oder verschwinden ganz. Nur so ist es erklärlich, dass 
gewisse Namen immer wieder von neuem auftauchen, und ebenso 
einmal bekannte Völker verschwinden und wieder zum Vorschein 
kommen, wie es eben der politische Wellenschlag mit sich bringt. 

An dieser Stelle sei aber auch noch angeführt, dass der Name 
Türke mit dem Erscheinen der Osmanen in Europa gar nicht zusam- 
menhängt, sondern der Name war hier schon im Allerlume gang und 
gäbe. Der römische Geograph Mela (lebte um das 3ahr 50 n. Ch.), 
der aber wieder nur ältere Quellen zitiert, schreibt (1, 116), dass jen- 
seits der Budiner die Thyssageten und Türken die weiten Wald- 
gebiele bewohnen („Budini Gelonion urbem ligneam habitant ; iiixta 
Tliyssagdae Tiircaeqiie vastas Silvas occupant . . ."). — Die Ge- 
schichte sagt weiter, dass die ersten Angriffe der Türken von Klein- 
asien aus gegen Europa im Jahre 1357 erfolgten, und dass die 
Eroberer zuerst in Gallipoli festen Fuss fassten. Das ist aber nach 
den gangbaren ethnographischen Axiomen auch nicht richtig, denn in 
einer alten Quelle (Viia s. Liicae) heisst es wieder, dass der byzan- 
tinische Kaiser Leo der Weise (88G— 9i2) die Türken gegen die 
Bulgaren zu Hilfe rief, die sodann auch weiter bis Attica eindrangen 
und das Gebiet verwüsteten (,,Turcae, quos Leo sapiens quondam con- 
tra Bulgaros evocaverat, iisqiie in Atticam provinciam vasfitatem tulerunt"). 

Die alten Volksnamen sind daher sowohl in Zeit und Raum 
äusserst vage und dehnbare Begriffe, die immer nur eine bedingungs- 
weise Richtigkeit haben und nicht anders zu nehmen sind, wie die 
modernen, denn wir wissen heule z. B. unter welchem Gesichtspunkte 
fallweise jemand zu nehmen ist, dar da abwechselnd sagt, er ist ein 
Böhme, ein Ceche, ein Österreicher, ein Slave, ein Deutscher ; hin- 
gegen fehlen uns aber die subtilen Kenntnisse, welche Auffassung 
hiabei bei den alten Schriftstellern obwaltete, wenn sie auf demselben 
Gebiete verschiedene Volksnamen anführen, womit zugleich die Schlüsse 
auf die Sprache jener Völker auf dieser Grundlage jeder Verlässlich- 
keit entbehren. 

In das gleiche Netz des Irrtums verfing sich auch die Archäo- 
logie, die gewisse ethnologische Merkmale aus den Brand- und Ske- 
lellgräbern konstruieren will, und da einen Völkerwechsel heraus- 
deduziert, als ob sich z. B. die verschiedene Begräbnismethode bei 
demselben Volke nicht gleichzeitig oder schichlenweise hätte ablösen 
oder die Art derselben vom Wunsche des Verstorbenen hätte abhän- 



152 

gig gemacht werden können ; und da sich in der Well alles wieder- 
holt, kann sich heute wieder jedermann je nach persönlichem Geschmacke 
begraben aber auch verbrennen lassen. Dieser Umstand lässt daher 
nicht einmal den Gedanken für einen Kulturwechsel zu, daher noch 
viel weniger für eine gründliche sprachliche, religiöse oder nationale 
Veränderung. 

Der heute die Osmanen spezialisierende Begriff „Türke" (früher 
auch „Tork, Torke", slav. „Turk, Turek") ist sonach nicht erst mit 
ihnen in Europa aufgetaucht. Die Geographie weiss doch auch, dass 
sich „türkische" Völker von Ostsibirien und anschliessend an China 
bis gegen die Balkanhalbinsel ausdehnen. Die Geschichte hingegen 
erzählt, dass „Türk" ursprünglich der Name eines grossen Nomaden- 
reiches war, das sich im V. nachchristlichen Jahrhunderte zwischen 
dem Irtis und üenisej erstreckte. In weiterer Folge dehnte sich jenes 
Reich über alles Gebiet bis zum Kaspischen See aus ; durch die Tun- 
gusen gedrängt, zogen sie dann über Nordpersien nach Kleinasien 
und nahmen, die Meerengen übersetzend, dann Thrazien ein. — Doch 
dies alles ist noch immer keine Völkerwanderung, denn der Haupt- 
stamm blieb in Asien und sitzt noch heute dort, sondern lediglich 
die naturgemässe Populationsexpansion, die neue Quellen und Gebiete 
für das Plus des Ernährungsmaximums im eigenen Lande auswärts 
suchen geht, was allerdings einst, bei der grösseren Abgeschlossen- 
heit der Völker, auch nur möglich war, wenn man über genügende 
kriegerische Machtmittel verfügte, um zugleich das in Aussicht ge- 
nommene Gebiet unterjochen zu können. 

Der Populationsüberschuss, dem die Heimat keinen gesicherten 
Lebensunterhalt gewährleistet, gravitiert naturgemäss seit jeher nach 
auswärts, und spielt sich in der Jetztzeit die grösste Völkerwanderung 
ab, ohne dass die Geschichte dieselbe verzeichnet, denn die Aus- 
v/anderungen aus Europa und Asien nach Amerika berechtigen voll- 
kommen zum Gebrauche dieses Begriffes, und gibt es in Amerika 
bereits geschlossene Provinzen, die von Deutschen, Cechen, Kroaten, 
Slovenen u. a. bewohnt werden ; und auch diese Völkerwanderung 
geschieht nur einzeln oder familienweise, aber doch nicht nach Art 
der Heuschreckenschwärme, denn der Stammsitz bleibt bei .''lledem 
doch immer weiter besetzt. — 

Einen Impuls für eine grosszügigere Auswanderung können 
auch Missjahre und die daraus resultierende Nahrungsnot bieten, 
und wissen wir doch sehr gut, dass die statistische Kurve der Aus- 
wanderer aus Österreich immer nach einem Missjahre oder bei miss- 
lichen Industriekonjunkturen erheblich grösser ist ; im umgekehrten 



In3 

Falle stell! sich aber hingegen ein3 ZurücKflutung ein. Die latenle 
Ursache einer jeden Völkerwanderung isf daher die vitale Not oder 
das Beslreben, sich seine gegebene Lebenslage zu verbessern. 

Das Eindringen in ein anderes Gebiet hat allerdings heute an- 
dere Formen angenommen, als einst. Während dies heute ein ein- 
facher Auslandspass ermöglicht, konnte es früher, als jeder Mann 
in erster Linie ein Krieger war, nur durch ein kraftvolles Auftreten 
mit Waffengewalt geschehen. Und mit Waffengewalt ermöglichten sich 
auch die Türken den Eintritt in Europa. Sie beuteten dann die eroberten 
Gebiete gründlich aus und handhabten die politische Macht. Um eine 
strenge sprachliche Assimilierung handelte es sich ihnen gar nicht; 
sie hielten die Annahme der mohammedanischen Religion für einen 
weit wichtigeren Grundstein zur Festigung ihrer politischen Macht, 
als die der Sprache. So kam es, dass es jetzt beim Konkurse der 
Türkei, die nahezu 500 Oahre in Europa bestand, nur ungefähr zwei 
Millionen Einwohner gibt, die wirklich türkisch sprechen ; die bestan- 
dene europäische Türkei war sonach der drittgrösste slavische Staat 
in Europa, und sind im ersten Gahrhunderte der Gründung des os- 
manischen Reiches von Stambul aus auch diplomatische Urkunden, 
z. B. den Ragusanern, in slavischer Sprache ausgefertigt worden. 

Welchen ungeheuren Einfjuss auf die Geschicke des osmanischen 
Reiches übrigens die Slaven hatten, ersieht man aus einer Reihe der 
glänzendsten Männer der türkischen Geschichte, wie diese Iv. v. Ku- 
kuljevic in der Zeitschrift „Lima" (Agram \8kk] hervorhebt, die ins- 
gesamt slavischer Abstammung waren, und woraus hervorgeht, dass 
das Csmanenreich den grössten Teil seines Ruhmes der geistigen 
und kriegerischen Kraft der Slaven verdankt, sowie dass der Nieder- 
gang mit jenem Momente ansetzt, als man die slavischen Untertanen 
zu bedrücken begonnen. 

Der Kern der vermeintlichen Völkerwanderungen besieht aber 
absolut nicht in dem mechanischen Wechsel eines Volkes durch ein 
anderes zur förmlichen Ablösung eintreffende Volk, sondern ledig- 
lich in der Änderung der Herrschaft in sprachlicher oder religiöser 
Hinsicht; die Stammbewohner bleiben, wie sie waren; sie behalten 
ihre Sprache, Religion oder Sitten, wenn die neue Regierung darin 
ihren Vorteil sieht; oder es treten Verhältnisse ein, dass es politisch 
klug erscheint, sich der neuen Situation anzupassen. Die Osmanen 
gingen daher, wie erwähnt, nur auf die Anerkennung ihrer Religion 
bei den neuen Untertanen aus; andere Eroberer legten wieder mehr 
Gewicht auf die Annahme der Sprache der neuen Regierung. So haben 
der Kalif Valid I. und der geisteskranke Hakem mit der griechischen, 



154 

koptischen und nabaläischen Sprache in Ägypten, Syrien und Baby- 
lonien auf die grausamste Weise aufgeräumt. Man weiss doch auch, 
dass es brandenburgische Fürsten gegeben, die den Gebrauch der 
wendischen Sprache in ihrem Staate bei Todesstrafe verboten, daher 
auch in Norddeutschland die Sprache der slavischen Slammbewohner 
so rapid erlöschte. Diese Art der Völkerwanderung bestand daher 
nur im Wechsel der Landes-Umgangssprache. 

Eine andere beliebte Methode der Konstruktion einer Völker- 
wanderung ist das Eskamolieren oder Verschicken eines Volkes in 
ein Gebiet mit grossem Auslauf. So erzählt die Geschichte, Irnak, der 
jüngste Sohn Attilas, habe gegen das Ende des V. Jahrhundertes die 
hunnischen Horden nach den Volga-Steppen geführt, wo sie unter 
anderen Nomaden Völkern aufgingen. Wenn dies auch nicht 
geschichtlich als unlogisch widerlegt wäre, so ist eine solche Ver- 
schickung auch praktisch ganz ausgeschlossen, denn ein Volk, das 
auf seinem Boden doch nur ein bestimmtes Maximum von Individuen 
ernähren kann, vermag nicht noch ein weiteres Volk in Kost zu 
übernehmen. Wäre jedoch der Fall eingetreten, dass die Hunnen, 
nachdem sie kurz zuvor auf den Catalaunischen Feldern angeblich 
nahezu vernichtet wurden, plötzlich wieder erobernd auflraten, so 
mussten sie alle Gebiete, die sie passierten, doch zuerst besiegt 
haben, und dies war einst bei der allgemeinen Kriegsbereitschaft und 
den allseitigen technisch mehr oder weniger hervorragenden Vertei- 
digungsvorsorgen nicht so einfach. Nebstbei fehlt hiezu jede vernünf- 
tige Erklärung, weshalb sie bei solchen günstigen Prämissen den 
nationalen Selbstmord durchaus in den Volga-Steppen zu begehen 
anstrebten. Waren überdies hiebe! die Hunnen siegreich, so gingen 
doch eher die Stammbevjohner zugrunde, nicht aber die Hunnen ; 
war es umgekehrt, so kamen sie durch die Durchzugsländer überhaupt 
nicht hinaus und erreichten nie jenes Kanaan, das ihnen gewisse 
Taschenspieler in der Geschichtsschreibung im Erklärungsdilemma 
vorgaukeln. 

Wir kennen aber doch auch heute viele und verschiedene Quel- 
len, die über die Existenz der Hunnen in Mitteleuropa noch in spä- 
teren Jahrhunderten Aufschluss geben. Vor allem ist dies der im 
Jahre 735 verstorbene englische Kirchenschriftsteller Beda, welcher 
(Hist. Eccl. /.) schreibt, dass die erste Spur von den Slaven im nörd- 
lichen Deutschland anzutreffen ist; er nennt sie Hunnen und 
lässt sie in der Nachbarschaft der Dänen, Sachsen und Rugier woh- 
nen. — Dieses ist weit glaubwürdiger und ist die ganze Geschichte 
über die Hunnen dahin zu präzisieren, — wenn dies überhaupt nicht 



« 



155 

eine ganz andere Völkergruppe war, wie es ja zugleich viele von 
einander ganz unabhängige Volksstämme von Wenden, Kroaten, Ser- 
ben u. a. gab und gibt — dass diese mit bewaffneter Alacht lediglich 
von ihren Sitzen aus Raubzüge gegen Südosten (ByzanzI, Süden 
(Österreich und Italien) sowie gegen Westen (Gallien) unternahmen, 
ähnlich wie die Osmanen durch Jahrhunderte gegen Westen und 
Nordwesten zu häufige Einfälle ausführten, wobei es sich im Prinzipe 
weniger um Ländererwerb als vielmehr um Raub von beweglichem 
Gute handelte. — Übrigens erfahren wir noch Positiveres durch den 
Geschichtsschreiber Widukind (X. Jahrb.), welcher erzählt, dass König 
Heinrich 1. an die Unterjochung der Sorben schreiten musste, weil 
sie ihm als ständige Verbündele der Hunnen gefährlich zu werden 
begannen. Nachdem er vorher die Unruhen in Deutschland gestillt, 
schloss er mit den Hunnen einen neunjährigen Waffenstillstand, griff 
dann di3 Heveler (an der Havel) an und nahm dann deren Haupt- 
sladt Brsnnabor (Brandenburg) ein usf. Es gab also im X. Jahrhun- 
derte im nördlichen Europa noch immer „Hunnen", mit denen Bünd- 
nisse zu schliessen es deutsche Könige nicht unter ihrer Würde 
hielten ! — Der kärntische Chronist Unrest erzählt unter anderem 
auch, dass es in Kärnten um das Jahr 820, d. i. nach dam Einfalle 
der Hewn (Hunnen, worunter er aber heidnische Kroaten versteht) 
keinen Herrn und keinen Herzog gab, daher sie ,.üinen gemainen 
man von paiirn geschlackt zum hcrtzoge im lande Quarantano machten".— 
Im Igor-Liede wurden die „hinischen" Pfeile als besonders gefürchtet 
angeführt, und diese „Hinen" wohnten demnach, da die Dichtung nur 
in der Zeit von 1186—1194 entstanden sein kann, damals im Polovzer- 
Gebiete, also an der unteren Volga und am Don, sind demnach auch 
seinerzeit nicht spurlos „in den Volga-Steppen unter anderen No- 
madenvölkern aufgegangen." 

Alle Erzählungen über Völkerwanderungen sind, wie sie eben 
heute interpretiert werden, eine völlig kritik- und gedankenlose, ein- 
seitige Schilderung von geschichtlichen Vorgängen, die es in Wirk- 
lichkeit in dieser Art nie gab noch gegeber. haben konnte. Wirft 
man aber alles Geschwätz, das man aus alten Quellen herausgelesen 
haben will, weg, so bleibt nur mehr dar nachfolgende Kern: die 
Völkerwanderungen sind lediglich Kriegszüge; sol- 
che Kriegs- oder Abenteurerscharen, die sich auch 
jenem verdingten, der sie entsprechend honorierte, 
legten mitunter auch weite Strecken zurück; sie führ- 
ten den Namen jenes Volkes, dem sie entstammten; 
sie hatten im Trosse ihre Frauen wie die während 
des Kriegszuges geborenen Kinder mit, aber deshalb 



156 

blieb ihr Ursprungsland genau so weiter besetzt und 
bevölkert, wie vorher, und änderte sich deshalb auch 
nicht der eigentliche Volks- oder Gebietsname. — Der 
einzig richtige Weg, wie sonach das Völkerwanderungsrätsel zu lösen 
sei, ist daher der induktive: die Folgerung von einem konkreten 
Falle auf den allgemeinen, vom Lebenden auf das Abgestorbene, vom 
Bekannten auf das Unbekannte. 

Ein weiterer organischer Fehler in der Geschichtsschreibung 
ist die kritiklose Verwertung der Quellen, sowie die einseitige Her- 
vorhebung dessen, was der Augenblick heischt; von Objektivität oder 
V\/ahrheitsenergie ist da oft gar keine Spur zu finden. Hiefür mögen 
folgende Beispiele dienen, wie die ungereimtesten Dinge zu geschicht- 
lichen Satzungen werden können, je nachdem man fallweise Licht 
oder Schatten bedarf. Der im 3ahre i525 verstorbene Nikolaus Mar- 
schalk (Mareschalcus) schrieb eine Geschichte der Heruler und Van- 
dalen. Im 7. Kapitel sagt er betreffs der Heruler: „Sie haben voralters 
ohne Zvjeifel dem Teuton viel grössere Ehre erwiesen, als die übri- 
gen Teutschen, da sie ihn mit Menschenblut zu versöhnen pflegten." — 
Im darauffolgenden 8. Kapitel sagt er hingegen : „Zu Kriegszeiten 
droschen die Heruler das Korn aus und vergruben es in die Erde; 
das sonstige Hausgerät versteckten sie in den Wäldern, Gruben und 
Seen, was alle Vandalen vorzeiten in ähnlicher Weise taten." — 
Westphalen, der die Annalen Marschalks im Jahre 1739 veröffent- 
licht, schreibt hier statt „Vandalen" bereits „Wenden" ; demnach sind 
die Heruler bei demselben Schriftsteller einmal „Teutsche", einmal 
„Wenden", denn die Vandalen galten auch Marschalk als Slaven — 
Wenden. — Letzterer schreibt im 8. Kapitel auch noch folgendes in 
einem Atem: „Mit Unrecht glaubten die Heruler an viele Götter. Sie 
kamen an Festtagen über Befehl des Priesters mit Weibern und Kin- 
dern zusammen. Dort befand sich ein grosser Altar, worauf ein 
jeder seinen Gott,*) so gut er vermochte, mit Ochsen, Schafen 
und Federvieh versöhnte. Bei diesen Opfern musste auch immer 
Christenblut herhalten, denn ihrer Gewohnheit gemäss schlachteten 
sie Männer und Weiber für den Altar ab, rissen ihnen das Einge- 
weide heraus und hängten es auf die Pfähle. Nach diesem Götzen- 
dienste schmausten sie, tranken lustig herum und beendeten den 
Tag mit Spielen und Tänzen. Einen guten Freund Hessen sie nicht 
gar zu alt werden, da sie sich einbildeten, es wäre besser zu ster- 
ben, als den Lebensrest träge zuzubringen; sie hielten es daher für 

*) Diese Erwähnung, wonach jeder s e i r, e m Gott opfert, klärt auch den 
Umstand näher auf, weshalb sich in den allen Gräbern Mecklenburgs immer 
Orabbeigaben vorfinden, die den verschiedensten Gottheiten gewidmet sind. 



157. 

gut Alte zu töten, und als eine besondere Gunstbezeugung die abge- 
lebten, arbeitsunfähigen Eltern in kleine Stücke zu zertiacken, zu 
Speisen vorzubereiten, was auch Prokopius in der Geschichte der 
Goten von den auswärtigen (Herulern) erzählt. Gegen einander waren 
sie gastfrei und gotlesfürchtig, ehrten und liebten die Eltern gar hoch; 
den Fremden, welche sie gerne beherbergten, erwiesen sie Liebes 
und Gutes, und wer solchen sein Haus versagte, dem wurde dieses 
niedergebrannt. Sie unterhielten mit dem gemeinsamen Gelde Hospi- 
täler, Waisen- und Armenhäuser, und kamen so den Notleidenden 
und Gebrechlichen zu Hilfe." — 

Was ist da nun wahr? Wer seine Eltern hoch ehrt, den Gebrech- 
lichen Kranken- und Versorgungshäuser erbaut, tötet und verzehrt 
sonach nicht seine Eltern „aus besonderer Gunstbezeugung" ! — Der 
subjektive Geschichtsschreiber macht es nun folgend : will er die 
Heruler herausstreichen, so hebt er itiren Humanismus hervor; will 
er sie herabsetzen, so macht er sie, sich auf die Beweise alter Schrift- 
steller stützend, zu Menschenfressern ; der objektive Kritizismus, der 
da sagen müsste, dass da eitel Widersprüche sind, kommt dabei gar 
nicht zu Worte. Von der national gefärbten Wissenschaft, welche die 
Herjler zj Slaven macht, wenn man sie als Anthropophagen, und zu 
Deutschen, wenn man sie als ein Volk von hoher Kultur hinstellt,— 
und natürlich umgekehrt — , sei aber hier überhaupt weiter nicht 
gesprochen. Und so etwas nennt man dann : Völkergeschichte ! 

Es handelt sich aber hier nicht nur um falsche Vorstellungs- 
künste, um eine Völkerwanderung glaubhaft zu machen, sondern über- 
haupt um ein Gebäude, das auf einem Moorgrunde aufgeführt wurde. 
In dieser Hinsicht rechnete die Geschichtsschreibung lediglich mit 
ungeprüften Suggestionen. Sehen wir davon ganz ab, dass man z. B.. 
die Hunnen als die ärgsten Barbaren ansieht, die sich ihr Genuss- 
fleisch auf dem Sattel mürbe ritten — möge es jemand versuchen, 
ein Stück Fleisch, vielleicht auch mit unausgelöstem Knochen, auf dem 
Sattel mürbe zu reiten, oder lasse sich erzählen, was dem Reiter 
geschieht, wenn sich nur die geringste Falle im Sitze bildet -, 
die klein von Gestalt, hässlich u. dgl. waren, die Deutschen aber 
als Hünen oder Riesen, was doch synonyme Begriffe sind, be- 
zeichnet wurden, so widerlegt die Geschichte auch die Hauptpunkte 
selbst. Es fällt schon auf, dass unsere Geschichtslehrbücher ihre 
Daten über die Hunnen lediglich jenen schriftstellernden Zeitgenossen 
entnehmen, die über dieselben das Gräulichste zu erzählen wissen, 
während andere, wie Priscus, der die wirklichen Verhältnisse wesent- 
lich lichtvoller schildert, unbeachtet bleiben. Aber auch die anderen' 
schildern da Vorgänge, die sich weder mit der Kritik noch Logik. 



In8 

vereinbaren lassen. Wie ist es z. B. erklärlich, dass ein solcher Bar- 
bar par excellence, wie Allila, die Burgunderfürstin Kriemhilde zur 
Gallin erhall, dass das Hochzeilsfesl in Wien durch 17 Tage gefeierl 
wird, dass die Burgunder den Hof Allilas besuchen, dessen Residenz 
grosse Paläsle bildelen, dass er um Honoria, die byzantinische Kaiser- 
tochter werben lässt, trotzdem die Geschichte erzählt, Allila habe 
wenig Kriegsglück gehabt, sei aus Italien unverrichleter Dinge zurück- 
gekehrt, sei im Oahre 451 auf den Catalaunischen Feldern fast ver- 
nichtet worden, indess er allgemein gefürchtet war, ihm der Kaiser 
von Byzanz den jährlichen Geldlribut namhaft erhöhen mussle u. a. — 
alles ein Beweis, dass man es hier mit einem Geschichtsirrtum oder 
einer Geschichtsfälschung plumpsler Art zu tun hat. Überdies hat es 
stets Standesunterschiede gegeben, und doch kann sich niemand bei 
den modernen sozialen Ansichten etwa eine ernste Brautwerbung eines 
besiegten Indianerhäuptlings bei einer europäischen Herrscherfamilie 
vorstellen. War aber Atlila ein solcher Wüstling, wie ihn die Geschichte 
hinsleilt, so hätte er sich eine ausgewählte Braut wohl mit Gewall 
geholl oder hätte selbe rauben lassen ; etikeltmässige Brautwerbungen 
sind aber in diesem Milieu ganz undenkbar. 

Solcher Art sind also die Quellen, aus denen wir unsere Ge- 
schichtsdogmen schöpfen und konstruieren ; solche Kannegiessereien 
und gehässige Willkürlichkeilen werden dann zum Evangelium, zu 
Marksteinen der Wissenschaft und zu den wichtigsten Wendepunkten 
der Wellgeschichte. Erlernt oder begreift aber ein Schüler diese ver- 
worrenen Geschichtslügen nicht, so erhält er sein „nichlgenügend" 
und kann dafür repetieren oder im Studium verunglücken, denn es 
wird doch bis heute niemanden geben, der zustimmen könnte, dass 
er die Schul-Völkerwanderung je verslanden habe. 

Logisch noch trostloser wirkt hiebet die geschichtliche Rand- 
bemerkung, es hätten die Hunnen ihr Dienslvolk, die Slaven, so als 
eine Art Kofferträger, auf ihrem Heereszuge aus Asien nach Mittel- 
europa mitgenommen, aber dann hier zurückgelassen, als sie sich 
selbst in die Volga-Steppen, sozusagen zum geschichtlichen Ausleben, 
in den Ruhesland zurückzogen. Dieser blühende Unsinn ist in deut- 
schen, aber ebenso auch in slavischen Lehrbüchern zu lesen ; es gibt 
Universitätsprofessoren, die nur über die Völkerwanderung lesen, 
aber niemandem fällt es ein, da berichtigend aufzutreten. Will man 
dieses vertrackte Kapitel der Geschichte noch in satirisch-logischer 
Weise fortsetzen, so wären die Slaven demnach eigentlich mit einem 
Ehrenkonvoi der Hunnen nach Westeuropa gebracht und hier, nach- 
dem ihnen die geographische Situation behagte, nach entsprechender 
Einführung zurückgelassen worden. — Difficile est satiram non scribere ! 



Iö9 

Betrachten wir aber noch einige Völkerschaften, die ihre Exi- 
stenz oder ihren Heimfall der Völkerwanderung zuschreiben, und 
seien hiezu die Vandalen, Longobarden, Rhälier und Kel- 
ten erwählt. 

Die Geschichte sagt, die Vandalen waren ein ostgermanisches 
Volk, das dann verschiedenste Kriegszüge unternahm, und sich schliess- 
lich um das Jahr 534 in Afrika verlor. Wie reimt sich dies aber, 
da wir wissen, dass der hl. Ruppert noch im Jahre 705 den „Van- 
dalen" predigte, denn es heisst: Jranscenosqiie monte altissimo, mons 
Dunis ( - slav. Turi) appclato, pracdicavii Wandalis" („nach Passieren 
-- vom Norden her — der Hohen Tauern predigte er den Vandalen"), 
worunter man die heutigen Slovenen, als die Bewohner südwärts 
jenes Gebirges, verstehen muss, was auch richtig ist, den in einer 
böhmischen Glosse in Mater vcrbomm aus dem Xll. Jahrhunderte 
werden die Slovenen („Zlouenin") auch „Vandalus" (und „Wint") ge- 
nannt. — Helmold erzählt in der „Chronica Slavorum" (1172), dass 
an der Grenze Polens ein ausgedehntes slavisches Land liegt; die 
Bewohner desselben nannte man voralters „Vandalen", jetzt aber 
„Winithen" oder „Winuler". — Der bereits erwähnte Nikolaus Mar- 
schalk schrieb eine Geschichte der Heruler und Vandalen, und wid- 
mete das Werk dem Herzog Heinrich von Mecklenburg, dem Fürsten 
der Vandalen („princeps Vandaloriim"). — Welche Geschichte sagt 
uns nun heute, dass es im XVI. Jahrhunderte in Europa noch Van- 
dalen gab, und welches sind nun jene Vandalen, die man als 
Paradigma der Zerstörungswut in der heutigen Redensart zu ver- 
stehen hat ? 

Ähnlich steht es mit den Longobarden. Sie waren etwa ein 
westgermanisches Volk, das zu Beginn unserer Zeitrechnung an der 
Niederelbe wohnte, nacndem die Namen „Bardengau" wie „Bardo- 
wiek" ihnen zugeschrieben werden (!). Später gelangten sie elbeauf- 
wärts bis ins Waagtal, wo ihr Hauptort „Langricio" (jetzt Trencin) 
war. Sie machten sich nun durch Zertrümmerung des Heruler- und 
Gepidenreiches zu Herren Pannoniens. Ihr König Alboin zog 5G8 
gegen Italien, und seine Scharen überfluteten bald den nördlichen Teil 
davon, der nun nach ihnen „Lombardei" benannt wurde. Später ge- 
hen sie ganz in den Romanen auf. — Es ist nun selbstredend, dass 
es sich hier nicht um ein und dieselbe Völkerschaft, und noch weni- 
ger um den Zug eines ganzes Volkes, sondern nur um Kriegszüge 
handelt. Die Etymologie „lombarda", d. i. „lomvarda", bedeutet: Grenz- 
wache; „lombardi" hiessen demnach im Slavischen die Grenzwäch- 
ter („lom" Grenze, „varda" Wache, Schutzpunkt), und mag sich 



160 

dieser Name an der Unterelbe, in der heutigen Slovakei, in Ungarn 
wie in Oberilalien, analog wie sich andere Völkernamen fortgesetzt 
wiederholen, gleichfalls wiederholt haben. Es sind dies daher auch 
nicht dieselben Volksstämme, sondern nur so benannte Kriegsscharen 
verschiedener Zeit und verschiedenen Ursprungs, analog wie man 
vielerlei Kazakenvölker kennt, d. h. es waren dies die Krieger einer 
„kaza", eines Stammes oder Bezirkes (böhm. „chasa"), welche Or- 
ganisation auf dem Balkan zum Teile noch heute fortbesteht. - Die 
hautige Schreibweise „Langobarden" und die Etymologie „Langbärle" 
kann demnach auch ruhig und schadlos in Vergessenheit geraten, 
denn die Begriffe „lumbati" (kroat. Schutzdämme machen), „lumbarda" 
(Schutzdamm, auch : schweres Geschütz, Geschützposition) u. ä., sowie 
topische Namen heben diese unnatürliche Erklärung von selbst auf. — 
Man sucht eben dort seine Ahnen, wo gleiche Namen auftreten; dass 
aber diese eine völlig getrennte, von einander unabhängige Entste- 
hung haben können, daran wird hingegen gar nicht gedacht, und da- 
bei auch zumeist vergessen, dass man von einem Volke für sich 
immer erst dann sprechen kann, wenn es eben ein Volk für sich 
selbst ist, was erst mit der Geschichte, d. i. mit dem Erwachen des 
Bawusstseins eines Volkes von sich selbst, eintritt. 

Der Ursitz der Longobarden zur Völkerwanderungszeit ist zwei- 
fellos die heutige Lombardei ; der Name hat sich daher ebensowenig 
verloren, wie jener des alten Volkes der Rhätier, bei denen man 
im Zweifel ist, ob sie Illyrer, Kelten oder Veneter waren, obschon 
sie noch heute als „Rezijani" existieren. Sie wohnen noch immer an 
den Südhängen der Alpen und sind identisch mit den slovenischen, 
allerdings heute schon bis auf etwa 30.000 Seelen völlig romanisier- 
ten Bewohnern der italienischen Provinz Venetien. Man sagt auch, 
die Rhätier bildeten geographisch und sprachlich den Übergang zu 
den Etruskern oder Tosken ; auch das ist richtig, denn die etrurischen 
Sprachreste, wie sie in den zahlreichen Inschriften vorkommen, sind 
eben ein schon ziemlich romanisiertes Slavisch. 

Es haben daher alle streitenden Parteien im Prinzipe recht: die 
Rhätier sind Veneter, weil sie in der Provinz VeneÜen wohnten; sie 
sind Illyrer, weil dieses Gebiet im geographisch-politischen Sinne zu 
einer Zeit zu Illyrien gehörte; sie sind auch Kelten, weil sie mili- 
tärisch-sozial, wie dies nachstehend erörtert wird, im „celedi" orga- 
nisiert waren; die langwierigen Gelehrten -Katzbalgereien in dieser 
Richtung haben daher nicht den geringsten Beweiseffekt, da eben 
jede Behauptung oder Ansicht diskutabel ist. 

Eine besondere Rolle spielen die „Celti", — „Kelten" ist schon 
die präzisierte Form — in der Völkerwanderung. Man nimmt an. 



161 

dass sie sich zum mindesten schon im ersten Jahrtausend vor der 
christlichen Zeitrechnung von Österreich und Siiddeutschland aus über 
den Rhein, dann Frankreich bis England ausdehnten. Gegen Ende 
des VI. Jahrhundertes v. Chr. besetzten sie Spanien (Keitoiberer); 
zu Anfang des IV. Jahrhundertes v. Chr. verbreiteten sie sich auch 
schon über das etruskische Norditalien ; in den Jahren 284—278 
zogen sie als „Galater" nach der Balkanhalbinsel, und dehnten sich 
dann noch bis zur Mitte von Kleinasien aus. Wer war nun dieses 
grosse und rätselhafte Volk? Die Erkläiung liegt in dessen nationa- 
lem Namen, denn „celed" bedeutet im Slavischen noch heute eine 
Sippe oder einen Volksstamm, und verstand man darunter vor 
allem die militärische Organisation eines Stammes; jene Völker 
oder Stämme, die sich in „celedi" gruppierten, und wo der kampf- 
fähige Mann „celedin" (althochdeutsch „heied, cheied" Mann) hiess, 
waren die „Celti", analog wie dies bei den Bojern war, die ihre 
militärische Stammeskraft als „boj" oder „voj", oder die Franken 
als „bran", die Spanier als „span" (Kameradschaft, Gespanschaft), 
die Kazaken als „kaza", die Böhmen als „chasa" benannten, und 
gilt die militärisch-soziale Benennung einer Volksgruppe nahezu aus- 
nahmslos als die Grundlage der ethnographischen Namen. Da aber 
diese Grundbegriffe eben im Slavischen noch heule die zutreffende 
Bedeutung haben, muss die Sprache der Vandalen, Longobarden, 
Rhätier, Etrusker und Gelten eben eine solche gewesen sein, die 
von den heutigen slavischen Sprachen noch nicht wesentlich verschie- 
den war. 

Aus alledem geht überzeugend folgende Erkenntnis über die 
sprachliche Zugehörigkeit jener alten Völker hervor: die slavischen 
Sprachen haben die Originalität der Ursprache am 
reinsten erhallen; die anderen Spr ach g r uppen sind 
davon schon weiter entfernt; alle Sprachen haben 
daher dieselbe Grundsprache zur Basis; diejenige 
aber, welche die Kontinuität mit dieser Grund- oder 
Ursprache noch am wenigsten verloren hat, muss die 
ältere, d. h. der Ursprache die nähere sein, und dies 
sind, in mo dern er Benennung ausgedrückt, eben die 
slavischen Sprachen. — Diese Erkenntnis auszusprechen dik- 
tiert die wissenschaftliche Ehrlichkeit, und zu diesem Schlüsse kommt 
jeder, der den Mut besitzt, seine Erfahrungen frei und offen zu be- 
kennen. 

Behaupten nun z. B. die Franzosen heute, dass sie keine Ro- 
manen, sondern Nachkommen der Gelten sind, so ist dies organisch 
vollkommen zutreffend, denn die Sezession ihrer Sprache entwickelte 

11 



162 

sich auf jenem Boden, auf dem sie heule sitzen, und nicht etwa auf 
Umwegen über Italien, daher auch deren Sprache umso „keltischer" 
erscheint, je weiter man sie bis zur fühlbaren Abschwenkung verfolgt. 

Die Slavizität jener Grundsprache ist aber auch leicht zu be- 
gründen, denn jede Sprache durchläuft einen Lebenskreis, dessen 
Stationen immer durch äussere wie innere Veränderungen gekenn- 
zeichnet sind. Hiebet begegnen wir aber der sonderbaren Erschei- 
nung, dass die Fortentwicklung einer Sprache zugleich ihre Originali- 
tät, d. i. deren Formen und Flexion immer weiter verkümmert; dabei 
erhalten sich jedoch die Sprachen im Gebirge viel origineller, als in 
der Ebene, wo der Verkehr und der Einfluss des grösseren Verkeh- 
res einen in dieser Hinsicht schädlichen Einfluss üben. Und diesen 
konservierenden Einfluss merken wir doch vielen slavischen Spra- 
chen, die sich noch den reinsten Formenschatz erhalten haben, leicht 
an. Und wenn wir noch erwähnen, dass dies auch die topischen 
Namen bestätigen, die sich doch am konservativsten erhalten, so ist 
der Beweis vom sprachlichen Standpunkte aus erbracht, dass die 
Völkerwanderungshypothese unhaltbar ist und weiter- 
hin bestenfalls in ein Märchenbuch gehört, denn es 
kann unbedingt niemand dort Terrainteile zu einer Zeit nach seiner 
Sprache benannt haben, zu welcher er dort gar nicht war. 

Sollte übrigens je eine so grossartige Umwälzung wirklich statt- 
gefunden haben, dass plötzlich Millionen bodenständiger Menschen 
durch ebensoviel zugewanderte Slaven abgelöst worden wären, so 
konnte sich, abgesehen davon, dass dadurch ein halber Weltteil 
irgendwo menschenleer geworden wäre, der Wechsel doch nicht so 
unbemerkt abwickeln, dass ihn die römischen, griechischen, byzan- 
tinischen und arabischen Schriftsteller, die doch sonst ganz belang- 
lose Vorgänge verzeichneten, gar nicht wahrgenommen hätten, denn 
unter den Völkern, welche da als ablösende genannt werden, findet 
man, wie die dermalige Geschichte behauptet, noch immer sehr wenig 
Slaven. Trotzdem hören wir aber andererseits immer wieder, dass 
die Römer überall auf ihren Eroberungszügen auf Bewohner stiessen, 
die starke Burgen, Ringwälle oder Grenzschutzvorsorgen hatten, und 
die ihnen sehr energisch, und vielfach auch mit grossem Erfolge, mit 
den Waffen entgegentraten. Ein Volk aber, das sich Festungen baut, 
beteiligt sich an keiner Völkerwanderung, sondern es siegt oder 
unterliegt. — 

Der Kern dieses geschichtlichen Irrtums liegt überdies in der 
gewohnten Annahme, dass ein Volk immer erst dann auf der Welt- 
bühne gesichtet wird, sobald dessen erste Erwähnung in der geschrie- 



163 

benen Geschichte wahrgenommen wird, ein Denkfehler, vergleichbar 
mit dem, wie wir auch alle einst im naiven Kindersinne glaubten, 
dass die Sonne unmittelbar hinter dem nächsten Gebirge unseres 
Horizontes aus dem Ozean steige. In der Entwicklung eines Volkes, 
welches plötzlich unter einem bestimmten Namen geschichtlich inven- 
tarisiert auftritt, ist aber doch eine, nicht einmal approximativ in 
Zahlen ausdrückbare Werdezeit vorangegangen, worauf man eben 
fast ausnahmslos vergisst. 

Die heute landläufigen Erzählungen über die Vergangenheit der 
Slaven kann daher einer logisch geführten Nachprüfung unmöglich 
weiter standhalten, und gehört die Negation desAutoch- 
thonismus der Slaven wohl zu den grössten Irrtümern 
oder wissenschaftlichen Fälschungen aller Zeiten. 

Diese falschen Fundamente der wissenschaftlichen Ordnung müs- 
sen daher endlich der Auswechslung teilhaftig werden, was freilich 
tiefeinschneidende Konsequenzen haben wird, denn nur mit bangem 
Schrecken wird man endlich zur Revision der Ur- und Kulturgeschichte 
schreiten müssen, da das Räderwerk dieser Maschinerie nicht mehr 
funktioniert; die Archäologie wird endlich erkennen und zugeben 
müssen, dass die Kulturresidien der alten europäischen Stammvölker 
auch einen gemeinsamen Grundzug haben ; die Rassenlehre miit ihrer 
Dezentralisierungstendenz verliert immer weiter ihren realen Halt; 
die Sprachwissenschaft, die sich eine Unzahl von isolierten Sprachen 
zurechtlegte, büsst eine Position um die andere ein, und nimmt immer 
mehr die monistische Richtung an ; die Götter- und Geisterwelt un- 
serer Mythologien nähert sich wieder mehr und mehr der irdischen 
Welt, von welcher eben erst deren Transsubstantiation ausging usw., 
was die sozialen, kulturellen wie auch politischen Ansichten gewiss 
mächtig beeinflussen muss. 

Wir leben daher heute am Abende, dem ein Tag mit der Um- 
wertung oder Berichtigung eines grossen Teiles des menschenge- 
schichtlichen Wissens folgen wird, denn fällt nur einmal die Barri- 
kade der Völkerwanderungshypothese, die sich die Wissenschaft selbst 
über den Weg erbaut hat, dann erst wird die Bahn frei für alle wei- 
tere Forschung nach unseren Ursprungs- und Entwicklungsfragen ; 
unter den bisherigen Prämissen war dies schon mechanisch ausge- 
schlossen. 

Zum Schlüsse sei noch eines nicht unwichtigen Umstandes Er- 
wähnung getan, der bisher ganz unbeachtet blieb und doch eine sehr 
fühlbare Rolle im Völkerleben spielt. Die irrtümliche Konstruktion 
einer Völkerwanderung ist es nämlich, die zu dem tiefen, nationalen 

11- 



164 

Unfrieden, namentlich zwischen den Slaven und Deutschen, den ver- 
derblichen Keim legte, denn ohne gegenseitige Achtung und billig s 
Anerkennung der gegebenen gleichen Imponderabilien kam es kei- 
nen Völkerfrieden geben, weil der Mangel der Parität das Neben- 
und Mitwohnen der Völker vielfach unleidlich macht, und nichts wirkt 
verletzender, als eine unberechtigte sowie den Mass absichtlich näh- 
rende Zurücksetzung. 

Will man daher ehrlich Frieden haben, so setze sich vor allem 
die Wissenschaft ein und mache ihre handgreiflichen Fehler der künst- 
lichen Verhetzung gut; eine einseitige Herrenmoral aber, die sich auf 
gewalttätige Geschichtsfälschungen und Verschwindenlassen von Ge- 
genbeweisen stützt, ist ein weit verderblicherer Bazillus für das Fort- 
bestehen der geschichtlichen, kulturellen wie sozialen Völkerdishar- 
monie, als jedes andere der vielen wurmstichigen Molive, die da als 
Hindernisse phrasenmässig angeführt werden. Nichts kränkt mehr 
den Einzelnen wie eine ganze Nation, als das ewige Hänseln mit 
der Minderwertigkeit, namentlich wenn hiezu nicht die geringste Be- 
gründung vorgebracht werden, oder der Anteil an der allgemeinen 
Kultur nicht überzeugend klargelegt werden kann, denn das, was 
man heute darüber zu wissen vermein!, vei schiebt si.h durch die 
fortschreitende Forschung sogar immer sichtlicher zur Negierung der 
heutigen Voraussetzungen. — 



Slavische Geschichtsquellen. 

III. Das Roland-Lied. 

Mitgeteilt von J. Kuffner. 

Im Vorjahre erschien eine interessante Studie des Professors 
F. E. Mann über „Das Roland-Lied als Geschichtsquelle und die Ent- 
stehung der Roland-Säulen" (Dieterichs Verlag, Leipzig), welche nicht 
nur literaturgeschichtlich von grösserem Interesse ist, sondern für die 
altslavische Geschichte geradezu eine hervorragende Enthüllung und 
eine neue Quelle bedeutet. 

Von der Geschichte des Mittelalters, wie man sie in der Schule 
zu hören und in der Literatur zu lesen bekommt, kann man füglich 
sagen, sie bedeute eine Erzählung von Ereignissen, die niemals statt- 
gefunden oder zum mindesten nicht derart vor sich gegangen sind. 



lf)5 

wie und was darüber berichte! wird. Mit der grossen Phantasmagorie 
der sogenannten Völkerwanderung verziehit ein grosser Nebelvorhang 
das Proscenium und der Hokuspokus dahinter nimmt seinen Anfang. 
Eine Flucht von Erscheinungen wunderbarster Gestalt und Form drängt 
sich da in- und übereinander ; Vorkommnisse und Taten werden ge- 
meldet, die jedem Zusammenhang mit Naturgesetz und Vernunft hohn- 
sprechen, Aktionen und Variationen, die alle Beziehung zum Grund 
und Boden des wirklichen Lebens verloren haben. Die gestrenge 
Wissenschaft versucht zwar aus allen Kräften an dem unentwirrbaren 
Knäuel zu zerren und zu schlichten, doch scheint der Liebe Müh', 
mag sie noch so sehr in Widerspruch mit dem gesunden Menschen- 
verstand sich befinden, vergeblich. Nebel bleibt Nebel; die Überlie- 
ferung im Grossen und Ganzen, gebunden an den Buchstaben der 
ehrwürdigen Quellen, ist nicht zu verscheuchen ; was geschrieben 
steht, ist geschrieben. 

Je mehr in allen Zweigen des menschlichen V7issens das Prin- 
zip der exakten Auffassung platzgreift, desto fühlbarer wird das Be- 
dürfnis auch für den Blick in längst vergangene Zeiten eine verläss- 
lichere Basis zu finden, als es jene ist, die in den Berichten unwis- 
sender Chronisten und treuherziger Wiedergeber von Gehörtem als 
gegeben zu betrachten hat. In erfreulicher Weise mehren sich in neu- 
ester Zeil Versuche, diesem Bedürfnisse nahezutreten, um möglichst 
Licht zu bringen in das Dunkel der überlieierten Materie. Zu diesen 
Aufklärungsarbeiten gehört auch die oben angeführte Studie. 

Das Roland-Lied wird bekanntlich mit einer Legende in Zusam- 
menhang gebracht, die über einen Kriegszug Karls d. Gr. nach Spa- 
nien gegen die Sarazenen zu berichten weiss. Karls Heer soll dabei 
auf dem Rückzuge über die Pyrenäen eine Schlappe erlitten haben. 
So erzählt unter Anderen auch Eginhard, der Biograph des grossen 
Kaisers. Seit langem wird nun schon um die Frage gestritten, wie 
viel an der Erzählung wahr sei ? Aus den Darlegungen des Verfas- 
sers kommt nun mit ziemli:her Evidenz zum Vorschein, dass es mit 
der Heldengeschishte vom Tale Roncevals seine guten Wege hat. 
Auf Grund einer sehr eingehenden Untersuchung des Tatbestandes 
und aller einschlagenden Dokumente, stellt der Autor fest, dass die 
im Roland-Liede besungenen Helden und Taten mit Spanien eigentlich 
gar nichts zu tun haben, sondern dass im Gegenteile Karl zu jener 
Zeit gar nicht über das grosse Gebirge gezogen ist, dass sein Kriegs- 
zug zwar den Sarazenen gegolten, mit diesen „Sarazenen" jedoch 
nicht die Araber in Spanien, sondern ein ganz anderes Volk im Nor- 
den des Reiches gemeint ist, u. zw. jenes slavische Volk, das 
zwischen der Oder und Elbe längs der Meeresküste angesiedelt war, 



166 

und das der Verfasser als den Stamm der „Slettiner" bezeichne!. 
Unter Roland (Hruotlandus, Rutland, Rudlan u. ä.) ist nach seiner Dar- 
stellung „das Vorbild aller späteren Heidenbekämpfer im Osten" zu 
verstehen, ein Markgraf des wendischen Grenzlandes, ein Grosser 
aus dem Gefolge Karls, der sich auf dem eben nicht glücklich verlaufenen 
Kriegszuge für seinen Herrn im Kampfe aufgeopfert und dabei den Hel- 
dentod gefunden hat. Es bleibt daher nur zu berichtigen, dass sich die 
Geschichte nicht bei Roncevals in den Pyrenäen, sondern aller Wahr- 
scheinlichkeit nach beiPrenzlau, unweit Stettin, in der Uckermark, 
zugetragen hat. Der Verfasser sagt: „Prenzlau ist slavisch Premi- 
slav (ältere Formen: Prinslauw 1253, Prenslauve u.a.m.) Der Schlacht- 
ort heisst nach der Oxforder Handschrift „Rencesvals", das wie ein 
Kompromiss erscheint zwischen dem überlieferten Namen „Prenslav" 
oder „Prenseslav" und dem später herangeholten „Roncevals". Die 
Ortschaft Prenzlau ist uralt, wir kennen ihren Ursprung nicht, und 
sie k a n n sehr wohl schon im VIII. Jahrhunderte bestanden haben . . ." 
Damit hat der Verfasser nicht nur vollkommen recht, sondern ist 
obendrauf anzunehmen, dass der Ursprung des Ortes noch viel, sehr 
viel weiter zurück liegt. Der Name „Prenzlau" ist seinem Ur- 
sprünge nach identisch mit jenen von : Breslau, Bi^eclava, Bfetislava, 
Vratislava, Bracislava, Brjaslava, Perejaslava, Zbraslava und noch 
einer Unzahl von Variationen desselben Namens, die in slavischen 
oder ehemals slavischen Gegenden sich von der Ostsee bis zum 
Schwarzen Meere hinziehen und sämtlich zu Lokalitäten gehören, die 
ihrer Lage nach ziemlich übereinstimmen. Sie liegen nämlich an 
grösseren oder kleineren Gewässern, meist an Mündungen, die eine 
starke Verwässerung des Terrains zur Folge haben, und zu ihrer 
Zeit sicherlich eine besondere Rolle im Lande gespielt haben, daher 
auch durchwegs befestigt waren. Zu welcher Zeit nun mögen wich- 
tige Punkte im Terrain in dieser Weise gleichmässig, sozusagen 
gattungsweise benannt worden sein? Zu welcher Zeit gab es 
eine derart in die Augen springende, in den entlegensten Gegenden 
miteinander übereinstimmende technische Terminologie für 
topographische Vorstellungen? Welche Zeit war es, über die alle, auch 
die ältesten Quellen — schweigen? 

Die Details der sehr komplizierten Beweisführung sind freilich 
im Buche selbst nachzulesen. Die Lektüre ist überaus dankbar und 
anregend, so mühselig sie auch erscheint gegenüber der Unmasse 
von gelehrtem Krimskrams das aus dem Wege zu räumen ist, und 
der unterschiedlichsten kleinen Fragen und Zweifel, die ihre Klar- 
stellung erheischen. Der Beweis ist im grossen und ganzen als er- 
bracht anzusehen ; direkt erbracht durch fleissig dokumentierte Aus- 



Iö7 

legung und überzeugende Placierung der vielen im Texte des Liedes 
vorkommenden Namen, sowohl Namen topographischen Charakters, 
als auch Namen von Völkern, Stämmen und Scharen, nicht nur von 
einzelnen lebenden und handelnden Personen sondern auch von blos- 
sen Gegenständen und Requisiten. Das ganze ausführliche Verzeichnis 
von Namen und Umständen wird recht überzeugend auf seine nörd- 
liche Abkunft zurückgeführt und mit viel Glück in das Gebiet zwischen 
der Elbe und Oder zurückorientiert. Indirekt war ein starker Zweifel 
über die Legende einer spanischen Heerfahrt Karls ohnehin schon 
durch den auffallenden Umstand bekräftigt, dass die zeitgenössischen 
arabischen Quellen von einer solchen gar nichts wissen, und es 
sehr einleuchtend ist, dass sie einen über den Erzfeind errungenen 
Vorteil ihrerseits gewiss nicht verschwiegen hätten. 

Der heimliche Szeneriewechsel, den im Laufe von Jahrhunderten 
die Ereignisse der Legende erfahren haben, ist auf ein simples qui 
pro quo in der Namensdeutung zurückzuführen. In ethnographischen 
sowie in den anders verwandten Benennungen waren die Alten nie- 
mals besonders skrupulös. Geographie und Topographie gaben da- 
mals noch keine Wissenschaft ab. Die Begriffe waren weder geklärt 
noch feststehend, und so kam es, dass man ein und dasselbe Volk 
mit den unterschiedlichsten Namen belegt hat und umgekehrt wieder 
andere vollkommen fremde Völker und Stämme ohne viel Umstände 
unter demselben Namen notiert hat. Daher das jämmerliche Drunter 
und Drüber von Namen und Ereignissen, das für die Periode des 
Überganges vom Altertum ins Mittelalter so bezeichnend ist. So wurde 
zu Karls Zeit unter „Sarazenen" überhaupt ein fremdes, feindliches 
Volk, von welcher Provenienz immer, verstanden. Einmal sind es die 
Araber, ein andermal die Slaven, ebenso wie es „Sarazenen" auch in 
den Tälern der Schweiz wie Südfrankreichs gab, weil sich dieser 
topische Name daselbst oft wiederholt. — 

Über die etymologische Auslegung einiger slavischer Orts- und 
Personennamen Hesse sich mit dem Verfasser wohl streiten, doch 
fallen dergleichen kleine Beweissplitter nicht in die Wagschale gegen- 
über der grossen leitenden Hauplidee der Arbeit, die klar zu Tage tritt. 
Auch darf man es dem Autor nicht verübeln, dass er als Vorkämpfer 
und Aufräumer in einer Partie des derart verworrenen und ins Dunkel 
gehüllten Stoffes, in anderen parallelen Fragen fast gänzlich den land- 
läufig überlieferten Begriffen huldigt, über die wir schon geläutertere 
Meinungen haben. Den grossen Vandalenzug quer über Mitteleuropa 
hält er vollkommen im Sinne der üblichen Lehrbücheranschauung für 
den „Raubzug eines wilden Barbarenvolkes" usw. Freilich sind für 
derlei Urteile sichere Ouellenzilate zur Verfügung, doch wird die Ge- 



168 

schichte dadurch noch nicht glaubwürdiger. Seil Menschengedenken 
werden feindliche Scharen im Lande von den Einwohnern nicht anders 
als „Räuber" und „Barbaren" benamset, und werden ihnen die ärgsten 
Schändlichkeiten zugeschrieben. Nach französischen Zeitungsstimmen 
wäre auch der deutsche Feldzug 1870-71 von den Nackommen für 
nichts anderes, als für einen schändlichen Einfall eines räuberischen 
Barbarenvolkes zu halten. Die alt3n Chronisten sind aber die Zeitungs- 
schreiber ihrer Zeit. In ihren Schriften spiegell sich lediglich die mo- 
mentane Anschauung ihrer Umgebung wieder, und das Urteil des 
Augenblicks ist immer von Nebenumständen beeinflusst, daher natur- 
gemäss und notwendig parteiisch. Erst die ferne, nachkommende Zeit 
soll und kann aufklärend wirken und ein objektives Urteil fällen, d. h. 
die Aussage beider Teile anhören und prüfen. Krieg ist Krieg. Warum 
soll das feindliche Unlernehmen des römischen Kaisers ein „Kriegs- 
zug", das seines Gegners aber ein „Raubzug" genannt werden? Höch- 
stens vielleicht vom patriotischen Standpunkte. Ein solcher müsste 
aber dann eine allseitige Geltung haben ! Doch da setzen erst die 
Schwierigkeiten voll ein. Die „Barbaren" des Altertums wie des Mittel- 
alters haben nichts Schriltliches hinterlassen, daher die Berichterstat- 
tung immer durchwegs einseitig, somit gefärbt oder gefälscht ist. 

Die Aufgabe der ernsten Forschung liegt nun darin, Mittel und 
Wege zu suchen, trotz der einseiligen Beleuchtung den wahren Sach- 
verhalt ans Licht zu bringen. Wie da beiläufig vorzugehen ist, hiefür 
bietet uns der Autor in der vorliegenden Arbeit eine vorbildliche 
Probe. Dass dabei links und rechts noch eine Menge anderer Fragen 
und Zweifel noch ungelöst bleiben, ist natürlich; man kann eben nichi 
an allen Punkten zugleich Vor- und Mitkämpfer sein. — 



IV. Die Evangelienhandschrift zu Cividale 
(Cedad, Italien). 

Mitgeteilt von F. V. Sasinek. 

C. L. Bethmann beschrieb im „Neuen Archiv der Gesellschaft 
für ältere deutsche Geschichtskunde" (187G, 11. 113//) eine hochwich- 
tige lateinische Evangelienhandschrift, die gegenwärtig im Archiv des 
Kapitels von Cividale verwahrt wird. Dieser Pergamentkodex wurde 
im V. oder VI. Jahrhunderte irgendwo in Oberitalien geschrieben, 
kam bald nach dem Tode des Patriarchen Paulinus (t 80^) nach Aqui- 
leja und blieb in einem dortigen Kloster bis ins XVL Jahrhundert, wo 
die Kanoniker von Aquileja ihre Schätze wegen der beständigen 



Iti9 

Kriegsgefahr dar Stadt Cividale zur Aufbewalirung übergaben.') Der 
Glaube, die sieben Ouaternionen des Evangeliums Marci seien des 
Evangelisten Autograph, war Ursache, dass zwei derselben 1354 dem 
Kaiser Carl IV., der Rest 1420 der Republik Venedig geschenkt wur- 
den; die ersleren befinden sich noch jetzt in gutem Zustande im 
Prager Metropolitanarchiv, die letzteren aber wurden im Schatz von 
San Marco durch den Einfluss von Feuchtigkeit zu einem unförm- 
lichen Pergamentklumpen. 

Den Hauptwort der Handschrift bilden zahlreiche longobardische 
und slavische Namen, welche von verschiedenen Händen am Rande 
eingeschrieben sind. Es sind Namen von Pilgern und Reisenden, „qui 
vencmnt in isto monastcrio" und auch anderer Personen, welche teils 
von den Pilgern selbst, teils auf deren Wunsch von den Mönchen 
aufgezeichnet wurden. 

Bethmann bemerkt, der Schrift nach sei kein Name älter als 
das Ende des VIIl. Oahrhundertes, keiner jünger als das Ende des 
X. Jahrhundertes. Historische Personen fand er darunter nur wenige ; 
so Kaiser Ludwig II. und Ingelberga (nach 850), Bischof Dominik von 
Olivolo (um 86S), Kaiser Carl den Dicken (880-888J, und den Bul- 
garenfürsten Michael (t 89S). 

Unter den slavischen Namen, für deren vollständige Publizierung 
die slavische Geschichtsforschung Herrn Bethmann zu grossem Danke 
verpflichtet ist, lässt sich aber ausser dem Bulgarenfürsten Michael 
(Boris) eine viel bedeutendere Anzahl von historischen Personen 
sicherstellen. Wh" wollen auf die wichtigsten derselben aufmerksam 
machen. 

Sehr wertvoll ist die Notiz /, 3 und 4: 

„De Bolgaria, qui primus venit in isto monasterio, nomen eius 
Sondoke et uxor eins Anna, et pater Johannes et niater eius Maria, et 
fiiius . . Mihael et alius filius eius Uuelecneo (wohl Velegnev), et filia 
eius Bogomilla et alia Kalia et tercia Mar(tha et quarta) Elena et quinta 
Maria. Et alia uxor eius Sogesclaua (Sobeslava?). Et alius homo bonus 
Petrus . . . et Georius . ." 

„Petrus et uxor eius Sofia." 

„Hie sunt nomina de Bolgaria. Inprimus rex illorum Michahel et 

f rater eius Dox et alius f rater eius Gabriel, et uxor eius Maria et jilius 

eius Rasdte (Chrisata ?) et alius Gabriel et tercius filius Sinieon et quar- 

his Jilias Jacob, et Jilia eius dei ancella Praxi (Eupraxia ?) ei alia j'ilio 

eius Anna." 

„Zergobula f . . ■ las." 

^) Cuf. Migne: Patrol. lat. tomo 99. pag. 537, Cividale, Civitas Austriac, 
Forumjulii. 



170 

Dass in dem Evangelium von Cividale der Name eines Bulgaren- 
königs verzeichnet ist, wusste man schon aus della Torres Beschrei- 
bung dieses Kodex (Bianchini, Evangelium qiiadruplex 1749), aber della 
Torre las denselben Georg, wodurch man in grosse Schwierigkeiten 
geriet, da die altbulgarische Geschichte einen König dieses Namens 
nicht kennt. Bethmann klärte diesen Widerspruch auf: „der Name 
Georg," bemerkte er, „stand schon früher da, und der diese Notiz 
und die auf der folgenden Seite aufzeichnete, schrieb um diesen 
Namen herum." Der Name Michael steht liefer unten und ein Zeichen 
deutet an, wohin er gehört. 

Auf den hohen Wert dieser Notiz für die Genealogie der ältesten 
bulgarischen Dynastie hat bereits Professor Jagic in seinem Archiv 
für slavische Philologie II. 1. Berlin 1876, S. 171 u. 172 aufmerksam 
gemacht. Bemerkenswert ist der Umstand, dass unter den Söhnen 
Michaels wohl der nachmalige Cesar Simeon (t 927), aber keines- 
wegs dessen Bruder, Fürst Vladimir genannt wird. 

Die ganze Aufzeichnung möchte ich in das 3ahr 869 versetzen. 
In diesem Jahre nämlich reiste der Boljare Peter als Gesandter des 
Fürsten Michael zum Papste nach Rom. Die Notiz im Evangelium 
nennt nicht nur Peter selbst, sondern auch noch die Namen Sondoke 
und Zergobula. Nach Bulgarien zurückgekehrt, wurde Peter mit den 
beiden' genannten Boljaren sogleich nach Kontantinopel zum Konzil 
gesandt, welches daselbst am 3. März 870 zusammentrat. Einige Jahre 
später (879) schrieb Papst Johannes VIll. an Petrus und die mäch- 
tigen Boljaren Cerbula und Sundicus, um dieselben für die Vereini- 
gung Bulgariens mit Rom geneigt zu machen.-) 

Bisher war bekannt, dass die beiden im Briefe des Papstes 
Johannes Vlll. genannten Vornehmen mit jenen identisch seien, die 
Peter nach Konstantinopel begleiteten. Die Marginalnote des Evan- 
geliums von Cividale zeigt nun, dass sie auch an der Gesandtschafts- 
reise Peters nach Rom teilgenommen haben. Wir kennen nun die 
ständigen Diplomaten des Fürsten Michael: Petrus, Sondoke, Zergo- 
bula. 

Wahrscheinlich Hess Sondoke sich und die übrigen einzeichnen, 
da die Notiz über seine Familie die ausgiebigste ist. 

F. 4' liest man : „sziienticpiilc. szuentczizna. prcdezlaus." Es ist 
dies der bekannte Fürst von Grossmähren, Svatopluk oder Svetepik. 
Den Namen seiner Gemahlin kannten wir bisher nur aus einer schad- 
haften Stelle des Salzburger Verbrüderungsbuches \im . . iiizna Cf. Dr. 

-) Cuf. Assemani Calendaria eccl. univ. II., 270, Slovensky Letopis V,, 32. 



171 



Herrn. Direcek, Slovanske pravo I. 58 nach Karajans Edition.) In der 
Cividaler Handschrift tritt derselbe in seiner vollständigen Gestalt an 
den Tag : Svetezizna,^] Der mit gleicher Hand verzeichnete Predeslav 
lässt sich nicht näher sicherstellen. 

Die Bemerkung, welche Girecek über den Predeslav macht, ist 
zwar korrekt, allein in einer dunklen Geschichte, wo keinesfalls feste 
Wahrheit erreicht werden kann, ist eine weitere Kombination gestattet, 
um wenigstens Wahrscheinlichkeit aufzustellen. 

Es scheint ganz analogisch und natürlich zu sein, dass nach 
dem Namen des Vaters und der Mutter der Name des Sohnes folge: 
ist es daher nicht möglich, dass wir hier im Predeslav den Sohn des 
Svatopluk I. haben? Da Kaiser Konslanlinos Porphyrogenetes so deut- 
lich von dessen drei Söhnen spricht, und wir bis jetzt nur dessen zwei 
Söhne, Mojmir II. und Svatopluk 11. kennen, so ist es ganz wahr- 
scheinlich, dass Predeslav sein dritter, ohne Zweifel der älteste Sohn 
Svatopluks I. war. 

Die Annales Fuldenses erwähnen zwar nur die zwei Söhne Moj- 
mir II. und Svatopluk, sagen aber nirgends, dass er nur diese zwei 
Söhne hatte ; sie nennen diese zwei Söhne nur gelegentlich, indem 
sie die Zwistigkeiten zwischen diesen zweien beschreiben : ist es 
nicht möglich zu denken, dass gerade der Tod des ältesten Sohnes 
den Zankapfel unter die jüngeren Söhne geworfen hat? Svatopluk hat, 
wie uns Kaiser Konslanlinos Porph. versichert, sein Reich unter seine 
drei Söhne verteilt, den ältesten zum Grossfürsten ernannt, so dass 
ihm die zwei jüngeren gehorchen sollten. Nach dem Tode des Vaters 
(894) herrschte einjährige Eintracht unter ihnen, es muss folglich im 
3ahre 895 der älteste Sohn noch am Leben gewesen sein. Die Zwie- 
tracht zwischen Mojmir II. und Svatopluk II. brach im folgenden jähre 
(896) aus ; folglich starb der älteste Sohn in diesem nun angegebenen 
jähre, so dass die am Leben gebliebenen jüngeren Brüder, Mojmir II. 
und Svatopluk II. von seiner Oberherrschaft befreit wurden. War Moj- 
mir II. älter als Svatopluk IL, so meinte er ganz recht, dass nach 
dem Tode des ältesten Bruders (Predeslav) ihm die Oberherrschaft 
zukomme; aber Svatopluk IL wollte sich dazu nicht verstehen. 

Die zweite Ursache des Zwistes kann das posthume Teilfürsten- 
tum Predeslavs gewesen sein. Svatopluk IL dachte, dass das posthume 
Teilfürstentum zwischen ihm und Mojmir IL geteilt werde; aber die- 
ser behauptete, dass nach dem Tode des Grossherzogs (Predeslav) 
ihm sein Teilfürstentum samt der Oberherrschaft zugefallen ist, Sva- 
topluk aber mit seinem Teilfürstentum zufrieden sein solle. 

^) »Svetozizna« kann aber auch »frommlebend« bedeuten und ein Attribut 
im Accusativ zu »szventiepulc« sein. 



172 

Wo das Teilfürslenlum des Grossfürsten (Predeslav) gelegen war, 
das ist schwer zu ahnen. Meiner Meinung nach war es die Siovakei, 
um welche zwischen Mojmir 11. (in Pannonien) und Svalopluk 11. (in 
Mähren und Schlesien) gestritten wurde: aber inter duos litigantes ter- 
tiiis gaiidct. Die Polen rissen die Siovakei an sich.*) 

In derselben jMeinung werde ich bekräftigt, da ich in einem 
ungarischen Diplome des XIII. üahrhundertes statt Pressburg Porozlo 
finde. Wer die magyarische Verunglimpfung der Eigennamen kennt, 
wird wohl wissen, dass das Poroslo oder Porosz!J aus Pcrcslava oder 
Prcdslava entstanden sei. Kann also nicht angenommen werden, dass 
Pressburg oder Prcslava und Predslava ihre Entstehung und Benen- 
nung dem Prcdslüv, der hier seinen oberfürstlichen Sitz halte, zu ver- 
danken habe? 

Die zweite Bemerkung auf die oben angeführte Marginalnote 
drängt uns zu der Frage: Ob Svatopluk mit seiner Gemahlin und sei- 
nem Sohne Predeslav in Aquileja gewesen? Ist es der Fall, so ent- 
steht daraus die weitere Frage : Wann ? und die dritte : Ob Svatopluk 
auf der Durchreise nach Rom die Stadt Aquileja besuchte? 

Die erste Frage ist leicht zu bejahen, da es in dem genannten 
Kodex steht, dass die dort angegebenen Namen derjenigen sind, qui 
venerunt in isfo monasierio. 

Schwieriger ist die Beantwortung der zweiten Frage. Die Reise 
Svatopluks 1. nach Aquileja muss dem Jahre 885 nachgesetzt werden, 
in welchem er Pannonien eroberte, und so in die Nachbarschaft des 
Aquileja-Patriarchates kam. Es muss dies jedoch vor dem Gahre 393 
geschehen sein, da Wiching in diesem Jahre schon Kanzler Arnulfs 
geworden ist. Fragt man m.ich: Wie komme hier Wiching in eine 
Kombination? Darauf antworte ich, dass man die Geschichte jener 
Zeit ohne kirchliche Geschichte nicht lösen, und sich diese ohne 
Wiching kaum denken kann. 

Als Svatopluk Pamonien erobert hatte, wollte er die Jurisdiktion 
des Salzburger Erzbischofes und des Passauer Bischofes, sowie auch 
ihre Klerisei daselbst nicht dulden ; die von denselben verfolgte gla- 
golitische Liturgie lebte wieder auf und Wiching gab dem König Svato- 
pluk 1. den Rat, ein Erzbistum im Slavenland, d. i. in Pannonien, ) zu 
errichten,-) eigentlich das ehemalige glagolitische Erzbistum Lorch zu 

') Cuius rcgnum filii eins parvo tempore, sed minus felicit^r tcnueiunt, 
partim Ungaris illud diripientibus, partim Teutonicis orientalibus, partim Polo- 
niensibus ■^clotsniis host'litRr depopulantibus. Cosmas ad an. 894, 

"*) In den damaligen Quellen wird Pannonien auch Sclavia und Magna Mo- 
ravia genannt. 

'') Hie (Wichingus) Laureacensem Ecclesiam pressit, volens provinciam divi- 
dcre et auxilio Suentibaldi Regis Moravarum in Sclavia melropolim suscitare. 
Catalogus Cremifan. 



erneuern. Es ist also ganz wahrscheinlich, dass Svatopiuk I. nicht 
nur eine Reise nach Aquileja, sondern auch nach Rom, von V>/iching 
begleitet, unternommen hat. 

Warum hätte er nach Aquileja reisen müssen? Die untere Pan- 
nonia gehörte vormals zum aquilejischen Patriarchate und wurde dann 
vom Kaiser Karl von demselben gelrennt und dem neuerrichteten 
Salzburger lateinischen Erzbistume unlerstellt. Papst Adrian II. hat 
sie dann vom Salzburger Erzbistume getrennt, für dieselbe ein Erz- 
bistum zu Gran (?) errichtet und dieses dem hl. Methodios übergeben. 
Nach dem Tode Kocels |874) wurde der Graner erzbischöfliche Stuhl 
des hl. Methodios nach Velehrad verlegt. Als Svatopiuk I. Pannonien 
eroberte und in demselben die slavische (glagolihsche) Liturgie und 
Hierarchie belebei wollte, da stand zu erwarten, dass der Patriarch 
zu Aquileja sein ursprüngliches Recht auf das untere Pannonien be- 
anspruchen könnte,') darum reiste Svatopiuk I. zuerst nach Aquileja, 
um dessen Zustimmung zur Erneuerung des pannonischen Erzbistums 
zj gewinnen und sich mit demselben über die beiderseitigen Grenzen 
zu besprechen ; dann nach Rom, um vom Papste die Errichtung eines 
pannonischen Erzbistums oder die Erneuerung der zwei glagolitischen 
Erzbistümer, Lorch und Gran, zu erbitten. 

Wann Svatopiuk I. in Aquileja gewesen sei, lässt sich vermuten, 
dass es im Jahre 888 gewesen ist, denn eben die Verhandlung 
mit dem aquilejischen Patriarchen gab dem Salzburger Erzbischof die 
Veranlassung, den König Arnulf zu bitten, dass er ihm die Besitzun- 
gen im unteren Pannonien privilegialisch bestätige,-) um gegen Schmä- 
lerung seiner Diözese protestieren zu können. 

Ob Svatopiuk I. von Aquileja eine Reise nach Rom unternommen, 
kann nicht festgestellt werden, obwohl die Ruhe, die er in seinem 
Reiche während dieser Zeit genossen, dazu günstig, und die Wichtig- 
keit der kirchlichen Angelegenheit, die in Rom entschieden werden 
sollte, dazu ratsam gewesen ist. War er jedoch persönlich nicht in 
Rom, so hatte er seine Vertreter dorthin abgeschickt, um die Erneu- 
erung der slavischen Hierarchie durchzuführen. Haben die Verhand- 
lungen unter dem Papste Stephan V. (t 889) keinen günstigen Erfolg 
erzielt, so haben sie gewiss bei seinem Nachfolger Formosus Gehör 
gefunden; denn es heisst: eine Hand wäscht die andere. Formosus 
bat Svatopiuk I., dass er den König Arnulf zum Einmärsche nach 



') Das aquilejische Patriarchat hatte eine nichtrömische (j^lhgoHsche) Litur- 
gie. Migne: PatroL lat. tomo 99, pag. 679—682. 
-) Slovensky Letopis, V., 290. 



174 

Rom berede; und eben dieses deutet genug an, dass Svatopluk I. 
bei dem Papste in Gunst stand. Italienische Unrulien und dann der 
Tod Svatopluks 1. (8%) verhinderten die Ausführung der Verhand- 
lungen. Erst unter Mojmir II., und das nur in Ober-Pannonien, wurde 
die slavische (glagolitische) Hierarchie erneuert. 



V. Eine kroatische Chronik aus dem XI. Jahr- 
hunderte. 

Mitgeteilt von Dr. Fr. Pfikryl. 

Der Richter (knez) Papalic von Poljice fand um die Wende des 
XV. Oahrhundertes im Dorfe Markovic, das man in die Umgebung 
von Bar (Antivari) verlegt, eine alte kroatische Chronik, und fertigte 
für den damals berühmten Schriftsteller Marko Marulic Splitjanin (von 
Spalato) eine Abschrift an ; dieser hingegen übertrug die Chronik im 
Jahre 1510 in die lateinische Sprache, die im Jahre 16G6 in Frank- 
furt a M. abgedruckt wurde. 

Später schrieb den kroatischen Originaltext auch noch Jerolim 
Kaletic — augenscheinlich ein Priester — ab. Wir erfahren dies aus 
dem von ihm der Chronik beigefügten Schlusspassus, wo er sagt: 
„Herr Papalic fand diese Schrift im Gebiete von Markovic in einem 
alten, mit kroatischen Buchstaben geschriebenen Buche, welche 
der genannte Herr Wort für Wort abschrieb. Ich, Jerolim Kaletic, 
habe dies auch aus dem erwähnten Buche am 7. Oktober 1546 in 
Omis (Almissa) abgeschrieben. Gott sei Dank!" — 

Kaletic übergab nun diese Abschrift dem Ivan Lucic, dem wir 
es zu danken haben, dass dieses wertvolle Zeugnis der altkroatischen 
Sprache überhaupt erhalten blieb, denn er nahm diese Kopie zugleich 
mit einer lateinischen Übersetzung sowie anderen alten historischen 
Schriften anlässlich einer Reise nach Rom mit, wo er auch später 
starb. Die Chronik befindet sich nämlich seither in der vatikanischen 
Bibliothek (unter Nr. 7019); wie sie dahin gelangte, ist unbekannt, 
vermutlich aber als Lucic' Vermächtnis. 

Die Criginalchronik, die also in kroatischer (illyrischer), daher 
glagolitischer, nicht aber etwa in serbischer also cyrilli- 
scher Schrift verfasst war, denn diesen Unterschied wird Kaletic 
(um die Mitte des XVI. Jahrhundertes) wohl gekannt haben, wird 
allgemein dem Popen Dukljanin (Presbyter Diokleas aus Dioklea, 



17; 



d. i. Duklja bei Podgorica, Montenegro) zugeschrieben, der daselbst 
in der Zeit von 1150-1200 im Kloster lebte. Von ihm stammt näm- 
lich eine Chronik, die bis auf Kleinigkeiten dem Inhalte der unseren 
ähnlich ist, und die Dukljanin selbst über Anregung einiger geist- 
licher Würdenträger und Bürger aus der kroatischen Sprache („ex 
sclavonica littcni) übertragen haben soll. Wahrscheinlich ist es daher, 
dass die Originalchronik gar nicht "von Dukljanin herrührt, sondern 
dass auch ihm schon eine ältere Chronik vorlag. Diese Annahme 
lässt sich damit begründen, dass die alte Chronik schon mit dem 
Könige Zvonimir (t 1095) abschliesst, während die Übersetzung oder 
die lateinische Chronik Dukljanins noch weitere Könige bis zum Oahre 
1180 anführt; derselbe Verfasser wird daher kaum solche Inhalts- 
differenzen schaffen. Dass aber die lateinische Chronik in Kleinig- 
keiten vielfach abweicht, rührt daher, weil Dukljanin eben bei der 
Transkription hinzu gab, was er abweichend erzählen hörte, denn 
er fügt dies auch mit dem Zusätze bei : „qiiae a Patribus nostris ei 
antiqiiis senioribiis veridica narratione referre aiidivi." 

Die Altersechtheit dieser Chronik wurde bisher von niemandem 
angezweifelt. Sie stammt zweifellos aus jener Zeit, mit der sie 
historisch abschliesst, also kurz nach dem Tode des Königs 
Zvonimir (1095), welches Ereignis der Chronist sogar schon in das 
Gahr 1079 verlegt. Wäre diese Chronik jünger, so hätte sie der Ver- 
fasser, wie es allgemein Gebrauch war, auch mit der Anführung der 
weiteren Regenten abgeschlossen ; etwas anderes wäre es freilich, 
wenn der Chronist durch eine vis major unterbrochen worden wäre, 
was aber aus allem nicht hervorgehl. 

Die Handschrift wurde erst wieder von Palacky (183G) in Rom 
entdeckt und in der Abschrift nach Prag gebracht ; Stanko Vraz ver- 
mittelte hingegen wieder eine Kopie hievon von Prag nach Agram. 
Vor dem ersten Abdrucke im „Arkiv za povjestnicu jugoslavensku" 
(„Archiv für südslavische Geschichte"), Agram 1851, wurde sie noch- 
mals verglichen, so dass diese erste kroatische Veröffentlichung als 
mit dem Urtexte, aus dem Dukljanin auch die lateinische Übersetzung 
schuf, identisch angesehen werden kann. 

Man hat nun allgemein dieser Chronik eine sehr oberflächliche 
geschichtliche Akribie, viele Fehler und Verwechslungen von Namen, 
Begebnissen und Zeitangaben, lächerliche Anachronismen u. ä. vor- 
geworfen. Wer sie nicht cum grano salis nimmt, kommt allerdings 
leicht zu solchem Urleile ; wer sich aber in die Situation und Tendenz 
des Verfassers hineinzudenken vermag und für modifizierende Um- 
stände aufnahmsfähig ist, wird sie wohl höher bewerten, denn unsere 



176 

voreiligen Urleile üoer die Oberflächlichkeit und Unverlässlichkeit des 
Inhaltes der alten Chroniken werden in demselben Verhältnisse un- 
haltbarer, je tiefer sie durchforscht werden, denn ihr Wert ruht oft 
mehr zwischen, als in der Zeile. 

Der Ausgangspunkt der Chronik ist hier das Jahr 357 n. Chr., 
die Zeit des Erscheinens der Goten auf dem Balkan. Dass nun der 
Chronist nach Aufzählung einiger Könige und nebelhafter Ereignisse 
gleich auf den Slavenapostel „Koslanc" (Cyrill) kommt, ist doch nahe- 
liegend, denn er wusste einmal über dieses Zeitinterkaiare Weiteres 
nicht zu erzählen, und seine Tendenz war doch vor allem, die da- 
maligen kirchlichen Verhältnisse zu schildern ; und diese Details sind 
sicher aufrichtig erzählt und geschichtlich unanfechtbar; ja man erfährt 
darin so manches, was bisher noch nicht bekannt war. 

Für uns sind aber gerade jene Details besonders wertvoll, die 
der Chronist unbewusst hineinlegte, denn die allgemeine Geschichte 
jener Zeit ist uns tatsächlich aus anderen Quellen weit verlässlicher 
bekannt. Hiezu gehört, nebst den vielen sprachlichen Bereicherungen, 
die Schilderung der Völkerwanderung, d. h. er fasst diese genau so 
auf, wie sie natürlich aufzufassen ist, wonach es sich dabei tatsäch- 
lich nur um Kriegszüge mit einem grossen Tross handelt, und nie- 
mals um den vollen Domizilwechsel eines ganzen Volkes. 

Diese stets so stiefmütterlich behandelte und wissenschaftlich 
als belanglos angesehene Chronik verdiente es daher längst gründ- 
lich durchstudiert zu werden, und sei hiemit von dem Versäumten 
etwas nachgeholt. — Viele bisher unverstandene Stellen erhallen hier 
eine auf die neue Sprachforschung aufgebaute Deutung ; etliche Punkte 
bleiben jedoch noch weiterhin unklar oder zweifelhaft. — Eine Über- 
tragung dieser Chronik ins Deutsche ist unseres Wissens bisher über- 
haupt nicht erfolgt. 

Anschliessend wird eine kurze Textprobe geboten, welche zeigt, 
wie die kroatische Sprache vor etwa 700 800 Jahren aussah, und 
darlegt, dass sich da noch fast gar keine fremdsprachigen Einflüsse 
geltend machten. — Die Chronik beginnt folgend : 

„ Vime boga sfemaguchiega tvorca ncha i zemglic Chmgliuiuchi 
cesar vgradi basiligi Cesarstva viirime v c/iosc bilui prosfitlilij b/axeni miixP) 
jerman Biskup : J pristoglia chapitulschoga : i pristoglia chamixie scilii 
bischup i tolikogic poctuanj i blazeni miix bencdijch Blixu göre cicilian- 
sche pribivasse Na lit gospodignich trist a i pedeset i sedam." — 

') Das »X« (muzi) bedeutet schon im Oskischen ein »2« (mitunter »c«) und hat 
in lateinischen, dem Slavischen entstammenden Begriffen a.uch immer diese Be- 
wertung. 



177 

Verdeutschung der ChroniK. 

„Im Namen des allmächtigen Golles, des Schöpfers des Himmels 
und der Erde ! 

Als in der Stadt Basilea-) ein Kaiser regierte, zur Zeit des Kai- 
sertums, da erglänzten die seligen Männer üerman, Bischof, Kapitel- 
beisitzer und Thronassistent in Kamizija auf Sizilien, und der hoch- 
verehrte selige Mann Benedik, welcher unweit des sizilianischen 
Berges") lebte. Es war im Oahre des Herrn 357. Damals erschien 
irgendein Volk, das sich „Goti" nannte, mit einer Menge von Leuten 
von Osten her, hart und furchtbar, ohne Gesetze, beinahe wild. 

Diesen Leuten standen drei Brüder als Herren vor, die Söhne 
des Königs Sviholad waren. Diese Brüder hiessen: der erste Bris,') 
der zweite Totila, der dritte Stroil. Als deren Vater starb, nahm Bris 
als der älteste den Thron und des Vaters Stelle ein und begann zu 
regieren. Totila und Stroil beratschlagten daraufhin folgendes : denken 
wir daran, wie wir mit des Bruders Hilfe, des Königs Bris, auch zur 
Herrschaft und hohem Namen gelangen könnten. Und so sammelten 
sie mit Rat und Willen ihres königlichen Bruders Bris ein grosses 
Heer und zogen aus ihrer Heimat aus.) 

Sie gelangten vorerst in das Königreich Ugarsko,') schlugen den 
König und übernahmen das Königreich. Hierauf zogen sie weiter und 
gelangten mit einer grossen Heeresmacht in das Gebiet Tarnovina.") 

-J Der Schreiber stand wohl unter dem griechisch-religiösen Einflüsse, als 
er für Konstantinopel »Basilea« also Königsstadt {»basileus«) schrieb, denn 
später schreibt er wieder »Cesargrad«, also Kaiserstadt. 

'■') Kloster Monte Cassino (Unteritalien) auf einem 519 m hohen, stei- 
len Berge, 

■) Im lat. Texte: Brus; der eine las das »y& glagolitisch, also als »i«, der 
andere Translator cyrillisch, daher als »u«, 

^) Aus dieser Stelle geht klar hervor, dass es sich um keine Wanderung der 
Goten als Volk handelt, sondern nur um die Krieger mit ihrem üblichen Tross. 
Wäre das Volk ausgewandert, so blieb Bris ohne Untertanen; die Brüder 
wollten aber in ihrem Ehrgeize eben auch irgendwo zu einer Herrsoherwürde kom- 
men. — Der aufmerksame Leser wird in der Folge konsequent finden, dass von 
einer »Völkerwanderung« hier keine Rede sein kann. Überdies erwähnt »Igors 
Lied« die Goten noch immer als die Bewohner am Schwarzen Meere zu Ende des 
12. Jahrhundertes, 

*^) »Ugarsko« ^ Ungarn, 

') »Tarnovina« (in der lat. Handschrift »Tempiana«] dürfte in Kroatien oder 
im heutigen slovenischen Gebiete (»Trnowaner Wald«?) zu suchen sein. Im mo- 
aernen Sinne gesprochen zogen die Goten daher vom Schwarzen Meere längs der 
Donau durch das südliche Ungarn, dann Kroatien gegen Istrien oder Dalmatien, — 
Dass diese »Goten« übrigens Slaven waren, bemerkt schon Duklianin, denn in der 
lateinischen Chronik sagt er ausdrücklich: »libeilus Gotorum, id est Slavo- 
r u m.« — 

12 



178 

Als dies der dalmaMnische König, der im glänzenden und grossen 
Solin -) sass, vernommen, sandle er Bolen und Schreiben an den 
König von Islrien, er möge rasch alle seine Macht sammeln, damit 
sie gemeinsam gegen die oben Erwähnten ziehen und sie mit ihren 
Streitkräften vereinigt zurückweisen. Die beiden zogen nun grosse 
Heeresmassen zusammen. Schon standen beide zusammen mit ihren 
Heeren und rückten gegen die zahlreichen Streitkräfte der Goten vor, 
nächst und ihnen gegenüberstehend. Durch acht Tage scharmützelten") 
sie täglich untereinander im Grossen auf der einen, und nur mit ei- 
nem kleinen Teile der Ritter und tapfersten Männer auf der anderen 
Seite; sie schlugen sich jedoch sehr grimmig und unbarmherzig, weil 
sie zunächst der beiderseitigen Lager standen. — Erst am achten 
Tage griffen die Christen wie die Heiden zu den Waffen, machten 
sich auf zum Kampfe und begannen an diesem achten Tage die (ei- 
gentliche) Schlacht untereinander. Seit dem Morgenanbruche dauerte 
der Kampf und noch über den Abend hinaus ; man schlug sich im 
grimmigen und rücksichtslosen Streite in gleichem Kampfe unter sich, 
mit einer Menge von Gefallenen auf beiden Seiten, ohne bis zu die- 
sem Augenblicke zu erkennen, wer erfolgreicher kämpft ; niemand 
wich mehr von seiner Seite, und es war wahrzunehmen, dass der 
Hauptkampf begonnen, nachdem auf der einen wie anderen Seite die 
Stellen der Toten stets Lebende ersetzten. — Doch zu einer Zeit, die 
niemand ahnte, wurde nach dem Willen desjenigen, dem niemand 
seine Handlungsweise vorhalten kann, u. zw. einer Sünde wegen, 
die damals auf den Christen lastete, ohne Ausnahme die christliche 
Partei geschlagen ; der König von Istrien fiel ; viele Tausende von 
Christen wurden nach der Gefangennahme durch das Schwert hin- 
gerichtet; viele Kroaten^") wurden erschlagen; nur der König von 
Dalmatien, mit etlichen Rittern tötlich verwundet, wurde in die berühmte 
und prächtige Stadt Solin gebracht, in welcher durch viele Tage all- 
gemeine Klage und unaussprechlicher Kummer war. 

Daraufhin wuchs die Macht und das Heer Totilas sowie dessen 
Bruders Stroil mit jedem Tage; mit jedem Tage wuchs infolge ihrer 
wunderbaren Gesetze die Macht und das Heer. Als sie sahen, dass 

*] »Solin«, heute eine Marklgemeinde näciist Spalato, ist der slavischc Name 
für S a 1 o n a. 

") Wir erfahren hier zum erstenmale, dass das deutsche Wort »Scharmützeln« 
ein slavisches ist, das in der Chronik »skaramucati« lautet; die richtige Etymo- 
logie ist wohl »skoramucati«, aus »skorati« und »mucati« d, h. bedrängen und 
quälen, welche militärische Handlung doch darin besteht, den Gegner durch 
fortgesetztes Beunruhigen zu quälen, müde oder apathisch zu machen. 

*") Die Unterscheidung zwischen Christen und Kroaten fällt hier auf; 
es werden da ethnographische Begriffe mit den Religionsbekenntnissen vermengt. 



174 

durch die Ordnung die Heeresmachl zunimmt, riefen sie die Anführer") 
und Vorsieher zusammen, hielten eine Beratung und einigten sich zu 
dem Entschlüsse, die beiden Heere zu teilen. Sie vereinbarten darauf 
alles, was die Heiden einnehmen sollten, um es zu zerstören und zu 
verbrennen, damit die Leute keine Ursache hatten, zu den ihrigen 
heimzukehren. 

Totila nahm nun sein Heer, ging und zerstörte Istrien und Aqui- 
leja, zog wie ein Blitz, die Städte sengend und vernichtend, und er- 
reichte Italien im Jahre des Herrn 378, sich in schwere und harte 
Kämpfe mit den Latinern einlassend. Niemand und nirgends stellte 
sich jemand entgegen, da es einmal Gottes Wille war. Er wandte sich 
nun nach Sizilien, nachdem er in Italien viele Städte eingenommen, 
niedergebrannt und verwüstet hatte, und zog auf die Insel Sizilien. 
Von da an lebte er nur mehr eine kurze Zeit und fand dort sein 
Ende, wie es ihm der Diener Gottes, Benedik, voraussagte/-) 

") »Baruni«, richtiger »varuni« sind die Führer, Beschützer des Vol- 
kes; im Mittellateinischen »baro«, im Deutschen »Baron«. — Der Originaltext 
hat viel unnütze Wiederholungen, die jedoch in der Obersetztmg beibehalten wer- 
den mußten, 

'-) Hier ergeben sich im Vergleiche zur gangbaren Geschichte bedeutende 
Widersprüche, denn die Hauptperson heißt hier »Totila« statt »Alaric«, und die 
Zeitdifferenz weicht um 32 Jahre ab, da letzterer nicht i. J. 378 sondern 410 ge- 
storben sein soll. — Dies läßt sich folgend aufklären: Kann Alaric nicht unter, an- 
derem Gesichtspunkte auch »Totila« geheißen haben "^ Lasen wir doch (S, 65), 
daß König S t j e p a n auch Miroslav, und K r e s i m i r auch M i h a j 1 o hieß, 
je nachdem man den Familien- oder aber den Regentennamen anwendete. — 
Hier muss auch die Aussprache Alarich statt Alaric berichtigt werden, und 
gilt dasselbe für alle älteren Namen auf — ch, da dies die Analogien in der 
Schreibweise der alten Chroniken bestätigen; überdies war Alaric ein Skythe, also 
Slave, — Der bekannte Slavist Miklosic änderte dementsprechend später seinen 
Namen auch in »Miklosich«, vermutlich um ihm eine größere Altersehrwürdigkeit 
beizulegen. — Überdies hieß ein Nachfolger Alaric's in der Lombardei auch: Totila. 
— Was die Jahreszahl betrifft, führt Dukljanin in der lateinischen Handschrift das 
Jahr 378 überhaupt nicht an; der Grund ist unbekannt. Hat aber erst Papalic 
dieses Jahr berechnet, so machte er denselben Fehler — falls das Jahr 410 ab- 
solut richtig ist, was auch noch nicht feststeht, weil der Beginn der nachchristlichen 
Ära kein einheitlicher ist — , wie er sich später bei Zvonimir wiederholt, dessen 
Tod in das Jahr 1079 (statt 1095) verlegt wird. Es wurden nämlich früher die Ka- 
lenderjahre nach den Regierungsjahren und mitunter auch Monaten berechnet. 
So kommt es, daß dem einen Herrscher das Jahr seines Todes (z. B. im Juni) nicht 
mehr zugerechnet wird, dem Nachfolger aber auch nicht, auf welche Art die all- 
gemeine Zeitrechnung gleich um ein ganzes Jahr im Rückstande bleibt. Dasselbe 
gilt für die Monatsberechnung, was bei stetigem Ausfalle durch Jahrhunderte 
auch eine grössere Zahl von Jahren ergeben kann. Die Begebenheiten sind also 
in beiden Fällen historisch richtig, nur die Methode der absoluten Zeitfixierung 
ist eine verschiedene. 

]2* 



180 

Indessen nahm dessen Bruder Stroil mit seinem Heere das 
Königreich lllyrien, d. i. das ganze Gebiet von Valdamia^'^) bis Polo- 
nia ein'^); unter harten Gefechten und rücksichtslosen Kämpfen be- 
siegte er alles, so dass sich auch niemand mehr entgegenstellen 
konnte. Er kam dann nach Bosnien, zog nach Dalmatien und zer- 
störte die Küstenstädte: Dalma/') Narun/') das reiche und schöne 
Solin, sowie die Stadt Skardun.^') Auch viele andere berühmte Städte 
machte er dem Erdboden gleich ; und da ihm dies noch nicht genügte, 
sandte er seinen Sohn, den er früher hatte, damit er unter ihm auch 
ein Heer habe, um das Unterland^') und Zagorsko'") einzunehmen. 
Dieser Sohn hiess : Sviolad.-") Er fertigte diesen mit einem starken 
Heere ab. 

Der Kaiser in der Hauptstadt legte sich aber dies dahin aus, dass 
Stroil seinen Sohn mit einem starken Heere in das Unter- und Ober- 
land ^^) sandte, er selbst aber auf bosnischem Gebiete in Prilinit^^) 
bleibt. Da zog der Kaiser Erkundigungen ein, worauf Stroil sein Heer 
zu teilen aufgab. Als man nämlich die Tatsache erfuhr, erzählte man 
dies dem Kaiser. Dieser sammelte sein Heer und zog gegen Stroil. Als 
letzterer dies wahrnahm, zog er die Seinigen zusammen und setzte 
zum Kampfe an, da er mutigen Herzens, harten Nackens und ein 
feuriger Held war, der sich wie ein gereizter Löwe benahm. Er trug 
schon mehrere Wunden, bis er verblutend und von den Wunden er- 
schöpft, vom Pferde fiel, daher zur Flucht nicht mehr fähig war. Als 
die Seinigen dies bemerkten, wandten sie sich zur Flucht, doch viele 
von ihnen vereinigten sich, begannen sich zu verschanzen und ret- 
teten sich auf diese Weise. Doch das Heer des Kaisers plünderte 
das Land und kehrte reichbeladen nach Cesargrad,'-) stolz auf den 
grossen Ruhm. 



") V a 1 d a m i a, das Gebiet an der Una, 

*'') P o 1 o n i a, vermutlich das Save-Gebiet. 

^■^) D a 1 m a, grosse Ruinen an der Cetina in Dalmatien. 

'") N a r u n, Ruinen an der Narenta nächst Metkovic (Dalmatien). 

'^) S k a r d u n, heute § k r a d i n (Scardona) bei Sibenik (Sebenico). 

"") Unterland (Donja zemlja), d. i. vermutlich das ebene Gebiet bei 
Skadar (Skutari). 

* ') Zagorsko, vermutlich Altserbien. 

"") In der lat. Handschrift: Senudilaus, 

-') P r i 1 i n i t, in der lat. Handschrift »Praevalitana regio«, d. i. das Ge- 
biet von der Narenta bis Albanien. »Praevalitana urbs« war D u k 1 i a (bei Pod- 
gorica). 

-'^) Konstantinopel nannten sonach die Westslaven, die »cesar« (statt >car«) 
sagen: Cesargrad, die Ostslaven: C a r i g r a d. Der türkische Name »Stambul« 
ist augenscheinlich nur eine Kontraktion des Namens »Konstantinopol«. 



181 

Als dies Sviolad, der Sohn Slroils, erfuhr, rrtachle er sich mit 
seinem Heere so rasch als möglich auf, um den Tod seines Vaters 
zu rächen, obschon dies der Kaiser, wie er es war, veranlasste, und 
zog weiter. Als er aber einsah, dass er das Geschehene nicht mehr 
gutmachen könne, besetzte er sein Land und begann an Vaters Statt 
zu herrschen. Dieser Regent hatte einen Sohn, dem er den Namen 
Silimir gab. Sein Königreich bestand aus Bosnien, Valdemia bis Po- 
lonia, dann dem Küstenlande, wie auch das Königreich Zagorje.-') 
Der hier Regierende beging an den Christen grosse Verbrechen, 
Ärgernisse und Ungerechtigkeiten, namentlich an jenen im Küsten- 
lande. 

Im zwölften öahre seiner Regierung starb er und an dessen 
Stelle begann sein Sohn Silimir zu regieren, der, obschon Heide,-*) 
mit allen in Frieden und Eintracht lebte und gleiches Recht übte. Er 
achtete auch die Christen hoch, Hess sie nicht verfolgen und verein- 
barte mit ihnen die Abgaben. So wurde das Land Kroatien wieder 
bedeutend; unter ihm ruhte das Land aus und unter seiner Regierung 
lebten auch die Christen in Ruhe. — Er hatte einen Sohn namens 
Bladin.-') Silimir starb nach einer Regierung von 21 Gahren. Sein 
Sohn Bladin übernahm die Regierung und begann an Vaters Stelle 
so in Ordnung und in der Weise, wie sein Vater Silimir, zu regieren. 
Bladin hatte auch einen Sohn namens Ratimir. Dieser zeigte sich, wie 
es schon aus seinem Gesichte zu entnehmen war, bald als hochmütig 
und ungewöhnlich rauh gegen jedermann. 

Noch als dessen Vater regierte, tauchte irgendein Volk in einer 
Menge ohne Zahl auf, wälzte sich über einen grossen Fluss, den 
man Velija-'^) nennt. Dieses Volk führte auch Frauen und Kinder mit 
wie auch die Kriegsscharen ; sie führten auch alle ihre Habe mit und 
standen unter wunderlichen Gesetzen. Diese besetzten das Königreich 
Senobuja,'') aber sie umgingen allen Kampf. Ihr Oberhaupt war ein 
hochbetagter Mann, den sie ihrer Sprache nach „bare"-") nannten, was 
nach unsrigem „cesar" (Kaiser) gleichkommt. Unter ihm standen neun 



-•') Zagorje heisst auch West-Kroatien, doch dürfte dieses hier nicht ge- 
meint sein. 

■-') Heide, d. i. Anhänger der Arianischen Sekte, die später den Namen 
>'Bogumilen« führte. 

'^) Bladin, richtiger: V 1 a d i n. 

-") V e 1 j a, identisch mit V o 1 g a (nach der lat, Handschrift). 

--) S e n o b u j a, Gebiete in den Volga-Steppen; in der lat. Handschrift: 
provincia »Sylloduxia«, also am Flusse Sula (linker Nebenfluss des Dnjepr). 

-*) Im Russischen »barin«, d. i. Herr, Gebieter. 



182 

„duzi",^") welche die ungeheuren Volksmassen leiteten und im Zaume 
hielten. Sie besetzten dann Sledusia'''') und zogen gegen Macedonien, 
nahmen es ein, sowie das ganze latinische Land, da sich dort die 
Römer aufhielten, die man jetzt „schwarze Latiner" ^^) nennt, mit de- 
nen der Kaiser grosse Streitigkeiten hat, daher mit ihnen, als er sah, 
dass er gegen sie nicht sein könne, Frieden schloss. Oenes Volk 
hält treu an dem Gelöbnis, und so beliessen sie die Latiner in Frieden. 

Als König Bladin das Bewunderungswürdige dieses Volkes und 
dessen grosse Menge sah, wie auch fesstellte, dass es die gleiche 
Sprache spreche, freute er sich darüber sehr ; er suchte eine Gesandt- 
schaft heraus und sandte sie zu ihnen. Diese empfingen die fremde 
Mission sehr gnädig und achtungsvoll. Es blieb beim Frieden, da 
ihnen Bladin Abgaben versprach, wie es auch der Kaiser getan hätte, 
und fügte sich freiwillig zur Steuerleistung. Sie lebten nun freundlich 
zusammen, und dies umsomehr, als sie gleichen Glauben und gleiche 
Sprache hatten.'-) 

Sie lehrten nicht zerstören, sondern begannen Dörfer und Wohn- 
sitze zu bauen und das Zerstörte herzustellen, sowie sie das Land 
festzuhalten lehrten, das sie besetzt hatten. 

Indessen starb der König Bladin ; an seine Stelle trat sein Sohn 
Ratimir und begann zu regieren. Er war ein grosser Feind der 

^^) »Duz«, d. i, Führer, Befehlshaber eines Kreises, Kreisvor- 
sieh e r. Wir erfahren hier zum erstenmale, daß die Begriffe »dux, doge, duc, 
duca« slavischen Ursprungs sind, denn das russische »dugä« ist eben die Be- 
zeichnung für einen Kreis, eine Umkreisung, 

•'") Nach Herodot ein Volk Großskythiens im Räume dei Trajan-Walles 
und Cerna voda gegen Constanza am Schwarzen Meere. 

•'*) Die Römerreste, also die Rumänen, obschon diese der sprachlichen 
Morphologie auch nur latinisierte Slaven sein können. Ob »carni.< hier schwarz 
bedeutet, ist unklar; es kann ursprünglich auch »Nachbar, nachbarlich« bedeutet 
haben. — • 

•'-'] Man wäre hier geneigt an eine buchstäbliche Völkerwanderung zu denken, 
so lange man nicht erwägt, dass es eine mächtige kleinrussische Kriegcrtruppe 
war, die derart imponierend auftrat, dass es weder der Kaiser in Konstantinopcl, 
noch Bladin wagte, ihnen entgegenzutreten und sich sofort auch zur Tributleistung 
bereit erklärten. Es fiel ihnen auch die treffliche Organisation aui; ein Volk, das 
sich voll auf der Wanderung befindet, hätten sie schon, da es sich obendrauf 
zwischen die beiden Herrscher einkeilte, gewiss und mit voraussichtlichem Erfolge- 
angegriffen. Dukljanin nennt sie in der lat. Handschrift; Goftii qui et Sclavi et 
Vulgari. — Da diese »Bulgaren« von den Kroaten gut verstanden wurden, d. n. 
die gleiche Sprache sprachen, ist sonach die noch nicht ganz geschwundene Hy- 
pothese, sie seien finnischen Ursprungs, völlig haltlos. Die ganze Operation be- 
steht in diesem Falle darin, dass die Bulgaren nördlich der Donau lediglich auf 
Eroberung von Gebieten südlich der Donau auszogen; ob sie Ländeigicr oder Über- 
population dazu zwang, entzieht sich der heutigen Beurteilung. 



183 

Christen; er begann ungewöhnlich gegen die Christen zu arbeiten 
und suchte in seinem ganzen Königreiche den christlichen Namen zu 
unterdrücken. Desgleichen zerstörte er viele christliche Städte und 
Ansiedlungen und machte die Christen zu Knechten. Ebenso Hess er 
die oben erwähnten küstenländischen Städte, in denen sich die Land- 
und Stadtbewohner unter dessen Vater, dem König Bladin, gehoben 
haben, zerstören und in die Knechtschaft zu verkehren. Damals be- 
gannen die Christen, sich in solcher Not und Bedrängnis sehend, 
auf den Höhen und Schutzpunkten, die fern von Höhen lagen, Asyle 
herzurichten, um sich auf diese Art zu erhalten, bis Gott verzeiht, die 
heidnische Peitsche aufhebt und so vielem Ungemache gnädig ein 
Ende macht. 

Da starb Ratimir ohne einen Sohn zu hinterlassen. An dessen 
Stelle wurde jemand aus seiner Verwandtschaft gesetzt. Auch dieser 
starb, und seither gab es keine Könige mehr aus dieser Familie, 
welche beide unbarmherzig die Christen verfolgten. 

Nach diesen zweien regierten nacheinander zwei andere, doch 
sie lebten nicht lange nach dem Willen desjenigen, der alles vermag. 
Alle vier waren sehr ungerecht, den Christen feindlich gesinnt und 
hartherzig gegen sie. Sie setzten mit Verfolgungen ein, über die man 
nicht sprechen kann ; sie drangsalierten die Christen, die im Küsten- 
lande wie in Zagorje wohnten ; und da viele Christen dies nicht aus- 
halten konnten und viele vom Ungemach gedrückt waren, traten sie 
zum Heidentume über und nahmen dessen Satzungen an ; jene aber, 
die in Asylen und befestigten Punkten weilten und jenes Elend und 
Ungemach wählten, nahmen die Verfolgungen auf sich, wie es die 
Zeit bringt, statt auf ewig die Seele zu verlieren. 

Aber auch diese erwähnten ungerechten Könige endeten. Es 
blieb zuletzt nur ein Sohn, namens Satimir,^') zurück. Als dieser die 
Regierung antrat, begann er die Christen zu achten ; er Hess sie nicht 
verfolgen, und unter ihm begann der Glaube aufzublühen, die Christen 
traten wieder öffentlich auf und verbargen die fremde Furcht. 

In jener Zeit lebte in der Stadt, namens Tesalonika, ein sehr 
gelehrtei Mann, der Philosoph des Namens Kostanc.^1 Dieser Mann 
war durchaus edel und von gottesfürchHgem Leben; er gaU in jener 
Stadt als ein grosser Meister und als sehr klug ; schon von Kindheit 
an war der Mann heilig und durchdrungen vom Geiste der Welt. Er 

**) Dukljanin nennt ihn in der lat. Handschrift fälschlich: Zvanimirus. 

^^) In der lat. Handschrift: philosophus Constantinus nomine. iKonstanc« oder 
noch richtiger »Kostac«, wie ihn die Chronik benennt, ist sonrich die primäre 
Form, denn erst aus dem südslavischen Vornamen »Kosta« wurde »Konstantin«. 
Auch die Stadt Konstanz hiess ursprünglich »Kostnica«, 



184 

verliess Tesalonika und ging nach Kazarika,'") wo er den Christen- 
glauben predigte und jene, die sich bekehrten, im Namen des Vaters, 
des Sohnes und des hl. Geistes taufte. So bekehrte er ganz Bulgarien 
zum christlichen Glauben. 

Da starb König Satamir. ') Das Königreich übernahm und begann 
zu regieren ein guter, gerechter Mann, namens Budimir, ') den unter 
anderen der genannte heilige Diener und Mann auch bekehrte. Dieser 
König war sehr gebildet; er disputierte so manchen Tag mit Philo- 
sophen, mit deren Kenntnissen er die seinigen vermehrte. Später 
ging er selbst nach Kazarika, wo man ihn freundlich empfing und 
wo man sich seiner Herrschaft freute. Dort wohnte das herrschende 
heilige Volk, das Kostanc bekehrte. 

Der damalige Papst Stipan ■") sandte nun mehrere Schreiben an 
den heiligen Mann Kostanc, rief ihn zu sich, um zu hören, wie er den 
Glauben Christi predige, wie er so viel Volk zum Glauben Christi 
bekehre, und ihn deshalb zu sehen wünschte. — 

Dann sorgte der heilige Mann Kostanc für Priester und kroati- 
sche ■") Bücher; er verdolmetschte aus dem Griechischen die kroati- 
schen Bücher; er verdolmetschte kroatisch die Evangelien sowie alle 
Kirchenepisteln sowohl des alten wie des neuen Testaments. Mit 
päpstlicher Approbation verfasste er Bücher, regelte die Messe und 
befestigte das Land im Glauben Jesu Christi. Nun befolgt er die Bitte 
und begibt sich nach Rom, wohin er unter heiligem Gehorsam be- 
rufen wurde. Der Reisende kehrte dann in das Reich des heiligen 
Volkes, das er zum Glauben bekehrt und das der von Kostanc^") im 
Glauben belehrte weise und gute König Budimir regierte, zurück. Als 
der König von der Rückkehr Kostanc' erfuhr, war er sehr erfreut und 
empfing ihn ehrenvoll. 

Darauf begann Kostanc das Leben und die Wunder Christi zu 
predigen, und überzeugte und festigte den König in der Einheit des 
Glaubens und der göttlichen Dreifaltigkeit. Der König glaubte alles, 
und Hess sich mit allen im Königreiche noch nicht Getauften taufen. 

Als der Papst um den seligen Mann Kostanc schickte und als 

^^) In der lal. Handschrift: venit in Caesaream provinciam. Oemeint ist wohl 
ein Caesarea in Bulgarien, denn Städte dieses Namens gab es mehrere. 

•"') In der lat, Handschrift: Saramirus. 

•'') In der lat. Handschrift steht fälschlich »Svetopolcus« statt »Budinnr« : 
es scheint sich hier wieder um einen Doppelnamen zu handeln. 

-**) D. i. Stephan. 

^**) In der lat, Handschrift: lingua Sclavonica. 

*") In der lal. Handschrift fügt Dukljanin hier bei: Constanunus, cui nomen 
postea K y r i 1 1 u s. 



IHÖ 



derselbe mit päpstlicher Genehmigung zu ihm kam, weihte er ihn 
zum Priester.") 

Der selige Mann brachte nun mit dem Könige, der nun im 
Glauben und in den Geboten Christi genügend befestigt war, etliche 
Tage zu, nahm dann vom königlichen Antlitz und jenem heiligen 
Volke Abschied und zog nach Rom/-) 

In dieser Zeil wurde den Cliristen eine grosse Freude zu teil. 
Alle jene die in Wallburgen und Schlupfwinkeln im Gebirge wohnten, 
sich verleugneten und verborgen hielten, oder sich nicht als Christen 
bekannten, traten öffentlich auf, die Furcht abwerfend ; alle, die ver- 
folgt waren, kehrten zurück, und begannen den Namen des gekreu- 
zigten 3esus zu rühmen. Auch der König des heiligen Volkes befahl 
nun allen, die lateinisch^) sprachen, es mögen alle zurückkehren, 
um wieder die Städte instandzusetzen, die von den Heiden zerstört 
oder eingeäschert wurden. Budimir, der König des heiligen Volkes, 
sann nun darüber nach, wie er die zerstörten Städte aufbauen und 
bevölkern könnte, und beschäftigte sich auch mit dem Gedanken, wie er 
in seiner Regierungszeit das Land in die frühere Verfassung bringen 
könnte. Er hatte wohl eine Menge Leute, aber alles war zerstreut; 
er befahl daher das Land zu verteilen, die Leute wieder unter rich- 
tige Gesetze zu stellen und forschte nach, wie dies am besten durch- 
führbar wäre. Er versammelte daher alle Ältesten und Weisen seines 
Reiches, teille ihnen seine Absicht und seine Entschlüsse mit, und 
bat sie über eine bessere Organisation nachzudenken, wie auch da- 
rüber, wie der Wille und die Absicht des Königs realisiert werden 
könnten. So standen sie etliche Tage, ohne dass jemand in der Lage 
war einen Vorschlag zu finden, noch dem Könige einen Weg zeigen 
konnte für seine Bestrebungen. Doch er war erfüllt von der Weisheit 
Gottes, daher ihm der Gedanke kam, zum heil. Vater, dem Papste 
Stipan, und zum Kaiser Konstantin") zu senden, damit ihm diese in 

") Im Originale »koludar«. heute »kaludjer«, bedeutet dermalen: Mönch, Ko- 
operator, muss aber zu jener Zeit einen höheren geistlichen Ran-j gehabt haben. 

'-) Es handelt sich da wohl immer um dieselbe eine Reise nach Rom. 

*•') Also die Gebildeten; vermutlich die Geistlichkeit. 

") Hier liegt wieder ein bedeutender Anachronismus vor. Cyrill soll schoa 
869 gestorben sein; Papst Stephan V. regierte von 885 — 891; einen anderen Papst 
dieses Namens gab es in der Zeit von 817 — 885 nicht; Konstantin [Porphyrogenetes) 
regierte von 912 — 953; von 797 — 912 kennt die Geschichte keinen byzantinischen 
/Caiser dieses Namens; doch befasste sich dieser tatsächlich mit der Ethnographie 
und der Staatsverwaltungsgeschichte; wann und wie lange Budimir regierte, weiss 
man auch nicht. Der Chronist war da gewiss stark desorientiert und er irrt gröb- 
lich; irrt er aber in jeder Hinsicht? Sind alle die obigen Jahreszahlen schon wirk- 
^ch als absolut verlässlich zu nehmen? Diese Fragen müssten a-ich noch beant- 
wortet werden. 



186 

seiner Angelegenheit beistehen und ihm alte Behelfe,^') in denen 
Königreiche und Länder beschrieben sind, zusenden. Der erwähnte 
König bat zugleich den hl. Vater, den Papst, dass er ihm mit diesen 
einige Gelehrte mitsenden möge. 

Als die Gesandten des Königs und heiligen Volkes zum Papste 
Stipan kamen, war der hl. Vater höchst erfreut und entgegenkommend 
betreffs dieser neuartigen Frage eines hochgestellten Christen, der 
den hl. Vater, den Papst, durch Gesandte bitten lässt, ihn mit der 
Himmelskost zu sättigen, und ihn mit dem Worte Gottes zu erfreuen, 
worüber er Herzenslust empfand. Der hl. Vater stimmte dem wohl- 
wollend zu und sandte einen gelehrten Mann, seinen Vikar im Namen 
seiner und der heiligen christlichen Kirche, u. zw. einen Kardinal,*') 
dem er alle seine Gewall übertrug, wonach er geben und nehmen, 
binden und lösen könne. Überdies sandte er einen zweiten Kardinal 
und mit ihm zwei Bischöfe, welche das begnadete Volk stärken und 
im Glauben belehren sollen ; sie müssen sich der guten Taten der- 
selben freuen, sie müssen Pfarrkirchen errichten, Kirchen weihen 
und alles sonst für die Christen Notwendige schaffen. 

Als die genannten Kardinäle und Bischöfe kamen, trafen sie 
den König auf der Höhe,*") die man Hlivaj ") nennt. — Ihnen ent- 
gegen kam der König mit einer Menge Volkes, weil er sie erwartete, 
und von dieser Stelle aus deren Ankunft beobachtete. 

Er versammelte nun von allen Gegenden jene,*') die unter ihm 
standen, worauf die Christen von überall herkamen. So empfing sie 
der König mit einer grossen Volksmenge um ihn, unter grossen 
Ehren; auch befahl der König, dass sich das ganze Volk des ihm 
untergebenen Landes auf dieser Ebene versammle.'") 

fSchluss folgt.) 

•^) Im Originale heisst es »barvoleze«; die Etymologie dieses Wortes ist 
einstweilen unbekannt (Farbenpläne?). Später heisst es wieder »privileze«; ein 
Schreibfehler dürfte es nicht sein, da der erstgenannte Begriff zweimal vorkommt. 

'"') Es war dies H o n o r i u s, der spätere Papst Stephan V. (885 — 891). Da- 
raus geht hervor, dass jener Papst, der Honorius entsandte, nicht Stephan der V. 
gewesen sein konnte, sondern wahrscheinlich Nikolaus I. (858 — 867). 

''''] »Planina« bedeutet im Südslavischen nicht Ebene, sondern Höhe, 
Alpe. 

'"^) H 1 i V a j muss eine Höhe im Gebiete von Solin gewesen sein, von der 
es gut möglich war, auf eine weite Strecke das Ankommen der Mission aus Rom, 
die jedenfalls den Landweg nahm, zu beobachten. 

'"') Im Originale »rusag«. In dieser Form ist das Wort nicht mehr im Ge- 
brauche; hingegen bedeutet »rusa«: Rasen, dann Grenze, Grenzgegend. 

'"') Dass der König die Aussichtshöhe (planina) nach dem Sichten der Ge- 
sandtschaft verliess, und diese in der Ebene (polje) erwartete, ist wohl selbstver- 
ständlich. — Nachdem es sich um die Höhe »Hlivaj« handelt, muss in der Nähe 
auch das »polje« sein; man nimmt allgemein an, da-is dieses Volksmceting am 
»Livanjsko polje« (bei Livno) in Bosnien stattfand. 



187 



M. Zunkovic: 

Beiträge zur altslavischen Kriegskunst. 

über die Kriegskunst der Allslaven war bisher überhaupt nichts 
zu vernehmen, da die Herkunft der Slaven sowie deren Autochtho- 
nismus in Europa noch nicht beglaubigt war; überdies lag dieses 
Gebiet den meisten Forschern beruflich ferne. Wir erfahren daher 
eigentlich bis zur Hussitenzeit (1420—1427), welche sich in bezug 
auf die Kriegstechnik und Kampfform vielfach neue und eigene An- 
schauungen zugrunde legte, umsomehr als die alte Geschichtsschrei- 
bung den Namen „Slave" nicht ausdrücklich hervorhebt, darüber gar 
nichts. Doch bieten uns die erhaltenen altslavischen Dichtungen ge- 
legentlich und nahezu unbewusst sehr willkommene kriegswissen- 
schaftliche Details, womit dargelegt erscheint, dass die Alt- 
slaven auch in dieser Hinsicht den sonstigen Völkern nicht nach- 
standen, nur wurden diese Quellen bisher nicht beachtet, weil man 
sie eben als echt anzweifelte; nebstbei vergass man auch, dass die 
Geschichte der alten Völker ohnehin nichts weiter 
ist, als eine ununterbrochene Reihe von Kriegsbege- 
benheiten. 

Da fällt es vor allem auf, dass im russischen Igor-Liede die 
fahrbaren Mauerbrecher („vozzni strikusi") erwähn! werden, 
mit denen der bis zum Jahre 1101 herrschende Fürst von Polock, 
Vseslav, die Tore von Novgorod einrennt. — Diese flüchtige Erwäh- 
nung bietet jedoch in mehrfacher Hinsicht eine sehr reelle Orientie- 
rung über die damaligen Kulturverhältnisse, denn war es zu jener 
Zeit möglich mit der geschilderten Raschheit von Kiev nach Novgorod 
mit solchen schweren und breiten Kriegsmaschinen zu fahren, so 
musste zum mindesten zwischen diesen beiden Städten, deren Luft- 
linienentfernung über Bjelgorod allein über 1300 km beträgt, eine 
breite Strasse mit festem Unterbau vorhanden gewesen sein. Des- 
gleichen ist die Fahrbarkeit solcher Behelfe für den Festungskrieg 
auf so langen Strecken ein bedeutender Fortschritt im Vergleiche zu 
den griechischen und römischen Sturmböcken („krios, aries"), die 
zerlegt und mitgeführt, an Ort und Stelle zusammengestellt und nur 
auf sehr kurze Strecken mit Windenkraft an jene Stelle geschoben 
wurden, wo man eben eine Bresche legen wollte. 

Ein solcher Mauerbrecher, Widder oder Sturmbock bestand aus 
einem starken, am dickeren Ende massiv mit Eisen beschlagenen 
Mastbaume von 20—30 m Länge. Dieser Baum wurde nun am Dach- 



188. 

walm einer festen Schulzhülle auf Kellen wagrechl aufgehängt und 
im Gebrauchsfalle von 20—50 Mann forlgeselzl mil grosser Schwung- 
kraft gegen die Mauer geslossen. Der Effekt dieser Maschine bestand 
darin, dass man die Mauer sukzessive abnahm oder abscherte, 
d. h. man begann von der Krele aus jede Ziegelschichte oder Slein- 
lage für sich abzuslossen, und „rasierte" auf diese Art die Mauer 
ganz ab oder aber doch bis zur Übersleigbarkeil. Der Begriff „slri- 
kus" ist daher sehr typisch gewählt, denn das Zeilwort „slrici, stri- 
gali" bedeutet eben im Slavischen : scheren, abnehmen; aber 
auch im deutschen abstreichen, strichweise abnehmen ist 
dieselbe Wurzel vorhanden. — Ansonst war dieser Belagerungsbehelf 
schon seit den ältesten Zeiten nahezu allen Völkern bekannt. 

Etwas in der Kriegsgeschichte bisher nicht Analoges findet Er- 
wähnung in der Königinhofer Handschrift, u. zw. im epischen Ge- 
dichte: Kriegszug der Böhmen gegen Vlaslav. — Diese Begebenheit 
spielt sich um die Mille des IX. CJahrhunderles ab; die Episode der 
Erstürmung der Burg Kruvojs wird nachstehend geschildert: 

„Da befiehlt Cmir von rückwärts die Vesie zu stürmen. 

und befiehlt von vorne die Ringmauer zu ülier springen. 

Da beugen sie die hochgewachsnen Bäume 

des Dickichts unterm Felsen zur starken Ringmauer, 

damit auf den Stämmen hinabrollen die Balken 

ober den Köpfen der Krieger. 

Doch darunter stellte sich nach vorne 

ein starker Mann zum andern ; 

sie berühren einander mit den breiten Schultern. 

Bäume legen sie nun auf die 'Achseln, 

befestigen sie kreuz und quer mit Wieden 

und pflanzen neben sich ihre Lanzen auf 

Nun springen Männer auf diese Hölzer, 

legen Lanzen auf die Achseln 

und verbinden sie mit Wieden. 

Da springt eine dritte Reihe auf die zweite, 

die vierte auf die dritte, 

und die fünfte erreicht schon die Mauerkrone. 

von wo die Schwerter zucken, 

von wo es Pfeile regnet. 

von wo Balken donnernd herabrollen. 

Sieh, da springt ein Strom von Pragern ungestüm über die Mauer 

und setzt sich mit aller Kraft in der starken Burg fest." — 

Mit Mauerbrechern war da nichts anzufangen, da die Burg auf 
einem Naturfelsen stand, man musste daher zu einer anderen Methode 



189 

der Erstürmung schreiten. — Der Bau einer solchen Menschenpyramide 
scheint für den ersten Augenblick nicht möglich, doch ist dies bei 
dem Umstände, dass die Männer der n^hslhöheren Etage doch die 
inneren Äste der gefällten Bäume zum Hinaufklettern benützten, wie 
zugleich durch das Anhalten an den Ästen die Stabilität der Pyramide 
selbst erhöhen konnten, natürlich erklärbar. Die Unterlassung der 
rechtzeitigen Entfernung der Bäume im Sturmbereiche der Burg sei- 
tens des Verteidigers wurde daher hier von den Belagerern vorteil- 
haft ausgenüzt. 

Eine eigenartige und in diesem Falle einzig richtige Kampf- 
formation wird auch im Gedichte: Einfall der Tataren in Mähren i. 3. 
\2k\ der Königinhofer Handschrift in folgender Weise beschrieben: 

„Alles ermannt sich, alles erstarkt gegen die Tataren. 

In einen kräjtigen Klumpen zusammengedrängt 

brachen sie hervor wie Feuer aus der Erde 

zur Höhe hin gegen die Unzahl der Tataren, 

rücklings schreitend zur Höhe hinan. 

Am Berghang beziehen sie eine breite Stellung, 

die sie gegen abwärts zu einem spitzen Keile verengten, 

rechts und links mit Schilden sich bedeckend; 

legen auf die Schultern scharfe Speere, 

der zweite dem ersten, der dritte dem zweiten, 

wie ein Pfeilgewölk von der Höhe bis zu den Tataren." 

Diese keilförmige Verteidigungsstellung (der „taktische Keil"), 
welche schon die Römer anwendeten und als „cuneus" ( Keil) be- 
zeichneten, konnte allerdings durch den „hohlen Keil" (lat. „forfex"), 
also eine gabel- oder V-förmige Gegenstellung in der Ebene vorteil- 
haft paralisiert werden, hier jedoch nicht, da die Konfiguration des 
Kampfplatzes am steilen und gebogenen Abhänge des Berges Hostyn 
die beiden Flügel immer weit unter dem Niveau des Keiles belassen 
hätte. 

Als weiteres Hilfsmittel behufs Herbeiführung des Sieges wur- 
de auch von den Slaven die Kriegslist in ihren verschiedenartig- 
sten Formen angewendet, denn seit den ältesten Zeiten gilt es als 
eine hervorragende Feldherrnklugheit den Sieg tunlichst ohne Kampf 
und ohne empfindliche Verluste zu gewinnen, daher die Tapferkeit 
mit Klugheit zu vereinigen. Die altslavischen Dichtungen bieten uns 
auch hiefür einige Belege. 

Im „Igor-Liede" spielt sich alles mehr oder weniger im offenen 
Kampfe ab; überdies werden darin keine Kampfdetails geschildert; 
anders ist es jedoch in der Königinhofer Handschrift. Schon im ersten 



190 

Gedichte („Verlreibung der Polen aus Prag"), das den nächtlichen 
Überfall des Fürsten Oldfich vom „Gern les" aus gegen Prag schil- 
dert, spielt die Kriegslist die entscheidende Rolle. Einer der Führer 
täuschte die Brückenwache dadurch, dass er als Hirte verkleidet die 
Öffnung des Moldautores begehrte, um seine Herde auf die Weide 
treiben zu können; der Wachkommandant entsprach vertrauensselig 
diesem Wunsche; die betreffende Stelle sagt darüber: 

„Im stillen Prag bergen sie mit Vorsicht sich, 

die Waffen in Mänteln verhüllen sie. — 

Nach des Morgens Grauen kommt ein Hirte 

und ruft hinauf zu offnen ihm das Tor. 

Die Wache vernimmt den Ruf des Hirten 

und öffnet ihm das Moldautor. 

Auf die Brücke tretend, laut bläst der Hirte. 

Auf die Brücke sprengt der Fürst mit sieben Vladikas, 

Jeder drängt mit allen seinen Kriegern nach. 

Und dröhnend schlagen die Trommeln ein, 

und die Trompeten schmettern drein; 

aufpflanzt die Fahne auf der Brücke Jede Schar; 

die Brücke bebt unterm hastigen Gedränge. — 

Schrecken fährt in die Polen alle. 

Ei, die Polen greifen zu den Waffen, 

ei, die Vladikas führen scharfe Hiebe. 

Die Polen sprengen her und hin, 

rennen in Haufen zum Tore, zum Graben. 

weif er, weiter vor den grimmigen Hieben." 

Eine eigenartige, wenn auch überaus plumpe List wendet auch 
der schon erwähnte Cmir im Kriegszuge gegen Vlaslav an. Um sei- 
nen nummerisch weit stärkeren Gegner über die eigenen inferioren 
Kräfteverhältnisse zu täuschen, nützte er im Anmärsche eine Höhe 
derart aus, dass dieselben Truppenteile wiederholt dieselbe Stelle 
passierten ; die Dichtung sagt diesbezüglich : 

„Schwer wirds mit diesem Feinde zu kämpfen, 

selten widersteht der Stock der Keule!" 

So spricht Vojmir. 

Darauf erwiderte Cmir: 

„„Klug ist's hier leise zu sprechen. 

klug ist's gefasst zu sein auf alles.' 

Wozu mit der Stirne an den Felsen rennen ? 

Überlistet doch der Fuchs den hartköpfigen Ui ! 

Hier vom Berge kann uns Vlaslav sehen; 



191 



rasch hinab um diesen Berg herum, 

damit rückwärts sei, was bisher vorne war; 

wiederhole so den Zug vom Tale zum Berge!"" 

Also tat es Vojmir, tat es Cmir. 

Und so zieht das Meer ringsum um den Berg. 

und so zieht neunmal das Heer. 

So vermehrten sie ihre Zahl gegenüber den Feinden, 

so vermehrten sie die Furcht bei den Feinden. 

Sie traten in die Bieite im nieder n Eichenjorste, 

doch so, dass ihre Waffen in des Feindes Augen blinken; 

den ganzen Berg bedeckt dieser Glanz. 

Plötzlich bricht Cmir hervor mit seiner Macht; 

doch diese Macht zählte nur vier Haufen. 

Mit diesen erweckt er Schrecken aus dem Waldesdunkel ; 

Schrecken befällt die vielen Scharen der Feinde. 

„Zurück, zurück!" Furcht kam über sie aus dem ganzen Walde; 

dahin, dorthin zerstreuen sich ihre Reihen." 

Wieder in anderer Weise täuscht Zaboj im Gediclite: „Befreiung 
Bölimens von der Fremdherrschaft" seinen Gegner über die Wahl 
des Kampfplatzes dadurch, dass er sich in kleinen Gruppen und auf 
Umwegen, wobei nur Waldzonen benützt werden, schon an der Grenze 
des feindlichen Gebietes sammelt und den Gegner überraschend von 
zwei Seiten zugleich überfällt. 

Diese Beispiele gehören alle ungefähr der Zeit des IX. bis Xlll. 
Dahrhundertes an. Es gibt aber für die slavische Kriegskunst auch 
weit ältere Belege. So führt Polyänus, der macedonischer Abstammung 
war, und um die Mitte des II. Jahrhundertes n. Chr. lebte, in seinem 
Werke über „Kriegslisten" einige Beispiele an, in denen zweifellos 
Slaven eine Rolle spielen. Diese Begebenheiten werden aber noch 
dadurch besonders wertvoll, dass sie zum Teile alten Schriften ent- 
nommen sind, die in der Folge verloren gingen, und können seine 
Beispiele zum Teile auch alten slavischen Quellen entnommen sein, 
von deren Existenz wir sonst keine Belege mehr haben. Polyänus 
erzählt z. B. von den Autariaten (Kotaraci, Cattarer?), einem illyri- 
schen Volke in Dalmatien, folgendes Begebnis. Die Kelten führten 
gegen diese Krieg, jedoch lange ohne Erfolg. Da versuchten sie fol- 
gende List. Sie ergriffen eines Nachts scheinbar die Flucht, mischten 
aber zuvor schädliche Kräutersäfte in die zurückgelassenen Getränke. 
Die Autariaten glaubten, die Gegner seien abgezogen und Hessen 
sich nun die vorgefundenen Lebensmittel gut schmecken. Doch sie 
alle wurden von einem heftigen Durchfalle ergriffen und während sie 



192 

krank darniederlagen, kehrten die Kelten zurück und machten sie 
nieder. — Hiebet wurde zweifellos ein drastisches Purgiermittel dem 
Weine beigemischt. Wahrscheinlich bediente man sich hiezu des in 
Dalmatien bekannten Heilmittels gegen den Bandwurm, eines Absu- 
des der Wurzelrinde des Granatapfels, der schon in geringer Quan- 
tität genossen, einen starken Durchfall mit schmerzlichen Krämpfen 
verursacht. — Eine solche ungewollte Bandwurmkur wäre noch heute 
bei kleineren Heeresabteilungen, die lange an Entbehrungen litten, 
recht gut und mit Erfolg durchführbar. 

Eine Täuschung anderer Art erzählt Polyänus von den Tribal- 
lern, den Bewohnern des heutigen Serbien und Bulgarien.*) Diese 
wurden dadurch von den Skythen in die Flucht geschlagen, dass 
letztere beim Beginne der Schlacht von allen Seiten eine Menge von 
Pferden und Weidevieh unter grossen Staubwolken und Geschrei kon- 
zentrisch zusammentreiben Hessen. Die Triballer glaubten, dass noch 
weitere skythische Reiterei heranrücke und ergriffen die Flucht. 

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass die Beweise für die all- 
slavische Kriegstüchtigkeit sehr zahlreich sind und sein müssen, nur 
sind oder waren die bezüglichen Quellen bisher noch nicht geistig 
erschlossen und logisch verarbeitet, ja, im Gegenteile, es wurde den 
Slaven bisher immer die kriegerische Eignung abgesprochen. So 
erzählt Universitätsprofessor 3. Peisker (Graz) in dem Vorberichte 
zum Werke „Neue Grundlagen der slavischen Altertumskunde" (1910) 
allen Ernstes die groteske Neuigkeit : „DerSumpf bildet keinen 
Kriegsschauplatz, daher die slavischeKriegsuntüch- 
tigkeit und keine Schlachtordnung!" Zu diesem Schlüsse, 
in dem er obendrauf den Slaven zu einem „elenden Amphibium" 
stempelt, kommt Peisker offenkundig durch jene Stelle des Pseudo- 
Marikios, eine Art arabischen Münchhausens, welcher berichtet, dass 
bei den entsetzlichen Oagden auf die Slaven diese schliesslich auf 
die Idee kamen, sich bei urplötzlichen Überfällen ins Wasser zu 
stürzen, und viele Stunden lang, aus Schilfrohren atmend^ 
die Räuber zu täuschen. — Mit solchen Unkenntnissen in der Zoolo- 
gie tritt also hier ein Universitätsprofessor auf, wofür ein Sekun- 
daner einwandfrei die schlechteste Klassifikationsnote erhalten müsste. 
Allerdings darf nicht übersehen werden, dass es sich dem genannten 
Professor hier mehr darum handelt, für die Herabsetzung der Kultur 
der Allslaven neue Motive der Gehässigkeil in Aktion zu bringen^ 

*) Dass die Triballer Slaven waren, ersieht man auch aus der Stelle 
Seite 182, wo es heisst, dass die eindringenden Bulgaren dieselbe Sprache spre- 
chen als die Stammbewohner südlich der Donau, Die Slavizität dieser Bewohner 
erhält also von allen Seiten ihre natürliche Bestätigung. Anm. d. Red. 



193 

was man freilich umso sicherer wagen kann, weil der Verbreiter 
solcher „Beweise" leider in der slavischen Gelehrlenwelt nicht die 
gebührende „Belehrung", ja eher noch eine gedankenlose Billigung 
findet. — Kann sich aber Universilätsprofessor Peisker die Situation 
vorstellen, dass ein Mann viele Stunden lang unter Wasser liegt 
und nur aus Schilfrohren atmet? Der Amphibien-Slave wird urplötz- 
lich überfallen, wirft sich platt auf den Rücken in den Sumpf, schnei- 
det oder bricht sich ein Schilfrohr ab, bohrt sich das Diaphragma an 
den Knotenpunkten sauber aus, — natürlich alles unter Wasser! — 
sucht sich beim Überfalle nur jene Sumpfstelle aus, die eine bestimmte 
Tiefe hat, sinkt im Sumpfe nicht weiter ein, als das Schilfrohr lang 
ist und atmet so — stundenlang! Bei alledem sind aber die 
Räuber so einfältig, dass sie nicht wissen, wo er liegt, zumal das 
Schilfrohr heraussteckt, oder sind plötzlich so human, ihn weiter 
nicht in seinem Elemente zu belästigen. — Jeder, der etwas gelesen 
oder mit offenen Augen durch die Welt gegangen ist, weiss aber im 
Gegenteile, dass gerade Sümpfe die wichtigsten Annäherungshinder- 
nisse für eine Festungsanlage bilden, und Ibrahim ibn üakub (%5) 
schreibt gerade umgekehrt, dass die Slaven zurVerstärkung 
von Festungsanlagen tunlichst Sümpfe ausnützen, 
was eben sehr klug ist, denn fliessende Gewässer kann man nöti- 
genfalls ableiten, hingegen ist es ziemlich aussichtslos Sümpfe in 
entsprechender Zeit zu enttrocknen, da man über das Grundwasser 
nicht Herr wird. Der Vorwurf würde sonach gerade im entgegen- 
gesetzten Falle berechtigt sein, daher: ne sutor super crepidam judicaret! 
Die Hauptmission des Mannes ist seit der ältesten Zeit jene des 
Kriegers und diese Behauptung ist inbezug auf die Slaven am aller- 
wenigsten eine dilatorische, denn der Beweis, dass bei den Slaven 
dieselben Verhältnisse herrschten, wie sie Tacitus bei den damaligen 
Völkern Germaniens schildert, ist bei ihnen umso handgreiflicher zu 
erbringen, weil sie noch heute bei den Balkanslaven obwalten. Über- 
dies ist es selbstverständlich, dass derjenige, welcher stets im Frie- 
den auch unter Waffen steht, sich auch in der Führung derselben für 
den ernsten Kampf vorüben muss, denn eine übungslose Kriegs- 
kunst ist das Grab der Kriegstüchtigkeit. Wenn es daher 
in der Grünberger Handschrift heisst: miizie pazü, zeny ruby strojd, 
d. i. „die Männer stählen sich, die Frauen besorgen die Wirt- 
schaft", so entspricht dies der wirklichen Situation jener Zeit in Böh- 
men genau so, wie jener von heute in Albanien und Montenegro, 
und wäre die Handschrift gerade dann falsch und anachronistisch, wenn 
darin das Gegenteil behauptet würde. Dasselbe bestätigt auch die 
Königinhofer Handschrift, wo im „Kampfspiele" der Fürst Zälabsky 

13 



194 



seine Edlen offen in der Kampftüchtigkeit prüft, um zu wissen, wer 
ihm im Ernstfalle der „Nützlichste" sei, denn er fügt bei : 
„Weise ists im Frieden des Kriegs gewärtig zu sein, 
Denn ringsum sind die Nacfibarn uns feindlicfi gesinnt." 
Wann sich aber dieser Vorfall abspielte, hiefür steht das weiteste 
Gebiet der Phantasie offen. — 

Von einer slavischen Inferiorität in der Kriegskunst oder Kriegs- 
tüchtigkeit zu sprechen, ist daher in keiner Weise begründet ; ja man 
weiss vielmehr allgemein, dass die Slaven noch heute in jeder Armee 
als die besten Repräsentanten soldatischer Tugenden gelten, weil 
ihnen noch ein besonderer kriegerischer Geist hereditär wie traditio- 
nell innewohnt. 



S. Gruden : 

Das südslavische Volkslied bei Beethoven 

und Haydn. 

„Die Musi/< der Südslaven ist unbedingt 
dazu prädestiniert den vielleiclit etwas 
ersc/iöpften Born europäisefier Melodik 
aufzujrischen." 

Diesen Ausspruch tat Professor 3. Major in einem als „Die 
Volksmusik der Südslaven" benannten Artikel im „Merker" (2. 3uni- 
heft 1912), dem wir, bis auf den als tröstende Konzession einge- 
schalteten Begriff „vielleicht", auch voll beipflichten. 

Wer mit der südslavischen Volkspoesie und Volksmusik einiger- 
massen vertraut ist, aber auch die internationale Musik tiefer kennt, 
muss jedoch billig zugeben, dass der Einfluss der südslavischen 
Volkslieder auf die Musik anderer Nationen nicht erst eine Zukunfts- 
hoffnung bedeutet, sondern dass er schon heute und seit 
langem auf sie wirkt, nur kommt erst gelegentlich jemand mit 
der nackten Wahrheit heraus. Überdies hat der Diebstahl des geisti- 
gen Eigentums in keiner Kunstrichtung eine solche Abolition des 
Odiums erfahren, wie gerade in der Musik, denn man sieht es gar 
nicht der Mühe wert, ein Liederthema oder gar nur ein Liedmotiv 
von etlichen Takten als solches einer fremden Provenienz ersichtlich 
zu machen, mag sich darauf auch ein grösseres Tonstück aufbauen. 
Wir wollen hier durchaus nicht die Lebenden einer solchen Revision 
unterziehen, hingegen aber zeigen, dass von diesem überreichen 
Melodienquell auch die alten Besten der Besten gelegentlich zu schöp- 
fen pflegten, ohne dies weiter offen zu bekennen. 



195 

Professor Major scheint aber im Gegenteile einen Augenblick zu 
glauben, dass die südslavische Volksmusik manche Melodien aus 
klassischen Werken unsterblicher Komponisten unverändert über- 
nommen hat. So fand er das Hauptthema aus Beethovens VI. Sym- 
phonie (1808) in dem serbischen Liede „Sirvonja do sirvonja" und in 
dem kroatischen „Kisa pada, trava raste" ; des weiteren die Haupt- 
themen von Haydns E-diir- und D-ofür-Symphonien in den Liedern 
„Divojcica potok gazi" und „Dalcki putevi". Alle diese Themen finden 
sich in den genannten Liedern in ihrer ganzen Ausdehnung von acht 
Takten vor. — Major sagt weiter: „Diese Lieder werden in Kroatien 
und in Serbien mit von einander abweichenden Texten gesungen. 
Spätere Forschungen sollten es einmal aufklären, wieso diese The- 
men in die Volkslieder gelangten. Oder hätten diese die Themen 
vielleicht der südslavischen Musik entlehnt? Das lässt sich kaum 
annehmen, denn es ist nichts darüber bekannt, dass Beethoven oder 
Haydn je die Südslavenländer bereist — oder sich dem Studium ihrer 
Musik gewidmet hätten." 

Nun, wir können auf diese, im Grunde genommen recht naiven 
Zweifel, schon jetzt eine entschiedene Antwort geben, denn vor allem 
ist es geradezu grotesk auch nur einen Augenblick daran zu glauben, 
dass sich ein südslavischer Bauernbursche seine Liedermotive etwa 
aus Symphoniekonzerten holt. Man weiss auch nicht, wo er diese 
gehört haben könnte, denn Symphonien spielt man im Dorfe nicht 
und in der Stadt besucht er derartige Musikproduktionen auch gewiss 
nicht ; desgleichen wird in seinem Verkehrskreise in der Stadt kaum 
Kammermusik betrieben. Sagen wir es daher direkte und frei heraus : 
Beethoven und Haydn haben diese Motive den alten 
südsl a vi sehen Vo Iksl iedern entnommenund durchaus 
nicht umgekehrt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass dieser 
Beweis noch chronologisch erbracht werden kann, denn die Südslaven 
besitzen noch massenhaft handschriftliche Liederbücher, die weit älter 
sind als die Entstehungszeit jener Symphonien ; vielleicht findet sich 
eines dieser Lieder auch darunter. 

Im besonderen lässt sich aber der Beweis beim Liede „Sirvonja" 
erbringen. Der Text lautet: 

„Sirvonja do sirvonja, bozurja, 

Bozur ti, bozurica skojla, 

Lepa Jula, lepa Jula. 

Bozurica skojla, 

Lepa Jula iz kola." — 
Dieser Text ist derart alt, dass ihn der Südslave überhaupt nicht mehr 
versteht, denn die Begriffe „sirvonja, bozura, bozurica, skojla" sind 

13* 



196 

auch der Volkssprache unbekannt ; man vermutet nur noch, dass es 
Blumennamen seien. — Vielleicht ist aber der eine oder andere Be- 
griff doch noch irgendwo im Dialekte oder als seltenes Gebrauchs- 
wort bekannt. Einige glauben, dass mit „boziirica" einst die Pf ing Si- 
ros e (paconia officinalis, Gichtrosej bezeichnet wurde ; im Sloveni- 
schen heisst sie tatsächlich „bozur" ; für „sirvon/a" und „skojkv ist 
jedoch einstweilen kein sprachlicher Beleg zu finden. 

Dieses Volkslied gehört unter die sogenannten „sigrc" ( Zu- 
sammenspiele, Tanzspiele der erwachsenen Jugend), welche in zahl- 
reichen Formen vertreten sind; ein Fremder kann jedoch solche ihres 
internen Charakters wegen, da es sich dabei vornehmlich um Liebes- 
erklärungen, Schäkereien oder Brautwerbungen handelt, schwer be- 
obachten; sind nämlich unberufene Zuschauer da, so werden die 
„sigre" eben nicht ausgeführt oder aber unterbrochen. — Desgleichen 
kann das Lied auch kein Spiel-Auszählvers sein, da der Text selbst 
aus mehreren Strophen besteht. — Alle Lieder dieser Art sind aber 
ausserordentlich alt, denn sie zeigen fast durchwegs auch noch Spu- 
ren von heidnischen Gebräuchen; dass aber gerade dieses, wie man 
annimmt, älteste Lied solcher Art erst nach Beethoven entstanden 
wäre, ist daher absolut ausgeschlossen. 

Beethoven hat zur VI. Symphonie (Symphonia pasturalcj ausser 
dieser sowie anderer kroatischer Volksweisen auch z. B. die Melodie 
des Volksliedes „Kad sam v Sopron v solu Iiodil" verwendet, das in 
Veliki Boristof (Komitat Ödenburg) seit undenklichen Zeilen bekannt 
war, wie dies der Lehrer Michael Nakovic schon vor etwa kO Oahren 
feststellte. 

Ebenso leicht ist die Bemerkung Majors zurückzuweisen, dass 
die beiden Meister der Töne nie die Südslavenländer bereisten. Ist 
aber dies überhaupt notwendig, um eine südslavische Melodie zu 
erfahren? Kann man eine kroatische Volksweise nicht ebensogut 
gelegentlich oder zufällig in Wien, Berlin oder Paris hören und sie 
dann verwerten ? Namentlich ist dies bei Kroaten und Slovenen leicht 
der Fall, die doch überall gleich singen, sobald 3—4 Mann bei einem 
Glase Weines beisammen sind. Oder sind geschriebene Liederiexte 
mit beigesetzter Melodie so schwer zu finden, wenn man selbst, wie 
es bei Beethoven in späteren Jahren zutrifft, schwerhörig ist? 

Wer aber die Biographie Beethovens von Ludwig Nohl („Beet- 
hovens Leben") liest, erfährt darin, dass dieser doch den Kroaten 
Zupancic („Schuppanzigh"), einen hervorragenden Musiker und Violi- 
nisten, zum Musiklehrer hatte, sowie dass sich zwischen Lehrer und 
Schüler im späteren Leben sogar ein sehr intimes Freundschaftsver- 



197 

hällnis herausbildele. — Auch hielt sich Beethoven längere Zeit in 
Eisenstadt auf, welche Gegend doch Kroaten bewohnen. Dass Beet- 
hoven sonach reichlich Gelegenheit hatte in die Sphäre der südslavi- 
schen Volksmusik einzudringen, ist hiemit dargelegt, und fällt dieser 
Einfluss noch besonders dadurch auf, dass Beethovens erstes Opus, 
nachdem er selbständig wurde, eben jene Symphonie war, welcher 
er die meisten kroatischen Liedermotive unterlegte. — 

Noch klarer liegen die Lebensverhältnisse bei Haydn, der doch 
in Rohrau (bei Brück a L.) geboren war, wo sich anschliessend eine 
lange Reihe von kroatischen Dörfern gegen südwärts zieht, und 
der überdies an 30 Jahre als Kapellmeister beim Fürsten Esterhäzy 
im Ödenburger Komitate lebte, in dem sich noch heute vorwiegend 
kroatische Dörfer befinden, die aber vor mehr als 100 Jahren noch 
ausgesprochener kroatisch waren. Eines der verwendeten Lieder 
(„Djevojcica potok gazi") wurde aber im genannten Komitate aufge- 
zeichnet, d. h. es wurde dort vorwiegend gesungen. Aus derselben 
Umgebung stammt auch das Lied „Oj Jelena, jabuka zelena", das meist 
unter dem Titel „Daleki piitevi" bekannt ist, welches Haydn im Finale 
der Z)-£//ir-Symphonie verwertete. 

Südslavische Volksliedermotive haben übrigens die meisten be- 
kannten Musikgrössen gelegentlich thematisch verwendet; am weit- 
gehendsten benützte aber dieselben gerade Haydn, was den Südslaven 
seit langem bekannt ist. (Vergl. z. B. ü. Kuhac' Artikel „Josip Haydn 
i hrvatske narodne popievke" in „Vienac" 1880.) 

Nicht unbekannt ist es auch, dass der österreichischen Volks- 
hymne, die von Haydn stammt, das kroatische Volkslied, benannt als 
„Die traurige Verlobte" („Vjutro ratio se ja vstanem malo pred zorom"), 
das auch prosodisch mit dem Rhytmus des Hymnentextes harmoniert, 
zum Hauptlhema diente. 

Dies alles kann nun wohl kein blinder Zufall sein, obschon es 
im Prinzipe eine vollkommen richtige Auffassung zeigt, wenn die 
Volkshymne eines Staates, in welchem die Slaven die überwiegende 
Majorität als Bewohner bilden, gerade auf slavische Volksliedermotive 
aufgebaut ist, was möglicherweise auch Haydn vorgeschwebt haben 
mag. — Dass er aber diese Anleihe nicht öffentlich einbekannte, ist 
verzeihlich und naheliegend, denn man wollte vor allem etwas Schö- 
nes, Melodiöses haben, und solches findet sich in erster Linie nur 
in Volksliedern; hätte man jedoch gewusst, dass diese Weisen sla- 
vischer Provenienz seien, so wäre wahrscheinlich bei unserem krank- 
haften nationalen Antagonismus damit doch die reine Freude an der 
musikalisch hochwertigen Hymne so manchem Engherzigen empfind- 
lich getrübt worden. 



198 

Wir wollen jedoch hiemit den beiden unsterblichen Grössen der 
Töne durchaus vom verdienten Lorbeer kein einzig Blatt entreissen; 
im Gegenteile, wir freuen uns des reinen Besitzes so herrlicher und 
edler Lieder unseres einfachen Volkes, welche Motive und Inspira- 
tionen zu vielen unvergänglichen Musikschöpfungen geboten haben, 
womit freilich auch alle geistigen Anleihen dieser Art noch lange 
nicht hervorgehoben erscheinen ; einem so lieder- und melodien- 
reichen Volke, wie es die Südslaven sind, kann aber dies auch nicht 
die geringste Einbusse tun, da es den Abgang solcher nicht so leicht 
wahrnimmt. 

Betrübend hingegen ist es, dass gerade die Slaven diesen un- 
erschöpflichen Reichtum wahrhaftig einzig dastehender Erfindungen, 
wie die breite und tiefe Entwicklung ihrer Schöpferkraft in bezug auf 
die Originalität der Form und des Inhaltes ihrer Volkslieder, viel 
zu wenig kennen und hochachten, so dass ihnen oft erst der Fremde 
zeigen muss, welche klangvollen Schätze in dieser altslavischen 
Volkskunst verborgen liegen. — Möge daher dieser wohlgemeinte 
Vorwurf in der Zukunft eine ernstere Beachtung finden, nachdem ein- 
mal in dieser Richtung die schweren Versäumnisse nicht mehr nach- 
zuholen sind. Die traditionelle Minderbewertung der 
slavischen Geistes- und Kulturarbeiten seitens der 
Slaven selbst muss doch endlich auch eine sichtbare, 
entschiedene Grenze finden. — 



i 



Wissenschaftliches Allerlei. 

Zur Ethnologie der Ortsnamen in Tirol. 

In Tirol hat sich zwischen mehreren Etymologen ein Streit ent- 
sponnen, ob die Ortsnamen daselbst von Kelten, Rh ä fern, Illy- 
rern oder Venetern stammen. — Diese Meinungsdivergenz wäre 
schliesslich beachtenswert, wenn man vor allem wüsste, welcher 
Sprache sich die genannten Völker bedienten, bezw. welche generelle 
Unterschiede in der genannten Sprache obwalteten, doch diese Vor- 
aussetzung fehlt noch, daher der Streit auch keine Aussicht auf eine 
seriöse Beilegung hat. 

Um aber doch zu zeigen, um welche Rückständigkeit es sich 
hier noch handelt, sei nachstehend die Erklärung des Ortsnamens 
„Imst", wie sie Prof. 3. Zösmair bietet, gegeben. Diese lautet: 



199 

„Imsl. Die älteslen Formen dieser heuligen Sladl lauten urkund- 
lich: 7G3 oppidum Humisle, 1112 oder 1120 Uemesle, 1182Umsle, 
1201 Umersle, wobei ich zwischen U und V nicht unterscheide, 1167 
Umst, 1274 Unst, 1282 Uemst, 1289Llmbst, 12% Umbst, imXlV.üahr- 
hunderle Umste, Uembst usw., endlich Imst. 

Die Anhänger illyrischer Abstammung stellen Humiste mit den 
für illyrisch gehaltenen Ortsnamen Ateste, heute Este im Venetiani- 
schen, mit Tergeste, heute Triest und anderen Namen mit der Nach- 
silbe oder dem Suffix — este, — ste und —st zusammen. Allein diese 
Zusammenstellung ist ganz unberechtigt, und zwar erstens, weil die- 
ses Suffix auch weit ausserhalb der Wohnsitze der Illyrer vorkommt, 
zweitens weil es in verschiedenen anderen Sprachen, besonders ger- 
manischen, ebenfalls vorhanden, und drittens weil die Betonung 
in letzteren eine ganz andere ist, was man sehr zu beachten hat. 
Die erwähnten illyrischen Namen haben den Hauptton auf der vor- 
letzten oder letzten, die germanischen oder deutschen aber auf der 
ersten, der Wurzel- oder Stammsilbe. Es ist Hümiste zu sprechen, 
weil aus dem dreisilbigen Worte das einsilbige Umst -Imst wurde. 
Sowohl das H, welches abgefallen, das u, welches in ü und i umlau- 
tete, wie der Einschub von b (Umbst), sind unwesentlich und eine 
häufige Erscheinung. Dass ursprünglich Humiste betont worden 
und der Ton erst durch den Einfluss des Deutschen verlegt worden 
sei, was anderwärts vorkommt, ist hier nicht anzunehmen. 

Im Alt- und Neudeutschen haben wir die Nachsilbe —ist, —ste, 
—st nicht nur beim dritten Grade der Steigerung : Oberiste-Obrist, 
Niederiste-Niedrist usw., die auch zu Familiennamen geworden sind, 
sondern besonders in alten Personennamen, wie: Ariovist, Ernest, 
— ost und — ust, heute Ernst, Godesti aus Qotesdiu, Herisi und Heristi; 
sondern ebenso in Ortsnamen, wie: Castellum Trebista, heute Dreb- 
nitz im Königreich Sachsen, urbs Grodisti, jetzt Graditz in Sachsen, 
und Cierwisti-Gau oder der Zerbstgau im Herzogtume Anhalt. Aus 
diesen Beispielen ist auch ersichtlich, dass s zu st, st zu tz— z, — sdie 
zu — esti usw. werden kann. Alle diese Namen haben wie „Hümiste" 
als deutsche den Ton auf der ersten Silbe. 

Es bleibt noch der Stamm Hum— oder Humi zu erörtern 
übrig. Im Jahre 1013 kommt ein Dorf Humi im Hessengau vor, 
heute Hümme, im preussischen Regierungsbezirk Kassel. Hier ist 
u also auch zu ü geworden. 983 heisst ein Grenzpunkt der Grafschaft 
Kempten im Allgäu die Huminfurt. 1266 begegnen wir in einer 
Urkunde des Kl. Frauen-Chiemsee einen Zeugen Dietrich Humme. 
Allen dreien liegt wohl der altdeutsche Personenname Hummo^ 



200 

(Hymmo, Himmo, Ummo, Umi usw.) zugrunde, von welchem schon seil 
dem VIII. Jahrhunderte die Kose- und Verkleinerungsformen Humezo, 
Umizi und Imizo sich bildeten. Da Iz oder z sl sein kann, so kann 
sich für H u m e z - U m i z i auch Humeslo-Umisti gebildet haben. 

Der Name Imst stammt daher von einer urdeutschen, wahr- 
scheinlich gotischen Persönlichkeit aus der Zeit des Königs Theo- 
dorich d. Gr. (493—526), welcher an den nördlichen Alpenpässen 
befestigte Plätze, oppida, gegen Bajuwaren und Alamanen anlegte." — 

Dieser Auslegung sei gleich ergänzend angefügt: 

a) die Ortsnamen Humista, Trebista, Drebnitz, Cierviste, Grodisti, 
Graditz waren nie „urdeutsch" oder „gotisch", sondern s lavisch 
im heutigen Sinne, nachdem wir deren natürliche Etymologie 
noch kennen bezw. erkennen ; sind aber dem Ausleger die Be- 
griffe „urdeutsch" oder „gotisch" mit „slavisch" synonym für 
die Zeit der Entstehung dieser Namen, so war dies der Erklä- 
rung beizufügen ; 

b) ist bei jeder toponomischen Etymologie das Suffix wertlos oder 
doch inferior, da es immer eine spätere Zutat ist, die leicht den 
Forscher von der Hauptsache bringt. Der Begriff „Hum" kommt 
aber als topischer Name oft in einem kleinen Umikreise, wie 
z. B. am Balkan, in allen erdenklichen Formen vor, wie: Hum, 
Humi, Humac, Humno, Humic, Humisce, Um, Umac u. ä. vor ; 
auch sie haben alle, wie „als deutsche", den Ton auf der er- 
sten Silbe. Aber das Suffix bildet dabei gar keinen ethnologi- 
schen Regulator, sondern kennzeichnet in derselben Sprache nur 
gewisse Relationen; so gilt z. B. „Hum" als ein relativ hoher 
Berg; „Humac, Humic" deutet nur auf eine massige Bodenerhe- 
bung ; „Hümisce" (also „Humiste") bezeichnet einen „Hum" samt 
der nächsten Umgebung oder Ansiedlung auf, an oder am 
Fusse desselben, welchen Unterschied der Slave sofort er- 
kennt, weil er diese Suffixe auch sonst analog anwendet. — 

Oene alten Namensformen können daher zu gleicher Zeit als 
keltisch, rhälisch, illyrisch oder venetisch angesehen werden, aber 
niemals als „deutsch" im modernen Sinne. Die einzige Konzession, 
die man den streitenden Parteien einräumen muss, ist die, dass die 
heutige, auf „Imst" verballhornte Namensform tatsächlich eine deut- 
sche ist, falls jemandem die Verunstaltung eines Namens bis zur 
Unkenntlichkeil seiner Originalität ein kulturelles Verdienst bedeutet. 

M. Z. 



I 



Zur Schreibweise der Ortsnamen. 

In der deutschen Schreibweise der Ortsnamen haben sich ge- 
wisse, schon stereotype Kontradiktionen derart eingebürgert, dass 
sie bereits niemandem mehr besonders abnorm erscheinen ; ja, man 
muss zugeben, dass wir im Millelalter in dieser Hinsicht noch weit 
besser daran waren. Allerdings ist es richtig, dass der Deutsche 
wenig Sinn und Verständnis für das Slavische hat, was namentlich 
in Österreich, wo man nahezu überall nachbarlich oder doch gemischt 
mit den Slaven verbunden ist, höchst sonderbar klingt, aber daran 
ist einstweilen bei dem geringen Anpassungsvermögen für kosmo- 
politischere Anschauungen nichts zu ändern. 

Doch besteht dabei auch keine Logik, denn der Deutsche schreibt 
französische, englische, italienische, ja selbst türkische Namen und 
Wörter durchwags so, wie sie in der Originalsprache dargestellt 
werden, die slavischen aber sonderbarerweise nicht. Er schreibt das 
slavische „Straza" schon als „Strascha", und sagt, er habe keinen 
„z"-Laut; weshalb hat er aber bei „Dijon" einen solchen, ohne dabei 
„Dischon" zu schreiben ! Weshalb schreibt er statt „Shakespeare" nicht 
„Schäcksbier" ? — Schreibt er „Strascha" (oder gar „Strass"), so än- 
dert er aber damit zugleich die Etymologie des Namens, denn „stra- 
ziti" bedeutet: bewachen, „strasiti" hingegen: erschrecken, 
geistern. — Der Ortsname „Makow" wurde im Oahre 1233 in die- 
ser Form geschrieben; heute schreibt ihn der Deutsche als „Mackow" ; 
der uneingeweihte Slave muss aber daraufhin den Namen „Mazkow" 
lesen. Wozu wird „Gorica", der urslavische Begriff für Anhöhe, 
im Deutschen zu „Görz", im Italienischen zu „Gorizia"? Weshalb die- 
ser Luxus von etymologisch verdorbenen Namensformen ! — Trotz- 
dem herrscht aber dabei doch keine Konsequenz, denn andererseits 
schreibt man wieder „Caslau" (nicht „Tschaslau") sowie „Zötkiew" und 
durchaus nicht etwa „Scholkieff" usw. ; wozu also zweierlei Mass 
ä conto der Originalität!? 

Vorbildlich gehen in dieser Hinsicht die Italiener vor, trotzdem 
sie einen sprachlich nahezu homogenen Staat bilden. In ihrer Militär- 
karte wird jeder Name so geschrieben, wie er lokal lautet; um je- 
doch zu wissen, welcher Sprache er angehört, erhält er vorne einen 
konventionellen Weiser, damit dessen Etymologie und Aussprache 
nicht getrübt werde. In Österreich hingegen wird der falsche Name 
als Hauptname hingestellt; bestenfalls erfolgt in der Klammer erst 
die Verbuchung des wirklichen ; ja, in rein slavischen Gegenden wird 
fast jeder Nam.e irgendwie deutsch montiert, obschon ihn so niemand 
gebraucht, wie z. B. „Borovec" wird regelmässig zu einem „Boro- 



1)02 

wetz", „Laznik" zu „Lassnigg", „Toplice" zu „Töplitz" u. a. m. — 
Der sprach- und kullurgeschichllicheWert eines Orts- 
namens rutit aber immer in dessen primärer Form, 
daher diese bis zur äussersten Akribie gehegt werden 
soll. — Hauptmann A. 3. 

Ein Fall slavischer Kontrafälschung eines Ortsnamens. 

Man beschuldigt in neuerer Zeit sehr gerne die Slaven, dass 
sie Ortsnamen fälschen, wenn sie die allurkundlichen topischen Na- 
men wieder in der Urform im praktischen Sprachgebrauche auferste- 
hen lassen. Dieses ist jedoch in der Hauptsache unrichtig. Es ist doch 
vollkommen korrekt, wenn man 2. 3. den Ortsnamen „Krondorf" 
(Cberösterreich) heute im slavischen Verkehre so benennt, wie er 
zur Zeit der slavischen Bewohner daselbst wirklich lautete. Der Name 
hiess aber im Jahre 834 noch „Granesdori" und lag an der Enns „in 
parte Sclavanonim" { im Gebiete der Slovenen). Nun haben die Slo- 
venen den Gattungsbegriff „Dorf" gewiss nicht zugefügt, der Original- 
name kann sonach nur „Gran" (oder „Granec"), d. i. Grenzdorf 
gelautet haben, was umso einleuchtender ist, da er an der die Lan- 
desgrenze bildenden Enns liegt. Würden die Slaven den Ort heute 
als „Krona" benennen, so wäre dies sprachgeschichtlich falsch, weil 
dieser Name demnach nicht mehr auf die Urform, sondern auf die 
deutsche Anpassung aufgebaut wäre. 

Leider kommen aber in neuester Zeit auch solche Missgriffe 
vereinzelt vor, denn es wird in dem Bestreben, den Ortsnamen eine 
slavische Form zu geben, nicht immer der Weg zum Originalnamen 
betreten. So befindet sich auf einer Kartenskizze in Prof. Niederles 
Werke „Slovariske sfarozitnosti" („Slavische Altertümer"), T. II, Heft 2, 
der Name „Velky zvon" für den Grossglockner, was von einer 
bedauerlichen Oberflächlichkeit oder Eigenmächtigkeit eines Schrift- 
stellers zeugt, und damit zugleich auch einen bedenklichen Schluss 
auf die Verlässlichkeit der sonstigen Daten im Werke suggeriert. Die 
bekannte Grenzhöhe zwischen Kärnten und Tirol heisst bei den Slo- 
venen seit jeher „ Veliki Kick" ; die Deutschen schrieben es früher 
„Kleck, Grosskleckner, Klöck", und daraus wurde mit der Zeil ein 
„Grossglockner". Aus dieser neueren, also sprachlich schon verdor- 
benen deutschen Form konstruierte nun Niederle, — oder wurde er 
selbst durch jemand bewusst irregeführt — , da Gl ecke im Slavischen 
„zvon" lautet, einen nicht existierenden und nirgends bekannten neuen 
Namen, wobei ihm noch der Fehlgriff passierte, dass er den Begriff 
„Glockner"-nicht als „zvonar, zvonikar" übersetzte. [„Vclky zvon" heisst 



203 

doch erst „Grosse Glocke" !) Der eigentliche sprachgeschichlliche Name 
lautet jedoch „Kiek", d. i. Felsklippe (im Slovenischen), hat daher 
mit der Glocke weder etymologisch noch auch figürlich etwas gemein. 

Wenn sich daher die Deutschen gelegentlich über unsere Wieder- 
erwe:kung der alten topischen Namen sehr mit Unrecht belustigen 
wollen, so haben sie in diesem Falle einmal recht, denn hier 
wurde tatsächlich ein neuer Name einem falschen se- 
kundären Namen nachgebildet.*) 

Es ist wohl gar kein Zweifel, dass die Wissenschaft mit der 
Zeit den meisten Ortsnamen die alle, sprachgeschichtlich zukommende 
Form wiedergeben wird, aber solche Willkürlichkeiten und nebel- 
hafte Neubildungen m.üssen auf das Entschiedenste zurückgewiesen 
werden, denn sie erhöhen nur noch den ohnehin bestehenden heil- 
losen Wirrwar in der Toponomie. Wer über slavische Altertümer 
schreibt, halte sich an die alten Quellen oder schütze uns wenigstens 
vor Vorwürfen, die nach einem Einzelfalle leicht zum Generalisieren 
führen. — M. Z. 

Bedeutung des Begriffes „sip" in alten Urkunden. 

In Sachsen heisst der vierte Teil eines Scheffels das Sippmas s 
(10 Mass 14 Liter), welcher Ausdruck aber sprachlich daselbst schon 
unverständlich ist; in Deutschland muss aber der Begriff „sip, zip" 
einst in vollem Gebrauche gewesen sein, da er sich in ungezählten 
alten Urkunden wiederholt. Unter „sip" verstand man früher die 
Abgabe von Getreide an die Gutsherrschaft im allgemeinen. Bei 
den Slovenen war es bis zum Jahre 1848, der endgültigen Aufhebung 
der Leibeigenschaft, allgemein im Gebrauche, von „sip" und „sipati" 
zu sprechen. Der Verfasser hörte in seinen Knabenjahren oft noch, 
dass die Leute im Gespräche bemerkten: „ku smo imeli sip", d. h. 
der Tag der Getreideabgabe an die Gutsherrschaft, oder: „koliko je 
vasa hisa sipala," d. h. wieviel hatte Ihr Haus (an Getreide) geschüt- 
tet? Ältere Leute werden darüber vielleicht noch Ausführlicheres 
wissen. — Der Begriff „Getreide" wurde dabei gar nicht erwähnt, 
denn im Worte „sip, sipati" ( schütten) war dieser schon inbegriffen; 
ja noch mehr: das „Sippmass" setzte immer die „gegupfte" Messung 

*) Niederle schreibt an derselben Stelle auch fälschlich »Belak« statt »Bei- 
jak« (für »Villach«), denn das Grundwort ist nicht »bei« (=^ weiss) sondern »vel« 
(^= gross, fest). — In letzterer Zeit ist vielfach beachtet worden, dass böhmischer- 
seits südslavische Ortsnamen der böhmischen Sprache angepasst werden; wozu 
ein »Lublan« für »Ljubljana«, oder gar ein »Zahfeb« für »Zagreb«! — Diese 
zwei Beispiele mögen weiterhin als Warnung dienen, denn für die Konfusion in 
dieser Richtung wird doch schon von anderer Seite reichlich vorgesorgt. 



204 

voraus, d. h. es wurde solange gemessen, bis sich das Korn nicht 
mehr auf der Schütlung hielt. Jenes Dominium, bei dem „sip" ein- 
geführt war, war sonach besser daran, als jenes, wo man von „mira, 
mera" sprach, denn hier wurde das Aufgeschüttete mit einem Bretl- 
chen, dem „Strichmasse" (slav. „.v//7> striguii" abnehmen, stutzen) 
über dem Rande des Getreidehohlmasses abgestreift. Dieses Mass 
war aber eben auch ein Scheffel oder Metz en, schon vier Sipp- 
masse enthaltend. In den Begriffen „sipati" und „meriti" war daher 
schon die Art, wie das Deputat zu messen sei, organisch enthalten. 
In einer jüngeren Urkunde vom Jahre 1282 heissl es aber z. B. schon : 
„et tres modios triüci et avenac, qiiae vocaiur cipkorn", d. i. „und 
drei Mass Weizen und Hafer, die man „Sip"-Korn nennt" ; es muss 
daher zu dieser Zeit der Begriff „sip" schon nicht mehr so versländ- 
lich gewesen sein, v;eil man noch „Korn" zufügen musste. — Die 
sprachliche wie kulturelle Kongruenz dieses altslavischen Wortes in 
Sachsen, Steiermark, Krain usw. zeigt daher, dass es einst allgemein 
im Gange war, und dass sich die Deutschen in der Zeit ^^ex Unter- 
brechung des slavischen Spracheinflusses noch immer weiter der all- 
gemeinen und lief eingelebten Gebrauchsbegriffe aus älterer Zeit im 
praktischen Leben bedienten, weil diese wohl zugleich die präg- 
nantesten waren. 

Zugefügt sei hier noch, dass der Begriff „gegupfl" auch das sla- 
vische „kup" ( Haufen) zur Grundlage hat. — 

Die Sichtung und Sammlung der technischen Begriffe in der al- 
len Volkswirtschaft, im Volksrechle, im Geld- und Handelswesen u. 
dgl. verspricht daher noch sehr lohnende Erfolge für die Klärung der 
tatsächlichen Kulturverhältnisse der Altsiaven. Dr. A. K. 

Falsche Auslegung einer altslavischen Glosse. 

Die Handschrill: „Wilde 'i tractatus metaphisici per maniis Mag.Joh. 
Mus de anno 1389". die sich seit dem Jahre i648 in Stockholm be- 
findet, enthält unter anderen böhmischen Glossen auch folgende: 
„prdnii druzy v roh". — Allgemein staunte man bisher, wie Hus das 
Wort „prdniii" gebrauchen oder sonst jemand in ein solches seriöse 
Werk einfügen konnte, da es doch in gebildeten Kreisen gebrauchs- 
verpönt ist. Doch gerade dieser Umstand musste zur Umschau an- 
regen, ob der Ausdruck nicht doch eine andere, salonfähigere Bedeu- 
tung habe, und trotzdem nahm sich niemand diese Mühe. Im Slove- 
nischen heisst nämlich „prda" die Schalmei, „prdnitr blasen! 
die Stelle lautet daher: die Kameraden bliesen ins Hörn. 



205- 

Ich hörte daheim (Untersleiermark) wiederholt die Aufforderung 
an den Gemeindehirten, der immer mit einem Hörne ausgerüstet sein 
musste: „cas Je, prdni v rogJ", d. h. „es ist Zeit, das Hornsignal zu 
geben", denn auf dieses hin liess man aus jedem Hofe das Weidevieh 
gleichzeitig auf die Ortsgasse hinaus, und der Hirte trieb nun alles 
vereinigt auf die Weide. — Man darf daher, wie dieses Beispiel zeigt, 
nicht gleich die Forschung abschliessen und ein positives Schluss- 
urteil abgeben, wenn sich im Dorfe des Auslegers selbst noch keine 
Lösung findet, da jeder Begriff lokal gewisse Bedeutungs- und Auf- 
fassungsmetamorphosen annehmen kann. — M. Z. 

Slavische Handschriften in Venedig. 

3. Kukuljevic, Landesarchivar in Agram, suchte in den Jahren 
1851 und 1853 die Archive in Venedig auf, da er damals Materialien 
für die Geschichte der Südslaven snmmelte. Ausser den verschiedenen 
anderen öffentlichen wie privaten Sammlungen schildert er als die 
imponierendste jene des gewesenen Klosters „dei Frari", die in mehr 
als 300 Zimmern ungefähr 13 Millionen alter Handschriften enthält. 
Es gibt darunter eine Unzahl von Originalhandschriften der russischen, 
böhmischen, polnischen, südsiavischen wie ungarischen Könige, der 
Republik Ragusa, Berichte über Dalmatien, Istrien, die Uskoken u. a. m. 

Man vermag sich da gar keine Vorstellung zu machen, wie viel 
Quellen und Belege es da noch für die slavische Geschichtsschreibung 
gibt, die noch heute ungekannt oder doch unverwertet erliegen, denn 
eine wirklich wissenschaftliche oder gewissenhafte Durchforschung 
eines so riesenhaften Archivs könnte auch in einer Richtung allein, d. i. 
in diesem Falle der historischen, erst in Dezennien absolviert wer- 
den; wie viel Anhaltspunkte bieten sie aber noch dem Sprachforscher, 
Kulturhistoriker, Paläographen u. ä. — Es wäre daher wohl an der 
Zeit auch hier endlich einmal einen Anfang zu machen, womit sich 
auch das ewige Wittern von Fälschungen altslavischer Handschriften 
von selbst legen würde. — Prof. 3. H. 

Woher hatten die alten Völker den Bernstein? 

Die Geschichte sagt konsequent, dass der Bernstein nur im Ge- 
biete der Ostsee und deren Küstenprovinzen zu finden sei, und von 
dort holten sich ihren Bedarf auch die Phönizier, Semiten, Etrusker, 
Römer u. a. — Ob aber dies in allen Teilen richtig ist, muss sehr 
bezweifelt werden, u. zw. nicht deshalb, weil die prähistorischen 
Gräber Südeuropas viel reicher an Bernsteinbeigaben sind, als die 
des Nordens, sondern weil man um das Oahr 1843 neuerlich am 



206 

Dnjepr sowie am Ufer des Schwarzen Meeres bedeutende Lager von 
Bernstein gefunden. Sonderbarer Weise blieb aber diese Entdeckung 
in der wissenschaftlichen Welt nahezu unbeachtet, obschon sich da- 
raus neue Fragepunkte und äusserst wichtige Folgerungen ergeben, 
denn hiedurch ist nicht nur die Hypothese der speziellen Bernslein- 
bildung im Oslseegebiete erschüttert, sondern der Zweifel wachgerufen, 
ob die Phönizier, Philister, Semiten, Etrusker u. a. ihren Bernstein 
überhaupt von der Ostsee holten ; von den Römern fehlt aber ohne- 
hin jede Spur, dass sie je bis zur Ostsee gelangten. Am Schwarzen 
Meere hingegen hatten die Phönizier Kolonien ; ist es da nicht nahe- 
liegender, dass sie ihren Bernsteinbedarf viel müheloser hier erhalten 
konnten, als im Kurischen Haff, dem rätselhaften Lande der noch 
rätselhafteren Hyperboräer? — Vielleicht wird sich auf dieses hin 
über die Völker Herodots in Skythien auch eine ganz andere Lösung 
finden lassen; wer weiss ob diese hohen Gebirge, des Namens 
„Hripai" und „Hyperborei" nicht im Kaukasus zu suchen sind, da es 
im Norden Russlands doch keine hohen Gebirge gibt, und sind die 
„Hripai" eben die slavischen „hribi" ( Gebirge), welcher Name sich 
auch als Gebirgsbezeichnung anderswo oft wiederholt. Auch sonst 
muss Herodot die russischen Namen gut verstanden haben, da er 
sie zum Teile wörtlich übersetzte, wie „Melanchleni" (vermutlich die 
Bewohner des Gebietes der Schwarzen Erde („Cernozjom"), „An- 
drophagi" (für Samojeden), „musos" ( muzi), worunter er jene Sol- 
daten im Heere des Xerxes versteht, die vom Schwarzen Meere 
stammten u. a. 

Ein besonderes Interesse hat aber die Tatsache, dass sich alle 
diese Bernsteinlager seit der ältesten Zeit auf slavischem Gebiete 
befanden, daher wohl auch die slavische Bezeichnung „jantar" oder 
„jandar" für den Bernstein die ursprünglichste ist, und aus dieser 
Etymologie entwickelten sich erst alle weiteren Begriffsvariationen. 
„Oantar" ist gleichbedeutend mit Grenz- oder Uferstein („jan" Grenz- 
scheide, Grenzfurche). Die Art der Auffindung des Bernsteines recht- 
fertigt dies, denn er wird nach jedem Nordsturme gegen die Küste 
geschvyemmt, dort ausgeworfen und aufgelesen. — Dieselbe Etymolo- 
gie hat aber auch der „brisingamen" ( brizni kamen, d. i. „brig, 
breg" Ufer, Strand, „kamen" Stein), mit dem sich, wie dies die 
Edda erzählt, Freya zu schmücken pflegte. Hat nun der Kompilator 
der Edda den Begriff nicht mehr verstanden, so beweist dies klar, 
dass er dabei slavische Volkspoesie zusammengerafft haben muss; 
hat er ihn verstanden, so ist es umso verwunderlicher, dass er ihn 
nicht übersetzt hat, denn schliesslich ist „Bernstein" (als „Bergenstein", 
Berg-breg Ufer) doch nur eine Übersetzung des Begriffes „jantar" 



207 

und „brisingamen", daher beide Wortformen bewussl oder unbewussl 
verunslallet wurden. 

Diese Begriffsspaltung setzt sicti aber spractiorganisch noch wei- 
ter fort. Als im XII. Jahrhunderte der Deutsche Ritterorden die Ost- 
seeprovinzen eroberte, nahm er den besiegten pommerschen Herzogen 
auch das Bernsteinregal ab. Von nun an hiess der Bernstein „Strand- 
segen", wobei jedoch offenkundig der Begriff „jantar" als „jan-dar" 
(„dar" Gabe, Spende) mechanisch übersetzt wurde, falls er je im 
Originale ein zusammengesetztes Wort war, denn in jener Zeit wurde 
die Umformung alles vorgefundenen Slavischen ins Deutsche geradezu 
mit Hochdruck betrieben. 

Man kommt nun auf diese Weise zu immer kurioseren Ent- 
deckungen über die alten Kulturverhällnisse, die Bildung von Stoff- 
und Gattungsnamen, die wahre Provenienz der Edda, die Unhaltbar- 
keit so vieler wissenschaftlicher Hypothesen u. dgl., d. h. die gang- 
bare Behauptung, dass die Slaven alle Kultur von den Deutschen 
haben, stellt sich immer mehr als eine hohle, windige Phrase heraus, 
trotzdem wir uns heute doch erst im Anfangsstadium dieser wissen- 
schaftlichen Nachkontrolle befinden. Dr. K. H. 

Zur Erfindung der Palimpsest-Photographie. 

In der Zeit vom VII.— XII. Jahrhunderte herrschte allgemein die 
Sitte — eigentlich Unsitte — beschriebene Pergamente zu reskribie- 
ren, d. h. von neuem zu beschreiben, was wohl durch die Seltenheit 
und Kostbarkeit des Maleriales bedingt war. Namentlich war dies in 
jenen Zeiten der Fall, als noch vorwiegend das feine, graue Perga- 
ment angewendet wurde, das vielfach von Schafen (oder Ziegen) 
stammte, die man kurz vor dem Wurfe dem Mutterleibe entnahm ; 
später jedoch, als man auch Kalb-, Ziegen- oder Eselsfelle dazu ver- 
wendete, hörte dieses kulturwidrige Sparsystem auf. 

Mangelte es nun an Pergament, so wurde ein schon beschrie- 
benes, dessen Text man entbehrlich fand, hiezu gewählt. Man kratzte 
die Schrift mit einem Schabmesser ab, glättete die nun rauhe Fläche 
mit einem Bimssteine und legte überdies meist das Pergament um, 
damit die neue Schrift die alte nur kreuze und auf diese Art deut- 
licher erscheine. Catullus (gest. um d. J. 54 v. Chr.) beschreibt schon 
diese Prozedur in ganz gleicher Weise, und hiess eine solche Schrift 
bei den Römern „codex rcscripfus", bei den Griechen „Palimpsest". — 
Vereinzelt hat man auch Palimpseste gefunden, die schon zweimal 
reskribiert waren. 



208 

Da aber die Schriften fast durchgehends mit eisenliältiger Tinte 
geschrieben waren, drang der Schreibstoff tief in die tierische Faser 
ein, konnte daher nicht mehr spurlos entfernt werden. So kommt es 
nun, dass man die erste Schrift bisweilen noch mit unbewaffnetem 
Auge wahrnimmt, zumeist aber erst nach Anwendung von optischen 
oder chemischen Hilfsmitteln. So wurde z. B. Ciceros Schrift ,.De 
repiiblica" erst um das Jahr 1820 als Palimpsest unter einem bibli- 
schen Texte in der Vatikanischen Bibliothek entdeckt. 

Begreiflicherweise können aber die meisten Palimpseste auf diese 
Art noch nicht gelesen werden. Doch hat nun der Benediktiner P. 
Raphael Kögel des Klosters Wessobrunn im üahre 1912 ein chemi- 
sches Mittel gefunden, durch welches man solche Handschriften der- 
art photographieren kann, dass das Palimpsest in einer bisher nicht 
bekannten Stärke wieder erweckt wird, wodurch die Entzifferung dem 
Forscher oft verhältnismässig sehr leicht gemacht, zum mindesten 
aber doch dem Erkennen näher gebracht wird. Die jüngere Schrift 
kann dabei ganz zurückgedrängt oder aber derart geschwächt wer- 
den, dass sie wenigstens das Lesen an den sich deckenden Stellen 
nicht stört. 

Auf diese bedeutungsvolle Erfindung hin errichtete die Erzabtei 
Beuron (Deutschland) das Palimpsest-lnstitut, welches nun von derlei 
Schriften jeglicher Literaturrichtung die Photographie des Palimpsestes 
erzeugt, wodurch nicht nur verlorene Literaturdenkmäler wieder zum 
Vorscheine kommen, sondern dieses ist besonders in paläographi- 
scher Hinsicht von hervorragendem Werte, denn wir wissen dadurch 
sicher, wenn z. B. die Zeit der jüngeren Schrift irgendwie fixiert ist, 
dass die untere unbedingt noch älter ist. Es lässt sich vielleicht auf 
diese Weise auch mit der Zeit eine systematische Klassifikation der 
Handschriften nach ihrer geographischen Provenienz aufstellen, sowie 
nach den charakteristischesten Merkmalen mitunter auch die Schrift- 
zeit annähernd bestimmen. 

Für Besitzer von Palimpsesten ist die neue Erfindung von mehr- 
fachem Vorteile, denn jede solche Handschrift kann hiemit einen viel- 
fach erhöhten Wert erhalten, da die verborgene Schrift eine wichtige 
Bereicherung der Literatur, oder doch eine überraschende Ergänzung 
zu unserer Geschichte, Sprache oder Kultur bringen- kann. Es werden 
nun auch von der ganzen Welt die Palimpseste nach Beuron zur 
Feststellung der primären Schrift zugesendet. 

Die meisten, ältesten und wertvollsten Palimpseste (an 700) 
wurden im Benediktinerkloster zu Bobbio (Lombardei), das im Jahre 
612 vom Irländer Columban gegründet wurde, gefunden, und befinden 
sich jetzt in der Vatikanischen Bibliothek. 



209 

Von den slavischen Handschriften sind einstweilen die Grün- 
berger Handsclirift, das Vysetirad-Lied und das sogenannte „Minnelied", 
alle im Landesmuseum zu Prag, als Palimpseste bekannt. Von allen 
dreien, die bekanntermassen frühier als unecht verdächtigt wurden, 
bietet das meiste Interesse die erstgenannte. Ihre obere Schrift kann 
schon dem VI. Jahrhunderte angehören, da sie der Bibelschrift Ulfilas 
(V. Jahrh.) stark ähnelt. Es muss nun die höchste Neugierde hervor- 
rufen zu erfahren, welchen Inhalt wohl die untere Schrift hat, und 
welcher Zeit diese angehören mag. Dass aber Hanka, der doch be- 
kannt ein unermüdlicher Sammler und gewissenhafter Konservator 
war, eine so alle Schrift abkratzen würde, nur um sich Pergament- 
material zu Fälschungen zu verschaffen, ist eine derart boshafte Ver- 
mutung, dass darüber wohl für alle Zeiten wortlos hinweggegangen 
werden kann. 

Wieder in anderer Hinsicht ist das „Minnelied" erwähnenswert. 
Dieses wird nur deshalb als gefälscht angesehen, weil es als echt 
dem XIII. Jahrhunderte angehören würde, aber im Palimpseste will 
man eine Schrift des XV. 3ahrhundertes entdeckt haben, was selbst- 
redend nur ein kräftiger Ausweg war, die Handschrift, weil sie 
slavischist, zu kompromittieren. — Ähnlich steht es mit dem 
„Vysehrad-Liede". 

Die Verwaltung des Böhmischen Landesmuseums wurde angeb- 
lich von mehreren Seiten aufgefordert, diese Zweifel durch die Ein- 
holung von Palimpsest-Photographien aufzuheben. Dieser Beseitigung 
des Zankapfels, um welche sich schon die wüstesten und unwürdigsten 
nationalen wie wissenschaftlichen Streitigkeiten abspielten, weicht sie 
aber aus, um ihre passive Mitschuld an dieser slavischen Kultur- 
schände noch so lange, als nur möglich, verdeckt zu halten. 

Da jedoch keineswegs ausgeschlossen ist, dass diese Hand- 
schriften einmal spurlos verschwinden, ehe deren Palimpseste fest- 
gestellt sind, wäre es ein dringendes Postulat, schon aus Vorsichts- 
gründen, die Palimpsestierung derselben zu bewirken, denn es ist ja 
wahrscheinlich, dass sich darunter auch weitere slavische oder sonst 
hochwichtige Texte befinden, die uns neue Literatur- oder Kultur- 
denkmäler erschliessen ; namentlich ist dies bei der Grünberger Hand- 
schrift bestimmt der Fall, die doch das weitälteste Schrift- 
denkmal aller Slaven repräsentiert, daher die Kenntnis 
ihres radierten Textes eine besondere Neugierde der Gelehrtenwelt 
hervorrufen muss.*) — Dieses ängstliche Versleckthalten kompromit- 

*) Diese wertvollste aller bekannten slavischen Handschriften war bereits 
ganz vergessen und kümmerte man sich seit dem Jahre 1840 nur mehr insoweit 
darum, dass man sie im Verruie des Falsifikates evident hielt. Erst i. J. 1911 

14 



210 

Üerl selbstredend in erster Linie die böhmische Wissenschaft auf das 
empfindlichste ; es schädigt aber auch in hohem Masse das Vertrauen 
zum Landesmuseum, denn wer wird einer Anstalt, die eine allgemeine 
Bildungsstätte sein und bleiben soll, noch weiterhin etwas übergeben 
oder widmen, wenn sie mit hochbewerteten Spenden derart idolent 
oder unwissend umgeht. ^ Dr. 0. P. 

Zusatz d. Red. Damit die Leser des „Slaroslovan" einen Ein- 
blick in das Aussehen der ausserordentlich wertvollen Grünberger 
Handschrift erhalten, deren Echtheitsverdächligungen bekanntermassen 
der Prager Universitätsprofessor Dr. Thomas Masaryk im Jahre 1886 
arrangierte, die jedoch mit der Wissenschaft absolut nichts zu schaffen 
hatten, wird in der Tafel II ein Faksimile der 8. (letzten) Seite geboten. 

Überdies wird anschliessend eine kleine Probe der Schrift aus 
Ulfilas Bibel zum Vergleiche der auffallenden Ähnlichkeit beigefügt, 
was annehmen lässt, dass in der Zeit der Verfassung beider Hand- 
schriften keine grosse Spannung sein könne. — 

Die Palimpsest- Photographie würde höchstwahrscheinlich alle 
diese Rätsel klären, doch ist damit bei der heutigen tiefbedauerlichen 
Verquickung der Wissenschaft in Böhmen durch die Politik, wie die 
Tatsachen schon bewiesen haben, nicht zu rechnen, es wäre denn, 
dass die infolge der Suspendierung der Landesautonomie eingesetzte 
Verwaltungskommission, dieser frivolen Verhetzung und unverdienten 
Verhöhnung der böhmischen Nation, die hiefür die kräftigsten Verbal- 
kam ein Slovene, Major M. Zunkovic, gelegentlich von Forschungsarbeiten im 
Landesmuseum darauf, dass diese Handschrift keine Fälschung sei, sondern dass 
der Text, der den heutigen Slovenen noch nahezu vollkommen verständlich ist, 
unrichtig kommentiert v/erde, sowie dass unterhalb noch eine ältere Schrift 
sei, die mit unbewaffnetem Auge erkennbar ist, von der aber nur eine Stelle im 
Wege der modernsten photographischen Reproduktion näher lesbar erscheint. 
Diese Stelle wurde vom Professor Dolansky als ein Kryptogramm Hankas, lautend 
»V, Hanka fecil« gelesen; llniversitätsprofessor Dr. Ernst Kraus (Prag) las sie 
als »lump« (!?; soll angeblich gar nicht als banaler Witz aufzufassen sein!) und 
2unkovic als »u niei ste«. — Letzterer bat in seinem Werke: »Die Handschriften 
von Grünberg und Königinhof, dann das Vysehrad-Lied« (»Die irrtümlich als 
moderne Fälschungen geltenden ältesten böhmischen Dichtungen«. Kremsier 1912) 
nach allen Seiten hin die Echtheit nachgewiesen sowie auch eine sprachlich 
richtige deutsche Übersetzung geboten, die nun die bestehenden Differenzen 
darüber in der Gelehrtenwclt zum Schweigen gebracht hat. — 



I 



211 



injurien ruhig hinnehmen musste, ein rasches Ende machen würde. 
Die rechtliche Handhabe ist hiezu zweifellos vorhanden, da das Landes- 
museum vom Staate 35.000, vom Lande sogar 107.000 K jährlich aus 
Steuergeldern Subvention erhält, und sind die Handschriften auch 
durchaus kein privates sondern ein öffentliches Gut. 

Man sagt auch, dass man diese Handschrift des möglichen Ver- 
lustes wegen nicht der Post anvertrauen könne. Sonderbar: täglich 
werden viele Millionen von Wert der Post anvertraut! Übrigens ist 
die Grünberger Handschrift doch ein „Falsifikat", also wertlos, oder 
höchstens ein Objekt für ein Polizeimuseum ; überdies wird sie seit 
Dahrzehnten auch in Prag in keinem diebs- oder feuersicheren Schrank, 
sondern in der untersten Schublade eines primitiven Holzkastens (!) 
verwahrt; es steht daher diese plötzliche Fürsorge in keiner Relation 
zu ihrer dermaligen höchst unsicheren Aufbewahrungsmethode. — 
Ist jedoch dies das einzige Hindernis, so werden sich gewiss auch 
vertrauenswürdige Männer finden, welche auf eigene Kosten damit 
nach Beuron fahren, und umgekehrt, kann der betreffende Apparat 
von dort auch nach Prag gebracht werden. Man versuche es nur, es 
wird schon gehen! — 

Der Text der Handschrift, wie er sich auf der Tafel II bietet, 
lautet in getreuer Überschreibung : „zapodobno prevencu dedinii dati 
pravda. — Vsta lubusa s otna zlata stola, vece kmeie lesi i vladiki: 
sliseste zde poganenie moje; sudie sami po zakonu pravdu, u nebudii 
vom suditi svadi; volte muza mezi sobu rovna, Ki bi vladl vam po zele, 
SU divcie ruka na vi k vlade slaba. — Vsta ratibor od gor krekonosi, 
je se tako slovo govoriti: nechvalno nam v nemceh iskafi pravdu, u nas 
pravda po zakonu svatu, juze prinesehu otci nasi v sez ..." — 

Ein vergessenes dalmatinisches Arzneimittel gegen 

das Hundswutgift. 

Die heutige ärztliche Wissenschaft spricht es unverhohlen aus, 
dass alle die Geheimmittel als Massnahmen gegen das Hundswutgift, 
wie Abführ-, Brech- oder schweisstreibende Mittel wert- oder in ihrer 
Wirkung aussichtslos seien. — Nun dem scheint aber folgende Tat- 
sache entgegenzustehen. Der kroatische Lehrer Oosef Lalic im Städt- 
chen Vrbovsko (Insel Lesina) war um das Dahr 1840 weit und breit 
bekannt, dass er eine Arznei zu bereiten wisse, die gegen die nach- 
teiligen Folgen des Bisses eines tollwütigen Hundes sicher schütze. 
Er wendete hiezu einen Absud der in Dalmatien wachsenden Enzian- 
art, Gentiana cruciaia (kroat. „gorcica", slov. „gorecica", böhm. „hofec", 
poln. „gorycz", russ. „gorcanka") an. Der Erkrankte musste von die- 

14* 



212 

ser Flüssigkeit nehmen, worauf er zuerst in starken Sctiweiss geriet 
und dann in längeren Sclilaf verfiel ; nach dem Erwachen war die 
Gefahr beseitigt. 

Lalic wurde zu diesem Zwecke wiederholt ins Ausland berufen, 
und erhielt für die Veröffentlichung des Heilmittels nach der Fest- 
stellung, dass seine Kur überall mit positivem Erfolge endete, von 
der österreichischen Regierung 10.000 fl. als Belohnung und eine 
Lebensrente von 800 fl. 

Es ist kein Zweifel, dass dieses Heilmittel geheim bei den Be- 
wohnern des dalmatinischen Küstengebietes längst bekannt war; ver- 
wunderlich ist es aber, dass es später wieder in Vergessenheil 
geriet, denn es ist sicher, dass da viele seriöse Beweise vorgelegen 
sein müssen, ehe man das Geheimnis um eine verhältnismässig so 
hohe Summe erkaufte. 

Ein ganz ähnliches Schicksal hatle bei den Dalmatinern das 
Heilmittel gegen den Bandwurm. Dasselbe, aus einem Dekokte der 
Granatapfelrinde bestehend, kannten die Bewohner seit unkontrollier- 
baren Zeiten und wendeten es mit vollem Erfolge an. Doch erst ein 
österreichischer Mediziner, der in Dalmatien im Heeresdienste stand, 
kam hinter das offene Geheimnis, und führte dieses Volksmittel, da 
es talsächlich die wesentlichsten Bestandteile aller der zahlreichen 
pharmakopöischen wie Geheimmillel vereinigt enthält, zur Abtreibung 
des Bandwurmes allgemein in die moderne Medizin ein. 

Es müsste sich daher der Mühe lohnen, wenn man einerseits 
die bekannten Volksarzneimittel, wie sie in allen slavischen Kräuler- 
büchern noch enthalten sind, andererseits aber auch die geheime^ 
nur traditionell sich fortpflanzende Volks-Pharmakologie, nochmals in 
bezug auf ihren wahren Effekt nachprüfen würde, wobei noch man- 
ches wertvolle Mittel zum Wohle der leidenden Menschheit seine 
Rehabilitation erfahren dürfte. Die moderne medizinische Wissenschaft 
setzt sich zwar gerne souverän über solche Zumutungen hinweg, 
aber die Umstände, dass der Naturmensch selbst am misstrauischeslen 
gegen Heilmittel ist, die er empirisch nicht als wirksam kennt, dann 
dass die Natur selbst gegen die eigenen Krankheitserscheinungen 
Gegenmittel bergen muss und talsächlich birgt, rechtfertigt diese An- 
regung, ohne dass man deshalb oder hiemil noch für die alle „Bader"- 
Kunst eine Lanze brechen will. Dr. R. B. 

Die Marderfell-Abgaben. 

Fr. Sasinak (Eggenberg b. Graz) teilt in Ergänzung zum Artikel 
„Jus primae noctis bei den Slaven" (Seile 57) mit, wonach die Abgabe 



213 

von Marderfellen in Kroatien und Slavonien seinerzeit tatsächlich ein- 
geführt war; allerdings hatte diese Steuer mit „Jus primae noctis" 
absolut nichts zu tun. Eine Stelle in den „Statuta Capit. Zagrabiensis" 
sagt: „Coloni vocantiir marturiarii ex co, qiiia olim tales singiili ob- 
tigabantiir pellcm martiirinac annuatim" (d. h. jene Bauern nannte man 
die Marderpflichligen, deren einzelne verpflichtet waren jähr- 
lich Marderfelle als Abgabe zu leisten.) 

Es ist ja natürlich, dass sich der Gutsherr so einrichtete, dass 
alle seine Oahresbedürfnisse durch die Abgabepflichtigen gedeckt 
wurden, die wohl auch derart zugewiesen waren, wie es die örtlichen 
und gewerblichen Verhältnisse praktisch erscheinen Hessen. Der Gutsherr 
bedurfte selbstredend jährlich auch einiges Pelzwerk, doch sieht man 
daraus, dass die vorgeschriebene Abgabe nur für Einzelne galt. 

Wie weitgehend solche „Vorsorgen" mitunter waren, ersieht 
man aus den alten, böhmisch geschriebenen Urbarien der Herrschaft 
Kfivoklat (Pürglitz, Böhmen). Da hatte ein Haus, — vermutlich das 
eines Vogelstellers von Beruf — , sogar die sonderbare Pflicht, Nach- 
tigallen unter das Fenster der Gutsherrin zuzutreiben, so oft diese im 
Wochenbette lag ; die bezügliche Stelle lautet : „kdyz krälovna v sesti- 
neielich s mladym lezi, pod vokna md slaviky honiti k zpiväni." — 

Vandalische Vernichtung von Pergamentschriften. 

Es kommen gelegentlich neue Daten an den Tag, auf welche 
vandalische, ja, oft boshafte Art unzählige alte Pergamente mit wert- 
vollen kulturgeschichtlichen und literarischen Texten in den letzten 
Jahrhunderten vernichtet wurden und für immer verloren gingen ; bei 
99" solcher haben sich aber überhaupt keine Daten darüber erhalten. 
Selbst Palacky erwähnt dessen, wie noch zu seiner Zeit (1798—1876) 
alte Handschriften, namentlich solche slavischen Inhaltes, teilsaus 
Mulwillen, teils aus nationalem Antagonismus für immer beseitigt 
wurden. 

Doch weit mehr als aus politischen Gründen ging von derlei 
Handschriften aus reiner Unwissenheit zugrunde, wobei, so paradox 
es auch klingt, die sogenannte Intelligenz selbst die Hauptrolle spielte, 
und seien hievon nachstehend nur einige Fälle angeführt. — 

Um das Jahr 1850 bemerkte das französische Kriegsministerium, 
dass im Arsenale zu Paris seit langem die Hülsen für die Artillerie- 
geschosse aus beschriebenen Pergamenten unter Leitung von tech- 
nischen Offizieren erzeugt werden. Dem Verbote der Weitererzeugung 
folgte die Untersuchung dieser Pergamente durch Gelehrte, wobei es 



214 

es sich herausslellle, dass darunter bisher ganz unbekannte sehr 
wertvolle Schriften seien. Durch Demontierung gelang es noch an 300 
Urkunden aus der Zeit des XIV. und XV. Oahrhundertes zu retten ; 
welche Mengen aber schon im Laufe der früheren Jahre auf diese 
Art verloren gingen, darüber fehlt natürlich jeder Anhaltspunkt. — 
In Böhmen und Mähren, wo sich im Vergleiche zum slavischen Süden, 
bekanntlich besonders viel Pergamenthandschriften erhallen haben, 
wurde das meiste vandalisch vernichtet, denn ganz abgesehen von 
den Verwüstungen der Archive in Klöstern, Burgen und Städten durch 
die Hussiten und Schweden, dann die gelegentlichen „feierlichen" Ver- 
brennungen nebst den normalen Elementarbränden, erzählt z. B. der 
gelehrte üesuite Baibin (1620— Ib88) auch noch folgendes Erlebnis. 
Er erfuhr, dass sich auf dem Dachboden eines reichen Herrschafts- 
besitzers viele Handschriften befinden und bat nun diesen persönlich, 
ihm einige, die er als besonders wertvoll fand, zu überlassen. Dieser, 
den gebildeten Kreisen angehörende Aristokrat, sagte ihm darauf unge- 
fähr folgendes : „Wenn Sie dies überhaupt interessiert, so können Sie 
es Ohneweilers haben. Schade, dass Sie nicht vor etwa 30 Jahren 
gekommen sind; damals lagen noch Schriften da wie die Garben in 
der Scheune ; Sie konnten ganze Wagen wegführen. Seilher ver- 
brauchten wir täglich etwas davon in der Wirtschaft. Im Vorjahre 
konstruierten wir einen grossen Drachen ; hiezu verbrauchten wir 
allein an dreissig Faszikel von diesen Hadern. Und was hätten wir 
schliesslich damit machen sollen, nachdem das Geschriebene niemand 
mehr lesen konnte!"*) — Was den erwähnten täglichen Verbrauch 
in der Wirtschaft betrifft, weiss man allgemein, dass solche Perga- 
mente besonders den Hausfrauen willkommen waren ; sie unterlegten 
damit das Brot im Backofen, damit sich keine Asche einhacke. — 
Das berühmte Archiv der Burg Pernstein wurde sogar zu Beginn des 
XIX. Jahrhundertes, also nicht etwa im „finstern" Mittelalter, von 
den eigenen Beamten zu Feuerwerkskörpern verbraucht. — Dobrovsky 
(1753—1829) war Augenzeuge, wie bei den Exzessen gegen die Juden 
in Prag aus einer Schule ein wertvolles, in schöner hebräischer Schrift 
verfasstes Altes Testament mutwillig auf die Strasse geworfen wurde; 
einige Tage darauf konnte man in den Strassen einen Vagabunden 
sehen, der eine aus diesen Pergamenten erzeugte Hose trug. — 

Ein Todesurteil wurde auch schon um das Jahr 1835 der Grün- 
berg'er Handschrift zugedacht. Die damaligen „Gelehrten" wussten 
sich mit dieser Handschrift keinen Rat, denn an eine so alte slavische 

*J Wahrscheinlich waren in der Hauptsache slavische Schriften darunter, 
denn zum Lesen lateinischer Manuskripte gab es damals mehr und tiefer 
gebildetere Vertreter wie heute. 



215 

Kultur glaubte damals noch niemand; nebslbei verstand man einzelne 
Stellen überhaupt nicht. Man enlschloss sich daher, um dieses Streit- 
objekt aus der Welt zu schaffen, zu der radikalsten Lösung: die 
Handschrift zu verbrennen! — Der Einfluss Palackys rettete 
wohl die Handschrift, doch wird sie wie ein Aschenbrödel noch heute 
versteckt gehalten, statt sie als das wertvollste Literaturdenkmal aller 
Slaven öffentlich auszustellen. Es muss also da erst die Zeit abge- 
wartet werden, bis die geistige Führung im Böhmischen Landes- 
museum wieder in die Hände von wissenschaftlich seriösen Männern 
kommt, oder bis dies die böhmische Nation oder alle Slaven zusam- 
men selbst gebieterisch fordern. — 

Im Jahre 1858 wurde in Wien ein kleines Handschriftfragment 
gefunden und der Akademie der Wissenschaften daselbst vorgelegt. 
Diese stellte fest, dass der Text ein gefälschtes (?) althochdeutsches 
Schlummerlied enthalte. Im „Athenäum" (1886) wurde die Handschrift 
auch vom Prager Universitätsprofessor Dr. Ernst Kraus, der hiemit 
einen neuen Beleg bringen wollte, dass man nicht nur böhmische 
sondern auch deutsche Handschriften fälschte, besprochen und als 
unterschoben erklärt. Eine Nachprüfung dieses Urteiles ist aber nicht 
möglich, denn der Text ist nach allem gar nicht deutsch sondern 
slavisch, da bisher nicht zu erfragen war, wo sich jene Handschrit 
heute befindet, denn Dr. Kraus musste sie auf jeden Fall noch in 
Wien studiert und in der Hand gehabt haben, da er doch nicht, ohne 
dieselbe genau zu kennen, sein vernichtendes Urteil abgegeben haben 
konnte. — Es scheint also, dass der Fortschritt der Wissenschaft 
auch noch heute nicht über jene Situation ganz hinaus ist, die wir im 
Titel als „vandalisch" bezeichneten, nur verleiht der moderne Beisatz 
„Fälschung" der Sache den Nimbus der moralischen Berechtigung. — 

Noch sonderbarer ist es, dass alle Schriften, die irgendwo in 
der Erde vergraben oder verschüttet gefunden werden, immer gleich 
spurlos verschwinden. So wurde z. B. im Vorjahre eine Menge von 
Schriftrollen in einem verschütteten Hause in Unteritalien gefunden. 
Als sich betreffs des Textes verschiedene Gerüchte bildeten, beschlag- 
nahmte die Regierung den Fund, und seither trat volles Stillschweigen 
darüber ein. — Überdies mag noch vieles unbeachtet und unverstan- 
den in Archiven, Bibliotheken und Museen liegen; an den Neustre- 
litzer Funden zeigten wir bereits, wie so äusserst wichtige Funde 
gleich über 140 Oahre unbeachtet bleiben können, wenn Unwissen- 
heit, Gehässigkeit oder Apathie daselbst regieren. Vielleicht rütteln 
wir hiemit wenigstens die solideren Gelehrtenkreise auf, sich solche 
Objekte doch noch einmal näher zu besehen. M. Z. 



216 

Wissenschaftliche Fragen und Antworten. 

Hier werden ausschliesslich solche einlaufende Fragen veröffentlicht und fallweise 
beantwortet, die das Gepräge eines breiteren wissenschaftlichen Interesses tragen. 

Frage 12. — M. de Ch. (Paris) fragt an, wie man sich dies 
erklären soll, dass im Artikel „Die Geschichte von Igors Kriegszuge" 
(Seile 123) auch die „Venetier" („Venedici") angeführt werden, trotz- 
dem dies weder geschichtlich noch geographisch glaubwürdig erscheint. 

Antwort. Dieser Zweifel ist berechtigt und hätte der Verfasser 
dort als Anmerkung beifügen sollen : „Die nordöstlichen Karpathen 
hiessen im Altertume „Venedische Berge" ; es handelt sich daher hier 
nicht etwa um die Bewohner von Venedig oder Venetien (in 
Italien), sondern um die Slovaken bezw. Russinen, die jene 
Grenzgebiete bewohnen." — Claudius Ptolemäus (lebte im II. Jahr- 
hunderte n. Chr.) erwähnt in dieser Gegend die „Venedikä öre". Es 
war lange darüber ein Zweifel, welches Gebirge dies sein soll, denn 
im Räume von den Karpathen bis zur „Venetischen Bucht" (Ostsee) 
gibt es kein Gebirge. Prof. Niederle bringt unseres Wissens als der 
erste in seinem grossen Werke „Slovanske starozitnosti" (I. Teil, I.Heft 
S. 184) Klarheit in die Lage dieses Gebirges. — Auch ein sonstiger, 
wenn auch inferiorer Umstand bestätigt diese Annahme. In Deutsch- 
land, namentlich im Altenburgischen, nennt man die Drahtbinder oder 
Mäusefallenhändler nicht etwa Slovaken, wie sonst allgemein, 
sondern „Venediger" ; und diejenigen, die glauben, es seien dies 
Italiener, beachten oder kennen eben nicht die Trachtenunterschiede 
und unterscheiden nicht die Sprache. — Es würde sich daher empfehlen, 
jene Aufklärung auf Seite 123 des „Staroslovan" als Anmerkung 39a) 
zuzufügen. — Diese Entdeckung ist aber auch sehr bedeutungsvoll 
für die Echtheit jener Handschrift, denn da ist wieder ein Beweis 
erbracht, dass der Verfasser mit den „Venedikern" nicht phantasiert 
hat, sondern dass umgekehrt die Kenntnisse der Feinde des „Igor- 
Liedes" für die richtige Auslegung so vieler Stellen eben nicht aus- 
reichten. 

Frage 13. — „Teutsch" und „Altslavisch". — E. 3. (Posen) 
wünscht eine nähere Aufklärung über den Satz: „Die Ursprungsfor- 
schung nach allem, was heute als „teutsch" gilt, dürfte daher auf alt- 
slavischer Sprachbasis zu einem überzeugenden Resultate führen." 
(Seite 98, A.) 

Antwort. - Die neueste Forschung führt zu folgender Er- 
kenntnis: Es gibt nur eine — vorläufig — europäische Ur- oder 
Grundsprache. Alle heutigen europäischen Sprachen entwickelten sich 



217 

aus dieser. 3e später sie abschwenkten, desto weniger älineln sie 
aber der Urspractie, weil sicli diese selbst mit der Zeit im praktischen 
Gebrauche änderte. Oener Ursprache am ähnlichsten ist aber heute 
nur noch die slavische, und darunter wieder die slovenische, weil 
sie die Urformen wie die Urbedeutungen der Grundbegriffe am origi- 
nellsten erhalten hat. In diesem Sinne ist also „altslavisch" und 
„ursprachlich" bis zu jener Grenze, an welche wir die Ursprache 
noch verfolgen können, identisch. Trotzdem können wir von „ur- 
sprachlich" da noch nicht sprechen, weil die Ursprache in jenem Mo- 
mente, als sie noch die Kriterien des „Altslavischen" aufweist, auch 
nicht mehr die Urformen gehabt haben dürfte. Wenn wir aber 
trotzdem den Begriff „altslavisch" für die älteste 
Form der historischen AI 1 g em einspräche gebrauchen, 
so ist dies durchaus als keine Konzession an die 
Slaven im modernen Sinne anzusehen, sondern als 
der relativ prägnanteste Terminus. Macht aber dieser 
Terminus jemanden nervös, so möge er sich gleich des Begriffes 
„ursprachlich" bedienen, da er hiemit auch schon über die beiläufige 
Konsistenz jener Ursprache orientiert ist, aber wissenschaftlich kann 
die Tautologie aus den oben erwähnten Gründen eben heute noch 
nicht ausgesprochen werden, da auch die erziehlichen Bedingungen 
für dieses Verständnis noch mangeln. — Zum demonstrativen Beweise 
diene nur folgendes. Auf der nordfriesischen Insel Sylt wohnten an- 
geblich immer nordische und deutsche Völker. Nun erzählt aber die 
Sprache der Sagen, Mythen und Ortsnamen daselbst das reine Gegen- 
teil. Ein gewaltiger Meeresriese, der als Gottheit und namentlich als 
Rächer alles Unrechtes in hohem Ansehen stand, hiess „Boh" (slav. 
= Gott). „Weda" hiess der oberste Kriegsgott; er brachte den Käm- 
pfern nicht nur das Glück in der Schlacht, sondern verlieh ihren Fahr- 
ten auch einen günstigen Wind. Dass das Wort „veda" und „voda" 
in der Etymologie identisch sind („vesti" und „voditi" führen) und 
Führer bedeuten, weiss jeder Slave; überdies nannte man den 
ältesten Herrscher Dänemarks „Voda, Vodan". — Ein Wiesenteil 
heisst dort „laagh", im Slavischen „loka, louka". Floh der Totschläger 
nach der Tat, so rief man am Grabe des Erschlagenen dreimal laut 
„wraek", um ihn der Rache Gottes zu überantworten; und „vrah, 
vrag" heisst doch im Slavischen: Mörder, Bösewicht. Im Gotischen 
und Altsächsischen hiess es auch „vracja" und „vrage" ; das anglo- 
sächsische „vragk" oder „vrage" wollte man auch schon aus dem 
neuhochdeutschen „Rache" deduzieren. Bei den Nordfriesen hiess 
ein solches Malefizgericht: Wrage - Gericht. — Dasselbe gilt für die 
topischen Namen. Ein verschwundener Wachtturm bei Keitum hiess 



218 

„Tipka", d. i. „divka" Ausblick; ein Wachthaus des Namens „War- 
dyn, Wardum" ist voralters vom Dünensande vernichtet worden ; und 
das slavischie „varda, varla" bezeiclinet doch ein Wachthaus, einen 
Wachtposten. Die künstlich aufgeworfenen Hügel, die man als 
Schutz- oder Verteidigungspunkte errichtete, heissen noch heute „Boj- 
ken"- („boj" Kampf) oder „Tinghügel" („tin" Umzäumung, Umfas- 
sung) usw. — Der Beweis, dass ein Wort oder ein Name 
einer bestimmten Sprache angehört, muss aber in je- 
nemMomente aiserbracht angesehen werden, als die 
Etymologie auch der Eigenschaft des damit belegten 
Gegenstandes entspricht. 

Frage 14. — Einheitliches slavisches Alphabet. — 
Mehrfach wurde angeregt, es möge der „Staroslovan" auf die Ein- 
führung eines gemeinsamen Alphabetes für alle Slaven arbeiten. 

Antwort. — Das Streben nach einem gemeinsamen Alphabete 
aller Slaven ist schon etwa 150 Oahre alt, führte aber bisher zu kei- 
nem Erfolge. Der erste, der hiezu die Anregung gab, war unseres 
Wissens der als bedeutendster Slavist des XVlll. üahrhundertes gel- 
tende Slovene Ivan Popovic (1705 — 1774). Mit der gleichen Idee be- 
schäftigten sich weiter auch die Böhmen Pölzt und Dobrovsky, dann 
der Slovene Kopitar. Um das 3ahr 1844 arbeiteten im gleichen Sinne 
auch Jordans „Slavische Jahrbücher" (Leipzig). 

Erwähnenswert ist folgende Stelle in einem Briefe Dobrovskys 
an Kopitar (März 1810): „Es beginne also eine neue slavische Aka- 
demie, wie Sie es wünschen. Es versammeln sich in Wien, mit oder 
ohne Präsidenten, die slavischen Männer und heben ihr Werk gleich 
damit an, dass sie ein ABC aufstellen. Herr Kopitar besteige die 
Tribüne und rede von der Notwendigkeit einer gleichförmigen Schreib- 
art. Er schlage die lateinischen Lettern vor. Berühre zugleich, wie 
der Sache schon Popovic habe abhelfen wollen. Die Russen und Ser- 
ben eifern für die Beibehaltung der cyrillischen Lettern ; die Glago- 
liten lassen sich eher bereden ihr Alphabet aufzugeben. Endlich 
werden doch die Cyrillianer überstimmt und die lateinischen Schrift- 
züge beliebt usw." — Es sei hier nur noch das Ende dieser Aka- 
demie angeführt, das bei dem gegenseitigen Mangel an Einsicht und 
Solidarität, dann dem Misslrauen und der Besorgnis durch die gegen- 
seitige Annäherung an der eigenen Individualität einzubüssen, nur 
negativ sein konnte. Dobrovsky schreibt im gleichen Briefe darüber: 
„Die erste Sitzung hat ein Ende und es wird nichts ausgemacht, als 
dieses : man soll mit lateinischen Lettern schreiben, indes aber be- 
helfe man sich wie man kann. — Zweite Sitzung : Bilz' Projekt wird 



21» 

vorgelegt. Man lacht, einige zürnen und lassen es gar nicht zu 
Protokoll bringen. Nach einigen Sitzungen, worin man immer noch 
nicht einig wird über die nötigen Zeichen zum Schreiben, bleiben 
mehrere Mitglieder aus und die Akademie wird aufgelöst, d. h. sie 
hört von selbst auf." — 

Das Streben nach einer einheitlichen Schrift oder doch nach ei- 
nem gemeinsamen Alphabete für, alle Slaven ist daher seit langem 
ein latentes, und wäre gewiss bei einigem Entgegenkommen und 
ohne tiefer fühlbare Verkehrs- oder Unterrichtsstörung leicht in offene 
Tat umzusetzen, denn es ist doch ein bedenkliches Versäumnis, dass 
wir heute gegenseitig ohne Vorstudien unsere Schriften nicht einmal 
lesen können. Welchen Zweck hat die komplizierte Schreibweise des 
Polen, der doch alle seine Begriffe genau und gerade so einfach dar- 
stellen könnte, wie etwa der Slovene, der unter allen Slaven die ein- 
fachste Schreibweise besitzt? Weshalb schreibt der Pole ein „ö", das 
er als „u" ausspricht? Schreibe er da gleich ein „u" ! — Die Böh- 
men haben sich in jüngerer Zeit eine Menge Dehnungszeichen zurecht- 
gelegt; doch auch die anderen Slaven sprechen die Vokale hart oder 
weich, kurz oder lang aus, bedürfen aber keiner solchen Zeichen, 
denn jeder fühlt in seiner Muttersprache die Modulation ohnehin 
automatisch richtig heraus, ein Fremder eignet sich hingegen trotz 
aller diakritischen Zeichen hiezu selten das richtige Gehör an. — Der 
Leidende dabei ist aber der Schüler, denn wie viel unnötige Zeit ver- 
trödelt z. B. der russische, polnische oder böhmische Studierende, 
ehe er über die richtige Schriflkanntnis hinauskommt! 

Hoffentlich erreicht das Bewusstsein, dass sich die Slaven unter- 
einander weit besser verstehen würden, wenn Alphabet und Schrift 
überall dieselben wären und derartige Bretterwände die gegenseitige 
Annäherung nicht so erschweren würden, in absehbarer Zeit seine 
Edelreife, doch müsste an der Erziehung dieses Notwendigkeitsver- 
ständnisses alle Intelligenz kräftigst mitarbeiten, nicht aber im Gegen- 
teile stets kleinlichen Sonderinteressen selbst unterliegen. 3. T. 

Frage 15. — Arda — Varda. — A. S. (Breslau) fragt, wie 
man die Behauptung, dass „Arda" aus „Varda" (Seite 89) hervor- 
gegangen sei, begründen könne. 

Antwort. — Aus Analogien. Die am Vardar- Flusse (Mace- 
donien) Wohnenden hiessen z. B. bei Livius noch „Vardaei". Strabo 
hingegen nennt sie schon, da das Griechische kein „v" hat, als Ar- 
daeer; ihm folgt der Lateiner Appianus (Mitte des 11. 3arhundertes 
n. Chr.), der sie demnach auch schon nur mehr „Ardaei" nennt. — 
Es ist dies ein deutlicher Fingerzeig, dass der heutige slavische Name 



520 

„Vardar" auch schon bei den illyrischen Slaven der vorrömischen 
Zeit so lautete, und nur bei der Übernahme in andere Sprachen ver- 
slümmelt wurde. Bekanntermassen wurde das anlautende „v" auch 
sonst vielfach zu „u", oder schliff sich überhaupt im Gebrauche ganz ab. 

Frage 16. — Der 3ubelpriester Ivan Zan (Laibach), der im 
Jahre 1851 die Vorlesungen Jan Kollärs auf der Universität Wien 
besuchte, sandte uns seine Notizen aus jener Zeit zu. Darunter be- 
findet sich auch die Erklärung des Begriffes „misisla". Dieses Wort 
steht nämlich auf einer Statuette der wendisch -heidnischen Devotio- 
nalien, die aber im Werke „Slavische Runendenkmäler" deshalb nicht 
aufgenommen wurde, weil dem Verfasser die Inschrift sprachlich nicht 
verständlich war. „Misisla" soll aber (nach Kollär) eine altslavische 
Bezeichnung für den Dudelsackpfeifer sein; das Grundwort ist 
„meh, meh, miech" windische Pfeife, Dudelsack, Bock- 
pfeife. — Jene Bronzefigur ist tatsächlich in wendischer Kleidung 
(kurzer Rock, Ärmelaufschlag, pelzverbrämte Mütze) dargestellt, die 
eine Sackpfeife bläst. — Ist der Begriff „misisla, misislja", oder doch 
in ähnlicher Form, noch irgendwo im Gebrauche, kommt er wo in 
der slavischen Literatur vor oder ist er etwa nur als eine auf die 
Bronzefigur von Kollär selbst festgelegte sprachliche Erklärung anzu- 
sehen ? — 



Bibliographie. 



Alle einlangenden Werke werden grundsätzlich mit Titel, Verlag und Preis an- 
geführt ; jene, welche altslavische Themata berühren, auch kurz besprochen, even- 
tuell noch später eingehender gewürdigt. — Unaufgefordert zugesendete Werke 

werden nicht zurückgestellt. 



Mann 9-. G., 2)as Roland -Xied als Qeschichtsquelle 
und die Entstehung der Roland -Säulen. — Leipzig 1912. — 
Verlag Dieierich. (8", 173 S.) — Preis 4 M 50 P/. (5 K 40 li). 

Eine allgemeine Besprechung dieser interessanten neuerschlos- 
senen altslavischen Geschichtsquelle erfolgte bereits auf Seite 164-168. 



^ziha '^. ^., Sozidanie Skadra. Srbskaja bilina. („Die Er- 
bauung Skutaris" . — Eine serbische Sage.) — Niznij-Novgorod 1913. 
— 15 S. — Bibliothek „Slavjanskoe cfenie". — Preis 25 h (10 kop.). 



'221 



Ein in der Idee und Wahl allgemein zu begrüssender Anfang, 
die Kenntnisse schöner altslavischer Volksdichtungen den Russen 
einzeln und billig zugänglich zu machen. — J. H. 



3)oIl üoh. S)r., Seeon, ein bayerisches Inselkloster. — Mün- 
chen 1912. — Verlag Herder. — Preis 2 K 40 h. 

Unsere Leser dürfte in dieser Monographie besonders die Er- 
wähnung interessieren, dass der Einfluss Böhmens im späteren Mit- 
telaller auf die Literatur des Klosters eine auffallende Erscheinung 
bildete, die wohl auf die im Oahre 1348 gegründete Universität Prag 
zurückzuführen ist. Schon im XIV. Jahrhunderte wird der Mönch 
Friedrich Holzner aus Prag (t 1393) als „scriptor opfimus" gerühmt; 
desgleichen ist ein A 1 g o ri thmus, ein Lehrbuch der Rechenkunst, 
aus derselben Zeit zum grössten Teile böhmischen Ursprungs, wie 
auch das Buch des Neumarkter Malers Hans „Beemsch" in dessen 
Mutlersprache verfasst. Bei der Visitation vom Jahre 1600 wird ein 
Andreas Lohner als „artium magister Bohemus" erwähnt. Dr. E. W. 



Witte G. de, S)jejstvitelnost. ( „Die Wirklichkeit" .) Teil XV.— 
Selbstverlag. Podborki (Kazan-Qoiivernemeni) 1913. — (8\ 152 S.) — 

Die auf slavisch- kulturgeschichtlichem Gebiete rühmlichst be- 
kannte Schriftstellerin de Wille behandelt in diesem Hefte die natio- 
nalen Hegemonie-Kämpfe der Deutschen und Böhmen, nachdem sie 
früher auch schon alle sonstigen Gebiete der Slaven Österreich-Ungarns 
bereist, die Verhältnisse an Ort und Stelle unvoreingenommen ange- 
sehen und dann ihre Eindrücke niedergeschrieben hat. — Diese um- 
fassenden ethnographischen Aufklärungen sollen vor allem die Russen 
über die wirklichen Verhältnisse der öslerr.-ungarischen Slaven näher 
orientieren. J. H. 

^idensky ^^ranz ^., Svaty ^iostyn, ve svem piivodu 
a svych osudech. („Der hl. Hostein, dessen Gründung und Schick- 
sale".) — Prag 1913, 8", 160 S. — Verlag der „Nachfolge des heil. 
Johannes Nep." 

Der Verfasser trug hier mühevoll und sachlich erschöpfend alles 
zusammen, was seit den ältesten Zeiten über diese denkwürdige 
Lokalität bekannt ist, und schuf so einen mustergültigen Weiser für 
jede Kategorie der Besucher des Hostyn. 



•222 

Von unserem rein wissenschaftlichen Standpunkte würden wir 
jedoch wünschen, wenn bei einer Neuauflage die militärgeschichtliche 
Würdigung des Hostyn noch eine Weiterung erfahren würde, denn 
der reale Ursprung dieses nun so berühmt gewordenen Wallfahrts- 
ortes ist derselbe wie überall : der Hostyn war eine durch die Natur 
wie Kunst gut vorbereitete Zufluchtsstätte der Bewohner der nordöst- 
lichen Hana bei feindlicher Gefahr schon in der prähistorischen Zeit. 
Nachdem bei solchen Anlässen viele Bewohner im Kampfe fielen 
und an Ort und Stelle begraben wurden, feierte man das Andenken 
derselben an gewissen Jahres- und Gedächtnistagen durch Besuch 
dieser Stätten, was sich sodann weitervererbte und schliesslich all- 
gemein wurde. Es war also eine Art Gräberbesuch, wie er jetzt am 
1. November im kleinen stattfindet, im grossen Stile, weil es sich 
da um verdiente Personen handelte, die im Kampfe für die Freiheit, 
das Vaterland, die Religion u. dgl. daselbst als Opfer fielen. — Es 
kann hier auch nicht unerwähnt gelassen werden, dass alle bedeu- 
tenden Wallfahrtsorte Europas toponomische oder historische Remi- 
niszenzen slavischer Provenienz aufweisen, also samt und sonders 
einer Zeit entstammen, als noch die Slaven das Hauptkontingent der 
Bewohner in Europa bildeten. — So hielten sich z. B. die Slovenen 
im XV. Jahrh. in Aachen noch einen ständigen slovenischen Prediger 
und unternahmen jährlich dahin Wallfahrten, weil dieser Ort jeden- 
falls durch ununterbrochene Traditionen seit der Zeit, als sie noch 
dort wohnten, einen besonderen Pietätscharakter behielt. 

Ein wertvolles Bild des Werkes ist jenes auf Seite 33, das wir 
hier auch wiedergeben. Dasselbe ist mit der Jahreszahl 1723 signiert, 
was jedoch eine Berichtigung erfordert, denn dieses Datum kann 
jenes der Kopie sein, niemals aber das des Originales. Im Vorder- 
grunde sieht man nämlich noch die Burg „Chum" (heute „Chlum"). 
Diese wurde jedoch bereits um das Jahr 1425 von den Hussiten zer- 
stört und ist auch später nicht mehr aufgebaut worden. Das Original- 
bild muss also schon vor der Zerstörung dieser Burg entstanden 
sein, denn im Jahre 1723 hätte kaum jemand eine Burg auf das Bild 
aufgenommen, deren Äusseres schon seit 300 Jahren aus dem Volks- 
gedächtnisse entschwunden ist, oder hätte sie im Geiste derart richtig 
rekonstruiert, wie dies die heutigen Umwallungsreste noch rechtfer- 
tigen. 

Für das höhere Alter des Bildes spricht auch die Örtlichkeit des 
Tatarenlagers. Die Volkstradition verlegt dasselbe überallhin, nur nicht 
hierher, und doch konnte dasselbe nicht allein der Wasserfrage we- 
gen, sondern vor allem aus taktischen Gründen nur hier gewesen 



22H 



sein, denn den Hostyn wird niemand von einer anderen Seile an- 
greifen, als von der westlichen (über das Dort Slavkov), weil diese 
die schwächste in der Stellung des Verteidigers ist, da sie dem Gegner 
l^napp bis an den Wall tote Räume bietet. Die übrigen drei Seiten 
sind hingegen auch für einen Teilerfolg eines Angriffes aussichtslos, 
und paralysierte man die Versuche hier vorzudringen, die lediglich 
die Absicht haben konnten, den Verleidiger zu zersplittern, durch 




das auch in der Königinhofer Handschrift erwähnte Herabkollern- 
lassen der 20 gefällten Bäume. Der Berghang muss demnach damals 
sehr spärlich bewaldet gewesen sein, was auch das Bild bestätigt, 
indes spätere Bilder schon ringsherum den Wald andeuten. — 

Die vorliegende Illustration muss daher bereits aus den Jahren 
1241 — 1425 stammen, ist daher schon deshalb wertvoll, weil sie das 
sonst äusserst seltene Bild einer slavischen Burg aus dem XIII.— XIV. 
Jahrhunderte bietet. (Die Richtung der Pfeile zeigt die Burg an.) 

M. Z. 



224 



Ergänzungen und Berichtigungen. 

/. In der Tafel I. (zur Seite 81) sind die Schriften einiger Münzabbil- 
dungen nicht genügend hervorgetreten, da sich die Druckerschwärze 
mit der Bronzefarbe ungern bindet. Die Figuren la), b) und c), dann 
3, 5 und 8, welche die Schrijtprägungen schwer nachprüfen lassen, 
werden daher nachstehend noch in schwarzer Manier beigefügt. 




Fig. la) 



Fig Ib) 




Fig. Ic) 







Fig. 8 



//. „huna" bedeutet in Dalmatien auch Mädchen, namentlich jenes, 
das sich beim Kolo-Tanze in der Mitte befindet. Jenes Kolo heisst 
daher auch „huna" -Kolo. Das auf Seite 61 erwähnte „kunigovanje" ist 
sonach auch sprachlich nichts weiter, als der Abend vor der Trau- 
ung, also Mädche n- oder Jun gfr au abend. — Überdies ge- 
brauchte man im Lateinischen auch denselben Begriff als Jus cunni, 
jus cunnagü, connagium" . 

III. Im Aufsatze „Die Geschichte von Igors Kriegszuge" handelt es sich 
doch um den Eigennamen der heutigen Stadt „Bjelgorod" (am Donec) 
und nicht um einen Gattungsnamen. Es ist daher auj Seite 1 16, Zeile 14 
von unten statt „bjela grada" — „Bjelagrada", und demnach auf Seite 
127, Zeile 18 von unten auch statt „aus der weissen Burg" — „aus 
Bjelagrad" zu lesen. 



i 



zur Seite 210). 



UA 



Die Handschrift von Grünberg. 

(Das älteste bisher bekannte slavische Schriftdenkmal.) 




Faksimile der S. (letzten) Seite in Oriy.iiü.yrOioe, 



'••»! 



STRROSLOVAN 



Hefl k. 


Kremsier, am 15. Dezember 1913. 


1. Jahrgang. 



M. Zunkovic: 

Die slavische Sprache vor der Römerzeit. 

Je weiter die Klärung forlschreilet, wo die Anfänge der sla- 
vischen Sprache zu suchen seien, umso liefer gelangen wir durch 
den schwindenden Nebel in die vorgeschichtliche Zeit. Die Annahme 
der bisherigen Geschichtsschreiber und Sprachforscher, die den Ursitz 
der Slaven an der Donau, am Dnjepr, in Asien u. dgl. suchen, ist 
durch die neuere Forschungsmethode und die aufgewühlten Belege 
bereits gründlich unhaltbar geworden, und spielt die Völkerwan- 
derung als conditio sine qua non, wie als Ausgangspunkt oder Relais- 
station für diese Festlegung gar keine ernste Rolle mehr. 

Hat schon die Erkenntnis, dass die alten topischen Namen nur 
in der slavischen Sprache eine natürlich-sachliche Erklärung finden, 
alle jene Hypothesen wie die Frühlingssonne den letzten Winter- 
schnee in Wasser verwandelt, so tritt dies bei der Etymologie und 
dem Studium des psychomechanischen Wortaufbaues der verschieden- 
artigsten, namentlich praktisch -konkreten Begriffe noch weit deut- 
licher und überzeugender hervor. — Nachstehend soll nun an einigen 
typischen Beispielen dargelegt werden, dass die slavische Sprache 
lange vor der Römerzeit in Italien schon im Gebrauche gewesen sein 
muss, denn ohne diese Voraussetzung fehlt jede natürliche Erklärung 
hiefür, wie die lateinische Sprache zu reinslavischen Begriffen gelangt 
wäre, oder umgekehrt, wie die Slaven in einem nichtlateinischen 
Territorium solchen fühlbaren Einfluss auf die lateinische Sprache in 
Italien hätten üben können. Noch viel weniger fassbar ist es aber, 
wie die Slaven, falls sie im Laufe des IV.— VI. Jahrhundertes in 
Europa eingewandert wären, so viel lateinische Begriffe angenommen 
oder gar auch an jene Slaven, wie z. B. die Sarmaten, Skythen, Rus- 
sen, Bulgaren vermittelt hätten, die ihre Wohnsitze augenscheinlich 
nie verliessen. Aus den nachfolgenden Beispielen geht aber klar 
hervor, dass die wnhre Situation eben den bisherigen Annahmen und 
Vorstellungen diametral entgegensteht. 

15 



226 

„Chalybs". — Die Römer, wie auch die Griechen, verstanden 
unter „chalybs", griechisch ..xälvip'% den Stahl. Nun ist aber aus 
allem zu entnehmen, dass damit eigentlich nur der slavische Begriff 
„kalup", der aber lediglich Gussform, Gussmodell, Gusstie- 
gel bedeutet, übernommen wurde.*) Beide Sprachen besassen daher 
ursprünglich überhaupt keinen spezifischen Ausdruck für den Stahl, 
sondern behalfen sich damit, nur jenes Eisen so zu benennen, das 
in Gussformen gehärtet wurde. Nun besitzen aber die Sla- 
ven nicht allein den erweiterten Begriff „kalup" noch heute, sondern 
auch die einfachsten Formen jener Wurzel, wie „kal" ( Härtung) 
und „kaliti" ( härten, stählen), welche Begriffe in altslavischen 
Handschriften, wie z. B. im „Igor"-Epos, in der Königinhofer Hand- 
schrift u, a., wiederholt in dieser Bedeutung vorkommen. 

Die einfachere Form eines Begriffes ist aber 
grundsätzlich die ältere, denn erfahrungsgemäss werden die 
Sprachen in der Forlentwicklung niemals kompendiöser sondern 
immer breiter. 

Bei diesem Worte tritt aber auch eine sehr beachtenswerte 
Kulturwandlung und Bedeutungsmetamorphose an den Tag. Die 
Griechen kennen nämlich in der ältesten, literarisch belegten Zeit, 
also bei Homer, den Begriff „halkös" {ysdy.ög], dem zweifellos die 
Wurzel „kal" zugrunde liegt, nur erst für Erz, Bronze, Kupfer, 
wofür aber der Altslave schon die Ausdrücke „ruda, bron, med" 
besitzt. In der nachhomerischen Zeit bezeichnete man aber mit 
„halkös" auch Eisen, namentlich Waffen, die sonach ein ge- 
stähltes Eisen voraussetzen. Die Begriffsarmut der Griechen wie 
Römer, die sonach für: Erz, Kupfer, Bronze, Eisen, Stahl, 
Kupfergeld nur ein bis zwei Begriffe besassen (lateinisch auch 
„aes"), deutet recht überzeugend dahin, dass sich die ganze metall- 
lurgische Technik nicht bei ihnen selbst entwickelt haben konnte ; 
ja, sie merkten gar nicht, wie langsam die Bronzewaffen in jene aus 
Eisen und Stahl übergingen, nachdem sie den geänderten Verhält- 
nissen ihre Begriffe gar nicht anpassten ; der Erzeuger hingegen 
fühlte sehr gut die Änderung und den Wechsel, daher er auch fall- 
weise neue Benennungen schuf. Die Römer und Griechen fühlten 
vielleicht auch nicht weiter die Material- und Mischungsänderungen, 

*) Miklosich irrte sich bedenklich, als er in seinem »Etym. Wörterbuche« 
(1886) dieses slavische Wort, als der türkischen Sprache entnommen, erklärte, 
nachdem es doch schon Vergil, Propertius, Aeschylos, Sophokles u. a. gebrauchen. 
Miklosich hatte überhaupt die sondcr[)are Neigung, solche slavische Begriffe, die 
er auch in einer anderen Sprache antraf, gleich als slavische Fremd- oder Lehn- 
v^örter anzusehen und zu erklären. 



227 

denn man erzeugte in einer gewissen Zeit, wie aus dem folgenden 
Funde hervorgeht, auch eine Art Stahlbronze, die sich im 
Kampfwerte vom Stahle selbst nicht wesentlich abhob. 

Eine vermutlich mehrere tausend Jahre alte, im Gräberfelde zu 
Watsch (Krain) gefundene Schussverletzung zeigt nämlich die einstige 
geniale Erfindungsgabe in der Konstruktion wirksamer und gefähr- 
licher Waffen. Dort wurde ein Oberschenkelknochen ausgegraben, in 
welchem auf 2*5 cm eine dreikantige, mit grüner Patina bedeckte 
Bronzepfeilspitze eingekeilt war. Das Projektil, rückwärts mit einer 
runden Öse, anscheinend zum Hineinstecken des Pfeilschaftes ver- 
sehen, durchschlug glatt die Knochenrinde und ragt in die Markhöhle 
hinein. Das glatte, nicht splitternde Durchschneiden des Knochens 
zeigt einerseits von der grossen Durchschlagskraft und der enormen 
Anfangsgeschwindigkeit, andererseits aber auch von einer der mo- 
dernen Präzisionsarbeit ebenbürtigen Ausführung, denn die Spitze ist 
haarscharf und trotzdem nirgends deformiert oder schartig, weil das 
Geschoss schon nach Art unserer Stahlbronze ge- 
härtet war. 

Es ist auch überflüssig weiter zu erörtern, dass der Reichtum 
wie die Armut an Fachausdrücken auf einem bestimmten Gebiete 
immer ein Regulator dafür ist, inwieweit sich die Träger der be- 
treffenden Sprache an der Entwicklung der realen Entstehungsnot- 
wendigkeit von solchen beteiligt haben, und wird diesbezüglich noch 
an anderer Stelle eingehender gesprochen. (Siehe Artikel: „Einiges 
über den Bergbau und die Metallbearbeitung der alten Slaven",) 

„Poeta." — Es ist sonderbar, dass der Sänger, Dichter, 
Poet im Lateinischen wohl „poeta" heisst, aber das jene Tätigkeit 
anzeigende Zeitwort der gleichen Sprachwurzel fehlt der lateinischen 
Sprache. Es ist aber kein Zweifel, dass derjenige, der zuerst den 
Sänger „poela" nannte, diesen Begriff nur auf eine Tätigkeit auf- 
gebaut haben konnte, die „pojem" (= ich singe) oder „pjeti" (= singen) 
gelautet haben muss, und das ist nur in den slavischen Sprachen 
der Fall. Das Griechische kennt wohl den Begriff „poieo" [Tioiko], 
aber dieser bezeichnet nicht das Singen selbst, sondern nur das 
Schaffen, Hervorbringen. Auffallend ist es auch, dass im 
Lateinischen das ausgefallene slavische „j" nicht einmal ganz ver- 
schwunden ist, sondern im Aussprache-Trennungszeichen erhalten 
blieb. Der Römer hörte immer sagen „on pojet" ( ^ er singt, oder : 
er ist ein Sänger) und übernahm den Begriff unverändert, wie ihn 
sein Ohr eben vernommen. 

„Oct." — Schon die ältesten lateinischen Schriftsteller führen 
den Begriff „acetum" (^ Essig) an; bekanntlich hat Hannibal anläss- 

15* 



228 

lieh seines Überganges über die Alpen schon mittels Feuer und 
Essig Felsen beseitigt. Nun kennen aber alle Slaven den Begriff 
„ocet" (altslavisch „oct" ; in dieser Form bei den mährischen Wal- 
lachen noch heute gebräuchlich) für die Bezeichnung von Essig. 

Die Sprachforscher sagen nun bei dieser auffallenden Überein- 
stimmung kurzweg : diesen lateinischen Begriff haben die Slaven bei 
den Römern irgendwo gehört und nahmen ihn dann allgemein an. 
Diese allerdings sehr bequeme Lösung des Rätsels ist aber nicht 
nur an sich unnatürlich, denn jene, die solches behaupten, glauben 
doch auch an die Völkerwanderung, sondern auch sprachgeschichllich 
wie sprachmorphologisch unhaltbar, denn gerade in diesem Falle ist 
die slavische Originalität so leicht nachzuweisen, wie vielleicht heute 
in wenigen anderen mehr. 

„Oct" ist, obschon in dieser Form äusserlich als nacktes Wurzel- 
wort erscheinend, dem Slaven noch immer kein auf die einfachste 
Stammsilbe reduzierter Wurzelbegriff, sondern ist noch aus den zwei 
Sprachelementen „o" und „et" (d. i. „cet, cit" ^ Geschmack) zu- 
sammengesetzt; seiner letzten, sozusagen sprachchemischen Morpho- 
logie nach bedeutet „oct" eine Flüssigkeit, die mit einem Ge- 
schmacke durchsetzt ist. Diese bis auf den letzten Laut genau 
durchgeführte Sprachkonsequenz, die auch figürlich wie onomatopöisch 
ein bewunderungswürdiges Zeugnis der natürlichen Sprachbildung 
bietet, ist ein derartig greifbarer Beweis der urslavischen Originalität 
des Begriffes „oct", dass es wohl überflüssig ist, die schwindsüch- 
tigen Hypothesen, als wäre es um.gekehrt aus dem lateinischen 
„acetum" oder dem gotisch-griechischen „akeit" gebildet, nur mit 
einem Worte weiter widerlegen zu wollen. 

Das Präfix „o" verleiht nämlich, wie auch schon dessen graphi- 
sche, in sich geschlossene Darstellung andeutet, im Alt- wie Neu- 
slavischen stets einem Zustande den Charakter der Umschliessung 
oder Durchsetzung. So besagt z. B.: „oceniti" abschätzen, 
durchprüfen; „oprati" etwas durchreinigen; „osoliti" ein-, durch- 
salzen usw. — Dasselbe gilt onomatopöisch betreffs der Laute in der 
Wurzel „et" (oder „cit, cet"), denn jedermann empfindet das Gefühl, 
so oft ihm die Zähne durch den Genuss quitschsaurer Flüssigkeiten 
(Essig, saurer Wein, Holzapfel- oder Holzbirnensaft u. dgl.) förmlich 
abgestumpft sind, als ob sich dieser Zustand durch die Laute „c -t" 
am besten ausdrücken Hesse; die Wortbildung „oct" ist daher auch 
sprachlich eine natursuggestive, analog wie sich auch der Essig durch 
das Sauerwerden des Weines in der Natur selbst bildet. 

Schon aus diesen wenigen Beispielen geht klar hervor, dass 
das Altslavische lange vor dem Lateinischen in Italien gangbar war, 



229 

daher letzteres aucti aus dem Borne des ersteren schiöpfle, denn 
liätte der Lateiner die Gelegenheit gehabt, das Wort selbst natur- 
sprachlich zu bilden, so wäre wohl daraus auch ein „oct" und kein 
„acetum" geworden ! 

Hiemit sind wir in der praktischen Beweisführung, dass das 
Slavische eine uralte europäische Sprache war, mit 
einem Rucke viele Jahrhunderte vor unserer Zeil- 
rechnung angelangt, womit jedoch dieses Weitertragen des 
Lichtes noch keineswegs abgeschlossen ist, nachdem noch genug 
weit älteres Material der wissenschaftlichen Bearbeitung harrt. Nun 
ist es aber auch klar, warum die topischen Namen überall dieselbe 
Form und dieselbe Etymologie aufweisen und warum Natur und 
Kultur diese Etymologie an Ort und Stelle immer auch bestätigen : 
weil sie eben alle eines und desselben Ursprunges 
sind, d. h. weil es einst eine A 1 1 gem ei nspr ache g a b, 
die sich im grossen mit der altsla vischen deckte. 



Orlsgeschichtliche Etymologie. 

Unter diesem Titel sollen nun Ansiedlungen dahin besprochen 
werden, inwieweit deren Name mit der Sprache sowie der einstigen 
militärisch-sozialen Organisation in Relationen steht, da es doch 
naheliegend ist, dass die Genesis eines jeden topischen Namens 
eine reale, für jedermann überzeugende Begründung haben mussle, 
weil er sonst überhaupt nicht in allgemeinen Kurs getreten wäre ; 
ja, es zeigt sich täglich klarer, dass dieser Name zugleich seiner 
Bedeutung nach eine Art Orientierungsbehelf in sich barg, wo man 
bei feindlicher Gefahr mehr oder weniger ausgiebigen Schutz finden 
konnte, daher eigentlich nicht direkte den Wohnort selbst damit kennzei- 
chnete. Wir werden nun trachten, um dieser Behauptung überzeugenden 
Nachdruck zu geben, aus den verschiedensten Gegenden solche 
konkrete und typische Belege herbeizuschaffen. Freilich kann solche 
in verlässlicher Weise meist nur derjenige bringen, welcher mit 
der Lokalität in jeder Hinsicht gut vertraut ist, was sich namentlich 
auf solche Punkte bezieht, die bisher von der Beachtung oder lokalen 
Aufzeichnung nicht berührt wurden, oder bei denen erst Grabungen 
den Beweis erbringen müssen, dass der Lokalname tatsächlich etwas 
bezeichnet, wofür der greifbare Beleg erst aus der Erde zu holen ist, 
denn ein grosser Teil der Dokumente für die Er- 
kenntnis der slavischen Vergangenheit liegt un- 
trüglich noch in der Erde vergraben. 



230 

Wir wollen hiemit, nachdem wir nun schon den Weg hiezu 
einigermassen vorbereitet finden, das Interesse für die tiefere Be- 
achtung der Ortsnamen wecken und den Ansporn geben, dass man 
allerorts der Kausalität des gegebenen Ortsnamens nachgehe und 
für die Etymologie desselben in der Natur die Stütze suche. Soweit 
bisher bekannt, hatte nämlich jede Ansiedlung einen gewissen Schutz- 
punkt oder eine vorbestimmte und entsprechend vorbereitete Zufluchts- 
stätte für den Fall der feindlichen Gefahr, und war diese Stelle auch 
demnach orientierend benannt; in den allermeisten Fällen identifi- 
zierte sich allerdings diese Benennung auch zugleich mit dem Namen 
der Ansiedlung selbst. 

Freilich sind die sichtbaren Belege von Einst, da es oft nur 
Gräben, Wälle mit Palisaden, Schanzen, Wallburgen u. ä. waren, längst 
der Bodenausnützung verfallen, daher eingeebnet, ebenso wie auch 
massive Burgen, die man nach ihrem Zerfalle allgemein als bequeme 
Steinbrüche benützte, oft völlig spurlos verschwunden sind, aber der 
Name ist doch weitergeblieben, und das geübte Forscherauge sieht 
die Bestätigung für die Namensrichtigkeit oft in der Terrainkonfigu- 
ration ; bisweilen weiss man, dass an der Stelle verschiedene Kultur- 
residuen gefunden wurden, noch öfters ist es aber eben notwendig, 
mit dem Spaten selbst in die Erde zu dringen, um den Beweis her- 
beizuführen, dass an dieser Stätte einst aus natürlichen Selbsterhal- 
tungstrieben Menschengeist und Menschenhand waltete und schuf. 

Überzeugende Beiträge dieser Art, wenn möglich mit typischen 
illustrativen Zeugnissen belegt, werden in unserer Revue, soweit es 
der Raum für diese eine Forschungsrichtung gestattet, veröffentlicht. 
Als eine Art Orientierungsbehelf werden nachstehend zwei solche 
Beispiele mit wechselnder Grundform geboten. Weitere lokalgeschicht- 
liche Begebenheiten bieten aber meistens keine brauchbaren Belege 
mehr für die Geschichte der Entstehung eines Ortes oder Ortsnamens, 
denn die Urkundendaten dürfen uns ebensowenig in den alten Glau- 
bensfehler verführen, dass so eine Wallburg oder alte Schanze erst 
am Vorabende eines dokumentarisch belegten Ereignisses hergestellt 
worden sei, wie wir auch niemals den Gedanken aufkommen lassen 
sollen, dass ein Volk gerade damals zu einem solchen wurde, als 
es das erstemal erwähnt erscheint. 

DIE REDAKTION. 



231 

I. Landsberg. 

(Bezirk Wildenschwert, Böhmen.) 

Die zur Nachforschung anregende Lektüre des epochalen Werkes 
Zunkovic' „Die Siaven ein Urvolk Europas" hat mich bewogen, auf 
Grund topischer Namen die Umgegend meines Domizils darnach zu 
studieren und wählte ich zu diesem Zwecke die altersgrauen Frag- 
mente der Burg Landsberg und deren nächste Umgebung. 

Die Kampagne begann ich mit dem Studium der Plastik des 
Geländes und der Eruierung von topischen Namen der Wälder, Lehnen, 
Berge, Furchen, Dörfer, Quellen u. dgl. daselbst. 

Der Name Landsberg (Landesberg, Landesperch, böhm: Lansperk) 
kommt in Mitteleuropa oftmals vor. Mir selbst ist es gelungen zehn 
Landsberge aufzubringen u.zw.: Landsberg bei Wildenschwert 
in Böhmen, Deutsch- und Windisch- Landsberg in Steiermark, Lands- 
berg an der Warta, Landsberg an der Ruhr, Landsberg in Bayern, 
Landsberg in Sachsen, Landsberg unweit von Berlin an einem kleinen 
See, Landsberg zwischen Königsburg und Heilsberg in Preussen und 
Hohen-Landsberg im Elsass. 

Wie zu ersehen, war dieser Name im XllL und XIV. Jahrhun- 
derte ziemlich populär und bedeutete im Böhmischen soviel wie „zemsky 
bfeh" (breg, bfeh Grenze), also einen Landes-Grenzberg, 
beziehungsweise eine Landes-Grenzburg, denn ein „bfeh" (ge- 
genwärtig im Deutschen Ufer oder Strand bedeutend) bildete in 
vielen Fällen eine Grenze und zwar im engeren oder weiteren 
Sinne.*) 

Die Burg Landsberg in Böhmen wurde wahrscheinlich zu Ende 
des XIll. Oahrhundertes erbaut und zwar auf einem steilen, kegel- 
förmigen, kbk m hohen Berge, der mit einer Hochebene durch einen 
schmalen Bergrücken verbunden ist. 

Am nördlichen Rande dieses Bergrückens befindet sich eine 
aufgeschüttete Bastion (basta), welche einst mit Palisaden besetzt war, 
und die vermutlich einer älteren Zeit angehört, als die Burg selbst. 
Beim Burgbau wurde sie aber als brauchbares Vorwerk in die Forti- 
fikation miteinbezogen. 

*) Die Wurzel ist augenscheinlich das slavische »lan, Ion« d. i. ein a b g e- 
grenztes Grundstück, das sich nicht nui vielfach in den topischen Namen, wie: 
Lan, Lana, Lanisce, Lany, Landau, Landeck, Landegg u. ä. sondern auch in der 
Wirtschaftsterminologie erhalten hat. Immerhin ist es erwähnenswert, dass der 
Deutsche sagt: ich gehe aufs Land, sobald er seine Wohnbezirks g r e n z e 
überschreitet. 



232 

Knapp bei der Burg befand sich seinerzeit eine aus acht Wohn- 
hütlen besiehende Ansiediung, die man „Budy" nannte. Es wird 
allgemein angenommen, dass diese Wohnhülten während des Burg- 
baues dort entstanden seien, doch dürfte dies nicht richtig sein ; viel 
wahrscheinlicher ist es, dass dieselben schon in bukolischen Zeiten 
dortselbst als Hirtenhütten gestanden und dass der Name „Budy" 
sich von jener Zeit her erhalten hat. 

Es ist nicht zu verwundern, dass die mutmasslichen Erbauer 
der Burg — Hermann und Ulrich von Dürenholz (Hefman a Oldfich 
z Drinolce) — diese sehr geeignete Stelle zu diesem Zwecke wählten, 
denn schon die hier einst wohnenden Urvölker müssen die Festig- 
keit und Sicherheit dieser Lokalität erkannt haben, denn alles deutet 
darauf, dass hier schon in grauer Vorzeit eine grosse Beobachtungs- 
und Verteidigungsanlage bestand. 

Alte Überlieferungen und Sagen sind zwar nicht verlässlich, da 
sie verschiedenen Auslegungen unterliegen, die im Laufe der Zeit in 
die unglaubwürdigsten Fabeln ausarten, doch kann man in ihnen 
eine reelle Spur von Wahrscheinlichkeit entdecken, wenn die Topo- 
nomie zu Hilfe genommen wird. 

Eine Sage erzählt uns, wonach Panilus, ein König der Hermun- 
duren, im 11. Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung seinen Sitz 
in Grulich (Kräliky) hatte. Er liess zwei Burgen bauen, Landsberg 
und Landskron ; in Landsberg verwahrte er sein Gesetzbuch und in 
Landskron seine Krone. — Ob nun ein König Panilus je existierte, 
ist heute schwer zu sagen, da bisher nur eine, noch dazu sagen- 
hafte Quelle den Namen kennt, der aber auch nur ein Diminutivum 
von „pan" (= Herr) sein kann. Hingegen hat Landskron gewiss nie 
seinen Namen von der Kronenverwahrung daselbst erhalten, denn 
der Name selbst sagt doch, dass es eine Landesgrenzstadt ist, wie 
alle Orte dieser Sprachwurzel (gran, gron, krön) und bildet der 
Bezirk Landskron doch auch die böhmische Grenze gegen Mähren. 
Desgleichen war die Verwahrung des Gesetzbuches sicherlich nicht 
bestimmend für den Namen Landsberg, wohl aber der Umstand, dass 
in altslavischer, oder wenn man will, in keltischer Zeit daselbst eine, 
Verteidigungsanlage grösseren Stiles war, da auf eine solche alle hier 
vorkommenden topischen Namen, wie auch die Bodenplastik der 
nächsten Umgebung deuten. 

Gleich von der Bastei zieht sich gegen Osten das grosse Hoch- 
plateau „Kopanina", ein Name, der auch in der Zeit der deutschen 
Sprachvorherrschaft in diesem Gebiete nicht geändert wurde, da hiefür 
wohl das sprachliche Verständnis fehlte. Doch erkennt man hier 



233 

auf den ersten Blick, dass sich in diesem Räume einst Aufwürfe, 
Wälle oder Schanzen, also Aufgegrabenes (kopati graben) 
befunden haben muss, als die grosse Verteidigungsanlage noch ernsten 
Sicherungsfunktionen diente. Freilich hat die fleissige Feldwirtschaft 
schon alle Spuren der den Gang des Pfluges störenden Hindernisse 
möglichst eingeebnet; nur dort am nördlichen Rande der „Kopanina" 
wo die Abhänge der Waldparzellen „Predni a Zadni Kamenä" steil 
in das breite Tal von Dobrouc abfallen, sind noch tiefe Mulden und 
aus der Erde ragende Sandsteinblöcke übrig geblieben, die heute den 
Aufstieg auf das Plateau noch fühlbar erschweren. 

Dominierend war aber immer der Bergkegel, auf dem später die 
Burg erbaut wurde. Dort war der Sitz des Befehlshabers und dort 
fand auch wohl die letzte Verteidigung in verhängnisvollen Stunden slatt. 

Fast am Fusse der „Kamenä" liegt zersprengt eine Häusergruppe, 
die den Namen „Koctina" (Katzendorf) führt, also unbedingt ein Ort ist, 
wo in den ältesten Zeiten Hirtenhütten standen, (Koc, koca, kuca.) Viel- 
leicht spielten einst die Bewohner dieser Ansiedlung zugleich die 
Rolle eines vorgeschobenen Beobachtungspostens, was auch der deut- 
sche Name „Katzendorf" zu bestätigen scheint, da bei alten Festungs- 
anlagen immer noch oft eine vorgeschobene Bastei „Katze" genannt 
wird. Von da übersieht man noch ganz gut das Tal. 

An die Abhänge der „Kamenä", und zwar in der östlichen Ecke 
der „Kopanina", schliessen sich die steilen Lehnen der „Riva" (fälschlich 
„Hfiva") an und ziehen sich in südöstlicher Richtung weiter. Der Name 
Riva wird von „riv" abgeleitet und bedeutet Grenzsicherung eines 
Ortes oder Gebietes, in unserem Falle der Verteidigungsanlage. 

An der südlichen Seite der „Kopanina" zieht sich ein Graben, 
anfänglich breit und massig gesenkt, der aber dann immer tiefer 
wird, bis er endlich als enge Talfurche mit steilen Hängen in das 
Adlertal einmündet. 

Auf dem Wege dahin passiert er zuerst den Wald „Zämeckä", 
welcher einen Teil der südlichen Lehne der „Kopanina" bildet. Der 
Name „Zämeckä" ist nicht von Wohnschloss (pansky zämek) abge- 
leitet, denn Landsberg wurde stets als „hrad" (Burg) deklariert. Das 
Wurzelwort „zam" bedeutet eine Absperrung behufs Verteidigung, also 
einen geschlossenen Eingang. In unserem Falle ist es der gesperrte 
Zugang zur „Kopanina". 

Weiter erhebt sich am südlichen Rande der „Kopanina" die so- 
genannte „Rovina". Es ist dies ein Berg, dessen oberes Plateau in die 
Kopanina übergeht und gegen die Talfurche mit sehr steilen Abhän- 
gen abfällt. Da er hier so exponiert bei dem vorüberführenden Graben 



234 

sieh!, so erhielt er wahrscheinlich deshalb seinen Namen. Zur Vertei- 
digung eignet er sich vorzüglich. Die meisten Namen dieser Richtung 
sind aber durchaus nicht von „rovina" (Ebene) sondern von „rov" 
(Graben) abzuleiten. Ein Beispiel haben wir an Rovensl^o (Stadt bei 
Turnau in Böhmen). In uralten Zeiten soll die Iser (Oizera) bei Klein- 
skal (Mala Sl^äla) eine grosse Stromschnelle gebildet haben, infolge- 
dessen dort das gestaute, überschüssige Wasser zwischen den Bergen 
Hamstejn und Koberov durch einen „rov" (Graben, Flussbett) gegen 
Rovensko strömte, was die damalige slavische Urbevölkerung ver- 
anlasst haben mochte, der Ansiedlung den Namen „Rovensko" zu 
geben. 

Die weitere Begrenzung der „Kopanina" gegen Süden bildet die 
Waldparlie mit Namen „Siiiddnka u stareho domii" (Brunnen beim alten 
Hause). 

An der Westseite wird die „Kopanina" von schroffen Abhängen 
begrenzt, die sich bis zur sogenannten „Havlickova studdnka" (Ha- 
vlicek- Brunnen) hinziehen. Dieser Brunnen bildet die Wasserstation 
von Landsberg, denn die „Budy" wurden später zu Landsberg einbe- 
zogen ; er liegt ziemlich hoch und konnte während des Bestandes der 
Verteidigungsanlage in dieselbe miteinbezogen werden. Auch in der 
Burgruine von Landsberg finden wir bis heute noch Spuren eines 
verschütteten Brunnens, der die Burgbewohner inbezug auf den Wasser- 
bedarf von aussen unabhängig machte. 

An und für sich würde dieser hier beschriebene Bodenkomplex 
hingereicht haben eine Verteidigungsanlage zu bilden, umsomehr als 
auch die vitale Wasserfrage hier keine Schwierigkeiten machte ; da 
aber der Ausblick von der „Kopanina" gegen Süden durch eine höhere 
Bergmasse verlegt ist, erweiterte man wahrscheinlich die Verleidi- 
gungssphäre bis zur sogenannten „Certova brdzda" (Teufelsfurche). 

Es würde zu weit führen auch dieses Terrain eingehend zu be- 
handeln, aber es müssen hier doch die wichtigsten grenzbestimmenden 
topischen Namen, die überzeugend für die Qualifizierung der Vertei- 
digungskapazität der Schutzwehren der Urzeit sprechen, angeführt 
werden. 

Wie schon angedeutet, zieht sich von der „Kamenä" in süd- 
östlicher Richtung die „Riva" (Hfiva) bis zum 529 //? hohen „Hültungs- 
berge", einem wichtigen Aussichtspunkte. Die „Riva" schützt die Ost- 
seite des Terrains. Gegen Süden bildet „Certova brdzdü" die ver- 
teidigungsfähige Grenze. In den ältesten Zeiten hiess sie wohl „Crta" 
oder „Cernd brdzda" (Grenzlinie, Grenzfurche). Gleich beim Eingang 
in dieselbe steht der Berg „Geierkopf", von „gaj", „häj" abgeleitet, 



286 

und bedeutet Scliutzpunkt. An die Lehne „Certova hrazda,, schliesst 
sicti die Bergmasse der „Koppe" an, welche sich bis zur Stillen 
Adler hinzieht. In der oberen Partie der „Koppe" starrt ein kolossaler 
Fels aus der Lehne, „Kilei" oder „Kiklei" genannt, der aber eigentlich 
von „Kukla" ( Aussichtspunkt) abgeleitet ist. 

Da „Koppe" (Kupa) auch von „kopa" (Gegrabenes) abgeleitet 
wird, 50 dürfte wahrscheinlich der Fels (kukla) durch Abgrabung 
blossgelegt worden sein, denn hier bestand ein „vir", (Wachstelle, 
Sicherheitsvorsorge), was aus dem Namen des unterhalb der „Koppe" 
liegenden Dorfes „Cernovir" (Grenzwache) hervorgeht. 

Die westliche, sehr steil abfallende Lehne der „Koppe" heisst 
„Mednä" (Honiglahn). Med, Meda, Medky u. a., folglich auch „Mednä", 
bezeichnen sprachlich Ufer oder Grenze. Knapp an der Mednä 
fliesst die Stille Adler vorüber, welche zwei Nachbargebiete einst 
trennte. Drüben am jenseitigen Ufer liegt „3ankovic", einen Grenz- 
streifen bedeutend (also nicht von „3an" abgeleiteti und der Berg 
„Vadetin" (vad, vod) mit der Waldblösse „Scheibe" (böhm : Sejb). 
Eine zweite „Scheibe" liegt bei Dobrouc*) nahe an der Stillen Adler. 
Hier steht ein Meierhof (Scheibenhof, sejbsky dvür) auf einer massi- 
gen Anhöhe und weist das Terrain gegen den Fluss zu einen terras- 
senförmigen Charakter auf, der auf einen Aufwurf deutet. Es scheint, 
als wäre hier einstens eine Sicherheitsvorsorge gewesen, denn 
„Scheibe" ist fast überall die Korrumpierung des altslavischen „sip" 
(^Aufwurf; böhm: näsyp, syp, sejp, sejb - Scheibe). 

Die Mednä biegt in die Furche ein, wo sich die „Studdnka u 
stareho domu" befindet und schliesst somit die Peripherie der ganzen 
Befestigungsanlage von Landsberg verteidigungstechnisch ab. — Regel- 
recht reihen sich also die einzelnen Grenzsicherungen aneinander; 
kein Zufall ist es, sondern der menschliche Selbsterhaltungstrieb fügte 
sie zu einem Ganzen zusammen, was auch die Physiognomie bestätigt. 

Und so schliessen wir mit der festen Überzeugung, dass hier 
in diesem Gelände, wo jetzt zumeist nur düsterer Wald den Boden 
beschattet, in uralten Zeiten ein Kampfplatz gewesen, ein sicherer 
Hort der daselbst wohnenden Völker. Längst sind zwar die Wälle, 

*) Der Zufall brachte es mit sich, dass der Name »Dobrouc«, den der Ver- 
fasser hier nicht etymologisch behandelt, im nachfolgenden Artikel sprachlich ge- 
deutet wird. Bemerkenswert ist es aber hiebei, dass der Verfasser ohne Kenntnis 
dieser Etymologie anführt, dort einen »Aufwurf« oder eine »Sicherheitsvorsorge« 
zu sehen; dieses »Sehen« hat ihm also nicht die Etymologie des Begriffes »Do- 
brouc« suggeriert, sondern er sah dies eben unbeeinflusst in der Natur; dass er 
aber nicht schlecht gesehen, das beweist erst nachträglich die Etymologie des Na- 
mens »Dobrotice«. A. d. Red. 



236 

Pfahlzäune und Bollwerke im Flusse der Zeit verschwunden, aber 
lopische Namen mit slavischen Sprachwurzeln und die hiemit über- 
einstimmende Physiognomie der Gegend sind geblieben und verkünden 
der Nachwelt, dass die Urvölker, die hier einst hausten, Slaven 
waren. 

Sollte der Verfasser hiemiet überdies einen weiteren Impuls 
gegeben haben in anderen Gegenden in ähnlicher Weise das nun 
offene Geheimnis der Ortsnamenentstehung zu überprüfen und zu 
verwerten, so werden die Forscher hiebet dieselbe innige Freude 
empfinden, wie der Anreger, denn der Eindruck, dass wir hiemit 
wieder um einen Riesenschritt in das Dunkel der slavischen Vergan- 
genheil vorgedrungen sind, wird in jenen Momente zur Überzeugung, 
als man für einen topischen Namen zugleich den konkreten Beleg 
in der Natur vorfindet; einen solchen, so harmonisch stimmenden 
Namen kann aber doch nur jener gegeben haben, in dessen Sprache 
dieses alte Objekt in der Natur genau so lautet, wie er es auch heute 
bei gleichen Prämissen benennen würde. 

Fr. Eger le. 
* 

II, Dobrotice. 

(Bezirk Holleschau, Mähren.) 

Etymologie. Im Altslavischen bedeutet „dober, dabr" noch: 
tapfer, stark, fest, und ist der deutsche Begriff „tapfer" sonach 
aus der nordslavischen Form „dabr" gebildet; Dobrotice deutet sonach 
auf einen festen Punkt, wo man sich dem Feinde mit Erfolg ent- 
gegenstellen kann. 

Belege für diese Etymologie. Die Ansiedlung liegt zwar 
im Rusava-Tale, aber am rechten, steil abfallenden Ufer befindet sich, 
wie die beigegebene Illustration zeigt, eine noch heute im.ponierende 
Wallburg. Die Stelle heisst auch tatsächlich „Hradisko". Von der 
Mühle, „Vantrocky mlyn" genannt, führte, der Volkstradition nach, 
ein unterirdischer Gang zum „Hradisko". Ein Feld zunächst dieser 
heisst heute „Nad hroby", also „Ober den Gräbern". — Diese Ety- 
mologie bestätigt und rechtfertigt sonach den Ortsnamen, da die 
Prämissen eben in der Natur noch offen sichtbar sind. Ob ein unter- 
irdischer Zugang zur Wallburg führte, wäre durch systematische 
Grabungen leicht festzustellen ; das Vorhandensein eines solchen ist 
aber nahezu zweifellos, denn man musste sich doch den Wasser- 
bezug irgendwie sichern, da in der Wallburg keine Zisterne zu be- 
merken und noch weniger eine Quelle vorhanden ist ; überdies war 



237 



es nolwendig.im Falle der Erstürmung der Wallburg für eine sichere 
Rückzugslinie vorzusorgen. — Für das Aller des Dorfes Dobrolice 
würde aber namenllich die weniger umständliche Öffnung jener 
erwähnten Begräbnislokalität einen ergänzenden Beleg bieten, denn 
sind die Grabbeigaben prähistorischer Natur, so kann die Wallburg, 
wie man jetzt annimmt, auch nicht erst dem Xlll. Jahrhunderte an- 
gehören, und noch weniger zutreffend ist die landläufige Etymologie, 
der Ort habe von einem Herrn, der „Dobrota" ( Güte) hiess, den 
Namen. 






Hradisko Dobrotice. 



Alle lopischen Namen des Grundwortes „dobr" müssen sonach 
überrall die Anregung geben, die Belege für diese Namengabe nun 
ernstlich in der Dorfflur zu suchen. 

A. N V 1 ny. 

M. Zunkovic: 

Die Ortsnamen in Albanien. 

Eine gewisse Gilde von Journalisten und Sprachforschern ad 
hoc bemüht sich dermalen ostentativ dem präsumtiven Albanien einen 
uralbanischen Alterscharakter aufzudrücken, was allerdings nur jene 
faszinieren kann, die von Geschichte nichts wissen oder wissen 
wollen, namentlich aber von der Sprache der lopischen Begriffe da- 
selbst keine Ahnung haben. Die älteste Namenskunde wie die Sprache 
und Bedeutung der topischen Begriffe daselbst sagt aber das gerade 
Gegenteil, und beweisen dies auch die Vorgänge der jüngsten Zeil- 
epoche. 



238 

Da ist vor allem der einstige österreichische Generalkonsul von 
Skutari, Theodor Ippen, der in den „Mitteilungen der Geographischen 
Gesellschaft" (Dahrgang 1904) das k. u. k. Militärgeographische In- 
stitut (Wien) deshalb besonders hervorhebt, weil es die slavischen 
Ortsnamen Albaniens in der Generalkarte 1 : 300.000, in der jüngeren 
Ausgabe 1 : 200.000 schon eliminiert und überall durch die landes- 
übliche albanische Bezeichnung in richtiger Form ersetzt hat. Das- 
selbe geschah mit den griechischen Namen. Ippen ist auch mit der 
weiteren Anführung der türkischen Namen nicht zufrieden, denn er 
meint, dass solche in Albanien gar nicht vorkommen, und wenn ja, 
50 seien es nur irrige Übersetzungen, welchen echte albanische 
Namen durch türkische Behörden unterlagen. Eine analoge Entstehung 
haben angeblich die italienischen Ortsnamen daselbst. 

Einige Berechtigung hat diese Behauptung allerdings: man ging 
nämlich mit den altherkömmlichen Ortsnamen hier genau so vor, wie 
ansonsten deutscherseits : man übersetzte sie gelegentlich, wenn man 
sie verstand oder zu verstehen glaubte, oder man verstümmelte sie 
durch Anpassung an die eigene Sprache oder Sprechweise, ansonst 
blieb aber alles in der alten Verfassung, denn dass der Grundstock 
aller topischen Begriffe Albaniens von den illyrischen Slaven des 
Altertums herrührt, steht über allem Zweifel, und mögen diese posi- 
tive Behauptung nachstehende typische Beispiele erhärten. 

So gibt es z. B. um das heissumstrittene „albanische" Skutari 
(Skadar, Skodra) nur fortifikatorische Vorwerke mit Namen rein- 
slavischer Genesis, denn „Tarabos" bedeutet: Einfriedung („tarabe" 
Zaun, Palisaden); „Bardanjol" : Schutzpunkt („varda" Wache, 
Wachthaus); „Brdica" Umzäunung (vrl ^ Zaun, umzäunter Raum); 
„Obora" Umwallung (oboriti ringsum befestigen) usw. Ein über- 
eifriger Enthusiast für das „albanische" Skutari fand sogar heraus, 
dass „Mali Bardanjol" sprachlich albanisch sei, denn „mali" sei hier 
nicht identisch mit dem slavischen klein, sondern habe im Alba- 
nischen die Bedeutung: Berg. Nun, dem steht gegenüber die Tat- 
sache, dass sich dort auch der „Grosse Bardanjol" befindet; das 
Attribut „Gross" und „Klein" kann sich daher hier wohl nur auf die 
Höhenrelationen oder auf den taktischen Wert der beiden Höhen be- 
ziehen. In der Ursprache bedeutet aber „mal" auch nicht „klein", 
auch nicht „Berg", sondern Grenze oder Grenzgebiet. 

In weiterer Nähe von Skutari finden sich gleichfalls nur rein- 
slavische Ortsnamen vor, wie : Stitar ( Schulzpunkt ; eine Burgruine), 
Spasari ( Zufluchtsort, d. i. „spas"), Gredistar, Crveni kamen, Drac 
(wiederholt), Mali barz (Mali var), Gorica (oftmals), Spasit, Vranci 
(Branci), Velja, Drin, Drinaca, Varos u. ä. 



239 

Dies alles sind jedoch Namen aus dem nördlichen Albanien, 
die man allenlhalben als von den Serben beeinflussl ansehen könnte. 
Doch auch die neuen Generalkarlen von Durazzo und Elbassan weisen 
noch immer zahlreiche slavische Ortsnamen auf; woher sind denn 
diese gekommen oder weshalb haben sie sich nach der Berichtigung 
noch weiter erhalten, wenn daselbst von altersher alles so ausge- 
sprochen „albanisch" ist? Sind nachstehende topische Namen, die 
man ansonst gleichfalls überall findet, auch albanisch, wie: Gabrova 
Kamnica, Cerveni, Goricanu, Gurza, Boka, Kosovo, Cirma, Kazi, 
2abjak, Zarnec, Kula, Siraz, Vojvodani, Zelenik, Duza, Grazdani, 
Lozani, Banja (Schwefelquelle), Gorica, Vodica, Vojan, Gradista, Berat 
(slavisch Beligrad mit der Umgebung : Gorica, Dusnika, Bragas, Sta- 
rovo, Velebiste, Brestjani, Gorjan, Bistrovica, Morava), Mali Cernika, 
Borova, Bregu, Livadi und hunderte anderer, die alle nur jenen Ge- 
bieten entnommen sind, welche heute als rein und ungemischt al- 
banisch angesehen werden? Anerkannt slavische Gebiete Albaniens 
wurden aber hier überhaupt nicht einbezogen. Will man daher alle 
diese Namen ,, albanisch" machen, so wird man die Karten noch 
etliche Male ändern müssen, und nehme man sich hiezu vielleicht 
die Magyaren zum Muster, die gewiss die Nostrifizierung von Orts- 
namen verstehen, wie sonst niemand ! Vielleicht täuscht man sich 
aut diese Art doch noch leidlich hinweg, dass jene Gegenden einst 
von Originalslaven bewohnt waren, da dies einstweilen so sicrend 
wirkt. 

Übrigens hat das albanische Idiom, trotz der geringen Ver- 
breitung, eine Menge durch das Slavische, Italienische und Griechische 
beeinflusster Dialekte, daher man eigentlich gar nicht weiss, welcher 
der albanische par excellence ist; und diese haben auch schon die 
vorgefundenen slavischen Namen genügend korrumpiert oder ihrer 
Eigenart angepasst; so spricht der Albaner z. B. das slavische 
„Crmljan" als ,,Semian", „Ratkovce" als ,,Ratkoc" aus. 

Es wäre daher sehr angezeigt, die heutigen reinen oder noch 
nicht bis zur Unkenntlichkeit entstellten Ortsnamen auf dem alba- 
nischen Territorium wissenschaftlich noch in genaue Evidenz zu 
nehmen, denn die Zukunft dürfte da in rücksichtslosester Weise die 
Originalität der topischen Namen daselbst mit Vorbedacht weiter un- 
kenntlich machen und auf diese Weise die etymologische Entkernung 
derselben für die Zukunft noch schwieriger gestalten, Dass sich die 
massgebenden Kreise weiter um die Erhaltung der sprachlichen 
Kulturdenkmäler oder gar um die Konservierung der historischen 
Namensformen daselbst kümmern könnten, wird wohl nach den ge- 
gebenen Erfahrungen niemand erwarten oder voraussetzen, da hiezu 



240 

nicht nur der Wille, sondern auch das Verständnis fehlt. Zu einer 
Akademie aber, die eine Art slavisches Sprachmuseum wäre, haben 
es die Slaven leider noch immer nicht gebracht, da bisher die Er- 
kenntnis für die giosszügige Auffassung der slavischen Sprache, Ge- 
schichte und Kultur vollends mangelte. 

Um unseren Behauptungen nur einen kleinen Beweis der vollen 
Berechtigung anzufügen, seien hier einige abenteuerliche Blüten der 
,,Albanesenkunde" erwähnt, wie solche z. B. Robert Müller (,, Wiener 
Mittags-Zeitung" vom 2G. September 1. ü.) in einer Form bietet, als 
würde sich ihm tatsächlich um eine ernste Wissenschaft handeln; 
hiebet muss er aber gar nicht gefühlt haben, dass er mit seiner 
verworrenen Logik dem logisch Denkenden gerade das sagt, was er 
mühevoll verhüllen will, d. h. er fand in den Albanern die 
Nachkommen der alten Illyrer, er verschweigt aber 
weislich, dass die alten Illyrer Slaven waren. Er 
setzt die Slaven nach Kräften herab und wirft hiemit, nachdem er 
den Albanern tüchtig Weihrauch streut, zum Schlüsse diesen unbe- 
wusst selbst das Rauchfass an den Kopf. Er sagt unter anderem : 

,,Es hat lange gebraucht, bis man zu der Erkenntnis eines 
illyrischen Urvolkes durchdrang. Heute liegt die Vermutung nahe, 
dass die Illyrer bei der Blulbildung aller historisch wichtigen Rassen 
zur Synthese der kulturtragenden Typen beigetragen haben. Es gibt 
und gab eine Menge merkwürdiger Völker in Europa, die einesteils 
numerisch- sehr unansehnlich, kulturell andererseits hervorragend 
keimtragend gewesen sind, über deren letzte ethnographische Zuge- 
hörigkeit aber die Gelehrten sich nicht einigen können. Der intuitive 
Gedankensprung einer Zusammenfassung auf die illyrische Grund- 
einheit liegt nahe und wird vorläufig von keiner Tatsache weder 
bestätigt noch geleugnet. In dem Hinterlande nordöstlich der Adria 
lebt noch heute der Stamm der Rhäten und Furlaner. Von diesen ist 
es sicher, dass sie physiologisch ein keltisch-illyrisches Grenz- und 
Übergangsvolk sind und waren. Ein anderes Problem geben die 
Etrusker auf, die Stammväter der Römer, die alten Tusker im heuti- 
gen Toskana. Sie hatten eine Schrift und Sprache, die nicht die 
später römische war. Eine zweisichtige Auffassung leitet sie, die sich 
auch Raseni hiessen, einmal von den Rhäten, also Illyrern ab, ein 
andermal von den Tyrrhenern, d. i. den Pelasgern des alten Hellas, 
die vor und neben eigentlichen Hellenen beglaubigt sind. Die Rasener 
müssten über Land, die Tyrrhener als Piraten eingewandert sein, 
eine Funktion, die ihrem Wesen als illyrisches Volk entsprochen 
hätte. Denn die Annahme, dass der Stamm der Pelagesier oder Pe- 



241 

lasger, d. h. der Meerbefahrer, nichts anderes denn das europäische 
Grundvolk der Illyrer gewesen sei, gewinnt nach den neuesten For- 
schungen immer mehr an Raum. Zieht man als letzte Linie in dieser 
Berechnung die jüngste Anschauung von Wilamowitz-Möllendorf hinzu, 
so ergibt sich ein überraschend einfaches Resultat. Nach Wilamowitz- 
Möllendorf sind auch die alten Dorer nur ein hellenisiertes Illyrer- 
mischvolk gewesen, die Synthese eines ausserordentlich kriegerischen 
und eines im wesentlichen künstlerischen Volkes. Die harte und 
kriegerische Gesittung der Dorer, deren Kultur nichts als ein grosses 
System des Kriegsspiels war, findet hier eine zufriedenstellende Er- 
klärung. Weitaus wahrscheinlicher aber ist die Annahme, dass auch 
die pelasgische Urbevölkerung Griechenlands aus Illyrern bestand. 
Da ausser den Illyrern keine andere zusammenhängende Rasse am 
Balkan nachgewiesen werden kann, die Lebensfähigkeit aber, wenn 
man sie als autogen annimmt, numerisch so schwacher Rassen den 
damaligen Verhältnissen entsprechend unfassbar ist, so liegt der ge- 
rade Schluss vor, dass alle die undefinierbaren Rassen im Süden 
Europas, so weit sie nicht Hellenen und Italer waren, nur Stämme 
einer einheitlichen illyrischen Rasse gewesen sind. In den Tugenden 
der etruskischen Römer und Dorer, die einander ähnlicher sind als 
Dorer und Oonier im engeren Kreise, ist also vielleicht die spezifisch 
kriegerische Initiative des alten Illyrers zu erkennen." 

Zum Schlüsse stellt Müller noch den überraschenden Satz auf, 
die Albanasen seien die überlebenden Ureuropäer, was nach 
der allgemeinen Hypothese allerdings stimmt, denn die Illyrer kön- 
nen füglich in erster Linie als ein Urvolk angesehen werden, da ihr 
Volksname schon an 1100 üahre v. Chr. festgelegt ist. Desgleichen 
ist Miüllers Behauptung, die alten Griechen seien auch Illyrer gewe- 
sen, begründet, denn jenes Volk, das einst seinen Gebirgen, Flüssen, 
Ansiedlungen u. dgl. auf dem Peloponnes slavische Namen gab, wie: 
Zavica (Savica), Opsina (Opcina), Cerniza, Grebeno, Chelm, Dragalibo, 
Ezero, Vardunia, Vardonica, Sela, Selica, Brinda, Varsova, Chlumuca, 
Kosovo, Polovica, Gorica, Krivica (Grivica), Kaminica, Straz (Straza) 
u. ä., war jedenfalls kein exotisches oder albanesisches im heutigen 
Sinne, sondern tatsächlich ein illyrisches, d. i. mit den Slaven iden- 
tisches Volk, was nur besagt, dass die Albaner, Illyrer, Kelten, Etrus- 
ker usw. dasselbe europäische Urvolk mit diesen Untertiteln wa- 
ren, die man aber heute eben kollektiv als Slaven benennt. 

Müller weiss aber noch mehr; er sagt auch: „Die Sprache der 
Albaner gehört, wie jene der Kelten, Italer, Hellenen und Germanen 
zu den voka lisch wohllautenden; weitaus fremder wirkt der sla- 
vische Konsonant." Dies Urteil bezog Müller zum Teile wohl aus 

16 



242 

dem 3enseits, denn wir haben doch keine Phonogramme aus der 
allen Zeit; überdies ist es höchst widersinnig, bei der Beurteilung 
mehrerer Sprachen hier die Vokale, dort die Konsonanten als Mass- 
stab anzusehen ; nebstbei muss der Verfasser überhaupt keine sla- 
vische Sprache kennen, wenn er so urteilt, sowie auch kein Gehör 
für die deutsche Sprache haben, sofern er z. B. in den deutschen 
Wörtern: nichts, stracks, Strunk, stampfst, strotzst u. ä. etwa voka- 
lischen Wohllaut empfindet. 

Es ist auch nichts leichter, als den deutschen Lesern über die 
Slaven jedes beliebige Märchen zu erzählen, weil sie von der sla- 
vischen Wissenschaft nichts wissen und sich hierüber auch nicht be- 
lehren lassen wollen ; und doch wäre gerade die gründliche Kennt- 
nis der geistigen Relationen der Völker eines Staates die festeste 
Brücke zur gegenseitigen Achtung, daher auch zum Völkerfrieden; 
mit der Fabrikation wissenschaftlicher Lügen wird hingegen die Sache 
nur noch trostloser. — 

Zum Schlüsse sei hier noch die Etymologie der Bezeichnung 
„Albaner" und des Namens „Skutari" dargelegt. 

Die Albanesen belegen sich selbst durchaus nicht mit diesem 
Namen, sondern sie sagen immer: ich bin ein „arbanas" ; und die- 
ses Wort ist selbst aus dem slavischen „arvati, rvati" hervorgegan- 
gen, das kämpfen, raufen bedeutet; der „arbanas" ist sprachlich 
daher dasselbe wie „Hrvat", d. i. Krieger, Kämpfer. 

Dasselbe gilt betreffs der Stadt Skutari, welche die Slaven 
als S k a d a r (früher S k o d r a) bezeichnen. Das Grundwort ist „kotar" 
(auch ,,kotor"), d.i. Kreis, Bezirk, Umgrenzung, wie der B e- 
zirk im Serbo-kroatischen eben im allgemeinen heisst, und wieder- 
holt sich dieselbe Regel gleich wieder beim benachbarten Caltaro, 
slov. Kotor; das Präfix „s", womit der Slave immer eine gewisse 
Abgeschlossenheit hervorheben will, bildete sich jedoch allem An- 
scheine nach, als Skutari zu einer zentralen Festung wurde, daher 
von da an ,,Skotar" lautete. Im allgemeinen bezeichnet das slavische 
,,kot" den Winkel, die Grenzecke; im Französischen ist ,,cote" Küste, 
Ufer, im Italienischen „coda" Ende ; der Begriff , .Hotterhaufen" be- 
zeichnet im Deutschen das meist aus Klaubsteinen errichtete Grenz- 
zeichen. Im Albanischen bedeutet jedoch „kodra" Hügel im allge- 
meinen ; betrachtet man aber die Karte, so fällt es auf, dass so be- 
zeichnete Höhen immer an Grenzen politischer Richtung liegen. Ein 
Vorwerk der alten Festung Alessio (Ljes) heisst der geschilderten 
Sprachgenesis nach daher auch nicht ,,Skodra", sondern nur „Kodra". 
Den Grenzcharakter dieses Begriffes bestätigt auch die russische 



243 

kleine Münze ,,kodrant", d. i. die Zolltaxe bei der Grenzpassierung, 
welche sprachliche Bildung doch die meisten Münzen niederer Werte 
aufweisen. 

Die Slavizität Skutaris bezeugt auch der Umstand, dass sich dort 
schon im Jahre 1560 eine glagolitische Buchdruckerei befand, die 
allerdings sehr bald durch die türkische Roheit und Bildungsfeindlich- 
keit vernichtet wurde. Von den daselbst gedruckten Werken haben 
sich eine Faslenhomilie und ein Pentekostar noch als Inkunabeln 
(Wiegen-, Erstlingsdrucke) erhalten. 

Spricht daher heute jemand davon, dass die Serben in Albanien 
die Ortsnamen slavisieren, so weiss er eben nicht, dass diese Namen 
an sich fast durchwegs slavisch sind, und dass die Serben eben nur 
die Originalnamen gebrauchen; drängt aber jemand dahin, dass die 
Kartenerzeugung die Originalnamen albanisiere, so mag dies vom 
politischen Standpunkte hingenommen werden, denn Ähnliches wie- 
derholt sich anderswo auch, aber vom Standpunkte der Geschichte 
und Sprache als Wissenschaft ist dies eine offene — Barbarei. — 



Slavische Qeschichtsquellen. 



V. Eine kroatische Chronik aus dem XL Jahr- 
hunderle. 

Mitgeteilt von Dr. Fr. Pfikryl. 

(Schluss.) 

In dieser Zeit kamen auch Gesandte vom Kaiser Michael,''^) 
welche mit grossen Ehren empfangen wurden. Unter den Versammelten 
waren verschiedene Völkerschaften'-) vertreten. Mit ihnen begann 
der gute König nun den heiligen Unterricht, und widmete den Sat- 
zungen zwanzig Tage, von denen er durch acht Tage nichts als 
den kirchlichen Standpukt, das zur Kirche Gehörige, die bezügliche 
Ordnung Schaffende und den Weg zur Erlösung Vorbereitende besprach. 

•''') Michael III., mit dem Beinamen der Trunkenbold, regierte von 842 — 867 
in Konstantinopel. Diese Angabe stimmt wieder vollkommen zu den sonstigen 
Zeitdaten. Es scheint daher, dass Dukljanin doch eine ältere Vorloge hatte, die 
entweder er selbst falsch interpretierte oder irrtümlich berichtigte, oder aber ent- 
hielt diese selbst geschichtlich falsche Angaben. 

''■] »Jazik« bedeutet in der altslavischen Kirchensprache so viel als »narod«, 
d. i Volk, womit nur festgelegt wird, dass man damals alle, die dieselbe Sprache 
sprachen, als e i n Volk ansah. 

16* 



244 



Vier folgende Tage las er die allen Privilegien, die aus Rom gebracht 
wurden, u. zw. sowohl die griechischen, sowie jene aller Königreiche 
und Herrschergebiete der kroatischen, küstenländischen und zagorski- 
schen Sprache. Da hörte nun einmal das Volk, wie die alten vom Papste 
und Kaiser gesendeten Privilegien aller Länder lauten, wie ein Land 
vom anderen abgetrennt ist, wie ein Land im Vergleiche zum anderen, 
ein Volk vom anderen und ein Königreich vom zweiten geehrt wird. 
Nachdem sie dies alles verstanden, war der König darüber sehr 
erfreut, sowie auch alle, die dort vereinigt waren. Die Kardinäle und 
Bischöfe weihten-'^) nun mit Willen des Volkes den König, bestätigten 




Au-^gc!;iarL'nL' altchristli che Dcnlv niälcr in Salona. 

ihn in der Königswürde und befahlen allen ihm unterstellten Ländern 
dem Willen des Königs und seinen Nachfolgern gehorsam zu sein. 
Hierauf wurden Erzbischöfe und Bischöfe ernannt, geweiht und 
in die Städte verteil}, ähnlich wie es vor dem Zerfalle war, und in 
Zukunft sein solle. So sandten sie zwei Erzbischöfe ab, u. zw. den 
einen in die schöne aber unglückliche Stadt Solin, von der wenig 
oder nichts übrig geblieben war, da sie durch die unbarmherzigen 
Goten niedergebrannt und zerstört wurde, ') den zweiten aber nach 

^■*) In der lat. Handschrift: »coronatus more Romanorum Kegum <, d. h. er 
wurde nach Art der römischen Könige gekrönt. 

■''') In der lat. Handschrift erwähnt Dukljanin zwar über derartig.; Schicksale 
Solins nichts, obschon es naheliegend ist, dass diese Stadt nichl verschont blieb, 



245 

Duklja. Mehrere Bischöfe wurden in die Ortschaften verteilt und den 
erwähnten Erzbischöfen untergeordnet u. zw. soviel unter jeden, so- 
viel als Kirchen gesperrt und wieder geöffnet wurden, indem den 
Erzbischöfen und Bischöfen aufgetragen wurde, die Kirchen neu zu 
weihen. 

Auch erliess der König einen strengen Befehl an alle Ortsge- 
meinden, die Kirche und die kirchliche Sache zu schützen, sowie dass 
niemand Gewall übe weder an der Kirche, noch irgendwie an den 
Mönchen ; desgleichen dass niemand eine Gewalt gegen sie habe 
oder welche Freiheiten, ausgenommen deren Häupter, die Erzbischöfe 
und Bischöfe. Wer etwas dagegen unternimmt, unternimmt dies gegen 
den König und die Krone, daher gegen das Königreich. So ordnete 
er die kirchlichen und geistlichen Angelegenheiten in gerechter Weise; 
daraufhin verteilte er das Land im Sinne der zwei erwähnten Privi- 
legien, ') setzte die Grenzen fest, sowohl zwischen den Städten und 
Gemeinden. Er schafft den Städten und Gemeinden Statuten und 
Gebräuche, verteilt die Wasserbezüge ") und ordnet die Einkünfte. 
Allen Gebieten setzt er die Grenze fest und benannte alles, was von 
jener Gebirgsseite zum Meere liegt als das „Küstenland", und alle 
Flüsse, die von den Bergen des Westens entspringen und zum grossen 
Flusse Dunaj (Donau) zustreben, bildeten das Gebiet „Surbia".'") Des- 
gleichen teilte er das Küstenland in zwei Teile : er begann bei der 
Stelle der Stadt Dalma, die von den Heiden zerstört wurde, und im 
Westen lag, bis zum Orte Valdemin '^) ; von Dalma bis Valdemin 
nennt er es Weiss-Kroatien,' ') d. i. das liefere Dalmatien. Das 
Gebiet von Dalma bis zur Stadt Bandalona,*^*^) die jetzt Drac") heisst, 



denn wie die beigeschlossene Illustration, die einen Teil des ausgegrabenen alt 
christlichen Friedhofes und der ersten Basilika zeigt, liegt da ofienkundig eine 
gewaltsame Zerstörung vor. 

"*■'] Hier werden ausdrücklich zwei Privilegien genannt. 

''■] Es zeigt von grosser organisatorischer Klugheit die verfügbaren geringen 
Wasserresourcen, die im Karstgebiete stets eine vitale Frage bedeuten, von vorn- 
herein zuzuweisen, weil sonst Unfrieden und Kämpfe unvermeidlich sind. 

°^) In der lat. Handschrift: Sumbra. 

'") In der lat. Handschrift: Valdevin. Vermutlich zu beziehen auf »Zavalja« 
; n der Una (nächst Bihac). 

■"] »Weiss-Krcatien« ist jedoch eine falsche Etymologie, denn das Bestim- 
mungswort ist nicht »bela« (weiss] sondern »vela«, also: Gross-Kroatien in 
richtiger, sprachlogischer Auffassung. Ein Teil von Dalmatien hiess auch »Crvena 
Horvatska«, d. i. Grenz-Kroatien (nicht -Rot-Kroatien«), also die Gebiete längs 
der Meeresküste. 

8") Bandalona dürfte eher mit Valona identisch sein. 

«1) D r a c gehörte sonach einst zu Dalmatien. Der alte römische Name war 
»Dyrrachium« (it. Durazzo); »Drac« selbst bedeutet etymologisch: Kampfplatz. 



246 

nennt er das untere Dalmatien,"-) auch Durbija, was nebstbei mit 
Zagorje'") idenliscli ist. Aber auch dieses teilt er in zwei Teile, be- 
ginnend an der nördlichen Seite des Drin,") der gegen Westen fliesst, 
bis zum Morava-Gebirge, und nennt sie: Bosnien; was zwischen dem 
Drin und der Lipa"') liegt, nennt er: Raska zemlja.'"^) Bei jedem 
Gebiete bestimmt er die Grenzen und in jeder Stadt daselbst setzt er 
einen „ban","') in mancher einen „duz" ein. Jeder dieser ,,bani" wie 
,,duzi" musste von vornehmer Geburt sein ; diese wählen sich hin- 
gegen wieder ,,knezi""") aus ihrer Familie. Sie ernennen weiter die 
,,satniki",'^') welche 100 Wehrfähigen vorstehen ; diese ,,satniki" sind 
Krieger aus der betreffenden Provinz. Jeder ,,ban" erhält sieben 
,,satniki", welche gemeinschaftlich mit dem ,,ban" dem Volke Recht 
sprechen; den ,,duzi" wie ,,hercezi"'") sind für die Rechtsprechung 
im Volke fünf ,,knezi" beigegeben. 

Ebenso wurden zugleich die Ehren und Einkünfte den Banen, 
Herzegen, Knezen und Hauptleuten vorgeschrieben, sowie bestimmt, 
dass jeder Knez einen Hauptmann heranziehe, denn ohne die Einhal- 
tung der erwähnten Vorschrift ist kein Urleil rechtsgültig. 

Weiters wurde festgesetzt, dass jeder Richter dem Könige ein 
Dritteil der Einkünfte abzuführen habe, um ihn als Herrn anzuerkennen 
und dass er König aller sei, jene aber jeder für sich; dann dass 

*'2) Die genauen Unterschiede zwischen »niz)a« und «donja Dalmatia« sind 
sprachlich schwer hervorzuheben, da es eben Eigennamen sind. 

^'■'] Zagorje war ungefähr das Gebiet von Per (Ipek), Djakova, Prizren, 
Verisovic und Pristina, also etwa von der Sar- bis zur Kosnica planina. 

"■') Drin (es gibt am Balkan eine Unmenge von Flussnamen dieser Wurzel) 
entspringt eben nördlich Pec, fliesst gegen Prizren imm.er südlich und wt;ndet sich 
erst dann gegen Westen. 

"■'■) Lipa (in der lat. Handschrift »Lapia«) ist identisch mit dem heutigen 
Lab, der das Kosovo polje durchfliesst. 

''') Raska zemlja war das Gebiet im heutigen VilajeL INovi pazar, sonst 
in der Geschichte als »Rascia« (mit der alten Burg Ras) bekannt. 

"') »Ban« hatte damals die Bedeutung, wie heute Kreisvorsteher, da tr 
sieben »satniki« mit etwa 7C0 Waffenfähigen unter sich hatte. 

'"'*) »Knez« ist gleichbedeutend mit Richter oder Ortsvorslehor; in der lat. 
Handschrift heisst er »jupanus«, also xzupau'/. 

"") >.Satnik«, d. i. Befehlshaber von 100 Mann, also gleichbedeutend mit dem 
heutigen Hauptmann, der im Slavischen noch immer als »setnik, stotnik« be- 
zeichnet wird. 

'"] »Herceg«, gewöhnlich »erceg« geschrieben oder genannt, entspricht etwa 
dem heutigen Bezirksvorsteher, avancierte daher erst im Deutschen zu »Herzoge. 
Die Sitze solcher heissen heute noch häufig »Erceg« und kssen sich diese ebenso 
nach den Ortsnamen festlegen, wie die mit »ban« gebildeten Ortsnamen: Banja 
Bistrica, Banjdol, Banjkovac u. ä., daher man aus den Ortsnamen die einstigen 
Kreis- und Bezirksorganisationen noch vielfach ruckkonsli uieren kann. 



247 

der König das Haupt und Ältester über alle ist, und [dass alle die 
Gebote des Königs anerkennen. 

Überdies schuf er eine Menge guter Gesetze, ohne dass man 
darüber weiter spricht; denn wenn einer durchaus wissen will, wer 
alles ausführte, wer die Grenzen bestimmte, wer den Ländern die 
Namen gegeben, die Bücher beschafft, die den Kroaten geblieben 
und bei ihnen zu finden sind; er nennt sich: Methodios.") 

Als nach diesen Einrichtungen die Kardinäle, Bischöfe und kai- 
serlichen Gesandten sahen, dass sie alle vom wohlwollenden Könige 
und dem heiligen Volke stammen, nahmen sie Abschied und zogen 
unter grossen Ehren und beschenkt ab. 

Später gingen auch die eingesetzten Hercegs, Bani, Knezi und 
Hauptleute, die hiezu auserwählt wurden, wie auch das ganze Volk 
mit Willen des Königs auseinander und begaben sich nach Hause in 
ihre Heimat. 

Der gute König regierte dann noch kO Oahre und 3 Monate mit 
Willen jenes, der alles vermag. Er bekam in seinem Alter einen 
Sohn, und starb am siebzehnten Tage darauf, am 9. des Monates 
März, und wurde in der Kirche der gebenedeiten heiligen Maria in 
der Stadt Duklja mit grossen Ehren und unter Tränen des ganzen 
Volkes begraben. Seit jener Zeit kommen noch an vielen Tagen um 
ihren guten Herrn Weinende zur Kirche. 

Das Kindlein, dem der Name Svetolik beigelegt wurde, ward 
zum Könige und Herrn ausgerufen, gekrönt und gesalbt von den 
Erzbischöfen in jener Kirche der hl. Oungfrau, wo der Vater begraben 
liegt. Das wachsende Kind folgte den Gesetzen des Reiches seines 
Vaters; es zeigte ebenso wie der Vater, Gottesfurcht, und hielt die 
Gesetze Gottes ein. 

Er hatte mit 17 Jahren und 7 Monaten einen Sohn, dem er den 
Namen Stipan Vladislav gab. Nach Ablauf eines Jahres starb der 
König. An Vaters Stelle trat nun sein Sohn Vladislav die Regierung 
an. Er war sehr tapfer und von kräftigem Körperbau, doch folgte er 
seinem Vater weder in der Regierung, noch in den Gesetzen Gottes 
auf gleichem Wege. Er hatte auch einen Sohn. Der so ungerecht wie 
auch gegen die Gebote Gottes Regierende ging eines Tages auf die 
Jagd, da er leidenschaftlich jagte. So geschah es mit Willen Gottes, 
dass der Jagende ein Wild auftrieb und es verfolgte. Doch das Pferd 

'1] Hier wird plötzlich Methodius (t 885). der Bruder Cyrills, genannt, weil 
er die Arbeit seines 16 Jahre früher verstorbenen Bruders fortsetzte und der 
Inspirator des Königs gewesen zu sein scheint. 



248 



trug ihn über eine Grube ; er fiel in dieselbe, erschlug sich und wurde 
toi herausgezogen. 

An dessen Stelle begann nun sein Sohn, namens Polislav/-) zu 
regieren. In der Zeit, als Polislav regierte, herrschte im Königreiche 
Ungarn ein König, namens Atlila.' ) Dieser sammelte ein Heer und 
zog mit diesem gegen den König Polislav. Dieser war jung und 
kampfgeübt. Die beiden kämpften oft untereinander, wobei jedesmal 
Attila unterlag, daher er floh, als er sich nicht mehr entgegenstellen 
konnte. 

Polislav hatte eine Tochter, die zwei Söhne hatte. Er herrschte 
17 üahre. Im 17. Jahre starb er in grossem Ruhme, worauf der äl- 
tere Sohn (der Tochter) an Stelle seines Vaters die Regierung über- 
nahm. Dieser hiess Sebislav. Zur Zeit seiner Regierung trat gegen 
ihn wieder jenes Gotenvolk") auf, das die Stadt Skadar besetzte. 
Als Sebislav dies vernommen, sammelte er eine grosse Zahl von 
Kriegern und zog in die Stadt auf ihr Lager los. Er vernichtete da 
eine grosse Zahl der Goten mit dem Schwerte; viele wurden gefan- 
gen, viele erschlagen und das Heer insgesamt zerstreut. 

Als der ungarische König Attila hörte, dass die Goten gegen 
Sebislav aufgetreten seien, zog er in dessen Hauptstadt, beutete sie 
voll aus, brannte sie nieder, zerstörte den grössten Teil davon und 
kehrte rasch wieder in sein Königreich zurück. Als zu Sebislav die 
Kunde gelangte, dass Atlila vor seiner Hauptstadt sei, machte er 
sich rasch auf und zog gegen ihn. Hier sah er, dass jener nach dem 
Beulemachen und Niederbrennen schon abzog, denn sobald Attila 
vernahm, dass Sebislav die Goten schlug, musste er annehmen, dass 
auch ihm dasselbe zuteil werde, daher er floh, die Ankunft Sebislavs 
nicht wagend und nicht vjarlend, bis sich die Stadt wieder aufrichte 
und fülle. 

Sebislav erhielt später zwei Söhne, namens Razbivoj und Vla- 
dimir. Er regierte 2k üahre und starb. Es blieben für sein König- 
reich die zwei Söhne Razbivoj und Vladimir zurück. Der ältere, Raz- 
bivoj, wollte nun das Königreich teilen und gab dem Bruder den 
oberen Teil, d. i. Zagorje, auch Dubria genannt, das gegen den Dunaj 
zu liegende Land, dann Bugare, wie man es jetzt nennt, bis zum 
Pounje polje.' ■) Sich selbst nahm sich Razbivoj das küstenländische 
Königreich. 

"-) In der lat. Handschrift: Thornislaus. 

'•■') »Attila« war vermutlich nur ein Funkticnsname. 

'"') In der lat. Handschrift heisscn sie »Graeci«. nlso Griechen. 

'•'') P o-U n j e, d. i. das Gebiet an der Una. 



249 

Vladimir heiratete die Tochter des ungarischen Königs/'') worauf 
ein fester Friede entstand. Vladimir hatte Söhne und Töchter; hin- 
gegen starb Razbivoj, 12 Jahre regierend, ohne einen Sohn zu hinter- 
lassen. Da kam Vladimir, übernahm das Königreich und herrschte 
im Königreiche Zagorsko 20 Oahre und im Küstenlande 8 Jahre, 
worauf er starb. 

An des Vaters Stelle trat die Regierung sein Sohn an und ver- 
einigte wieder die Königreiche, wie es ehedem der Fall war. Seine 
Herrschaft behagle aber den unteren Kroaten nicht, daher sie sich 
von ihm lossagten. Der König sammelte nun ein Heer, hauptsächlich 
aus Istrien und dem oberen Bosnien, und zog gegen sie. Aber auch 
die anderen zogen aus und erwarteten ihn am Hlivanjsko polje"), wo 
es zwischen ihnen zu harten Zusammenstössen und Kämpfen kam. 
Nach mehrfachem Kampfe wurde zuletzt der König Kanimir "^l er- 
schlagen. 

An dessen Stelle trat nun sein Neffe, namens Kristivoj." 'j Dieser 
regierte nun in seinem Königreiche; er hatte Söhne und Töchter und 
starb im noch nicht vollendeten 23. Jahre seiner Regierung. An 
seine Stelle trat sein Sohn Tolimir."') Während seiner Regierung blieb 
das ganze Land in Freuden. Er halle Söhne und starb im 17. Jahre 
seiner Regierung. An dessen Stelle trat sein Sohn Pribislav,^') der 
S3inerzeil viel Böses beging. Bei seinen Lebzeiten empörte sich das 
Land^-), denn es konnte dessen Frevel und Schändlichkeilen nicht 
vertragen. Der König Pribislav wurde erschlagen und dessen Körper 
in den Fluss geworfen. An dessen Stelle wurde sein Sohn Cepimir 
gesetzt. 

Nach Übernahme der Regierung, sandte er nun seinen „ban" 
und nahm viele Bosnier, die Schuld trugen an dem Tode des Königs, 
seines Vaters, gefangen, und liess sie durch einen schlimmen Tod 
hinrichten. 



"") Vladimir heiratete die schöne Kocarovna, die Tochter des bulgarischen 
Zaren Simeon, der in Ochrida sass; es rnuss rlso hier ein Schreib- oder Lese- 
fehler vorliegen. Der Umstand aber, dass er mit den Ungarn im Felde stand und 
hierauf Ruhe eintrat, lässt erw^ägen, ob er nicht zweimal heiratete. 

'") Nordöstlich von Salcna. 

'^**] Kanimer, in der lat. Handschrift »Charanimir«, war eben der Sohn 
Vladimirs. 

"**) In der lat. Handschrift: Tvrdoslav. 

*") In der lat. Handschrift: Ostrivoj. 

**) In der lat. Handschrift: Predislaus. 

"*-) In der lat. Handschrift: Magnatcs Bosnae, also die bosnischen Edelleut.i. 



250 

Zur selben Zeit, als Cepimir"'') regierte, erschienen Leute, Nimci®*) 
mit Namen, von der Zvizda") her, nahmen Islrien ein und began- 
nen in Kroatien einzudringen. Als König Cepimir dies vernommen, 
sammelte er ein grosses Heer, suchte aus demselben die tapfersten 
Leute heraus, und machte Kriegsabteilungen daraus. Nun bereiteten sich 
beide Teile zum Gefechte und Kampfe vor und schlugen sich viel. 
Zulezt brachte Cepimir die Nimce und deren Scharen unter das 
Schwert, vertrieb sie und vernichtete sie im ganzen Lande. 

Hierauf sandte der „duz" des Nimci-Gebietes Gesandte ^um 
König Cepimir, er möge seine Tochter dessen Sohne, namens Staozar"') 
geben. Dies sagte dem Könige zu, denn der „duz" war zugleich der 
Herrscher jenes Landes. Die Hochzeit wurde nun vorbereitet, worauf 
sie in Frieden und Eintracht blieben. 

Cepimir regierte 25 Jahre und 7 Monate. Als Nachfolger hinter- 
liess er einen Sohn, namens Svetozak. Er begann nun an Vaters 
Stelle zu regieren und war ein edler und sanfter Herr, ein guter 
König. Er hatte einen Sohn, namens Radoslav, den er schon zu 
Lebzeiten zum Könige machte. Er lebte nicht lange, hinterliess Ra- 
doslav, der in die Fußstapfen seines Vaters trat und gleiche Güte 
zeigte; er war für jedes Gute eingenommen. 

Dieser hatte den Sohn Sejslav,"^') welcher der Abtrünnige genannt 
wurde, weil er der Kirche den Gehorsam verweigerte, seinem Vater 
die Herrschaft abzunehmen trachtete und eine Menge Unheil stiftete. 
Der gute König beabsichtigte nun den Sohn zu vertreiben und alle 
jene, die diesem beistanden. Er sammelte ein Herr, zog und trat 
gegen die Abtrünnigen auf und vernichtete sie, denn das Land wollte 
nicht, dass man gegen dessen alten Herrn untreu vorgehe. Der gute 
König gab nun vielen die Freiheit und verzieh ihnen alles, was sie 
da verschuldet; etliche, die gefangen genommen wurden, übergab er 
seinen Rittern zur Dienstleistung. Deshalb zürnte Sejslav seinem Vater, 
versagte ihm den Gehorsam und zeigte wenig Achtung gegen ihn. 
Sejslav wendete nun von dem guten Könige ab den „ban", viele 
„knezi", Hauptleute und Ritter, welche aus Furcht vor ihm und wegen 

*"*) In der lat. Handschrift: Crepirnirus. 

'''') »Nimci«, kroat. Deutsche, müssen jedoch nicht Deutsche im heutigen 
Sinne sein; z. B. im Friaulischen ist ein »Njemacko polje«. 

'*•') Ein heute unverständlicher Orientierungsbegriff cdcr Eigenname; mög- 
licherweise bedeutet es »von Norden her«, d. i. die Bewohner unter dem Polar- 
stern, der immer im Norden steht. 

^'') In der lat. Handschrift: Suechozor; ist also in keiner Form ein annähernd 
deutsches Wort. 

**^) In der lat. Handschrift: Ciaslaus, 



251 



der Gulmütigkeit des Königs zu ihm überlraten. Als er wahrnahm, 
dass sich alles fürchtet und dass sie ihm gehorchen, empörte er 
sich, riss die väterliche Herrschaft an sich, vertrieb den guten König, 
seinen Vater mit Hilfe der unruhigen Kroaten, welche stets besser 
waren in der Furcht und sanfter unter der Gewalt, als wenn sie 
einen gutmütigen Herrscher hatten. 

König Radoslav flüchtete vor dem Sohne, da ihn dieser verfolgte, 
und kam so ans Meer.") Dort nahm er wahr, dass der Sohn nahe 
hinler ihm ist. Als er nun einsah, er könne dem Arme seines Sohnes 
nicht mehr entgehen, bedauerte er alle jene, die ihn liebten, denn 
viele „knezi" und Hauptleute Hessen die ihrigen und alles, was sie 
auf Erden hatten, flüchteten mit ihm und kümmerten sich mehr um 
ihn als um sich selbst. Als sie nun sahen, dass keine andere Rettung 
mehr sei, stiessen sie schwimmend ins Meer. So kämmen sie auf 
Pferden zu einem Felsen im Meere, der jedoch nicht weit vom Ufer 
entfernt war. So retteten sich der König und die Seinigen vor dem 
Arme des unbarmherzigen Sejslav. 

Kurz darauf geht mit Gottes Erbarmen ein Schiff, das aus Pulj"') 
übers Meer, u. zw. am kroatischen Ufer fuhr, vorüber. Alle begannen 
nun gegen das Schiff hin zu schreien und zu rufen. Als die Seeleute 
das Geschrei hörten, sandten sie hin, um festzustellen, was das Rufen 
bedeute. Als sie auf ihr Befragen erfuhren, was geschehen ist, 
empfanden sie Mitleid, und nahmen den König sowie alle, die mit 
ihm waren, auf ihr Fahrzeug, bezeugten ihnen alle Ehre und kehrten 
mit ihnen zurück na Pulj.'"') — Seither heisst jener Fels, auf den 
sich jene flüchteten, der „Radosalj-Stein". 

In Pulj angekommen machte sich der genannte König Radoslav 
mit Allen auf den Weg nach Rom. Sejslav jedoch, von Gott verflucht, 
kehrte, als er die Flucht seines Vaters übers Meer vernommen, 
zurück, übernahm das Reich und begann an Vaters Stelle zu regieren. 

In jener Zeit lebte ein Jüngling, namens Tehomil, der Sohn eines 
Popen.'") Dieser weidete und beaufsichtigte die Schafe irgendeines 
„knez" oder „herceg" in Ungarn."-) 



***) In der lat. Handschrift: in locum, qui dicitur, L a s t a; vermutiich L a s t a a 
bei Cattaro. 

"'') Slavischer Name für: Pola. 

*"') In der lat. Handschrift: Syponlina. 

^*) Im Originale »popovic«, also der Sohn eines Popen. 

"-) Nach Dukljanin hiess dieser Vorname: Budislaus; doch dass er selbst ein 
Ungar wäre, dies deutet er nicht an, sondern er lebte in Ungarn. 



252 

Tehomil war bei seinem Herrn sehr beliebt, denn er war sehr 
schön gestaltet, gut zu Fusse und sehr flink. Wann immer nun sein 
Herr auf die Jagd ging, jedesmal rief er Tehomil mitzugehen. Eines 
Tages schlug Tehomil eine Wachtelhündin, namens Palusa, und 
obschon er sie nicht so stark schlagen wollte, geschah es, dass er 
sie an einem solchen Punkte am Kopfe traf, dass er sie an 
Stelle erschlug. Tehomil flüchtete sich deshalb aus Furcht vor seinem 
Herrn, denn derselbe liebte unter allen seinen Hunden jene Wachtel- 
hündin, ihrer Verwendbarkeit wegen, am meisten. Tehomil flüchtete 
zum Könige Sejslav, der ihn freundlich empfing. 

Zu jener Zeit sammelte dieser „herceg""') ein Heer in Ungarn, 
rückte in Bosnien ein, und plünderte und verwüstete das Land. Als 
Sejslav dies vernommen, zog er mit grossem Heere gegen ihn und 
traf ihn in der Zupanie Drin, nahe des Flusses Drin. Als sie sich 
stellten, gab es viele Kämpfe, und der erwähnte Tehomil, der sich 
wie ein Löwe benahm, ja, sich tapferer als die Übrigen verhielt, 
schlug unbarmherzig drein. Da traf er auf den „herceg", denn die 
Ungarn wurden durch einen Sturm zurückgedrängt, hau! ihn zusam- 
men, worauf jener vom Pferde fällt. TehomJl springt hinzu, schlägt ihm 
den Kopf ab, hebt ihn auf und trägt ihn dem Könige Sejslav zeigen. 
Auch dieser hat eine Menge da und dort durch das Schwert nieder- 
geschlagen, so dass die Ungarn wehklagten.'") 

Damals gab es viel Jammern seitens der Ungarn, die gefangen 
waren oder verwundet, brüllend wie Schweine,''') lagen. Und der sie- 
gende Sejslav blieb da in grosser Freude und verlieh Tehomil die 
sogenannte „zupanija Drin" ; auch gab er ihm die Tochter des „ban" 
von Raska zur Frau und ehrte ihn vielfach. 

Als die Frau jenes „herceg" ihres Mannes Tod erfuhr, begab 
sie sich zum König von Ungarn und erzählte ihm unter Tränen vom 
Tode des „herceg", seines Heerführers und ihres Mannes. Sie bat 
den König um ein Heer, um die vielen Ungarn und den Gatten zu 
rächen. Der König sammelte wieder ein grosses Heer, von denen 
alle gerne auf einen solchen Rachezug gingen, um jener Frau ihren 
Mann und die vielen erschlagenen ungarischen Ritter zu rächen. Sie 
übernahm das Heer und führte es in Sejslavs Land; hier fand sie 
alles in Unordnung, denn niemand wusste von ihr, und als sie zum 

■'') Dieser »herceg« war zweifellos jener, den Dukljanin »Bucli<-laus<. nenn'. 
In der lat. Handschrift nennt er ihn jedoch: K i i s, princeps Ungariccram. 

"'■) In der lat. Handschrift wird der Ort des Kampfes als »Civedino« benannt: 
man glaubt, dass dies S v i n j a r in Slavcnien war. 

'•'■'') Im Originale j.'prasove« oder »prazove«. 



2ö3 

Lager kam, war noch alles auf der Gagd ; die Ungarn schlugen nun 
los auf das Lager und den König ; doch eher als er Gelegenheit hatte 
auf das Pferd zu springen, nahmen sie ihn mit einem bedeutenden 
Teil seiner Umgebung, da eben alles um ihn herum war, lebend ge- 
fangen. Die Frau des „herceg" befahl ihren Rittern, Sejslav Hände 
und Füsse zu binden. Den so Gebundenen entstellten sie und boten 
ihn den ganzen Tag bis zum Abend, auf diese Art schimpflich behan- 
delt, jedem Auge frei. Als es im Osten Tag ward, befahl sie ihn in 
die Save zu werfen.'") 

So vollzog und erfüllte sich an seinem eigenen Haupte der 
Fluch, begangen an dem guten König, seinem Vater, denn er wie 
seine ganze Familie ging eines schlimmen Todes zugrunde und nahm 
ein Ende. So ging Sejslav ins Verderben, er wie seine Seele. 

Als der gute und rechtschaffene König Radoslav dieses Gescheh- 
nis und den Tod seines nichtrechtschaffenen Sohnes Sejslav und aller 
Nachkommen erfuhr, dankte er Gott, der gerecht entscheidet, worauf 
der König unter Segnungen des hl. Vaters, des Papstes, auf seinen 
Platz zurückkehrte. 

Als er wieder unter seine unwürdigen Kroaten als guter Herr- 
scher trat, vergass er alle Vorkommnisse, die sie gegen ihn unter- 
nommen, und herrschte so rechtlich, als wäre nie etwas geschehen. 
Der so Regierende hatte einen Sohn, namens Koloman. Als er starb, 
übernahm dieser an Vaters Stelle die Regierung in der Weise, wie 
er es von seinem guten Vater, dem König Radoslav, lernte.'') Über- 
dies war er selbst ungewöhnlich gutmütig und so regierte er in der 
Liebe zum Volke und mit grosser Gerechtigkeit. Er hatte einen Sohn, 
Krisimir. Nach einigen Jahren starb er. 

Ihm folgte sein Sohn Krisimir, den Güte jeder Art zierte und 
Gottesfurcht erfüllte. Der Regierende hatte einen Sohn, namens Zvoni- 
mir. So lebte er 31 üahre und starb. König ward nun Zvonimir, wel- 
cher achtbare König, ein Sohn guter Einflüsse, nun die Kirche sehr 
zu achten und zu lieben, den Guten zu helfen und die Bösen zu ver- 
folgen begann. Er war bei allen Gutgesinnten beliebt und von allen 
Bösen gehasst, denn er konnte nichts Böses sehen. Er passte daher 
nicht für die Kroaten, denn sie wollen nicht durch Güte gewonnen 
sein, sondern sie sind befriedigter in der Furcht. 

^^ Diese Szene muss sich also nahe an der Nordgrenze Bosniens, soweit 
diese die Save bildet, abgespielt haben. 

^") Von hier an weicht unsere Chronik von jener Dukljanins ab, denn letzterer 
kümmert sich nun wenig mehr um Kroatien, sondern vorwiegend um die nähere 
Heimat, vor allem die Duklja. 



254 



Zu Zvonimirs Zeit war das ganze Land fröhlich, denn es war 
üppig und mit allem Wohle bedacht; alle Städte waren reich an Sil- 
ber und Gold. Nicht fürchteten die Armen, dass sie von den Reichen 
verkürzt werden, oder dass ihnen jemand, wenn er auch nur ein 
Knecht ist, etwas wegnimmt, oder dass ihnen ein Hoher Unrecht 
zufügt. Da der König alle beschützte und selbst nichts Ungebührliches 
besass, Hess er es auch bei anderen nicht zu. Damals, unter dem 
rechtliebenden König Zvonimir, gab es grossen Reichtum sowohl in 
Zagorje wie im Küstenlande (Primorsko) ; das Land hatte Überfluss 
an Gut jeder Art ; wie der Schmuck der Frauen oder jungen Leute 
so auch jener der Pferde war allein mehr wert, als zu anderer Zeit 
das ganze Vermögen. Das Reich Zvonimirs war voll von Freuden 
jeder Art; es fürchtete niemanden und konnte ihm auch niemand 
Schaden zufügen, es wäre denn der Zorn Gottes, der von oben auf 
ihre Nachkommen gelangen könnte, wie die Schrift sagt : „Die Väter 
verzehrten saure Trauben, aber erst den Söhnen zog es die Zähne 
zusammen." 

Aber dieser Vergleich traf auch zu jener Zeit zu. Es geschah 
nämlich, dass der römische Kaiser mit Willen des hl. Vaters, des 
Papstes, Boten und Briefe auch an den ehrenwerten und unter den 
christlichen Königen sehr geachteten König Zvonimir sandte, ihn fol- 
gend, wie einen lieben Bruder flehend und bittend : 

„Von hier bitten und flehen wir, dass Du bei Dir alle Dir unter- 
gebenen Herren des Landes und alles, was Ansehen hat, versam- 
melst. Lies nun in der Versammlung Allen diesen zweiten, Deinem 
Schreiben von unserer Seite für Eure Adeligen beigelegten Brief vor, 
indem wir bitten, dass sie uns nach dem Vorlesen eine Antwort 
geben, und dass sie uns ihren Willen und ihren Entschluss zur Kennt- 
nis bringen, was die Ritter und Barone mit Willen Deiner Oberhoheit 
beabsichtigen." 

Als nun der gute, edle Zvonimir die Briefe des Papstes und 
Kaisers erhalten, ordnet er für sein ganzes Königreich gesetzlich 
eine Volksversammlung an, wonach jeder binnen 25 Tagen daselbst 
einzutreffen habe. Es kam die Zeit, dass eine grosse Volksmenge 
kam ; das Heer lagerte sich und stellte Wachen aus. Als der fest- 
gesetzte Tag anbrach, Hess der berühmte und gute König die Briefe 
des Papstes und des Kaisers der grossen Stadt Rom, mit Willen des 
hl. Vaters, des Papstes, öffnen, welche besagten : 

„Wir bitten unseren Bruder Zvonimir samt dem Adel und dem 
Volke seines Landes und Königreiches, er möge sich entscheiden und 



I 



2ÖÖ 

zugleich mit Hilfe anderer chrisllicher Herrscher, die gleiche Briefe 
von uns erhielten, mit uns zu sein. Sie mögen sich ihrem Willen 
nach enlschliessen und uns benachrichtigen, ob sie mit unserer Ab- 
sicht einverstanden sind, so weit dies mit Willen Gottes, seines 
Sohnes, der geboren von der Jungfrau Maria, der Qualen litt und 
Blut vergoss am hölzernen Kreuze, und an demselben ermordet 
wurde, geschehen kann; dessen, Tod die Befreiung des Lichtes und 
die Erlösung der Väter aus der reinigenden Finsternis bedeutet. Und 
mit dessen Willen sowie mit Hilfe der an ihn Glaubenden haben wir 
uns entschlossen jene Stätten zu befreien, in denen er aus Liebe zu 
uns geblutet hat und wo er seinen Geist dem Vater aushauchte durch 
die Marter, die Pein und das Grab, in das sein geheiligter Leib ge- 
legt wurde." 

Als dies die von Gott verfluchten ungläubigen Kroaten hörten, 
die seinerzeit dem bösartigen Sohne behilflich waren ihren guten 
Herrn, den König Radoslav aus seinem Reiche zu verjagen und mit 
bewaffneter Hand mit seinem undankbaren Sohne aus dem Lande 
vertrieben, also als dies die Ungläubigen hörten, da Hessen sie die 
Briefe gar nicht zu Ende lesen und sprangen auf. Statt nun auf die 
höfliche Bitte des hl. Vaters, des Papstes, und des römischen Kaisers 
die heiligen Stätten den Heiden zu entreissen und zu befreien, da 
begannen jene von Gott Verfluchten zu schreien und zu raisonieren 
gegen den erlauchten König, ihn einstimmig anklagend und heraus- 
fordernd, wie die CJuden Desum Christum, wonach er sie aus ihrer 
Heimat herausbringen wolle, sowie ihre Frauen und Kinder, um mit 
dem Papste und dem Kaiser jene Stätten wegzunehmen, wo Gott ge- 
kreuzigt wurde und wo sich sein Grab befindet. „Was kümmert das 
uns!" riefen sie. 

Die ungläubigen Kroaten fassten nun einen bösen Gedanken 
und einen ungerechten Entschluss, indem sie ein hässliches Geschrei 
begannen und unter sich und den Übrigen revolutionäre und laute 
Schmähungen verbreiteten. Sie begannen ähnlich zu rufen, wie die 
Juden gegen Jesus Christus ausriefen, als ihr Oberhaupt'"") erklärte: 
„Besser, es stirbt einer, als dass das ganze Volk zugrundegehe!" 

Nun begannen die verruchten und ungläubigen Kroaten laut wie 
Hunde oder Wölfe zu schmähen: „Besser, dass er selbst zugrunde- 
geht, statt dass er uns aus unserem Erblande hinausführt von Gottes 
wegen, um Anderen so weit Entfernten ein Land wegzunehmen oder 
andere Städte!" — So begannen sie nun, ähnlich wie die bellenden 
Hunde, die gegen die Wölfe losgehen, den guten König Zvonimir, 

"'*) Kaiphas, laut Evangelium Johannis (11, 50). ; 



256 

ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, unter Tumult mit Waffen 
niederzuschlagen, seinen Körper zu verwunden, und des guten Königs 
und Herrn Blut zu vergiessen. 

Als er nun so verblutend in grossen Schmerzen lag, da ver- 
wünschte er die ungläubigen Kroaten und ihre Nachkommen, im 
Namen Gottes und dessen Heiligen, sowie in seinem und seines un- 
würdigen Todes Namen, es mögen die Kroaten niemals wieder einen 
König ihres eigenen Volkes haben, sondern stets einem fremden 
Volke untergeordnet sein. ") So hauchte er, noch todeswund die Kroaten 
verwünschend, seine Seele aus. Sein Geist ging nun unter der Gnade 
desjenigen, der alles vermag, dahin, um sich mit den Engeln zu 
freuen in Ewigkeit. 

Als nun König Beta I. von Ungarn vernommen, was in Kroatien 
geschehen, rückte er eiligst mit einem grossen Heere heran, eroberte 
das Königreich Kroatien, rächte den Tod des berühmten Königs 
Zvonimir, und unterjochte die Kroaten, sowie die Königreiche Zagorje, 
das Küstenland und Bosnien. Sie hatten nun den König Bela zum 
Herrscher, nachdem sie ihren eigenen ohne Anlass erschlagen hatten. 
Vom genannten ungarischen Könige wurden nun die Kroaten auf 
Gnade und Ungnade unterworfen, der auch die Freien zu Knechten 
machte. Es wurde wahr, wie die Schrift sagt: eine böse Arbeit trägt 
bösen Lohn. So wurden für ihre Arbeit auch die verwünschten und 
ungläubigen Kroaten infolge der Sünde, weil sie ihren guten Herrn, 
den König Zvonimii, ähnlich wie die Ouden den Herrn Jesus Chri- 
stus, vernichtet haben, bezahlt. Und so dienen auch die verwünsch- 
ten Ouden anderen, denn auch sie haben keinei König mehr aus 
ihrem Volke. 

"") Dieser Fluch ging zum grössten Teile in Erfüllung. — Der Chronist, der 
die Situation lediglich von seinem religiösen Standpunkte erfasst, wird aber in 
dieser Darstellung stark einseitig, denn die Aufforderung allein, sich an dern 
Kreuzzuge zu beteiligen, hätte ebenso auch ruhig abgewiesen werden können. 
Es wird da wohl der langgenährte Hass des Adels (vlastelin) zum Ausbräche ge- 
kommen sein, der durch die unparteiische Regierung Zvonimirs an Vorrechten und 
Einfluss einzubüssen drohte. Ebenso mögen religiöse Disharmonien wie auch der 
Umstand massgebend gewesen sein, dass der Adel sah, wie das Volk im Wohl- 
leben, Reichtum und ausschliesslicher Friedensbetätigung an Kriegstüchtigkeit ein- 
büsse; dieser latente Hass gegen den König mag nun zu der für die Zukunft der 
kroatischen Nation so verhängnisvollen Katastrophe geführt haben — Ueberdies 
stellt der kroatische Chronist Ivan Tomasic (1561) jene Vorgänge wesentlich 
anders u. z. der Wirklichkeit weit ähnlicher aussehend dar. 



i 



257 

Der gu!e König Zvonimir leble bis zu seiner Tötung 35 3ahre 
im Königreiche; erschlagen wurde er im Oahre Jesu Christi 1080 
weniger ein dahr.^"") 

F. V. Sasinek : 

Alexander der Grosse. 

Der berühnilesle Eroberer und Herrscher der alten Welt ist ohne 
Zweifel Alexander der Grosse. 

Meine Aufgabe ist es nun nicht seine Kriegszüge zu schildern, 
sondern nur seine Nationalität zu überprüfen. Da er nämlich in der 
Geschichtsschreibung Alexander Macedo oder König der Macedonen 
genannt wird, und die Macedonen doch bis zum heutigen Tage Slaven 
sind, kann er nur ein Slave oder ein König der Slaven gewesen 
sein. Man wird allenthalben diese bisher ungehörte Behauptung be- 
lächeln, aber alle Umstände geben bei näherer, vorurteilsloser Über- 
prüfung dieser Auffassung recht. 

Die Nationalität Alexanders und seiner Macedonier darf freilich 
nicht unmittelbar unter dem Namen „Sclaveni" oder „Sclavi" gesucht 
werden, da diese ethnographische Bezeichnung zum ersten Male erst 
im V!. Jahrhunderte n. Chr. auftaucht. Die objektiven Geschichts- 
forscher können es aber nicht leugnen, dass die Slaven vor dem 
genannten Jahre schon existierten, wenn auch unter anderen Namen, 
daher wir für die slavischen Macedonier eben einen zweifellos sla- 
vischen Namen erbringen müssen, sofern dieser Name selbst nicht 
slavisch sein sollte. 

Titus Livius erzählt gleich anfangs seiner Geschichte die uralte 
Sage, Äneas sei nach dem Falle Trojas mit seinen Trojanern, die den 
Namen „Veneti" führten, nach Macedonien ausgewandert, und habe 
sich dort neue Wohnsitze gegründet. In Herodots noch älterer Ge- 
schichte lesen v;ir, dass die Bewohner Trojas nach dem Falle der 
Stadt durch Äneas bis zum Adriatischen Meere geführt und dort 
unter dem Namen „Eneti" (Veneli) angesiedelt wurden. 

Da die „Veneti" in der historischen Zeit ausschliesslich als 
Slaven bewertet wurden, so ist der Ursprung jener Sagen augen- 

looj \(/iQ bereits erwähnt, starb Zvonimir nicht i. J. 1079 sondern 1095. Hi- 
storische Tatsache ist aber, dass es i. J. 1079 in Kroatien eine revolutionäre Be- 
wegung gab, deren Anführer der zupan Veselin war, da ihn Papst Gregor VII. 
(1073 — 1085) selbst zur Einstellung der Feindseligkeiten aufforderte. — Der Chro- 
nist Tomasic führt sogar das Jahr 1057 als das Todesjahr Zvonimirs an; welcher 
Zeitrechnung dieser anhing, ist unklar, 

17 



258 

scheinlich ein solcher, wie er sich bei allen Völkern wiederholt: man 
sah die Veneier, die in Macedonien und Italien sassen, nicht als 
Stammvolk an, sondern als Einwanderer, denn es liegt einmal im 
Wesen des Menschen, alles Unerklärliche in weite Fernen zu ver- 
legen. Dass aber Macedonien mit seinen Venetern ein urslavisches 
Land war, dies erhärtet auch folgende geschichtliche Tatsache. Pom- 
ponius Mela (40 n. Chr.), der Herodot {kkk v. Chr.) fast wörtlich 
folgt, schreibt, dass die Thraker zwischen dem Balkan und der 
Adria, die sich aber eigentlich vom Schwarzen Meere bis zu den 
Illyrern erstrecken, eine einzige, jedoch in verschieden benannte 
Stämme zerfallende Nation sind, und hebt namentlich die Macedonier 
hervor, die von ihren eigenen Königen Philipp (t 350) und Alexander 
It 324 V. Chr.) regiert wurden. ^) Philipp war der Überwinder der 
Griechen, Alexander jener der Asiaten ; deren Feldzüge hat Curtius 
Rufus ausführlich beschrieben. 

Nachdem Philipp die Athener, Illyrer und Lacedämonier besiegte, 
unterwarf er sich auch die Thraker, seine Nachbarn, bis zum 
Schwarzen Meere, überschritt dann den Balkan und die Donau und 
unternahm einen Raubzug nach Scythien (Westrussland und Slovakei), 
von v;o er an 20.000 Knaben und Mädchen, eine Menge Hornvieh, 
dann Gold und Silber wegführte. Mit dieser Beute an der Donau an- 
gelangt, wurde er von den Triballen (Serben) angehalten, die ihm 
den Durchzug nur bei Beuteteilung zugestehen wollten. Im darauf 
entstandenen Kampfe wurde Philipp schwer verwundet. Die Soldaten, 
ihren König tot vermutend, überliessen die Beute den Angreifern und 
kehrten leer nach Macedonien zurück. 

Nachdem Philipp gesundete, zog er abermals mit seinem Sohne 
gegen die Athener und die mit diesen verbündeten Städte; der sieg- 
reiche Feldzug machte ihn nun zum Herrn von Griechenland, woraus 
hervorgeht, dass er selbst kein Grieche oder früherer Beherrscher 
von Griechen war; überdies bestellte er Aristoteles, einen Macedo- 
nier aus :>tagira, der jedoch griechische Bildung hatte, als Lehrer für 
seinen Sohn. 

Nach des Vaters Tode bereitete sich Alexander zum Kriege 
gegen Darius, den mächtigen König der Perser, vor. Um im Rücken 
gesichert zu sein, unterwarf er zuvor noch die Triballen und Thraken, 
sowie die Geten zwischen der Donau und den Karpaten, und zog 

^) Una gens Traces habitant, aliis aliisque praediti et nominibus et moribus. 
Quidam feri sunt et ad mortem paratissimi Getae utique. Tum Macedonum po- 
puli CL urbes habitant. Alumni efficiunt, Philippus Graeciae domitor, Alexander 
cliam Asiae. (Pomp. Mela, I. 41, 45). 



269 

dann gegen Darius. Sein Heer bestand hauptsächlich aus den öst- 
lichen, d. i. macedonischen Thraken, da die wortbrüchigen Griechen 
zu unverlässlich waren. Die Macedonier aber, denen er — bis auf 
die Militärpflicht — volle Freiheit geschenkt hat, waren seine treuesten 
Krieger. 

Alexander der Grosse war sonach offenkundig kein Grieche, 
um so mehr als er die wortbrüchigen Griechen doch hasste und auch 
bekämpfte; ein Römer war er gleichfalls nicht, da die Balkanhalb- 
insel damals mit den Römern noch in keinerlei Berührung stand; 
er war also ein Thrake und als solcher daher zweifellos ein Slave. ') 
Der Name „Alexander" ist freilich griechisch im heuhgen Sinne, denn 
hochgestellte Personen haben seit jeher ein gewisses exzeptionelles 
Sprachverhältnis zur Landessprache an den Tag gelegt und sei hier 
nur an die Bevorzugung des Französischen in den letzten üahr- 



-) Die Albanerenthusiasten haben sogar herausgefunden, dass Alexander d. 
Gr. ein Skipetare war. — Nachdem sich heute die Wissenschaft in die Tages- 
blätter geflüchtet hat, da die Fachzeitschriften kaum jemand mehr liest, ist es 
notwendig auch solchen Publikationen eine gewisse Beachtung beizulegen. A. 
Eder schreibt in der Wiener Mittags-Zeitung v. 6. Oktober 1. J. folgendes: 

»Es gibt merkwürdige Parallelen in der Völkergeschichte. Robert Müller 
hat unlängst in der »Mittags-Zeitung« einen hochinteressanten Artikel ver- 
öffentlicht, der auf die Verwandtschaft und Wesensähnlichkeit zweier Urvölker, 
der Kelten und der Illyrier (der modernen Albanesen) aufmerksam macht. Dieser 
Hinweis beleuchtet jäh wie ein Blitzschein tragisches Völkergeschick. In dem un- 
wirtlichen und öden Westen Frankreichs (Bretagne), Englands (Wales), Schottlands 
(Highland) und in die ärmlichsten Gegenden Irlands zurückgedrängt, sehen wir 
die hochbegabte und ritterliche Nation der Kelten. Ganz West- und Zentraleuropa 
war einstmals von ihr erfüllt, die älteste Eigenkultur Europas, die hallstättische 
Bronzekultur, war ihr Werk, und heute noch ist ihr Geist der moussierende 
Champagner in der Eigenart der Franzosen, Auch der witzigste Kopf des moder- 
nen Grossbritannien, Bernard Shaw, ist keltischen Blutes, ein Ire Und klingen 
nicht bei der Nennung der Kelten schwermütigbestrickende Melodien auf: »Tri- 
stan und Isolde«, Ossians Gesänge, Moores Lieder?« 

Und nun ein anderes Volk, ebenso hochbegabt, ebenso ritterlich, ebenso 
unglücklich: das Volk der Illyrier, der modernen Albanesen, Die ganze nichthelle- 
nische Balkanhalbinsel bis hinauf zur Drau und zur Donau hatten sie einst inne, 
der griechischen Kultur schenkten sie ihre tatkräftigsten Verbreiter; Alexander 
der Grosse und seine Feldherren, die ganz Vorderasien mit Griechentum durch- 
tränkten, waren Mazedonier, ergo thrako-illyrischen Stammes, Es ist historische 
Tatsache: Alexander der Grosse war ein Skipetare! Nur ein Skipelare war eines 
solchen phänomenalen Elans fähig, nur Skipetare konnten, eine Handvoll Aben- 
teurer, im. ersten Ansturm die halbe Welt vor sich niederwerfen. Zur römischen 
Kaiserzeit waren die Illyrier die besten Soldaten des Weltreiches, ein Illyrier, 
Diokletian, taucht auf als einer der markantesten Herrschernamen Roms« usw, 
— Im Grossen stimmen demnach unsere Ansichten über die Kelten und Illyrer ganz 
überein, nur in der Sprachenfrage dürften wir noch einiges einzuebnen haben. — 

17» 



hundeHen kurz hingewiesen ; überdies haben wir über Alexander 
überhaupt nur griechische Ouellendaten, die hiebei doch den Namen 
ihrer Sprache anpasslen ; der landesübliche Name kann dabei auch 
Ales, wie die Slaven Alexander nennen, Oleg, Sasa und ähnlich 
gelautet haben. Hingegen weiss man, dass Alexander seiner Nation treu 
geblieben ist und die Renegaten geradezu verachtete. Zum Beweise 
diene nur der Prozess gegen Philotas, dem er vorwarf, dass er die 
macedonische Sitte und Sprache vernachlässige. ^) 

Es ist schade, dass die alten Schriftsteller keine ausgesprochene 
Tendenz hatten slavische Namen und Begriffe im Originale anzu- 
führen, wir wissen daher heute nicht, was darunter eigenes und was 
fremdes Sprachgut ist. Ein Führer hiess z. B. „Belon"; durch seine 
Tapferkeit erreichte er, trotz seiner niederen Abstammung, eine hohe 
militärische Stellung. Dieser charaktervolle Macedonier war es auch, 
der Philotas anklagte, er möge sich als Macedonier schämen, mit 
seinen eigenen Landsleuten durch einen Dolmetsch zu sprechen. "*) 
Alexander mag dies als Macedo-Slaven, der sich sonach mit seinen 
Leuten immer persönlich verständigte, besonders unangenehm aufge- 
fallen sein. 

Nun muss auch noch die Frage, ob die Thraker Slaven waren, 
einer näheren Klärung zugeführt werden. 

VJie bereits angedeutet, taucht der Nam.e „Sclavini" (bei 3or- 
nandes) und „Sclaveni" (bei Procopius) im Oahre 552 n. Chr. das 
erstemal in der Geschichtsschreibung auf; bis dahin gebraucht kein 
Schriftsteller diesen Koileklivnamen, weil da eine Unmenge von 
Detailnarren die grosszügige Auffassung trübte, Und doch schreibt 
schon Herodot {kkh v. Chr.) : „Die Thraken sind nach den Inden (in 
Asien) die grösste unter den Nationen. Würden sie von Einem be- 
herrscht oder würden sie einig sein, so wären sie unüberwindlich 
und die mächtigsten unter den Nationen; dies ist jedoch nicht der 
Fall und eben deshalb sind sie schwach. Jeder Teil von ihnen hat 
einen eigenen Namen, je nach dem Gebiete, das sie bewohnen. In 
ihren Gebräuchen sind sie sich jedoch ähnlich." — Dem ist beizu- 
fügen, dass Herodot zu diesen auch die Geten, Scythen und Sarmaten 
zählt. Der Name „Thrak" war also ein allgemeiner für alle diese 
Völkerschaften ; erst als die Griechen einen Teil derselben unterwar- 
fen, nannte man vor allem jenes Gebiet „Thracia", wo Bysanz mit 

•') »Illum a nostro more et sermone abhorrere.^;. (Curtii Rufi: Historia Ale- 
xandri Magni, Norimberiiae, 1804, p. 254.) 

') »Qui non erubesceret, Macedo natus, homines linguae suae per inter- 
rretern audire«:, (Curt. Ruf. p. 277.) 



2H1 

seinem Verwaltungsgebiele lag. — Elymologisch ist „Irak", richtiger 
„drak", die altslavische Bezeictinung für Krieger, Panzerträger 
(lat. Jliorax"]] „Thiraker" nannte man also alle jene Völker, die ihre 
waffenfähigen Männer als „traci, draci" bezeichneten, und bestehen 
dieselben Analogien auch fast bei allen sonstigen Volksnamen.) 

Dass unter „Thrax" ein Nichtgrieche, daher Slave zu verstehen 
ist, ersieht man auch aus dem Beinamen des griechischen Kaisers 
Maximinus Thrax (236 238|, der, obschon von niederem Stande, 
von den Soldaten zum Kaiser ausgerufen wurde. 

Hält nun Herodot alle diese Völker als zusammengehörig, wofür 
doch vor allem die gleiche Sprache eine Vorbedingung ist, so bestä- 
tigt di35 weiter noch Ovid, der doch als Verbannter in Klein-Scythien 
(Dobrudza), dem Knotenpunkte der thrakischen, getischen, scythischen 
und sarmatischen Völker lebte, der da schreibt, er müsse durch Mi- 
mik jenes bezeichnen, was die Bewohner durch Worte ausdrücken. 
Er sagt : „Um mich schallt der thrakische und scythische Mund ; es 
scheint, dass ich das Latein vergessen habe; erlernt habeich gelisch 
und sannatisch zu sprechen."") ~ Sind nun die dortigen Verkehrs- 
sprachen Ovid fremd gewesen, so waren sie zum mindesten nicht 
romanisch, und können überhaupt nur slavisch gewesen sein, was 
aus allen bekannten Daten logisch hervorgeht. 

Von einem mechanischen Völkeraustausch weiss die Geschichte 
im grossen absolut nichts ; die Provinz Thracien existiert bis heute 
als eine solche mit überwiegend slavischer Bevölkerung ; die Grie- 
chen selbst sahen die Thraker, wie Theophylactus (629) berichtet, 
als ein autochthones Volk an; wir hörten (Seile 182), dass sich 
im IV. oder V. Jahrhunderle ein fremdes Volk in dieser Gegend 
niederliess, doch sprach dieses wieder die gleiche, also slavische 
Sprache ; aber auch die Osmanen änderten sprachlich nichts ; ja, im 
Gegenteil, sie akkomodierten sich überall an die Sprache der unter- 
jochten Völker. Wanri sollen demnach alle diese viele Millionen zäh- 
lenden Völker in Europa eingerückt sein? Wie können diese nur 
dem Slaven verständliche topische Namen, die doch schon von 
den ältesten römischen wie griechischen Schriftstellern vorgefunden 
wurden, den Bergen, Gewässern und Ansiedlungen daselbst gegeben 
worden sein, wenn Vertreter der slavischen Sprache gar nicht da 
waren? Weshalb sollen gerade die slavischen Völker nie eigene 
Herrscher besessen haben? — 



^) Desselben Stammes ist auch »draga, draha« (= Kampfplatz] »Diagoner^< 
[ — bewaffneter Reiter), »drakonisches« Gesetz, d. i. ein militärisch strenges; 
'«Trakehner« (= Militärpferd) u. ä. m. 

^ Ovidius, Hb »Tristium.«, 5, eleg. 14 und --De Ponton, liber 3, Sieg. 2. — 



262 

Mit diesen höchst wurmstichigen Prämissen sowie dem naiven 
Unwissendtun, woher die Slaven kamen, ob sie eine Kultur hatten, 
ob ihre Organisation eine brauchbare war, wird sich weiter absolut 
nicht arbeiten lassen, denn haben die Slaven auch als Unterjochte 
ihre nationale Integrität erhalten, so werden sie dieselbe als Freie 
umsomehr hochgehalten haben, und bietet Alexander d. Gr. hiebe! 
nur einen der glänzendsten Vertreter ihrer hervorragenden staat- 
lichen wie militärischen Potenzen. — 

M. 2unkovic : 

Slavische Glossen in der „Lex Salica". 

Schon auf Seite 16 wurde die Öffentlichkeit auf die bisher ganz 
unbeachtete Tatsache aufmerksam gemacht, dass sich in dem uralten 
Strafkodex der salischen Franken zahlreiche slavische Rechtsbegriffe 
in den lateinischen Text eingemengt befinden, und ist, soweit be- 
kannt, bisher auch niemand dieser Behauptung entgegengetreten. 

Im Weiterstudium kamen aber noch andere wichtige Momente 
an den Tag, die es verdienen, der öffentlichen Diskussion unterzogen 
zu werden. Das in der beiliegenden Tafel III ersichtliche Faksimile 
stellt die erste Seite des in der Stiftsbibliothek zu St. Gallen (Schweiz) 
befindlichen Exemplares der „Lex Salica" dar. Die Handschrift stammt 
aus dem Gahre 794 von einem „Wandalgarius" sich nennenden Manne, 
dürfte, der longobardischen Buchstabenform nach, aus dem Küsten- 
lande oder aus Oberitalien stammen, und ist sonach eine Abschrift. 

Von diesem Geselzbuche sind sechs Handschriftenexemplare 
vorhanden, deren Texte aber nicht einheitlich sind, da in manchen 
Kopien minder wichtige Paragraphe ausgelassen sowie auch dio Glos- 
sen nicht einheitlich dargestellt sind. Der Text unseres Faksimiles 
lautet : 

„Un nomine 3)omini nostri Jesu Christi incipiiint iitiiliis legis salice : 

I. 2)e mannire. 

Si quis ad mallum legibus dominicis mannitus juerii, et non venu- 
erii, se cum sunnis ne detenuerit, sol. XV. culpabilis judicetur. 

Uli vero, qui alio manit et ipso non vcnerit, se cum sunnis non 
detenuerit, sol. XV. et cui manuit. conponat. 

II. 2)e furtis porcorum. 

Si quis purcellum lactantem de cranne furaverit et ei fuerit adpro- 
batum, mal cli ranne chalti, rechalti, sol. IIL culpabilis judicetur. 



I 



263 

Si ijiiis piirccllum jnravcrit, qiii sine matcre vivcrc possit et ei fucrit 
adprobatiim, mal lümnes tlicca, sol. I. culpabilis judicctiir, cxccpto 
capitale et dilatura. Si quis binuitn porcum /uravcrit mal in z imis sviani, 
sol. XV. culpabilis judicctiir cxccpto capitale et dilatura." 

Die hier im Drucke hervorgehobenen, im Originale jedoch gra- 
phisch nicht abweichenden Glossen befinden sich im II. Abschnitte, 
der „VoVi den Schweinediebslählen" handelt. Der erste Strafsatz lau- 
tet: „Wenn jemand ein saugendes Ferkel von der Ernährung weg 
gestohlen und es ihm bewiesen wurde, qQvaQ'mhmcliranncchalti, 
rcchalti genannt, soll zu XV Soldi verurteilt werden." — „Cbranne 
clhilti" bedeutet anscheinend: von der Ernährung abschnei- 
den, denn „hrana" bedeutet im Slavischen : Ernährung, Futter; 
„kalciti" muss einst schneiden, abschneiden, ausschneiden 
bedeutet haben, da sich der Begriff „kalcmar" für Schweine- 
schneider (Kastrierer) im Slovenischen bis heute erhalten hat. 
„Rechalti" ist dermalen auch nicht näher verständlich.*) 

Im zweiten Strafsatze ist für die Glosse „himnes theca" einst- 
weilsn auch keine seriöse Erklärung zu finden ; es handelt sich hie- 
be! um den Diebstahl eines schon abgespenlen Ferkels. — 

Im dritten Strafsatze wird der Diebstahl eines zweijährigen 
Schweines erörtert. Die Glosse „in zimis sviani" spricht aber durchaus 
von keinem zweijährigen, sondern von einem „einen Winter alten 
Schweine", stellt sich sonach in einen scheinbaren Widerspruch zur 
Strafbemessung. Doch entspricht dies vollkommen der landläufigen 
Aüersberechnung, denn vor mehreren Dezennien konnte man in 
Untersteiermark noch immer hören, dass die Bauern bei den Schwei- 
nen nicht nach den Kalenderjahren das Alter taxierten, sondern nach 
den zurückgelegten Wintern, öener Winter, in welchem das Schwein 
seiner nahrhaften Bestimmung zugeführt wird, zählte z. B. schon 
nicht mehr zur Altersberechnung. Ein junges Schwein, das dem nor- 
malen Frühjahrs würfe entstammt, ist im zweiten Winter darauf wohl 
ein zweijähriges, aber nur ein einwintriges, d. h. es ist nahezu zwei 
Jahre alt, hat aber erst einen vollen Winter hinter sich. So erklärt 
sich wohl die Zeitdifferenz des lateinischen Textes und der slavischen 
Glosse am natürlichsten. 

Dass diese Glosse zweifellos slavisch ist, ist leicht zu erweisen, 
denn wenn auch der Begriff „svin" für Schwein im Althochdeutschen 

*) Im Texte der Handschrift von Sens-Fontaincbieau-Paris steht wieder statt 
»chranne chalti<i; ein »chrinne chulti«. Man weiss nun nicht, welcher Text richtig 
ist; es wäre daher notwendig, alle Handschriften eir.mal phototypisch zu verviel- 
fältigen, da die Originale zu zerstreut sind. »Cula« heisst übrigens im Slove- 
nischen: weibl. Schwein; >^culek«: Eber. 



264 

(„swina") wie im Slavischen noch gleichlaulet, so ist hingegen „zima, 
zimni" ( Winter, wintrig) gewiss kein deutscher, daher darin auch 
der sprachentscheidende Beweis liegt. 

Die Erl^lärer der „Lex Salica" benennen diese fremdsprachigen 
Einschiibe durchwegs als „malbergische" Glossen. Dr. Henne am 
Rhyn schreibt in der „Kulturgeschichte des deutschen Volkes" {5. 80/1), 
es seien dies in den lateinischen Text eingeschobene altdeutsche 
Rechtsausdrücke, wie sie bei den alten Germanen auf dem „Malberg", 
d. i. der Gerichtsslätte unter freiem Himmel, üblich waren. — Die 
Sache stimmt aber nicht, denn diese Ausdrücke bilden durchaus kein 
altdeutsches Sprachgut, da sie überhaupt nicht deutsch sind, und wur- 
den nur so originell, wie sie den slavischen Bewohnern daselbst 
eigentümlich waren, in das Gesetzbuch eingestellt. Dass man aber 
volksgeläufige Begriffe einst ebenso wie heute, im Originale anwen- 
dete, ist doch nur natürlich und auch geschichtlich festgelegt, denn 
zahlreiche Urkunden Deutschlands führen noch viele Jahrhunderte 
später slavische Original-Rechtsbegriffe an, sobald die eigene Sprache 
über keinen prägnanteren Ausdruck verfügte; dass aber dies umso 
häufiger der Fall war, je weiter wir in der Zeit zurückgehen, ist ge- 
radezu selbstverständlich, nachdem die Germanisierung der boden- 
ständigen Slaven erst sukzessive fortschritl, und erhielt die deutsche 
Umgangssprache in Deutschland vielleicht erst im XL— XII. Jahrhun- 
derte die absolute Majorität. 

Weshalb jedoch die Kommentatoren der „Lex Salica" jenan den 
Glossen vorgesetzten Begriff „mal" als ,,Malberg" deuten, is! so 
lange nicht erklärlich, bis es nicht feststeht, ob in irgendwelcher 
Handschrift ein Beleg hiefür ist ; ansonst kann das spätlateinische 
„mal" nur das normallateinische „male" sein, das als: schlec;it- 
hin, gemeinhin, gewöhnlich, volkstümlich aufzufassen ist. 

Die „Lex Salica" muss, wie aus bestimmten Angaben in der- 
selben hervorgeht, schon mindestens in den Jahren 486—^% kodi- 
fiziert worden sein ; sie enthält eine Sammlung von Gewohnheits- 
rechten und Strafsatzungen, wie sich solche wohl durch viele Jahr- 
hunderte hindurch bei den salischen Franken herausbildeten und 
festigten. Nehmen wir nun an, dass diese Rechtsbestimmungen mit 
ihrer slavischen Terminologie nur hundert Jahre vor ihrer Kodifizie- 
rung schon im Volksgebrauche auftauchten, was aber ebensogut tau- 
send Jahre früher der Fall gewesen sein konnte, so erhalten vnr 
hiemit doch schon slavische Schriftbelege ungefähr aus der Zeit um 
390 n. Chr. - 



TAFEL 111. 

(zur Seite 262.) 



Die Handschrift der »Lex Salica« in Sl. Gallen. 

Die älteste bisher bekannte datierte Handsctirift mit slavisctien Glossen. 




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Faksimile der 1. Seite in Originalgrösse. — Titel und Zahlen sind im Originale rot 

ausgeführt. 



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26Ö 

Die Glossen in der „LexSalica" bilden daherheule 
und einstweilen das älteste bisher datierte siavi- 
sche Handschriftdenkmal, und wird mit diesem Doku- 
mente zugleich auch die Völkerwanderungshypothese, 
weil anachronistisch, völlig unhaltbar und wertlo s.-) 



3. E. Chadt: 

Die Qrenzzeichen in den böhmischen Ländern. 

Das Studium der Geschich!e der Grenzzeichen, der Gewohnheits- 
rechte und Formalitäten in Grenzfragen sowie der einschlägigen 
Nomenklaturen gibt wohl überall annähernd dieselben Schlussergeb- 
nisse; nachstehend soll aber dieses Thema doch, soweit es die 
Länder der böhmischen Krone betrifft, näher erörtert werden. 

Was sich überall in den mittelalterlichen Urkunden wiederholt, 
macht auch hier keine Ausnahme: wusste man kein präzises Wort 
für eine Grenzrelation im Lateinischen oder Deutschen, so setzte man 
das gebräuchliche böhmische Wort ein, ein Beweis, dass der sla- 
vische Begriff nicht nur altbekannt, sondern ausschliesslich im Ge- 
brauche war. So sagt eine Urkunde vom Jahre 1165: „ambitum, 
quod sclavonice vgezd (iijezd) dicitiir ; vom 3ahre 1210: „mefae quae 
signantur ghraniz"; vom Oahre 121^: „quam circumciindo positis 
acervis, qui kopzi vel granicie dicuntur"; vom Oahre 1215: „ad 
montem, qui dicitur hranicza Nora"; „per certas metas, quae vulgo 
hranicie vel kopci sive vrociscie dicuntur"; vom 3ahre 1228: 
„ad occidentem lapis, qui dicitur Ära low stol"; vom Oahre 1249: 
„Signa, quae meze dicuntur"; „quae meze vel kopci in vulgo dicun- 
tur": „usque ad Seal kam"; vom dahre 1437: Jria ncmora vulga- 
riter tri ochozi" u. v. a. — 

Alle diese Volksbezeichnungen, die man daher immer bringen 
musste, sobald man sich verständlich ausdrücken wollte, zeigen un- 
trüglich an, dass es eben und nur die Slaven waren, welche hier 
zuerst das praktische Bedürfnis halten, Grund und Boden unterei- 
nander zu verteilen, sowie diese Verteilung äusserlich rechtsgültig er- 
sichtlich zu machen ; über die Zeit jedoch, wann dies geschehen, fehlt 

*) Einige moderne Historiker haben, gedrängt durch die Unhaltbarlieit der 
bisherigen Hypothesen, die Völkerwanderung bereits in das II. Jahrhundert, einige 
sogar schon in die vorchristliche Zeit verlegt. Wem es mit der Wahiheit ernst 
ist, der leitet kein solches licitando-Verfahren ein, sondern macht gleich radikale 
Crdnung; eine auf persönliche Kenzessionen aufgebaute Wissenschaft ist eine Ko- 
mödie. — 



266 

einstweilen jeder konkrete Anhialtspunkt ; dass es viele Jatirhunderte 
zuvor war, ist sicher; dass es Jahrtausende vor dem ersten erhal- 
tenen schriftlichen Belege war, ist hingegen wahrscheinlich. Für diese 
Annahme spricht z. B. der Umstand, dass schon die Römer den 
Begriff „ad cervos, acervus" für Grenzhügel gebrauchten, in welchem 
sich das altslavische Wurzelwort „cer" ( Grenze) vorfindet, und 
dass ein etrurischer Grenzstein, der mindestens schon 500 Oahre 
V. Chr. als solcher erzeugt worden sein muss, die slavische Auf- 
schrift in Runen enthält: „mcze ne munjus", d. i. verrücke nicht 
die Grenze, woraus sich auch noch der kulturell bedeutungsvolle 
RücksChluss ergibt, dass man einen Grenzstein m.it einer solchen 
Warnung kaum wird eingesetzt haben, wenn das Lesen damals nur 
eine besondere Kunst für Auserwählte gewesen wäre. 

Als Grenzzeichen galten in der Hauptsache grössere mit der 
Spitze nach aufwärts sichtbar gestellte Steine. Seltener wurden hiezu 
aus der Erde hervorragende oder durch Abgrabungen der Erde 
blossgelegte gewachsene Felsköpfe verwertet. In letzterem Falle er- 
gab es sich oft, dass man einen Felsblock antraf, der nun nach dem 
Wegräumen der Erde auf seiner natürlichen Unterlage labil lag, und 
so zu einem Wag- („vag, vaha" = Grenze) oder, wie er im Deutschen 
genannt zu werden pflegte, zu einem Wackelsteine wurde. Die 
Böhmen gebrauchen hiefür die Bezeichnung „viklan", Mehrzahl 
„viklani", die Slovenen „gingac, gingec", die Engländer „rocking 
stones", die Franzosen „pierres broulantes" usw. 3e nach der Ver- 
teilung der Schwerpunktlage kann solche Steine selbst ein starker 
Wind in Bewegung bringen ; meist gehört aber hiezu eine grössere 
mechanische Kraftanwendung. 

Wagsteine sind, wie schon die Spezialnamen besagen, nahezu 
überall anzutreffen, und werden solche bereits in den ältesten geo- 
graphischen Schriften erwähnt. In Böhmen weist Vocel („Pravek zeme 
ceske") solche Steine bei Krt (unweit Jesenice), bei Kadov (nächst 
Horazdbvice), bei Zdeslav (bei Rakovnik, als „Kacena" oder „Husova 
kazatelna" bekannt), bei Vysoky Chlumec (Bezirk Sedletz) u. a. — 
In einigen Fällen scheint es, als wäre der Stein derart verwittert, 
dass er schliesslich nur auf einer massigen Basisfläche zu ruhen 
kam. Für jeden Fall wäre es aber notwendig überall zu überprüfen. 
ob solche Steine tatsächlich heute an einer Grenze oder doch an 
einer solchen Stelle hegen, die früher als Grenzlinie galt, denn in 
diesem Falle ist es höchstwahrscheinlich, dass der Wagstein bewusst 
zu solchem gemacht wurde. 

Als Grenzzeichen dienten sehr oft auch eigens hiezu gesetzte, 
ein hohes Alter erreichende, vom Baumwuchs der Umgebung als 



267 

Spezies sich abhebende Bäume, die dadurch noch auffälliger gekenn- 
zeichnet wurden, dass man an ihnen Bilder, Kreuze, Schlag- und 
Wegzeichen u. ä. anbrachte. Bisweilen waren es, namentlich in der 
Ebene, künstliche Erd- und Steinhügel ; im hügeligen Terrain grub 
man bisweilen eine Erhebung so ab, dass sie einen auffallenden 
Eindruck machte, ja, oft einen regelrechten Kegel bildete. Solche 
Grenzhügel tragen im Slavischen sehr oft den Namen (besonders in 
Ostmährenl „Vinohrad, Vinohrädek, Vinohrädky", was eben Grenz- 
hügel, Grenzwerke bedeutet. Diese Etymologie hat mit einem 
Weingarten nichts zu schaffen, namentlich da sich solche Grenz- 
zeichen oft in Gegenden befinden, die in der jetzigen klimatischen 
Zeitepoche einen Weinbau daselbst ausschliessen ; überdies sind 
solche Punkte meist noch heute an Grenzen gelegen, wovon sich 
jedermann überzeugen kann. So bildet z. B. der ob seiner kegel- 
förmigen Form auffallende Hügel „Vinohrädek" im Bezirke Holleschau 
(Mähren) die Grenzecke der Gemeinden Bystritz a. H. und 
Chvalcov. 

Ein besonders kunstvolles Grenzzeichen bilden die Dreh- oder 
Schwungsteine, böhmisch „tocnik" genannt; diese bestehen aus 
zwei korrespondierenden, mit halbkugelförmigen Ausnehmungen ver- 
sehenen Steinblöcken, deren einer natürlich in der Erde fixiert ist; 
der obere Teil liegt auf einer Kugellagerung und kann auf diese 
Weise um die eigene Achse — natürlich mit der nötigen Kraftauf- 
wendung — gedreht werden. Ob sich solche noch wo in den böh- 
mischen Ländern intakt befinden, ist nicht bekannt, da sie aus Neu- 
gierde, ob nicht im Hohlräume etwas besonderes zu finden sei, zer- 
legt oder zertrümmert wurden ; sie seien aber des Interesses wegen 
hier erwähnt, da es möglich ist, dass sich irgendwo ein solcher 
kelchförmiger Stein noch erhalten hat, obschon er in diesem Falle 
auch durch die Eisbildung gesprengt sein dürfte. 

Das Setzen von Grenzsteinen (böhmisch „saditi" ; der Setzer: 
„sadek, sadovec", daher auch die vielen Ortsnamen: „Sad, Sady, 
Sadskä" u. ä.) oder Erneuern derselben (Ortsnamen: Novosad, 
Novosady" u. ä.l geschah durch Amtspersonen oder durch hiezu 
sozial berufene Organe. Anwesend waren hiebet immer die beiden 
interessierten Grenzparteien sowie die Bevölkerung der weiteren 
Umgebung. Handelte es sich um eine neue Abgrenzung, so wurden 
die Grenzzeichen feierlich eingesetzt, die Punkte in Urkunden ver- 
zeichnet, sowie in bezug auf Lage und volkstümliche Benennung 
genau beschrieben; überdies wurden die Namen jener Personen ein- 
getragen, die als Hauptzeugen hiebet fungierten. Eine Grenzzeichen- 
kotrolle fand überdies bei jedem Besitzwechsel statt. 



268 

Die so festgelegten Grenzen blatten eine öffentlictie Wiclitigkeit 
und standen unter allgemeiner Kontrolle. Um festzustellen, ob nicht 
welche Grenzzeichen versetzt wurden, fand eine solche Grenz- 
begehung jährlich statt, und nahm diese ursprünglich profane Kon- 
trolle später sogar einen kirchlichen Charakter an. In den böhmischen 
Ländern wurden die Grenzzeichen entweder am Pfingstsonntage oder 
Ostermontage von Priestern, denen die ganze Gemeinde folgte, be- 
gangen und mit Weihwasser besprengt. Die Bittgänge auf die Felder 
im April dürften dieses Ursprungs sein, da es einige Urkunden 
zu bestätigen scheinen. Auf der Herrschaft Vlasim mussten im Früh- 
jahre, ehe andere Arbeiten beginnen und der Boden mit Gras und 
die Wälder mit Laub bedeckt sind, die Grenzen begangen und die 
Grenzzeichen, namentlich, wenn sie durch Gräben markiert waren, 
instand gesetzt werden. — - Auf der Gutsherrschaft Gross-Meseritsch 
musste jährlich zu Ostern oder zu Pfingsten unmittelbar nach dem 
Gottesdienste Alt und Jung hinaus, soweit die Besitzgrenzen reichten, 
wo dann die Alten den Jungen die Grenzen zeigten, damit die 
Jungen nach dem. Tode der Alten die Grenzen im Gedächtnisse be- 
halten. 

Die Grenzzeichen wurden immer an gebrochenen Linien der 
Gebietsgrenze angebracht ; verliefen die Grenzen gerade, so waren 
weniger Zeichen notwendig ; bildete aber der Besitz ein unregelmäs- 
siges Vieleck so kam an jede Ecke ein solches Grenzzeichen. Eine 
Urkunde der Herrschaft Kfivoklat (Pürglitz, Böhmen) erzählt z. B., 
dass im Jahre 1615 die königlichen (d. i. herrschaftlichen) Besitzungen 
von jenen der Bauern in Rakovnik durch sieben Grenzzeichen geschie- 
den wurden. Damit aber ein solches Grenzzeichen bei einer eigenmäch- 
tigen Umsetzung leicht wieder berichtigt werde, wurden unter jeden 
Grenzstein eine halbe Messingschnalle, ein Hufnagel, zwei Glasknöpfe 
und zwei kleine Münzen gelegt und ringsum mit Kohlenstücken 
bestreut. Überdies wurden hiebet drei Bauern von Rakovnik, der 
Förster von Luzice und ein Heger gründlich verprügelt, damit sich 
diese Grenzzeichensetzung den Anwesenden dauernder ins Gedächtnis 
einpräge. — Als offizielles „Andenken" an eine solche Grenzregulie- 
rungszeremonie war letzleres einst allgemein. Um namentlich jün- 
geren Personen das Gedächtnis daran besser einzuprägen, erhielten 
etliche dabei amtlich eine Tracht Prügel, „pardus" genannt; ja, um 
dieses Schauspiel besonders abnorm zu gestalten, erhielten dabei 
oft auch angesehene Personen, wie der Richter, Gemeindevorsteher, 
Förster, sowie eigens berufene Zeugen den „pardus". 

Ansonsten war es auch allgemein Gebrauch in die Grube, in wel- 
che der Grenzstein eingelagert wird, verschiedene tote Zeugen zu geben, 



269 

wie: Glasscherben, Ziegel- oder Kohlenslücke, Hufnägel, Eisenfeil- 
späne, Messingabfälle, Münzen, Tonscherben, dann ganze Töpfe, 
angefüllt mit andersfarbiger Erde, mit Kohlen, Hirse u. dgl. Hai nun 
jemand den Grenzstein verrückt, so konnte er doch alle diese Kenn- 
zeichen nicht sammeln und übertragen ; man grub nun an der alten 
Stelle nach, und restituierte den Grenzstein, falls man dort eben un- 
trügliche Zeichen der wirklichen Grenzstelle vorfand. 

Über Grenzverletzungen oder Grenzstreitigkeiten, die trotzalle- 
dem nicht unhäufig vorkamen, entschied das Grenzgericht 
unter verschiedenen Formalitäten am strittigen Orte selbst. Vor allem 
wurden hiezu die ältesten Leute berufen, die sich noch erinnerten, 
wo die wirkliche Grenze lief oder die bei der Grenzzeichensetzung 
noch selbst anwesend waren. An der fraglichen Stelle wurde nun 
eine grabähnliche Grube ausgehoben, in welcher die Zeugen barfuß, 
knieend und mit unbedecktem Haupte den Eid schwören mußten, dass 
hier die wirkliche Grenze war. Den Ernst der Sache erhöhten noch 
die Sagen über furchtbare Strafgerichte, die Gott an den falschen 
Schwur in einer solchen Sache schon knüpfte ; so z. B., dass der 
Meineidige an Ort und Stelle vom Schlage getroffen, gleich in dieser 
Grube auch begraben wird und nun selbst einen loten Grenzzeugen 
abgibt, oder dass er dann als Grenzsteinrücker in mondhellen Nächten 
auf dem Orte seiner Frevellat herumspuken muss. Die vielen loka- 
len Sagen, dass an der Grenze, d. h. unter dem Grenzsleine jemand 
begraben liegt, mögen auch vielfach wirklichen Vorkommnissen ent- 
sprechen, wobei es sich doch ereignet haben konnte, dass jemand 
hiebet vom Schlage getroffen wurde, dass man einen überwiesenen 
Meineidigen an Ort und Stelle zum Tode verurteilte oder gar erschlug 
und gleich daselbst auch bestattete. — Aus dem Jahre 1613 wird ein 
Vorfall erzählt, wie zwei Meineidige dem Gottesgerichte verfielen. 
Es wurden fünf Gräber ausgehoben und in jedem hatte ein Zeuge den 
Eid zu leisten. Da fiel einer nach dem Eide sofort tot zusammen, 
ein zweiter sah in seiner Grube plötzlich nur Würmer, und wurde 
darob von einem derartigen Zittern befallen, dass er fortan nur mehr 
schwer selbst essen konnte, und verlor sich dieser Zustand bis zu 
dessen Tode nicht mehr; sie beide haben nämlich in der Grenzsache 
falsche Aussagen gemacht. 

Dass oft auch hiebet listige Vorspiegelungen angewendet wurden, 
um dem falschen Eide eine Abolition zu geben, beweist die Tatsache, 
dass sich bei einem Grenzslreite an der österreichisch-bayrischen 
Grenze die wissentlich Meineidigen in die Stiefel bayrische Erde 
schütteten, und so beruhigt schwuren, „dass die Erde, auf der sie 
stehen, bayrisch sei". 



270 



Jede Grenzverletzung wurde strenge bestraft. Der Scliuldige 
hatte normal als Strafe einen Ochsen abzugeben, der als „mezni vül" 
in allen lateinischen Urkunden seit der ältesten Zeit angeführt erscheint. 
Ansonst bestand die Strafe für das Ausgraben eines Grenzsteines 
oder das Niederbrennen eines Grenzbaumes auch aus 20 Schocl^ böh- 
mischer Groschen, die derjenige, der sie nicht besass, sodann dem 
dadurch Beschädigten mit der Handarbeit abdienen musste. — 

Diese l^urze Schilderung der geschichtlichen wie rechtssozialen 
Verhältnisse in Grenzfragen in den Gebieten der böhmischen Sprache 
möge nun das Interesse auslösen auch in anderssprachigen Ländern 
der gleichen Forschung nachzugehen und namentlich das Augenmerk 
dahin zu richten, wie weit die Slavizität dabei auch anderswo eine 
begriffstechnische Rolle spielt. — 



M. Zunkovic: 

Einiges über den Bergbau und die Metall- 
bearbeitung der alten Slaven. 

Viele ältere, vor allem deutsche Schriftsteller bezeichnen offen 
die Slaven als die ältesten Bergleute Europas, und kann diese Tat- 
sache schon deshalb nicht abgeleugnet werden, weil dies auch die 
Etymologie der montantechnischen Begriffe bestätigt. — 

So sagt z. B. Henze (Geschichte des Fränkischen Kreises, p. %j : 
„Frühzeitig legten sich die Slaven auf den Bergbau. Die ergiebigen 
ungarischen Bergwerke wurden von ihnen erfunden, die böhm.ischen 
erhoben sich jedenfalls sehr bald, und unsere voralters in ausneh- 
mender Blüte gestandenen Bergwerke stammen wahrscheinlich von 
ihnen her. Weil die Slaven die ersten waren, weiche sich mit dem 
Bergbau vorzüglich beschäftigten, sind noch so viele slavische Wörter 
im Bergbau gebräuchlich, als : Flöz, Kuks, Kies, Kipricht, Schacht, 
Schwaden, Kobalt, Schicht, Seifen, Spat, Stollen, Meiler usw." — 
Herder (Ideen, T. IV., 1792, p. 37) sagt: „In Deutschland betrieben 
die Slaven den Bergbau, verstanden das Schmelzen und Giessen der 
Metalle." — Adelung (Vorw. zu Thams böhm. Lex., Prag 1788, p. 5) 
schreibt: „Wir finden den Bergbau, die Handlung und manche me- 
chanische Arbeiten bei den Slaven sehr frühe im Gange und zwar 
früher als in dem mittleren und nördlichen Deutschland, welches sich 
nicht schämen darf, manches in diesem Stücke von den Böhmen er- 
lernt zu haben. In dem südlichen Deutschland ist der Bergbau unstrei- 
tig ein Überbleibsel der römischen Kultur; allein in dem mittleren 



271 

und nördlichen ist er allem Ansehen nach ein Abkömmling der sla- 
vischen." Isis (1882, Heft 5, p. 1) führt an: „Die Slaven taten sich 
sehr frühzeitig im Berg- und Hüttenwesen hervor." 

Einen ergänzenden Beleg, ob die montantechnischen Begriffe, 
wie sie vorerst "angeführt wurden, tatsächlich slavischer Genesis sind, 
bietet schon der Umstand, dass der Slave hiefür immer den weit 
kürzeren, daher offenkundig primäreren Ausdruck besitzt, als etwa 
der Römer oder Deutsche, dessen Wortformen bei der Übernahme 
oder auf dem Wege der Anpassung durchwegs länger geworden sind, 
und meist durch den ungewöhnlichen Klang das Kennzeichen der 
fremden Provenienz an sich tragen. So wurde aus dem slavischen 
„cad" ( verdorbene Luft) das schon von Plinius II. (Historia natura- 
lis /., XXXIV) erwähnte „cadmium" im Deutschen zu „Schwaden" ; 
der scharlachfarbene Traubenkobalt heisst bei Plinius „broirytis" ; der 
Slave nennt den roten Farbstoff „broc" ; „Scharsach" ist dem Deut- 
schen der weiche Stahl, dem Slaven „zarica", d. i. das Eisen aus 
der Rotglühhitze, aber auch „Scharlach" ; das „cassifcron" gilt schon 
Homer als Helmmetall ; der Kroate nennt aber den Helm „kacida" ; 
auch die Käferfamilie „Cassidae" hat diesen Ursprung, nachdem sie 
sich mit ihrem unverhältnismässig grossen Halsschilde den Kopf 
vollkommen deckt; „kok, kolk" (sprich „kuk") bedeutet dem Slaven 
ein Teil des erzhaltigen Berges, d. i. der ideelle Anteil an einem 
Bergwerke, im Deutschen als „Kuks" benannt; „zik", deutsch „Schicht", 
zeigt eine schwache Erz- oder Kohlenmächtigkeit an ; „scoria" (bei 
Plinius) bedeutet „Schlacke" ; im Slavischen bezeichnet dies die Kruste, 
welche sich ander erstarrenden Schlacke bildet; „sip" (= Geschiebe) 
dann „Seifen" usw., alles Begriffe, denen besonders ein sprach- 
lich gebildeter Bergtechniker nähere Beachtung wid- 
men könnte. 

Die ausserordentlich reichen Funde an Gold-, Bronze- und Eisen- 
gegenständen aus der prähistorischen Zeit bestätigen aber auch, dass 
der Bergbau einst ganz bedeutend gewesen sein muss, dass die 
Kenntnisse der Metallmischungen (Bronze), die Zubereitung der Roh- 
stoffe, die technische Gewandtheit und Vielseitigkeit in den Mustern, 
die Modellierkunst (z. B. Strettweger Opferwagen, Nordendorfer 
Schmuck) auf einer hohen Stufe standen. 

Desgleichen sind die Mischungen verschiedener Metalle, die 
wieder oft erst mühsam und einzeln aus Mineralien ausgeschieden 
werden müssen, wie z. B. bei der Bronze, die Gewinnung des Ei- 
sens, das ja rein — ausgenommen Meteoreisen — in der Natur 
gar nicht vorkommt, die Glaserzeugung u. a., der klarste Beweis, 



272 

dass jene Kultur eine bedeutende Höhe gehabt haben muss, und dass 
da wohl Epochen vorausgegangen sein müssen, ehe man diese em- 
pirischen Entdeckungen so weit vollendet hatte, um sie für den Kampf 
wie Schmuck verwerten zu können. 

Namentlich gilt als Inbegriff des Schmuckes alles jene, was sel- 
ten und schwer erreichbar ist. Daher kommt es nun, dass der Bronze- 
schmuck seinerzeit so hochgehalten wurde ; nebstbei war aber auch 
schon Gold als solches bekannt. Und gerade die Goldgewinnung selbst 
ist ja auch eine äusserst umständliche, namentlich die Gewinnung des 
Berggoldes, und doch wissen wir, dass in den Ländern alter Kultur 
die Lagerstätten schon nahezu vollkommen erschöpft sind. Wo solche 
waren, ersieht man noch aus gelegentlichen Anspielungen in der 
Volkspoesie oder aus den topischen Namen. So prahlt z. B. der 
Geliebte im serbischen Volksliede : 

„Dok Sil incnc dva majdana zlatna, 

jedan majdan u Kopanikii, 

dnigi Rudnicka planina . . .". d. i. : 

So lange zwei Goldbergwerke mein sind, 

eines in der Kopanik planina, 

das zweite im Riidnik-Gebirge . . . 

Dass daran etwas Wahres sein muss, darüber kann kein Zwei- 
fel sein, sowie dass in jenen Gebirgen tatsächlich einstens Gold ge- 
wonnen wurde, denn sonst hätte die Geliebie seine Werbungen nicht 
ernst genommen. Jene Erwähnung ist daher im Prinzipe keine leere 
Bestechungsphrase, sondern die beiden Gebirge Serbiens waren offen- 
kundig zur Zeit, als dies gesprochen wurde, wofür allerdings alle 
Anhaltspunkte fehlen, sicherlich aber doch lange vor der türkischen 
Invasion, noch allgemein bekannte Goldbergwerke. ^ Ob sie fertig 
abgebaut wurden, wissen wir heute freilich nicht; eine erneuerte 
Nachforschung auf dieser Basis dürfte aber möglicherweise Serbien 
eine angenehme staatsökonomische Bestätigung bringen. 

Inwieweit nun bei dieser metallurgischen Technik die Slaven 
selbst eine führende Rolle spielen, hiefür haben wir wohl keine 
direkten Anhaltspunkte, aber wir müssen vor allem die natürliche 
Ungerechtigkeit in dem gedankenlosen Bezweifeln, als ob die allen 
Bewohner Europas — ausgenommen die Griechen oder Römer - 
nie eine rechtschaffene bodenständige Kultur besessen hätten, ener- 
gisch abweisen, da diese Prämisse unhaltbar ist. Der Beweis, dass 
die alten Slaven in der Kultur sehr hoch gestanden sein müssen, 
ergibt sich aber indirekte, denn stereotyp heisst es, dass die Kel- 



273 

ten in allem zum Vorbilde dienten, und Kellisch wie 
Slavisch sind doch sich sprachlich deckende Begriffe, d.i. „celedi" 
( Sippen, Stämme), daher wir endlich auch schon im Klaren sein kön- 
nen, was wir unter dem ewigen Rätsel „keltisch" in Wirklichkeit zu 
verstehen haben. *— 

F. V. Sasinek: 

Apostel Andreas bei den Slaven. 

Es ist leider zur Mode — allerdings schlechten — bei den 
Geschichtsschreibern geworden, den verhassten Slaven nicht nur die 
Autochthonie, sondern auch die Anfänge des Christentums abzuspre- 
chen. Freilich muss, wenn man sich einmal gedankenlos einbildet, 
dass die Slaven erst seit dem Aufkommen ihres Namens (552) exi- 
stierten, oder dass sie erst im IV., V. oder gar VI. Oahrhunderte in 
Europa eingewandert seien, einer falschen Prämisse auch eine falsche 
Konsequenz folgen. Wir sind aber überzeugt, dass die Slaven seit 
der Urzeit unter den verschiedensten Namen wie: Thraker, Goten, 
Scythen, Sarmaten, Veneter, Kelten u. a. in Europa lebten, womit wir 
nicht nur deren Autochthonie, sondern auch ihre apostolische Chris- 
tianisierung festlegen; das eine bestätigt das andere. 

Christus befahl den Aposteln : „Gehet in die ganze Welt und 
prediget das Evangelium allen Kreaturen !" — Wer will es nun ab- 
leugnen, dass die Apostel den autochthonen Slaven in Europa das 
Evangelium nicht gepredigt haben? 

Nachstehend soll nur die Frage erörtert werden, ob der Apostel 
Andreas seine Tätigkeit auch auf die Slaven ausgedehnt hat. Mit die- 
sem Thema beschäftigte sich auch schon Dr. dulius Pelecz,^) doch 
beschränkte sich dieser nur auf Details, denn statt Andreas einen 
Apostel der Slaven zu nennen, bezeichnet er ihn lediglich als einen 
Apostel der Russen. Nestor (t HOS) ist übrigens der einzige, der 
vom Apostolate Andreas' bei den Slaven spricht, doch Pelecz glaubt 
dessen anachronistische Erzählung auch verwerfen zu müssen, wozu 
einige Berechtigung vorliegt, denn bei jeder dunklen Tradition oder 
Sage ergibt sich erst der wahre Kern, nachdem man die Schale ent- 
fernt hat, aber diese ist eben hier nicht entfernt worden. 

Tatsächlich muss Andreas den Slaven zwischen der Volga und 
den Karpaten das Evangelium gepredigt haben, denn Nestor lässt 
ihn nach Rom kommen, wo er dessen Erfahrungen nachstehend 
schildert: „Wunderliche Dinge habe ich auf meiner Hierherreise in 

^) Geschichte der Union der ruthenischen Kirche. — Wien 1878, I., 36. 

IS 



274 

den slovenischen Ländern gesehen ; ich sah hölzerne Wannen, diese 
machen sie glühend (das Wasser darin), ziehen sich aus und sind 
nackt, und begiessen sich mit Gerberlauge, und nehmen junges Rei- 
sig und schlagen sich selbst und begiessen sich mit kaltem Wasser 
und erfrischen sich so." — Pelecz merkte aber gar nicht, dass solche 
Dampfbäder bei den Slaven (Scythen zwischen den Karpaten und der 
Volga) schon von Herodot {kkk v. Chr.) ähnlich beschrieben sind. — 
Herodot (IV, 73, 75) erzählt nämlich, dass die Scythen drei Pfähle in 
die Erde schlagen, sie oben verbinden und herum mit wollenen 
Oberkleidern (haleny) abschliessen. Sie werfen dann glühend ge- 
machte Steine in den zwischen den Pfählen aufgestellten Waschtrog 
und streuen Hanfsamen auf die glühenden Steine; darauf entstehen 
solche Dämpfe, dass sie selbst griechische Dampfbäder übertreffen. 

Ähnliche Dampfbäder fand bei den Slaven auch der Araber Ma- 
sudi, der sie folgend beschreibt : „Die Slaven errichten eine hölzerne 
Bude; die Spalte derselben verstopfen sie mit etwas, was bei ihnen 
„moch" ( Moos) heisst. In einer Ecke der Bude errichten sie einen 
Ofen, mit einer Öffnung am oberen Teile, um den Rauch auszulassen. 
Ist einmal der Ofen glühend, so verstopfen sie jene Öffnung und 
giessen auf den glühendgemachten Ofen Wasser, wodurch sich Dämpfe 
entwickeln. Eine solche Bude nennen sie „itba" ( izba, d. i. Stube).-) 

Diese Digression ist gewiss sehr wichtig für die Geschichte der 
Altslaven dies- und jenseits der Karpaten, .wo eben der Apostel 
Andreas wirkte, wie dies Nestor sowie Eusebius (IV. Jahrh.) bezeugen. 

Oft werden die Worte des Papstes Oohann X. angeführt, die er 
an den kroatischen König Tomislav im Oahre 925 geschrieben: „Qiiis 
enim ambigit Sclavinorum regna in primitiae Apostoloriim et universalis 
ecclesiac esse comniemorata, cum cunabulis escam praedicaüonis aposio- 
licae ecclesiae perceperunf?"^) — Beziehen sich diese Worte nicht auf 
den Apostel Andreas, so besitzen wir darüber ein Zeugnis bei Ter- 
tulian (um das Oahr 200), der in der Apologie gegen die 3uden 
schrieb : „lam Getulorum variefates et Mauroruni nuilti fines, ei Hispa- 

-] Aenliches findet man noch heute bei den konservativen Slovaken. I, J. 
1867 ging ich aus Tekovsky Svety Kriz, der Residenz des Neusohler Bischofs, über 
den Fluss Hron nach dem Dorfe Vieska, Am Flussufer bemerkte ich ein Feuer, 
das den Zweck hatte Feldsteine glühend zu machen. Daneben stand ein Fass, 
angefüllt mit schmutziger Wäsche und Wasser. Die glühend gemachten Steine 
wari man nun in das Fass, um die Wäsche abzubrühen. Diese Reinigungsart nennt 
man dort »svärenie« (^ Abbrühen). — 

•'') D. i.: »Wer zweifelt daran, dass Reiche der Slaven in den ersten Zeiten 
der Apostel und der allgemeinen Kirche erwähnt werden, da sie schon von der 
Wiege an die Speise der Predigt der apostolischen Kirche empfangen haben? 



276 



nonim onincs tcrmini. ei Galliarum divcrsac nafiones, et Biitanonim in- 
acccssa Romanis, loca, Christo vcro deo subdita. et Sarmatorum et 
Dücoruni et Gennanonim et Scytharum et abditaniin multarum 
gentium . . . Christi aiitem regmim ubiqiie porrigitur."^] — Ist nun das 
Evangelium im II. Jahrhunderte den Scythen und Sarmalen zwischen 
der Volga und den Karpaten gepredigt worden, so ist es dabei aus- 
geschlossen, dass diese Mission' nicht der Apostel Andreas be- 
sorgte.') 

Es ist allerdings Tatsache, dass öohann Chrisostomus Missio- 
näre ausKonslanlinopel zu Bekehrungszwecken zu den Scythen sandle, 
nicht erst um ihnen das Evangelium zu predigen, sondern um sie 
zum Katholizismus zurückzuführen, in den sie vom Apostel Andreas 
eingeführt wurden, weil sie inzwischen zum Arianismus übergegan- 
gen waren. Wir wissen es nämlich aus Traditionen bis zu Nestor 
(1106), dass die aulochthonen Scythen schon vor Oohann Chrisoslo- 
mus in den christlichen Glauben eingeführt waren, denn diese Tra- 
ditionen sind es, welche die Anfänge des Christentums bei den Völ- 
kern zwischen der Volga und den Karpaten nicht Chrisostomus, 
sondern Andreas zuschreiben. 

Zur Zeil des Johann Chrisostomus gingen in jenem Gebiete 
grosse Umwälzungen vor. Hermanric, König der Gelen an der Visla 
(Weichsel), errichtete eine mächtige Monarchie, die sich nicht nur von 
den Karpaten bis zum Don, sondern auch diesseits jenes Gebirges 
bis zu den Venetern erstreckte. Hiezu gehörten die Bewohner an der 
Visla, die Vislavini und die Anten (Antae); anschliessend an letztere 
wohnten im Räume zwischen der Volga, dem Don und dem Kaukasus 
die allslavischen Sarmalen, welche Herodot „Melanchleni" benennt, 
welches Volk man aber zu Hermanric' Zeiten auch mit dem Namen 
„Hunnen" identifizierte. 

Dies vorauszusenden erschien notwendig, um die dunkle Ge- 
schichte der Hunnenzeit zu verstehen, denn die Anten waren es, die 

*) D. i.: »Schon die verschiedenen Stämme der Getuler sowie die vielen 
Grenzen der Mauren, dann alle Grenzen der Hispanier, die verschiedenen Na- 
tionen der Gallier, die den Römern unzugänglichen Orte der Britaner sii.d Christo, 
dem wahren Gott, untergeben, ebenso wie die vielen versteckten Völker der 
Sarmaten, Daker, Germanen und Scythen . , . das Reich Christi war eben über- 
all verbreitet«. 

■') Radagais wird »Vandalus« und »Scytha« genannt, da er ein Slave aus 
der Gegend zwischen der Elbe und Weichsel (Vandalia), also ein »Vandalus« war. 
Jemandes hält die Namen Scythia, Samaria und S c 1 a v i n i a für iden- 
tisch. Wo Herodot Scythen und Sarmaten festgestellt hat, dort finden wir später 
überall slavisch sprechende Völker. 

18» 



276 

sich vor allem von Hermanne frei machen wollten, und zu diesem 
Zwecke die Hunnen herbeiriefen, welche Intervention aber die Anten 
teuer bezahlten. Die Hunnen haben nämlich nicht nur das Reich Her- 
manric' (t 375) zerstört, sondern auch die Anten unterworfen und 
weiterhin Mitteleuropa mit Schrecken erfüllt. 

In diese Hunnenzeit fallen auch die Worte des hl. Hieronimus 
(t 421): „Hiini discimi psaltcrium, Scythiae frigora fervent calorc fidci, 
Getorum nitiliis et flaviis cxercitus ecclesiarum circumfert tentoria et 
ideo forsitan contra nos aequa pugnant acte, quici pari religionc confi- 
diint.^) Zu unserer Erwägung gehören vorerst die Worte : „Die Kälte 
Scythiens wird durch die christliche Religion erwärmt." Gemeint sind 
hier die nördlichen Scythen zwischen der Volga und den Karpaten. 
Da aber die Volga in alten Geschichtsquellen auch „Rha" genannt 
wird, bezeichnete man die Scythen, welcher Begriff lediglich einen 
Krieger im allgemeinen, d. h. einen mit dem Schilde (skytos, 
sciitum, seil, stit) Bewaffneten kennzeichnet, nebstbei auch „Rhosoi, 
Rossia, Russi".') — Ist es nun so, dass „Rossia" identisch ist mit 
„Scythia", und daher Scythen und Russen dasselbe Volk sind,-) so 
ist es auch einleuchtend, dass sich die Tradition vom Apostolate des 
hl. Andreas in Scythien, d. i. Russland, ununterbrochen erhalten hat, 
nicht aber bei ihren Nachbarn, bei den Volgaren (Bulgaren), die doch 
bald vom Christenlume zum Mohammedanismus abgefallen sind, wie 
dies Gregorius (apud Migne: Patrologia LXXl, Seite 647) erwähnt. 



Sammelstelle für altslavisches Sprachgut. 

Dem Sprachinteressenten stossen im Leben wie in der Lektüre 
oft alte Ausdrücke auf, die trot^; allgemeinen Gebrauches etymologisch 
nicht geklärt sind, oder aber in verdorbener Form in der Rede wie 
Schrift gebraucht werden. Überdies gibt es eine Unmasse von VJörtern, 
die man unter dem Eindrucke des Vorurteiles anzuwenden meidet, 
weil man sie für fremdes Sprachgut hält. 

") D, h.: »Die Hünen lernen den Psalter, die Kälten Scythiens werden erhitzt 
durch die Wärme der Religion, die glänzende, gelbe (blonde?) Armee der Geten 
trägt Kirchenzelte herum, und vielleicht kämpfen sie gegen uns deshalb mit der 
gleichen Waffe, weil sie gleicher Religion angehören«. 

') Et illud, quod vocalur Rhos, apud illos ita obtinuerit, ut Romani imperio 
subditos sibi, quaquae versum proxinos in servitutem redegerint, (Fpistola Photii 
apud Migne: Patrologiae series graeco-latina LIIL, S, 376. — Siehe auch meinen: 
Slovansky Letopis. Skalice, 1881, S. 272. — Constantinus Porphirogenetes ap. 
Migne CXIIL, 58 in nota.) 

'*) Bikowski: Mcr. Pol. I. S. 848. — 



277 

Alles altslavische Sprachgut dieser Art soll hier, 
wie es fallweise aufgelesen wird, in Form von kurzen 
Monographien, gesammelt werden, um einerseits sol- 
che Begriffe sprachlich aufzuklären, daher wissen- 
schaftlich zu rehabi litie ren, andererseits aber auch, 
um den präsumtiven Verfassern eines „Altslavischen 
Sprachlexikons" die Arbeit zu erleichtern. Die öffentliche 
Behandlung dieser Sammelarbeit bezweckt zugleich jedermann Ge- 
legenheit zur Berichtigung oder Ergänzung zu bieten, sofern der 
erste Anzeiger den Begriff unrichtig, nicht erschöpfend oder über- 
zeugend behandelte. 

Im allgemeinen wird jener Beg rif f al s „altslavisch" 
angesehen, der schon wenigstens im Mittelalter ur- 
kundlich belegt ist, oder der in zwei oder mehreren 
räumlich entfernten slavischen Sprachgruppen bereits 
längere Zeit bekannt ist, daher schon vor der einstigen, 
zeitlich nicht mehr kontrollierbaren Sprachsezession 
denselben angehört haben muss. 

Liegt aber einmal dieses grundlegende V7erk fertig vor, dann 
kann vielleicht auch schon ein „Lexikon des Ursprachschatzes" in 
Erwägung gezogen werden, denn es wird täglich klarer, dass wir 
mit der slavischen Sprache als Leitfossil immer überzeugender in 
jene Vorzeit dringen, als zum mindesten das Germanische, Roma- 
nische und das Sanskrit noch eine gemeinsame, einheitliche 
Sprache waren, weil sich gerade im Slavischen die einfachsten 
Formen der Begriffe, die von den primären nicht mehr wesentlich 
differieren können, noch zum grossen Teile erhalten haben. 

^ DIE REDAKTION. 

»Pluti«. — Dieser Begriff, der bei den Slovenen noch heute 
für: schwimmen, flössen allgemein gebräuchlich ist, kommt 
aber auch schon i, J, 1347 in einem böhmischen Glossarium in gleicher 
Bedeutung vor; dort heißt es, daß das gefällte Holz mittels Wasser g e- 
schwemmt wird, was man »pluti'< nennt (»quac pluthi vulga- 
riter dicitur«), — Ch. 

»Pram«. — Darunter verstand man ein Floß. Der Begriff 
kommt schon in einer böhmischen Handschrift (»Hrady a zämky«, 
VIIL, 51), die dem XIV. oder höchstens XV. Jahrhunderte angehört, 
vor, ~ Ch. 

Prcscstovati. — Nachdem das sechste der auf Sinai gegebenen 
Gebote Jehovas gegen die Unkeuschheit gerichtet ist, muß sich be- 



278 

reits in alter Zeit der Ausweg gefunden haben ein Vergehen dieser 
Richtung, um sich über das Wesen und die Einzelheiten nicht weiter 
verbreiten zu müssen, im Slavischen kurzweg mit »übersechsten«, d. 
i, gegen das sechste Gebot sündigen, zu kennzeichnen 
(slav. »sest« = sechs). — Der älteste schriftliche Beleg hiefür findet 
sich in Primus Trubars slovenischem Katechismus aus dem Jahre 
1550. — Wir hörten in der Volksschule im Religionsunterrichte auch 
nie eine weitere Definition und fühlten nur heraus, daß es sich dabei 
um etwas besonders Sündhaftes handeln müsse. — Diese Methode 
der Ueberbrückung von Begriffsdefinitionen, die man ihres Cha- 
rakters wegen aus natürlichem Takte nicht weiter auseinandersetzen 
kann oder will, zeigt von sehr feinem moralischen Zartgefühle von 
Einst. — Z. 

»Skaramucati«. - Dieser Begriff kommt in der dem XI, Jahr- 
hunderte angehörenden kroatischen Handschrift, die dem Popen von 
Dioklea (Duklja) zugeschrieben wird, in der Bedeutung: durch Be- 
unruhigungquälen oder müde machen vor. Das Wort ist 
entweder aus »skorati« (= bedrängen) und »mucati« (~ quälen), oder 
aus »skoro mucati« (~ beinahe, nahezu quälen) böhm, »zkormoutiti« 
(= betrüben) gebildet und sonderbarerweise fast unverändert in andere 
Sprachen übergegangen, wie altfranz. »escarmouche«, altital. »scara- 
mucio«, deutsch »Scharmützeln«. Im Waltariliede kommt auch der 
verwandte Personenname »Skaramund« vor. Das Wort ist daher ein 
originalslavisches, da hier die Etymologie noch heute ver- 
ständlich ist, für alle anderen Sprachen aber bereits ein Lehnwort, 

K. 

»Soloh«, — Im laufenden Jahre machte der russische Ar- 
chäolog J. Veselovskij einen sensationellen Fund in einem Kurgan 
(Grabhügel) Südrußlands. Die Skelette wie die verschiedenartigsten 
wert- und kunstvollen Grabbeigaben berechtigen zur Annahme, daß 
hier ein besonders hervorragender scythischer Car begraben liege. 
Sie ist auch ansonst natürlich berechtigt, denn der Grabhügel ist 
eigentlich ein Grabberg in den Dimensionen einer ägyptischen Pyra- 
mide, die auf etwa 20 Vjorst im Umkreise der Steppe sichtbar ist. 
Dieser Riesentumulus heißt bei den Anwohnern »Soloh«. Man weiß 
nun nicht, was die Benennung anzeigen soll und nimmt zumeist an, 
daß der dort begrabene Car so geheißen habe. — Diese Annahme 
scheint aber zu trügen, wahrscheinlicher ist es, daß der Begriff über- 
haupt nicht »Soloh« sondern »Zoloh« auszusprechen sei, und in dieser 
Form, da das russische »zola« — Asche, Reste, Lauge bc 
zeichnet, eben nur der Gattungsname für einen Tumulus im allgemei- 
nen ist, der Asche bezw. Reste und Auflösungsprodukte eines Hohen 



279 

enthalte, daher sprachÜch lediglich Leichen hügcl, Crabberg 
besage. — Im natürlich verwandten Gebrauche steht auch der deut- 
sche Begriff »Sole, Soole«, d. i. das vom festen Aggregatzustand in 
den flüssigen umgewandelte Steinsalz. - Der Begriff »Sole« ist 
demnach schon altslavischer oder gar ursprachlicher Provenienz. 

Dieser Riesentumulus dürfte schon mehrere Jahrhunderte v, 
Chr. gestanden sein, was aus einer Stelle Herodots geschlossen wer- 
den kann. Als Darius gegen die Skythen zog, befolgten dieselben eine 
ähnliche Taktik, wie bei Napoleon i. J, 1812: sie zogen sich ohne 
Kampf immer weiter ins Innenland zurück. Auf das Befragen, wes- 
halb sie nicht gegen Darius kämpfend auftreten, ließen sie ihm sagen, 
»er möge nur einmal das Gebiet Gerros, wo die Grabhügel ihrer 
Ahnen stehen, betreten, dann werden sie ihm schon mit Waffen ent- 
gegentreten«. Und diese Grabhügel können nur jene sein, die noch 
heute so zahlreich und imponierend in den Dnjepr-Steppen stehen; 
ob gerade der »Soloh« schon damals stand, ist freilich nicht sicher, 
aber die Grabbeigaben sprechen entschieden dafür, — Z, 

»Svor, svora«. — So nennt der Slovene heute den Langbaum, 
der den Vorderteil eines Wirtschaftswagens mit dem ^Iinterteile ver- 
bindet, also: Verbindungsholz, Die Böhmen gebrauchen 
heute dieses Wurzelwort nur mehr abstrakt als »svornost, svorny'< 
{— Eintracht, zusammenhaltend], doch wendeten sie es früher auch in 
ersterem Sinne an, denn im Kodex Pernstein v. J, 1^90 kojnmt die 
Stelle vor: »z kazdeho pluhu neb svora 4 grose«, d, i,: von jedem Pflu- 
ge oder Wirtschaftswagen 4 Groschen (Steuer), — Laut »Slovanske 
prävo« V. J, 1353 hatten die Moldauflößer die Pflicht ein Floß aus 
60 Langbäumen (»svorüv«) herzustellen, — Das Floß selbst heißt 
»vor«, — Ch. 

»Trut«. — Eine Stelle in der Grünberger Handschrift lautet 
»ide-ze trut pogubi san liutü (- wo der Recke den grimmen Dra- 
chen erschlug). Die Ausleger des Textes wußten sich mit dem Be- 
griffe »trut« nun gar keinen Bescheid, sie kannten keine Analogien, 
und kamen daher zu folgendem sonderbaren Schlüsse: der Fälscher 
habe den sonst nirgends vorkommenden Ausdruck »trut« aus dem 
Namen »Trutnov« (Trautenau) frei konstruiert, weil die Stadt zu- 
gleich einen Drachen zum Wappen hat. Ist es nun an sich verwunder- 
lich, daß jemand eine derartig unsinnige Kombination überhaupt aus- 
spricht, so ist es noch betrübender, daß niemand auf einen wirklich 
vorhandenen Beleg stieß, nachdem solche massenhaft sczvisogen 
auf dem. Wege liegen. Bezeichnet doch im AJtslavischen »trot« einen 
Riesen, starken Mann; die Slovenen kennen eine Sage vom Riesen 
»Trot«; im Altnordischen bedeutet »trutan«: Herr, Gebieter; Drui- 



280 

den (irisch »druid«) hießen die Priester und Erzieher des Volkes bei 
den Kelten; im Etriirischen kommt auf der doppelsprachigen Inschrift 
von Pisaurum schon ein »trutnovt« vor, welcher Begriff ins Latei- 
nische als »haruspex«, d. i, Weissager, Opferpriester übertragen er- 
scheint, Hiezu kommt noch eine ungewöhnliche Quelle, Die alten 
Geschichten erzählen, der erste König der Wenden und Obotritcn 
hieß Anthyrus, der als Feldherr im Heere Alexanders d, Gr. nach 
dessen Tode König der pommerschen Wenden wurde- Um das Jahr 
1730 fanden Soldaten im Kloster Doberan (Mecklenburg) in einem 
vermauerten heimlichen Schranke ein in gotischer Schrift beschrie- 
benes Pergament mit einem Lobgedichte an Anthyrus, welches auch 
den Begriff »Drud« in der Bedeutung Sänger, Priester ent- 
hält. Die betreffende Strophe lautet, wie sie J. de V<''estphalen in 
>-Monumenta inedita« (Leipzig, 1739, S, 1506] bietet: 

»Ein edler König rike, in diesem Lande war. 

Das Wenden Land genant. 

Du mer behalten ist, so lange viele Jahre 

Gar manchem Drud bekannt, 

Sen Name heißet sonst Anthyre, 

Er war gar ein getreuer Mann, 

Er führt mit Ruhm sein Ritter Ziere, 

Als ihm solt wohl anstahn«, — 
In dem Begriffe »trut« steckt daher ein harter, solider Kern der 
Ursprünglichkeit und des hohen Alters, daher es unverständlich 
bleibt, wie man so alte, (reelle Belage als Fälschungsdokumente 
neuester Zeit jemandem vorspiegeln und wie sich die gebildete 
Oeffentlichkeit so lange von den »Gelehrten-^ nasführen lassen 
konnte, — ' Z, 

Wissenschaftliches Allerlei. 

Slavische Sprachbelege in „Beovulf". 

Das dem Ende des X. Oahrhunderles zugeschriebene älteste 
deutsche Heldenepos „Beovulf" ist in angelsächsischer Sprache ge- 
schrieben, und bewegt sich dessen Handlung zwischen dem Gebiete 
der Dänen, Goten und Angelsachsen. Ein Teil spielt sich sogar aut 
einer Insel jener Friesen ab, wo man auffallende slavische Sprach- 
reste, wie diese schon auf Seite 217 zum Teile angeführt wurden, 
vorfand. Nun enthält aber dieses Epos auch eine Alenge von Namen 
und Begriffen, welche dem Slaven besonders auffallen müssen, und 
zeigt das unlogische Durcheinander der Handlung, dass hier eine 



281 

massig geniale Kompilation verschiedene epische Stoffe zu einem 
Ganzen verschmelzen wollte, wobei sich besonders ein gewisses 
Streben, die heidnischen Verhältnisse in die christlichen umzuformen, 
geltend macht. 

Im allgemeinen hat es den Anschein, als ob allslavische Volks- 
dichtungen epischer Richtung dem Verfasser die Führung der Han- 
dlung geboten hätten, wobei er Treilich viele Namen und Begriffe 
sprachlich verwechselt haben mag, oder sie aber,, wie wir das schon 
beim Roiand-Liede gesehen haben, absichtlich verschleierte. Dieser 
Gedanke beschäftigte die Gelehrtenwelt seit langem, und gab Rob. 
Schweichel schon im Oahre 1868 in seiner Schrift „Über den gegen- 
wärtigen Stand der Sprach- und Naturforschung" dem Zweifel Aus- 
druck, „ob sich nicht ebenso, wie manche Mythe der Götterlehre, 
auch manche jener Heldensagen und Lieder, welche uns die islän- 
dische Edda aufbewahrt hat, aus keltischen Aniautungen und Ur- 
sprüngen entwickelt haben ; manche Bezeichnungen und Personen- 
namen dieser Dichtungen lassen es wenigstens vermuten. Vielleicht 
lässt uns das Studium der keltischen Sprachen eines Tages vollends 
das Geheimnis durchdringen, welches den „Beovulf" der Angelsachsen 
noch immer zum grossen Teile verhüllt. Schon die Art der Leichen- 
feier des Helden bestärkt uns, gleich der des Siegfried und Brun- 
hildens in der Nibelungensage, in dieser Vermutung. Sie werden ver- 
brannt, wie dies noch bei den heidnischen Preussen der Fall war, 
als der deutsche Orden das Land eroberte. Mit der Einwanderung 
der deutschen Stämme in Mitteleuropa hörte aber das Verbrennen 
der Toten auf" usw. 

Ein tüchtiger Slavist müsste im Vereine mit einem ebenso ver- 
sierten Germanisten hier ein äusserst interessantes Forschungsfeld 
finden, denn etliche Namen, Begriffe, Redev;endungen und Kultur- 
details bieten sich derartig handgreiflich als slavisch dar, dass sich 
der objektivste Leser dieses Eindruckes nicht erwehren kann. 

Es mögen hier nur einige typische Beispiele folgen, wobei bei- 
gefügt werden muss, dass die Übersetzer und Kommentatoren des 
Beovulf offenkundig viele Stellen und Begriffe auch unzutreffend er- 
fassten. Z. B. : in der Dichtung steht m.ehrmals „gehärtet im Feuer" 
für die Kennzeichnung der Güte der Waffen. Dieses Epitheton findet 
man in slavischen Dichtungen fortgesetzt und am richtigen Platze ; in 
„Beovulf" bezieh! sich aber dies in einem Falle auf die Vergoldung 
der Waffen ; 

„holm" heisst auch im Slovenischen noch heute: massige Anhöhe, 
Hügel ; 



282 

der edelste Krieger wird im Epos „Asker" genannt; dies ist 
aber im Südslavischen tatsächlich die Bezeichnung für den Krieger 
im allgemeinen; 

„hrunting" hiess das Schwert Beovulfs ; im Sla vischen bezeichnet 
man mit „hrot, hrotnik" die Lanze, den Spiess : 

„Hadukin", Name eines tapferen Kriegers, scheint nur der Be- 
griff „hajduk" ( Beschützer, Wächter) zu sein ; 

der hohe Grabhügel, der über der Asche Beovulfs errichtet 
V7ird, heisst „hrones näs" ; das heisst aber nicht „Wallfischberg", 
sondern „Grenznase", und ist tatsächlich ein scharf vortretendes Vor- 
gebirge auf der Insel Sylt so benannt; 

„das Schiff ist am Berge geborgen", also am Ufer; das Ufer 
heisst aber nur im Slavischen „Berg", d. i. „breg", wobei die Meta- 
thesis ebenso eingetreten ist, wie beim Begriffe „gard" (statt „grad"), 
denn auch das deutsche „Garten" ist nur das slavische „grad, graditi", 
also das Umzäunte, da die Vorbedingung für den Garten unter 
allen Umständen die Umzäunung ist, usw. 

Weitere Parallelen bilden die Kulturverhältnisse, die in „Beo- 
vulf" geschildert werden, und stehen diese Tatsachen im scharfen 
Gegensatze zu der allgemeinen Ansicht von der einstigen, als völlig 
unkultiviert verschrienen Zeit.*) Es wird da von einem Schwerte ge- 
sprochen, in welches die Geschichte desselben in goldausgelegten 
Runen eingraviert ist. Goldhörner werden angeführt, und man grub 
schon tatsächlich mehrere solcher mit schönen Reliefarbeiten aus ; 
die häufige Aufzählung von kostbarem „gewundenem" Frauengold- 
schmucke ist durchaus keine Phantasterei, denn es wurden doch in 

) Wie weit dieses Vorurteil von der Unkultur der älteren Zeit gehen kann, 
dafür liegen geradezu erheiternde Belege bei der Fälschungserklärung der böh- 
mischen Handschriften vor. Man sagte z. B.: Lubusa, die Fürstin Böhmens, hatte 
unmöglich einen goldenen Thron; dieser kann in jener Zeit nur aus rohen Steinen 
zusammengefügt gewesen sein, ergo ist die Handschrift eine Fälschung; dass aber 
die ältesten Völker schon goldene Throne hatten, davon v/ussten die Sammler 
von Fälschungsmotiven anscheinend nichts. — Ein Mädchen spricht nur den 
Wunsch aus, dass sie dem Geliebten einen Brief schreiben möchte, und schon 
war die wissenschaftliche Hermandad hinterher und sagte: ein Mädchen, das im 
XIII. Jahrhunderte schreiben konnte, gibt es nicht, ergo ist die Handschrift ge- 
fälscht. — Ein Gedicht erwähnt die Wa 1 d h ö r n e r; da kamen die Gegner und 
sagten: historisch festgestellt existieren solche erst seit dem J. 1680, ergo ist die 
Erwähnung von solchen i, J, 1241 ein Beweis der Fälschung. Davon, dass die 
Skythen, Kelten, Israeliten, Griechen, Römer solche hatten und diesbezüglich 
genug Abbildungen vorhanden sind, ja dass Rubens, der bereits i. J. 1640 starb, 
schon den Jagdzug der Diana mit Waldhörnern malte, hatte die Gelehrtenwelt in 
Frag um das Jahr 1886 keine Ahnung, u. ä. — 



283 

nordischen Ländern prächlige, ja emaillierte, auf hochenlwickelte 
Goldschmiedekunsl schliessende Spangen verschiedenster Form ge- 
funden, die auch in Runenschrift gravierte Widmungen wie Firma- 
kennzeichen aufweisen; und diese Inschriften versteht gerade der 
Siave noch immer, so weit sie eben verlässlich entziffert sind. 

Es muss sonach etwas Reales in allen diesen Vermutungen 
wie Kennzeichen sein, nur hat der bedauerliche Umstand, dass sich 
die deutsche Wissenschaft später vollkommen gegen die slavische 
abgeschlossen, jeden Erfolg in der Weiterforschung verlegt. Freilich 
ging letztere dann auch ihre eigenen, genau so falschen \A/ege, und 
seit jener Zeit, als das Mit- und Zusammenforschen unterbrochen 
wurde, trat in der Sprachforschung nicht nur ein Stillstand, sondern 
der fühlbare Verfall an den Tag, denn eine solche Arbeit ohne gross- 
zügige Grundlage und universelle Zusammenfassung des Materiales 

muss immer eine chaotische Stückarbeit bleiben. 

M. Zunkovic. 

Thietmars slavische Kenntnisse. 

Es ist sonderbar, dass sich viele Geschichtsforscher auf den 
gewiss in vieler Hinsicht brauchbaren Chronisten Thietmar von 
Merseburg (975—1018) berufen, aber dabei ungeprüft auch das Fehler- 
hafte übernehmen, wozu vor allem dessen grundfalsche slavische 
Etymologie gehört; zum Beweise mögen nachstehend einige solche 
Beispiele folgen. 

Thietmar schreibt über den Grossherzog Gejsa (t 997), den 
Vater des hl. Stephan, den König von Ungarn: „uxor aiitcm eins 
Beleknegini, i. e. pulchra domina sdavonice dicta"}) Diese 
„beleknegina" ist aber sprachlich die „velekneginja" , d. i. Gross- 
fürstin ihrem. Geburts- oder Würdetitel nach. 

Einen analogen Fehler, beging er im Satze: „/// conventus in 
Belegori, quod pule her motis dicitur".-) Es ist dies natürlich kein 
„pulcher mons" , sondern „Velegora" (oder „Belagora") an der Elbe. 

Weiter schreibt Thietmar : „Hie (Boso), ut sibi commissos jaci- 
lius insfrueret, sclavoniea scripserat verba et eos Kirieeleison cantare ro- 
gavit. Qui vecordes hoc in nialum irrisorie mutabant „ukrivolsa" , quod 
nostra saxonica lingua dicitur „Aderi stat in frutectum" diccntes : „Sic 

^) Bielowski, Monumenta Poloniae historica. Lwöw, 1861, S. 313. — D. h.: 
»Dessen Gattin war die »beleknegina«, was slovenisch »schöne Frau« bedeutet«. 

-) Bielowski, S. 284. — D. h.: »es fand eine Zusammenkunft in »Belagora« 
statt, was »schöner Berg« bedeutet«, — Thietmar hält also konsequent »bei« 
(^ weiss) als gleichbedeutend für schön. 



284 

lociitus est Boso", cum ille aliter dixerit" ^] — Die Verwechslung des 
Kirieeleison mit „ukryval sa" ( er verbarg sich) ist leicht heraus- 
zufinden, aber das weitere ist rätselhaft. 

Eine gleichfalls verunglückte Etymologie ist in der Erklärung 
des Namens „Dobrava" enthalten, denn Thietmar sagt: „Dobrava 
enim sclavonicc diccbatiir, qiiod teutonico sermonc „Bona" intcrprdatiir" }] 
Tatsächlich bedeutet es in der modernen Auffassung einen Eichen- 
hain, in älterer Zeit einen für die Verteidigung hergerichteten Platz, 
eine Zufluchtsstätte bei feindlicher Gefahr. 

F. V. Sasinek. 

Die Runensteine von Oberhessen. 

In Zunkovic' Werke „Slavische Runendenkmäler", das derzeit 
in Lieferungen erscheint, fand der Verfasser auf Seite 53— oO die 
„Urnensteine in Mecklenburg" beschrieben und abgebildet, und war 
nicht wenig erstaunt, hiedurch eigentlich auch das Rätsel mit den 
Runensteinen von Oberhessen gelöst zu sehen. 

Auf der Höhe „Trieb" (östlich Giessen) wurde im Jahre 1908 ein 
ausgedehntes Gräberfeld der Latene-Zeit aufgeschürft. Das Bemerkens- 
werteste dabei war die Entdeckung, dass die Steine (Basalt), die als 
Packungen der Skelettgräber dienten, sonderbare Gravierungen 
hatten, welche die einen, wie der Museumsdireklor Hauptmann a. D. 
Dr. Kramer und Prof. Bartholomae für Runen, andere für zufällige 
Pflugschrammen hielten. Der Vergleich dieser Steinschriften mit jenen 
in Mecklenburg (siehe Illustrationen) zeigt aber klar, dass dies Ru- 
nen sind; auch hatten beide Gruppen dieselbe Totenkultusbeslimmung. 
Fertige Worte sind hier nicht feststellbar, da die Runen nicht so deut- 
lich geschrieben sind, wie die mecklenburgischen, und namentlich viel 
Ligaturen aufweisen ; es ist daher zur Lösung noch mehr Vergleichs- 
material nötig ; immerhin sind aber z. B. die Buchstaben a, i, 1, g, k 
gut erkennbar und gehören — nach Zunkovic' Runenklassifikation — 
dem wendischen Runenalphabete an. 

") Bielowski, S. 249. — D. h.: »Dieser schrieb, um seine Schutzbefohlenen 
leichter zu unterrichten, die Worte slovenisch nieder und schlug ihnen vor die- 
selben in der Form des Kirieeleison zu singen. Diese verwandelten sie aber 
unsinnig ins Lächerliche«. — Das weitere ist für die Ueberselzung unverständlich. 
Man sieht aber daraus, dass damals in Norddeulschland slavisch noch allge- 
mein die Umgangssprache war. - Boso hiess der erste Bischof von Merseburg. 

') Bielowski, S. 261, ■ — D, h.: »Dobrava heisst im Slovenischen, was im 
Deutschen »Gut« bedeutet. — Konst. Porphyrogenetus hingegen hält »Dubrava« 
für gleichbedeutend mit »silva« (=^ Wald) und bezieht sich dabei auf Dubrovnik 
(Ragusa); den primären Sinn des Begriffes hat sonach keiner der beiden erfasst. 
(Vergleiche auch den Artikel »Dobrotice« S, 236. — A. d. Red.) 



286 



Runensteine 



aus Mcchlenburg. 







aus Oberhessen. 




Der wissenschaftliche Erfolg dieser gegenseitig sich aufklärenden 
Runensteine ist ein ausserordentlich wertvoller. Wir wissen nun 



286 

vorerst, dass die Runenschrift talsächlich in Nordeuropa allgemein 
gebräuchlich war, denn die vielen hunderte von Inschriften auf Stein 
und Erz, die man schon in den verschiedensten Gegenden gefunden, 
weisen alle das Runenalphabet auf. Vor dem Einzüge der lateinischen 
Schrift — vermutlich in Verbindung mit der lateinischen Sprache — 
muss sonach die Runenschrift in unseren Gegenden allein angewen- 
det worden sein. 

Über die Zeit, wann diese Runensteine beschrieben wurden, 
fehlt jeder Anhaltspunkt. Zunkovic verlegt die mecklenburgischen kurz 
vor den Beginn unserer Zeitrechnung ; unsere scheinen jedoch noch 
älter zu sein und können etwa der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. 
angehören. 

Die hier Bestatteten müssen Slaven gewesen sein, denn unser 
Gebiet war einst gleichfalls von Slaven besiedelt; ebenso scheint der 
Name des Fundortes „Trieb" slavisch zu sein. 

Diese überraschende Aufdeckung hat aber auch wissenschaftlich- 
erziehlich einen besonderen Wert. Vor allem drängt sich uns die 
begründete Vermutung auf, dass vielleicht schon Tausende solcher 
Steine in alten Gräbern gefunden aber unbeachtet weggeworfen oder 
wieder vergraben wurden, da die darauf eingravierten Runen jeder 
als zufällige Ritzungen ansah; die Museen und Archäologen 
werden daher künftighin diesem Umstände erhöhte 
Aufmerksamkeit widmen müssen; es wäre deshalb die wei- 
teste Verbreitung dieser Aufdeckung am Platze. 

Überdies wird hiemit die Runenkunda za einer soliden, in sprach- 
licher wie ethnographischer Richtung nicht mehr rätselhaften Wissen- 
schaft, und werden Erfahrungen dieser Art in Hinkunft wohl die 
Archäologen, Runenforscher wie Kulturhistoriker vor übereilten Schlüs- 
sen und apodiktischeil Entscheidungen ernstlich warnen. Erregt doch 
eben die Tatsache ein peinliches Aufsehen in der wissenschaftlichen 
Welt, wie unvorsichtig und unmotiviert Universitätsprofessor Dr. Jagic 
im Oahre 1880 (damals in Berlin) handelte, als er die mecklenburger 
Runenaltertümer samt und sonders als Falsifikate erklärte, indes 
sich jetzt herausstellt, dass er überhaupt die Runeninschriften zu le- 
sen nicht verstand, sowie dass anderswo auch ähnliche, absolut 
nicht unterschobene Objekte in prähistorischen Gräbern gefunden 
wurden. 

Die Archäologie ist eine ausgesprochen applikatorische Wissen- 
schaft; sie verträgt nur greifbare Beweismittel; jedes Irrlichtern mit 
Autoritätsdiktaten muss daher hier grundsätzlich mit einem Fiasko 
enden. Dr. 0. Oahn (Berlin). 



287 

Wo lag die Stadt Vineta ? 

Während sich die geisterhafte Vineta-Sage wie ein Rätsel der 
fernen Romantik hinzieht und immer geheimnisvoller wurde, schwand 
auch immer mehr das Bewusstsein dahin, dass die graue Feste auf 
dem Meeresgrunde sich einst in einer vielfarbigen und denkwürdigen 
geschichtlichen Wirklichkeit erhob, die wohl noch eigenartiger, als 
die Sage selbst, ergreift, weil man die wahre Lage der Stadt lange 
nicht feststellen konnte. Den Bemühungen des Dr. Conrad Müller is! 
es nun gelungen, in seinem grossen Werke „Altgermanische Meeres- 
herrschaft" (Verlag Perthes, Gotha) den historischen Kern der Sage 
glaubwürdig aufzuklären. 

Seit langem ist es bekannt, dass Vineta nicht allein mit ihrem 
tragischen Schicksale dasteht; sie hat Geschwister auch in der Nord- 
see, wo furchtbare Sturmfluten gleichfalls blühende Städte verschlan- 
gen. Aber unter allen diesen war Vineta die grössij und bedeu- 
tendste. Müller glaubt, dass diese Namensform nur eine falsche Les- 
art von „Oumneta" ist, denn die Slavenstadt CJumne am Ausflüsse 
der Oder in die Ostsee war den mittelalterlichen Chronisten wohl- 
bekannt. Ausführlicho Kunde von dieser Niederlassung gibl der 
Historiker Adam von Bremen um das Jahr 1075. „Über aie Leutizen 
hinaus", schreibt er, „die mit anderem Namen Witzen genannt werden, 
tritt uns der Oddarafluss entgegen, der reichste Strom d33 5:awan- 
landes. An der Mündung desselben, da wo er die scythischen Ge- 
wässer bespült, bietet die sehr angesehene Stadt Dumne den Bar- 
baren und Griechen, die ringsum wohnen, einen vielbesuchten Stand- 
ort dar. Weil nun zum Preise dieser Stadt grosse und fast unglaub- 
liche Dinge vorgebracht werden, so halte ich es für anziehend, hier 
einiges, das Erwähnung verdient, einzuschalten. Es ist vjirklich die 
grösste von allen Städten, die Europa einschliesst. In ihr wohnen 
Slawen und andere Nationen, Griechen und Barbaren . . . Alle sind 
noch im Irrwahne heidnischer Abgötterei befangen. Übrigens wird, 
was Sitte und Gastfreiheit anlangt, kein Volk zu finden sein, das 
sich ehrenwerter und dienstfertiger bewiese. Jene Stadt, welche reich 
ist durch die Waren aller Nationen des Nordens, besitzt alle mög- 
lichen Annehmlichkeiten und Seltenheiten." — Dies Jumne, das noch 
mehrfach bei Adam von Bremen auftaucht, lag nach seinen Angaben 
unzweifelhaft unmittelbar an der Ostseeküste, und die frühere An- 
sicht der Gelehrten, die das alte Vineta mit dem späteren Julin, dem 
heutigen Wollin, an der niemals recht schiffbaren Dievenow gleich- 
stellen wollte, muss als irrig aufgegeben werden. An der Odermün- 
dung kennt die Stadt auch ein Jahrhundert später, um 1170, der 



288 

Slawenchronisl Helmold, der sie aber bereits als verschwunden be- 
handelt. „An der Mündung der Oder, -uvo sie das Baltische Meer 
berühr!/' berichtet er, „lag einst die sehr berühmte Stadt Oumneta," 
und er meldet weiter : „Diese reichbegüterte Stadt soll ein Dänen- 
könig, mit sehr grosser Flotte heransegelnd, von Grund aus zerstört 
haben; noch sind von jener alten Stadt Überreste vorhanden." — Diese 
„Austilgung" CJumnes, die für Helmold bereits längere Zeit zurück- 
liegt, muss zu Beginn des XII. dahrhunderts erfolgt sein, und zwar 
kann als Zerstörer nur König Niels in Betracht kommen, der zwischen 
1115 und 1119 eine Kriegsfahrt unternahm und die letzte Selbstän- 
digkeit der Landschaft Dum, deren Hauptstadt Dumne war, zerbrach. 
V\/ahrscheinlich ist es, dass nach der Vernichtung der Stadt dann 
eine gewaltige Naturkatastrophe ihre Trümmer verschlang und so 
ihr Bild für immer von der Erde weglöschte, wodurch die uralte 
Sage ihre eigentliche Nahrung erhielt. Der berühmte Chronist Saxo 
Grammaticus, der gegen Ende des XII. Oahrhundertes schrieb, be- 
richtet nämlich ausdrücklich: „Nachdem der befestigte Ort, den die 
Slaven an der Mündung der Swine gegründet hatten, in einer winter- 
lichen Sturmflut zugrunde gegangen war, gründeten sie in derselben 
Gegend zwei andere Plätze." — Als die historische Stätte des alten 
Vineta kann mit ziemlicher Sicherheit das Dorf Loddin bei Koserow 
in Anspruch genommen werden, denn alle Vorbedingungen treffen 
hier in vollendeter 'JJeise zusammen : die Erhebung der Feste auf 
einem hohen meerbeherrschenden Punkt, und zwar an der alten 
Odermündung, die Nähe der Insel Rügen und die uralte Volksüber- 
lieferung, die an diesen sagenumwobenen Ort geknüpft ist. Auch die 
Funde arabischer Münzen sprechen dafür, denn diese alte Ostsee- 
kultur war vom Orient aus stark beeinflusst, und öumne ist eine 
bedeutende Station auf der grossen Handelsstrasse gewesen, die die 
Araber zum Lande des Bernsteins und weiter bis nach Kiew, der 
Hauptstadt des Russenlandes, führten. Wie eng diese Beziehung 
zwischen Ostsee und Orient damals war, geht aus der Tatsache her- 
vor, dass eine Kunde von dem Untergang 3umnes sich sogar in 
dem. grossen geographischen Werke des Arabers El-Edrisi erhalten 
hat. So erfährt das Vineta-Rätsel durch das alte Kulturzentrum von 
Jumiue seine geschichtliche Lösung, und die Sage leuchtet nun in 
einem noch ehrwürdigeren Lichte. — 

Diese Entscheidung Dr. Müllers lässt sich aber auch noch weiter 
als berechtigt ergänzen. Da ist vor allem die Etymologie, welche auch 
in gleichem Sinne eingreift. Vineta lag als so bedeutende Handelsstadt 
gewiss auch an dem wichtigsten und für die Schiffahrt günstigsten 
Arme der Oder, und dies ist die Swine. Dieser Hauptarm bildete 



289 

demnach hier eine wichtige Grenze, denn Adam von Bremen sagt 
doch, dass die Stadt dort lag, wo die Oder dio skythischen Gewässer 
berührt, also am linken Ufer, denn das rechte gehörte schon zu 
Skythien. Nun bedeutet aber „vin" im Altslavischen: Grenze, „Vi- 
neta" sonach: Grenzstadt. „Swine" bildet jedoch zwei Grenzen, 
daher es durch das Präfix „s" zu einem Kollektivum wurde. Der 
Name „üumne, üumneta" ist sonach eher der falsche, und vermutlich 
durch eine flüchtige Leseart entstanden, der dann fortgesetzt falsch 
weiter abgeschrieben wurde. 

Es ist immerhin auch zu bezweifeln, ab Adam von Bremen in 
allem recht hat, denn es ist doch etwas unwahrscheinlich, dass der 
Vineta-Untergang für Helmold, der 95 üahre nach Adam starb, schon so 
sagenhaft gewesen sein konnte, wenn die Stadt bei Lebzeiten Adams 
noch bestand. Ebenso hat Müller hier bedingungsweise unrecht, wenn 
er die Lage der Stadt in die heulige Dorfflur Loddin verlegt, denn 
ist Vineta dort gestanden und durch Waffengewalt zerstört worden, 
so lässt sich dies durch einfache Grabungen feststellen ; ist dies 
nicht der Fall, dann ist sie ins Meer gesunken, und damit erhält die 
Sage den Geschichtswert. Eine im Kriege zerstörte Stadt aber, die 
an einem so günstigen Handelszentrum liegt, baut man ansonst 
wieder rasch auf, und dies geschah bis heute nicht, weil eben die 
sagenhaften wie geschichtlichen Erfahrungen in geotektonischer Hin- 
sicht davor warnten. Deshalb kann aber auf der dortigen Terrain- 
erhebung mit dem günstigen Ausblicke auf das Meer noch immer 
ein Wachthaus oder eine Feste gestanden haben, und ist dies sogar 
natürlich, denn man musste sich doch auch irgendwie gegen Feinde 
von landeinwärts sichern. 

So muss nun die Sage die Hälfte ihres Inhaltes über Vineta an 
die Geschichte abgeben, denn dem friedelosen Spuk und dem dräu- 
enden Gottesgerichte für schwere Sünde steht entgegen die stolze 
Erinnerung an den Glanz und die Herrlichkeil einer wirklichen Stadt, 
die nach allem nur jener Elementarkatastrophe zum Opfer fiel, welche 
seit Urzeiten die südlichen Gestade der Nord- und Ostsee ständig 
bedroht. 

Der Forschung über die alten Ostseeslaven steht dort am 
Meeresgrunde noch ein reiches Museum zur Verfügung ; so manche 
Schrift auf Erz und Stein dürfte dort zu lesen sein, die unser be- 
scheidenes oder angezweifeltes Wissen über jene Völker ergänzen 
könnte; aber wo ist jener slavische oder wirkliche Carnegie, der 
dieses einzigartige Museum suchen oder heben Hesse! 

M. Zun ko vic. 

19 



290 

Ein Heilmütel der Russen gegen das Hundswutgift. 

Auf Seite 211 des „Staroslovan" wurde ein dalmatinisches 
Arzneimittel gegen das Hundswutgift in Erinnerung gebracht. Diese 
Erwähnung rief in mir die Tatsache wach, dass mir einst ein deut- 
scher Garteningenieur in Russisch-Podolien eine Distelart zeigte, die 
man in Süd-Russland als häusliches Heilmittel gegen das Hundswut- 
gift anwendet. Es ist dies die Komposite Xanthium spinosum, 
ansonst Choleradistel genannt, die besonders in subtropischen 
Gegenden gedeiht. Sie soll erst im Dahre 1830 durch Kasakenpferde 
zugleich mit der Cholera in die Bukowina gebracht worden sein und 
sich von hier aus bis auf den Balkan verbreitet haben. Diese Ver- 
mutung scheint recht unglaubwürdig zu sein, denn den Samen kann 
auch ebensogut der Wind weiter befördern. Ob aber die Pflanze tat- 
sächlich irgendeine heilsame Wirkung gegen das Hundswutgift her- 
vorruft, weiss ich nicht und kann auch nicht angeben, welcher 
Pflanzenfeil diese Wirkung birgt oder in welcher Form das Heil- 
mittel angewendet werden soll. Immerhin wäre es aber angezeigt 
zu überprüfen, ob oder inwieweit der russische Volksglaube begrün- 
det ist, umsomehr als ja schon die Bezeichnung „Choleradistel" auf 
eine Verwertung als Hausarznei deutet. 

Ing. W. Steinz. 



Die kroatische Nationaltracht. 

Es ist an der Zeit wieder einmal den ziemlich weit verbreiteten 
Irrtum zu berichtigen, als ob die kroatische Nationaltracht ihrem Ur- 
sprünge nach eine magyarische wäre, denn tatsächlich ist sie nur 
eine jedem Kenner der slavischen Volkstrachten durch Klima, ver- 
fügbare Rohstoffe und subjektiven Schönheitssinn bewirkte Modifika- 
tion der allgemeinen altslavischen Trachten. 

Über die Bedeutung der Volkstrachten ist bereits sehr viel dia- 
metral geschrieben worden, denn während ihnen die einen (wie z. B. 
Rousseau) einen hohen volkspädagogischen Wert zusprachen, wollten 
andere in dem Festhalten, an der vererbten Nationaltracht ein be- 
wusstes Verharren in der Barbarei, ein Widerstreben gegen die 
gangbare Zivilisationsströmung bemerkt haben. Diesbezüglich ge- 
ben „Slavische Blätter" (1865, S. 35) folgende, gewiss allgemein über- 
zeugende Ansicht kund : „Eine solche Ansicht involviert ein Verken- 
nen des individuellen Volksgeistes, der ja der Schöpfer dieser Trachten 
ist, und den bedeutende Kulturhistoriker als ein wichtiges Moment 



291 

zur originellen Entwicklung eines Volkes erkannten. Man kann das 
Nalionalkostüm einen mächtigen Wecker und Walirer des nationalen 
Bewusstseins, ja des Patriotismus selbst nennen. Und was noch be- 
deutender ist: die gemeinsame Nationaltracht schliesst ein einigendes 
Band um sämtliche Angehe rge eines Volkes, welches auch, nebst 
anderen Ursachen, namentlich in Kroatien, jene Leichtigkeit des Um- 
ganges zwischen den höheren und niederen Klassen ermöglichte, die 
gar sehr die natürliche Härte der Leibeigenschaft minderte. In dieser 
treuen Bewahrung der ursprünglichen Volkstracht glauben wir auch 
den Grund dazu zu finden, dass in Kroatien und Slavonien niemals 
Kleiderordnungen, wie im westlichen Europa, die so auch äusserlich 
den Unterschied der Stände kennzeichnen sollten, erlassen werden 
m.ussten. Während anderwärts die schwere Ritterrüstung den Gebrauch 
der Volkstracht fast völlig verdrängle, war dies bei den Kroaten nie 
in ausgedehntem Masse der Fall. Auch ist es bekannt, dass der ge- 
feierte kroatische Held Nikolaus Subic-Zrinjski, als er in den ent- 
scheidenden Kampf zog, in weihevoller Stimmung, den Harnisch ver- 
schmähend, sich mit dem reichsten Nationalgewande schmückte, als 
ginge es zu einem Feste. Während im Mittelalter das spanische Ge- 
wand als Hoftracht die altdeutsche Kleidung verdrängte, bewahrten 
auch hierin die Kroaten ihre Eigentümlichkeit. 3a selbst die katho- 
lische Geistlichkeit, sonst der uniformste Stand der Welt, bediente 
sich in alter wie in neuer Zeit stets der Nationaltracht, und es mögen 
die Besucher der im Herbste 1864 in Agram abgehaltenen Industrie- 
ausstellung, unter denen sich Angehörige aller Nationen befanden, 
nicht wenig erstaunt gewesen sein, die ehrwürdigen Domherren des 
reichen Agramer Kapitels im Schnürrock und dem niedrigen landes- 
üblichen Hute einherschreiten zu sehen. - So also beurkunden in 
Kroatien und Slavonien Mann und Weib, Grundherr und Bauer, Staats- 
beamter und Geistlicher, Bürger und Gelehrter auch in ihrer äusseren 
Erscheinung jenes Gemeinschaftliche, das sie zu einem höheren Gan- 
zen, zur Nation verbindet." — 

Die Volkstrachten haben zweifellos auch sonstige Wertigkeiten. 
Vor allem zeigen sie meist einen sehr hohen kunstästhetischen Sinn, 
und können niemals zu der Superlativen Geschmacklosigkeit der 
modernen Mode führen, da sich bei der Tracht jede prinzipielle Ab- 
weichung unangenehm abhebt, d. h. jede Übertreibung in dieser oder 
jener Richtung stört empfindlich den Gesamteindruck, was eben der 
Volksgeschmack sehr gut weiss und fühlt; die Tracht bildet nur als 
harmonisches Ganzes den Schönheitseffekt. 

Weiters ist die Volkstracht zugleich ein sehr gewichtiges Mittel 
für die Charakterbildung eines Volkes, denn der in der Volkstracht 

19* 



292 

Umhergehende kann unmöglich ein Renegal oder Volksfeind sein; 
verachlei er aber seine Nation, so wird er die Tracht überhaupt nicht 
anlegen. Das Volkstum hat sich daher durch die Trachten eine ge- 
wisse äussere Exklusivität geschaffen, die trotz etlicher Nachteile 
doch den grossen Vorzug des innigen automalischen Zusammen- 
gehörigkeitsgefühles in bezug auf Sprache, Heimat und Nation in sich 
birgt; jeder der nicht so gekleidet ist, gilt hingegen als Fremder. 
Dass der Niedergang der Trachten auch zugleich das patriotische 
Fühlen und das Gefühl der Volkseinheit zugleich herabgedrückt und 
einer sehr nachteiligen politischen Uferlosigkeit Platz gemacht hat, 
wird gewiss jedermann zugeben, der Gelegenheit hatte die sozialen 
wie patriotischen Anschauungen eines Gebietes noch in beiden Pha- 
sen zu beobachten. Das allgemeine Hinarbeiten auf die Rehabilitierung 
der schönen, so erhebenden Volkstrachten wäre daher gerade heute, 
wo sich die Völkergruppen wieder sprachlich zu ralliieren beginnen, 
eine sehr dankbare volkserziehliche wie auch patriotische Aufgabe. 

Dr. A. Kovacic. 



Wissenschaftliche Fragen und Antworten. 

Hier werden ausschliesslich solche einlaufende Fragen veröffentlicht und fallweise 
beantwortet, die das Gepräge eines breiteren wissenschaftlichen Interesses tragen. 



Frage 17. — „Strava". — F. Z, (Laibach) fragt, welche Ety- 
mologie dem altslavischen Worte „strava", worunter man die Toten- 
feier, auch das Totenmahl zu verstehen pflegt, zugrunde liegt. 

Antwort. — Das Grundwort ist offenkundig „traviti", das im 
Russischen heute abweiden, fertigweiden, zu Ende gehen, 
abschliessen bedeutet. Das „s" ist das im Slavischen allgemeine 
Präfix für die Kennzeichnung einer länger währenden aber nun 
abgeschlossenen Handlung, wozu es Hunderle von sprach- 
lichen Belegen gibt, wie z. B. : „mluva" ( ^- das Gespräch) und „smlouva" 
( Vertrag, der Schlusserfolg der Besprechung); „mir" ( der Friede) 
und „smir" ( der Friedensschluss) ; „mreti" ( im Sterben liegen) 
und „smrl" ( der Lebensschluss, der Tod); „kryli" ( decken) und 
„skryli" ( verstecken, sich ganz unsichtbar machen) u. a. m. „Strava" 
ist daher ein urslavischer Begriff, der alle jene Handlungen abschlies- 
send zusammenfasst, die sich nach dem Tode einer Person in so- 
zialer, pietätlicher und materieller Richtung ergeben, also: Leichen- 
feier, Würdigung der persönlichen Verdienste, Erhaltung des Anden- 
kens, Testamentsvollstreckung, Erbfolge u. ä. — 



293 

Man nahm bisher allgemein an, dass „strava" lediglich das 
Toten mahl bedeutet, zumal es heute nurmehr die Bedeutung von 
Nahrung, Verpflegung hat, doch entspricht dies nicht der pri- 
mären Auffassung. In einer aus dem XIV. Jahrhunderte stammenden 
böhmischen Handschrift von Königgrätz heisst es bei der Schilderung 
der Kreuzigung Christi: „zvlckii s nclw vsc rucho na ziravu", d. h. 
sie zogen ihm alle Kleider aus als Nachlas s, denn es wird dann 
doch weiter erzählt, dass die Schergen nach dem Tode um diesen 
Nachlass würfelten. — Eine weitere Quelle (Skolien des Lactantius 
Placidus) führt aber auch noch die Form „traba", also ohne das Prä- 
fix (der vollendeten Handlung) an, ein Beweis, dass das Grundwort 
„traviti" eben richtig, die eigentliche Wurzel daher „trav" (nicht „strav") 
ist. Lactantius fungierte im Jahre 308 als Lehrer des Sohnes Kon- 
stantins d. Gr.; erst der im VI. Jahrhunderte lebende Geschichts- 
schreiber Jordanes (fälschlich „Jornandes") schreibt im Werke ,,De 
origine actibiisquc GetorunV- schon „slrava", womit jedoch nicht ge- 
sagt sein will, dass diese Wortform nicht früher auch schon im Ge- 
brauche war. 

Die Slaven gebrauchten sonst auch die Begriffe ,.pir, triziia, sed- 
mina'\ welche allerdings die Gedächtnismahlzeit nach der Beerdigung 
eines Toten speziell hervorheben, doch ist diese nur als ein Teil der 
„strava" anzusehen, denn jene Bewirtung gilt zugleich als Bezahlung 
für die verschiedenen dem Toten zuteil gewordenen Dienste (Kranken- 
pflege, Tragen der Leiche, Grabaushebung, Grabgesang u. ä.), für 
welche man auf dem Lande (z. B. bei den Slovenen) noch heute kein 
Geld annimmt. 

Wir Slaven nennen gerne den Nachruf nach einem Toten mit 
dem Fremdworte „Nekrolog" ; dieses ist aber ganz unnötig, da wir 
selbst im Begriffe „strava" eine eigene originelle und prägnantere 
Bezeichnung besitzen. Es wäre daher empfehlenswert sich fortan 
dieses altbekannten Ausdruckes zu bedienen, damit die eigenen Fach- 
ausdrücke zur Geltung kommen und nicht durch die Ignorierung in 
der Bedeutung abirren oder ganz in Vergessenheit geraten. — 

Frage 18. — Österreichische Forschung. — E.E. (Pa- 
ris) wünscht eine Aufklärung, weshalb heute in Österreich fast durch- 
wegs Private die wissenschaftliche, namentlich die den Altslavismus 
tangierende Forschung führen und aufrechthalten müssen ; wieso es 
kommt, dass nicht Akademien, die über reiche Studien- und Geld- 
mittel verfügen, die so interessante Runenforschung in die Hand 
nehmen ; dass es einen endlosen hundertjährigen Streit über den 
böhmischen Handschriftenwert geben könne usw., was in Frankreich 
undenkbar wäre. 



294 

Anfwor!. — Da wir als direkt Beleiligte vielleicht darauf doch 
keine objektive Antwort geben könnten, die Frage selbst aber auch 
sonst aktuell ist, legten wir die Beantwortung derselben einem Hoch- 
schulprofessor vor, und erhielten folgende Aufklärung : „Die Erschei- 
nung des Verfalles der wissenschaftlichen Vertiefung und des For- 
schungsernstes ist heute eine allgemeine, und macht Frankreich 
dabei kaum eine Ausnahme; dass aber dies gerade in Österreich 
fühlbar hervortritt, daran tragen unsere eigenartigen dissoziierenden 
Verhältnisse Schuld. Vor etwa 30 Oahren gehörten wir noch zu den 
führenden Mächten für Sprachen- und Völkerkunde ; unsere Gelehrten 
waren es, die in der Slavistik das entscheidende Wort sprachen; 
wir waren es, die weltumspannende geographische Forschung be- 
trieben. Seither haben wir selbst abdiziert. Die politischen Strömungen 
beeinflussen bereits seit langem die Wahl der Professoren; Nation 
und Parteistandpunkt gilt mehr, als Wissen und Können. Es sei hier 
nur jenes typische Beispiel angeführt, das vor kurzem infolge seiner 
Widrigkeit uns alle lähmte, als ein dreimal und allein vorgeschlagener 
Fachmann von Ruf als Professor für die Akademie der bildenden 
Künste in Wien nicht als geeignet anerkannt wurde, weil er in 
Laibach geboren ist und in Prag wirkt. Die besten Kräfte 
verlassen daher die so kleinlich gewordene Heimat, weil sie eine 
politisch infizierte Wissenschaft nicht billigen. Die Abschaffung der 
Kollegiengelder erstickte den restlichen Ehrgeiz in der wissenschaft- 
lichen Konkurrenz; die Unterrichtsverwaltung ist selbst ein Politikum, 
gelenkt von Parteileuten und Tagesströmungen ; auf die Lehrkanzeln 
werden selten mehr führende Geister berufen, die etwa schon durch 
glänzende Schriften oder erfolgreiche Privattätigkeit ihre Befähigung 
erbracht haben, sondern normale Mittelmässigkeiten, oft von Krethi 
und Plethi geschoben, und jederzeit bereit ihre Individualität dem 
persönlichen oder aktuellen Opportunismus zu opfern. Seit Dezennien 
sind auch alle Slavistenkanzeln ausschliesslich aus einer „Schule" be- 
setzt; das Monopol führt die Firma 3agic und hat diese ausschliess- 
liche Inzucht die hereditäre Folge, dass ein Neuerer oder Eklektiker 
überhaupt nicht mehr zu freiem Worte kommt, daher Wahres wie 
Falsches von Einst nur mehr grammophonartig mechanisch weiter 
abgeleiert wird. Um aber doch für alle Fälle Störefriede hintanzu- 
halten, sitzt in jeder Zeitungsredaktion ein Filialist dieser Firma, der 
dafür sorgt, dass neue Forschungsergebnisse, welche diese erstarrten 
Hypothesen aus dem Gleichgewichte bringen könnten, durch die Presse 
nicht in die Öffentlichkeit gelangen. So ist es auch erklärlich, wie 
die Gedankenträgheit der Menschen klug ausnützend — der finsterste 
Aberglauben mit polizeilicher Sicherheit und behaglicher Ruhe durch 



295 

ein Menschenalter als Wissenschaft ausgeschrotet werden konnte. 
Einen besonders fühlbaren Nachteil brachte der Slavistik auch 
die Gründung der böhmischen Universität im Jahre 1882 in Prag. 
Das Angebot der Lehrkräfte war damals gering, die Wahl dabei 
überdies vielfach eine unglückliche. Die in Böhmen doppelt akzen- 
tuierte Politik bekam rasch Eintritt in die Universität. Die Professoren 
der philosophischen Fakultät gründeten bald ein politisches Tagblatt 
(„Gas") für sich, ein Fall, der in Hochschulkreisen wohl einzig da- 
steht. Fast jeder Professor stand in irgendeinem politischen Lager; 
für wirkliche Wissenschaft oder tiefere Forschung blieb da wenig 
Zeit übrig, daher sich dort bisher auch nahezu keine hervorragende 
Fachspezialität entwickeln konnte. Eine solidere fachliche Durch- 
bildung fehlte oft noch ; die Politik verdarb Charakter wie Individua- 
lität. Um sich massgebendenorls beliebt und äusserlich bemerkbar 
zu machen, wurde das Tollste unternommen, was öffentlich zu 
sprechen gibt. Da wurden zuerst die ehrwürdigen böhmischen Hand- 
schriften als echt abgeschworen, die Vergangenheit der Slaven tun- 
lichst gelöscht; jeder wurde bis ins letzte Dorf verfolgt, ja zum 
Selbstmord gebracht (Dr. Pic), der zu widersprechen wagte; das Tag- 
blatt „Gas" unterstützte dabei die wissenschaftlichen Oustifizierungen ; 
die Jugend, die immer dem Radikalismus huldigt, rannte allem blind 
nach, ohne der Nachteile zu gedenken, die ihr beim Einzug soliderer 
Verhältnisse erwachsen müssen. Die Slavistik ward dabei zu einem 
regelrechten, wenn auch klug verschleierten — Aschenbrödel. Die 
Professoren traten gelegentlich auch in ein Wettrennen um Abgeord- 
netenmandate, um zwei Sinekuren zu geniessen; die Wissenschaft 
war ihnen somit niemals die Hauptsache. — Es ist daher nur ein 
Glück, dass die impulsive wie intuitive Geisteswissenschaft nun 
durch die Privatforschung auf einem neutralen und jungfräulichen 
Boden aus reinster Liebe zur Sache weitergeführt wird; böse wäre 
es, wenn alles untätig dastehen würde. — Diese Eindrücke muss 
jeder gewonnen haben, der in den letzten 20 bis 30 Jahren mitten 
in diesem chaotischen Milieu stand und seine Ansicht überhaupt frei 
aussprechen will; ich habe sie hiemit ausgesprochen." 

Wir haben dem nichts beizufügen als den ehrlichen Wunsch, 
man möge aus den bedenklich aufgehäuften Entgleisungen in der 
Pflege der Wissenschaft in Österreich endlich eine heilsame Lehre 
ziehen. 

Frage 19. — „Gy rill -Kreuze." — J. H. (Brunn) wirft die 
Frage auf, wieso es so viel „Gyrill-Kreuze" geben könne, denn sie 
können doch unmöglich alle mit dem Slavenapostel Gyrill im Zu- 
sammenhange stehen. 



296 

Antwort. — Dies ist aucli nicht der Fall. Es liegt liier eine 
falsche Volksetymologie vor. Das Wurzelwort ist „cer, cir", das be- 
reits Seite 8- 16 eingehend aufgeklärt wurde. Die „Cyrill-Kreuze" 
sind gleichfalls nichts weiter als Grenzsteine, nur hat das Volk 
nach Verlust des sprachlichen Verständnisses für den Wurzelbegriff 
eine posthume Erklärung gesucht und hiebet herausgefunden, hier 
habe vielleicht der hl. Cyrill auf seinen Missionsreisen gerastet oder 
gepredigt. Sie finden sich meist in Mähren, Schlesien und Süddeutsch- 
land vor. — Wer sich die Lokalität solcher Steine, die meist in 
Kreuzform zugehauen oder aber mit einem ausgemeisselten Kreuze 
versehen sind, näher besieht, wird immer finden, dass sie durch- 
wegs an Besitz-, namentlich Gemeindegrenzen, an Weggabelungen 
oder Kreuzwegen angebracht sind. Sollte dies heute irgendwo nicht 
zutreffen, so wäre weiter nachzuforschen, ob hier nicht in älterer 
Zeit die Grenze lief, da ja bei Kommassationen oder Parzellierungen 
von Gütern oft die Grenzen geändert wurden ; überdies hat sich bei 
wichtigeren Grenzverlegungen meist noch die lokale Bezeichnung 
„Alte Grenze, stare myto, starä meza" u. ä. erhalten. — Unsere 
Leser werden hiemit ersucht, die ihnen bekannten „Cyrill-Steine" in 
dieser Richtung zu überprüfen und uns mitzuteilen, ob oder inwie- 
weit unsere Etymologie irgendwo nicht zutrifft. 

Frage 20. — Von mehreren Seiten wurde angefragt, wie wir 
uns zu den höchst unwissenschaftlichen und persönlichen Ausfällen 
in Jagic' „Archiv für slavische Philologie" (Heft 1 und 2, Seite 300— 
302, 1913) gegen den „Staroslovan" verhalten. 

Antwort. — Wir haben ohnehin zu wenig Raum für ernste 
Aufsätze, können uns daher umso weniger mit Antworten auf derlei 
sophistische Ausfälle befassen. Damit aber unsere Leser doch etwas 
darüber wissen, sei das Wichtigste hervorgehoben. — Ein gewisser 
Erdmann Hanisch aus Beuthen zog mit einem Kübel Schmutzwasser 
aus, um den Mohren 3agic reinzuwaschen. Es handelt sich da um 
die „Schwayxtix"-Angelegenheit (siehe „Staroslovan" Seite 51—57) 
und die böhmischen Handschriften. Bekanntlich hat Professor Jagic 
im dahre 1880 eigens eine Reise nach Neu-Strelitz unternommen und 
„festgestellt", dass eine Statuette daselbst wirklich jene Aufschrift 
trage, auf welcher Basis er sodann die Rhetra-Altertümer (siehe „Sla- 
vische Runendenkmäler") gleich summarisch als unterschoben er- 
klärte und noch zufügte, die Fälschungen können nicht vor dem Jahre 
1737 geschehen sein. Ebenso beteiligte er sich seit dem Jahre 188G 
lebhaft an der Grablegung der genannten Handschriften. Es hat sich 
aber nun bei der wissenschaftlichen Revision herausgestellt, dass 



297 

auf jener Slaluelle nicht „Schwayxlix" sondern Jicjevajam tim" steht, 
und dass die als Fälschungen verdächtigten Handschriften echt sind. 
Statt dass nun Professor Dagic als Herausgeber und Redakteur des 
„Archiv" selbst mit der Erklärung herausgetreten wäre, er habe sich 
in beiden Fällen geirrt, er habe die Inschrift etwa bei schlechter Be- 
leuchtung gelesen, die Runen nicht genau gekannt, die Handschriften 
nie gesehen, erteilt er dem Herrn Hanisch die Vollmacht gegen uns 
gleich mit dem mobilen üalgen zu ziehen, weil wir so wenig 
Rücksicht und Takt besassen, die Wahrheit in dieser 
Sache offen auszusprechen. Er spricht da von: „Bedeutungs- 
losigkeit, wissenschaftlicher Naivität, ungezogener (!), törichter Über- 
hebung" u. ä., vergisst aber in der Eile vollkommen zu sagen, dass 
wir doch recht haben, und „überhebt" sich davon auch nur ein 
Argument gegen unsere Feststellungen anzuführen. Nach den Rechts- 
begriffen Hanisch' ist die Wissenschaft sonach kein Freigut mehr, 
und wenn Dagic einen Irrtum begeht, so haben darüber „bedeutungs- 
lose" Leute zu schweigen, oder aber, so wie er, dies durch qual- 
menden Weihrauch zu verhüllen. 

Die Wahrheit ist ein starker Trank, 
Und wer ihn braut, hat selben Dank! 

Die Angelegenheit mit den böhmischen Handschriften wird dahin 
zu beschönigen oder zu rechtfertigen versucht, dass Hanisch die 
rhetorische Frage aufwirft: „Sollte wirklich Herr Zunkovic wissen- 
schaftlich so harmlos sein, dass er glaubt, zur Untersuchung der 
Echtheitsfrage einer Urkunde (!) bedürfe es unbedingt des persön- 
lichen Augenscheins?" — Wir können diesem beneidenswert naiven 
„Archiv"-6elehrten nur offen bestätigen, dass wir, und wahrschein- 
lich die ganze Welt mi! uns, wirkhch so harmlos sind, dies zu glau- 
ben, und die persönliche paläographische Untersuchung des ange- 
zweifelten Objektes für das Wichtigste halten; ja, wir gehen noch 
weiter: wir erklären nach den gemachten Erfahrungen 
jeden für einen Charlatan, wer eine alte Handschrift 
als falsch erklärt, ohne sie je gesehen zu haben, denn 
seriöseLeute geben über etwas, was ihnen unbekannt 
ist, überhaupt kein Urteil ab. 

Es ist ein furchtbar lähmendes Gefühl sehen zu müssen, wie 
hier der Kritiker für die Gewissenlosigkeit in der Forschung offen 
und skrupellos eine Lanze bricht, und wie Professor Jagic einer 
solchen Frivolität obendrauf noch den Tugendmantel umhängt. — Die 
Grünberger wie Königinhofer Handschrift sind zweifellos echt, und 
wer sie gut angesehen oder gar studiert hat, wird sie auch nicht 



298 

anders als echt gefunden haben. Hai jedoch Professor 3agic (und 
sein Anhang) die Überzeugung von der Unechtheil, so beweise er 
dies, denn die bisher bekannten Bedenken sind bereits 
alle aufgeklärt und haben sich als hallloses Geschwätz 
oder als Produkt mangelhafter Forschungspflege er- 
wiesen. Wir fordern hiemit Professor üagic auf, seine Argumente 
darüber, dass jene Figur in Neu-Strelitz die Aufschrift „Schwayxtix" 
trägt, sowie namentlich für die Unechtheit der böhmischen Hand- 
schriften offen darzulegen; die Ansicht, dass wir zu „bedeutungslos" 
sind, genügt uns absolut nicht als „Beweis". Übrigens hatte die böh- 
mische Nation der Handschriften wegen durch Jahrzehnte fortgesetzt 
die Verbalinjurien: Fälscher, Schwindler, Diebe u. dgl. zu hören; es 
steht daher schon dafür, sichderMühezuunterziehen, 
dies überzeugend zu begründen, oder aber den ge- 
machten Fehler zu widerrufen. 

Zum Schlüsse sei noch eine bedenkliche moralische Entgleisung 
des Kritikers hervorgehoben, um die Kampfesweise und wissen- 
schaftliche Akribie des Herrn Hanisch gegen uns nur flüchtig zu 
skizzieren. Er will die prinzipielle Gegnerschaft gegen die 
„Berufswissenschaft" in unserem Arbeitsprogramme entdeckt haben. 
Diese niedrige Verhetzungstaktik unter Zulegung einor handgreiflichen 
Unwahrheit desavouiert sich selbst. Hanisch hat zwar fleissig Stellen 
aus unserem Programmartikel (Seite 1 — 7) zitiert, kennt also den 
Inhalt zweifellos, hat aber folgenden Passus darin „übersehen" : 
„Wir wollen daher sowohl mit den Gelehrlengeseilschaften einerseits, 
wie mit den breitesten Bildungsschichlen des Volkes andererseits in 
steter, inniger Fühlung bleiben und, unentwegt und unbekümmert um 
Sympathie oder Hass, nur zum besten der guten Sache arbeiten." — 
Relativ hat Herr Hanisch allerdings recht: eine solche, aber nur 
solche „Berufswissenschaft", die nur ehrlich arbeitende Leute ver- 
leumdat, sich aber in jenem Momente, als Beweise vorzubringen oder 
gemachte Fehler einzubekennen sind, mit souveränem PatentdünkeJ 
schimpfend seitwärts in die Büsche schlägt, werden wir bekämpfen, 
so oft sie uns in die Quere kommt. 

Wir verkehren aber tatsächlich mit vielen Forschern von Beruf 
und Gelehrtengesellschaften der Welt; die Qualität des Inhaltes unserer 
Revue wird wahrscheinlich auch niemandem den Gedanken einflössen, 
als würde uns gelegentlich der berüchtigte „Septimaner" beispringen; 
eine wissenschaftliche Verbindung mit Herrn „Erdmann Hanisch aus 
Beuthen" lehnen wir freilich für alle Zeiten dankend ab. 



299 



Bibliographie. 



Alle einlangenden Werke werden grundsätzlich mit Titel, Verlag und Preis an- 
geführt; jene, welche altslavische Themata berühren, auch kurz besprochen, even- 
tuell noch später eingehender gewürdigt. — Unaufgefordert zugesendete Werke 
werden nicht zurückgestellt. 



Qriiden ö. 3)r., 2>godovina slovenskega naroda. — 

( „Geschichte des slovenischen Volkes.") -- Klagenjurt. Herausgegeben 
vom St. Hermagoras- Vereine. — (Im Erscheinen./ 

Die „Druzba sv. Mohora" (St. Hermagoras-Verein) hat sich im 
Interesse ihrer Mitglieder zur Herausgabe des obigen Werkes ent- 
schlossen und erschien hievon heuer schon das 3. Heft (Beginn der 
Neuzeit). Da bisher keine zusammenfassende und übersichtliche Ge- 
schichte des slovenischen Volkes existierte, war der Verfasser vor ein 
besonders schwieriges Problem gestellt, zumal die Slovenen in histo- 
rischer Zeit eigentlich nie — es wäre denn, dass man die kurze 
Zeit des napoleonischen lllyrien dazu rechnen würde — staatlich ge- 
einigt waren. Trotzdem hat der Verfasser seine Aufgabe muster- 
gültig gelöst. Die volkstümlich gehaltene, daher sprachlich so an- 
heimelnde Darstellung, sowie die reiche Illustrierung reihen sich 
würdig an die wissenschaftlich hochwertige Sammlung und Behand- 
lung des ungewöhnlich zerstreuten Stoffes an. Dem Verfasser ge- 
bührt ein rückhaltsloses Lob hiefür, wie er das widerspenstige 
Ouellenmaterial behandelte und an die Volkspsyche so meisterhaft 
anpasste, denn es ist sehr zu bezweifeln, ob diese beiden Stand- 
punkte ein Zweiter in so harmonische Relation gebracht hätte. 

Wir müssen aber auch ernstlich eine Unzukömmlichkeit hervor- 
heben, welche allerdings die heutigen verworrenen Verhältnisse in 
der Geschichtsforschung verschuldet haben, die aber durch die Aus- 
gabe eines Ersatzbogens wieder leicht beseitigt werden kann. Der 
Verfasser schreibt nämlich Seite 9, dass wohl schon der Dichter 
Vodnik überzeugt war, die Slovenen seien durchaus keine Einwan- 
derer, sondern ein Urvolk in ihren heutigen Gebieten, „nichtsdesto- 
weniger bezeugen die Geschichtsquellen in unzweifelhafter (!) Weise, 
dass die Einwanderung der Slovenen in die heutigen Gebiete erst 
mit dem VI. nachchristlichen Oahrhunderte begonnen habe, dass die 
früher Ansässigen besiegt wurden, die sodann teils auswanderten, 
teils sich mit den Slovenen assimilierten." — Wir wissen wohl, dass 
dieser Satz mindestens schon vor fünf Oahren niedergeschrieben war, 
also zu einer Zeit, als die Flamme der revolutionären Bewegung 



300 

vom Aufochlhonismus der Slaven noch nicht so offen züngelte ; heute 
würde der Verfasser diesen Satz, der nur mechanisch die angelernten 
Schulhypothesen wiedergibt, sicher nicht mehr geschrieben haben, da 
es tatsächlich „unzweifelhafte" Beweise nicht gibt. 

Sehr am Platze ist auch die Verwahrung der Vereinsleitung 
(Seite 211 im „Koledar") gegen die Vorwürfe, dass das Volk eine 
solche Geschichte nicht erfassen könne, indem sie offen erklärt: 
„Man halte das Volk nicht forlgesetzt für so verschlagen und begriffs- 
stutzig, als ob ihm die Aufnahmsfähigkeit für historische Begeben- 
heiten gänzlich mangeln würde!" — Alles, was verständlich ge- 
schrieben ist, versteht der natürlich denkende Mensch auch; unver- 
ständlich sind jene Bücher, die unverständlich geschrieben sind, und 
dieses ist hier absolut nicht der Fall. Wäre man aber dies irgendwo 
zu behaupten berechtigt, so kann hiebet das slovenische Volk gar 
nicht einbezogen werden, denn gerade hier muss selbst der Feind 
neidlos zugeben, dass es die „Druzba sv. Mohora" selbst war, die 
das Volk für diese geistige Kapazität systematisch vorerzog, und 
wer den Sinn für Objektivität nicht völlig eingebüsst hat, der muss 
zugeben, dass sich ähnlicher kulturpädagogischer Segnungen durch 
einen Verein kein Volk der Welt rühmen kann, wie gerade das 
slovenische. 

Der Verein, im 3ahre 1852 vom Fürstbischof Slomsek gegründet, 
hat sich nämlich ungeheure Verdienste für den Fortschritt des slo- 
venischen Volkes erworben, denn er arbeitete schon auf breiter 
Basis an der Hebung des Bildungsniveaus des Landvolkes, als sich 
andere grosse Nationen um die geistige Weckung des Gros kaum 
noch rührten, oder sich diesen Verein erst zum Vorbilde nahmen. 
Eine Nation von 1*3 Millionen Köpfen aber, die seit 61 Oahren einen 
Verein besitzt, welcher nahezu buchstäblich jedes slovenische Haus 
zum Mitgliede zählt, und seinen 80.00 Mitgliedern jährlich ^ o Million 
populär geschriebener Bücher einhändigt, steht heute einzig da. — 
In letzter Zeit haben sich allerdings gewisse Elemente gefunden, die 
alles gute Alte zertrümmern wollen, ohne auch nur einen brauch- 
baren Stein zum Neubaue zuzutragen, daher auch gegen diesen Ver- 
ein unberechtigte Ausfälle unternommen haben. Ob ihnen dies die 
pathologische Nörgelei, das mangelnde patriotische Gefühl oder die 
versteckte Tendenz, sich auf diese Weise den Jahresbeitrag (2 K) 
zu ersparen, diktiert, ist nebensächlich, denn dieser Verein ist be- 
reits mit dem slovenischen Volke so organisch verwachsen, dass 
man sich letzteres ohne diesen Verein heute nicht recht vorstellen 
kann. Der Verein stehe fest, wie der Fels im Meere, wie bisher, 
und biete, a II e rdin g s den Wandlungen des Zeitgeistes 



301 

voll Rechnung tragend, unentwegt und weiterhin dem Volke 
jene geistige Nahrung, die dasselbe kulturell und wirtschaftlich höher- 
bringt. Der Abfall der Volksfeinde bedeutet abar gerade eine Reini- 
gung, denn in jedem Volke fällt, um das fremde Feld zu düngen, 
nur ab der nationale — Mist. 

0. Simonie. 

Epilog und Prolog. 

Der I. Jahrgang des „Staroslovan" ist nun geschlossen. Wir 
haben hiemit unser eingangs dargelegtes Versprechen — sei dies 
hier freudig und stolz hervorgehoben — sogar mit einem ungeahnten 
Kraftüberschusse an originellem Wissen und unbeeinflusster Beobach- 
tung, daher zum grossen Teile völlig neuem Forschungsmateriale 
eingelöst und hiebet, wenn oft auch nur flüchtig, gezeigt, dass es auf 
jedem Gebiete des menschengeschichtlichen Wissens Stationen gibt, 
die der Slave nicht weiter teilnahmslos passieren darf. 

Wie notwendig unsere Revue war, hat sich im Laufe des Oahres 
mit steigender Drastik gezeigt. Die grosse Slavenwelt weiss 
von ihrer wahren Vergangenheit im grossen so gut 
wie nichts, und jenen Kreisen, die sievorallem kennen 
sollen, fehlt als Vorbedingung zu dieser Kenntnis die 
natürliche Klarheit über die elementarsten Grund- 
sätze. 

An dieser Wahrnehmung lässt sich leider nicht ein Wort än- 
dern. Der Vorwurf gilt übrigens nicht dem Einzelnen, sondern der 
Gesamtheit, denn die kleinliche sprachliche Eifersucht, dann die gei- 
stige, politische wie soziale Geschiedenheit der einzelnen Slaven- 
völker, die aus der Parabel von den zerbrochenen Stäben Svatopluks 
niemals eine Lehre ziehen wollten, haben den slavischen Völker- 
gruppen bisher kein zusammenhängendes Bild der gemeinsamen 
grossen Vergangenheit zu geben vermocht. 

Welche wunderbaren Kraftquellen des latenten Selbstbewusst- 
seins, des berechtigten Stolzes und erhöhten Kulturstrebens wurden 
aber damit den slavischen Völkern durch so lange Zeit vorenthalten! 
Und trotzdem wir von diesen bewusst wie unbewusst verstopften 
Quellen in der kurzen Spanne Zeit erst etliche Tropfen ans Licht ge- 
bracht, so geht doch schon ein staunendes Aufhorchen, ein fort- 
schreitender Meinungswechsel, eine tiefgehende Wandlung fühlbar 
vor sich ; und was bringt erst die Zukunft an den Tag, denn ein 
gutes Drittel unserer Geschichte ruht noch nahezu unberührt oder un- 



302 

erkannt in der Erde, ein Drittel verbirgt sicli unverstanden in den 
Getieimnissen der Spraclie, und jenes Dritlei, das wir bei natürlicher 
Gedankenfolge leicht verstehen könnten, hat eine verblendete Wissen- 
schaft gewaltsam unserer Betrachtung entrückt oder von oben nach 
unten gekehrt. 

Nur so konnte es kommen, dass schliesslich alles auf einem 
toten Punkte erstarrte, statt sich an dem allgemeinen Fackellaufe im 
grossen Kulturwettstreite zu beteiligen. Wir arbeiteten zwar genau 
so mit, wie andere, aber unsere Werke erhielten eine fremde Marke 
und unsere grossen Männer einen gefälschten Taufschein ; steht doch 
des grossen Polen Kopernik Büste heute in der deutschen Wallhalla ; 
Komensky wurde zu einem Deutschen, Vega zu einem Spanier zu 
machen versucht; Held Zrinjski wurde von den Magyaren nostri- 
fiziert usw. Statt daher unseren reellen Anteil an der Kultur und dem 
Gange der Geschichte energisch die billige Anerkennung im offenen 
Kampfe zu erzwingen, warfen wir die Flinte ins Korn und zogen 
uns schmollend in die stille Ecke zurück, in der Hoffnung auf ein 
Wunder oder auf selbsteinkehrende bessere Zeiten. 

Wir Hessen es auch apathisch dazu kommen, dass so viele 
irrtümliche Antizipationen aus den Frühstadien der Forschung in das 
Volksbewusstsein übergingen und geradezu zu verwirrenden Axiomen 
wurden, weil wir uns dagegen nicht mit Geisteswaffen stellten. 
Würden wir zeitgerecht aufgetreten sein, so wären nicht so viele 
Männer von reiner wissenschaftlicher Ehrlichkeit auf Abwege ge- 
raten ; noch weniger wäre das furchtbare Überwuchern jenes wissen- 
schaftlichen Charlatanismus möglich gewesen, welcher die herrschende 
Apathie voll auszumünzen verstand, und dem heutigen nationalen 
Antagonismus fortgesetzt neue vergiftende Nahrung zuführte. 

Doch auch alle reelle Wissenschaft bewegt sich normal im 
Schlepptau des Gewohnten; sie wird erst aktiv, wenn das Gewohnte 
ausbleibt, und zugleich die Anpassungsfähigkeit vorhanden ist, neue 
Reflexe aufzunehmen. Solche uralte, fest verankerte Irrtümer aus der 
bedenklichen Erbschaft des Gewohnten haben wir hier zu beseitigen 
begonnen; das beste Mass für den Wert und Erfolg dieser tief- 
gründigen Überprüfung ist die Menge und Bedeutung der dadurch 
verzehrten Irrtümer; und diese ist schon heute eine impo- 
nierende. 

Das neue Jahr soll daher an unserem Revue -Programme 
nichfs Wesentliches ändern, umsomehr, als das Räderwerk der in 
Gang gesetzten Maschine erstaunlich tadellos funktioniert. 



303 

Betreffs des Erscheinens der Bibliothek „Staroslovan" lassen 
sich hingegen Termine schwer voransagen, da konstant neue Impulse 
einwirken und neue Forschungserscheinungen das Einbeziehen heischen. 
Zur allgemeinen Orientierung unserer Mitglieder diene jedoch fol- 
gendes: ■•' ■■ 

BAND I: „5 lavische Runendenkmäler" erscheint weiter 
als Beilage zu den einzelnen Heften und dürfte im Jahre 1914 bereits 
seinen Abschluss finden ; 

BAND II : „Etyniolo gisches Ortsnamen lex ik on" liegt 
bereits im Manuskripte druckreif vor; 

BAND III: „Altslavische Handschriften".— Dies soll 
eine literatur- wie sprachgeschichtlich hochstehende Gesamtausgabe 
der ältesten handschriftlichen Denkmäler aller Slaven werden, die 
doch bis heute fehlt. Von jeder Handschrift wird das Faksimile, die 
moderne Transkription, die Kommentierung und Verdeutschung nebst 
der geschichtlichen wie literarischen Würdigung geboten. Ist sie ein 
Palimpsest, so wird der gelöschte Text, so weit er lesbar oder in- 
haltlich bemerkenswert ist, gleichfalls in Wort und Bild beigegeben. 
Jede Handschrift soll zwar für sich als Monographie abgeschlossen, 
jedoch buchmässig so gestaltet erscheinen, dass sie sich nach einem 
bestimmten Plane seinerzeit auf ihren zukommenden Platz einreihen 
lässt. Das projektierte Werk, das selbstredend mehrere Bänue mit 
kostspieligen Illustrationen enthalten wird, teilt sich in grossem in 
die schöngeistige, religiöse, geschichtliche, juridische und in die 
Glossenliteraturgruppe. Die Reihenfolge der Ausgabe erfolgt selbst- 
redend nach der failweisen Erreichbarkeit der Originalhandschrift 
sowie nach der wissenschaftlich allseiligen Aufarbeitung; mehrere 
Besitzer von derlei Manuskripten haben bereits die Bewilligung für 
das Studium und die künstliche Vervielfältigung derselben erteilt. 

BAND IV: „A 1 1 s 1 a vi s ch e Ornamentik" liegt in der 
Hauptsache fertig vor. Dieses Werk soll die Entwicklung der Linien- 
führung, wie sie an den keramischen Objekten slavischer Prove- 
nienz aus der Vorzeit in der Erde vorgefunden wurde, vom Urzu- 
stände des ornamentalen Schmuckes bis zur höchsten figuralen Voll- 
endung systematisch darlegen und demnach eine Art Urgeschichte 
der Zeichenkunst bieten. Diese Publikation dürfte nicht nur für die 
vergleichende Archäologie zu einer willkommenen Materialübersicht 
nach Kulturforlschritt und Fundort werden, sondern auch für die 
niederen Schulen einen natürlich methodischen Unterrichlsbehelf ab- 
geben. 



804 

BAND V: „Alt 5 1 a v i 5 ch e s Sprachlexikon". — Hiezu 
wird das Materiale bereits gesammell; mit der Ausgabe kann jedoch 
erst dann begonnen werden, bis alle alten Sprachquellen in dieser 
Richtung durchforscht sind, was allerdings nicht so leicht ist, da eine 
Hauptquelle hiefür, die Etymologie der Wurzelbegriffe der topischen 
Namen, bisher als slavisches Sprachgut zu v/enig beachtet wurde, 
jedoch durch die Herausgabe des als Band II bezeichneten Lexikons 
teilweise behoben zu werden verspricht. 

Unvergleichlich leichter als die Privatforschunq könnten allerdings 
die Akademien solche für den Fortschritt in der Sprachwissenschaft, 
Geschichte, Archäologie und Kulturgeschichte grundlegende Werke 
zustande bringen, doch ist bei den heutigen Verhältnissen im öffent- 
lichen Forschungsbetriebe, wo sich die slavische Berufswissenschaft 
selbst in erster Linie gegen unsere edlen und opferreichen Bestre- 
bungen gestellt hat, nicht daran zu denken. Doch trifft dies, wenn 
auch bei erhöhtem Reibungskoeffizienten, die private Forschung ge- 
nau so, nur setzt die kostspielige Herstellung solcher monumentaler 
Werke ohne Staats- oder Fondsmittel zugleich die Erledigung der 
Verbreitungsfrage voraus, denn alle Arbeit, Mühe und Opfer ver- 
fehlen ihren idealen Zweck wie ihre hohe Kulturmission, wenn die 
Saat nur auf ein kleines Feld ausgestreut werden kann. Sache aller 
Gebildeten, die das Gefühl für echten Fortschritt in der Wissenschaft 
und den Durchbruch der reinen Wahrheit in der Forschung im Herzen 
tragen, ist es daher, diese volksaufklärende wie auch die nationalen 
Gegensätze nivellierende Lehre in jeder Art zu fördern, denn so- 
lange nicht die erfo rderl iche Minimalzahl von stän- 
digen Mitgliedern und Interessenten sichergestellt 
ist, kann von einer erfolgreichen Umsetzung unserer 
realen Pläne in die kulturelle Tat keine ernste Rede 
sein, da unsere Bibliothekswerke bei einer kleinen 
Auflage, obschon niemand dabei einen Gewinn sucht, 
für die Minderbemittelten, d. i. das H auptkon tigent 
der Intelligenz, noch immer zu kostspielig, daher 
schwer erreichbar sind. 

Möge diese Einsicht in Bälde eine allgemeine werden ! 

»Slaroslovan.« 



PROVISORISCHES TITELBLATT. 

BIBLIOTHEK »STAROSLOVAN« 

BAND I. 



SLAVISCHE 
RUNENDENKMÄLER 



VON 



MARTIN ZUNKOVIC. 



MIT ZAHLREICHEN TAFELN UND TEXTILLUSTRATIONEN. 




KREM5IER, 1913. 

DRUCK U\D VKRLAG VON H. SLOVAK IX KREMSIER. 



Nachdruck und Übersetzungsrecht vorbehalten. 



BIBLIOTHEK »5TAR05L0VAN« 



I. BAND. 



Slauische 
Runen-Denkmäler. 




KREMSIER 1915. 

DRUCK U\D VERLAG VOX HEINRICH SLOVÄK IN' KRP:MSIER. 
IN KOMMISSION HEI OSWALD WEIGEL, LEIPZIG, KÖNIGSTRASSE h 



SLAVISCHE 
RUNEN-DENKMÄLER 



VON 



MARTIN ZUNKOVIC, 

k. u. k. Major d. R. 



MIT 3 5CHRIFTTAFELN UND 102 TEXTILLUSTRATIONEN. 



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▼ 



KREMSIER 1915. 

DRUCK UXD VERLAG VO\ HEINRICH SLOVÄK IN KRKMSIER. 
IN KOMMISSION IJKI OSWALD WEIGEL, LEIPZIG, KÖNIGSTRASSE 1, 



Nachdruck und Überselzungsrechl vorbehalten. 



INHALT. 

Seite 

Vorwort VII 

Einführung in die Runenkundc 1 

1. Wendische Runendenkmäler 13 

Allgemeines 15 

a) Die vvendisch-hcidnischen Devotionalien ... 17 

b) Die wendisch-heidnischen Grab-Amulette . , 46 

c) Die Urnensteine von Mecklenburg 53 

Die Wegweiser von Mikorzyn 60 

Der Tonkopf von Pommern ... .... 63 

Münzen 64 

Schmuckobjekte 72 

II. Slovakische Runendenkmäler 77 

Allgemeines 79 

Die Felsinschrift auf dem Velestur 79 

Die Steininschrift auf dem Smrcnik ... 82 

Ein gefälschtes Runendenkmal 84 

ni. Etrurischc Runendenkmäler 87 

Allgemeines 89 

Der Sarkophag von Perugia 97 

Der Grenzstein von Rocchetta 98 

»Muzina«-Spiegel 98 

»Muzina« -Figur 100 

»Losna« . 101 

Urne mit der Aufschrift »Lacnemi'^< 101 

Melali schalen mit Inschriften 101 

Kameen 107 

Der Grenzstein von Monte Pore 107 

Das Mumienband in Zagreb , , 109 



\ll 



Vorwort. 



Das vorliegende Werk, das als heftweise Beilage der wissen- 
schaftlichen Revue „Staroslovan" in den Jahrgängen 1913 und 19U 
erschien, ist hiemit abgeschlossen. Die ernste Absicht des Verfassers, 
noch den etrurischen Runendenkmälern eine breitere Behandlung zu- 
teilwerden zu lassen, wurde durch den Kriegsausbruch unmöglich 
gemacht, daher auch schon das letzte Forschungsobjekt des Buches, 
das „Mumienband in Zagreb" nicht mehr erschöpfend behandelt wer- 
den konnte. 

Nichtsdestoweniger zeigt aber das Gebotene, dass hier sozu- 
sagen mit dem Dampfpfluge ein grosses, die Sprach- und Kulturver- 
hältnisse geschichtlich dunkler Zeiten ausserordentlich klärendes Wis- 
sensgebiet, das bisher als ein vollkommen steriles Phantasieland 
galt, plötzlich tief aufgeackert und dessen enorme Fruchtbarkeit er- 
wiesen wurde. 

Das Thema „Slavische Runendenkmäler" bedeutet daher das 
plötzliche Aufkeimen eines völlig neuen Wissenszweiges, denn dass 
es konkrete Belege für eine slavische Literatur in Runenschrift, und 
noch dazu in so überwältigender Vielseitigkeit gibt, damit wollte sich 
bisher schon deshalb niemand befassen, weil allzuviel Schlagbäume 
davor niedergelassen waren. Der Verfasser mussle daher vor allem 
auch beweiskräftig die irrlichternde Völkerwanderungshypothese ver- 
nichten, um den Auslauf für die Forschungstätigkeit auf diesem Ge- 
biete bis in die graue Unendlichkeit unserer Vorgeschichte bahnfrei 
zu gestalten. Mit dem landläufigen und gedankenlos nachgesproche- 
nen Hinweise, es seien dies alles gutgelungene Falsa, lässt sich da- 
her nicht weiter spiegelfechten, denn jede Fälschung setzt ein Origi- 
nal voraus, und wir sind zweifellos und nicht vereinzelt auch schon 
in jene Zonen gedrungen, wo die echten Vorlagen offen aufliegen. 






\'lll 



Sollten es die Lebensschicksale dem Verfasser möglich machen, 
sich in dieses Forschungsgebiet späterhin nochmals verhefen zu 
können so dürfte dieses Werk noch eine wesentliche Inhaltsberei- 
cherung erfahren ; treten jedoch dies ausscWiessende Verhältmsse 
ein so mögen andere an dem abgerissenen Faden weiterspmnen ; 
der schwierigste Teil der Arbeit liegt aber für jeden Fall hier schon 
bewältigt vor. — 

Sfandorf der 3. opcr. Armee im tebruar 1915. 



Der Verfasser. 



Einführung in die Runenkunde. 

Es hat bis nun selten etwas darüber verlautet, daß es über- 
haupt slavische Runendenkmäler gäbe, denn Kollär wurde mit 
seinen Entdeckungen slavisch-italischer Runenschriften allgemein ab- 
gewiesen und verlacht, und die wendischen wie slovakischen Zeug- 
nisse dieser Richtung wurden, um mit diesem Thema die bereits 
festgelegten wissenschaftlichen Hypothesen nicht zu belasten oder 
gar zu irritieren, nach alter Gewohnheit kurzweg als gefälscht und 
unterschoben erklärt, umsomehr, als man dazu nie eingeführt wurde, 
den Slaven eine besondere Kultur in älterer Zeit zuzubilligen. Schrieb 
man doch ständig die Phrase weiter ab, als ob die Slaven „vom 
Eichelnfraß und tierischen Gehaben" erst in der historischen Kultur- 
zeit in gesittete Verhältnisse übergegangen wären! Daß aber dem 
durchaus nicht so ist und so nicht gewesen sein konnte, läßt sich 
aus zahlreichen Umständen, namentlich aber aus alten Schriftdenk- 
mälern logisch wie demonstrativ nachweisen. 

Man beachte vor allem die Leichtigkeit, mit welcher die Slaven 
einer fremden Sprache unterliegen, v/eil sie sich sprachlich leicht 
akkomodieren. So ist es wohl verständlich, wieso unter den ver- 
schiedenen slavischen Gruppen die Deutschen, Magyaren, Italiener, 
Osmanen dort die Hegemonie an sich gerissen haben konnten, wo 
sie selbst noch heute in Minorität sind. Aber so muß es da oder 
dort schon im Altertume gewesen sein, denn die Gemeinsprache der 
Völker in Mitteleuropa vor einer höheren, sprachlich, staatlich und 
sozial differenzierten Kulturstufe war wohl die slavische, denn es 
ist unter der unleugbaren Weichheit und Anpassungsfähigkeit der 
Slaven geradezu undenkbar, daß sie Europa je bevölkert hätten, 
wenn sie sich erst von einem kleinen Kerne im fremdsprachigen 
Milieu aus entwickelt hätten ; ja, im Gegenteile, wir können doch der 
Geschichte wie auch den täglichen Vorgängen untrüglich entnehmen, 

1- 



I 



daß aus dem unerschöpflichen slavischen Popula- 
tionsüberschusse alle benachbarten Völker in Eu- 
ropa sei t ahrhun derten ihre B e vö 1 kerung szi ff er un- 
unterbrochen ergänzen und — nie umgekehrt. 

Es kann daher nicht anders sein, als daß einst ein großer 
slavischer Block den massiven Grundstock an landessichernder, land- 
wirtschaftlicher, gewerblicher und industrieller Bevölkerung bildete, 
der aber oft das Selbstbewußtsein und das Vertrauen in die eigene 
Kraft fehlte, sie sich daher, genau so wie mitunter noch heute, infolge 
steler kleinlicher Eifersüchteleien und mangelhaften Gefühles der 
Zusammengehörigkeit, vom Diener zum Herrn nicht überall empor- 
schwingen oder als Herr nicht dauernd behaupten konnte. Soziale 
Ober- und Unterströmungen, Mangel an politischer Klugheit und Einig- 
keit, wirtschaftliche wie kulturelle Zurücksetzungen, falsche Statistik 
u, drgl. sind es daher, welche heute das Mißverhältnis zwischen 
Zahl und Macht begründen, und kann dies bei dem gewiß berech- 
tigten Schlüsse die Gegenwart der Verg?mgenheit zu applizieren, auch 
einst nicht anders gewesen sein. — Aus mehr oder minder verläß- 
lichen Quellen weiß man sogar, daß schon die Römer, Griechen, 
Perser, Spanier aus der vorgefundenen einheimischen Bevölkerung 
ihre Heeresmacht ergänzten ; so hatte z. B. Xerxes die „mozi" vom 
Pontus Euxinus, also Russen in seinem Heere. 

Da aber der Name „Slave" in der ältesten Geschichte oder 
Geographie nicht vorkommt, schließt die Wissenschaft die Existenz 
der Slaven in jener Zeit a priori aus. Dabei ist immer der grundfalsche 
Schluß maßgebend: der Schriftsteller A sagt, hier wohnte dieses Volk, 
der B nennt an derselben Stelle ein anderes; der C bringt einen 
dritten Namen und darauf wird der eitle Trugschluß und verschobene 
Plan einer Phantasievölkerwanderung aufgebaut, ohne zu bedenken, 
daß die Verhältnisse dermalen die gleichen sind, denn wenn ver- 
schiedene Schriftsteller heute : Böhme, Ceche, Mährer, Hanake, Slo- 
vake und ähnlich schreiben, so können dies ethnographisch immer 
die gleichen Begriffe sein. In dieser Außerachtlassung des Verglei- 
ches liegt die Wurzel aller Unstimmigkeiten und Unverständlichkeiten 
der älteren Phase der Völkergeschichte : dieVolksnamen wech- 
seln, die Sprache wechselt, aber das Volk bleibt in 
Hinsicht auf die Rasse im großen dasselbe. 

Es ist daher ganz falsch heute z. B. von Germanen als einer 
eigenen Rasse oder spezifischer Sprache zu sprechen, wo doch nur 
von einer sprachlichen Umwertung derselben die Rede sein kann. 
Weiß man z. B., daß die heutigen Preußen nur germanisierte Wendo- 



Slaven sind, da die Diffusion erst vor wenigen Jahrhunderten endete, 
so ist es folgerichtig und selbstverständlich, daß auch die ältesten 
Kullur- und Schriftfunde daselbst von Slaven stammen und den. Cha- 
rakter der Sprache und Eigenart derselben tragen müssen; ja, sie 
wären gerade dann verdächtig, wenn dies nicht der Fall wäre. — 
Es fiel bisher auch noch niemandem ein babylonische, hebräische 
oder chinesische Kulturfunde nicht den Babyloniern, Hebräern oder 
Chinesen zuzuschreiben, nur bei den Slaven wird sonderbarerweise 
immer eine Ausnahme gemacht, weil der überzeugende Nachdruck 
seitens der Wissenschaft hiebet normal versagt. 

Einen rein pathologischen Charakter hat daher auch die em- 
pirische Feststellung, daß in der Regel keine Runenschrift so lange 
als verdächtig angesehen wird, als sie nicht sprachlich gedeutet er- 
scheint; erst in jenem Momente, als das dunkle Mysterium fällt und 
deren slavisch - sprachliche Provenienz erkannt wird, beginnt man 
grundsätzlich die natürliche Herkunft derselben anzuzweifeln oder 
sie gleich als Fälschung zu proskribieren. 

Einer ähnlichen Auffassung oder Fehlerquelle entspringt auch 
unsere Verwunderung, daß unter der Unzahl von Schriftdenkmälern 
allitalischer Heimat an 7009 solcher anzutreffen sind, die keine latei- 
nischen Schriftzeichen aufweisen, oder wenn ja, keine lateinische 
Interpretation zulassen. Es sind dies die Münzen, Grabsteine, die 
Kultus- und Gebrauchsgegenstände der Bauern, Gewerbetreibenden, 
Industriellen u. ä. an den verschiedensten Orten aus einer Zeit, als 
die Stammbewohner selbst wohl in Majorität, aber nicht zugleich die 
Regierenden waren. Ähnliche Verhältnisse finden wir ebenso noch 
heute genug. In Österreich-Ungarn ist die Regierungssprache deutsch 
bezw. magyarisch, obschon die Slaven nummerisch in Majorität sind, 
ja die militärische Dienstsprache ist in beiden Gebieten die deutsche ; 
nichtsdestoweniger sind aber z. B. die 'Grabschriften in allen gang- 
baren Sprachen des Reiches gehalten und wird es einer, selbstredend 
humanen Behörde nicht beifallen, dies etwa zu verbieten. — Es 
scheint daher, daß die Römer alle Stammbewohner Italiens niemals 
zur Gänze latinisiert haben konnten, was sehr wahrscheinlich klingt, 
da sich bekanntermaßen die Römer das gewaltsame Aufdrängen ihrer 
Sprache niemals besonders angelegen sein ließen. 

Es ist daher heute, nachdem sich die mit der Urgeschichte der 
Sprache und Kultur der Altslaven beschäftigende Literatur sehr er- 
freulich hebt, ganz sinnlos geworden, die gangbare Mähre zu ver- 
teidigen, daß die alten Slaven keine Schrift gekannt oder gebraucht 
und deshalb auch keine schriftlichen Denkmäler aus 



ihrer Urzeil zurückgelassen halten. Die Gegenbeweise 
sind entschieden da, und wenn darunter Steine sind, die seit dem 
CJahre 79 n. Chr. unter harter Lavadecl^e in Herculanum und Pompeji 
ruhten, so war es wenigstens durch ungefähr 1900 3ahre nicht mög- 
glich, sie etwa zu fälschen, denn die Geschichte von heute sagt, daß 
die Slaven vierCJahrhunderte späterkamen, und über- 
dies in Süditalien nie waren. Hoffentlich werden die folgen- 
den Beweise die Klärung dieses Geschichts- und Gelehrtenirrtums 
besiegeln. 

Es ist auch nicht verständlich, weshalb gerade die Slaven keine 
eigene Schrift besessen hätten, da es in der Natur eines jeden Vol- 
kes, zumal mit einer solchen Kultur, wie man sie gerade an den 
Gegenständen der Grabstätten vorfindet, liegt, allgemein oder relativ 
Wichtiges in irgendeiner Weise festzuhalten, umsomehr als doch 
einzelne Indianerstämme, die Urbewohner von Celebes, Java, Äthio- 
pien, der Philippinen u. a. ihre eigene Schrift besitzen, ohne in kul- 
tureller Hinsicht je eine nennenswerte Rolle gespielt zu haben. — 
Die Slaven hatten in alter Zeit eine, heute als „Runen" benannte 
Schrift, welche derart eingebürgert gewesen sein muß, daß selbst die 
christlichen Missionäre, um Lehrbüchern bei den Slaven Eingang zu 
verschaffen, ohne weiters auch deren Schriftzeichen annahmen. Am 
treuesten scheint dies durch den dalmatinischen Priester Hieronymus 
im 111. üahrhundarte geschehen zu sein, vom dem das glagolitische 
oder hieronymische Alphabet (Bukvica) der slavischen Kirchenbücher 
herrühren soll, während sich Cyrill und Method im IX. Jahrhunderte 
mehr an die griechische Schrift lehnten, wenn dies nicht um- 
gekehrt der Fall war, d. h. diese längst vorhandene 
Schrift von den Griechen selbst weitergebildet wor- 
den ist, denn die ältesten griechischen Schrifttexte, wie sie z. B. auf 
Melos, in Korinth u. a. vorgefunden wurden, sind den primiiiven 
Runen weit ähnlicher, als dem heutigen griechischen Alphabete. — 

Man muß da auch wieder einmal gewisse, in der Praxis er- 
starrte schultechnische Begriffe überprüfen. — So lesen wir bei 
Strabo, daß die Bewohner Massilias mit „griechischen" Zeichen 
schreiben. Desgleichen erzählt Caesar (De bcllo gallico), daß im Lager 
der Helvetier mit griechischen Lettern geschriebene Tafeln vorgelun- 
den wurden. Wären nun diese Texte tatsächlich griechisch gewesen, 
so hätte sie Caesar oder jemand aus seiner Umgebung, die doch 
griechische Bildung genossen, lesen können, so war ihnen aber die 
Schrift ihrer Form nach äußerlich allerdings nicht ganz fremd, wohl 
aber der Inhalt, welcher augenscheinlich der den Römern unverständ- 
lichen „keltischen" oder „gallischen" Sprache angehört haben mag. 



Es ist aber sicherlich nicht leichl heule den Schriflexl auch einer 
bekannten Sprache zu entziffern, wie sie vor zweilausend und mehr 
Jahren gesprochen und geschrieben wurde, da man nicht mehr den 
Artikuiationsmodus und die schrifthche Darstellungsmethode der Aus- 
sprache von Einst nachprüfen kann, und bilden namentlich die Zisch- 
laute oder die Sibilanten dabei die größten Lösungsschwierigkeiten. 
Wir müssen uns daher bei den Entzifferungen an die, wenn auch 
nicht ganz klare Buchstabierung der Lautfolge im kleinen einerseits, 
andererseits aber an den logischen Inhalt im großen anlehnen, denn 
auch unsere ältesten Vorfahren werden auf einem bestimmten Objekte 
nur das aufgeschrieben haben, was mit diesem organisch zusammen- 
hängt, denn das entscheidende Machtwort spricht dabei doch immer 
die Impression. Wir müssen daher vor allem die Bedei.tung unserer 
primären Wortformen kennen, denn erst dann kann das Verstehen 
der alten Schriften eine wissenschaftliche Bereicherung bedeuten. 

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich auch daraus, daß man 
nicht weiß, wie weit verschiedene Völker dieselben Alphabete und 
die gleichen Runenzeichen gebrauchten, denn es sind Beweise da, 
daß ein und dasselbe Volk in verschiedenen Zeiten und Gegenden, aber 
ebenso auch gleichzeitig verschiedene Schriften gebrauchte, sowie 
daß die Lesung einmal von rechts nach links, ein anderesmal von 
links nach rechts wie auch ackerlinienartig (bustrophedontisch) ge- 
schah, also demselben Zeitgeschmacke unterlag, wie wir ja auch 
heute diesen oder jenen Schrifttypus bevorzu genoder vernachlässigen, 
sowie in demselben Schriftstücke lateinische, kurrente, griechische, 
hebräische u. a. Schriften anwenden können. 

Man behauptet überdies ziemlich allgemein, das die Runenschrift 
eine Geheimschrift war, weil „runo" gleichbedeutend sei mit 
Geheimnis, denn das deutsche „raunen" bedeute: Geheimnisse 
zuflüstern, welche Ansicht allerdings nur richtig wäre, wenn 
„raunen" Geheimnisse verhüllen bezeichnen würde. Diese 
Etymologie ist aber hier zweifach widerlegbar. — Als Geheimnisse 
können die Runen allerdings auch angesehen werden u. zw. vor 
allem für den Analphabeten, genau so wie die heutige Schrift einem 
solchen ein Geheimnis ist ; überdies bildeten die Runen wohl auch 
seit jener Zeit, als man sie nicht mehr zu lesen verstand, und dieses 
währt bis heute, ein allgemeines Geheimnis. — In ganz 
analoger Weise entwickelte sich im Slavischen der Begriff: carodej, 
carodelnik, carodelec, carovnik, d. i. derjenige, der „care" 
( Striche) macht, mithin schreiben kann, was aber heute schon der 
Bedeutung: Zauberer, Zauberkünstler gleichkommt. Was er 



I 



schrieb, verstand der des Lesens Unkundige eins! natürlich nicht, 
daher solche Zeichengruppen für den Analphabeten eine geheime oder 
apokryphe Bewertung annehmen mußten. 

Andererseits aber kann eine öffentlich verwertete Schrift keine 
Geheimnisse enthalten, die man in Bronze, Eisen, Stein und Holz 
mühsam einmeißelt oder in gebrannten Ton eingräbt, und so der 
Welt offen darbietet, wie z. B. auf Waffen, Schmuckstücken, Weih- 
objekten und sogar Naturfelsblöcken längs einer für den allgemeinen 
Verkehr bestimmten Kommunikation.— Die sogenannten „Buchen- 
stäbe" waren sonach auch keine geschnitzten Einzelrunen oder 
Typen, sondern enthielten einen gedankengemäß geordneten Text 
größeren oder kleineren Umfanges, also zwecks Fixierung von Gedan- 
ken, die man erhalten oder jemand anderem mitteilen wollte, waren 
also eine primitive Form von Briefen. 

Es ist daher schon im Prinzipe nicht ernst zu nehmen, daß 
man je solche beschriebene „Buchenstäbe" wahllos hingeworfen und 
daraus geweissagt hätte, weil man ja daraus gleich fertige, inhuHiich 
geschlossene Texte erhalten mußte, daher nichts zu deuten übrig 
blieb. Es ist daher das deutsche Wort „Buchstabe", analog wie das 
slavische „buki, bukva, bukvica" ( Buchstabe, bildlich dargestellter 
Laut) nicht von „Buche" (botanisch), sondern von „Buch", d. i. Laute, 
die zusammengesetzt ein Buch, eine Rolle, also einen zusammen- 
hängenden Text geben, abzuleiten. 

Hingegen mag es vollkommen richtig sein, daß man im Ur- 
anfange Wichtiges als Einschnitte lEinkerbungen), die gewisse Natiir- 
formen des darzustellenden Objektes nachahmten und zugleich als 
mnemotechnische Hilfsmittel dienten, im Holze einkerbte, denn auch 
in der Edda wird wiederholt darauf angespielt, wie : „Urgötter gruben, 
Urredner ritzte, Asenhaupt schnitt sie ein, weißt du zu ritzen u. ä., 
wodurch eine Art Bilderschrift entstand, die erst dadurch zu einer 
Lautschrift wurde, daß sich der phonische Begriff für ein Objekt mit 
dessen graphischer Darstellung identifizierte und konventionelle Werte 
annahm. 

Die Bildung der Runen ging aber genau so vor sich, wie jede 
Original-Schriftbildung vor sich geht, d. i. durch Analphabeten. 
Haben sich solche etwas vorzumerken, so wenden sie hiefür nahe- 
liegende Zeichen an, und diese sind bis zu einer gewissen Grenze 
immer dieselben und sozusagen dem äußeren Eindrucke angepaßt, 
denn das „o" ist z. B. in fast allen Sprachen durch eine Einkreisung 
dargestellt, weil der Mund bei der Aussprache eine ähnliche Form, 
wie das „o" einnimmt; „i" ist immer das einfachste Zeichen, weil 



der Laul sozusagen durch die Zähne gepreßt wird u. ä. — So paradox 
nun auch die Erklärung khngt, so klar isl es, daß an verschiedenen 
Punkten und zu verschiedenen Zeiten durch Analphabeten die Grund- 
züge einer Schrift entstehen, wobei die Grundformen bis zu einer 
gewissen Grenze die gleiche äußere Beeinflussung zur Schau tragen. 
Die Schriftvarianten hingegen sind Folgerungen persönlicher Auf- 
fassungen und manualler Fertigkeiten, die daher immer eine Art 
Individualitätscharakter annehmen. 

Über den Ursprung der Runen wurden seit jeher die abenteuer- 
lichsten Ansichten verbreitet, die nur den einen Kern haben, daß die 
Runenschrift eben sehr alt ist. Nebstbei hielten sie die einen für eine 
Art Bilderschrift oder Hieroglyphen, die anderen für eine magische 
Schrift. Die einen, wie Ooh. Magnus (Histoiia de omniöus Gotlionim 
Sveoiuimqiic regibiis. Romac 1554). Olaus Magnus (Histüha de gentibus 
septentriotialibus. Romae 1555) und Olaf Rudbeck (Atlanüca. Upsalae 1689) 
sehen in den Runen Denkmäler aus der Sintflutepoche ; 3oh. Perinskiöld 
(Vda Theodorici etc., Stoekholiiüac 1699) glaubt, daß Magog, ein Sohn 
üaphets, die Runen nach Schweden gebracht habe ; Ole Worm [Danica 
literaiura antiquissima. Hafnieae 1651) meint hingegen, sie sei in Asien 
entstanden und mit den ersten Besiedlern Europas mitgebracht worden. 
Jan Ihre (um 1770) schreibt die Erfindung der Runenschrift den 
Skythen, Sjöborg (1835) hingegen den Phöniziern zu, kurzum es 
spinnen sich da die phantastischesten Kombinationen über die Runen- 
genesis durch alle Zeiten bis heute fort. Nach Skandinavien brachte 
angeblich der Fürst Odin im 111. Jahrhunderte n. Chr. den Gebrauch 
zum Andenken an tapfere und verdiente Männer große Steine auf- 
zurichten und sie mit Runeninschnften zu versehen ; so erklärt es 
sich auch, daß man in der schwedischen Provinz Upland an 700 
Runensteine fand, weil dort augenscheinlich diese Sitte allgemeiner 
war als wo anders; man weiß aber überdies auch, daß es früher v;eit 
mehr solcher Steine gab, aber sie wurden mit der Zeit bei allerlei 
Bauten verwertet. 

Die Summe aller bezüglichen Erfahrungen führt aber zu folgen- 
dem begründeten Schlüsse: 

a) die Runenschrift ist die älteste erhaltene Schrift- 
form phonetischer Richtung; sie ist daher weder eine 
exotische noch eine geheime Schrift ; 

b) ^\q meisten bekannten und gangbaren Schrift- 
arten entwickelten sich aus den runischen Vor- 
bildern; 



c) scheint es, daß die Runen die Urschrifi der Slaven 
bildeten, weil die Etymologie des Begriffes „Rune" 
die Selbstdefinition bietet, denn im Slavischen bedeutet 
„ruti" ausreißen, Vertiefungen machen, und „riti" 
eingraben, ritzen, was auch natürlich erscheint, denn die 
Buchstaben wurden in harte Gegenstände, wie: Stein, Metall, 
Knochen, Holz, Baumrinde, Wachs u. drgl. eingegraben. 

Solche Schriften finden sich vor auf: Speerblättern, Lanzenschäften, 
Schwertern, Messern, Scheidenbeschlägen, Schildbuckeln, Helmen, 
Glocken, Vasen, Tellern, Diademen, Spangen, Kämmen, Ringen, Gold- 
hörnern, Münzen, Brakteaten, Urnen, Grabsteinen, Grenzzeichen, Weg- 
weisern, dann Naturfelsen und Steinblöcken. 

Es sei aber hiemit auch keineswegs behauptet, daß alle vor- 
handenen Runendenkmäier sl av i sehe Texte aufweisen, denn ebenso 
wie man z. B. mit lateinischer Schrift Slavisch, Deutsch, Lateinisch, 
Französisch, Magyarisch u. s. w. wiedergeben kann, können auch 
die Runen verschiedenen Sprachen zugleich als Schriftbehelf gedient 
haben, und ist dies ja auch festgestellt, wie es später an einem 
lateinischen Beispiele gezeigt wird. - Wir kennen doch epigraphische 
Runendenkmäler von Skandinavien, England, Rhätien, Etrurien, 
Griechenland, Phrygien, Äthiopien, Amerika (Mississippi-Tal) u. a., 
nur wissen wir heute noch gar nicht, welcher Sprache sie zuzu- 
schreiben seien, so lange uns die sprachliche Deutung des Geschrie- 
benen ein Rätsel bleibt.*) 

Was die Schrift- und Buchslabenform selbst betrifft, läßt sich 
im allgemeinen nur sagen, daß jenes Runendenkmal umso älter ist, 
je einfachere Buchstaben es aufweist und je ärmer das Lautinventar 
ist. Unterschiede zwischen Majuskeln und Minuskeln wurden bishei 
an keiner Runenschrift festgeslelit ; nur das slovakische Runenalphabet 
fällt insofern von den übrigen auf, daß es die Vokale zumeist ver- 
kleinert darstellt. Ligaturen (Euchstabenverbindungen) weisen im 
allgemeinen auf eine jüngere Entstehungszeit des Runendenkmals. 

Es ist nun auch die nicht unwichtige Frage zu beantworten, in 
welcher Zeit die Runenschrift in Verwendung war, doch besitzen wir 

*) Sven Hedin fand bei den Ausgrabungen in der Wüste (jobi (/Jentralasien ) 
ein beschriebenes längliches IJrettchen, dessen Schrift keiner asiatischen oder 
sonst bekannten Sprache entspricht und bis heute auch nicht gelöst wurde. An 
der Fundstelle stand einst ein groties Geschäftshaus, denn an gleicher Stelle wurden 
auch viele hunderte Papierfetzen mit kommerzieller Korrespondenz in chinesischer 
Sprache vorgefunden. Augenscheinlich stammt dieser runenartig beschriebene 
»Brief- aus einer \-ollkommen fremdsprachigen (»egend. 



für die Beanlworlung nur allgemeine Zeilgrenzen. Das Hindernis für 
konkretere Angaben besteht vor allem darin, daß wir schon über- 
haupt nicht wissen, wann die Runen bei ihrer großen Verschiedenheit 
und Gebrauchsverbreitung auf diesem oder jenem Gebiete verwendet 
wurden. Es kann nur als bekannt angenommen werden, daß die 
Runenschrift in Italien älter ist, als die lateinische ; die etruskischen 
Runendenkmäler können daher ein oder mehrere Jahrtausende vor 
der christlichen Zeitrechnung schon dort im Gebrauche gewesen sein ; 
sie müssen aber auch später nach Einführung der lateinischen Schrift 
in Verwendung gestanden sein, da auch bilinguische Denkmäler ge- 
funden wurden, auf denen der Runentext durch die lateinische Sprache 
und Schrift kommentiert wird. Auf jeden Fall verliert sich aber schon 
in der römischen Kaiserzeit die Runenschrift auf italischem Gebiete 
nahezu spurlos. — 

Die jüngsten russischen Münzen mil der Aufschrift „Rurik" in 
Runen gehören augenscheinlich in die zwei ersten üahrhunderle des 
Mittelalters. - In Schweden und Norwegen 
wurden Glocken mit nordischen Runen- 
inschriften gefunden, die man der Zeit von 
1150—1250 zuschreibt; sie können aber 
ebensogut 5—6 Oahrhunderte älter sein, 
nachdem der Glockengebrauch in den nor- 
dischen Ländern schon im VI. Jahrhunderte 
n. Chr. festgestellt erscheint. Eine solche, 
in Schweden gefundene Glocke (Museum 
Kopenhagen) hat sogar den lateinischen 
Text „yesiiz krisl(2s a/e maria grasia" — in 
Runen eingraviert. Allerdings kann die 
Inschrift, die noch von rechts nach links 
zu lesen ist, auch erst später angebracht 
worden sein. 




Glocke von Smaland 
(Museum Kopenhagen). 



Eine Mystifikation in einwandfreier slovakischer Runenschrift 
leistete sich noch i. 3. 1872 ein intelligenter Waldheger in Kremnitz, 
der die Sache wohl sehr anachronistisch ausführte, aber damit mittelbar 
bewies, daß er zum mindesten einen reellen Behelf, also ein altes 
Runenalphabet, hiebet benutz! haben mußte ; er täuschte auch die 
Gelehrlenwelt damit, trotz der urplumpen Weise, durch volle 40 Jahre, 
nachdem den Text bis zum Jahre 1912 doch niemand entziffern konnte. 

Bedauerlich ist es auch, daß unter den Tausenden der bekannten 
Runendenkmäler bisher kein einziges entziffertes eine positive 
Zeitrechnungsangabe bietet, und ist dies, obschon die Texte erst in 



10 

geringer Zahl geklärt sind, aus bekannten Gründen aucti für die Zukunft 
nicht zu erwarten. — Die christliche Zeitrechnung hat erst der Abt 
Dyonisius Exiguus um die Mitte des VI. üahrhundertes angeregt. 
Verbreitet wurde diese Ära erst im Vlll. Jahrhunderte, und Karl 
d. Gr. war angeblich der erste Fürst, der sich in Urkunden schon 
gelegentlich dieser Zeitrechnung bediente; doch erst im X. Jahrhunderte 
war sie im Abendlande allgemeiner geworden. Alle wichtigen Ge- 
schichtsdaten stützen sich daher bis zu dieser Zeit auf Regenten- 
namen ; dadurch aber, daß wir dabei oft auch erfahren, wie viel 
Jahre einer regierte, sind uns weitere Kombinationen erst ermöglicht 
worden. - In kleineren Verhältnissen dienen aber oft nur Elementar- 
ereignisse, Mißjahre, Heuschreckenplagen, große Brände u. ä. als 
Fixierung einer bestimmten Zeit, wovon wir aber wieder nichts haben. 
Wenn daher z. B. eine ziemlich umfangreiche slovakische Felsinschrift 
angibt, daß damals der Herr von Silian das ganze Turocz-Szt.- 
Martoner Gebiet verwüstete, so wissen wir dabei noch gar nicht 
annähernd, ob dies etwa tausend Jahre vor oder nach Chr. 
geschehen ist, umsomehr als die jetzige Inschrift doch schon seit 
dem Geschehnis eine nachgetragene und ebenso eine schon ein- oder 
mehreremale übertragene sein kann. 

Ebensowenig bieten die Alterseindrücke irgendeine annähernde 
Orientierung, denn der Grad der Verwitterung eines solchen beschrie- 
benen Steines, die Oxydierung einer Münze, Waffe oder eines Schmuck- 
gegenstandes hängt wieder von dem Einwirken der V^/itterungsein- 
flüsse und der unmittelbaren Umgebung ab, deren lokale Intensität 
man doch nicht skalamäßig ablesen kann ; kurzum es ist äußerste 
Vorsicht geboten, sich in dieser Richtung in konkrete Zeitangaben 
einzulassen. 

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich bei der Klassifikation der 
Sprache einer Inschrift, da die ethnographischen Verhältnisse keines 
einzigen Gebietes bis ins graue Alter als geklärt angesehen werden 
können ; es kann daher nur die Sprache des Textes maßgebend sein. 
Doch da handelt es sich wieder darum, ob diese Sprache konse- 
quent eingehalten wurde, denn wir haben genug Inschriften, die zum 
Teile gut verständlich sind, oder einzelne bekannte und richtig ge- 
deutete Begriffe aufweisen, der Rest ist jedoch wieder ein Sprach- 
rätsel. Es gibt Runendenkmäler von Schweden, Norwegen, Dänemark, 
Jütland und England, die rein slavische Begriffe im modernen Sprach- 
sinne enthalten, also auf einen slavisch-sprachgenetischen Zusammen- 
hang die Impression üben, aber doch nicht voll verständlich sind. — 
So stehen z. B. auf einer prächtigen Kleiderspange, die in Etelhem 



11 



(Schweden) gefunden wurde, zwei Worte; das letztere lautet zweifel- 
los „vrtal" ; das erstere ist aber augensclieinlicti der Name des Er- 
zeugers ; „vrlal" bedeutet jedoch im Slavischen : gebohrt, gedrechselt, 
ziseliert; es ist dies also eine Art Firmadrucl< des Meisters. Aller- 
dings kann die Spange ja auch aus anderer Gegend hierher gebracht 
worden sein. — Die Erklärung kann wissenschaftlich nur dahin ge- 
lenkt werden, nachdem wie schon, W. Grimm („Über deutsche Runen", 
Göttingen 1821) aussprach, bisher kein unbezweifelt deutsches Runen- 





^^ i-'-V; 



^\ 












Spange von Etelhem 
(Museum Stockholm). 






denkmal entdeckt wurde, daß diese slavischen Begriffe noch 
als Urbestandteile der allgemeinen Sprachverwand- 
schaft anzusehen seien, daher bei dieser Forschung gerade 
die slavischen Sprachen als die originelleren am 
allerwenigsten ausgeschlossen werden dürfen, wenn 
man der Sache überhaupt einen Ernst entgegenbringen will. 

Nachstehend werden nun alle bekannten Denkmäler, welche 
slavische Texte in Runenschrift aufweisen und menschlich verläßlich 
als solche angesehen werden können, beschrieben und bildlich dar- 
gestellt. Dieselben wurden gebietsweise nach ihrer spezifischen Eigen- 
art und äußeren Form gruppiert, wobei nicht außer Acht gelassen 
werden darf, daß sich bei einem mobilen Objekte heute der Fundort 
mit dem Ursprungslande durchaus nicht mehr zu decken braucht, 
sowie es andererseits auch kein Zweifel ist, dass die Ähnlichkeit 
der pelasgischen, altgriechischen, lateinischen, etrurischen, iberischen, 
keltischen, ägyptischen, phönikischen, samarischen und sonstigen 
morgenländischen Runen mit den slavischen ebenso auf einen ge- 



12 



meinsamen Ursprung deutet, wie alle die genannten Sprachen selbst. 
— Es wäre sonach im Prinzipe garnicht nötig von Runendenkmälern 
als einer Spezialität von Schrifturkunden zu sprechen, weil sie doch 
nur die archaische Form unserer heutigen Schriften 
bilden; aber die Wissenschaft und Kulturgeschichte haben ihnen 
eine Sonderstellung gegeben, welchem Ausnahmsverhältnisse wir nun 
gezwungen sind auch weiter Rechnung zu tragen. — 

Es ist jedoch auch schwer und unsicher die Runenschriften der 
Slaven selbst nach den einzelnen Völkerschaften oder Sprachnuanzen 
zu gruppieren, weil sich die politischen wie ethnographischen Über- 
gänge mit jenen der Sprache nicht immer decken, daher die Merk- 
male keine genauen Umrisse zurücklassen. Aus diesem Grunde wer- 
den hier alle jene Runendenkmäler, die sprachlich ein ziem- 
lich homogenes Alphabet mit slavischem Texte auf- 
weisen, in drei grosse Gruppen vereinigt, u. zw. in 

a) die wendischen, d. i. nordeuropäischen; 

b) die sl ov a ki sehen, d. i. die mitteleuropäischen, und 

c) die etruri sehen, d. i. die südeuropäischen. — 




I. 

Wendische Runendenkmäler. 



TAFEI. 1. 

(zur Seite 15). 



Wendisches Runenalphabet. 



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Anmerkung. Der Laut >h« scheint zm fehlen. — In älteren Denkmälern 
gilt »u« zugleich als >v«. — Mitunter sind die Laute verkehrt dargestellt, 
ohne daß sich deshalb der Leseanfang dem akkomodiert. 



fr 



Allgemeines. 

Die nordslavischen Runendenkmäler können unter Beiziehung 
der beigegebenen Tabelle „Wendisches Runenalphabet", in welcher Tafei i. 
die hauptsächlichsten Buchstabenformen und Schriftvarianten auf- 
genommen sind, von jedermann selbst gelesen und verlässlich über- 
prüft werden. — 

Das Lesen dieser Schriften ist im allgemeinen nicht erheblich 
schwer, da sich aus mehreren Jahrhunderten genug wendische Runen- 
alphabele erhalten haben ; hingegen ist aber die Deutung der Texte 
oft eine äusserst mühsame, weil die originalslavischen Begriffe in 
Bezug auf ihre primäre Form schwer sicher erkennbar und nament- 
lich betreffs ihrer Bedeutung recht schwankend geworden sind, zumal 
doch jede Wortform in Raum und Zeit bedeutende, ja oft radikale 
Änderungen erfahren kann. So haben wir es gerade bei den wen- 
dischen Runen vorwiegend mit der altpreussischen und slo- 
vinzischen Sprache zu tun, die eine um die andere ausgestorben 
sind. Oede absterbende Sprache ist aber schon vor ihrem Kollaps 
durch die vorausgehende, meist jahrhundertelange Diffusion der 
ablösenden Sprache gründlich verballhornt. Es stellen sich daher 
oft hartnäckige sprachgenetische Schwierigkeiten in die Quere, die 
Proportionen mit dem Schwinden der Originalität einer Sprache wach- 
sen, daher auch die älteren Denkmäler leichter zu ag- 
noszieren und zu deuten sind als die jüngeren. Und 
auch dies ist historisch begründet, denn ganz Deutschland ist in 
Wirklichkeit doch nur ein grosses slavisches Gräberfeld und sind hie- 
bei die Preussen (Prusi, Borussi) die jüngsten germanisierten Slaven. 

So sind z. B. die altpreussischen Totenklagetexte, die auch dem 
Polnischen sprachlich am nächsten kommen, noch heute dem Nord- 
slaven vollkommen verständlich, wie : „Halele, lele, y procz ty mene 
umral? Y za ty nie miel szto iesty albo pity, y procz ty umarl? Y za 
iy nie miel krasi mlodzice. y procz ty umarl" usw. — Hingegen Hess 
Herzog Albert von Preussen um das Oahr 1550 die lithurgischen 
Gebete der preussischen Slaven gleichzeitig in zwei Redaktionen 

Zunkovic : „Slavische Runendenkmäler". 2 



16 

niederschreiben. Diese Texte, die schon jeder für sich starke Unter- 
schiede aufweisen und zur berechtigten Ansicht führen, dass die beiden 
Verfasser die eigentliche Volkssprache gar nicht oder in recht un- 
zulänglicher Weise verstanden haben konnten, kann ein Slave von 
heute kaum mehr auch nur als entfernt verwandt ansehen, denn das 
Vaterunser lautet, wie es Hartknoch (Chronicon Priissiae, 1679) wieder- 
gibt, folgendermassen : Thavve nouson kas thou aesse aendengon. 
Svvyntits vvirse tvvais emmens. Pareysey noumans tvvayia vieky. Tvvais 
qiiaits audascysin na zcmmiey usw. Allerdings müssen sich die beiden 
Redakteure dabei auch eine Schwerfälligkeit in der Transskription 
zurechtgelegt haben, die den Originaltext jedermann als fremdsprachig 
suggerieren musste. Überdies sind die Vergleiche und Nachprüfungen 
selbst umso schwieriger, weil die Literatur dieser abgestorbenen 
Sprachen über einen äusserst dürftigen Nachlass verfügt. — 

Ein kleines Wörterbuch der wendisch-preussischen Sprache hat 
sich von Plato erhalten, welcher im Kreise Lüchow lebte und dort 
einige sprachliche Aufzeichnungen machte. Das Vaterunser, wie es 
sich ansonst in der Tradition bis vor etwa 120 Jahren im Lüchower 
Kreise erhalten, lautete nach den phonischen Aufzeichnungen des 
Grafen Johann Potocki (17%) folgend: 

„Messe wader, fo ioy Jiss, wa nebiss hay, siiingia Woarda Tygi 
Cheyma tujae Rick kommae. 

Tia wiliac szymweh Rok wa nebiss hay, kak no zimie. 

Un Wy by doy nani nesse chrech kak nioy Wy by dayne nessen 
Chresmarym. 

Ni bringwa nass na Wasskonie day lizway nes Wit Wyskak chan- 
dak. Amen." — 

Die zahlreichsten, ältesten und kulturgeschichtlich wertvollsten 
wendischen Runendenkmäler sind in Mecklenburg u. zw. im Gebieta 
nächst des Tollensees gefunden worden ; in der Wissenschaft sind 
sie allgemein als „Rhetra"-Altertümer benannt und bekannt. Sie bilden 
drei Gruppen u. zw. : 

a) die wendisch-heidnischen Devotionalien (Sammlung des A. Masch); 

b) die wendisch-heidnischen Grab-Amulelte (Sammlung Sponholtz) ; 

c) die wendisch-heidnischen Urnensteine (Sammlung Sponholtz). 



17 

a) Die wendisch -heidnischen Devotionalien. 

Name. Im Museum zu Neuslrelitz (Mecklenburg) befinden sich 
66 eigenartige Bronze-Statuetten und sonstige zugehörige Nippes, die 
man bisher meist unter der Bezeichnung „Die gottesdienstlichen Alter- 
tümer der Obotriten von Rhetra" kennt. Dieser Titel muss aber hier 
in allen Teilen umgangen werderh, weil ein begründeter Zweifel be- 
steht, ob es eine Stadt oder Ansiedlung des Namens „Rhetra" je 
gegeben, denn die Annahme einer solchen baute sich augenschein- 
lich auf die falsche Übertragung und Auslegung der so lautenden 
Runeninschriften auf, und ob sie gerade von den Cbotriten stammen, 
kann auch niemand behaupten, denn es steht nur fest, dass die In- 
schriften auf diesen Fundobjekten slavisch sind, daher sicherlich von 
den Wenden näherer oder weiterer Umgebung herrühren. Überdies 
werden sie hier als Devotionalien, also Weihobjekte bezeichnet, weil 
deren augenscheinliche Bestimmung dadurch prägnanter ausgesprochen 
erscheint. 

Geschicke der Devotionalien. Sie wurden in den Oahren 
1687—16% beim Ausheben einer Grube im Pfarrhofgarten in Prilwitz 
(Mecklenburg) gefunden. In diesem Dorfe befand sich vordem ein 
grosser Hügel und an dessen Hange lag jener Garten. Über die 
nähere Situation weiss man, dass sich alle Fundobjekte in einem 
Kessel befanden, der wieder, vermutlich zum Schutze des Eindringens 
von Erde und Wasser, mit einem gleichartigen zweiten Kessel zu- 
gedeckt war. Um die Kessellage herum fand man überdies an zwei 
Zoll^entner altes Eisengerät, ein Hinweis, dass die ganze Sammlung 
mit Vorbedacht hier vergraben wurde. — Als der damalige Pastor 
Friedrich Sponholtz im Oahre 1697 starb, übergab dessen Witwe die 
beiden Kessel, die überdies reiche Runeninschriften aufgewiesen haben 
sollen, die Eisengeräte sowie alle Bronzegegenstände einem Ver- 
wandten in Neubrandenburg, der das Eisen im Haushalte verbrauchte, 
die beiden Kessel aber einem Glockengiesser verkaufte. In dieser 
Familie, namens Palcken, verblieben nun die Devotionalien ; nur einige 
Stücke wurden eingeschmolzen, um sich zu überzeugen, ob sie kein 
Edelmetall enthalten, welche Probe aber negativ ausfiel. — Später 
erfuhr der Medikus Hempel davon und erwarb kG Stück ; etliche wur- 
den ihm verschwiegen, doch diese brachte später der Superintendent 
A. Masch in seinen Besitz. — Dieser interessante Fund wurde nun 
im Oahre 1768 im „Altonaer Mercurius" und ein Oahr darauf im 
„Rostocker Wochenblatt" veröffentlicht. Die Runeninschriften, welche 
die meisten Objekte aufweisen, wurden nach den Runenalphabeten 



18 

von Cluver („Beschreibung des Herzogtumes Mecklenburg" 1757) und 
Westphals („Monumenta inedifa") lateinisch transskribierl und vom 
Oberpfarrer Letochleb in Peitz, der die böhmische Sprache vollkom- 
men beherrschte, ins Deutsche übersetzt, da sonst niemand den Text 
verstand. 

Man bewunderte nun allgemein diese eigenartigen und doch 
unerklärlichen Denkmäler aus altwendischer Zeit. Aber bald fand 
sich in Pastor Lense aus Warlin ein Mann, der diesen Altertümern 
allen Wert absprach und sie als Fälschungen eines Gelbgiessers be- 
zeichnete („Nützliche Beiträge zu den Intelligenzen." Neustrelitz 1763). 
D. Taddel in Rostock setzte sich jedoch für die Ehrenrettung des 
Pastors Sponholtz wie der Altertümer selbst beweiskräftig ein (17G9), 
worauf im Jahre 1770 der Präpositus Genzmer die Echtheit dieses 
Fundes noch weiter überzeugend nachwies, was umso leichter war, 
da man doch wusste, dass weder der Gelbgiesser noch sonst jemand 
altwendisch kannte, sowie auch von der Runenschrift keine Ahnung 
hatte. 

Da diese Altertümer im Pfarrhofgarten vergraben gefunden wur- 
den, lässt annehmen, dass sie der Priester des dortigen Tempels in ei- 
ner gefahrdrohenden Zeit, um sie zu retten, selbst hier vergraben habe. 
Die meisten dieser Objekte waren einmal einem starken Feuer aus- 
gesetzt, wobei viele durchbrannten oder abtropften ; am wahrschein- 
lichsten dünkt es, dass sie jemand nach dem Tempelbrande aus der 
Asche hob und sicherheitshalber vergrub. Es dürfte dies vermutlich 
zur Zeit der Einführung des Christentums gewesen sein, denn die 
Chronisten wissen, dass der Tempel schon einmal aus diesem Grunde 
niedergebrannt wurde; doch kurz nach dem Jahre 1131 Hessen Fürst 
Niklot und Graf Adolf von Holstein den neu aufgebauten Tempel 
abermals in Feuer aufgehen, weil die Wenden sehr bald rückfällig 
wurden. 

Geschichtliches über „Rhetra". Der älteste Chronist, 
der über „Rhetra" schrieb, war Thietmar, Bischof von Merseburg 
(t 1018). Dieser hat „Rhetra" selbst nicht gesehen, sondern wusste 
vom Hörensagen, dass im Gau der Redarier eine Burg mit drei Toren 
sei, die man „Riedegast" nenne. Beim dritten Tore befinde sich ein 
Heiligtum mit vielen Gölzenstandbildern ; die Namen derselben stehen 
auf den Fussgestellen aufgeschrieben. Der vornehmste Gott heisse 
„Zuarasici". — Adam von Bremen (t 1076) hingegen erzählt, dass 
in der alten Burg „Rhetre" der Sitz der Abgötterei war; der Haupt- 
gölze hiess „Radegast" ; sein Bild war von Gold, sein Lager mit 
Purpur belegt. Die Burg hatte neun Tore und war allseits von einem 
tiefen See umgeben ; zum Tempel führte eine hölzerne Brücke. — 



19 

Diese sich zum Teile widersprechenden Daten besagen, in die 
Wirklichkeil übersetzt, folgendes: der Tollensee bildet die Grenze 
gegen Alecklenburg- Schwerin. Prilwitz, der Fundort der Altertümer, 
liegt an dem genannten See; auf einem Hügel daselbst, dem ver- 
meintlichen Tempelberge, stand zum Grenzschutze von altersher eine 
Burg, denn man weiss, dass noch im Mittelalter daselbst ein ge- 
mauerter Wartturm, doppelte Wälle, tiefe Gräben, dann allerlei Mauer- 
werk zu sehen waren. Der Punkt war für die Verteidigung auch schon 
von Natur aus begünstigt, denn er war ringsum teils vom See, teils 
von tiefen Sümpfen umschlossen. Alles weitere ergänzt die Etymo- 
logie. Der Ortsname „Prilwitz" ist gleichbedeutend mit befestigter 
Berg. Helmberg, denn „prilbica" heisst im Russischen noch heute 
Helm, also ein Schutzmittel. Der bei den Wenden als „Prilbica" be- 
nannte Burgberg diente sonach der Ansiedlung daselbst als Schutz- 
punkt bei feindlicher Gefahr. — 

Desgleichen wussten alle Chronisten nicht mehr, dass „Rhetra", 
richtig „Rjetra", kein Ortsname ist, sondern eine Hoheitsbezeichnung, 
wie etwa Beschützer, Retter (slov. „redar" ^ Wächter, Aufseher) 
bedeute. Die Namen „Riedegast" (Thietmar) und „Rhetra" (Adam von 
Bremen, Helmold) sind daher im Prinzipe keine topischen Namen, 
können aber die Bedeutung von solchen erlangen, analog wie eine 
Höhe, auf welcher „Maria" eine Kirche geweiht ist, schliesslich den 
Namen „Marienberg" annehmen kann. — Aus dem Ganzen geht aber 
unbedingt hervor, dass schon zu Thietmars Lebenszeit (975 — ^018) 
über die Prilwitzer Burganlage sehr verworrene Ansichten herrschten, 
d. h. der Ortsname war kein einheitlicher mehr. 

Beschreibung der Altertümer. Diese bestehen teils aus 
Figuren, teils aus Waffen, Geräten sowie sonstigen Nachbildungen. 
Alle sind aus Bronze, mitunter mit etwas Silberzugabe hergestellt; die 
metallische Zusammenseizung ist fast überall eine andere ; desgleichen 
ist die Technik der Ausführung sehr verschieden. Die Figuren er- 
reichen im Maximum die Höhe von 20 cm ; ebenso sind alle übrigen 
Objekte nur Miniaturen. Die angesetzte Patina lässt auf ein hohes 
Alter rückschliessen ; sie trägt aber nicht dieselbe blaugrüne Farbe 
zur Schau, wie bei G3g9nständen, die mit der Erde in direkter Be- 
rührung standen, weil die Oxidierung im Kesselhohlraume vor sich 
ging. Die Figuren sind fast durchwegs bekleidet, oft auch mit Sturm- 
haube, Panzer und Waffen versehen. Die meisten Figuren sind hohl 
gegossen, woraus man deduzierte, die kugelförmige Höhlung an der 
Basis hatte den Zweck, dass sie analog wie die römischen Legions- 
adler, als Feldzeichen dienten und im Kriege, auf Stangen aufgesteckt, 



20 

vorangelragen wurden. Die Unscheinbarkeit der Figuren sprich! jedoch 
entschieden dagegen und lässt vermuten, dass man vor oder nach 
wichtigen Ereignissen einer bestimmten Gottheit eine solche Statuette 
widmete, die man im Tempel selbst auf einen Dorn aufsetzte. 

Bestimmung als Devotionalien. Dass dies Weihobjekte 
waren, ersieht man nicht nur aus den Dimensionen sondern auch 
aus den Inschriften. In dieser Hinsicht haben sich die Verhältnisse 
auch bis heute nicht geändert. Man widmet ja doch noch immer einer 
Kirche aus bestimmten Anlässen eine Christus- oder Marienstatuette, 
eine Hand, ein Herz u. drgl. aus Edelmetall ; der gewesene Lahme 
hängt seine Krücken in der Kirche zum Danke für seine Genesung 
auf; auf dem Balkan lässt man die Waffen kirchlich weihen; nach 
einem glücklichen Waffengange widmet man sie oft selbt der Kirche. 
Hervorragende Gnadenorte besitzen doch ganze Schatzkammern und 
Museen solcher Provenienz. — Andererseits schaffen wir uns doch 
auch heute Miniaturbüsten von Herrschern, berühmten Feldherren, 
Dichtern, Musikern u. ä. an ; es ist da somit absolut nichts Verwun- 
derliches daran, sondern nur ein Zeichen, dass man einst hohen, 
verdienstvollen Personen in ganz analoger Weise seine Verehrung 
zum sichtbaren Ausdruck brachte, wie heute. 

Diese Bestimmung ist auch aus den darauf angebrachten schrift- 
lichen Widmungen zu ersehen, denn die meisten Weihobjekte haben 
teils eingravierte, teils schon mitgegossene Inschriften. Die Schriften, 
die sämtlich von links nach rechts zu lesen sind, stammen von ver- 
schiedener Hand, aus verschiedener Zeit sowie auch aus verschie- 
denen Gegenden, nachdem dieselbe Wortform mitunter stark variiert; 
überdies wurden dabei drei Alphabetarten angewendet. 

Alters- und Echtheitsbeweise. Obschon natürliche Ver- 
nunftsgründe für die Unmöglichkeit einer solchen Fälschung sprechen 
und in archäologischen Dingen höchst erfahrene und äusserst gewis- 
senhafte Gelehrte (wie z. B. die Brüder Grimm) jeden Zweifel in die- 
ser Hinsicht zerstreuten, fanden sich doch immer Männer, welche 
diese ehrwürdigen Altertümer ohne allen Grund weiter verdächtigten. 
Wie unbegründet, ja für die Wissenschaft höchst beschämend und 
kompromittierend diese fortgesetzte krankhafte Hetze gegen jene 
altslavischen Kulturbelege ist, wird später beim Namen „beibog" des 
Näheren erörtert. 

Was das Alter betrifft, so kann mit berechtigter Sicherheit aus- 
gesprochen werden, dass der Götzendienst von „Rhetra" sowie die 
Erzeugung dieser Götzenminialuren eine geraume Zeit, also wohl 
etliche Jahrhunderte vor Thietmar zurückzuverlegen sei, denn dieser. 



21 

der doch v. 3. 975—1018 lebte, erzählt als der älteste Chronist, dass 
die Götzenbilder in „Rhetra" auf der Basis Runeninschriften hatten; 
was dieselben besagen, wusste er nur vom Hörensagen, denn er 
selbst hat die Figuren nie gesehen. Aus dem ganzen geht aber her- 
vor, dass man zu seiner Zeil, also schon zu Beginn des XI. Jahr- 
hundertes sehr nebelhafte Umrisse über den Götzendienst in „Rhetra" 
haben musste, sowie dass man schon damals die wendische Runen- 
schrift nicht mehr verlässlich zu lesen verstand, sie nicht mehr an- 
wendete, oder dass doch schon die Tradition darüber empfindlich 
getrübt war. Überdies ist auch schon hier die sprachliche Originalität 
gestört, denn z. B. der Name „beibog", wie er auf diesen Statuetten 
wiederholt zu lesen ist, kann ursprünglich nur „velbog" loder „vilbog") 
gelautet haben, worin uns der Umstand bestärkt, dass das lateinische 
„b" im Altslavischen immer als „v" bewertet ist, und heisst es in 
einer uralten rhätischen Schrift noch immer „velpan" und nicht „bel- 
pan". Die wendischen Bronzefiguren gehören sonach schon in die 
Zeit des Verfalles der wendischen Sprache, d. h. in jene Zeit, als 
man nicht mehr das Sprachgefühl hatte, dass man richtiger „velbog", 
statt „beibog" sagen müsse. 

Obschon nun für den logisch Denkenden jede Verteidigung der 
Echtheit dieser Fundobjekle überflüssig ist, so muss hier doch für 
alle Fälle auf folgendes hingewiesen werden: 

a) es ist vor allem nicht einzusehen, weshalb Deutsche, die 
kaum irgendein slavisches Wort verstanden, Kulturzeugnisse für die 
Slaven durch Fälschungen vermehrt hätten ; überdies war die wen- 
dische Sprache, wie anfangs Beispiele geboten wurden, schon im 
XVI. Jahrhunderte derart entstellt und verballhornt, dass auch ein 
Slave da nichts mehr derartig Sprachreines hätte schaffen können; 

b) haben die Gegner der Echtheit selbst ihre Unwissenheit in 
dieser Richtung damit dokumentiert, dass sie gerade jene Inschriften 
als Fälschungsbelege anführten, die sie bis heute falsch gelesen haben, 
also die Fälschungssubstrate selbst konstruierten ; 

c) Herzog Carl von Mecklenburg war es, der sich selbst dieser 
Streitsache um das 3ahr 1769 annahm und die wissenschaftliche Be- 
handlung dieser Altertümer anregle ; es ist da wohl anzunehmen, 
dass man damals über die allenthalben auftauchenden Echtheitszweifel 
beruhigt hinwegging und dass der Landesfürst gewiss nicht seine 
Autorität dafür einsetzte, einem Schwindel Vorschub zu leisten. Das 
erste diesbezügliche Werk wurde sogar der Königin von England, 
Charlotte Sophie, einer Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, mit fol- 
genden Versen gewidmet: 



22 



„Monarchin, die mit scharfen Blicken 

Die Dunkelheit des Altertums erhellt, 

Und die von überbliebnen Stücken 

Der alten Kunst ein richtig Urteil fällt; 

Hier naht ein Buch sich Deinen Augen, 

Das Überbleibsel alter Welt 

In richtgen Bildern dargestellt; 

möcht' es Dir doch zu gefallen taugen !" — 

Eine Mystifikation oder ein Pasquill ist daher bei einer derartig ern- 
sten und dabei auch kostspieligen Behandlung geradezu ausgeschlossen ; 

d) handelt es sich bei jeder Fälschung doch um die Frage, wer 
dabei ein positives Interesse oder einen persönlichen Vorteil hat. 
Wollte aber jemand vor etwa 180 Jahren die Kenntnis von der hohen 
alten Kultur der Slaven auf diese unredliche Art verbreiten und hie- 
mit zugleich beweisen, dass die Slaven die Runenschrift gebrauchten, 
so mussten doch zum mindesten echte Vorbilder dagewesen sein ; 
doch auch dieses war überflüssig, da man ja hiefür andere Beweise 
wie z. B. die Chronisten Thietmar, Adam von Bremen, Helmold u. a., 
dann Münzen hatte ; übrigens hatte man zu jener Zeit noch eine so 
hohe Meinung von der altslavischen Kultur, dass man diesen Nim- 
bus durch fragliche Fälschungen schwerlich erhöht, sondern eher 
herabgesetzt hätte; 

e) ist jede weitere Erörterung an sich hinfällig, wenn man er- 
wägt, dass der Gelbgiesser alle diese verschiedenartigsten Objekte 
modelliert, mit prächtigen Reliefs schmückt, giesst, in einer unbe- 
kannten Sprache richtig beschreibt, nach der kostspieligen und zeit- 
raubenden künstlerischen Leistung aber ins Feuer wirft, wo sie wie- 
der zu unförmlichen Metallklumpen schmelzen, denn auf eine so 
pathologische Art wird niemand die alte slavische Kultur nachweisen 
wollen. 

Für die Anzweiflung der Echtheit liegt daher nichts als Miss- 
gunst, Bosheit oder Unverstand vor, und der Moment allein, dass 
etwas, was man nicht versteht, falsch sein müsse, ist das bedauer- 
lichste Argument für die Wissenschaft, die auf diese gewalttätige Art 
einen Knoten zerhaut, statt ihn durch Weiterforschung natürlich zu 
lösen. — 

Nachstehend werden nun, da es sich hier lediglich um die Runen- 
schrifttexte handelt, jene Objekte angeführt und bildlich dargestellt, 
die eine besondere Aufschrift aufweisen; Wiederholungen nur dann, 
wenn sie orthographisch variieren ; Objekte, die infolge Abschmel- 



23 

zung nur mehr für die Lesung unsichere Schrififragmenle bieten, 
wurden nicht aufgenommen, da sie keinen reellen sprachlichen Bei- 
trag geben. — Die Figuren sind durchschnittlich um ungefähr Va 
verkleinert dargestellt. 

A. STATUETTEN. 

„Rjetra". Mitunter als „rietra, rijetra" (nicht aber „rhetra") 
geschrieben, kommt hier zehnmal vor. Es scheint, dass der Name 
als: Beschützer, Retter aufzufassen ist, aber keinesfalls als 
Ortsname, wie dies sonst allgemein angenommen wird. Da diese 
Inschrift auf verschiedenen später dargestellten Figuren miterscheint, 
wird dieselbe hier nicht separat illustrativ angeführt. 

„Radegast." — Kommt auch in der Form: „Radegost, Ride- 
gast, Rjadegast" vor. — Etymologie: „rat" Krieg, Kampf; „rada" 
Rat, Ratgeber; „gost" Gast, d. i. der zu Beschützende; „gosudar, 
gospod, gospodar" Herr, daher etwa : Kriegsherr, Schutzherr, 
Feldherr bezeichnend. Dieser Name kommt hier zehnmal vor. — 
Bei allen Statuetten mit dieser Inschrift fällt es auf, dass jede solche 
Figur auf dem Kopfe eine Gans („gos" Gans) und einen Ochsenkopf 
als Brustschild zu Symbolen hat; der Kopf selbst aber ist trotz der 
sonst menschlichen Gestalt jener eines Löwen. Diese Attribute zeigen 
die Eigenschaften der Wachsamkeit, da die Gans als äusserst emp- 
findlich für nächtliche Geräusche gilt,*) der Ochsen- oder Stierkopf 
die physische Stärke und der Löwenkopf den Mut an. 

Fig. 1 hat folgende Inschriften (Vorderseite) : „z" auf dem Gans- 
flügel, „bei" auf dem linken Arme, „beibog" auf dem linken Ober- 
schenkel; Rückseite: „ridegast" und „rjetra". (Abbildung siehe Seite 
24 und 25). 

Fig. 2 (Vorderseite): „cern . . . ." und ein Schriftfragment an 
Kleiderrändern; Rückseite von oben nach unten: „radegast, beibog, 
rjetra". (Abbildung siehe Seite 26.) 

Fig. 3 hat vorne die Aufschrift „rjeam" (anscheinend „ich ritze" ; 
riti ritzen, einmeisseln) und rückwärts „ridegast". (Abbildung siehe 
Seite 27.) 

Diese drei Statuetten scheinen in erster Linie „Radegast" ge- 
widmet zu sein, da dieser Name bei gleichen Attributen, namentlich 
jenem der Gans, immer auf der Rückseite eingraviert ist. Die kräftige 
Mannesgestalt lässl überdies vermuten, dass der Urtypus dieses 

*) Die Gänse auf dem Kapitolium in Rom dürften wohl auch nur zur Er- 
gänzung des nächtlichen Wachdien-^tes gehalten worden sein. 



24 



Götzenbildes ein vorsichtiger, starker und tapferer Fütirer des Volkes 
war, dessen vornehmste Eigenschaften aber hier schon durchwegs 
symbolisiert erscheinen. Es zeigt dies zugleich, dass zwischen der 
Zeit des irdischen Wandels des Originales und dessen biirgerlich- 




Fig. 1. (Vorderseite.) 



kriegerischer Funktion als Regent oder Feldherr bis zur Gottwerdung, 
ja bis zur völligen Transsubstantalion in attributive Symbole eine be- 
deutende Epoche liegen müsse. — Die Beisetzung anderer Funktions- 
namen, wie „beibog, rjetra" haben überdies auch ihre Analogien, 
denn Zeus, öupiter, Wodan u. a. haben doch auch Attribute für Spe- 



25 



zialfunklionen, ja selbst die laurelanische Litanei ist niclits weiter, 
als eine Ergänzung von ätiniicli symbolisierten Eigenscliaften und 
Tugenden. — 




P~ii.V.KKA'-^ 





Fig. 1. (Rückseite.) 



„Bei bog, Bilbog." — Etymologie: grosser, lioher Gott. 
Sprachlich richtig müsste der Name jedoch „velbog" („vel, vele" = 
gross, hoch) lauten, analog wie man auch „velehrad, velmoz, velpan 
u. ä. spricht und schreibt. — Die moderne Auslegung von „beibog" 
als weisse^r Gott („bei" slav. weiss) ist falsch und wohl dadurch 



26 



entstanden, dass das alfslavische „b", das als „v" ausgesprochen 
wird, später den Wert von „b" erliielt. Die Burg „Viligrad" in Mek- 
klenburg wurde folgerichtig auch nicht, wie anderswo zu „Belgrad" 
oder „Weissenburg", sondern zu „Megalopolis", also zu grosse, 
feste Burg. Die Schreibweise „bocg", die sich öfters wiederholt, 




(Vorderseite.) 



(Rückseite.) 



ist nichts Ungewöhnliches, denn ein hartes „g" wurde am Schlüsse 
eines Wortes von altersher vielfach mit „cg" verstärkt geschrieben, 
wie z. B. „rinnewecg" { Rennweg) i. 0. 1259. — Der Name „beibog, 
belbocg, bilbog" kommt in dieser Sammlung fünfmal vor. — 

Bei der Entzifferung dieser Inschrift ist jedoch der Gelehrten- 
welt ein sehr bedenkliches und folgenschweres Versehen passiert. 
Die Aufschrift auf der Rückseite — auf der Vorderseite steht nur 
„rjetra" — las man schon i. 3. 1768 „schwayxtix belbocg", und seit 



27 



dieser Zeit ist niemand mehr daraufgekommen, dass das exotische 
Wort „schwayxtix" dort absolut nicht steht, sondern „licjevajam tim 
bilbocg" (kann auch „licjovajam" gelesen werden), d. h. ich stelle 
hiemit den bilbocg dar, denn „licjovajati" bedeutet im Russischen 
noch heute: modellieren, Umrisse machen, darstellen. 
Bei den nordischen Runendenkmälern wurde bei etwa IS"/,, fest- 
gestellt, dass der Verfertiger eines Grabsteines, eines Schmuckgegen- 
standes u. drgl. in dieser oder jener Weise sein „fecit" anfügte, die- 
ser Fall also durchaus nicht vereinzelt dasteht. - Da aber das Wort 







^ 



(Vorderseite.) 




Fig. 3. 



(Rückseite.) 



„schwayxtix" ein „seh" enthält, also einen in alten, namentlich aber 
in slavischen Schriften ganz unmöglichen Laut, wurde dies sofort 
zum Kronzeugen der Unechtheit aller dieser Bronzeobjekte gestem- 
pelt. Der Siavist Dr. Oagic fuhr sogar eigens nach Neustrelitz, über- 
prüfte an Ort und Stelle die Inschriften und fand daselbst, wie er 
dies im Artikel „Zur slavischen Runenfrage" (Archiv für slav. Philo- 
logie, 1881) darlegt, wirklich auch ein „schwayxtix". Er erklärte 
daraufhin dieses Objekt wie die ganze Sammlung für eine Fälschung 
der Neuzeit und fügte sogar noch bei, dass die Erzeugung 
selbst der ältesten Stücke nicht vor das Oahr 1737 
fallen kann. 



28 

Wie man da nun so konsequent ein „seh" lesen konnte, wo 
deutlicli ein „lic" stehlt, ist ebenso ein Rätsel, wie die Tatsache, dass 
man den Laut „m" stets für ein nicht existierendes „x" las. Man 
scheint eben in der krankhaften Sucht alle auftauchenden altslavischen 
Kulturbelege möglichst rasch zu beseitigen, damit sich niemand wei- 
ter um eine Nachprüfung bemühe, bewusst tunlichst viel Einwände 
erhoben und gesucht zu haben, oder fehlten aber Allen, die diese 
Funde zu beurteilen hatten, die primitivsten Runenkenntnisse, daher 
nicht blinde Vorurteile, sondern geradezu eine doppelte Zurückhaltung 
in der Schlussentscheidung geboten waren. 

Der alten Überlieferung nach stellte diese Figur einen Hauptgott 
dar, was auch richtig ist, weil es die Etymologie gleichfalls bestätigt. 
Es darf daher auch nicht auffallen, dass gerade diese Statuette eine 
sehr grosse Kunstfertigkeit zeigt; sie ist überdies stark silberhaltig, 
und trägt auf dem Kopfe Goldspuren, ein Hinweis, dass sie einst 
eine Krone oder etwas Ähnliches aus Gold aufgesetzt gehabt haben 
dürfte. Desgleichen scheint dar Verferliger dieser Figur nicht identisch 
zu sein mit jenem der übrigen Objekte ; die Sprache der Inschrift 
selbst weist mehr gegen Osten, also auf eine Provenienz von Russ- 
land. — Erwähnenswert ist es auch, dass von der Verehrung einer 
Gottheit des Namens „Schwayxtix" in der ganzen Geschichte Mek- 
klenburgs keine Spur zu finden ist, weil dieser Name eben nur einem 
Lesefehler der jüngeren Zeit seine Existenz verdankt. (Fig. s. S. 29.) 

„Cislbog". — Etymologie: Grenzschutzherr oder ver- 
ehrungswürdiger Gott. Der Slovene versteht noch heute unter 
„cislo" — den Grenzstreifen, unter „cislati" — verehren, respektieren 
(die Grenze). Grenzhöhen führen mitunter den Namen „Cislova skala", 
deutsch „Zeiselberg". — Im primären Sinne war dies also der Schutz- 
herr, dem ein Gebiet zur Sicherung gegen äussere Feinde anvertraut 
war, im erweiterten ein Schutzgott überhaupt, dem man hohe Ver- 
ehrung zollte. — Nebst diesem Namen ist auf der Rückseite noch 
,,rjetra" eingraviert. Die Vorderseite trägt nur die Aufschrift ,,gricci" 
oder „kricci", also „krici". Unter ,,grid" verstand man früher im 
Russischen den Leibwächter, unter „gridba" die Leibwache; 
es war sonach „grici" (oder „krici*') der Funktionsname irgendeines 
Grenzgebietskommandanten, eines Warners oder Beschützers, denn 
„kric" bedeutet im Slavischen : Ausruf, Schreckruf, ,,kricati" (griechisch 
,,krico") rufen, warnen, und sind vermutlich auch im Deutschen die 
sogenannten ,,grit-, krit-, kred- und kreid-Feuer" etymologisch nur 
die Fanale, welche bei Feindesgefahr an den Grenzpunkten angezün- 
bel wurden. — 



29 




id>^■y^,B^r /,', 



Transskription 
der Inschrift: 



LICJEVRJRM 
TIM 

BILBOCG. 



Statuette „Bilbog', fälschlich „Schwavxtix' genannt. 



30 



,,1 p a b g". Diese Statuette hat auf der Vorderseite keine sicht- 
bare Aufschrift, auf der-Rückseite hingegen „rjetra" und „ipabocg". — 
,,lpa" muss ursprünglich etwa Rache, Vergeltung, Schutz be- 





Statucttc „Cislbog" (Vorderseite). 



deutet haben, in der Personifikation somit einen Hohen, der die 
Unbill bestraft. Im Slovenischen versteht man unter ,,ipiti" noch 
heute: jähzornig, rachsüchtig sein, während das russische „ipat" der 
Bedeutung Statthalter gleichkommt, das auch sprachorganisch mit 
dem griechischen „hypalos" ( der Oberste, der^Höchste) und ,,hy- 



31 



pateia" ( Würde, Amt, Konsulat) eng verwandt ist. Dass aber 
dieser Begriff urslavischi ist, ersieht man sowohl daraus, weil er sich 
hier in Verbindung mit „bog" befindet, als auch aus einer alten etru- 




Statuetle ,(.'islbog" (Rückseite.) 



rischen Grabinschrift, wo ,,ipa?in a krul" ( -- Statthalter und König) 
auch unmittelbar verbunden sind. — Die beigegebene Figur zeigt auch 
zv;ei schöne Reliefs, von denen das obere einen von einem Hunde 
verfolgten Hirsch, das unlera eine Wildschwein-Jagd und eine nackte 
Frauengestalt (Diana ?) dars'ellt. 

Zunkovic : „Slavisclie Runendenkmäler". 3 



32 



„Nemisa." —- Etymologie: SchutzgoH, Grenzbeschülzer 
(kelt. ,,nem" '' Einfriedung, gesicherter Platz ; „nemet" ein mit Pali- 




Statuette ,,Ipabos;" (Rückseite). 



saden gesicherter Bau). Dieser Name kommt zweimal vor. — Ausser 
dieser Inschrift ist noch zu lesen ,,rab" (anscheinend ein Wortfrag- 
ment), dann ,,arkon" (= Ältester) und „spa . ." vermutlich ,,span" 
{= Führer, Kreisvorsteher, deutsch: Gespan). 



33 



„Podaka, Po da g a." — Diese Slatuelle trägt mehrere Inschrif- 
ten, doch ist ausser ,,rjetra" und ,,podaka", welcher Name sich vier- 
mal wiederholt, keine vollständig. Ob letzteres nun als „Geber alles 




Statuette ,,Nemisa" (Vorderseite). 



Guten" (vergl. das slavische „podatelj" Geber) zu deuten, oder als 
„vodak, vodaka" ( Führer), zu lesen ist, kann nicht entschieden 
werden, bis nicht ein Vergleichsmaterial anderer Provenienz vorliegt. 
Die Figur trägt auf beiden Seiten einen Löwenkopf, den einst eine 
.Strahlenkrone geziert zu haben scheint. 

3* 



34 



„Prizri". Diese Statuette ist ein Kniestücl^; der Kopf ist wieder 
der eines Löwen (oder Hundes?). Inscliriften (Vorderseite): „belbocg", 
„prizri" ( Beobactiler; prezreti überblicl^en) ; (Rückseite) am Halse 
„rinn . .", dann „rjetra" und „cern . . ." ; tiefer unten ist das Relief 






Statuette „Podaka" (Vorderseite). 



einer nacktan Mädchengestalt mit der Beischrift „eci . ." ; an der 
Basis, neben der Figur eines kämpfenden Kriegers, steht „as . . ri", 
vermutlich, da nur zwei Buchstaben dazwischen Raum haben, „askari" 
( Krieger, Kämpfer) ; „asker" heisst bei den Balkanslaven,'Osmanen, 
Arabern noch heute: Soldat. 



35 





3ö 



„Perkun". — Die Vorderseile, die einen freundlichen bärtigen 
Männerkopf darstellt, hat die unterbrochene Inschrift „sa . . ." und 
dann am unteren Teile: „Perkun, devvei ne duse . u neman . .", 




Statuette „Perkun" (Vorderseite). 



doch ist diese Transkription bei mehreren Lauten unsicher, weil sie 
infolge des Feuers auch verstümmelt sein können ; aus demselben 
Grunde ist daher auch der Text nicht verlässlich lesbar. Möglicher- 
weise ist hier jenes wendische Gebet verzeichnet, das Masch (1771) 



37 



folgend anführt: „Percune, dcvaitc nicmiiski, ma na dicwu melsu, ta 
vipal ti miessu", was er nachstehend übersetzt: „Halte ein, Perun, und 
beschädige meinen Acker nicht, ich will dir auch dieses Fleisch opjern." 




Statuette „reikun" ( RückS(.i.c,. 



Diese Übersetzung ist aber sowohl inhaltlich unnatürlich als auch 
sprachlich unzutreffend, denn der Salz besagt eher: „Perun, gib acht 
auf den Nachbar (Feind), er hat die Gräber im Auge, [der brennt dir 
die Grenze nieder." Die „Lotwacy" (Litauer) nennen die Hünengräber 



38 



(Grenzhügel) „milsu kappi" ; „niemuski" unmännlich, feindlich ; 
„meza" Grenze. Auf dar Riickseüe steht „perkunust" Grenz- 
beschützer („pera", slav. Grenze, das Gegenüber) und „en romau" 




(Vorderseite.) Statuette ,,Sieba, Siva". (Rückseite.) 



ein Krieger, Grenzwächter („roma, rama", slav. Grenze.) Überdies kann 
,,melsu" auch Rache bedeuten. 

„Sieba, Siva". — Die Inschrift „Sieba" kommt fünfmal, „Siva" 
einmal vor. — Inschriften (Vorderseite): „Sieba", (Rückseite) „Sieba, 
razivia, istia". Es scheint, dass „razivia"(m) geritzt („raziti" 
schlagen, einmeissaln) und „istie" wahr, echt bedeutet, was also 



39 



besagen würde: „Sieba, dargestellt als wahr", d. h. „ein wahres 
Bild der Sieba", was umso glaubwürdiger erscheint, da dies alles 
auf der Rückseite steht, wo sich der Künstler normal zu verewigen 
pflegte. — Man nimmt allgemein an, dass dies eine weibliche Gott- 
heil u. zw. die Beschützerin der Liebe und Ehe sei, worauf die fe- 
minine Form deutet, doch kann dies nur eine spätere Auslegung 
oder Anpassung sein, denn in der indischen Mythologie ist „Ziva" 
doch noch eine männliche Gottheit. Ob daher die landläufige Ety- 
mologie von „Ziva" ( Leben) zutreffend ist, ist daher sehr zu be- 
zweifeln. 

„Roste". — Diese vom Feuer besonders stark beschädigte 
Statuette wird nur deshalb angeführt, weil sie die kunstvollste der 
ganzen Sammlung zu sein scheint, denn sie weist eine Menge Attri- 
bute und Reliefs auf, die sich sonst nur einzeln wiederholen. Lesbar 
sind nur mehr die Schriftfragmente „ . . tbas" . ." und „ . . . roste" 
(oder „rosta"); es ist möglich, dass letzteres einst „starosta" ( Äl- 
tester) lautete. — (Eine Illustration wurde nicht beigegeben, da sich 
die Relieffeinheiten mangels einer guten Photographie nicht hervor- 
heben Hessen.) 

B. TIERFIGUREN. 

„Cernebocg." — Auf einer Löwenfigur ist nebst sonstigen 
Schriftfragmenlen „cernebocg" eingraviert. Schon auf den Statuetten 





Fig. ,, Cernebocg". 

kommen wiederholt Teile dieses Wortes, wie „cern . . ., cir . . ." 
vor, aber der volle Name ist — nebst einigen später angeführten 
Grabamuletten — nur hier zu lesen. Da „cer, cir" im Altslavischen 
Grenze bedeutet, kann sich diese Bezeichnung sonach nur auf einen 
Grenzbeschützer, also einen Schutzgott beziehen. — Die 



40 



bisherige allgemeine Annahme, dass dies ein Gott des bösen „schwar- 
zen" Prinzips sei, ist schon deshalb unhaltbar, weil er sich immer in 
Begleitung von Götzennamen des guten Prinzips findet. 

„Siegs a." Auf einer Tierfigur steht auf der linken Seite „sicgsa", 
auf der rechten „barstu" ; die Etymologie beider Begriffe ist dermalen 
noch nicht verlässlich bekannt. 





(Linke Seite.) Fig. „Sicgsa". (Rechte Seite.) 

„V ei devot". — Eine satyrartige Ge- 
stalt mit einem hundeähnlichen Kopf und 
Pferdefüssen trägt links die Aufschrift „vei- 
devot" ( vojevod, d.i. F e 1 d h e r r, H e e r- 
führer) und „krivol", falls die Lesung in- 
folge Brandeinflusses so richtig ist. Dieser 
letzlere Begriff sowie „berstuk" auf der 
rechten Seite sind dermalen sprachlich noch 
nicht verlässlich gedeutet. 



„Mita". 

Ein 

buldoggar- 

tiger Hund 

auf einem 
Postamente 

trägt die 

Aufschrift 
„mita", 

was ety- 
mologisch 

Grenze, 

hier also 
Wachhun d, 








Fig. „Veidevot". 

Grenzwächter, 



Beschü- 



Fig. „Mita". 



tzer zu bedeuten scheint. 



41 



C. WAFFEN. 

„S vante vil j." — Ein elwa 13cm langes, gebogenes Messer 
trägt die Gravierung „svantevitj", - „Zvan, svan" bedeutet etwa der 
Auserwählte, Hohe, Stolze und galt „svante" einst in Schwe- 




Fig. „Svantevitj". 

den auch als Funktionsname ; „vid" ( das Sehen, das Gesicht) ist 
der zur Beobachtung Berufene, also der Alle s überblickend e. — 
Aus diesem Grunde wurde Svantevitj oft auch mit 2 oder 4 Köpfen 
dargestellt. (Vergl. auch die Sammlung Sponholtz.) 




„Vodja". 
Inschrift „vodja" 



Fig. ,, Vodja" 



Ein dreiflächiges, 7 cm langes Messer trägt die 
Führer). 




E>si^ 



„Siva". — Eine etwa \k cm lange Lanzenspitze trägt diese 
Inschrift. Auf einer Seite ist ein Affe, wie er auch sonst beim Namen 



42 



„Sieba" vorkommt, und unter diesem ein Käfer in Relief zu sehen; 
lefzleres Atlribul ist jedoch ansonst nur dem „beibog" beigegeben.— 
Andere Waffen tragen Namen, wie: radegast, podaga, sieba. 





Stange ,,opora' 



Fig. ,,Piove". 

„Prove". — Dieser Name kommt 
in dieser Sammlung zweimal vor u. zw. 
auf dem hier dargestellten, etwa \0 cm 
langen Messer, dann auf einem Teller, 
auf dem sich alle bisher bekannten Götzen- 
namen zusammen eingraviert befinden. - 
„Prove" galt den Wenden als der Gott 
des Rechtes und der Ordnung ; nach Hel- 
mold fand man sich in einem Haine bei 
Stargard (Pommern) jeden Dienstag zu 
einer Gerichtssitzung bei ihm ein. — Der 
Begriff ist sprachlich gleichen Stammes, 
wie das slavische „pravo" ( Recht), das 
lateinische „probus" ( rechtschaffen), 
das deutsche „brav" und das französische 
,, brave" ( tapfer). — 

D. SONSTIGE GERÄTE. 

Stange mit der Inschrift „opora". 
Obschon ein slavisches Wort ( Stütze, 
Krücke, Funktionsstab), ist „opora" hier 
mit griechisch-russischen Buchstaben ge- 
schrieben. Man muss daraus schliessen, 
dass diese Weihobjekte zu verschiedenen 
Zeilen, namentlich aber von verschie- 
denen Seiten hier zusammengetragen 
wurden. Es mag dies eine Art Ehrenstab, 
wie wir sie noch jetzt als Bischofsstab, 
Marschallstab u. ä. kennen, dargestellt 
haben, doch konnte er keine praktische 



Bewertung gehabt haben, da er nur ein 
lang darstellt. 



e Miniatur ist kaum 26 



43 



cm 



i-.^i^» rÄ;,f:£ r",;rrrr ,s: 





'^'i ''■% 

''V .r^^^ 








Schale mit allerlei Reliefs. 

.radegast"; oberhalb ein gekrönter Vogel; rechls davon ein "ir^ds 
köpf mit der Beischrift „zobok" , Hund, russ. „sobaka" di s m 
gegenüber .st e,ne nackte Mädchengestalt mit der ßeischr ft nem s- 
unten m der Mitla ist eine Traube zu sehen; links davon e'iXfe; 
m.t der Be.schrift „beibog" und rechts davon ein Ammon," (Musche 



44 



Versteinerung) mit der bisher noch nicht bekannten Bezeichnung 
„Japan" d. i. Väterchen (slov. „japa" Vater). — Die übrigen Zwi- 
schenschriften sind bis auf „ . . . ga" („podaga") durch Feuer bis 
zur Unkenntlichkeit zerstört worden. — !Die Schale ist \S cm lang 
und 13 cm breit. — 




Teller, mit den Inschriften „sieba, rjetra" usw. (Oberseite.) 



Teller mit den Inschriften: ,, sieba, rjetra, podaga, radegas*, 
prove" und einigen sonstigen abgeschmolzenen Schriftfragmenten 
auf der Oberseite. Auf der Unterseite sind Schriftreste ,, . . . belmt . . ., 
. . . zigjo . . ." zu lesen, deren sprachliche Klärung unter diesen Ver- 
hältnissen nicht möglich ist. — Der Teller misst 16 cm im Durch- 
messer. 

Es sind weiter noch Geräte da mit den Inschriften ,,jint, tsibaz, 
beimok", wobei jedoch nicht erkennbar ist, ob und welche Teile der 



45 



Schrift fehlen ; sie werden hier auch -nur deshalb angeführt, weil es 
möglich ist, dass sich noch^Obj ekte finden , auf denen diese Namen 
deutlicher geschrieben erscheinen, um«j|Zu einer verlässlichen Ety- 
mologisierung schreiten zu können.*) 




Teller, mit den Inschriften ,,sieba, rjetra" usw. (Unterseite.) 



*) Die Redaktion bedauert es, daß hier keine modernen Reproduktionen der 
Originale geboten werden konnten, weil ihr dies, trotz Bemühungen, von der 
Leitung des Großherzoglichen Museums in Neustrelitz verweigert wurde; die ge- 
botenen Illustrationen sind daher nur photographische Vervielfältigungen der Hand- 
zeichnung des Hofmalers Daniel Woge, aus dem J. 1770, der sie allerdings, wie 
er selbst beifügt, »nach den Originalen auf das genaueste gcmahlet und in Kupfer- 
stichen ausgegeben«. Es muß daher abgewartet werden, bis am genannten Museum 
ein wissenschaftlich objektiveres Regime durchgreift, obschon die Schrifttexte 
selbst bisher stets, als von Woge richtig wiedergegeben, angesehen wurden. 



46 

b) Die wendisch-heidnischen Grab-Amulelte. 

(Sammlung Sponholtz.) 

Gideon Sponholtz, der kurz nach dem Jahre 17% gestorben sein 
muss, war ein namhafter Archäologe in Mecklenburg und von Jugend 
auf ein ileissiger Sammler von Altertümern Und Sehenswürdigkeiten, 
wozu ihn wohl auch der Umstand animiert haben mag, dass ihm als 
Verwandten des schon bekannten Pastors Friedrich Sponholtz die 
Devolionalien von „Rhetra" durch Erbschaft zufielen; im Volksmunde 
war er seiner Grabungen wegen allgemein als „Schatzgräber" be- 
kannt. Bei seiner jahrelangen archäologischen Tätigkeit machte er 
nun auch selbst sehr zahlreiche Funde von Bronzegegenständen so- 
wie Münzen, Waffen, beschriebenen Steinen u. dgl. Seine Sammlung 
von Bronzen, die Masch wohl noch nicht bekannt war, bestand aus 
118 verschiedenen Stücken. Als nun i. 3. 1794 Graf Johann Potocki 
auf einer Reise nach Neu-Brandenburg, den Wohnort Sponholtz' kam, 
erfuhr er von diesen Altertümern, zeichnete dieselben ab und ver- 
öffentlichte sie nach den gemachten Skizzen in einem eigenen Werke.*) 

Auch diese Funde wurden gleich ob ihrer Echtheit angezweifelt 
und aus diesem Grunde in den Jahren 1827 bis 1829 — angeblich 
gründlich — untersucht und schliesslich als gefälscht erklärt. Die 
Belastungsgründe waren etwa folgende: 

a) Ein Töpfer in Neu-Brandenburg, namens Pohl, habe Spon- 
holtz für jede Figur die tönerne Gussform erzeugt; letzterer war je- 
doch so vorsichtig und vernichtete die Formen sofort nach dem 
Gebrauche, so dass man keinen konkreten Beweis hiefür finden 
konnte (?) ; 

h) die Runeninschriften auf den Bronzen besorgte etwa der 
Goldarbeitergehilfe Neumann daselbst, dem Maschs Werk zur Vor- 
lage diente. 

Dem sei folgendes entgegengestellt: 

ad a) dass ein Archäologe, der diese Wissenschaft nebstbei aus 
Liebhaberei und nicht aus Geschäftsgründen betreibt, falsche Anti- 
quitäten für seine Sammlung erzeugen und dazu einen Töpfer ein- 
weihen wird, ist an sich eine derart skurrile Behauptung, dass man 
ihr von vorneherein den Ste:Tipel der Erfindung ansieht, da jeder- 
mann weiss, dass man schon bei Ab- oder Umgrabungen von prä- 
historischen Gräbern immer allerlei und zahlreiche Beigaben findet, 

*) ^>Vovage dans quelques parties de la Basse-Saxe pour la recherche de 
r antiquites Slaves ou V'endes<^. — Hambourg 1795. — 



Mli 



47 

es also durchaus nicht notwendig ist, den so ungemein umständ- 
licheren und aussichtsloseren Weg des Fälschens zu betreten. Ar- 
chäologen, die sich nur kurze Zeit mit Ausgrabungen beschäftigen, 
bringen auf diese Art bekanntermassen sehr bald ein kleines Museum 
zusammen. 

ad b) Nun soll Sponholtz noch einen zweiten Mitwisser und 
Helfer in dem Goldarbeitergehilfen gehabt haben, der dessen Mentor 
im Runenfache war. Man hat aber bei diesem Verleumdungsfeldzuge 
ganz übersehen, dass Maschs Werk dazu bei weitem nicht genügte, 
denn diese Bronzen haben zum Teile wohl die gleichen Buchstaben 
und bieten gleiche oder sehr ähnliche Namen, zum Teile aber auch 
ganz verschiedene Alphabete und bisher unbekannte Texte. Diese 
Behauptung schliessl daher eine aufgelegte Unwahrheit in sich, und 
wurde wohl nur unter der optimistischen Voraussetzung aufgestellt, 
dass daraufhin niemand mehr eine Nachkontrolle üben wird, was 
auch beinahe zugetroffen wäre. 

Da aber schon seinerzeit festgestellt wurde, dass der erwähnte 
Gehilfe weder die Runenschrift kannte noch etwas vom Slavischen, — 
vom Altslavischen ist ja schon gar keine Rede — , verstand, so 
müsste er demnach mehrere Vorlagen gehabt haben. Hiemit kommen 
aber die Fälschungsenthusiasten in ein noch peinlicheres Gedränge : 
woher kamen nun diese Vorlagen?! Und waren auch diese 
gefälscht, so müssen wir zum Schlüsse doch zur echten Vorlage 
kommen, dah9r der Streit in dem Momente endet, als man das 
Vorhandensein einer echten Vorlage zugeben muss. 
Und solche waren einmal bestimmt da, und können nur von jeman- 
dem stammen, der die altslavische Sprache vollkommen beherrschte 
sowie die slavische Runenschrift in allen ihren Varianten kannte. 
Hingegen ist es für unsere Kulturbeweise ganz gleichgültig, ob die 
vorliegenden Bronzen noch Originale oder aber schon Duplikate sind; 
wir können daraus lediglich folgern, dass die Erzeugniszeit 
der Originale umso älter ist, je zahlreicher die Ver- 
vielfältigungen an den Tag treten. 

Was aber auf diese, nach Ablauf von 40 Jahren nach dem 
Funde und 33 Jahre nach dem Tode Sponholtz' geführte Nachfor- 
schung überhaupt zu geben ist, in der nahezu eine ganze Generation 
abstirb!, und die ausschweifendsten Märchenbildungen, vage Vermu- 
tungen und die geschwätzige Fama die Wahrheü leicht überwuchern, 
ersieht man am besten daraus, dass die nüchterne Aussage des bei 
Sponholtz durch sieben Jahre bediensteten archäologischen Gräbers 
Daniel Boye dabei ganz überhört, hingegen alles Sonstige ernst auf- 

Zunkovic : „Slavische Runendenkmäler". 4 



48 



genommen wuide, weil man es eben so haben wollte und brauchte. 
Zum mindesten ist es wahr, dass Sponholtz jahrelang und sehr fleissig 
Nachgrabungen vornahm, da er sich einen eigenen archäologischen 
Gräber hielt; gegraben wurde somit auf jeden Fall, denn sonst hätte 
man Sponholtz auch nicht bei Lebzeiten den Namen „Schatzgräber" 
beigelegt, und dass dabei interessante Funde gemacht worden sein 
müssen, kann man schon daraus folgern, dass eben viele Jahre hin- 
durch fortgegraben wurde. — Nebstbei war es bekannt, dass der 
Herzog Adolf von Mecklenburg die unumschränkte Erlaubnis gegeben, 
Sponholtz dürfe auf den Staats- und Hofdomänen nachgraben, wo es 
ihm beliebt, und wurden ihm sogar die Arbeitskräfte unentgeltlich 




'AT^HTh^ 



■'%'■ 












Karte der Umgebung von PriUwitz. - Maßstab: 1 cm 1 km. 



beigestellt. Die Motive der Verdächtigung bezw. Fälschungserklärung 
beruhen daher, wie bei allen analogen Fällen, entweder auf histori- 
schen Wissensmängeln oder krankhafter Sucht, altslavische Kultur- 
beweise nicht aufkommen zu lassen. 

Nun haben aber die Verleumder noch etwas sehr Wichtiges über- 
sehen ; es gibt nämlich in keiner Gegend Deutschlands so viel Hünen- 
Gräber, wie gerade hier an der Landesgrenze um den Tollense-See. 
Die beigegebene Militärkarte weist in dem verhältnismässig kleinen 
Territorium allein schon vier Lokalitäten als „Hünen-Gräber" auf, 
trotzdem solche Terrainobjekte, da sie militärisch keine besondere 
Bedeutung haben, nur dann aufgenommien werden, wenn sie beson- 



49 



ders auffallen. — Es isl daher durchaus kein Zufall, dass hier so 
lange gegraben und so viel gefunden wurde, und wäre wohl noch 
heute eine Menge Gleiches oder Ähnliches zu finden, wenn man die 
Nachgrabungen rationell fortsetzen würde, was wohl den schlagend- 
sten Beweis bringen müssle, dass es sich hier absolut um keine 
Schwindeleien handle. 

Diese Bronzen, die alle als Beigaben in allen Gräbern gefunden 
wurden, daher hier auch als „Grab-Amulette" gekennzeichnet werden, 
machen den Eindruck eines höheren Alters als die Devotionalien und 
stützen die Schrifttexte mit ihren originellen Sprachformen sowie die 
im allgemeinen weniger kunstvolle Ausführung diese Annahme. 

Als Beispiele, wie die Bronzen dieser Sammlung aussehen, 
werden nachfolgend nur acht derselben dargestellt, umsomehr als 





(Vorderseite.) 



Flg. 1. 



Rückseite.) 



die Zeichnungen Polockis nur einen flüchtigen Charakter haben, so- 
nach nicht in allen Teilen als unbedingt getreu angesehen werden 
können. Diese Objekte könnten daher erst dann einer genauen wis- 
senschaftlichen Behandlung unterzogen werden, bis sie an Ort und 
Stelle studiert oder doch photographisch reproduziert werden können, 
was einstweilen unmöglich ist, weil die dermalige Leitung des Gross- 
herzoglichen Museums in Neustrelitz diese Nachkontrolle der fixen 
und traditionellen Idee wegen, diese Objekte seien gefälscht, verwei- 
gert, d. h. in die Wirklichkeit umgesetzt, der beschämenden wissen- 
schaftlichen Entgleisung in dieser Sache die Mauer macht, denn wäre 

4* 



50 



man überzeugt, dass es Fälschungen sind, so würde es gewiss nie- 
mandem einfallen, einer Überprüfung hinderlich zu sein ; nur die 
Falschmünzer arbeiten bei verschlossenen Läden und stemmen sich 
gegen die Türe, wenn die Polizei Einlass heischt ; eine ehrliche Sache 
verträgt hingegen jede Kontrolle. 

Fig. 1. — Bronzestatuette mit der Inschrift „rjetra" auf der Vor- 
der- und „romavo" und „eljei . . n" auf der Rückseite; zwischen 
dem „i" und „n" scheinen 2—3 Laute durch die Oxidierung ver- 
schwunden zu sein. Der Laut „v" ist hier wesentlich anders als in 





(Vorderseite.) 



Vis. 2, 



(Rückseite.) 



Masch dargestellt, ist aber auch keine Erfindung cjd hoc, denn die- 
selbe Darstellungsweise hat auch ihre Analogien bei den Steinen von 
Mikorzyn, die später besprochen werden. 

Fig. 2. — Bronzestatuette; hat auf der Rückseite die Inschriften: 
„bjelbog, svantevitj, remtra", wobei namentlich das „b" und „v" wie- 
der von jenen des Masch stark differieren. 

Fig. 3. Bronzestatuette mit der bisher noch unbekannten 
Inschrift „balduri". Die Vorderseite zeigt zwei Köpfe, deren unterer 
sich später bei den Urnensteinen in ähnlichen Konturen vorfindet. 



51 




Fig;. 3 a. 




Fig. ^. - Bronzestatuelle 
vorne mit der Insclirift „rag.it", 
rücl^wärls mit „rjetra" und „kare- 
vjit", also zwei Namen, die sonst 
nicht vorkommen. 

Fig. 5. — Bronzestatuelte; 
zeigt auf der Rückseite eine ver- 
zierte und von jener des Masch 
stark abweichende Schrift ; das 
Alphabet scheint jünger zu sein ; 
das Lesen ist unsicher, weil die 
Buchstaben vielfach verzerrt sind 
und nicht in einer Linie liegen. 



Fig. 3 b. 

(Dürfte die Rückseite 

sein.) 





(Vorderseite.) Fig. 4. (Rückseite.) Fig. 5. (Rückseite.) 

Fig. 6. — Bronzeslatuette mit der Inschrift „rjetra" und „voda" 
auf der Vorder-, und „kodebu" auf der Rückseite. 

Fig. 7. — Bronzestatuette mit der Inschrift „tsiba" und „rjetra" 
(„rjeetra"). -- Dass die „Göttin" Ziva sonach eine schöne Mädchen- 



52 



gestaU oder überhaupt ein weibliches Wesen bezeichnen müsste, gehl 
daraus wohl nicht hervor, denn hier zeigt die Figur einen Hundekopf; 





Fig. 6 a. 

dass aber derselbe Fäl- 
scher eine Personifika- 
tion derart variieren wür- 
de, ist geradezu ausge- 
schlossen, sofern er hie- 
mit wirklich die Göttin 
der Liebe oder Ehe dar- 
stellen wollte. 

Fig. 8. — Kleines, 
mondsichelartiges 
Bronzeamuletl. Die Rück- 
seitelrechtejzeigtin sonst 

abweichender Schrift 
einen Text, dessen Le- 
sung unverlässlich ist, 
da man nicht weiss, wo- 
hin der isolierte Buch- 
stabe einzureihen ist ; die 
Vorderseite Hinke) stellt 
jedoch das Profil eines 



Fig. 6 b. 




(Vorderseite.) Fig. 7, 



Rückseite. 



Kopfes mit ehrwürdigem Aussehen dar; die Umschrift „bogotec" oder 



53 

„bogotce" ( Gottvater) klärt aber die beigegebene Figur näher auf. 
Dieser Begriff wird bei den Slaven noch heute als „bog oce" oder 
„bog otec" allgemein gebraucht. Welche Lesung die richtigere ist, das 
ist noch nicht klar, da man in der 
Schlussligatur sowohl das „c" als 
in das „e" eingelegt, wie auch um- 
gekehrt, lesen kann; wie erwähnt, 
sind aber beide Formen zugleich 
noch heute sprachgebräuchiich. — 
Es scheint, dass dieses Stück bezw. 
die Darstellung der obersten Gott- 
heit in dieser Art uralt ist, denn 
nicht nur die christliche, sondern Pi„ 3 

auch die heidnischen Religionen 

stellten den „Gottvater" stets mit einem ernsten und ehrwürdigen 
Gesichte dar, wie z. B. die Griechen den Zeus, die Römer den Jupi- 
ter, die Ägypter den Serapis, die Wenden den Perun u. a. 




c) Die Urnensleine von Mecklenburg. 

(Sammlung Sponholtz.) 

Auf den Dorffiuren von Prillwitz, Neubrandenburg, Berenstorf, 
und Trollenhag (Mecklenburg -Strelitz) fand der Altertumsforscher 
Gideon Sponholtz, der kurz nach dem 3ahre 17% gestorben sein 
muss, verschiedene mit Runen und primitiven Figuren gezeichnete 
Steine. Er nannte sie Famili en steine, in der Meinung, dass die 
Mitglieder einer Familie stets an derselben Stelle beigesetzt wurden, 
wo ihr Runenstein lag. Dies scheint jedoch nicht zuzutreffen, denn 
die Steine lagen entweder auf den Urnen selbst, vermutlich zu dem 
Zwecke, um das Eindringen von Erde zu verhindern, oder aber da- 
neben, wenn die Urne schon zusammengebrochen war. 

Die Steine sind dem Gerolle, wie es um den Tollense-See all- 
gemein vorkommt, entnommen und gehören Urgesleinsgattungen an. 
Der grösste Stein wiegt fast \0 kg, der kleinste nur \ kg. Sie haben 
alle ihre natürliche rohe Gestalt behalten ; nur einige sind an jener 
Stelle geebnet, welche nun die Schrift oder Figur aufweist. 

Die Runenschriften weichen bis auf einen Fall von den rwr- 
malen nicht ab; die Texte sind jedoch, — ausgenommen die Namen 
„Mitra" und „Sieba" — , nur als Initialen oder höchstens Anfangs- 



54 

Silben ausgeführt. Die Figuren sind ausschliesslich in Silhoueltemanier 
dargestellt ; wahrscheinlich war die Härte des Gesteins ein Hindernis 
für ausführlichere Darstellungen. Ansonst stehen diese Inschriften und 
Figuren mit jenen der Bronzefunde im innigen mythologischen Zu- 
sammenhange, da sich hier dieselben Namen (bis auf „Mitra") und 
figürlich auch dieselben Attribute wiederholen ; die sprachliche wie 
religiöse Provenienz ist daher bei allen drei Sammlungen dieselbe 
oder doch eine organisch verwandte. 

Masch, der die Rjetra-Statuetten beschrieb, kannte diesen Fund 
noch nicht, da er eben nach ihm, etwa in der Zeit von 1785—1793 
gemacht wurde. Der erste, welcher diese Steine eingehend beschrieb, 
war Friedrich v. Hagenow,*) dem es auch gelang, da auch diese 
Steine sofort als Fälschungen erklärt wurden, jenen 
archäologischen Gräber Boye ausfindig zu machen, der bei Sponholtz 
durch 7 Oahre in diesem Dienste stand, zu gerichtlichen Aussagen zu 
bringen. Boye hat nun ungefähr 30 3ahre später glaubwürdig die 
natürliche Herkunft dieser Runensteine aufgeklärt und konnte sich 
bei den interessanteren noch erinnern, auf welcher Flur sie gefunden 
wurden. Er erzählte weiter, dass sie am Wasser nächst Prillwitz 10 
Bronzefiguren ausgegraben haben, die wie kleine Vögel (vgl. Fig. 6 
Seile 52) aussahen. Ausserdem wurden sonstige verschieden geformte 
Erzstücke sowie auch etliche alte Münzen in Urnen gefunden ; er 
besass auch selbst einiges hievon, verlor aber bei einem feindlichen 
Überfall (180S— 1807) alle seine Habe und darunter auch diese Alter- 
tümer. Einige Erzstücke, die seinerzeit als wertlos zurückgelassen 
wurden, holte Boye noch und übergab sie Hagenow im Jahre 1826 
als Beweis, dass er wahr gesprochen. Ebenso seien damals kleine 
und grosse Dolche mit Griffen aus feinem Dukatengold sowie auch 
andere Metallgegenstände gefunden worden, wie: Armgeschmeide, 
Ringe, Sporen, mehrere Ochsenfiguren, Tränentöpfe u. ä. 

Herzog Adolf von Mecklenburg, der von der Sammlung wusste, 
erwarb sie später von Sponholtz um eine Jahresrente von 300 Talern 
und 6 Faden Holz. — Es sollen sich auch weit mehr Urnensteine in 
der Sammlung befunden haben, doch gingen später im Museum zu 
Neustrelitz, wo sie frei umherlagen, ja bis heute unbewacht liegen, 
bis auf ik alle verloren. 

Fig. 1 stellt den „Radegast" dar, was nicht nur das typische 
Attribut — die Gans — auf dem Kopfe, sondern auch die beigesetz- 

*) Hagenow F, v., Beschreibung der auf der grossherzoglichen Bibliothek 
zu Neu-Strelitz befindlichen Runensteine usw. — Loitz 1826. 



ten Runen RAD bestätigen. Bei diesem Urnensteine felilt augenscliein- 
licli ein Stück, da die Zeictinung wie die Sctiiiff bis an den Rand gehit. 

Fig. 2. Bei der Mittelfigur ist näher nicht 
erkennbar, was sie darstellen soll, umsomehr 
als die sechs Runenzeichen um dieselbe bis 
auf das R und A nicht verlässlich lesbar sind, 





Fig. 1. 



Fis 2. 



und diese Runenformen sonst nicht vorkommen. 

Fig. 3. Hier findet sich wieder dieselbe Mittelfigur und ober 

derselben eine Tierfigur. Am unteren 
Rande steht wieder „RAD" (Radegast) ; 
oben ist unter einem horizontalen Striche 
ein 5 (oder /und A], in der Mitte ein M, 




Fig. 3. 




und links ein / und N, deren Bedeutung einzeln wie zusammenhän- 
gend unbekannt ist, oder nicht verlässlich gedeutet werden kann. 



56 



Fig. 4 stellt augenscheinlich eine Schlange (oder Fisch?) dar; 
um die Figur sind 4 Buchstaben angebracht, von denen nur A und M 
sicher lesbar sind. Bei diesem Steine ist auch die Rückseite beschrie- 
ben ; um einen Kreis in der 
Mitte, stehen die Buchstaben : 
/?, G,L,A,E(N?) und M, die 
jedoch, wie und wo man sie 
zu lesen beginnt, keinen orien- 
tierenden Text bieten. 

Fi g. 5 trägt die klare In- 
schrift „cirn", deutet also auf 
den „cirnbog". 

Fi g. 6. Die Figur mit ei- 
nem Strahlenkranzkopfe und 
einem Stabe in der linken Hand, 
trägt die Aufschrift „mitra". Der Name ist schon aus anderen Mytho- 
logien bekannt und deutet auf einen hohen Würdenträger oder eine 
besondere Gottheit, denn die „mitra" ist noch heule das Symbol 

hoher kirchlicher Würde. — 
An der Seite hat dieser Stein 
auch noch 2 Zeichnungen und 
den Buchstaben A eingra- 
viert. 




Fi<r. 5. 




Fis. <5. 



Fi"-. 



Fig. 7. — Zwei Gesichtsmasken mit den Buchstaben M, /und A. 

Fig. 8 zeigt eine derbe Figur, welcher der schon bekannte Name 
„Sieba" beigesetzt ist. Sollte dies wirklich Ziva heissen, so ist dies 
ein Rätsel, weshalb der Name nicht entsprechend geschrieben ist. 
Das A am Schlüsse ist auch nicht so dargestellt wie sonst. 



57 



Fig. 9 stellt nur einen Kreis 
umgedretit Z/K\ einschliesst. 



dar, der die Sclirift A/M (oder 




Fig. 10 zeigt dieselbe Aufschirift 
„MM" (oder Z/A\, wie Fig. 9. Die 
Schrift ist an der Sclimalseite des 
Steines angebracht. 




Fig. 9. 

Fig. 11. Hier ist der Stein eben- 
^'S- ^- falls nur an der Schmalseite be- 

schrieben und trägt die deutliche Schrift „BIL". also vermutlich „Bilbog". 
Fig. 12 zeigt ein grosses 
mit 5 Strahlen versehenes /?, und 
überdies die Schrift G(K) und R; 
in der Mitte zwischen 
beiden ist eine Ligatur, 
deren Grundbuchsta- 
ben man gewöhnlich 
als fallest; der hinein- 
gelegte Laut ist /. 

Fig. 13 zeigt wie- 
derein/?; für die übri- 
gen Striche 
fehlt jeder 
Anhalts- 
punkt für 

eine 
Erklärung. 




ff^ 



Fig. 10. 



Fig. \h zeigt zwei gekreuzte Vo- 
gelköpfe ; vermutlich sind es Tauben, 
und gab man dieses Symbol wohl ei- 
nem verstorbenen Liebes- oder jungem 




Fig. 12. 



58 



Ehepaare ins Grab. — Man behauptet allgemein, dass dies Falken- 
oder Sperberköpfe seien, doch ist dies schon deshalb abzuweisen, 





Fig. 13. 



Fig. 14. 



weil der Runenschneider da wohl auch leicht den Typus der Falken- 
schnäbel zum Ausdrucke gebracht hätte, was aber hier nicht zutrifft. 



Betreffs aller dieser drei Sammlungen kann zum Schlüsse die 
sprachgeschichtlich gestützte Vermutung ausgesprochen werden, dass 
die Urnensteine wahrscheinlich die ältesten, die Devotionalien hinge- 
gen als die jüngsten unter diesen Runendenkmälern anzusehen sind. 
Die Handhabe für diese Ansicht bieten namentlich die Namensformen 
mancher Gottheiten, die z. B. bei Masch schon „beibog, cernbog" 
lauten, also schon von der primären Etymologie sichtbar abweichen, 
während sie auf den Runensteinen noch als „bil, cirn" verzeichnet 
sind; „beibog" konnte sonach nur mehr jemand schreiben, der „bei" 
schon für weiss hielt und nicht mehr für hoch („vel, vil"). — 

Noch weniger lässt sich eine konkrete Altersangabe ansetzen, 
denn man weiss nur, wie bereits erwähnt, dass schon zu Thietmars 
Zeit (t 1018) über den Götterkult, die Götzennamen und die altwen- 
dischen Begräbnisgebräuche die Traditionen sehr verworren waren ; 
überdies hingen die Wenden zu jener Zeit nur mehr geheim am 
Heidentume und ist es offenkundig, dass die wendische Sprache da- 
mals auch schon nicht mehr so rein war, wie sie sich hier darbietet. 
Chronologisch approximativ kann man daher kaum viel fehlen, wenn 
man die älteren Funde vor, die jüngeren nach dem Beginne der 
christlichen Zeitrechnung einreiht. 

Desgleichen bildet die Qualität der Grabbeigaben keinerlei Orien- 
tierungsmittel, denn solche waren bei den Reichen wie bei den Armen 



69 

jederzeit verschieden, wobei stets die Vermögensverliältnisse des 
Begrabenen entscheidend sind. Der Reiche erhielt daher z. B. eine 
Radegast -Figur aus Bronze oder gar Gold ins Grab mit, der Arme 
nur einen Stein, der einen derben Umriss oder nur das Monogramm 
desselben Gottes aufwies. Ansonst weichen aber jene vorgeschicht- 
lichen Begräbnisgebräuche doch von den heutigen in nichts ab. Auch 
heute wird dem Verstorbenen ein Bild, ein Kreuz, ein Paternoster, 
eine Devotionalie mitgegeben ; auf dem Sarge werden Kreuze, Engels- 
köpfe, Allegorien angebracht; auf dem Grabe werden Gedenksteine 
mit Figuren aufgestellt, wie jene des Christus, Marias, eines Engels, 
eines Genius, eines Totenkopfes oder überhaupt Darstellungen, die 
der persönlichen Verehrungsrichtung des Toten am nächsten standen. 
Wie aber nun der Serbe, Bulgare seinen Hauspatron verehrt, so war 
es wohl auch hier in Mecklenburg ; der eine verehrte den Radegast, 
der andere den Bilbog, der dritte den Cernbog usw. ; er erhielt daher 
nach dem Tode auch ein dementsprechendes Andenken mit ins Grab. 

Sehr wahrscheinlich ist es auch, dass die alten Gräber der wei- 
teren Umgebung ähnliche Beigaben enthalten, nur sind die Stellen 
noch nicht aufgegraben, oder fehlte aber den Umgräbern die Auf- 
merksamkeit sowie das Verständnis hiefür, wozu eben, wie bei Spon- 
holtz, die Vorbedingung einer gewissen Erfahrung sowie des wissen- 
schaftlichen Interesses gehört. Ein praktischer und ernster Archäologe 
wird diese Funde daher auch nie als Fälschungen erklären, ganz 
abgesehen davon, dass z. B. ähnliche Urnensteine auch in Schweden, 
England usw. gefunden wurden, ohne dass sie bisher jemand als 
verdächtig oder gefälscht angesehen hätte. 

Dass sich aber gerade hier um den Tollense-See und an der 
Landesgrenze von Mecklenburg - Strelitz und Schwerin eine solche 
Menge von altslavischen Gräbern mit derart reichen Beigaben findet, 
kann auch dahin erklärt werden, dass hier aus irgendeinem Grunde 
ein bedeutender Wallfahrts- oder Gnadenort, ja vielleicht oder wahr- 
scheinlich hier eine wichtige, entscheidende Schlacht ausgekämpft 
wurde, daher hier zugleich ein bedeutender Begräbnisplatz war, den 
man auch später bevorzugte. Es herrschen doch ähnliche Verhältnisse 
vielfach noch heute bei den asiatischen Völkern, wenn man schon 
davon absieht, dass es auch in Europa vieler Menschen letzter Wunsch 
ist, an einer besonderen Stelle bestaile! zu werden. Vielleicht bringt 
uns die Geschichtsforschung oder der Zufall eines Tages noch darauf, 
welche tieferen Motive für die Bevorzugung dieses Gebietes für den 
aliwendischen Kultus massgebend waren. Ein ganz besonderes Hei- 
ligtum muss sich aber hier befunden haben, da auch Adam v. Bremen 



60 

„Rhetre" als „sedes ydolatriae", also als den Sitz des Göllerdiensles 
oder der Gölzenanbelung besonders hervorhebt. 

Wie sich aber an Wallfahrls- oder sonst vielfach besuchten Gna- 
denorten oft eine eigene Industrie bildet, welche den Besuchern ge- 
wisse Erinnerungsgegenstände feilbietet, so mag es auch hier mit 
den Grabbeigaben gewesen sein, denn die Bronzeobjekte erforderten, 
nebst der Rohmaterialbeschaffung doch alle einen Künstler im Formen, 
Erzgiessen und Schreiben, ja, selbst der primitivst gezeichnete und 
beschriebene Feldstein, zumeist Granit oder Syenit, kann ohne scharfe 
Stahlwerkzeuge und Kenntnis der Runenschrift zu keiner Devotionalie 
werden. — 

Der logische Beweis, dass diese wendischen Altertümer echt 
sind und nur echt sein können, ist hiemit zweifellos erbracht. Über- 
dies Hesse sich auch der direkte Beweis hiefür leicht herbeiführen, 
wenn man die noch intakten „Hünengräber", die namentlich im 
benachbarten Mecklenburg-Schwerin zum grossen Teile noch nicht 
geöffnet zu sein scheinen, rationell durchforschen würde. — 



Die Wegweiser von Mikorzyn. 

Im Gemeindegebiete von Mikorzyn in Posen wurden in den 
Gahren 1855 und 1856 nachstehend abgebildete zwei Steine ausge- 
graben. Im Einzelnen ist darüber bekannt: 

Der Stein mit der Menschenfigur wurde im Herbste 
1855 auf einem kleinen Hügel des Dominialgrundes von Mikorzyn 
bei einer Grabung gefunden. Er ist 72 cm hoch, 48 cm breit und 8 cm 
stark. Derselbe lag etwa GO cm tief; unter ihm befand sich angeblich 
eine Urne mit Ascheresten und einigen Silber- und Bronzeringen. — 
Eine zweite Schilderung sagt, dass er in der Grenzfurche gefunden 
wurde, was richtiger sein dürfte, da es auch die Aufschrift rechtfer- 
tigt. — Es machten sich nun Runenschriftkundige an die Lösung und 
fanden zunächst, dass es sich hier um den altslavischen Gott des 
Rechtes „Prove" handle, und besage die Inschrift etwa : „prove, sbir, 
kbcl". — Universitätsprofessor Dr. 3oh. Leciejewski legt in seiner 
Schrift „f^iiny i ninicznc pomniki slowianskic" („Die slavischen Runen 
und Runendenkmäler", Lemberg 1906) den Text als „Smir zirctvan 
ledzit" aus, d. i. „Smir liegt da als Opfer." 

Die Bestimmung sowie der Schrifttext sind jedoch wesentlich 
andere. Der Stein diente ursprünglich wohl als Wegweiser, daher 



Hl 



er auch an der Grenze oder Weggabelung gefunden wurde; lag er 
aber auf einer Grabsfelle, so mag an jener SIelle eben auch ein Grab 
gewesen sein, da man seinerzeit doch die Toten mit Vorliebe längs 
der Weglinien begrub. — 

Die Schrift zeigt schon eine Vermengung von wendischen und 
slovakischen Runenformen, und wendet auch einige Ligaturen an; 
sie sagt; „smir priavki alict . '■ ." , d. i. dem Sinne nach: „Wegweiser- 
Richtung Halicz." — 
„Smir" — sonst „smer, 
smjer" ( Richtung) — 
ist im Slavischen all- 
gemein bekannt, dürfte 
aber hier in der Be- 
deutung Wegweiser 
aufzufassen sein, da 
das folgende „pravka" 
wieder Richtung, Di- 
rektion bedeutet.*) 
Die nicht aspirierte 
Form „alic" deutet auf 
Halicz, Galicz, also 
Galizien. Ob „t" zu 
„c" gehört, oder ob 
es eine Abkürzung 
für ein W e g m a s s, 
also ein Zahlwort ist, 
kann ohne Analogien 
nicht näher ausgespro- 
chen werden ; die vier 
Punkte geben anschei- 
nend eine Orientierung 
über die Entfernung 

bis zum Ziele, d. i. Galizien (Krakau) an, und mag dies k Tage- 
reisen bedeuten, was einem täglichen Marsche von 32—35 km entspre- 
chen würde.**) Es kann daher nahezu kein Zweifel mehr darüber 
obwalten, dass es sich hier um einen Wegweiser, eine Strassenhand 

*) In Prag steht z. B. auf jedem Wegweiser der Strassenbahn als erstes 
Schlagwort: »smer«. 

**) Solche Angaben in Punkten sind z. B. in den Alpengegenden, dann in 
Frankreich sehr häufig längs alter Gebirgspfade auf Natursteinblöcken zu fin- 
den, und benennt sie die Wissenschaft fäl schlich als Rinnen-, Schale n-, 
Opfer-, hingegen richtig als Zeichensteine. 




62 



oder um eine Orientierung im allgemeinen handelt, nur war die Ent- 
zifferung bisher dadurch erschwert, dass man die slovakischen Runen, 
deren Denkmäler man gleich vorweg als Fälschungen bezeichnete, 
nicht kannte oder beachtete, sowie dass man die verschiedenen Li- 
gaturen für einfache Laute hielt. 

Der Stein mit der Pferdefigur wurde im Jahre 1856 
gleichfalls an der Gemeindegrenze, etwa 200 Schritte vom erstbeschrie- 
benen entfernt, gefunden. Er ist 62 cm hoch, 5Scm breit und 16 cm 
stark ; das Material ist in beiden Fällen Syenit. — Die Schrift las 

man als : „sbir, voin, bog- 
dan, inawoi s" ; sie be- 
sagt jedoch etwa : „sniir 
bojvaii voin liitvi s". — 
Der Begriff „smir" ist be- 
reits erklärt ; die weite- 
ren zwei Ausdrücke deu- 
ten vielleicht Örtlichkeiten 
an, welche die Kommu- 
nikation berührt ; ,Jutvi" 
ist gleichbedeutend mit 
„Lotwa" , d. i. Litauen, es 
war dies sonach der Weg- 
weiser nachLitauen, denn 
Mikorzyn liegt heute 
knapp an der deutsch- 
russischen Grenze, und 
begann doch dort das 
litauische Gebiet. Das 
vereinzelt stehende „s" 
kann eine Zahlenangabe 
sein, nachdem die Buchstaben einst zugleich bestimmte Zahlenwerte 
hatten. — 

Es wäre erwünscht nachzuforschen, ob sich nicht unter den äl- 
testen urkundlich bekannten Ortsnamen solche befinden, wie sie hier 
genannt sind, da man demnach die nähere Trace der Strasse nach 
Litauen feststellen könnte. 

Wie nicht anders zu erwarten war, wurden auch diese zwei 
Steine gleichfalls als Falsifikate verdächtigt; da sie aber weder der 
vermutliche Mistifikator noch die Wissenschaft bisher glaubwürdig 
deuten konnten, ist jeder weitere Verdacht kurzweg abzuweisen und 
dies umso berechtigter, wenn man weiss, dass Steine mit ähnlichen 




63 



Figuren auch weit entfernt davon, wie in Scliweden und Norwegen, 
gefunden wurden, es sichi daher um keine Unica und noch weniger 
um einen Fälscher handelt, der solche Steine mit verschiedener Schrift 
erzeugte und die Steinbiöcke ungesehen in der Welt zerstreut vergrub, 
nur um etwa die Gelehrten zum besten zu halten. Die Einreihung sol- 
cher Denkmäler unter Fälschungen ist daher nur ein groteskes Zeugnis 
der Ratlosigkeit jener Deuterkreise, die in solchen Dingen alles eher 
sehen wollen, als rein natürliche, im Kulturleben sich immer weiter 
fortspinnende oder wiederholende Vorgänge. 

Zum Vergleiche sei hier ein ähnlicher Stein vorgeführt, der in 
Krogstadt (Schweden) gefunden wurde. Er bildet ein dreiseitiges Prisma, 




Der Wegweiser (?) von Krogstadt (Schweden). 



wovon zwei Seiten beschrieben sind ; der Text ist jedoch einstweilen 
nicht versländlich. Seinem ganzen Äusseren nach war er aber wahr- 
scheinlich auch nur ein Wegweiser (oder Grenzstein) und dürfte die 
nähere Beachtung der Fundslelle vielleicht diese Vermutung bestätigen. 

Der Tonkopf von Pommern. 

In Pommern wurde ein kleiner Tonkopf (jetzt im Museum zu 
Berlin) gefunden, der unten mit einem fünfseitigen Prisma endet; auf 
jeder Prismafläche ist ein Buchstabe eingraviert, überdies ist ein 
Buchslabe |u) auf dem Scheitel. Man weiss nun nicht, wo man zu 

Zunkovic : ,,Slavisclie Runendenkmäler". . «^ 



64 



lesen beginnen soll; fängt man aber bei „g" an und lies! herum, so 
erhall man „glavnu" (oder „glavny"), d. i. : Oberhaupt, Höch- 




ster, Führer oder doch irgendeine hochstehende Person andeutend. 
Die Buchstaben „g, 1, a" sind verkehrt gestellt; das Alphabet weicht 
von dem normalen wendischen nur unwesentlich ab. 



Münzen. 

„B i a t"- und „B i a t e c" - Mü n z e n. 

Es wurde bereits eine grosse Menge von Münzen (z. B. bei 
Bodenbach ein Fund im Werte von 120.000 K) gefunden, die man 
bisher im Deutschen meist als „Regenbogenschüsselchen" bezeichnete, 
da sie einer Sage nach beim Regenbogen herabfallen; die Slaven 
nennen sie „knofliky", was weit berechtigter ist, denn solche Mün- 
zen wurden früher als Westenknöpfe, dann als Schmuck auf Leder- 
taschen („torba"), Zaum- und Sattelzeugen angebracht, und zeigen 
einzelne oft noch auf der Rückseite Lederriemenreste. 

Viele dieser Münzen haben die Aufschrift „biat" oder „biatec" 
in lateinischem Alphabete, bezeichnen sich sonach selbst als Münzen 
oder als das Geschlagene (biti schlagen). Andere hingegen haben 
jedoch keine Aufschrift, wie man bisher behauptete; es scheint aber 
dies nicht zuzutreffen, denn der Verfasser hat selbst eine solche 
Münze zur Besichtigung erhalten, die das Wort „biat" in Runen- 
schrift eingestanzt hat. Es ist daher wahrscheinlich, dass man dies 
bisher nicht beachtet hat, umsomehr als die Schrift durch die Falten- 
bildung in der oberen Muldenfläche entstellt sein kann, daher nicht 



65 



leicht auffält. Sie wurde hier auch illustrativ nicht beigefügt, da sie nicht 
entsprechend hervortritt. - Man schreibt diese Münzen den Kelten 
und „Barbaren" zu. Möglicherweise sind die Münzen mit lateinischer 
Schrift die jüngeren, obgleich sich auch beide Arten zugleich im Um- 
laufe befunden haben konnten, wenn sich die Ansprüche im Verkehre 
darnach stellten. — 

„Rurik" -Münze. 

Ein Goldbrakteat des Münzkabinettes in Kopenhagen trägt die 
Aufschrift „rurik" in wendischen Runen. Der älteste geschichtlich be- 
kannte Herrscher dieses Namens in Russland regierte von 862—879 
n. Chr., doch dürfte die Münze weit älter sein und mit dem historischen 
Namen nichts weiter gemein haben, als dass „rurik, rjurik" einst 
kein Eigen-, sondern nur der Funktionsname des Regenten war. — 
Auffallend sind alle Münzen altrussischer Provenienz dadurch, dass 
sie ein eigenartig stilisiertes Wappenschild zur Schau tragen. Der 
Kopf der Hauptfigur ist immer mit einem breiten, helmartigen Stirn- 
diadem, ähnlich dem altrussischen Frauenschmucke, gekrönt; überdies 
ist eine Pferdefigur entweder in den Kon- 
turen ersichtlich oder doch durch den Pferde- 
kopf angedeutet. Bemerkenswert ist auch 
der meist besonders hervortretende Hals- 
schmuck, russisch „ozerelje" (= stehender 
Kragen) genannt. Es muss dies einst ein 
besonderes äusseres Zeichen der Würde 
bei den Russen gewesen sein, was auch 
die Beigaben des Skelettes bestätigen, die 
im Juli 1913 durch Professor Veselovskij 
im „Soloh"-Kurgan [Südrussland] gefunden 
wurden. Der dort bestattete scythische Car 

hatte einen ausserordentlich kunstvollen und schweren Goldschmuck 
um den Hals. Nebst anderen Attributen der militärischen und sozialen 
Würde befanden sich auch zwei Stallungen mit Reitpferden in dem 
Riesentumulus, ein Beweis, dass das Bild der Münze eine Art Rela- 
tion zu den Hoheitsattributen des Herrschers und den Grabbeigaben 
nach dessen Tode bildete. 




,,Rurik"-Münze. 



„0 ta" -Münze. 

Zwei Goldbrakteate der Universitätssammlungen in Lund [Schwe- 
den] tragen die graphisch minimal von einander abweichende Auf- 
schrift „ota" mit einem der „Rurik"-Münze ähNlichen Wappenschilde. 
Man glaubt es seien dies Prägungen des wendischen Fürsten „Uta", 

5* 



66 




auch „Uda", des Vaters Gottschalks, der um das dahr 1029 n. Chr. 
von den Sachsen erschlagen wurde. Vermutlich ist aber „ota" nichts 
weiter, als die allgemeine Volksbezeichnung für den Herrscher als 

„Vater, Väterchen", wie er 
in Russland noch heute über- 
all gebräuchlich ist. Im Alt- 
slavischen hiess aber „ot" 
der Vater, der Familienälte- 
ste, der militärische Führer 
[z. B. in der Grünberger 
Handschrift], und da sich 
bei allen Slaven in der Be- 
„ota"-Münzen. zoichnung „oce nas" [-Va- 

ter unser, wobei „oce" der Vokativ ist] dieselbe Form wie Aus- 
sprache erhalten hat, ist es möglich, dass man „ota" in der Wirk- 
lichkeit auch als „oca" aussprach, was jedoch ansonst belanglos ist. 

„Otuz"-Münze. 

Ein in Stockholm befindliches Goldbrak- 
teat trägt die Aufschrift „otuz [oder „otuc"|. 
Ist das „u" hier als „y" zu lesen, wie dies 
auch anderswo zutrifft, so bedeutet es even- 
tuell den Sohn des „ot", also „otic". — Das 
Wappenschild ist nahezu dasselbe wie bei den 
„ota"-Brakteaten. — 




,,Otuz"-Münze. 



Die „Beibog" -Münze von Krakau. 

Im Besitze der Familie Friedlein in Krakau befindet sich eine 
Silbermünze, die man gewöhnlich unter dem Namen „die Medaille 
von Krakau" angeführt findet. 

Wie die beigegebenen Illustrationen zeigen, sind die beiden 
Köpfe, die schon zum Teile bis zur Unleserlichkeit abgewetzt sind, 
mit Runeninschriften umgeben. Auf der Figur a) ist links „caston" 
]oder „baston"), rechts ]von rechts nach links und von innen aus 
gelesen] anscheinend „tcakr" zu lesen. „Kasta" bezeichnet Stamm, 
Stand; steht oder stand dort „baston" so kann es als: der An- 
gesehene, das Oberhaupt ausgelegt werden, denn der Russe 
gebraucht noch heute „basij, basistij" für ansehnlich, schön ge- 
schmückt, vortrefflich, und kennt doch der Balkanslave wie 
Osmane den verwandten Begriff „basa" für Feldherr, Führer; 
„dzakr" hingegen dürfte als: Priester, Stammesoberhaupt, 



67 



Herrschjer aufzufassen sein, denn das Grundwort „dzak" kommt 
in der Bedeutung Priester [oder einer tiiemit zusammenhängenden 
Relation] namentlicti in der indischien Mytliologie oft vor; der Gott 
Krisna fülirl den Titel „Dzagarnat", d. i. Herr der Welt, „dzaga" 
lieisst das Sonnenopfer der Braminen, „dzagna" Opfer, „dzagnaman" 
~ Opferpriester usw. — Aber auch die Slaven kennen dieses Grund- 
wort als „djak, zak, dijak, Diakon" in der Bedeutung der Studie- 
rende, im Allrussischen schon als Staatssekretär!; in Igors 




Die „Belbog"-Münze. (Doppelte Originalgrösse.) 

Lied kommt „Gzak" auch als Eigen- oder Funktionsname vor. Die 
Slavizität dieser Aufschrift lässt sich aber erst aus der Aufschrift auf 
der zweiten Seite begründen, denn dort steht „beibog", wobei nur 
das zweite „b" nicht mehr prägnant hervortritt. Die weitere Schrift 
ist bis auf „z, d" und „m" auf der rechten Seite nicht mehr lesbar. 
Es scheint also, dass diese Münze auf der einen Seite die höchste 
Gottheit, auf der anderen Seite den Führer des Volkes darstellte. 

Goldbrakteate mit der Aufschrift „zacg" oder „cagk". 

In nördlichen Gebieten Europas wurden mehrere Brakteate aus 
Gold gefunden, welche ein ähnliches Wappenschild wie das „Rurik"- 
Brakteat tragen, denen aber die Aufschrift „zacg, cagk" oder „zagk" 
beigefügt ist. „Zak, dzak" ist sonach zweifellos ein Hoheitsname, und 
weist hier auf den Prägeherrn, also Herrscher hin. Im Slovaki- 



sehen und Magyarischen bedeutet „caga" — Hirt, Herr, „nadcaga" 
— Ober her r. Die Münze selbst muss demnach „caga" geheissen 
haben, und bestätigt dies auch das „Igor-Lied". Die Schreibweise 
„cg" bietet zugleich einen ergänzenden Beweis, dass die Einwendung 
bei den mecl<lenburgischen Runendenl^mälern, sie seien deshalb ge- 
fälscht, weil dort „belbocg" geschrieben stehe, schon gar nicht mehr 




Goldbrakteate „zacg". 

haltbar ist. Die erste Münze wurde in Schweden, die zweite und 
dritte in Dänemark, die vierte in Norwegen gefunden. Ob sich wei- 
tere Exemplare in Museen, namentlich in russischen, befinden, war 
bisher nicht festzustellen. 

Das Goldbrakteat ,,daiga" oder„daija". 

Das abgebildete Goldbrakteat wurde im 3ahre 1839 in Köslin 
|Pommern| gefunden. Die Aufschrift ,,daija" ist wahrscheinlich als 
,,cajga" auszusprechen. In den Runenalphabeten fehlen uns die Zisch- 
laute; diese müssen in der Aussprache nun selbst moduliert werden, 
denn man sieht dies am klarsten in der Grünber- 
ger Handschrift, wo z. B. der Laut ,,c" zugleich 
auch, je nach dem Worte, in welchem er vorkommt, 
als „c" oder ,,k" auftritt; das ,,s" kann auch als 
,,s" wie ,,z" gebraucht werden u. ä. — Der Münz- 
name „cajga" war aber schon [als ,,sajga"| im 
IX. dahrhunderte in Bayern und Oberösterreich be- 
kannt, und muss die Münze einen verhältnismäs- 
sig hohen Wert besessen haben, denn sie bildet 
in der Raffelstettner Zollordnung vom Oahre 904 
I90G?| die höchste Zolltaxe |für die Einfuhr eines Knechtes oder ei- 
ner Stute|. Naheliegend ist es, dass ein Münzname eine grosse geo- 
graphische Verbreitung findet; dass aber dabei auch der Name selbst 
in Form und Sprache Veränderungen erfährt, ist gleichfalls selbst- 
verständlich, denn ,,cajga" wäre sonach nur die diphtongierte Form 
von ,,caga". 




Das Goldbrakteat 
,,daiga". 



1 



69 



Die Goldbrakteate „voslau". 

Im Museum zu Kopenhagen befinden sich auf einem kunstvoll 
ziselierten Goldsfabe o gleiche Goldbrakteate, die paarweise mit der 
Reversseite aneinandergefügt sind. Das Wappenschild weicht nur zum 
Teile von den bisher bekannten ab. Die Aufschrift ist überall „voslau", 
also „Voslav", was sonach auf einen einstigen Regentennamen deu- 
tet. Der Name ist rein slavisch und zeigt schon auf eine Kontraktion 
von „Vodslav", woraus sich der heutige Vorname „Väcslav", auch 
meist als „Vaclav" geschrieben und ausgesprochen, gebildet haben 
dürfte. — Da es dänische Fürsten dieser Münzenschmuck wurde 




Das Goldbrakteat',, Voslav". 



nämlich in Faxö in Dänemark gefunden — mit slavischen Namen, wie 
z. B. „Vodan" gab, in Dänemark selbst slavische Ortsnamen sehr 
zahlreich sind, ist es wohl naheliegend, dass eine daselbst geprägte 
Münze den slavischen Namen eines Landesfürsten tragen konnte, 
sie kann aber ebensogut auch von anderswo ins Land gekommen 
sein. Geschichtlich belegt ist unseres Wissens ein Regentenname 
„Voslav" in Dänemark nicht; hingegen wird der Name „Vojslav", 
der einem serbischen Gross-Zupan beigelegt war, schon urkundlich 
im VIL Jahrhunderte angeführt. 

Das Goldbrakteal „cun da sc". 

Im Landesmuseum zu Prag befindet sich ein Goldbrakteat, über 
dessen Herkunft bisher nur bekannt ist, dass es in Böhmen gefunden 
wurde. Es trägt die Umschrift „cun dasc" [lies: kun dask], die bisher 
allgemein als „König Tusko" gedeutet wurde, jedoch näher in keiner 
Weise beglaubigt erscheint. Ich halte folgende Lösung für weit glaub- 
würdiger und zutreffender: „cun" steht hier für „cuna" ; das Schluss-a 
ist augenscheinlich durch die Figur im Mittelschilde gedeckt. Die älteste 
bekannte Bezeichnung für eine Münze war aber z. B. in Russland 
„kuna", bezw. „kunic, kunica". |Vergl. die beigegebenen Figuren.] 



70 



Dass dieser Münzlerminus einst gebräuchlich war, ist sonach zwei- 
fellos. Der Begriff „dask" bedeutet aber gleichfalls im Russischen das 




Russische ,,kouna"-Münze. 



Münze ,,kunic' 



Herum wandernde, was logisch mit Geld identifizierbar ist, daher 
die ganze Aufschrift etwa als „Kuna-Münze" oder „Kuna-Geld" sprach- 
lich aufzufassen ist. — Die Schrift ist hier gemischt, d. h. sie besteht 
teils aus Runen, teils aus lateinischen Unzialen, ein Fin- 
gerzeig, dass die Runen in späterer Zeit schon keine 
exzeptionelle Schrift waren. Überdies glaubte man bisher, 
die Münze sei byzantinischen Ursprungs; hiefür spricht 
nichts, dagegen aber die Schrift selbst, denn es würden 
^*^?un'*dIsc't*^''* ^^ w°h' ^^^^ griechische als lateinische Älphabeteinflüsse 
zu merken sein. — Über das Alter kann mit ziemlicher 
Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass diese Münze jünger 
ist als alle die vorangeführten mit reiner Runenschrift. 




Hiemit schliesst — wenigstens vorläufig — die Reihe der Mün- 
zen mit mehrweniger verlässlich gelösten Runeninschriften ab, ob- 
schon es noch an hundert weitere gibt, die ähnliche Schriften tragen, 
deren Deutung aber sprachlich noch zu wenig geklärt ist. Der Um- 
stand, dass die Wappenschilder aller dieser Münzen, die zugleich 
fast durchwegs Goldbrakteate sind, sich ähneln, sowie dass sich die 
Inschriften von den sonstigen wendischen Runen nicht wesentlich 
unterscheiden oder diese gar noch alphabetisch ergänzen, dann dass 
die Texte entschieden slavisch sind, lässt berechtigt folgern, dass sie 
alle von slavischen Regenten stammen, die im Gebiete von Nord- und 
Westrussland, Norddeutschland, Dänemark oder Skandinavien ge- 
herrscht haben. 

Die Zeit selbst zu taxieren ist unmöglich, da uns die Geschichte 
über jene Epoche viel zu wenig Daten bietet: mit einiger Berechtigung 
darf man jedoch annehmen, dass die Prägung der meisten dieser 



71 

Brakleate aus der Zeit der ersten acht Jahrhunderte n. Chr. stammt; 
dass welche davon auch vor den Beginn unserer Zeitrechnung ein- 
zureihen sind, kann aber gleichfalls nicht, da gut möglich, abgewiesen 
werden. Ebenso kann die lange Dauer des Gebrauches desselben 
Wappenschildes hier durchaus nicht dagegen sprechen, denn auch 
die altslavischen „en cekin"-Münzen haben dasselbe Wappenschild 
wie die späteren macedonischen mit griechischer Aufschrift, obschon 
möglicherweise etliche Jahrhunderte dazwischen lagen. Übrigens wie- 
derholt sich doch auch heute dasselbe, denn das Staatswappen bleibt 
auf den Münzen fortgesetzt dasselbe, nur ändert es seine Ausfüh- 
rung je nach der herrschenden Kunst- oder Geschmacksrichtung. 

Weiters ist eine Münze mit der Aufschrift in einer bestimmten 
Sprache auch noch kein positiver Beleg, dass dies zugleich die Staats- 
sprache daselbst war, denn z. B. in Österreich sind die Münzen 
höherer \Ä/erte noch heute durchwegs lateinisch beschrieben, und war 
dies doch seit der Römerzeit in Europa fast allgemeiner Gebrauch. 
Überdies erfreuen -sich bestimmte Münzen besonderer Vorliebe ; so 
kursieren z. B. auf dem Balkan seit langem vorwiegend französische 
Goldmünzen, in der Levante die Maria Theresien-Taler u. ä. — 

Ebenso ist der Fundort selbst kein Regulativ für staatliche Zu- 
erkennung der Provenienz einer Münze, da doch kein Objekt geo- 
graphisch sein Domizil bei unveränderter Wertigkeit so wechselt, wie 
gerade das Geld, und zugleich geht kein Gegenstand von Wert so 
leicht verloren oder gerät so leicht in die Erde, wie das Geld, da es 
eben numerisch der häufigste Wertgegenstand ist. 

Die meisten alten Gold- und Silbermünzen sind mit Ösen der- 
selben Metallgattung versehen, weil sie nach altslavischer [wie orien- 
talischer] Sitte zum Schlüsse meist als Frauenschmuck Verwendung 
fanden, und, auf Schnüre gereiht, am Kopfe, um den Hals oder auf 
der Brust sichtbar als Aussteuer getragen wurden. Die Öse wurde 
aber wieder entfernt, wenn die Notwendigkeit eintrat, die Münze 
erneuert in Kurs zu bringen. 

Dem Verfasser handelte es sich hier auch nicht um das Nach- 
forschen, ob und wo sich etwa noch weitere Exemplare gleicher oder 
ähnlicher Münzen befinden ; dies bleibt nun nach der Erledigung der 
Hauptfragen, d. i. der Lösung der Schrift und Klärung der sprach- 
lichen Zugehörigkeit eine wissenschaftliche Detailarbeit. 



72 



Schmuckobjekle. 



Die Spange von Etelhem |5chweden|. 

Auf einem Felde in der Gemeinde Elelhem auf der Insel Got- 
land wurde im 3ahre 1846 eine schön ziselierte, mehrfach durch- 
brochene Goldspange mit Silberplallierung und farbigem |karminrolem 
und graubraunem] Email »getunden, die sich jetzt im Museum zu 




Stockholm befindet. Die auf der Rückseile angebrachte Runeninschrift 
lautet „ekernavrtal", was entweder als „eker navrtal" | Eker fertig 
ziselierti oder „ekerna vrtal" ] Ekerna ziseliert] zu lesen ist. Das 
erste Wort ist offenkundig ein Eigenname u. zw. wohl der Name 
des Goldschmiedes ; der slavische Ursprung der Erzeugung der Spange 
ist aber zweifellos aus dem Worte ,,vrtal" \ gebohrt] oder „navrtal" 
] angebohrt] zu entnehmen, da doch sonst keine andere Sprache 
diesen Begriff überhaupt und noch dazu in dem hier natürlich ent- 



i 



73 

sprechenden Sinne kennt, denn die Spange ist tatsächlich 14 mal sy- 
metrisch durchbohrt. Das beigegebene Bild zeigt die Rückseite der 
Spange in Originalgrösse; die Vorderseite wurde bereits auf Seite 11 
[um Vs verkleinert] dargestell. 

Es sei hier auch gleich erwähnt, dass man ähnliche Hinweise, 
wie hier, auf den Erzeuger des Schmuckobjektes oder den Inschrift- 
schneider oder Meissler sehr häufig auf dem Objekte selbst verzeich- 
net findet; es war dies sonach eine Art Meister- oder Firmaverewi- 
gung, ähnlich wie auch der Maler, Bildhauer oder Erzgiesser zu 
seinem Namen an irgendeiner Schlußstelle noch sein ,,prinxit, sculpsil" 
oder ,,fecit" am fertigen Werke anbringt. So hat z. B. der Stein von 
Varnum den Vermerk: ,,runoh varitu" j . . . hat die Runen geritzt|; 
auf dem Steine [Grabsteine ?| von Tune steht auf der einen Seite: 
,,vorah to runotc" | Vorah hat dies geritzt|, auf der anderen : ,,vo- 
duride" [ Meisterritzer, Obersteinschneiderl ; die Maeshover Inschrif- 
ten enden mit der Bemerkung: „pisar- [ Schreiber] oder ,,tisar- 
[ Meissler; tesati meisselnj -runar", also: Runenschreiber, Runen- 
meissler u. a. m. 

Die Spange von Freilaubersheim. 

Im Jahre 1873 wurde in einem alten Grabe bei Freilaubersheim 
in Rheinhessen eine Silberspange gefunden, die jetzt im Romanisch- 
Germanischen Museum zu Mainz verwahrt wird. Dieses Objekt ist in 
verschiedener Hinsicht interessant. Vor allem fällt die grosse Form- 
ähnlichkeit dieser Spange mit den zwei gleichen, nur verschieden be- 
schriebenen Silberspangen auf, die im Oahre 1894 im Dorfe Bezenye 
bei Pressburg gefunden wurden. Noch wichtiger ist aber die zwei- 
reihige Runeninschrift auf der Rückseite. Dieselbe lese ich folgend : 

„Bozo vraet riina i 
vlie a vsjaijo." 

Gegen die Spitze zu sind in jeder Zeile noch zwei Striche und 
zwei Kreuze zu sehen ; ob sie nur Verzierungen sind oder aber auch 
welche Bedeutung als Schrift haben, ist zweifelhaft. Obige Schrift 
sagt: Bozo ritzte die Runen, goss ]die Spange] und setzte 
sie ein [die Sicherheitsnadel]. — Diese Lösung ist in bezug auf die 
erste Zeile unbedingt richtig, und hat die Schrift bisher auch niemand 
anders gelesen wie auch als slavisch bezweifelt, denn die Präpo- 
sition „V" in „vraet" ist einmal schon ein positiver Beleg für die 
Slavizität. Im weiteren Texte stören vielleicht einen anderen Leser 
die kurzen Striche, die ich aber als „i" gelesen, da sich diese Form 
auch bei den slovakischen Runen vorfindet. Und zu dieser Annahme 



74 



ist man hier umsomehr berechtigt, als doch auch zwei äusserlich 
gleich aussehende Spangen auf slovakischem Gebiete gefunden wurden. 
„Bozo" ist bei den Südslaven ein ziemlich häufiger Vorname, der 
aber ebenso im Norden vorkam, da er auch geschichtlich erwiesen 
ist. „Bozo" hiess z. B. der Begründer des Königreiches Burgund 
[879— 887| sowie auch der erste Bischof von Merseburg, von dem 
Thietmar ausdrücklich bemerkt, dass er slavisch schrieb [„slavo- 
nica scripserat verba"]. „Bozo" hiess sonach der Verfertiger der 





^/^y 



w*j?ö?s>.'n> 



oßi ' ^. 




Spange. Da nun „vraet runa" früher steht als „vlie", ist anzunehmen, 
dass man unter „vraet runa" modellieren, die Verzierungen 
im Modell eingraben versteht, worauf eben erst die Spange ge- 
gossen und zum Schlüsse mit der Sicherheitsnadel versehen wurde. 
In der Inschrift sind demnach die drei Hauptarbeiten dabei, d. i. das 
Herstellen des Gussmodells, das Giessen und das Anbringen der Be- 
festigungsnadel, womit die Spange erst praktisch verwendbar wird, 
hervorgehoben. Ist die Spange tatsächlich gegossen und nicht ge- 
hämmert, so ist auch „vlie" richtig gelesen. Es ist dies sonach 



76 



wieder der Firmadruck des Erzeugers, analog wie docli auch der 
Glockengiesser oftmals die verschiedenen Phasen seiner Täligkeil in 
einer Inschrift auf der Glocke anbringt. 



ScKiussb«m«rkur\g. Hiemit schliesst die Reihe der gelösten 
wendischen Runendenkmäler ab; es bleiben daher noch einige 
Hunderte übrig, deren Texte weiter unverständlich sind oder doch 
keine seriöse oder genügend überzeugende Deutung zulassen. Sollten 
in der Folge noch verlässliche Lösungen gelingen, so werden sie 
als „Nachträge" erläutert. — In der Tafel I sind noch nicht jene 
Buchstabenformen, die erst in späteren Lösungen auftauchten, auf- 
genommen ; der interessierte Leser möge sie nun, wie sie sich auf 
den Illustrationen präsentieren, in der genannten Tafel selbst ergänzen. 

Nach allem, was bisher geklärt erscheint, waren die nordischen 
Runen sonach nicht die ältesten Schriftzeichen der Germanen allein, 
wie es allgemein heisst, sofern man eben unter „germanisch" zu- 
gleich „deutsch" versteht, sondern überhaupt die allgemeine Schrift 
der wendischen wie nordischen Völker Europas in der vorchrist- 
lichen Zeitepoche. Mit dem Vordringen der lateinischen Sprache in 
den Kultus-, dann diplomatischen und wissenschaftlichen Verkehr in 
das nördliche Europa, verlor die Runenschrift erst allmählich ihre Po- 
sition. Sie muss sich aber trotzdem noch etliche Jahrhunderte nach 
Christi im Gebrauche erhalten haben, denn dies geht aus folgender 
Tatsache hervor. Venantius Fortunatus, Bischof von Poitiers fVl. Jahr- 
hundert], schreibt an einen gewissen Flavius einen Brief, in welchem 
er letzterem ratet, die Antwort in barbarischen Runen zu schrei- 
ben, falls er lateinisch nicht könne oder wolle. Es waren dem- 
nach zu jener Zeit sowohl die Runen wie die lateinische Schrift zu- 
gleich gangbar. Dass aber schon im V. Jahrhunderte die Runen 
durch das lateinische Alphabet im Konkurrenzkampfe standen, er- 
sieht man aus Ulfilas Bibel, denn darin werden nur mehr wenig 
Runen gebraucht, aber unter dem Eindrucke der Runen befand sich 
der Verfasser noch auf jeden Fall. 

Was die Erzählungen betrifft, dass man bei den alten Germanen 
die Runen als Geheimzeichen, dann mit verschiedenen Zeichen ein- 
geritzte Buchenstäbe zu Prophezeiungen, Geisterbeschwörungen und 
Zaubereien verwendete, so gehört dies alles zum allergrössten Teile 
zu den Märchen. Zu lesen waren die Runen freilich schwer, weil es 
ein allgemein gültiges Musteralphabet nicht gab, daher jeder dieselben 



76 

nach Kenntnis, Geschmack und Handfertigkeit anwendete. So kommt 
es eben, dass die Runendenkmäler so schwer zu lesen sind, weil 
weder Form noch Orthographie beachtet wurden, man daher schon 
im Prinzipe als gelehrt galt, falls man eine solche Schrift lesen 
konnte. In der nordischen Mythologie wird daher auch Kostbera, die 
Gattin Högnis, besonders hervorgehoben, weil sie die in Runenschrift 
verfasste Einladung an den Hof Atlis zu entziffern vermochte. 

Eine allgemeine Verwirrung brachten in die Wahrheit über die 
Runen auch die sogenannten Runen- oder Urnensteine [siehe 
Seite 53—581, welche man vielfach als Urnendeckel oder als Packun- 
gen bei Skelettgräbern vorfand, da man die Zeichen darauf stets in 
das Gebiet der Mystik verlegte. Die mecklenburgischen Urnensleine 
zeigen jedoch deutlich, dass es nur Steine waren, auf welche man 
Monogramme bestimmter Gollheiten eingravierte und dann dem Toten 
beigab. Die vielen Hunderte solcher prähistorischen Runensteine 
hatten wohl alle dieselbe Bestimmung, und vergleicht man solche aus 
den verschiedensten Gegenden, so ist eine gewisse Homogenität bei 
allen nicht unschwer festzustellen. 

Die bisherigen sagenhaften Anschauungen über das Wesen und 
den Charakter der wendischen wie nordeuropäischen Runen werden 
daher mit jedem Tage klarer und konkreter, was auch naheliegend 
ist, denn die ganze reale Wirklichkeit von einst muss sich doch bis 
zu einer gewissen Grenze unbedingt in die Gegenwart einspannen 
lassen. 




n 



PQ Staroslovan 

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